Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop und Elise Fröbel in Frankfurt/M v. 15./16.8.1832 (Wartensee)


F. an Johannes Arnold Barop und Elise Fröbel in Frankfurt/M v. 15./16.8.1832 (Wartensee)
(KN 41,7, Brieforiginal 5 B 4° 20 S. Datierungen auf S. 1 u. 10)

Wartensee am 15en Tage des gereiften und reifenden Lebens
Am Feste Mariä Himmelfahrt.
Im August 1832.


Friede! Friede! Friede!
Stiller, hoher Lebensfriede!



Ich grüße Dich Barop,
Und grüße Elisen!


Zwar wirst Du, werdet Ihr schon schwerlich auf der Reise nach
Frankfurt am Main begriffen seyn, wäre mir auch gar nicht
lieb, aber hoffentlich doch und ohne allen Zweifel stehet Dein und
Euer Sinn nun mit Ernste nach diesem <Orte> als Euerm
ersten Reiseziele. Und Ihr habt ganz recht wenn Ihr diesen
Haltpunkt in Eurer jetzigen Lebensreise als einen besonderen
Zielpunkt ins Auge fasset, ich habe Euch schon in meinen zwey
<jüngst> letzteren Briefen darüber geschrieben und diesen Gegen-
stand, diese Überzeugung von mir und die Wichtigkeit dieses Zieles
welches mir im Allgemeinsten und Besondersten immer
bestimmter und klarer entgegen tritt, dieß alles in seiner
Gesammtheit ist es, was mich jetzt schon wieder zu Dir und Euch
führet, damit wenn es möglich ist, wir, angekommen in diesem
LebensreiseZiele nicht nur seine allseitige Wichtigkeit leben-
dig fühlen, klar schauen, sondern derselben mit stiller, besonne-
ner Sicherheit ganz getreu leben.
- Ich beginne an dem heutigen, so ruhigen als klaren, vielseitigen
Festtage Wartensees mit der Mittheilung des Allgemeinen, weil
es die Ungestörtheit fordert, welche der heutige Tag giebt und ich zur
Mittheilung des Besonderen wohl Zeit behalte, dabey auch weniger
ungestört zu seyn brauche. – Zur Sache.
- In meinem jüngsten Briefe sagte ich Dir, daß Frankfurt am Main
rücksichtlich seiner Elemente eine dreyfache, bedeutende Wich-
tigkeit habe: in politischerpädagogischermaterieller Hinsicht./
[1R]
Wir wollen uns etwa um das letzte Wort nicht streiten, ich hoffe
wir verstehen uns, und das ist genug, wir haben auch zum Streit
jetzt gar keine Zeit.
- Aber Frankfurt am Main hat noch eine tiefere allgemeinere
Wichtigkeit als blos die seiner Elemente, und wovon diese
selbst wieder nur ein Theil sind; so wie sich nach der andern
Seite hin die Elemente noch mehrstrahlig wichtig aus ein-
ander theilen als ich im vorigen Briefe, wo der Gedanke
noch ganz neu und unentwickelt in mir lag, that.
Frankfurt am Mayn ist für mich und {mein / meinem}, für uns
und unser Leben, in sofern es aus demselben hervorgegangen
ist, <darinnen> ruht, lebt, und sich durch dasselbe fortentwik-
kelt und ausbildet in drey großen Hauptbeziehungen
und Richtungen wichtig.
Erstlich in sinnbildlicher, symbolis[ch]er Rücksicht (ich
beginne damit; alle Geschichte beginnt mit der dunkeln
Sagen- und Urzeit).
Zweytens, in ächter wahrer Lebens Rücksicht; in Rück-
sicht auf die wirkliche Aufnahme, Weckung, Pflege
Entwicklung und Fortbildung meines Lebens; - was ja
gleich wieder in seinem ersten Keime fest in unser aller
Leben ein[ge]griffen; unser aller Leben gegeben –ja, möchte
ich fast sagen, uns alle zusammen geführt hat; - Du er-
innerst Dich vielleicht der ersten Bücher und Spielsachen,
die ich ohne Brief nach Osterode geschickt habe u.s.w., - Du er-
innerst Dich vielleicht, daß sich die leiseste innerste Seelen-
und Gemüthsanknüpfung an mein Leben, bey dem Gemüthe der
die später mein Weib, meine Gattin und Frau wurde, an einen
Brief
und an Verhältnisse anknüpfte (mit Lehrer Marsch
in Potsdam) die sich in Frankfurt am Main und meinen
Verhältnissen daselbst ihren Grund hatten.*
*Ja der erste Gedanke einer (deutschen) Erziehungsanstalt wurde ja von mir in Frkf. auf der Öde gedacht (Eiche)
Und dieses beydes: Osterode und Berlin sind ja wieder
die Hauptorte; Hauptpunkte aus welchem alles, ja alles
und alles meines und unseres jetzigen gemeinsamen
Lebens hervorgeht. So bilden also Frankfurt am Main, /
[2]
Osterode und Berlin wieder in sich eine große Lebensdrey wel-
che sich nun immer mehr in Lebenstreu, als Lebenstreu für
Lebenstreu, in allen Lebensverhältnissen also zunächst unse-
ren eigenen kund thun soll. –( Wenn ich nun jenes die dunkle
Sagen Zeit nannte, so kann ich dieß als die eigentlich geschicht-
liche Zeit nennen.)
Die dritte Beziehung ist die schon im vorigen Briefe angegebene
und auch hier schon wieder herausgehoben elementare oder
vielmehr Elementen Seite; d.h. Hinsichtlich der Elemen-
te, welche Frankfurt a.M. zur Lösung der vorliegende[n] Lebens-
aufgabe in sich besitzt und eint. –
Diese Elemente habe ich schon in meinem vorigen Brief in
ihrer Dreyfachheit angeschauet und auch in diesem wieder in
ihrer Dreyfachheit hervorgehoben. Das Dritte dieser Element
dieser Dritten Beziehung der Wichtigkeit Frankfurts a Main
zerfällt durch sich selbst wieder in ein Dreyfaches:
das (allgemein) pädagogische, also überhaupt erziehende:
- 1) in das religiöse, 2) in das (besondere) pädagogische und
  3) in das des häuslichen u bürgerlichen Familienlebens.
(: Diese dritte Beziehung in so fern man darüber rücksichtlich seiner
Gründe und seiner Folgen nachdenkt um durch die Ergebnisse
dieses Nachdenkens das Lebenssystem zu klären u.s.w.
(: mit Krause zu reden, den Lebensgliedbau aufzuführen, mit
mir zu reden das Lebganze zu erkennen und dieser Erkennt-
niß getreu zu leben :) kann man die philosophische
nennen :) Aber wie ich schon sagte wir haben jetzt nicht Zeit
die erfassendsten Wörter zu wählen sondern nur die Sache mög-
lichst klar hinzustellen, weil diese dann schon durch sich selbst spricht.
Darum gliedere ich auch so weil schon durch die Stellung
jedes Gliedes, dasselbe seine Bedeutung bekommt und so durch
sich selbst sagt, was ich mit ihm sagen will.
So ist es z. B. in religiöser Hinsicht wieder sehr merkwürdig
daß es nicht allein die drey christlichen Hauptglaubensbekenntnisse
sondern auch wieder Unterabtheilungen oder Sekten davon duldend
in sich trägt; außer dem Christenthum aber noch das Judenthum /
[2R]
Nun kannst Du nach Gefallen weiter theilen, zusammenordnen,
vergleichen, auf- und fortbauen.
Du Barop – (: wenn ich Dich als die Gesammtheit eines großen Le-
bens Ganzen nehme, welches sich an Dich anschloß oder vielleicht
besser welches Dich in sich schloß - /: nur jetzt ja keinen Wort[-]
streit denn die Thatsache wird dadurch nicht anders als sie nun
eben ist :/ - :) So schlossest und klärtest Du Barop in vieler Be-
ziehung eigentlich mein Leben in Berlin, leicht machte sich wenig-
stens manches während Deiner Anwesenheit in Berlin. So klär-
test und schlossest Du eigentlich und durch Dein Leben das meine
dem in Osterode (wir alle wissen was das heißt) auf, wie es
Middendorff so und von dieser Seite nicht konnte; das Leben,
die eigentlich Einzellebensverhältnisse, überhaupt das Äußer[e]
war ihm vielleicht zu fremd dazu.
Jetzt öffne und erschließe nun auch mein Leben und meine Lebens-
Verhältnisse in Frankfurt am Main und die von diesem Orte
(wir reden ja merkwürdig immer nur mit Orten statt und von Orten
statt mit Personen und von Personen z. B. Keilhau** hier heißt Keilhau immer = Deutschland rc – Wartensee pp.)
zu mir auf. Beweise daß Du ein versteinerter Fröbel bist.
Du kennst ja die Talismanische Kraft der Steine z. B. des Kar-
funkels, des Sapphyrs (: und Deine Augen gleichen ja ziemlich
dem ersten wie wohl andere dem letzteren :) – Dein Leben
und Deine Verhältnisse sind auch ganz eigen in Frankfurt a. M.
vorbereitet zu Schwartz – zu Dr Bagge – ganz wesentlich
zu Dr Gärth, und vorallem vergiß nicht oder erinnere Dich
vielmehr wie ich Dich, nun wohl vor mehr als 2 Jahren d. h.
Dein Leben zu mir im V. Holzhausenschen Hause einführte;
merkwürdig genug, ist jener Brief gleichsam um das Leben
recht stetig zu pflegen
und in dieser gepflegten Stetigkeit einst
allen vorzuführen, wieder von hier aus zurück in Deine
Hände gekommen; auch erinnere Dich wie ich Dir, als Du mir zu
einem meiner Geburtstage ein Himmelfahrtsblumen F durch
Christianfriedrich sandtest, als Gegengabe, Worte der Fr. v. Hh
an mich in Beziehung auf die Wahl von Freunden – zurück
schrieb. In einem großen Ganzleben, das werdet Ihr immer mehr sehen ist
nichts Klein. –
[Randnotiz*] Erinnere Dich des Motto beim Echo: “Das schwierigste schwerste Geschäft wird oft dadurch leicht, {daß/wenn} es ein redlicher Mann unternimmt” /
[3]
- Nun, auf Veranlassung des Vversteinerten
Fröbel, grüße den Langethal wenn Du nach Hause, wieder
nach Hause kommst von mir und sage ihm: wenn er nur
wie ich wäre und mein Wesen aus meinem Namen sprach-
lich u.s.w. deutete, aber nicht auf wie im bisherigen Leben
so oft erwähnt worden, so sollte Sprachfrieden zwischen
uns seyn; bis dahin wollten wir uns nun zwar der Sprachan-
sichten halber nicht mehr in den Haaren liegen, aber uns die
Sprache doch noch immer mehr auf ihr[e] Bedeutung ansehen, welche
sie vielleicht unter den Haaren in ihren Knochenschädel liegen hat.*
[Randnotiz] *Auch meinem Bruder, Deinem Vater möchte ich eine solche Sprachaufgabe geben:
“ Wenn er sie durchs Leben löset,
“Würde sich das Leben lösen.” –
Zwar hängt nun freylich von so etwas nicht das Leben eigent-
lich ab und es sind Lebensspiele und auch Spielereyen, aber
ist es nicht schön wenn unsere Kinder in Keilhau nach erworbenen
Kenntnissen mit denselben spielen, z. B. im Zeichnen beym Figu-
ren Legen und Bilderausstechen; in der Erdkunde mit kleinen
Gärten zu zeichnen u.s.w. wie dieß letztere auch einmal in Keilh.
an der Tagesordnung als Spiel war. Auch meine ich fast wenn
Wilhelm einmal eine solche Sprachaufgabe die ich ihm vor einigen
Jahren gab gelöset hätte, er würde Dich jetzt zu seiner Stärkung
mit in das stärkende Schweizerland begleitet und hier allseitige
Stärkung gefunden haben; und zwar aus dem doppelten Grunde
einmal weil Wartensee gar keine Zeit auch nicht einmal zum Übel[-]
befinden läßt, dann aber weil bey der Erziehung Wartensees
oder was gleich ist seiner Kinder, diese wahren Naturkinder
welche noch ganz die Nachtheile aber auch die Vortheile davon
in sich einen, wie Ernst und Liebe Hand in Hand gehen muß - aber nie die Strenge
und was andern oft Hart erschien, in Anwendung zu kommen braucht
auch nicht kommen darf; und also selbst ein reizbarer Zustand
sich hier kräftigen kann. Darum, das scheint wohl gewiß zu
seyn, wenigstens sehr oft greifen Kleinigkeiten aber wegen ihrer
Kleinheit und darum Unscheinbarkeit tiefer und bestimmender
in das Leben ein als die Einwirkung großer hervorstehender und
offen vorliegender Lebensverhältnisse und Erscheinungen so z. B
hat es dem Pestalozzi wenig fast nichts für sein Streben, die Förderung
desselben genutzt daß die Tagessatzung während 6 Wochen eine Commission [1809 nach Iferten]
dahin schickte, ob er gleich davon alles Heil erwartete; uns aber /
[3R]
es wird sich schon noch kund thun - haben ein paar vorüberfliegen-
de sogenannte Demagogen oder wie noch bey weitem kleiner
und unbedeutender man den ersten Grund: Rock – Haar- oder
Turajacke bezeichnen kann – sehr wesentlich durch die Commission
genutzt welche deßhalb nach Keilhau geschickt wurde;
obgleich der letzte Grund davon keinesweges das Bestehen
und Stehenbleiben Keilhaus zur Absicht hatte.
So hat es dem Pestalozzi wenig oder gar nichts d.h. der eigentlichen
Förderung seines Lebenszweckes genutzt daß der Kaiser Alex-
ander ihm in einem eigenhä[ndigen] Cabinetsschreiben versicherte wie
anerkennend er Pestalozzi Streben achte, ihm zu diesem Ende den
Wladimirorden 4er Classe schicken, und daß Pestalozzi nach
seinem eigenen Schreiben an den Kaiser Alexander und Capo-
distria – (:erinnere mich ja daran daß ich Dir sie mittheile diese wich-
tigen Aktenstücke :)- um davon die Gesichertheit seiner Bestrebungen
erwartete – aber uns haben einige Worte, einige die Sache
erfassende Worte eines Mannes in m. Sache – welche mir durch die
zweyte Hand wieder zu kamen – über mein Streben nemlich –
ganz wesentlich genutzt, denn von jenem Augenblick kommt eine
Klarheit des Bewußtseyns und der Darstellungsweise in das Ganze,
welche demselben vorher fremd waren - und daß mich der-
selbe in den Schwimmerorden aufna erster Classe aufnahm,
mich einen guten Schwimmer nannte der gegen den Strom
schwimme; dieß hat gemacht daß ich vom Main, den Rhein
aufwärts nach Wartensee geschwommen bin; Und die
Entwicklung von beyden, zum Heile vieler, ist mit Gottes Hülfe
noch nicht zu Ende; Also! – Ehre dem Kleinen, – Seegen
dem Augenblick. – Freude und Friede dem der beydes zu
achten, zu erfassen, zu einen versteht – diese hohen Güter
nun wünscht {Dir Dein Freund, Dein Oheim / ihr ihr Freund, ihr Oheim} darum dieser
Brief an Dich an Euch, we-
nigsten[s] für Euch.- Und nun zur eigentlichen Fortsetzung
desselben. Wo standen wir den[n] oben? – Ja, dabey, daß in
einen wahrhaft großen Ganzleben nichts Kleines sey!
Ja so ist es so muß es seyn. Führt es die Lebensentwicklung bey Deinem
H[i]erseyn herbey, so werde ich es Dir von dem höchsten Standpunkt der /
[Randnotiz*] Im Vorbeygehen auch eine Sprachaufgabe für Elisen; die Ihr [sc.: ihr] ohne Zweifel zu lösen leicht seyn wird, weil sie solche schon gelöset hat.
[4]
Lebensansicht aus, wie durch mathematisch physikalische Anschauung
klar und einsichtig zu machen, zu beweisen suchen; denn die Thatsache
ist gewiß und beweiset sich eigentlich durch sich selbst; denn
was will man am Ende gegen etwas sagen was ist, was da
ist, was ein beachtender Mensch in der langen Reihe seines
vielverschlungenen Lebens und in dem Leben anderer nach-
weisen kann? – Ja! die Zeit wird gewiß für uns alle kommen
und ich meyne, ich glaube fast sie ist uns schon gekommen, wenn
wir, wie jetzt unser Herz, so nun auch unser Auge öffnen wollen,
wo wir einsehen, alle, als ein einiges, ungestücktes und unzer-
stückeltes Ganze einsehen werden, daß zunächst in mei-
nem Leben keine Stückeley, keine Zerstückelung war, sondern
wie jedes ächte Menschenleben ein einiges Ganze nicht nur war, sondern ist, also -
war, und eben darum war. Nur höchst wenige
Menschen, kein mir bekannter Mensch (: was freylich nicht so gar
viel sagt:) hat es noch in dieser Allseitigkeit in seinem Leben
in dieser Durchgreifen[d]heit beachtet und nachgewiesen der Be-
achtung und Nachweisung werth, ja würdig geachtet, eben
wegen der Beachtung und Mittheilung des Kleinsten und Eigen-
sten durch die es hindurch gehen muß; denn nur im vollendet
Großen bekommt das Kleine Werth: - dort über die Blumen weg
liegt wieder meine(Deine) Uhr und schlägt: - Nimm ein kleines
Stiftchen aus ihr heraus und lege ohne daß ich es weiß was es ist,
es vor mir [sc.: mich] hin; so blase ich es als ein Metallstäubchen hier
vom Papiere und dort: - steht die Uhr.
Und darum nun, weil ich jene ungestückte und unzerstückelte
Ganzheit meines in sich stetigeinigen Leben ich selbst in mei-
nem eigenen Leben nicht erkannte und doch erkennen sollte;
ich mich deßhalb auch auch nicht von andern nicht zerstückeln
mein Leben auch nicht als eine Stückelung behandeln lassen
wollte und sollte, vielmehr aus einem ganz einfachen
Grund weil ich es fühlte, wollte, daß Andere mein Leben in
seiner stetigen Einigkeit in sich, in seiner Ungestückelt- und
Unzerstückeltheit anerkennen sollten, seht darinne den
Grund vielleicht von all meinem all unserm Ungemache
von meinem als unserm Kriege so weit wir zusammen lebten./
[4R]
In einem meiner früheren Briefe habe ich klar ausgesprochen und wirst es wissen
wenn Du anders diese Briefe gelesen hast, wie
und wann ich zuerst zur klaren Erkenntniß und Anschauung des
des in sich Einigen (oder der Einigkeit) meines Lebens kam.*
*Und den deßhalb bleibend in mir lebenden Dank.
Christian
Langethal
möchte zwar mit seinem logischen Cathedermesser,
oder seiner Botanisirlupe das Wort [Einheit] aus meinem Leben aus-
merzen oder ausschneiden, aber es geht nun nicht mehr. Bey dem
Leben eines Mannes finden derley Instrumente ihre Anwend[un]g nicht mehr.
Will ihnen allen auch gern den gemeinen gewöhnlichen Sprachgebrauch
lassen, will mich aber um der besonderen ungewöhnlichen höhern Lebens-
Gabe auch bekennen und darinne nun sehen und - heimisch machen.
Durch mein ganzes Leben hindurch zieht sich das Streben die
Scheidung, die Trennung zwischen Geistigen und Körperlichen
oder wo es zuletzt seine Ziele hat, die Grenze, Scheidung, Tren-
nung zwischen Himmlischen und Irdischen, zwischen dem Himmel
und der Erde aufzuheben, zu vernichten d.h. in ihrem nichtigen
Nichts zu zeigen. Alles, mein ganzes Leben löset sich am Ende
<in diesem Streben> auf; wie es freylich gar viele Seiten giebt
es aufzufassen und darzustellen und wir in unsern Briefen
schon gar manche derselben erwähnt und besonders hervor ge-
hoben haben. Sogar in meiner Erziehungskunst tritt die-
ses an einem Punkte sehr {<gekündigt>/freymüthig} hervor. Und Du erinnerst
Dich wohl, daß in dem Allgem. Anz. der Deutschen, ein viel
über Erziehung – (ob noch weiß ich nicht) – Schreibender es mit
einem ”sogar ein neuerer Erzieher” – hervorhebt.
Seit nun mehr als zwey Jahren ist mein Leben unauf-
haltsam diesem Streben hingegeben. Und mein Leben ist
seit jener Zeit, wie ich ja dieß auch schon, in Briefen von hier aus[-]
gesprochen habe, eine stetig sich klärende Fortentwickelung, stetig
eine klare Fortgestaltung.
Also, lange suchte ich, daß sich Himmlisches und Irdisches sich einigen
möchte; lange suchte ich, daß der Himmel zur Erde hernieder sich senken, die
Erde zum Himmel sich erheben möchte; rufet zurück was ich besonders
metrisch in dieser letzten Zeit niederschrieb. Lange ersehnte ich die
Zeit in der ich sagen könnte: seht das Himmlische sich zu der Erde neigen
seht das Irdische empor zum Himmel steigen! – Ist nun mein Leben /
[5]
wahr, ist es ein wahres Leben, so muß sich nun, so wird sich
dieß von nun an in demselben kund thun, in und aus den Er-
scheinungen desselben [sich] aussprechen.
Nun endlich zur Mittheilung dessen was ich mit dem sinn-
bildlichen (: symbolischen:) von Frankfurt a. M. verstehe und wie
ich es damit meyne. Ich muß hier auf manches Dir schon mehrfach
bekanntes zurück kommen, damit ich Dir das Ganze in der Un-
zerstückeltheit aussprechen kann, wie es ungesucht mir als ein
stetiger Lebensfluß entgegen fließt. Und eigentlich beginnt
ja auch das Ganze mit einem stetigen Regen, welcher mich wie
Du weißt das erstemal nach Frankfurt brachte. Dann erhielt
ich eine Rose, und ich deutete dieß in meines Lebens Muth oder
Übermuth gleich viel wie Du es nennen willst in einem Briefe
an meinen Bruder so: als hieße mich Frankfurth a. Main
willkommen, und ich habe dieß wohl auch später, oft Lebensfroh
auf meine bald darauf erfolgte Anstellung an der Musterschule
gedeutet. Ein zweytes wird Dir noch nicht bekannt seyn. In mei-
nen ersten beginnenden JünglingsJahren und den ersten meines
selbstständigen Handelns, ließ ich mir ein Petschaft stechen. Ich
konnte mich mit dem Stecher nicht verständigen. Es hatte eine
bedeutungslose Zeichnung und gefiel mir nicht. Später verlohr ich
es glaub ich in Nette. Ich konnte nie wieder in den Besitz eines
mir entsprechenden Petschaftes kommen, ob ich doch gleich nicht sogar
selten eines brauchte. In Frankfurt fühlte ich natürlich den Mangel
sehr bald weil ich oft Veranlassung fand meinem dortmals ält-
esten Bruder Christoph zu schreiben. So gieng ich bald nach mei-
ner Ankunft über die Zeil, wo ein Mann deren feil both,
ich weiß die Stelle noch sehe genau es war nächst der Post die
Petschafte waren von der bekannten Art wo in Stahl Buch-
staben u.s.w. eingepreßt war[en] Er hatte noch ein einziges
F über welchem sich oben eine Taube befand; es gefiel
mir, ich kaufte es ohne jedoch weiter viel dabey zu denken
später wurde ich zwar aufmerksamer darauf; das Täubchen
machte mir Freude; Du kennst ja so das Liedchen: Liebe Täubchen
meine Freude; Seit Beendigung des ersten großen Naturkrieges
sind sie {ja/schon} ein Friede kriegsendendes Zeichen, eint die anderen Bedeutungen mehr. /
[5R]
Doch wie gesagt es wahr [sc.: war] dieß eine unbeachtete ich möchte
sagen äußerliche Freude oder vielmehr Gefallen daran
von welchem man sich keine besondere Rechenschaft giebt,
und – ich verlohr mein Petschaft wieder, wann, wo? -
weiß ich nicht, kann seyn im Kriege. Nun trat mir mit
dem Verlust auch die Bedeutung des kleinen Sinnbildes mehr ent-
gegen und der Verlust schmerzte mich leicht. Ich konnte aber
zu keinem andern Petschaft bekommen soviel aber fühlte
ich, das Petschaft, der alte Siegelring des Mannes, müsse auch
ein Ring aus und zu seinem Leben seyn, müsse mit dem
Leben des Mannes in genauer Beziehung stehen, und so wählte
ich später das was jetzt das Petschaft von Keilhau ist und
dafür so sinn- und bedeutungsvoll ist, daß ich nur wünsche,
Keilhau möge seinem Sinne und seiner Bedeutung genügen,
so wie es sinnbildlich auch in der engsten Verbindung mit meinem
ganzen Leben und Streben steht. –
Doch der Tod, welcher nimmt und giebt, brachte mir das Pet-
schaft meines lieben Schwieger Vaters: irre ich nicht enthält
es zwey öhlzweigtragende Täubegen. Ich erkannte oder
fand es da mein Schw. Vater keine Söhne hatte, als nun mir
zugehörig und sahe so meinen früheren Verlust doppelt
ersetzt; seit jener Zeit gab ich dann mein früheres Pet-
schaft an die Anstalt ab, welches sie bewahren möge; denn
mit der Lösung der sinnbildlichen Bedeutung desselben ist
mehrfach ihr bleibendes Bestehen gesichert, ja gegeben.
Später deutete ich die beyden Tauben und ihre vorhin ange-
gebene Bedeutung: Friede im Himmel und Freude auf Erden
Freude im Himmel und Friede auf Erde; auf meinen Namen
auf mein Leben und dessen Namenszug u.s.w. Und nun nach
manchem Jahrzehend trat eigentlich jene erste Taube in
Frankfurt am M. in meinem Leben in seine volle Bedeutung.
Du siehest aber schon d.h. ich sehe es zunächst so: ich sollte schon
dort
in Frankfurt am Main auf mich und mein Leben
dessen Bedeutung und Festhaltung aufmerksam gemacht
werden. Nun siehst Du aber daß einem Jüngling von 23 Jahren
so alt war ich dort, nichts wichtigeres u heilsameres geschehen konnte. /
[6]
Du wirst es wohl, mir hier nach sehen, mir nicht übel nehmen wenn
ich Frankfurt a.M. für mich und mein Leben eine sinnbildliche
Bedeutung und Werth gebe; doch weiter; aber nun wieder zu
etwas bekanntem; ich greife noch einmal weit vorwärts um
Zusammengehöriges zusammenzustellen. Du kennst das erst-
malige Auftreten der Lilie in meinem Leben, d.h. ihr Suchen,
es war in Frankfurt a.M., und was sagt dieß Sinnbild an-
deres als das erste Zurückführen auf und in mich selbst,
Erfassung meiner Selbst: - So bilden diese drey Sinnbilder;
Rose – Taube – Lilie wieder Ein Ganzes in der Bedeutung
mich auf die Erfassung und Festhaltung <->meiner selbst zurück
zu führen. In dieser Bedeutung u Beziehung und Zielpunkt lösen
sich jetzt eine Unsumme; vielleicht alle Erscheinungen meines
Lebens wie alle Radien in der Mitte einer Kugel auf.-
Und Barop, und Elise! dieses erkannt früh erkannt zu haben,
diesen Drey treu nachgelebt zu haben; ich bitte Euch was kann Lebens-
schöner seyn? - Allein wir sind noch nicht zu Ende. Jetzt
kommt aber wieder etwas noch nicht Bekanntes. Frankfurt
a. M. hat zu seinem Wappen einen ich weiß nicht was
für farbigen Adler aber irre ich nicht sehr mit weißem
Schilde auf der Brust worin ein rothes F. [Zeichnung] Ich habe das
Wappen immer gern gehabt und gern gesehen ohne mir jedoch
eigentlich {etwas /mehr} dabey zu denken.*
*als daß es den Anfangsbuchstaben meines Namens enthielte
Ich sage mir jetzt das
darüber; war es nicht Frankfurt a/m was mich gleichsam
mit Adlerskraft und Adler-Muthe meinem Lebensberufe-
und Lebensziele der Menschenerziehung entgegen trug und von welchem ich doch vor mei-
nem Eintritte in Frankfurt a. M. auch
eigentlich noch gar nichts wußte? – Barop ich suche so
etwas gar nicht, es schneyen mir diese Sachen zu; ich hielte
sie sehr gern bey Seite wenn ich sie nicht als Ganzes durch-
leben müßte; aber es deuten und klären sich mir so ganze
Reihen unbestimmter Gefühle, oder eines unbestimmten
dunkeln Gefühles während einer ganzen Reihe von Jahren.
Ich kann nun einmal mein Leben nicht anders machen
es ist so wie es ist – ich muß es nun sehen so nehmen, so tra-
gen, so leben wie es ist; nur nicht in Unklarheit, wenn
[6R]
ich so etwas als Ganzes durchgedacht durchgelebt, ja ihm gleich-
sam sein Recht angethan und es nicht für mich selbst behalten
sondern es zur Prüfung im Leben und fürs Leben mitgetheilt
habe so lösen sich die Dunkelheiten meines Lebens wie dunkle
Wolken in sanften klaren erquicklichen Regen auf, der Lebens
Himmel klart sich dann, die Lebensflur glänzt
von unzähligen perlenden funkelnden Thautropfen neu
erfrischt. *das unbestimmte bekommt bestimmtheit, das Zufällige bekommt Plan.
Es darf Niemand glauben, daß ich in diesen Lebens
Mittheilungen etwas suche, aber ich muß sie mittheilen
weil Lebens-Mittheilung die Mittheilung meines Lebens[-]
mir Aufgabe, Pflicht, Beruf ist; und diese Erscheinungen
ja mit zu dem Innersten meines Lebens gehören, und
ich sie ja auch gar manches liebe Jahr zum Theil unbeachtet in mir getragen
und noch mehr still in mir ohne übereilte
Mittheilung in mir bewahrt habe. Ja seitdem ich die Summe
dieser Lebenserscheinungen (die wörtlich, wie Ihr mir nun wohl
glauben werdet zahllos sind) nun als ein Ganzes mich
zu überschauen, zu ordnen und zu beachten mich bemühe;
seit dieser Zeit löset sich auch, ordnet gestaltet sich mein
Leben, bekommt es seine wahre Bedeutung und nähert sich
der Erreichung seines Lebenszieles. – Nun das ist wahr!
einen sehr tiefen für mich nachweislichen Grund haben alle
diese Lebenserscheinungen, sogar wie ich oben sagte, mathema-
tisch physikalisch. Vielleicht kommen wir während Deines
Hierseyns auf diesen Punkt zurück. Aber dieß sage ich Dir:
mit Absicht und Gewalt läßt es sich nicht herbeyführen.
Warum? liegt in der Sache: es ist ja eben das liebende
Leben. –
Schon im vorigen Gröbsten habe ich Euch geschrieben, daß ich mit
Prüfung aller vor mir offen liegenden liegenden [2x] Lebensrichtungen
meinen Vorsatz nach Frankfurt a M. zu reisen ausführte.
Einmal als ich deßhalb Briefe schrieb und den Namen Frankfurt
in Fr.fr: abkürzte trat mir die Ähnlichkeit dieser Abkür-
zung mit der meines Namens Fr Fr entgegen, so
bekannte ich also Frankfurt Frfr = FrFr, d.i. - meinen Na-
men oder was Eins ist = mir setzen = meinem Leben. Ich sagte /
[7]
mir darüber, freylich in meiner sich sonst schon von so sehr
vielen andern sprechenden Lebensseiten und Erscheinungen recht-
fertigend: Fr - Frankfurt am Main = soll mir eine franke und
freye Furth an meinem (die Thüringer sagen main statt
mein) Lebens Strome geben. Nun diese entgegen schney-
ende Namensdeutung in Beziehung auf mich und mein Leben
hat sich wenigstens bis jetzt noch nicht widersprochen. Ja
ich hoffe sie soll sich noch so klar als wahr bestätigen.
Da nun aber mein und unser aller Leben und Lebens
Strom so innig zusammengeflossen ist, so wirst Du Barop
nun wohl leicht einsehen warum ich so sehr wünsche
daß Frankfurt von Dir und von Euch allen in seinen Er-
scheinungen und Ergebnissen recht ruhig beachtet und ge-
pflegt werden möge.
Dieß nun über die sinnbildliche Bedeutung von Frkf. in
Beziehung auf die dunkle und Urzeit, die Sagenzeit, den
Sagenkreis meiner Lebensverknüpfung mit Frankfurt.
Von der Bedeutung Frfrts in Beziehung auf die innere und
äußere Entwicklung meines Lebens, oder die eigentlich
historische Bedeutung Frfrts für mich brauche ich Dir hier
gar nichts mehr zu sagen Du wirst wenn Du es willst
Dich leicht alles dessen erinnern was ich bey so verschiedenen
Veranlassungen darüber aussprach.
Über die Bedeutung Frkfrts in der dritten Beziehung, der in
Hinsicht auf die verschiedenen Elemente die es in sich heegt und trägt
brauche ich Dir auch nichts mehr zu sagen.
Die vorigen beyden und dieser Brief haben es zur Ge-
nüge mehr und minder angedeutet und <so ist denn> das
Allgemeine was ich über Frfrt in Beziehung auf Deine u
Eure Reise sagen wollte beendet.
Also nun zum Besonderen. Ich komme auf Dr Bagge
zurück. Überzeugt bin ich er meynt es gut u aufrichtig mit mir
und mit Keilhau. Aber er ist schwach. Seine Mitlehrer beson-
ders die gewichtigeren beklagen dieß sehr an ihm. Suche ihm in Dei-
ner Nähe und durch Deine Nähe das Gefühl der Kraft zu verschaffen
und ihm den Wunsch zu wecken daß es ein Bleibendes sey. Er wünscht Keil-/
[7R]
hauer Geist in seiner Schule und unter seinen Lehrern, er hat
mir das auf das bestimmteste und klarste wie mit dem bestimm-
testen und klarsten Plan dafür ausgesprochen. Suche diesen
Wunsch von neuem in ihm zu beleben. Laß Dich nicht ermüden Du
weißt wie lang man Eisen schmieden muß ehe es gar wird.
Mit der Bildung der jetzigen
Schullehrerseminarien
selbst des Denzelschen
in Es[s]lingen woraus
mehrere seiner Elemen-
tarlehrer sind genügt ihm
nicht. Sie ist ihm gar
zu mechanisch sowie
die durch sie gebildeten
Lehrer. Er sprach es mir
ganz klar und bestimmt aus.
Selbst seine Mitlehrer so ganz namentlich
Grosch wünschen unter sich einen andern
Colleg[i]aleren Geist, wenn ich so sagen darf [:] Keilhauer Geist
Grosch dachte mit Sehnsucht an die Zeit wo
er in einem ähnlichen Verbande und Gemein-
leben wie ihr in Keilhau in Nürnberg ge-
lebt hatte.
Diese Frankfurter Schule war eine der ersten
welche zur Zeit der neuern Schulverbesserung
nun wohl vor 30 Jahren gestiftet wurde
sollte eine wahre Musterschule – ein
Muster – einer guten Schule für Deutschland werden.
Ich glaube die Oberlehrer hatten nicht Halt genug in sich; dennoch
steht die Schule ihrem Geist und Rechten und Mitteln nach so ziem-
lich selbstständig in sich. Zwar will ich nun gar nicht von der Schu-
le selbst reden, diese zu einem Muster einer Schule nach in wirk-
lichkeit zu erheben, was für einen und selbst einige Lehrer ein
zu großes Werk seyn mögte, so steht sie doch einmal als solche
dem Namen nach da und es ist schon gut wenn von ihr die Meyn-
ung ausgeht Keilhau oder Wartensee sind oder werden
gute Muster von Erziehungsanstalten; und Bagge sagte
mir daß er in 20 Familien und mehr Erziehungsrath für
ihre Kinder sey. Grosch und Ackermann sagten mir dieß
verhältnißmäßig von sich und beyde nahmen sehr großes
Interesse besonders an Wartensee; dazu kommt daß sie
alle 2 und 3. Freunde von Schnyder sind.
Übrigens will ich Dir doch auch sagen, daß Dr. Bagge ein Schwa-
ger, ein unmittelbarer Schwager vom Staats [Rath] Schmidt in Jena
ist – diesem großen Gegner von mir oder von Keilhau. Er
ist auch in Meiningen bekannt, hat in Eisenach Verwandte
und hat sich voriges Jahr einige Zeit im July [dort] aufgehalten. /
[8]
Nach so vielen Blättern endlich zu dem Punkt welcher die Ver[-]
anlassung zu ihnen war, und um welches Punktes willen sie
eigentlich nur begonnen haben. Es ist dieß die Fr: v. Heyden
und ihr erziehendes Wirken. Ich schrieb Dir zwar schon in dem
letzteren Briefe den Wunsch, die Frau v. Heyden möchte sich ent-
schließen noch einige Mädchen nach Keilhau zu schicken u
dort hatte der Wunsch eine mehr allgemeine Bedeutung und Be-
ziehung. Heut ist nun aber der Wunsch in einer besondern Beziehung
nahe getreten: - die Fr: v. Heyden hat doch alle ihren Mädchen
französisch reden lehren [lassen]. Hier wird nun wie Du weißt Franzö-
sisch besonders auch für Mädchen sehr gesucht und gewünscht es
besonders durch den Gebrauch, die Übung zu lernen. Da kam
mir denn der Gedanke daß so ein oder einige Mädchen aus
der Schule oder der Vorerziehung der Frau v. Heyden recht gut
ihren Platz fänden. Nur müßten es freylich Mädchen seyn,
für deren Sittlichkeit man schon in einem hohen Grad ein-
stehen könnte. Also zwey Gedanken gehen daraus hervor
die in der Fr. v. Heyden zu wecken und zu pflegen wären:
- erstlich in Keilhau Mädchen für den dienenden Beruf er-
ziehen zu lassen die einst wenn sie Lust hätten selbst in
unseren Erziehungsanstalten in Dienst treten könnten, und
so für Wartensee namentlich eine solche [Jungfrau] welche gute An-
lagen zum Französischen habe. – Hätte nun die Fr: v. Hd
jetzt schon ein Mädchen von 13-15 Jahren, vielleicht
nach Umständen auch nur von 11 – 12 Jahren die sitt-
lich brav – im französisch Sprechen ziemlich geübt – und
einige Kenntniß in den weiblichen Arbeiten besitzt
und die Fr: v.Heyden könnte und wollte sie Euch unter
annehmbaren Bedingungen zur weiter[en] Erziehung mit nach
Wartensee geben, so könnte sie hier wohl nützlich seyn
die Mädchen zum französisch Sprechen anzuhalten u
hinzuführen. Übrigens dünkt es mich erreichte die Fr. v.
Heyden einen Doppelzweck gutes zu thun – indem sie den
Erziehungsanstalten so zu gleich auch gute weibliche Dienst[-]
bothen erziehen ließen, außerdem daß die Mädchen
selbst, gut und düchtig [sc.: tüchtig] für Bravheit erzögen würden. -/
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Ich meine kurz und bestimmt so: daß sie die Fr: v. Heyden dafür
Sorge tragen müsse daß ihr einzelnes erziehendes und bilden-
des Unternehmen kein vereinzeltes sey und bleibe, und
daß die Früchte davon nicht in dem Strome des allgemei-
nen äußerlichen Volksleben nicht verschlungen werden [würde]
was besonders aus der Classe aus welcher sie erziehet
u dem Stand für welchen sie erziehet, so sehr leicht geschehen
kann, darum soll sie sich an ein größeres
erziehendes Ganze zu dem sie in sich Zutrauen hat, und
wie sie nun dieß schon durch die Thatsache bewiesen - an
uns anschließen; hier oder dort am besten im Allge-
meinen (: den einzigen oben herausgehobenen Fall viel-
leicht ausgenommen :) – an Keilhau anschließen; dort
mehrere Töchter oder Mädchen erziehen lassen; dafür
aber bezahlen, was recht und billig ist.
1)   so unterstützt sie unsern Zweck und Leben in
      Keilhau, unterstützt mittelbar Keilhau u. uns
2)   so erreicht sie ihren besondern Zweck, der Bildung
      eben dieser bestimmten Mädchen;
3)   macht sie die Früchte ihres Wirkens bleibend, si-
      chert sie möglichst vor Untergang,
4)   fordert sie dadurch den großen Menschenerzieh-
      enden Zweck, da besonders bey aller Erziehung
      im Hause wie in Erziehungsanstalten, die Ein-
      wirkung der untergeordneten dienenden Glieder
      eines solchen Hauses und Kreises so wesentlich be-
      stimmend auf Kinder und Zöglinge ist.
Die Sache ist mir sehr wichtig – wenn man nun wieder be-
denkt daß daraus Handarbeiter Familien hervor
gehen. Deßhalb schreibe ich Dir über diesen Gegenstand
so ausführlich. Die Frau v. Heyden hat aber zur Aus-
führung dieses großen Ganzen die Mittel – wie sonst guten
Willen und reinstes Streben; sie sagte mir selbst, sie
wolle nur das beste aber sie müsse sich dazu glaub ich
getrieben, erzogen, bestimmt fühlen – sie selbst habe keinen
Willen, wolle keinen Willen haben. Sie muß also für Erkennt- /
[9]
niß, Aufnahme und Festhalten eines höheren Willens geschickt
gemacht werden. Solche vereinzelte Streben muß man einem höhe-
ren Ganzen zu einigen versuchen [;] sie fördern unterstützen das
höhere Ganze und sichern sich die Erreichung ihres Zweckes, schützen
sich die Früchte ihres Strebens. Es ist dieß im reinste[n] Sinne und
Geiste des größten MenschenErziehers und seiner Gemeinde.
Wenn nun Jemand schon Zutrauen hat wie die Fr: v. Heyden zu
Keilhau dann gilt besonders: man muß die Gläubigen stärken!
Nun zwar ein von einer ganz anderen Seite aber fast nicht
minder, (wer mag so etwas bestimmen?-) – wichtiger Punkt: - es
ist die von Holzhausensche Familie in seinen [sc.: ihren] verschiedenen Glie-
dern. Auch hier lebt ein gewiß tief begründetes Vertrauen,
spricht sich aber eben in den verschiedenen Gliedern sehr verschie-
den aus; dieß erschwert zwar die Behandlung des Ganzen
allein die Frucht ist dann einst wenn das Ganze ergriffen wer-
den konnte, denn jeder hilft dann weil der andere aus an-
deren Gründen und Ansichten handelt die seine gleichsam, seinen
Glauben, sein Zutrauen gerechtfertiget, suche nur nicht zu
bekriegen, sondern zu beleuchten; nicht zu erfassen, sondern
zu erwärmen. Halte Dich nicht an den Schein des kälteren Zurück-
treten[s] einiger Glieder z.B. des Legationsrathes Adolph. Er eben
hat zur Zeit meines jüngsten Aufenthaltes in Frkfr: im vorigen
Jahre viele Erscheinungen unseres Lebens zu meinem Erstaunen
fest gehalten; ich kann gar nicht anders sagen als der Geist
hat ihn von gar manchen Seiten gefaßt. Er freute sich des
freyen offenen Lebensverkehres – so waren ihm besonders
meine Briefe an Dich sehr lieb, die welche ich Dir nach West-
phalen geschrieben hatte und wovon ich wohl einige bey mir ge-
habt haben muß. Eine Äußerung war mir ganz besonders
auffallend und war mir der tiefest in dem Gemüthe schla-
fenden Gedanken: doch auch ein Glied dieses Lebganzen zu
seyn es ist dieß: Die Frau v. Holzh. hatte oft mit wirklicher
Verwunderung und Bedeutsamkeit die Thatsache hervorgehoben
daß mehrer[e] der Keilhauer Mannesschriften mit der meinen
so große Ähnlichkeit [hätte]– oder was gleich ist [-] sie unter sich so über-
einstimmenden Lebensausdruck [zeigten], daß man eine für die an-/
[9R]
dere setzen könnte. Als darüber gesprochen wurde sahe ich gar
nicht daß dieß auf den Adolph einen Eindruck mache. Ernst
sahe ich ihn lange beachtend an seinem Arbeitstische sitzend
(wir wohnten bekanntlich auf einem Zimmer) – Endlich sagte
er mit starker ernster Stimme. “Meine Handschrift
hat doch wirklich sehr viel Ähnliches mit der Ihrigen”. – Es
wollte mir dortmals gar nicht so scheinen; allein ich [sc.: in] einem
Briefe welchen er später hierher an mich geschrieben hat
ist es mir doch selbst recht auffallend gewesen. Auch
haben die [Hand]Schriften der Ganzen Familie, der Männer,
etwas sehr übereinstimmendes und einen bestimmten Charak-
ter; schon dießes ist wichtig und fordert wenigstens zur
Beachtung auf; die Züge sind im Ganzen etwas getrübt
aber Carl, der Älteste, hat mehr klare scharfe Züge.
Genug Du siehest was in der Seele vorgieng und das ist
genug! – Du erinnerst Dich auch daß dort sogar in welchem
Grade des Ernstes will ich jetzt nicht untersuchen daß
Carl und glaub ich Sophie einige Zeit in Keilhau leben
mochten. – Von Fräulein Caroline, die auch so kalt in
sich gekehrt scheint sagte mir die Mutter, daß ich der einzige
Mann sey dem sie noch freywillig die Hand gereicht habe.
Dieß alles wird einstweilen hinlänglich seyn dieß wiederkehrend
auf die Beachtung und Pflege dieses eigenen Familienlebens und
Familiengeistes welcher etwas sehr Kräftiges in sich hat aber jetzt sehr
getrübt und gedrückt ist. Ja! währen [sc.: wären] solche Familien mit solchem
Bildungsgrade in ihrer Mitte und auch wirklich mit solchem Streben,
mit solcher Erfahrung und auch wirklich nach mehreren Seiten hin
mit solcher moralischen Kraft zu haben! – Soll es denn gar nicht
möglich seyn? – Ich weiß viele, die ganz entgegengesetzte Seite
von Menschen will rein gar nichts von diesem Stande, von den
Familien dieses Standes wissen; allein ich frage mich doch auch: -
Nun was thun dann doch jene Menschen auch um reines, edles
Menschheitsleben zu fördern. Genug! Diese Menschen, wenigstens
in dieser Familie fühlen doch ihr tiefes Niedergedrückt - ja Er-
niedrigt[-] oder vielmehr Ausgeschlossen seyn. Soll man ihnen nicht
wenigstens die Hand reichen zum endlichen Urtheilsspruch über sich selbst? - /

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Am 16en August. Gestern Abend als ich mit dem vorstehenden
Brief bis dahin war wo die blassere Tinte anfängt, also zum größten
Theile zu Ende war, geschahe es mir, wie es mir wohl oft mit
meinen Briefen an Euch – besonders wenn sich in denselben meine
ganz persönlichen Lebensansichten aussprechen – geht: - ich
fragte mich ob es denn auch wirklich der Mühe werth sey Dir
denselben zu schicken, besonders in Beziehung auf das was ich
darinne von den sinnbildlichen Erscheinungen des Leben[s], oder hier
in ganz besonderer Anwendung von dem Sinnbildlichen Frank-
furts sprach; Ich dachte: “nun Du kannst es ja noch immer machen
wie Du willst!” – und legte mich ruhig zu Bette.Wie es nur
dann oft geht: der Geist arbeitet dann mit größerer oder geringe-
rer Anstrengung ununterbrochen fort und sucht hier sich selbst, ich möch-
te sagen, unbekümmert um das physische Leben – dasselbe aber mit
fortreis[s]end – die Klarheit und Wahrheit, die Gewißheit. Alles
was ich Dir geschrieben hatte schien mir klein als ich zu Bette gieng ob ich mir gleich kurz
vorher gesagt hatte es sey damit wie mit den Lichtstrahlen;
der Brennspiegel und das Brennglas sammeln sie auch in
einem zündenden Fokus von größerem Gewicht und Kraft als
das gewöhnliche Feuer. Es wollte mir dieß Bild aber doch nicht
genügen, denn mein Körper war, wie dieß oft geschiehet, von der Gewalt
der Gedanken doch so angegriffen daß er der Geistesthätigkeit nicht
mehr folgen konnte.
Wie war es mir nun aber ganz anders als ich diesen Morgen
neu gestärkt mit frischer Kraft erwachte! – Mit welch einer
umfassenden Allgemeinheit trat mir nun das was ich Dir gestern
in so engen Grenzen und Beziehungen ausgesprochen hatte ent-
gegen! – In welch einem neuen Morgenlichte lag da das Gganze
Leben der Menschen vor mir! Wo erfasse ich aber dieses große
Ganze um es Dir in seinen Theilen, seinem Leben, seinen Glanze
seiner Frische vorzuführen? – Laß es mich versuchen.
Es dünkt mich Barop [ist] doch wohl keinem Zweyfel unterworfen,
es in alten und uralten Zeiten – was auch, wie man
meynt, die Folgezeit immer alles auf einen früheren Einzigen
zurück- und übergetragen haben mag – und geschahen doch von
Einzelnen und Gemeinsamkeiten persönlich größere Thaten /
[10R]
als uns, verhältnißmäßig der erhöhteren Bildungsstufen
und vervollkommneten Mitteln, das neuere und jüngere
Erben des Menschengeschlechtes vorzuführen hat; so wenig-
stens, will es mich bedünken, belehre mich eines Bessern, oder
vielmehr richtigeren wenn Du kannst; die Sache ist wichtig.
– Siehe: wir werden viele wichtige Sachen miteinander zu
besprechen haben im Einzelnen und im Ganzen! – Meine An-
sicht will sich mir bestärken ich mag unter die Heiden: (Römer
und besonders die noch früheren Griechen u.s.w.) oder unter
die Juden oder vielmehr Ebräer blicken. Was war, was
ist davon doch wohl der Grund? –
Das Göttliche, die Gottheit, Gottes Geist umgab die Menschen
dortmals gestalteter und so möchte ich fast sagen:
wahrnehmbarer als uns
[.]
Ich bitte Dich wie sollte dieß aber möglich seyn nach so viel Tau-
send Jahren fortgeschrittener Bildung – Und scheinet die Sonne Homers rc. nicht auch uns [?]- Und doch! – Ich

meyne so:
Die Menschen jener Zeit hatten einen höheren zarteren
Sinn für die Wahrnehmung des Göttlichen für das
Vernehmen der Gottheit
im Leben
in der Gesammtheit dessen was man Leben nennt.
Ihr Sinn war es also der das Göttliche in der Er-
scheinung mehr wahrnahm als wir, ihr zarteres Gemüth.
Genug Natur und Leben war ihnen von der Gottheit von
Gott durchdrungener, erfüllter belebter, als uns. –
Uns dient die göttliche Allgegenwart u.s.w. im Verstand
im Gedächtniß im Begriffe aber dem Leben ist es fremd[.]
Darum klagt Schiller über das entgeistigte Leben und
hat er nicht Recht; darum fordert Lessing die wiederkehren-
den Beweise, Thatbeweise des Geistes und der Kraft.
Mit kurzem Wort: Ich fühle, empfinde, geistig durchströmt
es mich: - was ich die sinnbildliche Ansicht des Lebens
das Sinnbildliche des Lebens nenne, giebt mir das
wieder was den alten und uralten Völkern ihre
Verheißungen, ihre Orakel gab – Denke nach -
Nun genug. Auch etwas mündlich. Grüße Elisen; grüße alle
Freunde; grüße besonders den Schnyder. In Liebe Treue u Dank
Euer FrFr.

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[Randnotiz] Haste Dich mit Deiner Reise nicht, halte Dich vielmehr so lange als nothwendig und möglich ist in Frkfr. auf. Sonst würde ich, vielleicht auch wie zum Ziele gerissen, so soll es nicht mehr seyn; – führe Elisen in Rothschilds Garten.