Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an >Keilhauer Kinder< in Keilhau v. 25./26./27.8.1832 (Wartensee)


F. an >Keilhauer Kinder< in Keilhau v. 25./26./27.8.1832 (Wartensee)
(KN 42,1, Brieforiginal 7 B 4° 28 S., ed. Hoffmann 1952, 125-175)

Wartensee am 25, 26 und 27en Tage im Monat des gereiften und reifenden Lebens / August 1832


Meine theuren Söhne und Töchter.
Meine geliebten Kinder!
Euch den schönsten Gruß inniger Lebenseinigung zuvor.

Wie so sehr lange hat es doch dießmal gedauert, ehe ich wieder schriftliche Worte an Euch besonders
sprach, ehe Ihr meine Söhne und Töchter als meine lieben Kinder einen besondern Brief von mir bekommt;
fast könnte es scheinen als habe ich Eurer Jugendwelt und Eures Jugendlebens dieses bey jedem Einzel-
nen von Euch im besonderen und jene als Ganzes gar nicht mehr gedacht, weil Ihr so sehr lange we-
der im Einzelnen noch im Ganzen besondere Briefe von mir bekommen habt. Und doch ist es, wie die-
ses gar oft bey diesen und anderen äußeren Erscheinungen des Lebens geschiehet, in dem Innern, in dem
eigentlichen Sitz des Lebens, in dem Herzen und Gemüthe ganz anders gewesen: eben weil ich mich so
sehr und viel mit Euch und Euerem Leben im Ganzen und Einzelnen beschäftigte, eben deßhalb habt Ihr un-
verhältnißmäßig so sehr lang auf einen Brief von mir warten müssen, denn meine lieben Kinder, Söhne
und Töchter Ihr werdet aus dem Briefe welchen ich zur schönen Oster- und Auferstehungszeit, der Zuschrift
nach zunächst nur an und für einige von Euch doch einem allgemeineren Zwecke nach an und für Euch
alle nach Maaßgabe Euer Einsicht schrieb - wohl wahrgenommen haben: daß es für den Menschen
in keinem seiner Lebensalter, er sey noch so jung oder schon so alt als er wolle keinesweges genug ist
das Leben erst dann zu beachten und zu betrachten, wenn es gewisse Stufen schon wirklich erreicht hat; daß
es keinesweges genügend ist nur diese nun schon erreichten Lebensstufen nach ihren Forderungen streng zu
erwägen sondern es geht aus jenen Betrachtungen, welche wir in jenen Tagen wenn auch äußerlich getrennt doch
gemeinsam machten, auch die Notwendigkeit hervor: das Leben lange vorher schon prüfend zu beachten,
ehe es zu und auf diese bestimmten Entwicklungsstufen noch gelangt ist, damit man dann das so
sichere als klare Bewußtseyn in sich trage, daß vorher nach dem Grade unserer Einsicht von uns
alles geschehen ist was nöthig war um uns dieser nun neu errungenen Lebensstufe recht zu freu-
en, doppelt zu freuen nicht nur in Beziehung auf das, was sie uns jetzt augenblicklich reicht, sondern
auch in Beziehung auf das was sie uns als Ruhe- und Erholungs-, als Stützpunkt zu Ersteigung, Er-
klimmung einer neuen Lebensentwicklungsstufe wird. Kinder, Söhne und Töchter! könntet Ihr mich
in dem was ich Euch hier sage ganz verstehen und erfassen und es Euch zum leichten Gebrauch in Euerm
Leben Euch aneignen, so würdet Ihr dadurch in den Besitz von Etwas gelangen, welches über ganzes
Leben den höchsten Frieden und die reinsten Freuden zu verbreiten im Stande ist, welche unser Gemüth
nur ahnen kann.
Doch da diese Einsicht für alle Menschen jedes Alters also selbst schon für wahrnehmende, verglei-
chende und denkende Kinder wichtig ist, so ist sie darum auch schon für noch ganz junge Menschen der
eben bezeichneten Entwicklungsstufe leicht zu erreichen; der kleinste Spaziergang z.B. auf die
Berge z.B zum Sonnenuntergang kann es Euch lehren, und so zugleich was ich Euch im Vor-
stehenden sagen will, klar machen. Es ist nun in dem angenommenen Falle wenn Ihr den Berg nun er-
stiegen ha[b]t lang nicht genug Euch entweder zu sagen: ,,die Sonne ist schon unter.” - ,,unser Weg war
umsonst!” oder ,,wie hoch steht noch die Sonne!” - ,,wie klar neigt sie sich erst dem Gesichtskreise!”
,,wie günstig haben wir es getroffen!” – “oder zu sagen: ,,wie Schade, daß wir unsere Liederbücher
nicht bey uns haben!” - oder ,,daß wir das so schöne Lied beym Sonnenuntergang zu singen nicht so
ganz frey in uns tragen!” oder ,,wie schön ist's von diesen letzteren beyden das Gegentheil sich sagen zu
können!” Dieß sich nun zu sagen ist lange noch nicht genug, ja - wie dieß das Leben sattsam beweiset
von wenig wohl gar keinem Nutzen, sondern sich auch zu fragen: - worinn liegt denn von allem diesen
der Grund? - was ist denn z. B. die eigentliche Ursache daß die Sonne ehe wir herauf kamen schon
untergegangen war und so unser Weg vergeblich ist? - Und sich diese Fragen ohne Selbstrechtfertigung zu beantworten. /
[1R]
Es ist hier gar nicht etwa von langen wortreichen Gesprächen mit sich selbst die Rede, sondern von
stillen, leisen, ganz wortlosen aber bestimmten Blicken in sich selbst. Je weniger Worte und je bestimmter u lebendiger, je tiefer empfunden die Herzens- und Gemüthsstimme, desto besser. – Ge-
fühle und Empfindungen sagen uns oft im Nu ganze Reihen von Lebenswahrheiten, und führen ganze Ketten von Lebensbegebenheiten nach Ursachen und Wirkungen uns vor; es ist hier blos
da von die Rede, daß wir unsern beachtenden Blick auf sie wenden, und sie nicht ohne Nutzen
für unser nächstes Leben in uns vorüber gehen lassen sollen.
Dieß Beyspiel kann Euch nun allen klar zeigen was ich Euch oben einsichtig machen wollte; deut-
lich sagt es uns, daß es zu einem Leben wie es unser Gemüthe ahnet und unser Herz ersehnet
noch lange nicht genug ist, das Leben nur erst auf bestimmten schon erstiegenen Lebensstufen
zu beachten, sondern schon weit früher und vorher, ja eher als diese bestimmten Lebensstufen
schon im Keimen, wenigstens früher noch ehe sie im Aufknospen und Aufblühen sind, aber dann wenigstens in klarer und fester Beziehung darauf zu beachten.
Wie ich darum nun Euch, meine Lieben! und jeden Einzelnen von Euch auf irgend einer be-
stimmten Lebensstufe - wie es dortmals mit einer so wichtigen und zugleich bey mehreren von
Euch der Fall war - angekommen sehe - (:und der Mensch ist ja wie ich Euch dieß schon einmal
in einer unserer Betrachtungen zeigte immer auf einer bestimmten Lebensstufe angekommen,
heiße sie Lebensalter, Jahr, Tag, Stunde oder Minute u.s.w.:) - so wünsche ich auch daß Ihr solche
nicht nur mit voller Befriedigung für das Jetzt, sondern auch mit freudigem Blicke nach rück-
und vorwärts betreten möchtet, d.h. ich wünschte, daß Ihr auch alles Vorhergehende und frühere
in sorgfältiger Beachtung zur vollkommensten Erreichung derselben benutzt haben möchtet.
Es ist daher seit längerer Zeit mein sorglichstes Streben gewesen nicht nur für mich und um meinet-,
sondern ganz namentlich auch um Euertwillen und zur Erfüllung meiner Pflicht als Euer, auch
in der Ferne stets treuer und sorgsamer Pflegevater die Forderungen aufzusuchen nach deren
Erfüllung der Mensch jenes hohes Besitztum des Leben wirklich erreicht:
auf jeder Lebensstufe, bey jedem Lebensziel erstlich zur vollen Befriedigung seines Innersten an zu langen
zweitens dort stets freudige Blicke nach vor- und rückwärts zu finden, u.
drittens somit in sich stets der, wenn auch immer noch so langsamen, doch stetig
ununterbrochenen Fortschreitung zur Vollkommenheit, ja endlichen Voll-
endung klar, und nachweislich gewiß zu seyn.
Von je her ist mir nun zwar diese Forderungen und ihre Gesetze aufzulösenfinden und so deren
Erfüllung zu lösen, Lebensaufgabe gewesen, doch ist sie es ganz besonders mit voller Klarheit
und mit bestimmter Anwendung und Rückbeziehung auf Euch und Euer aller Leben in die-
sem Jahre.
In diesem ernsten Lebensstreben nun hat es seinen Grund warum Ihr als Ganzes noch weniger
aber Ihr als einzelne, nun seit länger als einem Halbjahre keine Briefe von mir erhalten habt,
Was nur meinem Geiste und Gemüthe und Leben der Beachtung nahe kam habe ich in Beziehung
auf diese Forderungen und ihre Gesetze, deren Lösung und Erfüllung geprüft, war es die Natur
war es die Geschichte - war es das eigene, war es das Fremdleben - war es das Leben der Ge-
genwart oder der Vergangenheit, war es das Leben des Gemüthes oder der geistigen, denken-
den Natur (und Lebens)beachtung. Das Leben von mehreren Hunderten von Menschen aller Zeiten
und aller Verhältnisse ist so vor meinem prüfenden Blicke vorübergegangen. Für meine je-
tzige Stufe der Klarheit zeigte sich mir nun dieß als allgemeines Ergebniß, als allgemei-
ne Forderung: [4 Zeilen gestrichen]
Erstlich Beachtung alles uns Begegnenden auf dessen inneres Leben und Wesen, dessen Bedeutung
d. i., besonders in Beziehung desselben auf unser inneres Leben und Wesen. /
[2]
Zweytens in Beziehung auf ihren inneren Zusammenhang und gegenseitig gesetzmäßige Wechselwirkung
Drittens in Rücksicht auf ihren ersten Grund, ihren ersten Ausgangs-, ihren steten Beziehungs- und ihren
Steten, endlichen Sammel- und Einigungspunkt.
Weiter: das Festhalten dieses wieder in dreyfacher Richtung:
Erstlich in Beziehung auf das Gemüthe, auf das Fühlen und Empfinden
Zweytens in Beziehung auf den Geist, auf das Denken und Erkennen
Drittens in Beziehung auf das Leben, auf das Handeln und Anwenden, Ausüben.
Alle Lebensbeobachtungen kamen und kommen ferner dahin überein, daß diese eben aufgeführte
Doppeldrey zu einer stetigen freudigen und friedigen Fortentwickelung des Lebens für Vollkommenheit
und endliche Vollendung um so wirksamer sey, als sie sich zu einer Dreymaldrey erhebe; nemlich
Erstlich je früher verhältnißmäßig diese Lebensbeachtungen seyen;
Zweytens, je tiefer und lebendiger, je lebenvoller sie empfunden; und
Drittens, je mehr sie sich an anschaulich lebenvolle Gegenstände, sich nach ihrem inneren Lebens-
gesetze durch eine stetige Reihe hindurch fortentwickelnde Gegenstände anknüpft,
je mehr sie sich also dadurch selbst gleichsam in dem eigenen Leben und für dasselbe be-
festigen und also in demselben festgehalten werden.
Endlich als Erstes und Letztes zugleich, daß alles dieses in dem eigenen und stillen, einigen und
sinnigen Gemüthe, in der eigenen Lebenseinheit wieder, wie seinen Ausgangs- so seinen
Einigungs- - seinen Lösungs-, gleichsam seinen Herz- und Brennpunkt finde -.
Das Leben und die Geschichte hat mir Menschen vorgeführt, welche in ihren vorgeschrittensten
Lebensaltern als höchstes bleibendes Lebensergebniß bekannten: nur in der sinnigen Beachtung
und stetigen Fortentwickelung jener frühesten und früheren einigenden Kindes- und Lebenswahr-
nehmungen, habe nur einzig noch jetzt ihr Mannesleben seinen einzigen Punkt Grund und Halt
wie seinen Lebensbeziehungs-, seinen Herzpunkt[.]
Wenn auch ich nun so die Ergebnisse meines prüfend beachtenden Denkens. mit den Erschei-
nungen meines wirklich gelebten und noch bis jetzt lebenden eigenen Lebens vergleiche, so finde
ich das Bekenntniß jener Männer und Menschen in demselben auf das vollkommenste bestätigt.
Sollte darum aus meinem Leben irgend eine gute Frucht schon hervorgegangen seyn oder noch da-
raus hervorgehen, so hat sie in der frühen und fortgehenden Beachtung der Erscheinung und Ergebnisse
des Lebens auf ihre innere Bedeutung, oder anders ausgedrückt in der augenblicklichen Erfassung und Fest-
haltung des Licht- und Lebenspunktes seinen Grund, welchen die augenblickliche Erscheinung augen-
blicklich im Innern hervorrief.
Also kann der Mensch nach Erfüllung er so eben dargelegten Dreymaldrey [am Rande eingeschoben: Ihr Größeren unter Euch könnet Euch hier des Lebenssinnbildes erinnern, welches Ihr dem kleinsten Wilhelm am Tage seiner Lebensweyhe überreichtet, und der
Worte die Ihr dabey spracht] in Eins zusam-
menfallenden [am Rande eingeschoben: Auch ein früherer Brief an Ludowika findet hier seine besondere Lösung, aber davon mündlich einmal. Doch sind alles dieß Beweise für die Wahrheit des hier Dargelegten], sich einigenden Lebensforderungen, auf jeder seiner errungenen Lebensstufen
(:d. i. also in jedem Augenblicke:) der von jedem Menschen in der Kindheit und Jugend wie im
Alter ersehnten und ahnenden, oben ausgesprochenen, wichtigen großen in sich einigen Lebensdrey
gewiß seyn: nemlich der vollen Befriedigung in jeder Gegenwart, der stets freudigen Blicke von
danach rück- und vorwärts und der zweifellosen Gewißheit der stetigen Fortschrei-
tung zur Vollkommenheit.
Durch dieses nun, in der Beachtung und Erfüllung dieses von Euch nun, ist mir nun so für Euch meine
geliebten Kinder und theuern Söhne und Töchter das geworden, was auch ich für Euch so lange
schon zu finden ersehnete und ahnete; und darum säume ich nun nicht länger mit dieser Gabe als
treuer Vater freudig und friedig wenn auch nur schriftlich zu Euch zu kommen.
Mag nun auch immer für mehrere und besonders für die jüngeren und jüngsten unter Euch
meine geliebten Kinder und lieben Söhne und Töchter, das hier mit dem denkenden Worte, mit
dem Worte des Gedankens Ausgesprochene noch etwas, ja vielleicht auch ganz unverständ-
lich seyn, so hoffe ich doch mit freudiger Zuversicht, daß Ihr die Sache selbst um die es sich als eine
so Wichtige hier handelt aus den Euch nun vorzuführenden Lebensthatsachen selbst hinlänglich
klar verstehen, wenigstens lebendig im Leben und für Euer Leben erfassen werdet, wenn /
[2R]
Euch jüngeren Eure lieben Freunde und Lehrer dabey nur etwas klärend und nähernd
zu Hülfe kommen; denn es ist das wirkliche Leben selbst, und die Lebensgeschichte einzelner
Menschen beweiset, daß schon Kinder im 3en, 4en Jahre das in Gestalt und That gelegene
Leben als sich ihnen daraus aussprechend erkannten, in sich aufnahmen für ihr Leben festhielten
und nach späterer tieferer und klarerer Einsicht recht eigentlich der Grund und Eckstein ihres
ganzen Lebens, oder wenn es Euch wegen der lebendigen Fortentwicklung mit Recht
wohl lieber ist, der Herzpunkt ihres Lebens wurde.
Das zufällig ergriffene Bild eines Spatzierganges, gleichsam einer kleinen Reise, war es
an welchem wir uns gegenseitig das LebensWichtige der vorstehenden Mittheilungen klar und ein-
sichtig machen wollten, und ich hoffe klar und einsichtig machten, deßhalb hat man es immer
für lehrreich gehalten das Leben mit einer Reise zu vergleichen, es immer für wichtig
geachtet, das Leben im Spiegel einer Reise zu schauen. Deßhalb will denn auch ich nun
Euch im folgenden einen reisenden Tag meines reisenden Lebens vor-
führen; möchtet Ihr die vorstehend ausgesprochenen Lebenswahrheiten
darin gestaltet im Spiegel des Lebens schauen. [6 Zeilen gestrichen]
- . -
Es war am Vorabende vor Peter und Paul, einem Festtage im hiesi-
gen Kanton Abends gegen 6-7 Uhr, als ich von unserm Schlößchen
gegen den See herab gewandelt war um die Sonne hinter den fernen blauen Juraber-
gen und hinter dem besonderen Theile desselben, dem Hauenstein hinabsteigen und zu-
gleich
im klaren Wiederspiegel des hellen Sees in ihren, in tausendfach hüpfende Gold-
flimmern gebrochene Strahlen verschwinden zu sehen; denn so hatte es mir der sinkende
Tag versprochen, und so war es geschehen. - Ruhig war der See - heiter der Himmel, - klar die
scheidende Sonne - still die laue Luft - frisch und farbig die ganze Gegend und auf welcher jene
wie ein Schmetterling auf duftiger Blume, leis sie berührend, leise ruhte; und so war auch mein
geöffnetes Gemüthe um dieses Leben ungestört in sich aufzunehmen, um es so auf einer
menschlich höheren Lebensstufe im Geisteseinklang mit allen Lieben (darum auch mit Euch)
in sich wieder zu leben, ich dachte nur des augenblicklich schönen Abends, wie ich ihn nur
empfand und lebte. - Ferdinand, welcher wegen Beendigung einer Arbeit glaub ich, etwas
länger zu Haus geblieben war, mit dem ich nun nach gänzlich verhalltem, verweheten Schei-
degruß der Sonne bald auf dem allgemeinen Fußpfad wieder zusammen traf, und in
welchem jeder schöne Tag auch seine Wanderlust auf die Berge hervorrief - war aber kaum
zu mir getreten, als er mir auch schon aussprach: - er werde morgen (:es war, wie
ich schon erwähnte, hier ein Festtag:) seine längst gewünschte Reise nach dem Pilatus
antreten, denn der morgende Tag setz[t]e er hinzu, werde gewiß alles zu wünschende dazu ge-
währen. - Mein Sinn hatte dagegen schon längst, bey dem ersten klaren Morgen, wie ihn
mir der heutige Abend für den kommenden Tag mit Sicherheit versprach, nach einer Anhöhe
jenseits des Sempacher Sees gestanden, von wo aus man die ganze Alpenkette
von den Appenzeller bis zu den Berner Alpen fast ununterbrochen überschauen kann.
(:Wir haben Euch wohl schon einigemal davon geschrieben, es ist die Anhöhe über Holdern
fast im Norden von Wartensee, dicht jenseits der Landstraße von Münster nach Sursee und
fast in der Mitte derselben, einmal werdet Ihr eine Ansicht davon welche Ferdinand in Arbeit
hat, bekommen.:) - Überdieß fühlte ich mich von den mehrfach geistigen Arbeiten in mir so ganz
durchmüdet, daß ich mir nicht recht getrauete den Weg, besonders in so kurzer Zeit, es war
nur der morgende Tag dazu frey und doch ein Doppelweg von wohl mehr als 9 Stunden – mit zu
machen, und da ich so durch gar nichts dem Ferdinand in der Ausführung seines Entschlusses hinder-
lich seyn wollte, so fragte ich ihn blos wann er zu gehen gedächte? - ,,Am besten wohl schon Nachts 3 Uhr”,
sagte er. - Doch der Gedanke daß für wenige in engem Kreise zusammenlebende Menschen
nichts unangenehmer ist, und das Leben selbst zertheilender als in gleicher Zeit zu /
[3]
verschiedenartige Lebenserfahrungen haben, oder wenigstens die möglichen äußeren Lebensbe-
gegnisse, von welchem unter dem vorstehenden Worte hier nur die Rede seyn kann, nicht zu thei-
len, so entschloß ich mich bald in mir die Reise mitzumachen ohne jedoch diesen Entschluß aus-
zusprechen und schickte mich darum äußerlich gleichsam nur zu meinem weiteren Spatziergang
an. Doch kehrte ich alles so vor und bereitete ich alles so um zu rechter Zeit, wenn ich sonst noch am
Morgen mich dazu geeignet fühle, zur Abreise mit Ferdinand fertig zu seyn.
Und so stiegen wir beyde am 29en Juni Morgens 2 ½ Uhr unsern Schloßhügel herab und
dem Pilatusberge zu. - Eine frische Morgenluft wehete uns entgegen, eine duftende Flur
umgab uns, eine duftige Gegend lag vor uns, ein klarer Himmel war über uns ausgespannt.
Schon begann derselbe in Nordost sich etwas zu erhellen, doch Venus als Morgenstern und
Mars leuchteten noch strahlend vom südöstlichen Himmel herab.
Wir gingen zuerst einen Weg welchen wir wohl schon gar manches Duzzendmal gezogen
sind, den Weg nach Neuenkirch, also einen bekannten, fast alltäglichen, und wie es dann gewöhn-
lich geht, wenig mehr reichenden, wenig mehr sagenden. Doch wie war in der noch alles leis ver-
schleyernden sanften Morgendämmerung jetzt alles ganz anders, wie lebensvoll! wie in sei-
nen Zusammenstellungen neu und reizend; alles war das Alte längst Bekannte, und doch wie
hatte der frische junge Morgen und vor allem das frische junge Reisegefühl durch das ganze sich
als Eins fühlende Leben, allen umgebenden immer kommend und gehend vorüberziehenden ei-
nen erhöheten Werth gegeben! –
So ist es immer Ihr lieben Kinder, geliebten Söhne und Töchter! im Leben, der innere Zustand un-
seres Gemüthes, die Stimmung unseres Geistes ist es einzig welche den äußeren Erscheinungen des Lebens
ihren Werth oder Unwerth für uns, gleichsam die Grundfarbe, den Grundton und so ihren Lebens-
ausdruck giebt. Würden wir uns darum, werdet Ihr Euch deßhalb meine Lieben! Euer stets frisches
jugendliches, Euer stets offenes heiteres Gemüthe bewahren, so werdet Ihr Euch auch lange und immer
von neuem wiederkehrend einer stets frischen, jugendlichen, einer stets offenen und heiteren
Lebensansicht erfreuen. Ja der im Alter vorgeschrittene Mensch welchen die sogenannten Lebenser-
fahrungen das heißt die so oft im Leben wiederkehrenden äußeren Lebenserscheinungen das Leben
alt und alltäglich machen - wie solche Stimmungen wohl ganz jungen Menschen selbst von
Euerm Alter eben aus Unkunde und Nichtbeachtung des inneren Lebens kommen können -
sollte sich bemühen das Leben öfterer von neuen Seiten unter neuen Verhältnissen, besonders mit
frisch gestärktem Geiste und erneuetem Gemüthe anzuschauen. Und - hat der Mensch dazu
nicht täglich Veranlassung? - Ist nicht mit jedem Morgen das Leben ein Neues? - Kinder!
wie reich ist der Mensch und weiß es nicht, und darum wie so arm. So geht es aber Ihr Lieben
merket es Euch allen äußerlich Reichen welche nicht auch innerlich und in sich reich sind, sie
bleiben arm wie sie arm sind, und umgekehrt - beachtet Euch das gewichtige wahre Wort:
wird der äußerlich Arme durch inneren Reichtum auch äußerlich reich! –
Unter diesen und ähnlichen Gefühlen und Gedanken kam ich nun auch, auf den wenigstens für
mich neuen Reiseweg - (Ferdinand war diesen Weg bei einem früheren Ausflug schon einmal
gegangen). - Wie duftete da das Getreide so kräftig hinter den dunkellaubigen Haselhecken
hervor und entgegen; wie schön beschatteten, nachdem die Sonne heute so klar wiedergekehrt
als sie gestern geschieden, und als unserer Wechselgrüße Vertraute bewillkommnet war,
die grünen dichten Bäume den Weg und fröhlich wie er betreten war, wurde er fröhlich
durchschritten. Betreten wir, betretet Ihr nun liebe Kinder nicht mit jedem Schritte, in jeder
Stunde einen neuen Lebensweg ist nicht jede Stunde eine neue, neuaufgehende Sonne Eures Lebens
und bringt Euch neue Lebenserscheinungen: lichtende und schattende, bald
lichtende - bald schattende- Laßt uns darum Geliebte! jeden neu kommenden Lebens- wie einen neu kom-
menden Reiseweg frisch und fröhlich betreten, frisch und fröhlich durchschreiten! –
Unser Weg führte uns an einer Stelle vorbey, wo, wie das in hiesiger Gegend überhaupt
öfterer der Fall ist, aus lockerer Ackererde ein ungeheurer Felsblock, es war der schönste weiße /
[3R]
Granit - hervorgefördert worden d. h. von der umgebenden Erde entblöset und dann mit Hülfe
des Pulvers zersprengt worden war. Die Berge von welchen diese gewaltigen Trümmer
wer mag genau bestimmen auf welche Weise hierher geführt seyn mögen liegen wohl
mehrere Tagereisen weit von hier entfernt, denn die nächsten Berge wie z. B. der Pilatus
geben [sc.: gegen] Nagelflue.
Diese Urgebirgstrümmer wie wir sie nennen, machen immer, wo ich sie auch nur
erblicken mag, nahe an den Ufern der Elbe, an der Küste der Ostsee oder hier in den
Thälern des Flötzlandes der Vorberge einen eigenen wehmüthig sehnsüchtigen Ein-
druck auf mich, daß ich mich oft kaum von ihnen trennen kann, ohne wenigstens ein Stückchen
von ihnen mitzunehmen; so auch in diesem Augenblick wieder. Der Grund dieser Erscheinung
dünkt mich sehr einfach: der Mensch fühlt tief, daß er seinem innersten Wesen nach nicht
erst von gestern her ist, gleiches fühlt er nun diesen Steinen an und so meynt er immer er
müsse Kunde von ihnen und durch sie erhalten von einer und aus einer Zeit von welcher
mindestens die jetzige in ihren Erscheinungen eine Folge ist. Doch der Stein ist todt, ist mindestens
starr, stumm, aber es ist immer man müsse, wenn man nur Ausdauer genug habe und
Ruhe, endlich seine Sprache verstehen und mit ihm reden können. Schon die merkwürdige Er-
scheinung seiner immer innig geeinten Dreyfachheit führt dahin, wodurch der starre Granit
in seinen drey Bestandtheilen Feldspath, Quarz und Glimmer eine gewisse Ähnlichkeit mit
der lebendigen Sprache in ihren drey Grundbestandtheilen Töne, Laute Schlüsse bekommt.
Es ist darum immer als müsse man die Sprache seiner Form und seiner Gestalt - seines Stoffes
und Zusammenhaltes - seiner Farbe und seines Glanzes verstehen lernen. Nur entgegen-
gesetzt Gleichartiges zieht sich an, es geht daraus hervor in dem festgestaltigen Stein müssen
auch für den gebildetsten Menschen noch wichtige Lebenswahrheiten verborgen liegen.
Der Mensch soll darum jenes fast unerklärliche anziehende Gefühl - denn irre ich nicht sehr so haben
wahre Menschen zu dem Granitgestein eine besondere Vorliebe, Ihr selbst
könnt es ja in Euch entscheiden - durch ruhiges Eindringen mindestens in Form und Gestalt
zu klären sich bemühen, wenn ja überdieß, wie uns dieser erwachende neue frische Morgen
lehrte, - das erwachende, neue, frische Leben so anziehend und stärkend, selbst wieder verjüng-
end ist. Hier ist gewiß - (:in Betrachtung der Form und Gestalt:) - erwachendes, neues frisches
Leben zu finden d.h. schlummerndes Leben durch Ausdauer erwachend zu machen.
Gar manches Mährchen von Steinen, Versteinerungen und in sie eingeschlossenen,
in ihnen ruhig schlummernden, schlafenden Geistern bekommt hierdurch einen bestimmten
Sinn eine lehrreiche Bedeutung. –
Doch wir hätten dießmal nicht lange Zeit gehabt uns davon zu unterhalten, denn jen-
seits Hellbühl fesselt schon wieder etwas neues unsere Aufmerksamkeit: Eine
Mühle ist es tief in eine Schlucht, hier Dopplisch genannt, gebaut, so tief daß nicht
einmal der First des Hauses über den Rand der beyden Wände oder Seiten des Dopplisch
hervorragt, in eine so enge Schlucht, daß beynahe die beiden Längswände des Hauses
zu beyden Seiten der Schlucht anstoßen, und so umgeben auf dem Rande der Höhle, wie
wir etwa sagen würden, daß schwerlich während des Jahres ein Sonnenstrahl das Haus
treffen, noch weniger je in eine Stube oder Kammer dieses Grabes für Lebende wird
fallen können - Wo gäbe es aber auch etwas im Bereiche der Natur, welches dem Menschen
nicht dienen müsse sich seinen Unterhalt sein Brod zu verschaffen wo gäbe es etwas das
schaurig genug wäre um den Menschen abzuhalten daselbst - sobald er mindestens im
Stande ist sein äußeres Leben dadurch gefristet zu sehen - seine Wohnung aufzuschlagen.
- Ein neuer wiederkehrender Beweis zu dem was ich schon oben aussprach: daß es nur
die innere Stimmung, die geistige Vorstellung ist, welche jeder Erscheinung für uns ihren
Werth oder Unwerth giebt, das Ganze zeigt es, nur ein ärmliches äußeres Leben wird
dadurch gefristet, und doch bestimmt sich der Mensch willig dazu. - Wie weit höher ist nun /
[4]
aber das innere, geistige Leben! Würde man aber zur Förderung dieses, zur Erfassung
desselben nun einem Menschen rathen hier zu wohnen schwerlich würde er es thun - und wür-
de man gar einen Menschen gerathen haben, sich zu diesem Zweck hier erst anzubauen, schwerlich
würde er es gethan haben. Warum? - Die Antwort liegt in dem oben Ausgesprochenen, weil
in den gewöhnlichen und meisten Menschen das Gefühl des geistigen Lebens nicht so stark ist als das
des (physischen) leiblichen Lebens, und weil ersteres in einer gewissen Beziehung sich durch sich selbst
erhält, so sind die Forderungen der Bedürfnisse dafür, in ihnen nicht so heftig.
Es muß nun wohl recht zur Aufmerksamkeit und Beachtung auffordern, daß {meistens / gewöhnlich} in den Menschen, also
auch in uns und so auch in Euch, meine Kinder! das Gefühl, die Wahrnehmung des leiblichen, kör-
perlichen Lebens stärker ist als des geistigen, des nur im Gemüthe im Herzen wohnenden; und daß
das Bedürfniß, die Forderung jenes zu erhalten und zu pflegen gewöhnlich und meistens stärker in uns
ist, als dieses zu erhalten und zu pflegen. - Wenn wir nun, meine Söhne und Töchter! weiter darüber
nachdenken, so geht daraus das Ergebniß hervor: wir empfinden unmittelbar tief und wissen
gleichsam unerkannt, unser geistiges Leben trage die Quelle der Erhaltung seiner in sich selbst.
Und -, wie dieß gar sehr oft im beachtenden Leben geht, daß Lebenserscheinungen und Lebensrich-
tungen, wenn wir sie nur streng verfolgen, gerad zum Entgegengesetzten von dem führen, zu
welchem sie uns zu erst gewiß zu führen schienen, – eben die große Sorgfalt und hohe Pflege des
einen, des äußeren leiblichen Lebens lehrt uns: daß das andere, das innere, geistige Leben weit
höherer Art als jenes ist, und daß es eben darum das letztere, das geistige Leben es eigentlich sey,
welches der größeren Pflege werth und der beachtenden höhern Sorgfalt würdig ist. Gar noch gar weit und
tief in unser inneres Leben und dessen Erscheinungen d. h. zur Erkenntnis unseres Innern würde
es uns führen, wenn wir diese Betrachtung in gemeinsam lebendigem Wechselgespräche fortsetzen
könnten; doch sie bildet sich wie eine schöne Gestalt, bey Festhaltung ihrer Mitte und ihres allgemeinen

Ausdruckes durch sich selbst fort.
Es läßt sich nun aber auch dadurch - daß das Erfassen einer Sache, ja das durchdrungen seyn von
derselben alles macht um mit völliger Auf- und Hingabe für sie zu wirken - begreifen, daß,
umgekehrt mit dem vorhin betrachteten gewöhnlichen und allgemeinen Handeln, es auch möglich
ist, daß wiederum Menschen, welche von einem höheren Lebensgefühle, Lebensbedürfnisse und
Lebenstriebe durchdrungen und erregt wurden, um es zu fördern und zu pflegen an den unwirth-
barsten Orten mit Freuden leben konnten, wie ich kürzlich noch von einem Mann gelesen habe,
daß er ausgesprochen habe,: “mit dem lebendigen Gefühl “Gott” im Herzen könne und wolle
er in der tiefsten Wüsteney ganz allein leben, ohne im Leben einen Menschen zu sehen und nichts
wolle er vermissen, sondern mit Gott allein zufrieden und vergnügt leben.”
Diese Euch hier angedeuteten Gedanken hatten mich schon vor einer kleinen weißen Kapelle
vorbey geleitet und schon standen wir vor einer zweyten größeren, der sogenannten Spitzka-
pelle.
Eine geräumige Vorhalle wie es bey größeren Kapellen fast immer der Fall ist ladete
auch hier zur Einkehr ein. Und dieser Einladung mögen wohl nur wenige der hier vorüber
Wandelnden kein Gehör geben, denn, was sonst hier selten ist, in ziemlicher Entfernung rings
umher ist in der größtentheils ebenen Flur kein Gehöft zu sehen, und auch sonst weit weniger
als hier gewöhnlich ist Bäume auf dem Felde, selbst in der Nähe der Kapelle, was doch sonst
so oft der Fall ist standen keine, so sagte ich, ich weiß selbst nicht wie ich besonders dazu
veranlasset wurde zu Ferdinand: ,,sollten wir hier im Regen vorüber gegangen seyn,
leicht hätten wir hier Schutz gefunden.” – Und so ist es! diese Kapellen verfallen jetzt
häufig,
wenn sie nicht durch besonderen Ruf begünstiget sind und doch mögen sie manchem Wanderer wie sie ihm inneren Trost reichten, so auch
äußeren Schutz gereicht haben. Es ist so
nun wohl schön wenn die den Menschen innerlich {Trost bringende / tröstende} Religion auch in, ihn
äußerlich schützenden Werken hervortritt und sich kund thut; - ist nun der
Mensch frühe gewöhnt - und welcher Mensch sollte es eigentlich nicht, da ja nur einzig darinn
das Wesen und die Würde des Menschen liegt und er dadurch nur Mensch ist und wird – von /
[4R]
den Erscheinungen des äußeren Lebens zur Einkehr ins Innere zur Erfassung und Festhal-
tung des inneren Lebens geführt zu werden, so kann der Mensch wohl auch durch den ihm
gewährt werdenden äußeren sichtbaren Schutz zur Wahrnehmung des ihn überall umge-
benden inneren, unsichtbaren Gottesschutzes geleitet werden.
Völker und Gemeinsamheiten, Gesellschaften, bey welchen das Religiöse nicht so äußerlich
besonders in solchen dem Allgemeinen gewidmeten Werken hervortritt, Menschen die zu diesen
Gemeinsamheiten und Gesellschaften gehören, in ihnen leben, müssen daher eigentlich um so tie-
fer und lebendiger, ich möchte sagen ein- und durchgelebter das Religiöse in sich tragen, um
auch ohne alle mit Absicht dafür errichtete äußerliche Veranlassung stets und überall den innern Trost wie auch zu-
gleich den äußeren Schutz des Religiösen in sich zu finden.
Wir sehen also daraus: ächt religiöser Sinn, er mag sich nun nur innerlich oder auch in absichtlich dafür im äußern Werke hervortretend zeigen, er muß doch immer fördernd
und veredelnd ins Leben eingreifen, fördernd und veredelnd den Menschen selbst ergreifen. –
Schon von den Matten an welchen wir früher vorübergegangen waren, hatten
uns Kühe mit dem hellen Klang ihrer Messingglocken den Morgengruß entgegen geläutet; jetzt beglei-
tete uns dieses Getön dießseits einer Haselhecke - (:die es hier
zahllos giebt, welche zugleich auch - ob nur in diesem Jahr weiß ich nicht - zahllose Früchte
tragen:) - den Hügel herab, hinter welcher wir durch die gewandte Hand am kräftigen
Arme des rüstigen Senn die Milch aus dem Euter der Kuh - gleichsam zum Dank für
die frische Morgenweide in dessen Blecheimer (hier Kessy genannt) strömen hörten.
Immer mehr führte der Weg abwärts, aber im Maaße wie er sich steiler neigte war
er auch gepflegter, geebneter und mit Stufen versehen. Ferdinand bemerkte: “Man
siehet gleich daß dieser Weg zu einer Kapelle führt, wie so sehr ist er in Ordnung erhalten,
noch immer ist mir dieß aufgefallen.” - Ich fand hier in mir bestätigt was ich schon
oben bey Veranlassung der Spitzkapelle empfunden und gedacht hatte und ich Euch so eben
ausgesprochen habe, nur mit der Erweiterung: - so ist denn also wirklich die Religion,
oder vielmehr die Achtung der Religion, oder noch erfassender das eigentlich in allen und
jedem Menschen liegende religiöse Gefühl das, was überall die Wege des Lebens ebnet
die steilen Höhen desselben zugänglich und ersteigbar macht? - Wo dieses Gefühl, beson-
ders in Gemeinsamheit und Wechseldurchdringung mangelt, da sind die Lebenswege
rauh und schon Anhöhen von nur mäßiger Größe, welche uns aber eine schöne überblicken-
de Aussicht ins Thal des Lebens gewähren würden erscheinen uns zu mühsam ersteigbar
und so verliehren wir mit der Übersicht des Lebens auch den Genuß des Lebens- und am Ende
sogar Ausgangs- und Zielpunkt desselben aus dem Gesichte.
Hätten darum unsere Vorahnen in den früheren Zeiten und Jahren nicht so thätig das religiöse Leben
selbst in den äußeren Erscheinungen gepflegt wie so sehr viel würden wir jetzt entbehren.
Darum sollen <-> auch wir Menschen und Kinder, schon in unserem frühesten Leben auf
das ernsteste das religiöse Leben d.h. das Leben in Beziehung auf seinen höchsten Urgrund
wie in Beziehung auf seinen höchsten ewigen Zweck in uns pflegen, damit wir im Fortschritt un-
seres Lebens uns auch jener früheren Lebensveredlungen erfreuen können nicht aber einst
daran früchteleer unser späteres Leben hinleben müssen; wir, oder die Unseren.
Keine Erscheinung, nichts ist im Leben schöner, nichts ist im Leben mehr bleibend Friede und
Freude bringend als eine später mit Nothwendigkeit erkannte Wahrheit, im eigenen früheren
Leben, ungefordert von außen, aus innerer Freiheit in reiner Selbstthat schon {ausgeführt / ausgeübt} zu sehen.
Religion und Liebe mit ihrem Gefolge sind innig verwandt. Was
darum hier von den Wirkungen der Religion in Beziehung auf Verschönerung und Milde-
rung der äußeren Lebenserscheinungen gesagt wurde gilt nun wohl auch in Keilhau
mit Keilhaus Beginne und im Fortgang seiner Entwicklung von der Liebe, der Dankbarkeit
und der Achtung; ebneten diese nicht auch Euere Wege? - und machten Eure Berge zugänglich? /
[5]
- Und was ist Religion anders als Gottes- und Menschenliebe und Achtung und Dank! - So brach-
te und bringt Keilhaus Leben jene alten, jene frommen Zeiten wieder! -Ihr Kinder,
Ihr Söhne und Töchter Keilhaus erkennt es! - beachtet es! - bewahrt es! –
Jetzt waren wir so ins Thal der Emme herabgekommen. Ein ebner, schön gehaltener Fußweg
führte uns unter vielversprechenden Obstbäumen, zwischen grünenden Wiesen, neben reichen Korn-
feldern immer an einem klaren munteren Bach (einem Abkömmling der Emme) hin und so
von Gehöft zu Gehöft und auch an einem sehr blumenreichen Garten vorbey. Der Schweizer
Bauer wenigstens des hiesigen Kantons und so weit ich ihn kennen zu lernen Gelegenheit hatte
scheint mir eine bey weitem größere Blumenlust zu besitzen als der Bauer um und bey uns.
Wenn bey uns in den Gärten der Bauern nur kleinlich einfache Nelkenstöcke auf spärlich zuge-
messenen Räumchen stehen, so stehen hier gleich ganz große Blumenbüsche, man ist hier gar nicht
zufrieden mit einigen Wenigen, nein! wenn es einmal da ist, muß gleich alles auch wie ihre Berge
und Bäume in Masse da seyn. So hätte ich oben als ich von der gedachten Mühle weggegangen war
eines Gartens erwähnen können worinn freilich dort fast nur Viola Maternalis aber in solcher
Menge und Größe der Büsche stand als sey nur der Garten für sie allein da. Dieser Ausdruck
tritt mir wirklich hier auch bei einer Menge Bauerngärten entgegen. Der stete Anblick der
künstlichen Blumensträuße (:Mayen heißen sie hier:) auf Hüten der Frauen scheint gleichsam
den Wunsch in ihnen zu wecken, was sie todt auf dem Kopf tragen auch lebendig um sich zu sehen.
In manchen hiesigen Gegenden z. B. bey den Entlebuchern soll die Blumenlust fast leidenschaft-
lich seyn. Übrigens unterscheidet man hier Blumen ihren Arten und Namen nach wenig und
wenigstens nicht scharf man freuet sich nur der bunten Blumen und ihrer Mannigfaltigkeit als solcher
und besonders auch wenn man in seinem Garten weniger allgemeine Blumen besitzt.
Wenn Ihr größer werdet Ihr Kinder, und Ihr Größeren wenn Ihr in Gegenden und unter Men-
schen kommt unter welchen im Allgemeinen mehr oder minder auch eine solche Blumenlust herrscht
und Ihr mit diesen Menschen Lebenswichtiges zu verkehren habt, so möget Ihr weiter über
dieselbe nachdenken. Euer Nachdenken wird Euch gewiß zu etwas führen was Euch zur Förderung
Eures Geschäftes wesentlich seyn kann, vielleicht dazu: daß unter diesen und solchen Menschen
wohl noch ein lebhafter Natursinn, aber ich möchte sagen stumm, wort- und tonlos, also
gleichsam noch vergraben liege. Viele andere Betrachtungen und Vergleichungen drängen sich
noch auf z. B. mit den Vögel, besonders Gesangvögel liebenden Thüringern. Doch wenn wir
uns nicht um den Gegenstand weiter zu besprechen, niedersetzen wollen, so müssen wir ihn
schon versparen bis wir wirklich einmal wieder einen Weg mit einander wandeln, denn
jetzt sind wir schon mitten auf der Brücke über die Entlebucher oder wüthende Emme.
Ja, ein wüthender Fluß ist diese Emme, seht nur einmal mit mir das doch ziemlich brei-
te Thal hinauf. Nicht viel größer als das Wasser der Schwarza fließt das Wasser hier
unter der hölzernen Brücke weg, welche der unterhalb Blankenburg nach der ehemaligen
Pulvermühle zu gleicht; wie auch wohl der gewöhnliche Wasserstand in beyden Flüßchen gleich ist[.]
Und einer Wüste ähnlich sehet Ihr das Thal von der Brücke aufwärts von Steinen jeder
und bis zu solcher Größe überdeckt von welchen man kaum einsiehet wie Wasser welches
in solcher Breite floß sie bewegen konnte. - Um der verwüstenden Gewalt, des zu Zeiten mächtig
angeschwollenen Flußes nun Einhalt zu thun, sehen wir zu unserer Rechten,
(dem Flusse links denn wir schauen ja dem Flusse aufwärts:) eine Wildniß, einen
buschreichen Wald angelegt) um dem Flusse die Verwüstungen der Ländereien zu wehren;
seine Gewalt zu brechen und ihm seinen Lauf zu richten, sehen wir von den beyden Ufern
an der Brücke aufwärts, in gerader Linie eine wirklich zahllose Menge von vielleicht mehr
als Manneshohen Wällen, Holzwällen, (wie soll ich diese von Holzstämmen zusammen-
geschroteten, mit Gebüsch und Steinen ausgefüllten unter sich stets gleichlaufenden
Holzmauern anders nennen?:), welche immer in einer Entfernung zwischen 20 und 30 Fuß
und in einer Breite von vielleicht 30 Fuß einander gleichgerichtet gegenüber stehen /
[5R]
und so den Fluß zwischen sich hindurch seinen zu nehmenden geraden Lauf, wie die Rennsteine [Zeichnung]
sonst an den Hochstraßen den Wagen ihr Geleis, anzeigen. Sich gleichsam nun der
angelegten Fesseln schämend schleicht nun die Emme fast geräuschlos so weit man im
Thale hinauf sehen kann dazwischen herab, beweisend daß auch die Gewalt des wütendsten Ele-
mentes - (:denn vielleicht habt Ihr schon gehört daß man Wassernot für größer als Feuernot achtet)
der Mensch durch den Gebrauch seiner Geisteskraft, mehr jedoch durch lebendige als durch tote Mittel
zähmen könne; denn mehr schützt der angelegte lebendige Wald das fruchtbare Land als die todten
Baumwälle; diese brechen zwar augenblicklich die Gewalt welche sich jedoch sogleich wieder von
neuem erhebt; jene mildern und schwächen die Gewalt bleibend und machen ihre Folgen so wie
z. B. hier durch die zurücklassende fruchtbare aus dem Hochlande mit sich führende Erde, sogar
fruchtbar. Wichtig ist dieß wieder für unsere eigenen Leidenschaften ihr Söhne und Töchter: ein
regsames, thätiges Leben vermag dagegen mehr als nur äußerlich zwängende Mittel; folgen
wir darum Ihr Kinder immer denen welche erziehend und lehrend auf uns einwirken wenn
sie uns in das erstere ein-, dazu hinführen, damit sie nie veranlasset werden, nie nö-
thig finden das zweyte, die zweyten gegen uns zu gebrauchen. Meine Geliebten! auch die
Schicksale des Leben[s] wirken erziehend und lehrend auf uns ein. Doch noch Eins: Wenn
nun schon der Mensch durch solche doch nur äußern Mittel dieß gegen ein solches wüthendes
Element vermag, was sollte er nicht durch und mit seinen noch höheren Geisteskräften vermögen? –
Zu unserer Linken, am rechten Ufer der Emme, einige hundert Schritte aufwärts sehen wir die Mün-
dung eines nicht minder reis[s]enden, darum aber auch hier {auf gleiche Weise / nicht minder} gefesselten Baches, des
Kriensbaches, zu welchem wir nun aufsteigen.
Der Weg dahin führt steil durch grüne baumreiche, von dichten hohen Hecken eingeschlossene Matten
einen schmalen Fußpfad aufwärts, vor einigen Bauernhöfen vorbey. Auch an einem derselben
zeigt sich wieder die Blumenlust, zwar nicht so wohl im Garten, - die schon etwas höhere Lage scheint
es nicht mehr so zu verstatten aber doch in Geschirren an den Fenstern und auf dem Gange des
Hauses - (ähnlich wie an der Scheuer in Keilhau, hier aber Laube genannt:) - Euch Ihr Blumen-
pflegenden muß diese Blumenpflege wohl verständlich seyn.
Nachdem wir im Verfolge unseres Weges, kurz vorher kurz vorher unten rechts in der
tiefen dunkeln waldigen Schlucht dem Flußbette des Kriensbaches eine bedeckte Brücke zwischen den Bäumen hindurch bemerkt
haben, welche von einer Seite der Schlucht zur andern führt, hat uns der
Weg zu einer Höhe geleitet, von welcher man (wenn man von der Straße etwas rechts
in den Wald abgeht) in eine tiefe Felsenkluft hinabsieht, durch welche sich der Kriensbach hin
durch zwängt. Diese Felsenthür ist das sogenannte Rengloch. Ferdinand welcher es auf einem
seiner, schon gleich oben erwähnten, früheren Ausflüge von unten herauf sahe, wird dessen
wohl schon auch in seinen früheren Briefen an Euch gedacht haben. Es ist ein Naturmenschen-
werk. Die Sage und Geschichte erzählt davon Folgendes:
Eine Gräfin oder Edle Gutta von Rothenburg (:vielleicht ist aus dem Namen Gutta und Berg
Guttenberg wie aus Ottilia und Höh Ottilienhöh zusammengesetzt:) stiftete im Jahre 1223
das Barfüßerkloster zu Luzern. Doch der öfters in wüthender Gewalt aus dem Thale von Kriens
hervorströmende Kriensbach, schien, wie er der Stadt großen Schaden brachte, besonders
auch ihre Stiftung in große Gefahr zu bringen. Um nun diese dagegen zu schützen, soll
durch sie zuerst der Kriensbach nach jener sich gegen Nordwest, vielleicht 1/2 Stunde oder 3/4
oberhalb Kriens, öffnenden Felsenschlucht geleitet worden seyn. Da aber dießes Anfangs
doch noch nicht genug half, hat man dann später zu wiederholten malen, diese Felsen immer
tiefer und tiefer nach unten zu getrennt um so dem Wasser nicht allein immer mehr Fall und
Zug nach dieser Gegend hin, sondern ihm auch bey sehr großem Wasser den gehörigen Abfluß
zu verschaffen. Die Gewalt des Wassers ist nun hier, wenn der Bach angeschwollen ist, hier so groß,
daß es die größten Felsenstücke welche nur immer Wasser zu bewegen im Stande ist, durch diesen
engen Felsenpaß hindurch zwängt. Wenn man die Felsstücke unten {außer / vor} der Schlucht schauet, sieht man /
[6]
kaum wie die Gewalt solche hindurch mahlen und zwingen könnte.
Um nun diesen Bach ganz von seiner Strömung nach der Stadt zu ab und durch diesen
Felsenpaß hinein zu leiten, hat man in diesem Jahrhundert 1/4 bis 1/2 Stunde oberhalb
desselben auf eine Strecke von wohl einigen Tausend Schritten dem Bach ein Felsbette gemacht
welches auf den ersten Anblick unverwüstlich scheint, und zwar merkwürdig und beachtenswerth
genug diese seine Fessel aus eben denselben großen Felsstücken welche er in seiner wilden
Ungebundenheit aus den hintern Felsentälern des Pilatus herab führte. Schon im vorigen
Jahrhundert suchte man seine Wuth in welche ihn schnelles gewaltiges Anschwellen versetzt
durch gemauerte Ufer aus diesen Steinen zu bändigen, doch sie konnten derselben nicht wider-
stehen, die jetzigen sind gepflastert und deßhalb nach unten zu gegen einander geneigt wie
die beyden Wände einer nach innen zu spitz zulaufenden Wasserrinne. Die Steine dazu hat
man, außer dem nöthigen rechtwinklichen Behauen daß es eine möglichst glatte Ober-
fläche gegeben hat, so groß gelassen als sie sich vorfanden. Nur wenig Wasser, kaum
so viel als gewöhnlich die Schaale in Eichfeld hat, floß eben jetzt darinn herab und doch hatte
es eine solche Gewalt daß wenn wir Steine zwischen 1/4 und 3/4 Zentner schwer hineinwarfen
diese mit der Schnelligkeit einer Kegelkugel und schäumend mit hinabgerissen wurden.
Was uns schon der geordnete Lauf der Emme lehrte, lehrte mich noch mehr dieser gefessel-
te Bach. Aber er zeigte mir auch indem die von seiner wüthenden Gewalt herbey geführten
Felsenstücke seine eigenen Fesseln wurden einmal wie die Wirkungen der Leidenschaften wenn
wir ihnen folgen unser freyes, edles geistiges Leben in Fesseln schlagen; dann aber auch das Hoch-
wichtige: wie jedes Unglück, jede Gefahr sogleich auch die Mittel mit sich führt, wenn wir sie
nur gebrauchen und zu gebrauchen verstehen, Unglück und Gefahr in Zukunft von uns abzuwen-
den. Möchtet Ihr, geliebten Söhne und Töchter! möchten wir doch alle dieß immer in unserm
Leben auf das strengste beobachten und bey jedem uns getroffenen Mißgeschick die Mittel es
für die Zukunft von uns entfernen, nie zu weit von uns sondern vielmehr ganz nahe bey uns
und bey dem Mißgeschick der Gefahr selbst, in den früheren Wirkungen des Unglücks, des Miß-
geschickes selbst suchen und finden! - Die sorgliche Handlungsweise der edlen Gutta kann
uns lehren: daß es noch nicht genug ist ein auch für kommende Zeiten bestimmtes gutes Werk nur
zu vollbringen zu stiften, sondern daß wir müssen es uns auch bemühen müssen es gegen die Gewalt, sich auch in
der Zeit immer von neuem erzeugenden rohen Kräfte und ihr zügelloses Schalten
zu schützen. –
Zu Ende dieses Steinbettes führte uns ein kleiner Steg über dasselbe und so über den Kriens-
bach selbst. Jenseits des Baches waren wir nun, nach ohngefähr 3 Stunden Entfernung von War-
tensee erst am eigentlichen Fuß des Pilatus. Nachdem wir nur zwischen einigen Höfen hindurch
gegangen waren, begann auch sogleich das steile Bergansteigen und so eine halbe Stunde un-
unterbrochen fort bis nach Herrgottswalde. -
Herrgottswalde liegt nach den Messungen Pfiffers 750 französische Fuß über dem Luzerner
See und 2070 Fuß über dem Mittländischen Meere. Weil nun der Thalboden von dem gedachten
Brückchen aus bis nach Luzern fast ganz wagrecht ist, so muß man in dieser kurzen Zeit fast
die ganze erstgenannte Höhe empor steigen. Ihr könnt Euch dieses durch Eure Umgebung und
die schöne Karte des Schaalagebiets u. s. w. alles recht klar machen, und wenn Ihr besonders
die Höhenangaben in Ferdinands Briefe immer mit den höchsten Höhen um Euch und den so sehr schönen
Höhenkarten welche Ihr habt und die Wilhelm gewiß gern herbey holt, vergleichen wollt.
Herrgottswalde enthält nichts als eine Kirche, ein Pfarrhaus und einen Gasthof.
Von der Kirche, jetzt ein sehr stark besuchter Wallfahrtsort, erzählt Sage und Geschichte Folgendes:
Zu Ende des XV. Jahrhunderts erhielt ein Mann Namens Johann Wagner vom damaligen
Papst Innocent VIII. die Bewilligung: ,,daselbst unter einem Felsen ein einsiedlerisches
Leben zu führen,
” und fährt die Geschichte fort ,,allwo er auch selbiges in dem Ruhme der Heiligkeit
vollendet”. Um das Jahr 1500 wurde daselbst eine Kapelle erbauet. 1650 wurde der Grundstein /
[6R]
zu der jetzigen schönen Kirche gelegt, in welcher außer dem gewöhnlichen Gottesdienste von dem
Pfarrer, jährlich dreymal von sehr vielen Geistlichen die dahin kommen großer Gottesdienst gehalten
wird. - Der Eintritt in die Kirche welche zwar nicht groß ist, hat doch etwas Überraschendes;
denn der Blick fällt sogleich auf den schöngebaueten Hauptaltar, welcher wieder gleich einem
Allerheiligsten von dem eigentlichen innern Raum der Kirche durch ein eisernes Gegitter-
thor ab- und durch seine die eigene auf dem Grunde ein Kreuz bildende Bauart der Kirche, von
dem allgemeinen Raum derselben ausgeschieden wird. [Zeichnung] Über dem Hochaltar [Zeichnung]
fällt das Licht durch gelbes Glas von der Größe der Sonnenscheibe in die Kirche. Für
eine Sekunde indem der Blick sogleich dadurch gefesselt wird kann es wirklich überraschen und die
freylich im Nu wieder schwindende Täuschung erregen als schaue man gegen die Sonne, zumal da man
nach der gewöhnlichen Bauart der Kirchen in dieser Richtung hin keinen Altar erwartet. Es mag übri-
gens auch, indem ich mir selbst jetzt an dem gemachten kleinen Grundrisse das Ganze klar mache gar nicht
der Hochaltar welcher den Betstühlen gegenüber bey [Zeichnung] seyn wird, seyn, sondern nur ein Nebenaltar.
Einen ganz eigenen Eindruck macht übrigens ein Gebäude innerhalb des Gebäudes (des Kirchen-
schiffes wie es gewöhnlich genannt wird) und die eine ganze Hälfte desselben einnehmend; es
gleicht dieß einem Allerheiligsten in dem jüdischen Tempel und ist dieß eine Lorettokapel-
le (S. L. K.:) d. h. ein Gebäude wenigstens im Sinne wenn auch nicht in der Form ähnlich der Mut-
tergotteskapelle, welche die Engel einmal in einer Nacht vom Himmel herab gebracht und
auf dem Lorettoberge in Italien nieder gesetzt haben sollen. Wirklich sind auch hier an
beyden Seiten dieser Kapelle an einem dicken Balken, welcher von einer Mauer der Kirche
zur andern geht zwey Holzengel (:Siehe oben X:) angebracht, als hätten sie eben die Kapelle
zur Erde gesetzt. So sucht der Mensch immer und überall das Ungetrennte und Einige
des geistigen Lebens in sich, bedürfend, wenigstens äußerlich Himmel und Erde zu verbinden
ohne es zu wissen, ohne der Ahnung pflegend und klärend zu folgen, daß er sie beyde einig
im eigenen Herzen, und Gemüthe schon in sich trage. - So sucht weiter der äußerlich gesinnte,
vom Äußern sich gar nicht losreißen und nicht in sein Inneres eigenes Leben einkehren könnende Mensch, und doch des Innersten seinem Wesen
nach so sehr bedürftig - immer im Äußeren ein Inneres und immer ein mehr Inneres - Innereres auszuscheiden; nicht wissend, wenig-
stens der Ahnung nicht pflegend und klärend folgend, daß der Mensch in seinem Herzen
und Gemüthe das wahre aber auch höchste und einzige Innerste trage, wie dieß doch schon
so mancher sich selbst still Beachtende und unter andern auch einer so ausgesprochen
hat
So ist auch hier wieder wahr was wir uns vorhin schon in einer anderen Beziehung aussprachen: was
des Menschen Herz und Gemüth, was der Mensch bedarf liegt demselben sehr nahe, es liegt
in seinem eigenen Herzen und Gemüthe, es liegt in ihm selbst und doch - findet er es so schwierig.
Von Herrgottswalde aus mußte nun wieder mit einemmale steil bergan und immer höher
gestiegen werden bis zu einer Höhe von wo aus sich derWeg sogleich wieder etwas in das jen-
seitige Bergthal, dicht unter dem Pilatus, hinabzog. In welchem Thale zerstreut das Dorf
Eichthal, eine ehemalige freye Herrschaft, von der Römmling durchflossen, liegt.
Wer einen anschaulichen Begriff bekommen will von der hohen alles reinigenden und
klärend[en] Bedeutung des Wassers, von dem Wasser als einem Bilde des Lebens, der muß einen
ich möchte sagen so seelenhellen Bergfluß sehen wie diesen. Ich selbst meynte, der ich doch
schon so manchen klaren Bergfluß gesehen habe z. B. die Ilse am Harz nie ein weißeres
helleres Wasser gesehen zu haben als dieses, besonders da so höchst vortheilhaft die Sonnen-
strahlen in dasselbe fielen und sich so einzig schön blinkend und spielend auf dem klaren
und reinen Steingrund des Baches brachen. Hätte die schon hochstehende Sonne und der noch so
hoch vor uns da stehende Pilatus nicht so ernst an die Förderung der Schritte gemahnet, gern
wäre ich noch sinnend und schauend auf dem schaukelnden Steege verweilet, um die schönsten der
Tänzer den schönsten der Tänze tanzen zu sehen, den Tanz des fröhlich verschlungenen vom Einklang innig /
[7]
durchdrungenen Lichtes und Wassers denn wo schauet das Auge ein schöneres Schön als das Klare
vom Hellen durchlichtet zu sehn? - Ist wohl unter Menschen ein Gleiches zu schauen? - Ja,
wenn Gemüth und Geist sich vertrauen! –
Fröhlich wie ein Tanz ging es nun dem grünen mattigen zu erst noch ganz wagrechten
dann wenig aufsteigenden Thal hinauf. - So hoch dieses Thal schon liegt, so sehr es rings um
von hohen Bergen eingeschlossen ist, so moorigen Boden es hat, so hat man doch auch hier schon
angefangen Erdäpfel zu bauen, der Versuch scheint jedoch noch ganz neu zu seyn, auch haben
die Beete eine ganz eigene Gestalt; es sind lauter Gevierte von 3 - 4 Fuß Breite an jeder
Seite, und längs jeder derselben von einander durch mehr als Fuß tiefe Gräben oder Wege
von wohl 1 1/2 Fuß bis 2 Fuß Breite von einander getheilt, so daß das Ganze ein sehr eige-
nes Ansehen hat.
Außer den kahlen Felsen des Pilatus die von oben herabstarrten, mit welchen das Thal in
seinem frischen Grün und sanften Grasboden in dem stärksten Gegensatze steht, fielen mir be-
sonders die Fichten des Thales in ihrer schönen kreisrunden und stetig kegelförmig aufsteigenden
Gestalt auf. Man sahe, die Berge hielten die Stürme ab, welche ihren allseitig gleichmäßigen
Wuchs hätten stöhren können. Diese schöngeformten Spitzkegel sie zeigen wie die Natur jedes
ihrer Wesen in seiner Art vollkommen entwickeln möchte, wenn Zeit Ort und Umstän-
de nicht stöhrend in diese Entwicklung eingriffen; denn gewaltig stehen mit diesen Fichten
des Thales die einseitig kahlen, Giebeltodten, die dürren spitzen Äste einander entgegenstrek-
kenden Fichten auf dem hohen Abhange des Pilatusberges ab.
Es war wie ich gleich Anfangs gesagt habe heute ein kirchliches Fest im Kanton; Es mochte
zwischen 9-10 Uhr am Morgen seyn als wir das Thal hinauf wandelten. Frauen und Jung-
frauen welche nach Herrgottswalde zur Kirche wollten, waren uns schon früher oben auf
dem Berge begegnet; jetzt unten im Thale begegneten uns besonders Bursche und junge Männer.
Ihr ganzes Ansehen war kräftig, die Gesundheit selbst; ihre Gestalt zeigte freye Entwickelung des
Körpers ohne stöhrende Einwirkung. Ihre Gesichtsbildung war fest und so charaktervoll
aber doch mild und besonders beym Gruß der Ausdruck etwas menschlich Eingehendes. Die
Gesichtsbildung hatte zwar etwas durchgehend übereinstimmendes, was aber auch wieder
wohlthuend wirkte, indem es der Ausdruck des einfach gleichartigen Lebens war.
Die Form des Gesichtes war mehr die längliche. - Dieser friedlich gleichmäßige Lebensausdruck ist
nun wieder im stärksten Gegensatze gegen das Wilde und Zerrissene der gewaltigen felsigen
Berge besonders zur linken unseres Weges. So macht nun eben auch durch diese durchgehende,
durchgreifende Entgegensetzung die ganze Gegend und Umgebung in und mit all ihren Einzel-
heiten einen sehr lebhaften und bestimmten Eindruck. Jedes einzelne Haus, jede einzelne Hütte
(:Sennhütte:) welche zerstreut in dem Thale und auf den Anhöhen umherliegen bekommt in
dieser abgeschiedenen Gegend und abgeschnittenem Thale Bedeutung und tritt durch sei-
nen Namen wie durch seine Einzelheit hervor: - Rosenboden - Untere- - Obere- -
Mittlere Hoheneck - Rosenstock u.s.w.
Unser nächstes Ziel war die Sennhütte der Rosenstock, wo zur Erfrischung einge-
kehrt werden sollte und wurde; ob er weiße oder rothe Rosen oder beyde zugleich
trug hat er mir zwar verborgen, aber eine herzige Geschwister[-] und Schwesterliebe wohnt
in demselben das weiß ich. Die Familie war wie das die Senn hierherum gewöhnlich
sind, aus dem Thale und der Landschaft Entlebuch, dem Quell- und Flußlande der wüthen-
den Emme. - Die ältere vielleicht 18 - l9jährige Schwester hatte ihre beyden jüngeren
Schwestern welche sie eben mit dem Sonntagsanzug bekleidet zu haben schien, auf dem Scho-
ße neben sich sitzen, diese waren an sie wie an eine Mutter angeschmiegt; sie dagegen schien
bald der einen bald der andern etwas Freundliches zu sagen überhaupt im Besitz dieser
beyden Schwestern als sey es ein besonderer Reichtum, sich recht glücklich zu fühlen. -
Diese freundliche Zuthätigkeit schien sich sogar auf die Thiere über zu tragen, den[n] während /
[7R]
wir aßen kamen die großen Geisen (Ziegen) immer an die kleinen Fenster des niedrigen Stübchens und schaue-
ten herein als möchten sie unser Ma[h]l theilen. Ich gieng an den Brunnen um Wasser zu trinken,
gleich versammelten sich mehrere um mich, stießen mit ihren Schnauzen an meine Taschen als woll-
ten und erwarteten sie etwas mit Gewißheit von mir; doch ich hatte nichts als ein
Stückchen Zucker, dieß war ihnen aber in ihrer einfachen Bergwelt und von Leckereien noch un-
verwöhnt eine unbekannte Speise, sie ließen es gleich einem Stein unberührt liegen, fröh-
lich waren sie, was ihnen die Bergabhänge von welchen sie herabgeklettert war[en], an duftigen
Kräutern gereicht hatte[n], dieß zeigte das neckende Spiel einer alten Geis mit ihren zwey
jungen wovon diese gern mit auf die Futtertenne jene sie aber nicht hineinlassen wollte.
Allwine und Wilhelm würden sich höchlich gefreut haben die bunten Sprünge der beyden
Kleinen zu sehen wenn die alte ernst und finster mit ihrer harten Stirn ihnen drohend
sich gegen sie kehrte und jene dann hüpfend und neckend davon sprangen, als sey es
eben nur dieß gewesen was sie gewollt hätten. Das lustige Spiel der spielenden Ziegenlämm-
chen gestaltete sich leicht zum lehrreichen Spiel des spielenden Kätzchen für Dich Allwina
zum Spiegelbilde vor mir der Vater wird leicht Dirs nun mahlen mein Kind! –
Als ich weggehen wollte fragte ich unsern freundlichen Senn, was ich zu geben schuldig sey: “es mag
sich nich verträge” war seine Antwort d. h. es geht nicht wohl an für so Weniges etwas zu fordern.
Ich hatte kein kleines Geld und so fragte ich ihn ob er mir ein 5 Batzenstück (Batzen = Groschen) wechseln
könne, er sagte: Nei währly ih han kei Rappe im Hus. (:Nein wahrhaft ich habe keinen Heller
im Hause:) Bey einem Vorübergehenden, der eben auch hereintrat, wechselte ich das Stück und
gab ihn für die Mahlzeit für uns 3 Batzen, womit er höchlich zu frieden war. Ihr sehet daraus
Kinder mit wie wenigem sich der Mensch genügen und dabey noch vergnügt leben kann. Nichts
haben diese Menschen als was ihnen das Euter ihrer Kühe und Ziegen, die Milch in ihrer ver-
schiedenen Zertheilung als Schotten, Zieger, Käse, Nidli, Anken u.s.w. reicht. - Brot kommt
fast nie in ihre Hütten, Geld wie Ihr sahet auch nicht immer. Die eigentlichen Besitzer der Alpen
wohnen fast immer fern, um den ansehnlichen Zins (:Pacht sagen wir:) an diese zu zahlen wird auf das
spärlichste gelebt, diese sind die Wohlhabenden. Es ist wohl rührend bey so wenigen die Menschen
nicht alle[i]n so gesund, so rührig und rüstig, sondern auch so zufrieden ja heiter zu sehen. – Wohl
scheint also dieser Rosenstock weiße und rothe Rosen zu tragen, ob ich sie gleich mit äußern
Augen nicht sahe. Doch wie so wenig wäre in der Welt, wie leer wäre sie, wenn nur
das wäre was wir mit unsern äußeren Augen sehen! –
Der Senn trat mit uns als wir gingen vor die Hütte heraus und zeigte uns freundlich den
Lauf des Weges. Es war 11 Uhr.
Schon als wir vorhin das Thal hinnieder gezogen waren hatten unsere Augen einen Ausweg
aus demselben u zu der Bergeshöhe gesucht, denn nur steile Bergwände zur Linken und senkrechte,
zerrissene und zerklüfte[te] Felsen beyde gleich von mehreren tausend Fuß Höhe (gerad) vor uns, und
zwischen beyden ein gerad herunter rauschender Gießbach. An einer dieser Stellen mußte der Aus-
weg für uns, d.h. der Weg zur Höhe seyn. Wegen dem Zerrissenen, Zackigen und Schluchtigen
der Felsen hatte ich es eher für möglich gehalten daß sich der Weg durch sie hinauf zwänge
als die steile, zwar in sich nicht minder felsige aber bewachsene und darum glätter erscheinende
Bergwand hinauf klettere; doch gerad da wurde uns der Weg nach oben vom heiteren Senn
(gezeigt) gewiesen, wo es mir daß er sich hinranken könne vorher am unglaublichsten geschienen
hatte. Besonders ganz Anfangs beym Herabgehen ins Eichthal hatte ich geglaubt (:Ferdinand
hatte sich durch mehr vergleichendes Kartenstudium besser unterrichtet, wie er denn auch immer
in seinen Bergen und Bergreisen lebte und lebt:) der Weg würde sich ganz behaglich an der
einen Seite der Berghöhe gegen Nordwest immer mehr im Thale in die Höhe, und so endlich auf den
Rücken des Berges und auf diesen hin zu den verschiedenen Gipfeln führen.
So geht es oft den Menschen, und wird auch Euch meine Kinder im Leben um so mehr so gehen
als Ihr Euch selbstständige Lebensführer seyd und selbstständige neue Lebenswege nach ei- /
[8]
nem Ziele betretet, welches so hoch und klar vor Euch liegt wie die von reiner frischer Luft um-
weheten Zinnen und Gipfel hoher Berge.
Leicht tritt der Mensch mit Jugend Muth aus dem von grünenden und blühenden Gärten
und fruchtenden Feldern umgebenen elterlichen Hause den Lebensweg zu jenen Höhen an, die ihm
sein nach Oben nach der Klarheit gerichtetes Auge sehen läßt. Doch am Ende des Thales des
ersten Jugendlebens führt gleich steilrecht der Weg zur Höhe empor: - “Nur gerad bey je-
nem Holze die Bergwand hinauf.” so sagt in ruhiger Heiterkeit stille, höhere Lebenserfahrung wie
unser Senn: - “Nur gerad bey jenem gefällten Holze den Berghang hinan dort findet Ihr schon den Pfad auf
welchem das Vieh zu und von der Bründlisalp getrieben wird.[”] Und so war es. Froh
wurde nun fortgewandelt und bald freudig über den Gießbach gesetzt welcher hier zwischen
massigen Geröllen sich durchzwängte. Frisch gieng es den Anfangs zwar noch lehn aber dann schnell
wacker ansteigenden, doch mit kräftigem Graswuchs bedeckten Bergfuß hinan, und siehe da
gleich in dessen Mitte, begrüßte uns die Alpenkönigin, die prachtvoll blühende Alpenrose
(:Rhododendron:) um den Ausdruck “prachtvoll” ganz zu verstehen muß man sie freylich
in der Natur blühen sehen: der dunkelgrüne Strauch ist da von den hochrothen Blüthentrau-
ben ganz bedeckt, und erscheint so als eine einzige eben aufbrechende große Rosenknospe
von grünen vielgetheilten Kelche getragen. Fröhlich wurde damit, wie’s Bergwandrern ziemt
der Hut geschmückt, für die Geliebten Abwesenden vorher die schönsten als Erinnerungszeichen
gepflückt und - mühsam nun aufwärts geklimmt. Endlich rufte Ferdinand der voraus
war: ,,ich habe den Pfad!” Es klang froh in die Ohren wie der Ruf ,,Land!” “Land!” den schiffen-
den Genossen Columbus, denn es schienen sich, nicht zu überwindende Schwierigkeiten dem Er-
steigen des Berges ohne allen Weg entgegen zu stellen. Und so war es auch wirklich. Ange-
nehm überrascht betrat zwar der Fuß jetzt einen von rauschenden Laub bedeckten und von
grünenden Buchen überschatteten, sanft ansteigenden Weg. Auch sahen wir nun wohl, wenn
wir doch nicht in etwas durch Ähnlichkeit der Umstände unsern freundlichen Senn mißver-
standen hätten, daß wir dann früher schon auf diesen Weg gekommen wären, doch dann hätten
wir auch den blühenden Alpenrosengruß nicht bekommen und so trösteten wir uns gern.
Doch bald trat der Weg aus dem Walde an den nackten Fels heraus, statt des geebneten
Weges, standen nun Klippen hervor, statt des sanften Laubes lagen nun scharfe Steine
aller Größe leicht rollend in dem Wege; steil auf stieg er mit einmal, und mit einemmale
standen wir so scharf an dem Abhange, daß - um hier um den Felsen herum und auf ihn hin-
auf biegen zu können - man durch gefällte Baumstämme wirklich ein paar Fuß über
den hier ganz schroffen Abhang hatte hinaus bauen müssen. Wir begriffen kaum wie es
möglich war Vieh hier herauf und herunter zu treiben, doch zeigte gegen die Bergseite am
Wege hin lehnendes Holz und Stangen, daß wohl, wenn dieß eintrete, der steil ab-
fallenden Bergwand hin ein schützendes Gelände[r] gezogen werden würde, und so ist es
nun wohl, doch sieht man wieder kaum wie in so felsigem Boden etwas haltbar befestiget
werden kann; auch hörten wir später, daß wenn die Alpen Senn wirklich auf solche hohe
Alpen fahren (:heißt hinauftreiben:) wenigstens immer zwischen 2 Stück Vieh ein Mensch
geht, damit weder das Vieh spiele sich necke noch sich dränge; denn ein einziger Fehltritt brächte
gewiß jedes Stück in Gefahr. Ferdinand war einige Schritte voraus und rief
von dem Felsen herab: ,,Hier zieht sich wirklich der Weg über des andern Kopfe hin und der
eine steht über dem Haupt des Anderen.[”]
Ihr sehet, meine Söhne und Töchter! die zu Eingang dieses Briefes Euch ausgesprochene
Bemerkung bewährt sich bey der Betrachtung dieses Weges abermals: - der Mensch ver-
mag über sich alles, er hat in sich Ausdauer zu allem, Lebensgefahr selbst achtet er nicht,
wenn er in sich von der {Nützlichkeit / Nutzbarkeit} davon, für seine äußere Lebens-
erhaltung, seinen Lebensunterhalt durchdrungen ist. Hier sieht selbst auch der nur beachtende Mensch ruhig
zu, denn man findet die Handlung nützlich, die That nutzbar und, um diesen Nutzen zu gewinnen /
[8R]
nothwendig, wenn auch ein wenig gewagt. -
Wie so ganz anders erscheint das Handeln des Menschen nun aber, wenn derselbe aufgefordert wird zu den
lichten Höhen des geistigen, inneren Lebens sich durch die harten und über die steilen Felsen des äußeren
Lebens sich den Weg zu bahnen, ja wenn er nur auch andere dahin und darüber sich einen Weg
bahnen siehet. Aber ein solcher Weg, unser Weg belehrte auch hierüber: Erst seit 40 oder 50 Jahren ist
zwar dieser Weg zu der Bründlis Alp (:denkt Euch nur ein solcher Weg zu einer einzigen und
zwar eben nicht sehr ergiebigen Alp:) entdeckt und gewiß auch Anfangs unter manchen Zwei-
feln der Beachtenden, ausgeführt worden, wie viele Tausend Menschen mögen ihn aber seit
jener Zeit hinauf und herab gestiegen seyn, denn er ist nun zugleich der fast einzige Weg ent-
weder zu oder von dem Pilatus, indem wenig Reisende wie wir hernach thaten, auf derselben
Seite des Pilatus herabsteigen auf welcher sie zuvor hinauf gestiegen sind. In gar manchen Ge-
müthern wenn auch in noch so wenigen, sey es vielleicht gar nur in einigen, sind aber doch ge-
wiß helle, Menschen veredelnde Lebens- und Weltansichten geweckt worden, und wer weiß,
wie weit sich noch in Zukunft die Früchte davon verbreiten, vielleicht viel weiter als die Rund-
ansicht geht welche der Pilatus gewähret, und von deren doch großen Ausdehnung Ferdinand
Euch gewiß geschrieben haben wird. Bleiben wir nun nur bey uns, bey mir selbst und ganz
allein stehen, meinet Ihr wohl meine Lieben, meine denkenden Söhne und sinnenden Töchter
ich würde diese Gedanken und die sich daraus unter und vor Euern Augen in Theilnahme Eurer
selbst entwickelnde Lebensfolge auch ohne das Gleichnamige der Zickzackwege zwischen
dem schweizerisch handelnden Eichthal und dem deutschsinnigen Keilhau auch gehabt haben? – ich
zweifle sehr, - darum Ehre, Beachtung und Vertrauen der Stetigkeit und der Einigkeit
oder vielmehr Einheit des Menschenlebens! - An das hier angedeutete hat nun zwar der
Nutzen und die Nützlichkeit als sie diesen Weg suchten, entdeckten und bahnten nicht gedacht
allein es schaffe nur immer zufrieden und froh der Mensch das Nützliche und Rechte
in so weit seine Einsicht und Erkenntniß gehet, im besonderen und im allgemeinen Lebens-
zusammenhang
geknüpft an ein mehr und minder Allgemeines.
(:hier z. B. der allgemeine, allen gemeine Pilatus Berg:) und lasse still einen jeden nach dessen Einsicht und Erkenntniß so handeln; es
kommt schon die Zeit wo sich aus dem Nützlichen das Schöne, aus dem Rechten das Gute,
u. aus dem Schein das Seyn und die Wahrheit, aus dem Vergänglichen das Unvergängliche
aus dem Körperlichen das Geistige und aus dem Unbewußten das Bewußte hervor ent-
wickelt wie die Staubfäden und Staubwege aus der Blumenkrone und der Samen der
Frucht.
Nur muthig fortgestiegen und fort die hindernden Felsen gesprengt d.h. in dem Vergänglichen
das Unvergängliche, in dem Körperlichen das Geistige, in dem Schein das Seyn, nach und in dem
Zufall das hohe geistige gesammt Gesetz nachgewiesen; es kommt schon auch die Zeit, wo man
nicht mehr müssig den Kopf schüttelnd und staunend gaffend da steht, wenn auch unmittelbar
um des Guten, des Schönen und der Wahrheit willen das Lebenssteile Felsenberge
wegsam gemacht werden, sondern wo Jeder freudig und rüstig die Hand rühret und
schafft und zugreift wenn es auch nur schon eine Höhe, ein Hohes, noch weit mehr aber
wenn es die Lebenshöhe (:drey Höhen hat Keilhau erstiegen Ihr kennt und nennt sie die vierte hat es noch zu er-
steigen wo ist sie? - den Preis doch seht Ihr, - wo? -:) - wenn es das Höchste gilt. - Ja Ihr alle
versteht dieß; denn Ihr alle keinen von Euch - freuet Euch, ja, ja Ihr dürfet Euch
darüber ewig freuen, denn die blühenden u. fruchtenden Zweige solches Handelns bis
es in ein Land, welches - weil es ein wenig bekanntes, aber auch ein heiliges
Land ist - von den meisten das Jenseits genannt wird, ob es gleich das eigentste
ewige Dießseits, das Land des Herzens, des Gemüthes der Seele, das gelebte
das geliebte, das gelobte, das seelige Land ist - wie wir ja dieß schon in Andeutung
oben bey Gelegenheit von Herr Gotts Walde hörten - freuet Euch darum Ihr
alle, daß Ihr an solchem Handeln theilgenommen habt, wo Ihr nicht um des Nutz-
ens und der Nützlichkeit, wo Ihr um der Liebe und des Dankes und wäre es selbst nur um des /
[9]
inneren Gehorsams willen die steilen Höhen wegsam gemacht hat. Alles dreyes sind Himmelskinder,
die Himmelsbrüder Dank und Gehorsam, die liebende Himmelsschwester Liebe in der Mitte, wie sie
gleichen Antheil an beyden an Gehorsam und Dank - wie der Dank Theil hat an Liebe und Gehorsam
- und der Gehorsam an dem Danke und der Liebe. So bilden sie sinnbildlich ein schönes Sternen-
gedritt [Zeichnung] in welchem ihr alle als Ganzes und ein jedes Einzelne von Euch im besonderen, und wie-
der als erziehend und als Zögling u.s.w. sein Leben lesen und deuten kann. Und so möge es auch
für Euch alle als Ganzes und für jeden Einzelnen von Euch wieder, nicht bedeutungslos, sondern
(tiefen) hohen, ermahnenden erhebenden und stärkenden Sinnes seyn wenn Ihr von Eurer Wohnung aus
gleichsam Eurer LebenMitte aus die drey Höhen um Euch erblickt und zu ihnen hinaufschauet,
wenn Ihr in die drey Kreise auf den Kolm tretet, oder wenn Ihr auch nur in Briefen von mir an
Euch jenes Sternengedritt erblickt, denn was kann schon menschlich höher seyn als
Liebe, Dank Gehorsam (:= Treue auf einer anderen Stufe:), und was geistig höher, was gemüth-,
seelen- lebenvoller als Liebe, Dank, Gehorsam gegen Gott ein jedes um die beyden anderen
und alle dreye um des Einen willen. - - -
Und zweifelt nur nicht, es kommt auch für Euch die umgekehrte Zeit wo sich nemlich an das
Unvergängliche das Vergängliche, an das Unsichtbare das Sichtbare, an das Geistige das
Körperliche - an das Schöne, Gute und Wahre auch der Nutzen das Nützliche, das eben Rechte,
und der schöne Besitz anknüpfen und daraus entwickeln wird, wie es hier bey unserer jetzigen
Betrachtung umgekehrt der Fall war. - Vor 50 Jahren hat der Nutzen diesen Weg ge-
macht, vielleicht in demselben Jahre als ich geboren wurde. Nach 50 müh- und kampfvollen
LebensJahren betrete ich diesen gewiß mit Mühe und Kampf bereiteten Weg und er wird uns
ein geistiger Weg zu geistigem Leben und ich glaube Ein Weg für uns alle zum Einigen Ziel.
Doch nicht so viel Jahre bedarf es um den Nutzen und die Nützlichkeit an das schöne gute und wahre
Handeln zu knüpfen, daraus zu entwickeln; denn seht wenn Ihr das Ziel erreicht habt, bedür-
fet Ihr kaum noch des Nutzens und der Nützlichkeit, denn sagt mir selbst sollte der edle
geistige, der entwickelte, ausgebildete Mensch äußerlich bedürftiger seyn als der einfache,
sinnliche, unentwickelte und unausgebildete, aber doch ein rein menschliches Leben führende
Senn!? - - -
So seht Ihr; Ihr habt schon den Nutzen und die Nützlichkeit Eures Handelns an und in der Hand;
nicht 50 Jahre bedarf es ehe es sich Euch entwickele. - Wie alles Göttliche unmittelbar
schafft und erzeugt so auch Euer geistiges Handeln als Gotteskinder.
Die Bründlis Alp ist erreicht: der Waldabhang liegt hinter und unter uns; auch der letzte dunkelgra-
sige Hügel ist erstiegen; die hölzerne ganz schwarze, kaum mannshohe, nur wenig mehr in die Länge
als Breite ausgedehnte, von Balken zusammengeschrotene Sennhütte liegt vor uns; ein Quetsch-
dach (wie solche Dächer hier, recht bezeichnend das sehr flache und stumpfwinklige, heißen:) in Reihen
mit Steinmassen, welche den mehrfach auf einander liegenden breiten Brettschindeln statt der
befestigenden Steine dienen, deckt sie; von der Hütte selbst meint man der nächste Sturmwind
müsse sie gewiß davon führen, so hat er sie schon aus dem Winkel gedrückt, und Brettstücke liegen
umher, oder der, wenigstens ihrer ganzen eigenen Höhe nach über sie aufgehäufte Alpenschnee
müsse sie im nächsten Winter vollends zu Boden drücken, läge sie nicht in einer etwas geschützten
Lage dieser großen Höhe.
Ein altes schwarzes Kreuz aus Baumstücken zur rechten vor der Hütte und ein schwach flie-
ßender Brunnen zu ihrer Linken etwas entfernt, gab dem ganzen noch mehr den Ausdruck
des Einsiedlerischen.
Der Senn ist mit seinen 18 bis 20 Kühen oder wie es hier im allgemeinen heißt Haupt noch nicht auf diese hohe
Alp gefahren. Ein alter braunhäutiger, schwarzbärtiger Mann mit zusammengeschlagenen
bloßen Beinen, kurzen Beinkleidern, im Hemdsärmeln, mit über die Knie geschlagenen Armen
sitzt zur linken seiner Hütte vor uns. Es ist der welcher uns unten im Thale schon, als
der Gäumer (Ihr kennt nun schon das Wort) dieser Hütte und Alpe angekündigt worden ist.
Schon seit dem Monat März lebt dieser Mann ganz allein hier. /
[9R]
Das reinliche, schwarz und weiß gefleckte, kleine klaräugige Spitzhündchen, welches zur rechten des Mannes
eben so wie sein Herr aber auf seinem, mit Respekt zu sagen kleinen Hintern sitzt, bilden [sc.: bildet] mit ihm ein
starkes Gegenbild. - Geißen und Schafe deren Hüter Mann und Hund sind, umgeben die Hütte.
Mir erschien der Mann in dieser seiner Stellung die er ganz ruhig bey behielt, gebrechlich. Ich fragte
ihn wie lange er wohl gehen müsse um diesen steilen hohen Berg zu ersteigen, wohl einen halbenTag
meinte ich. Er lachte und fast verdroß ihn mein Mißtrauen in seine Kräfte: erst diesen Morgen
sey er hinab in das Thal und eben jetzt wieder herauf gestiegen. So war es auch, wir hatten die
Spuren von Menschentritten vor uns gesehen, und ich erinnerte mich nun auch wieder, was mir
aber entfallen gewesen war, daß es uns der Senn im Rosenstock schon gesagt hatte.
Da ich des alten Gäumers freundlich angebotene Geißmilch jedoch auch freundlich aber mit dem Bey-
satz ausgeschlagen hatte, daß wir erst beym Senn im Rosenstock gegessen hätten, und der Freund-
lichkeit dieses Mannes vielleicht dabey gedacht haben mochte, so antwortete mir unser alter
Gäumer auf die Frage woher [sc.: wo er] eigentlich zu Hause sey ganz empfindlich: ,,auch aus dem Entli-
buch [”], und der Senn im Rosenstock sey auch nicht mehr als er, jener sei auch nur Untersenn.
Diese Äußerung, von welcher ich eigentlich jetzt noch nicht weiß, wie sie mit meinen wenigen Äußerung-
en zusammenhing, war mir auf das höchste auffallend. Ich hatte bei diesem alten Manne
der es über sich gewinnen konnte, in hier noch so stürmischen Monaten, auf dieser großen Höhe
seelenallein zu wohnen, eine völlige Gleichgültigkeit gegen menschliche Meynung von Vorzug u.a.
gesucht; und nun eine so entschiedene Äußerung vom Gegentheil. Es trat mir sogleich schlagend ent-
gegen: der Mensch so scheint es wünscht eben bey den ihm fremdesten Menschen - von welchen
man eben glauben sollte daß sie ihm die gleichgültigsten wären, die beste Meynung von sich
zu erwecken. Später trat mir noch das entgegen: ob vielleicht wirklich das einsame sich selbst
genugsame Leben in dieser klaren, aber doch auch wieder vieles zu bekämpfen fordernden Berg-
höhe ihm ein höheres Gefühl von Menschenwürde und Selbstachtung gegeben habe, die er (jetzt)
vielleicht durch mich gekränkt meyne. Jetzt indem ich dieses niederschreibe fällt mir auch
noch das ein: ob er vielleicht bey seinem Morgenbesuche eine kleine Kränkung von dem
Senne erlitten zu haben meint, die noch zurück wirkt; vielleicht wirkte alles dreyes zu-
sammen. Genug die Äußerung des alten Mannes war die, die sie war; und welchen Grund
sie auch immer haben mögte, so gab sie mir immer Veranlassung genug zum Nachdenken.
Auch Euch meine lieben Söhne und Töchter kann die Äußerung des alten Gäumers auf Euch
aufmerksam machen. Wer kommt nicht mit ihm ganz fremden Menschen in Berührung u.s.
w. Wenigsten eines seht Ihr gewiß gleich klar: wie weit greifend und fortwirkend die
Äußerung auch des einfachsten Menschen ist, wenn sie in das Leben des denkenden Menschen
eingreift und nur einfällt. Ihr habt in dieser Reisedarstellung schon Gelegenheit gehabt diese
Bemerkung zu machen und werdet sie, selbst bey einfachen Kindern zu machen, noch im Ver-
folge dieser Mittheilung zu machen Gelegenheit bekommen. Das Leben ist ein stetiges Gewebe
ein unzerstücktes Ganze. Es geht damit wie in einem großen Hause: öffnest oder verschließest
Du eine Thür oder ein Fenster, so wird dadurch die Luft in dem fernsten Theile des Hauses
in Bewegung gesetzt. –
Als wir weggingen trug jedoch unser alter Gäumer uns freundlich seine wegweisen-
den Dienste an, welche wir aber dankend ausschlugen einmal weil Ferdinand seiner
Sache nach der Karte und der vorliegenden Bergansicht sehr gewiß zu seyn glaubte,
dann aber auch weil wir eben die 5 oder 10 Batzenstücke nicht übrig hatten, deren
eines er doch wohl mindestens gefordert haben könnte; auch sagte er uns selbst daß der Weg
eben nicht zu irren sey, wir möchten nur bis auf den äußersten Graten hinaus und auf
hinauf gehen. –
Getrost wandelten wir nun weiter und entzückt, denn wir wandelten nun in den
schönen Alpengärten. - Die Mittagsstunde war vorüber. - Die große, ganz rein
dunkelblaue, kurzstielige Genziana hatte sich schon unten am Felsen beym Heraufsteigen
auf die Alpe, angekündigt; hier stand sie nun in Menge; und kaum von den Alten /
[10]
weggekehrt fand ich auch die schöne kleine Himmelblaue nach welcher ich so sehr verlangt hatte.
Nun kam immer ein schönes Blümchen nach dem andern hervor, von deren Eindruck Ihr Euch nun
zwar durch Ferdinands treue und besonders sorgliche Sammlung Ihr Euch nun wohl einen Be-
griff verschaffen aber doch immer nur ein schwaches Bild der Lieblichkeit ihres blühenden Lebens vor ma-
chen könnt. Außer den schönen blauen Genzianen, fielen mir besonders die kleinen rothen Alpen-
nelkchen auf; sie wachsen in ganzen, oft die Größe eines Tellers und mehr noch einnehmenden
Familien zusammen. Blümchen an Blümchen, zart von Form wie von Farbe drängten sich so dicht
daß die kleinen rothen Kronenblättchen nicht einmal neben einander Raum hatten, aus grünen
kleinen, schmalblättrigen aber frischen Blättersternen hervor; ähnlich denen die das sogenannte
Sternmoos zeigt. Die getrockneten Exemplare geben gar kein Bild von dem prächtig lieb-
lichen Eindrucke welches dieses Blümchen in der Natur gewährt. Um höchstens ein annäherndes
Bild zu bekommen denkt Euch mehrere Afterdolden der Carthäusernelken ganz kurz und platt
auf einen Stein oder einen kleinen Erdhügel in dem Umfange einer mittleren Sonnenblume
hingeschmiegt, nun aber, statt der bunt gezeichneten Kronenblättchen, die Ihr Euch überdieß noch
viel kleiner denken müßt, Blümchen von reinem oft ganz hohen auch dunkelem carminroth
und Ihr habt ohngefähr einen Eindruck des Ganzen. Denn seinem innern in der Erde verborgen-
en Bau nach scheint mir dieß Blümchen wirklich dieser Gattung und Art anzugehören. –
Aber wie ist es mir nun möglich Euch alles das wieder zu erzählen, was mich alle diese
lieblichen Blümchen in ihrer Kleinheit und Nettigkeit, in der Schärfe und Bestimmtheit ihrer Form
in der Klarheit ihres Baues, in der in sich zusammengedrängten Abgeschlossenheit und in ihren
schönen bestimmten Farben lehrten! –
Das dunkele Blau des Himmels sahe ich in seiner ganzen Reinheit und inneren Kraft zur Erde
gesenkt und von der Erde vertrauend in ihrem Wesen und in der ganzen Erscheinung dessel-
ben dem hoffnungsvollen frischen Grün, festgehalten. Das reine Roth in der Mannigfaltig-
keit seiner Abstufung erschien mir als ein Ausdruck der liebenden Gesinnung mit welcher
gleichsam der Himmel seine so gewaltigen als sanften Arme um die kleinen Kinder der Erde
schlingt und ein Ausdruck des liebenden Vertrauens mit welchem dagegen die Erde ihre Kinder
seinen segnenden Einwirkungen hingiebt, welches Wechselbandes Sinnbild das gleichsam
aus allen Himmels- und Erdfarben gemahlte Band bey jeder Morgen- und Abendröthe
ist. Die bescheidenen hier gelben Veilchen, schienen besonders das goldene Licht der Sonne und
der Sterne in Stille und Zurückgezogenheit sich bewahrt zu haben. - Wie kann ich Euch die-
sen Gesammteindruck kürzer und zugleich auch besser und schlagender schildern als mit den
drey Worten welche ich oben bey der mitgetheilten und angedeuteten Lebensansicht ge-
brauchte: - Liebe, Dank, Gehorsam (Treue) Schönheit, Güte, Wahrheit. – Bedenket
es nur und lasset Ihr Jüngeren unter Euch, von den Älteren es Euch recht klar machen:
das gläubig vertrauende, und zuversichtlich treusinnige Leben dieser kleinen zarten Pflänz-
chen und Blumenkeime unter einer weit mehr als Mannes hohen Schneedecke,
während wohl fast eines halben Jahres! –
Darum nun trat mir auch die Kleinheit dieser Pflänzchen sinn- und bedeutungsvoll entgegen;
ich sagte mir: -Wurzel, Schaft und Blüthenstrahlen, gleichsam Herz, Leib und Kopf, sind hier
innigst nahe sich verbunden, daß keines weniger irren könne, keines von dem andern
verlassen zu werden sich weniger zu befürchten brauche, wegen der innigen sich fast gegen-
seitig sich durchdringenden Lebenseinigung. In dieser Beziehung traten mir nun ganz besonders
die kleinen rothen Nelkenblümchen bedeutend entgegen; wovon ich jedes wie das Blümchen
eines Maasliebchens oder einer Sonnenblume für ein ganz für sich allein bestehendes Pflänzchen
hielt, deren gegenseitiges Bestehen mir nur durch das treue und dichte äußere Zusammen-
stehen gesichert erschien. Wie mußte ich aber die Sache ganz anders erkennen als ich einige die-
ser Blümchen mir einzeln jedes als ein einzelnes Pflänzchen sammeln wollte. Fest und in-
nigst waren sie alle als ein großes Ganze unter und mit sich verwachsen, und ohne Tren-
nung d.h. ohne wirkliches gewaltsames Zerreißen war gar nichts einzelnes zu erhalten. /
[10R]
Sorglich nahm ich nun gleichsam eine solche Platte oder Fläche die mir aus lauter wie Stiftchen
nebeneinander zu stehenden Einzelheiten erschienen war von einem Steine ab, und achtsam such-
te ich eines von dem anderen zu lösen, indem ich immer noch meinte die Wurzeln des einzelnen
Pflänzchens wären nur so dicht in und mit den Wurzeln der anderen um- und zunächststehenden ver-
wachsen. Aber was fand ich bald? - Mehrere Blümchen fand ich sich immer gleichsam in ei-
nen gemeinsamen Lebenspunkt zusammen neigend und gleichsam sternförmig oder zunächst
wenigstens einseitig strahlig daraus hervorwachsend. [Zwei
  Zeichnungen]
Doch der Verfolg der Lösung zeigte mir bald, daß mehrere solche strahlende Gemeinsamhei-
ten, sich wieder zu einem weiter abwärts liegenden Punkte, sich wieder ebenso wie die ersten
Blümchen zum ersten Punkte verhielten, nemlich so: [Zeichnung]
Die ersten Punkte lagen fast kreisförmig um diesen zweyten Punkt. Dasselbe Verhält-
niß zeigte sich wieder in Strahlen welche von den zweyten Punkten zu einem dritten
gingen u.s.w. so daß zuletzt ein ganzes Sternen[-] und Sonnensystem sich vor mir
enthüllte und entwickelte, nemlich so: [Zeichnung] oder vielmehr so [Zeichnung]
Wo gleichsam die Punkte 2er Ordnung sich um den ersten Punkt, der Punkt 3 sich wie Planeten um
die Sonne, und die Punkte 3er Ordnung, die Punkte 1, sich um die Punkte 2, wie Trabanten, Monde
um ihre Planeten drehen. Ob und daß diese Pflanzenbau Ansicht die richtige sey überlasse ich Euch
selbst und Euern Lehrern aus den zugleich hier mitkommenden Exemplaren zu entscheiden. Mir ist sie
tief im Baue der Pflanze gegründet. Sehet so nun, meine sinnig beachtenden und nachdenkenden
Söhne und Töchter, welch einen tiefen Grund bekommt die fast unverwüstliche Ausdauer; sehet
nur den starken holzigen, stämmigen Mittel- und Hauptwurzelnstengel! - Und - welche hohe
sinnbildliche Lebensbedeutung bekommt dieses Pflänzchen; welche hat es für mich bekommen!
Himmel, Erde und Menschen hat dieses Pflänzchen wie durch das rosige seiner Farbe in
Eintracht geeint. Den Bau des Himmels, den Weltenbau sehen wir in einem einfachen
kleinen Alpenpflänzchen wiederholt. Wie die Sterne gleich Lichtern, Flammen oder
Blumen dem nur oberflächlich sehenden, beachtenden Auge auf einer Himmelsfläche
zu stehen gleichsam auf- und angeheftet erscheinen und doch in großen Weltenkreisen
sich um und nebeneinander bewegen, so erscheinen hier diese Pflänzchen diese Blümchen alle
einzeln für sich auf einer ebenen Fläche neben einander zu stehen, und doch beziehen sie
sich in aufsteigendem Grade immer auf höhere einigende und zuletzt auf einen einzigen
einigenden Lebenspunkt. Ich sagte Euch eben, daß der erste freundliche Eindruck dieser
großen Blumengemeinsamheit, der einer großen Zahl, aber in Friede und Freude unter- und /
[11]
nebeneinander lebenden Glieder einer Familie war. Denn sehet, die Glieder einer Familie
und wenn sie auch noch so zahlreich ist bewegen sich gleichsam auch, leben auch wie auf einer einzi-
gen Ebene nebeneinander und erscheinen dem ersten oberflächlichen Blick wenn auch freundlich
zu- doch getrennt untereinander zu stehen. Dringt aber nur tiefer ein und alle diese Glie-
der erscheinen in ganz anderem Verhältniß zu einander. Schauet da zwey Kinder, das eine
lernt das andere spielt; A sey das eine, W sey das andere, so getrennt sie erscheinen, so neigen
sie sich doch zu einem gemeinsamen, elterlichen Lebenspunkt, nennt diesen M sehet so
habt ihr gleich eine Erscheinung welche der ersten Gliederung unseres rothen Pflänzchens gleich ist,
nemlich so: [Zeichnung]
Allein der Lebens und Herzpunkt M. verhält sich ja zu einem
andern Lebenspunkt ebenso wie sich vorher A. und W. zu ihm verhielten; nennt
diesen Punkt Chr so
bekommt Ihr: [Zeichnung]
Denkt Euch nun, daß sich noch mehrere Punkte, strahlend zu
Chr. verhielten wie M mit seinen Strahlen, sehet so bekommt Ihr eine Er-
scheinung welche ganz unserer zweyten Gliederung des kleinen Pflänzchens gleicht, nemlich so [Zeichnung]
Nehmet nun der Punkt Chr verhalte sich strahlend
wieder eben so zu einem ferner und weiter abwärts liegenden Punkte
z. B. JJf eben so wie sich zu ihm der Punkt M u.s.w. verhalte;
denkt Euch nun von diesem dritten Lebensherzpunkte, welchen ich darum durch 3 Hauptbuchstaben
bezeichnete nach allen Seiten wieder mehrere Strahlen gleich der Chr-JJf auslaufend
welche sich weiter eben so gliederten wie dieser Strahl, und Ihr habt eine Erscheinung ein
Bild dem unser rothblühendes Blümchen genau gleicht. Ich will Euch das Vergnügen
Euch nicht nehmen, Euch selbst diesen vielstrahlig, strahlig gestrahlten Stern vollkommen
auszuführen. Wollt Ihr ihn in die vollkommenste ganz erschöpfende Übereinstimmung mit unserm
Pflanzenstern setzen, so denkt Euch in den hervorblinkenden Staubfädenknöspchen den hervorbrechenden
Geist in dem verschley verborgenen Staubwege, das im Herz verborgene Gemüthe und als die Frucht
davon das noch verschleyerte handelnde, schaffende, wirkende Leben, der zarten röthlichen Men-
schenblümchen A und W. Eine jede Familie nun wo ihr von Eltern - zu Kind - und Kindeskind
vorwärts aufsteiget und vom Kind durch Eltern - Großeltern und Urgroßeltern zurück-
gehet zeiget Euch dieß Bild, welches uns so lieblich unser Alpenpflänzchen entgegen wächset
grünt röthlich entgegen blühet, welches unsern Blick zum Weltenbau leitet.
Kinder! denkende Söhne und sinnende Töchter! wie sinn- und bedeutungsvoll wird nun der
erste, so unwillkührliche, so ganz zu fällige (:(?) ja zu-f-äll-ige, vom Geiste zum All
zum Leben (e) des All hinneigende, hinzeigende:) Eindruck dieses Pflänzchens! – Was
zeigt es? - was giebt es? - - - Eine große Lebensaufgabe löset es: -
,,Wie kann eine, auch die zahlreichste Familie stets hoffnungsvoll grünend in Friede und
“Freude und all den schönsten Erscheinungen des Lebens seiner Entwickelung und Ausbildung
“gewiß entgegen gehen? –
“Wenn sie das Leben des Weltenbaues und der Welten- und Sonnensysteme in sich dar-
“stellet, wenn sie die Gesetze des All in sich wirken läßt! –
Wer mag, wer kann das erfassen! - Ist dir’s zu groß ist dir’s zu unerreichbar
siehe, schaue, höre das Alpenblümchen, es sagt dir:
“Wer mein einfaches Leben in sich darstellt, wer die Gesetze meines kleinen Blumenle-
“bens in das seinige aufnimmt, oder vielmehr da sie ja schon in ihm sind, in sich leben
“und wirken, sie in sich entfalten und ausbilden lässet.” - - -
Und - weiter - auch geistige Lebensfamilien giebt es. - Suche hier die Grenze wie im Weltall!!! /
[11R]
So standen wir, sinnend und sammelnd auf der Alpe immer allmählich aufwärts gestiegen
endlich vor einem riesigen Felsenkoloß neben um und über welchen wir den
Weg {nach / zu} dem Gipfel des Berges suchten. -
Schon als wir von Herrgottswalde die Anhöhe heraufstiegen, trübte sich der Himmel um
die Spitze des Pilatus. Doch die Gewalt der Sonne hatte die leichten Wolken leicht wieder zer-
streut und wir hatten voll guter Hoffnung unsere Wanderung fortgesetzt. Seit wir nun
aber jetzt so in unsere Pflanzenwelt vertieft vorwärts geschritten waren, hatten sich die Dünste
wieder zu Wolken gesammelt und fingen schon an sich gerad vor uns dichter an die Felsen und
Bergwand anzudrängen und uns den Blick auch nur in einige Ferne gänzlich zu verschließen.
Ob wir gleich noch außer der Wolkenmasse standen, so war uns doch die Aus- und Ansicht beson-
ders nach der Gegend hin wohin unser Weg eigentlich gieng gänzlich abgeschnitten. Ferdinand
meynte wir seyen schon bey dem vom Gäumer uns bezeichneten letzten Grath, d. h. auf den letzten
Anhöhen von Bergschutt die sich gleichsam wie Äste oder Rippen sich in rechten Winkeln von dem
Hauptbergrücken nach dem Thale oder wenigstens über die Alpe herabziehen, - und nun müsse noth-
wendig der Weg sich durch und über eine sich rechts vor uns öffnende Felsenschlucht hinweg ziehen.
Ich sahe jedoch bald wo Ferdinand zuerst hin wollte, da konnte der Weg schlechterdings nicht hingehen
denn der leiseste halbe oder Fehltritt brachte sichtbar Gefahr, und so schlug ich ihm vor, mehr links
an der Seite des Felsen hinauf zu steigen. Mit festem Fuß und aufstemmenden kräftigen Arm
führte es Ferdinand aus; doch er kehrte bald mit der Erfahrung zurück, daß von diesem Punkte
aus, schlechterdings nicht auf die Höhe zu kommen sey; denn hinten schließe sich die Schlucht wieder
mit senkrechten Felsenwänden. Er stieg zurück. Einige verblühete Aurikeln - Flueblumen d. i
Blumen der steilen jähen Felswände heißen sie hier, da sie nur auf den hohen und höchsten Alpen
an den steilsten Felsabhängen mit ihren Kinderaugen und Kindersinn stehen - waren sein Lohn für das
Wagniß.
Die Wolken hatten sich nun auch um uns ganz dicht zusammengezogen; das Rathsamste war war [2x]
uns gerad da wo wir nun eben standen uns nieder zu setzen, um nicht durch For[t]wärtsgehen
in Gefahr zu kommen. So wollten wir wenigstens zunächst eine Stunde verharren und hoffend
die Zertheilung der Wolken erwarten. Mich beschäftigte die Prüfung der localen Verhältnisse,
so weit ich solche in mir trug und die Euch zum Theil mitgetheilten Betrachtungen. Endlich
nach wohl mehr als einer Stunde öffnete sich der Himmel d. i. zertheilten sich die uns dicht um-
gebenden Wolken und öffneten uns den Blick in den heiteren blauen Himmel, was mir ein sehr beglücken-
des Gefühl gab, so daß wir nun hoffen konnten unsern Rückweg gefahrlos anzutreten. So war
es denn nun auch wirklich nach noch manchen vergeblichen Versuchen, die Ferdinand zur
Fortsetzung der Reise gemacht hatte - denn nach der Gegend wo unser vorwärts hin ging deckten
noch immer Wolken den Berg und die Aussicht - beschlossen. Als wir nun nochmals, wie
nach einem gleichsam vor den Augen entrücktem Ziele zurück blickten, sahe Ferdinand hinter
dem Grath, worauf wir stehen [sc.: standen] noch einen zweyten sich erheben und vom Rücken (vielleicht gleich ei-
ner Gräthe) sich herabziehen. Ich hatte ihn schon beym Heraufsteigen gleich im ersten Augen-
blick bemerkt und darum Ferdinanden in seinem vergeblichen Suchen in mir gar nicht
verstehen können, weil ich in mir ganz sicher glaubte er habe ihn eben so gut wie ich gesehen.
Ferdinand gewahrte es kaum als er mir sagte, ich möchte hier zurück bleiben, er wolle
doch wenigstens sehen wo der Ausweg zu finden sey, damit bey einer zweyten Reise zur
günstigeren Zeit wir doch gleich darüber in Gewißheit wären. So blieb ich zurücke und
suchte nach Umständen Blumen. Bald hörte ich den Ferdinand rufen, die Aussicht den Aus-
gang zu finden zeige sich günstig. Nun folgte auch ich ihm doch langsam. Ich kam so auf
eine noch mit viel Schnee ausgefüllte Höhle. Dcn Ferdinand sahe ich der Höhe zu eilen
und er rief mir noch zu: Der Schnee trägt. Während nun Ferdinand seine Ent-
deckungsreise fortsetzte war mir dieser Schnee Veranlassung eine Erfahrungsreise
zu machen. – Doch, von ihrem Ergebniß mündlich; etwas muß doch auch vom Leben
und dessen Erfahrungen noch mündlich mitzutheilen übrig bleiben, wenn wir - wills Gott – /
[12]
uns, Gott gebe bald einmal wiedersehen. Wann wollte ich denn auch zu Ende kommen mit
dieser Reisebeschreibung, wenn ich Euch alles was dieser einzige, aber ganze Tag fürs Leben
mir Wichtiges gab und das Gemüthe fühlend, der Geist denkend, das Leben erfahrend durch-
lebte, - hier schriftlich mittheilen wollte.
Genug, meine Erfahrungsreise war zu Ende; sie hatte mir die Erfahrung gegeben, daß
es wohl am gerathensten sey auf den Rückweg zu denken. Da ich Ferdinanden nirgends
sahe so hupte ich daß die Felsen wiederhallten und das Thal tief unten davon wiedertönte.
Endlich nach gar manchem vergeblichen Versuchen hörte ich aus den Wolken aus weiter
Ferne vor mir aber wie wenn es aus einer Tiefe käme eine dumpfe Rückantwort. – Nach
solchem mehrfachen Wechselgespräche sahe ich endlich den Ferdinand auf der Höhe des jen-
seits einer tiefen Thalbucht, vorliegenden Grathen stehen und von derselben, rüstig
herabsteigen.
Wir theilten uns, wiedervereinigt, wechselseitig unsere Erfahrungen mit, ich mußte
für die Rückkehr stimmen und so wurde der Rückweg freylich nicht mit eben leichtem Herzen
angetreten. Und, einen je größeren Theil des Rückweges wir wieder zurück gelegt hatten, um
so mehr zauderten die Füße vorwärts zu schreiten und immer mehr wuchsen sie fast mit
dem Fußboden zusammen. Ferdinand konnte den Metzgergang gar nicht verwinden. Er
sagte: in einer halben Stunde wären wir an der Stelle, wo der Weg unmittelbar auf
die Berghöhe abgieng und in einigen Hundert Schritten würden wir ganz gewiß von
da auf dem Gipfel des Berges welcher für heute unser Ziel war, dem Gemsmättely,
seyn.
Es war jetzt 2 Uhr Nachmittags vorbey. Doch das unerreichte Ziel drückte mich selbst
um so mehr als ich ja noch weniger vom eigentlichen Ausgang wußte als Ferdinand. Obgleich
wir nun schon wieder eine bedeutende Strecke des Rückwegen hinter uns hatten, so sagte
ich doch: - Gut, wenn du die Gewißheit in dir hast daß wir in einer Stunde am Ziele sind
so wollen wir noch hinaufsteigen. Und rüstig wurde nun wieder und ohne Zaudern
der Weg zum drittenmale nach Vorwärts angetreten. Wir kamen nun in gemesse-
ner Zeit wieder an der mir von Ferdinand bezeichneten Felswand an und es war gar kein
Zweifel mehr übrig daß über dieses sich hier doppelt neigende Felsengehäng der Weg nach
dem Gipfel führe; die Eisenspuren von kräftig eingesetzten Nägeln der Bergschuhe und
den scharf eingehauenen Spitzen der Bergstöcke zeigten es klar; und so wurde denn,
klüglich jeden Schritt und Schritt prüfend erwägend auf der, unter scharfem Winkel sich
neigenden Felswand, sich bald auf den Rücken bald auf Leib wendend, von Stufe zu
Stufe, wenn man die Vertiefungen und Zacken der Felsen so nennen mag in die Höhe ge-
hoben. Allein die so erreichte erste Anhöhe führte uns noch nicht wie Ferdinand gemeynt
hatte unmittelbar zum Ziele - doch zog sich Weg über Wegbare, reich mit Pflanzenwuchs
bedeckte wellige Berggelände (hier Mättely genannt) nun sichtbar zum Ziele hin.
Die letzte Höhle oder Schlucht, ich weiß diese flußbettartigen Vertiefungen längs der Berge
sich herabziehend nicht besser zu bezeichnen - auch noch zum Theil mit Schnee ausgefüllt
war auch schon hinter uns und wir standen nun auf einer wunderschönen dunkelgrünen
Bergmatte von dem dichtesten und üppigsten Graswuchs auf und über den schroffesten kahle-
sten Felsen und auf einer Seite wieder begrenzt von einer nach der Höhe und Länge kaum abzu-
sehenden kahlen schroffen Felswand, die wir doch, es war das Widderhorn, jetzt gern zu
unserer rechten liegen ließen. Wie wohlig ergieng sich sich nun der Fuß auf dem sichern
Boden und in dem sanften Rasen. Was aber das Schönste war, war der Blick gleichsam auf
ganz große Beete gedrängt voll der lieblichsten dunkelblauen Vergißmeinnicht auf und an
den kräftigsten Stengeln und zwischen den frischesten markigen Blättern vom
dunkelsten Grün. Nie habe ich noch in dieser Art etwas Schöneres gesehen. Ja hier schien
recht innig der Himmel in seinem Blau mit der Erde in ihrem Grün vermählt. Denkt Euch nun
diesen Blick nach dem Wege über rauhe Felsen und rollige Erde, - und so unerwartet, so überra- /
[12R]
schend, es war ein Gefühl zum lauten Aufjauchzen und doch war die Seele in sich nur eine unge-
theilte stille Freude, man hätte über die Fläche dahin tanzen mögen und doch scheuete sich
der Fuß einen dieser schönen Blumensträuße zu zertreten. Es war als höre man zu
diesem Tanze die sanfte Musik und doch war alles rund um ganz stille.
Lange wurde jedoch bey diesem Blicke jetzt nicht verweilet. Wie im Fluge wurde alles
ergriffen, wie eine laue Abendluft über ein blühendes Blumenbeet hinwehet und
mit einem langen Zuge alle Gedüfte desselben einsaugt so nahm mit einem stillen
langen sanften Zuge das Gemüthe das Ganze in sich auf. Ferdinand stieg schon eifrig
der Höhe, d. h. dem Kamme nach der äußersten und höchsten Spitze unseres jetzigen und
heutigen Zieles des Gemsmättely zu.
Wie sehr sahe ich mich nun aber, endlich auch den Kamm dieser Höhe erreicht habend, ge-
teuscht; ich glaubte auf dem Bergrücken doch wenigstens eine Fläche von einiger Breiten-Ausdehnung
zu finden, aber wie groß war mein Erstaunen als - ich möchte verhältnismäßig fast
sagen - ich einen messerscharfen Bergkamm vor mir sahe. Zu beiden Seiten fielen die Berg-
gehänge wie die Schenkel eines ziemlich spitzwinkligen gleichschenkligen [Anm.: Dreieck als
  Zeichnung] ab, der Fußweg
auf diesem scharfen Kamme weg war wie der Weg eines Stück Wildes und auch so eingetreten
oder wie ein etwas breites Schubkarrengeleis, so daß man fast nur eben Fuß vor Fuß setzen
konnte. Genug der ganze Bergrücken dieser Höhe d. h. des Gemsmättely hatte kaum die wirkliche
Breite eines Stuhlsitzes, dazu noch nach beyden Seiten hin etwas abgerundet. Denkt Euch nun
dieß in einer solchen Höhe und auf einer Strecke von mehreren Hundert Schritten. Weil ich das
ganz und gar nicht erwartet hatte, so wagte ich Anfangs bis sich das Auge daran gewöhnt
hatte gar nicht vor mir auf noch weniger nach einer der beyden Seiten ab zu sehen. Doch gab
sich es bald und so gelangte ich und wir zur äußersten Spitze. Hier sahe ich nun gar kein wie-
teres Fortkommen möglich, denn der Verbindungskamm zwischen dem Gemsmättely und dem Tomlis-
horn
war möglichst noch schärfer. Ich sahe jetzt und später (bey einer zweyten Reise) die Mög-
lichkeit nicht ein auf diesem Verbindungskamm hin von einer Bergspitze zur andern zu kommen.
Ferdinand meynte es später zwar, allein bey dem leisesten Ausgleiten nach der einen
dicht mit Gras bewachsenen und eben darum sehr gefährlich zu längshin zu begehenden Bergwand dünkt
es mich, müsse der Oberkörper und so der ganze Mensch über den schroffen felsigen
Abhang der andern Seite in die Tiefe geschleudert werden.
Noch immer begleiteten uns die wunderholden Vergißmeinnicht, denkt Euch nur auf dieser
Höhe. Ich pflückte daselbst die welche Ihr hier bekommt und besonders fand ich auf der
äußersten Spitze als ich mich eben recht zufrieden niedergesetzt hatte unmittelbar neben
mir den Genzianenkranz aus einer einzigen Wurzel, welchen ich hier der lieben Mutter
mitschicke für welche und in deren Andenken ich mir ihn auch sogleich aneignete.
Von der Aussicht welche der Lohn unserer mühevollen Wanderung war sage ich nichts.
Ferdinand in seiner Reisebeschreibung wird Euch ganz gewiß das wesentlichste und beste
davon mitgetheilt haben. Von den Schneebergen blieb uns vieles verschleiert und an ei-
nen Überblick der ganzen hier zu übersehenden Alpenkette war heute gar nicht zu den-
ken. Doch gab noch immer der Blick viel, sehr viel; denn die Aussicht nach dem Lande, nach
dem Rheine u.s.w. zu war fast ganz offen. Ich hebe nur den Blick auf und ich möchte auch
wieder sagen von den 10 bis 12 zum Theil bedeutenden Seen heraus, mit welchen gleich-
sam die Erde wie mit klaren Himmelsaugen treu zum treuen klaren Himmel empor schaute;
denn auch die Erde selbst erscheint, eben in der großen Ausdehnung, in welcher sie wohl bis zu
den Vogesen und zu den Schwarzwald bis zu den Vorarlberger Gebirgen u.s.w. vor-
liegt klein. Kleiner noch der Mensch in seiner äußeren Gestalt in seinen Häusern, Dör-
fern und Städten die wie Ameisenhaufen unter einem und auf der weiten Fläche hin zer-
streut vor einem liegen. Alle Qual Noth und Angst bleibt in der Tiefe, kein Angstruf und
kein Schmerzensschrey steigt zu diesen Höhen herauf und nicht der laute Ausbruch lärmender
Freude. Klein und nichtig erscheint das äußere Getreibe der Menschen man sieht dafür gar kein /
[13]
Ziel und keinen Zweck ab. Nur die Natur erscheint hier groß, das All; doch größer noch der
sich selbst besitzende, still in sich lebende Mensch, das, nicht allein die Natur und das All
in sich erfassende in sich begreifende, sondern selbst Gott in seinen Willen aufnehmende könnende Wesen.
- Es war 4 Uhr, schon erinnerte uns die kühler werdende Bergluft zum Herabsteigen.
Ein wohl noch 8 bis 9stündiger Rückweg lag vor uns. Wir hatten in uns das Gefühl
durch Ausdauer wenigstens von unserer Seite unser Ziel erreicht zu haben, wenn auch der
Blick auf und in die großartige Welt der Berge ewigen Eises nur unvollständig gewesen
war, und so stiegen wir zufrieden und befriediget, freudig und froh den Weg zurück welchen
wir herauf gestiegen waren. Von den vielen schönen Blümchen und besonders dem herzigen
VergißmeinnichtVölklein nahm ich freundlich Abschied.
Als wir den letzten unwegsamen Weg über die Felsen zurück legten meynten wir beyde
wenn die rüstigen Keilhauer so nahe wohnten als die Luzerner Jugend, so würde derselbe
zur Freude vieler längst wegsamer gemacht worden seyn.
Wieder angekommen auf unserem großen Berggelände der Bründlisalp, bewill-
kommnete uns mit seinem zarten Gesang ein lieblich kleines Vögelchen, welches ich
dem Rothschwänzchen, oder vielleicht mehr noch dem Rothkehlchen oder der Grasmücke ver-
gleichen möchte. Seine Wohnung schienen die ewig starren Felsen zu seyn, aus welchen es her-
vor zu singen schien und mit welchem sein zarter Gesang sehr in Entgegnung stand. Es war
mir als sängen mir die genanntenVögelchen oder der kleine frohsinnige Zaunkönig aus
Keilhaus Umgebung in dieser Stimme ihren zarten Gruß zu, welchen ich dankend erwiederte.
Sicher und fest wurden nun die Füße auf den bekannten nun besonders fest und sicher er-
scheinenden Weg gesetzt. Aber bald lehrte mich die Erfahrung daß der Mensch sich nicht zu
leicht und nicht zu sehr dem Gefühle der Sicherheit hingeben dürfe; denn jedesmal wo ich mich,
besonders beym Herabsteigen von der Bründlisalp auf dem Felsenwege einem zu großen
Gefühle der Sicherheit hingab, wurde ich auch immer augenblicklich und einigemal selbst
empfindlich dafür gestraft und belehrt daß der Mensch auch das schon bekannte Leben nicht
durch die Meynung, es nun schon ganz zu kennen aus dem Bereiche der strengen Beobachtung
lassen solle.
Sechs Uhr Abends waren wir wieder bey unserm Senn im Rosenstock; und, wie schon
beym Hinaufsteigen bestimmt war, wurde hier wieder durch die Speisen der Sennerey zur wie-
teren Reise gestärkt.
Die Schwesterdrey war nicht vollständig da; nur das mittlere Mädchen davon lag schon
schlafend auf der hierzu Lande ganz eigenthümlichen warmen Ofenbank, welche zugleich
ein Theil des Ofens ist. Als sie erwachte sagte sie mir ihre Schwestern wären hinten auf
der Alpe beym Viehe. Ich reichte ihr einige dürre Zwetschen, welche ich für den Durst zu mir
gesteckt und nun noch übrig hatte. ,,Tusig, Tusig Dank” sagte das kleine Mädchen für
die ihr ganz köstliche Gabe und Speise. Ihre Freude und Zufriedenheit rührte mich; vielleicht
hatte sie noch nie welche gegessen; ich gab ihr nun noch einige für ihr kleines Schwesterchen
welche sie gleichsam schon im Vorgefühl der Freude derselben empfing, und solche ihr auch
zu geben mir mit einfachem Worte zusagte. Ich dachte daran wie wohl zu Zeiten bey uns
von der jungen Welt das getrocknete Obst eine so verachtete Sache gewesen sey und wie
diese Kinder mit wenigem davon sich schon so beglückt fühlten.
Um 7 Uhr Abends wurde nun auch der Rückweg aus dem Rosenstocke angetreten.
Frisch ging der Weg dem Thal entlang vorwärts. Oben an der Bergwand zur rechten
und an seinen obersten Felsengipfeln wurde der gemachte Weg gesucht, um ihn nun ganz
und in Zusammenhang wo möglich zu überblicken. Einen freudigen Abschiedsblick erhielten noch die so schön gewachsenen, spitzkegelichen Fichten. –
Daß wir im wackern Vorwärtsschreiten nicht gehindert würden öffneten uns aufmerk-
same Kinder die Gatter welche zwischen den verschiedenen Weiden sich befinden und er-
warteten nun eine kleine Gabe. - Gern gab ich die Gabe, die in dem Maße große Freude mach- /
[13R]
te, als sie klein war, und doch war es mir auch leid, daß das kleine Kind diesen Dienst schon um
Geld that. Unmöglich konnte ich mir denken, dieß sey auch schon bey dem ersten Kinde, als es ir-
gend einem Wanderer diesen kleinen Dienst zum erstenmal geleistet habe,{die Absicht / der Fall}gewesen.
Aus einfach kindlichem Sinne möge es das Gatter geöffnet haben, dankend, da der Reisende
keine bessere lebenvollere, dem Leben und Bedürfniß des Kindes entsprechendere Gabe gehabt
habe, habe er die klingende Gabe gereicht, und so sey Absicht und Eigennutz in die gewiß zu-
erst rein menschliche Erscheinung, einem Menschen und einem Fremden einen kleinen Dienst
freundlich zu erweisen, gekommen. Daß Kinder nur aus letztgenannten reinen Gesinnungen
Menschen freundlich kleine Dienste erzeigen läßt sich zum Lobe der Kinder vielfach nach-
weisen, der Erwachsene Mensch sollte nun wohl diese reine Gesinnung im Kinde ehren
wo er sie noch rein erkennt und ihm lieber statt mit einem zwar klingenden aber wie
der Ton verhallenden vergänglichem Lohne durch ein lebendiges, sich lebenvoll fortent-
wickelndes aus dem innersten Leben kommendes Wort lohnen; doch die innere Armuth
und Leerheit des Menschen macht daß er das doch äußerlich noch so bedürfnißlose Kind
auch innerlich schon so arm und leer hält. Freilich sollten auch die Eltern dem Kinde fühlend
und ihm wahrnehmbar und beachten machen, daß der herzliche und noch überdieß freundliche Ge-
sinnungsdank des Menschen mehr noch sey als dessen klingender Gelddank. Wenn Ihr meine
lieben denkenden Söhne und sinnenden Töchter! nur einen Augenblick Euern Geist und Euer
Gemüthe frey thätig seyn lassen wollet, so werdet Ihr (wieder) finden daß hier bey der
Pflege und Befestigung einer Gesinnung ganz dasselbe gilt was oben von der Kundmachung
reiner Gesinnung erkannt und ausgesprochen wurde, daß nemlich auch hier wieder drey
Dinge in so klarer als inniger und wechselseitiger Durchdringung zusammen gehören
hier: - die Gesinnung in dem Kinde; - die gleiche Gesinnung und deren Anerkennung in dem Fremden
- die gleiche Gesinnung und deren Pflege in den Eltern; Wo immer im Leben drey solche mit
Nothwendigkeit zusammengehörige[n] Dinge auch wirklich zusammentreffen, da wird das
Leben des Menschen leicht, rein und blüthen- und Früchte reich, da wird das Leben schön, gut und wahr.
Wo aber eines von diesem nothwendig zusammengehörigen Gedritt fehlt da wird das Leben
schwer, in den allerkleinsten Dingen oft so schwer, daß es gleich einem großen Bleystück
nicht von der Stelle zu bewegen ist, wo Ihr nun dieses in Euerm Leben bemerket, so müsset
Ihr gleich sehen welches dritte Euch mangle, z. B. wie wir oben sahen, ob Liebe, oder Dank
oder Gehorsam und dieses Dritte wie es sonst noch aber immer als ein inneres rein gei-
stiges Gut heißen möge Euch zu verschaffen suchen. Mich selbst hatte dieß kleine Lebens
Bildchen, was ich Euch Jüngeren wenn ich Zeichner wäre, wohl zeichnen möchte, sogleich auch außer dem
hier schon angedeuteten gleich gar manches für meinen erziehenden und lehrenden Beruf
gelehrt; gern gäbe ich z.B. meinen kleinen Knaben und Mädchen mannigmal wenn sie ihre
Sache brav gemacht haben ein paar Birnen oder Pflaumen, aber ich fürchte nächstens
möchte bey Gutmachung ihrer Arbeit, dieß als Absicht erscheinen, und wenn nun die Er-
wartung geteuscht, künftig die Arbeit nur um so schlechter oder nur um eines äußeren Lohnes
nicht um der inneren reinen geistigen Absicht nur um des in der Sache selbst liegenden Zweckes
willen gut gemacht werden. So hätte ich z. B. der Christina, die Dir Emilie und Dir
Hedwig die schönen Briefe wenn auch nach meinen Worten doch in ihren Gesinnungen und mit
ihrem Fleiße schrieb, auch irgend eine kleine schöne Gabe gereicht aber ich unter-
ließ es, damit nur die reine Rückgabe gleich schön aber überdieß mit eigenem Worte
wie mit eigener Gesinnung geschriebene Briefe ihr Lohn, ihr Vergeltung sey.
Merkt Euch meine lieben Kinder daraus das, daß sehr oft höhere Absichten Eure den-
kenden Lehrer und Erzieher bestimmen, Euch etwas zu entziehen, was sie Euch doch zur
Befriedigung ihres eigenen Herzens so sehr gern reichten. - Durch rein menschliche Ge-
sinnungen, durch rein menschliches Handeln erkennt der Mensch auch Gottes Wirken
und Thun klarer. Ihr Größeren denkenderen und sinnenderen Söhne und Töchter sagt Euch also:
Gott gäbe den Menschen gewiß auch gern gar manche fröhlichen Lebensfreuden, wenn sie des Menschen
alles trübende äußerliche Sinn nur nicht gleich in fesselnde Lebensleiden verwandeln wollte. /
[14]
Und diese kleine Betrachtung angeknüpft an das kleine achtsame Kind und durch dasselbe
hervorgerufen die Euch in die Liebe Eurer erziehenden u lehrenden Freunde, in die Liebe aller
derer die treusinnig erziehend und lehrend auf Euch wirken besonders auch in meine innige
Liebe zu als treusinnigen Pflegevater zu Euch einführt, einführen kann in die noch bey weitem
höhere und reinere Liebe des uns alle liebend erziehenden einzigen Vaters, beschließe
denn nun auch die Mittheilungen eines Tages eines ganzen Tages aus meinem Leben, damit
Ihr denn auch als treusinnige Kinder, Söhne und Töchter sehen könnet wie das Leben eines treu-
sinnigen seine Kinder pflegenden Vater alle Tage und jeden ganzen Tag beschaffen sey. -
Dieser Tag war aber auch wirklich seine ganzen 24 Stunden hindurch, durchlebt. Wie
wir um 2 Uhr Morgens des verflossenen Tages aufgestanden waren, so kehrten wir
2 Uhr morgens des folgenden Tages nach Wartensee – (:auf dem Notizenblatte habe ich
Keilhau geschrieben, woraus Ihr sehen könnet wie innig ich schreibend bei Euch lebte :) – müde
sehr müde wie Ihr Euch leicht denken könnt zurück, denn in 24 Stunden war ein wirk-
licher Weg von wohl 18 bis 19 Stunden gemacht worden.
In weniger als 5 Stunden erwartete uns schon wieder der Arbeitstag, es war Sonnabend.
Kurz war nach solch einem angestrengten Tage die Zeit der Ruhe, kaum 4 Stunden, und Pläne
wurden schon gemacht die Kinder gut zu beschäftigen, wenn Müdigkeit das ordentliche
Abhalten der Stunden verhindern, unmöglich machen sollte. Doch, die Arbeitsstunden kamen und
mit ihnen auch die neue Stärkung zur Erfüllung des Tagesberufes. –
Eine Bemerkung dünkt mich ist aber noch über diesen Tag des Wanderns aus meinem Leben und ehe ich von
seiner Mittheilung an Euch Abschied nehme, besonders an Euch Größere zu machen:
Erfreuet Euch vielleicht die Mannigfaltigkeit der Lebensbegegnungen, der Lebensbilder,
der Gefühle und Gedanken überhaupt des inneren Lebens, welches Euch dieser Tag – ob-
gleich wie ich aussprach noch lang nicht erschöpfend vorführt; - wünscht Ihr daß auch
Eure wandernden Lebenstage an Mannigfaltigkeit so reich seyn möchten; - so gebe ich Euch
den Rath: Laßt auf Euern Reisen Euern Geist und Euer Gemüthe ganz frey schalten und
walten; lasset beyde unter den Gegenständen die Euch begegnen sich ergehen wie sie Lust
haben und sie unter sich und mit Eurem Leben verknüpfen wie es Euch selbst jetzt Bedürf-
niß und Anforderung ist; meinet aber nicht etwa bey gewissen Stellen und Erscheinungen auch nothwendig
gewisse Gefühle, Gedanken, Wahrnehmungen haben zu müssen; wer-
det an Euerem Leben nicht irre, wenn es sich ganz trocken und bedeutungslos abzuwinden
scheint; nur eines aber dieß beachtet auf das sorgfältigste: faßt jede Erscheinung, jede
Begrüßung scharf ins Auge wie sie nun einmal ist nichts darin zu suchen, nichts darein
zu legen; aber nichts dürfe an Euch vorüber gehen was nicht gleichsam in der stillen
dunkeln, verborgenen Kammer Eueres Gemüthes – (:camera obscura - Barop wirds er-
klären er besitzt ja glaub ich selbst eine kleine:)- einen treuen bestimmten Abdruck
zurücklasse. Nur unbeachtet dürft Ihr nichts an Euch vorüber gehen lassen. Der stets
rege Geist und das sinnige sich frey bewegende Gemüth verarbeitet das dargebotene Ma-
terial schon ganz selbstständig für höhere Lebensbedeutung und wenn Ihr dann irgend einmal
bey ruhiger Beachtung z.B. an dem Abend jedes Tages des Wanderns oder in den Ruhestunden
während desselben jene Gegenstände in der Gesammtheit ihrer Erscheinung in Euer Ge-
dächtniß zurück ruft, so treten ganz ungesucht auch die höheren Lebensbeziehungen mit
hervor; wie ich mich gern darüber ausdrücke, weil die einzelnen Gedanken dann zwar
mehr und minder ausgebildeten aber doch immer ein Ganzes seyenden Schneesternen
gleichen - sie schneyen einem wie die regelmäßigen Schneesterne in solcher Menge zu, daß
man sie kaum als Einzelne sondern und festhalten kann, zumal da sie aus an und
von dem warmen Lebenshauch sogleich in Lebensthautropfen zerfließen.
Das rein umgekehrte Verfahren von dem eben angegebenen ist jedoch dieß: begeg-
net Euch bey ruhig fließendem Leben irgend etwas g[an]z Unerwartetes, es sei auch das
Unbedeutendste, z.B. daß Du eben wie Du eben einen Dir werthen Gedanken niederschreiben
willst einen Klecks auf das Papier machst oder das Licht Dir ausputzest. Laß diese /
[14R]
diese Erscheinung als ein Lebens nota bene nicht unbeachtet an Dir vorübergehen. In dem Ver-
folg der Betrachtung führt es Dich vielleicht zu einem ganz tief in Dir ruhenden Zustand Deines Ge-
müthes z. B. einem Eifer, einer Heftigkeit welche Du vorher gar nicht bemerktest u.s.w. Ich
habe durch solche ganz unerwartete Veranlassungen die tiefsten Aufschlüsse über mein
Leben im Innern bekommen; ja ich habe wohl sie festhaltend besonders zu einer Zeit
denn jedes Alter hat natürlich seine ganz eigenthümliche Beachtungs-, Behandlungs- und
Festhaltungsweise - ganze Bogen darüber niedergeschrieben, und ich kann Euch so,
komme ich einmal wieder zu Euch so wohl die Erscheinungen selbst als das was sie mich
lehrten vorlegen. Ja was jetzt wie auch aus dieser Darstellung Euch hervorgehen
kann, ein Hauptwendepunkt meines Lebens und meiner inneren Wahrnehmung ist,
die kugliche, sphärische, weltbauische, allische Ansicht des Lebens habe ich, wenn ich
auch nicht sagen kann, auf diesem Weg gefunden, doch hat sie sich mir auf diesem Weg
zur Lebensklarheit erhoben.
Diese beyden nun freylich in sich ganz verschiedenen Verfahrungs- und Verhaltungsweisen
nun im Leben wenn auch keinesweges gleichzeitig, doch im Lebensganzen in innige Ver-
bindung gebracht giebt dem Geiste zuletzt eine solche augenblickliche Schärfe und Erfassung
des Blickes, daß - wenn besonders eine ruhige, friedige, jedoch geistig rege Stimmung des
Gemüthes hinzukommt - jede Lebenserscheinung worauf prüfend und beachtend, sinnend
und sinnig der Blick fällt, sogleich auch eine hohe Lebenswahrheit kund thut - (:wie
ich denn auch wirklich alle die Euch hier vorgeführten Gefühle und Gedanken und noch weit
mehr, wirklich an Ort und Stelle gehabt habe wenn auch nur in leisen Keimen und
als kleine Saamenkörnchen, doch aber immer schon als Ganze, und wenn auch das spä-
tere Zurückrufen und Niederschreiben sie noch ausgebildet haben mag) – denn
alles Leben ist ja ein Einiges, wie Gott die Quelle alles Lebens ein Einiger ist. -
Darum denn all Ihr Lieben, besonders Ihr nun zu reifenden Jünglingen heranwach-
senden Größeren, wünschet Ihr einmal an irgend einem wahrhaft Menschenwürdi-
gen, oder vielmehr Menschheit würdigen Werk Antheil zu nehmen, wünschet Ihr
in welcher Form des äußeren bürgerlichen Wirkens und Berufe es immer sey, selbst
ein solches Leben und Wirken, in welchem größeren oder geringeren Umfange es immer
zu bilden, zu verschaffen, sucht Euch einen Reichthum und eine Fülle des inneren eigenen
und einigenden selbstgelebten Lebens zu verschaffen. Wegen Mangel eines solchen
innern Lebens und inneren Lebensreichthums müssen menschheitwürdige Streben sonst selbst
die edelsten Menschen unbeachtet nur wie Wegweiser und Meilensteine am hohen
Lebenswege stehen lassen, ohne sie selbst auf die schöne Lebensreise mitzunehmen, ohne
ihr sonst <förderndes> Eingreifen zum Wohle der Menschen und zum Heile der Menschheit
bewirken zu können; weil ohne die Erfüllung der eben gemachten Forderung der Mensch
sich kaum selbst, geschweige denn sich gegenseitig versteht. – Ich könnte Euch dieß
noch an Euerm ersten Erdkundlichen Unterricht und der ersten Kenntniß des Gesichts-
kreises klar machen, doch überlasse ich Euch dieß selbst, denn nur selbstgefundene
Wahrheiten können besonders das Allgemeine zur Erreichung des menschheitlichen
Lebenszieles und Lebenszweckes so höchst nöthige innige vollkommene Einver-
ständniß bewirken
. –
Nun lebet recht wohl meine geliebten Kinder, meine theuern Söhne und Töchter! ge-
denket meiner wie ich Eurer immer in Liebe, Treue und Dank gedenke. – Schreibet
Ihr an Eure kommet Ihr zu Eueren lieben Eltern und zu denen welche Elternstatt bey Euch
vertreten, so grüßet sie auf das herzlichste und achtungsvollste von mir. –
Gott sey bleibend mit Euch und mir
Eurem treu sorgenden Pflegevater

Friedrich Fröbel.

Nun noch die Grüße: Als....