Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 2.9.1832 (Wartensee)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 2.9.1832 (Wartensee)
(KN 42,3, Brieforiginal 1 B 16° 4 S.)

Wartensee am 2en Septbr 1832.


Der lieben Keilhauer Gemeinsamheit
Gott zum Gruß zuvor!


Ich kann Euch gar nicht sagen mit welcher Ruhe und Freu-
digkeit mich wieder die Briefe oder vielmehr der Brief erfüllt
hat, welchen ich gestern am 26 v. M. von Euch abgegangen
erhielt, und welcher wiederum alles was ich von äuße-
rer – für mich auch innerer Fortentwicklung erwartete
mit einemmale gänzlich abschneidet. Es ist mir diese
freudige ruhige innere Stimmung ein unwiderlegbarer
Beweis daß sich in all meinen Handeln in dieser Sache
gar kein persönlicher fremdartiger Grund einmischte
ja daß ich dabey viel gegen meine Person – und ich fürchte
von Euch nicht mißverstanden zu werden gegen mein
Herz gehandelt zu haben indem das Herz wohl die Einheit
aller ja auch der Einzelheit und Mannigfaltigkeit in sich
schließen soll, und das Einschließen der letzteren im
Herzen soll hier der Ausdruck mein Herz bezeichnen.
Alle meine Briefe und auch noch der letzte Brief an
Barop nach Fr[an]kf[u]rt ist Euch ein Beweis, kann Euch ein laut und
unzweydeutig redender Beweis seyn, wie streng ich mich
bemühe, in den äußerm Leben und Lebensführungen
auch und durch jede dem Geiste und Gemüthe nur immer
zu Gebothe stehenden Mittel den klaren reinen Willen
Gottes nicht nur bestimmt zu erkennen sondern auch
treu nachzuleben; aber Freunde und Freundinnen, Geliebte!
ich füge mich um so freudiger und williger als sich nur
ein höherer Wille bestimmt und unzweydeutig durch eine
große schlagende und ganz unerwartete Lebenswendung
kund thut. Wie können alle Lebenserfahrungen, alles was
im Gemüthe und Geiste vorgeht mitgetheilt durch Buchstabe und /
[1R]
Schrift mitgetheilt werden [?]; es ist unmöglich: Eines aber kann
ich klar aussprechen: ich sehe immer mehr ein [;] von gewöhn-
lichen, halbgebildeten ich möchte lieber noch sagen halble-
bendigen Menschen wird man um so weniger verstanden
je mehr man offen, redlich, aufrichtig mit ihnen redet
und handelt. Doch wozu jetzt das Allgemeine, wir wer-
den wie es scheint in dem nächsten Winter Zeit genug
haben uns alle gemeinsam und gegenseitig darüber
auszusprechen.
Was ist nun in der Gegenwart und für die Gegen-
wart das bestimmte Ergebniß, die bestimmte Forderung:
für mich ganz einfach diese:
Ich und wir alle haben gehandelt wie wir zu handeln
schuldig waren – (: vielleicht lag es in dem Plane der Vor-
sehung nur diesen Ausdruck einer innig einigenden wie
einigen Handlung zu weit höheren Zwecken als die Worten
sie noch fordern konnten hervor zu rufen :) – nicht aber
allein für uns, sondern auch für die mit welchen wir durch
Wartense[e] verknüpft worden waren, und was diese
auch nur von uns erwarten im stärksten Ausdrucke von
uns fordern konnten: Wir sind wie in uns, so auch
außer uns immer mit allen anderen und einer für den
andern wieder frey. – (: Ich könnte Euch dieses wohl in einem
so schönen als wahren Bilde sagen, allein Bilder haben auch
immer etwas Hartes, und so will ich es lassen allein er-
innert mich einmal daran viel liegt auch Fortentwickelndes
im Bilde :) – Laßt uns nun o! laßt uns nun recht wahr
seyn und dieses selbige, köstlichste der Güter
“innere und äußere Freyheit in Einem“
benutzen. Darum, Geliebte! Freunde und Freundinnen!
Ich glaube wir sind nun alle reif zur innig
gemeinsamen Einigung in Keilhau!

Ein großes gewichtiges Wort, es ist auch kein übereiltes
Wort. Freunde und Freundinnen! Man kann den Gedanken
der Trennung nicht denken ohne zugleich den der Einigung /
[2]
mit zu denken, so wie jedes Menschen Gedenken nicht nur
diese Zweyfachheit sondern sogar den einer Dreyheit in sich
schließen mag – also ich habe diesen Gedanken seit länger
als nun einem Jahre gedacht und – bedacht.
Laßt uns in inniger Einigung nun in Keilhau bau-
en am gemeinsamen Werke und durch das
Daseyn von Keilhau alles Anscheinen
vernichten. Laßt mich und uns im Herbste (ein schönes
Wort) zurück kehren nach Keilhau zur Förderung des ge-
meinsamen Werkes in Keilhau.
Meine Worte sind auch fast Ferdinands Worte.
Ein einmal gebrochenes Vertrauen läßt sich schwer
wieder herstellen besonders in dem letzten Endpunkte ei-
nes Verhältnisses wie das zwischen Schnyder und mir
ist, ich komme darauf gleich zurück. Sehr, sehr oft habe ich
vor Jahren zu einigen unter Euch gesagt: - ich bitte Euch
hütet euch vor der ersten leisesten Verletzung des Zutrau-
ens, des Vertrauens sie gleicht dem Ritzchen im klaren
Glas es springt unaufhaltsam weiter; nur in der Trenn-
ung findet es sein Ziel, und nur neu eingeschmolzen
kann wieder Ein Glas daraus gemacht werden
Ihr habt hier einen Beweis der tiefen Wahrheit dieses
Ausspruchs welcher im größten wie den größten und
wichtigsten Glaubenssachen wie in den kleinsten Erschein-
ungen der Lebens Meinung ihren Grund hat.
Denn das wird Euch nun doch wohl klar seyn und darauf
brauche ich Euch doch wohl nicht erst aufmerksam zu
machen daß es sich jetzt nicht mehr um eine einfache
Erziehungsanstalt von Schnyder und Fröbel handelt.
Was sich jetzt kund thut sind die Wirkungen der
erregten Glaubenszweifel; Fräulein Salesie schreibt
mir „auch unterm 26en August“ wiederkehrend:
„Möge nun der Entschluß über Wartensees Erziehungs-
Anstalt, der nach Ihrer Mittheilung in Kurzem ausgespro-
chen wird, mit dem höchsten Willen in Einklang kommen, das /
[2R]
ist mein tägliches Gebet [.“]
Ich möchte wissen wie eine ächte Menschenerziehungsan-
stalt mit andern Gesinnungen andern Überzeugungen unter-
nommen werden könnte.
Vergleicht nun mit Saleselies [sc.: Salesiens] wiederkehrenden Aus-
sprüchen wieder Schnyders Brief; vergleicht nur wieder
Schnyders vorletzten Brief an mich mit dem an Euch[.]
Sagt mir aufrichtig könntet Ihr nach diesen Brief an
mich eine solche Antwort an Euch erwarten? –
Doch ich schweige! nur das will ich für einige unter
Euch doch sagen, daß ich alles gerad so wie ich es jetzt aus[-]
geführt wünsche – (: nur eben an den Beytrag Schnyders war
dort wie auch jetzt von mir nicht gedacht :) – wenn sein
Ausdruck – „bleibend gemeinsames Unternehmen“ -
mich nicht darauf gebracht hätte :) – nun vor mehr als
einem Jahre mit dem Schnyder klar besprochen habe,
selbst in Beziehung auf das Individuum durch welches es
ausgeführt werden sollte.
Doch nochmals, laßt mich schweigen, es kann Niemand
ein solches Handeln der Menschen glauben, der es nicht erfährt.
„Sie mögen sie glauben sie thun Gott einen Dienst
daran“ laßt sie den Glauben, ja das Glauben der Men-
schen anzutasten war nie meine Denk- noch weniger je
meine Handlungsweise, ich habe dafür immer eine achtende
Scheu gehabt.
Nun zum Schluß (: Barop ich denke und dachte wie Du sagtst
auch ein guter Schluß :) -
Am 28sten Septbr spätestens schließen wir unsere Stunden [.]
Macht das[s] wir gegen Mitte oder Ausgang Oktober wieder
bey Euch sind schickt nun zu diesem Ende die {mir Wartensee} bestimmt gewesen[en]
Hundert Thaler (nur nicht in preuß.Cour.). Niemand von Euch
sehe bey dieser Summe trüb, unschätzbares haben wir dafür einge-
kauft; Freunde Brüder laßt es uns im thätigen Leben ausmünzen -
Laßt meinen Geist u mein Gemüth so frey unter Euch wirken. Gottes
reicher Seegen wird auf all unserm Wirken ruhen. Gott mit uns.
FrFr.

[Nachschrift Rand 1V-2R]
[1V]
Schreibt mir möglichst bald und ganz entschieden. Nächsten Mittwoch schreibe ich vielleicht in öko-
nomischer Hinsicht noch ein paar Zeilen, wozu heut nicht Zeit als war. Die Zeit drängt. - /
[1R]
Die Übernahme des Geldes sogleich in Empfang zu nehmen geschehe vielleicht am besten über Frankfurth durch Dr Gärth oder Adolph v Holzhausen welcher auch mit Geldgeschäften nicht unbekannt ist. Courini oder Martins rathen Euch vielleicht am besten. Vielleicht auch noch besser von Gotha aus. Letzteres wäre mir fast das liebste [Lücke] nun /
[2V]
Die Kinder d.h. auch sämmtliche Geburtstagskinder dieses und des vorigen Monats grüßet, eben sollte eine schon mehrmals verschobene Sendung nach Keilhau abgehen. Billig bleibt sie nun aufgehoben überlegt selbst alles aufs beste. Vielleicht ist die Baarsendung doch das kürzeste und billigste <Fracht> durch die Post /
[2R]
Eins thut mir nur zu gefallen, laßt mich im Briefwechsel mit Schnyder mich nun ganz auf [mich] zurück ziehen; Ihr könnt Euch leichter über das Ganze aussprechen, mich greift es gar zu sehr an. - - -