Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 3.9.1832 ( Wartensee)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 3.9.1832 ( Wartensee)
(KN 42,4, Brieforiginal 3 B 16° 12 S.)

Wartensee am 3en Septbr 1832.·.


An die liebe Keilhauer Gemeinsamheit.
Des in Gott ruhens Seegensgruß allem zuvor!

Ich beeile mich Euch schon mit der morgenden Post das
mir noch nöthig erscheinende zu schreiben; zwar ist es
im wesentlichen gar nichts Anderes als was Ihr alles schon
wißt und Euch mit klarer Bestimmtheit Euch sagen könnt;
aber da man doch sehr oft, wenigstens ich zu Zeiten gern
wissen möchte, wie das zwar schon im Allgemeinen be-
kannte sich nun auch in diesem einen Falle aussprechen
und damit wenigstens von meiner Seite Euch alles zur Ent-
scheidung klar vorliegen möge, so empfanget Ihr hier noch
diesen Brief. So Gott will der letzte vor der endlichen
Entscheidung.
Das erste und wichtigste ist, daß wir uns in unserm Innern
eine solche Stellung zum Ganzen sichern daß wir uns nie
in Schnyders – als Besitzers und Eigenthümer des Schlosses
Wartensee – Hand geben; wir müssen dagegen nie den
Besitz und das Eigenthum und die freye Wirksamkeit die
freye Entfaltung, das freye Leben der geistigen Kraft aus un-
serer Hand geben wir dürfen diese nie – was Schnyders sehr
frühe, bestimmte Absicht war [-] an die Scholle und an die
Mauern von Wartensee binden und fesseln. Nur [an] das
Bleibende nicht an das Vergängliche[,] das Ewige nicht an
das Zeitliche gebunden gefesselt; denn Freunde, daß
es da durch hindurch gehen, daran sich kund thun müsse
ist ganz verschieden von dem Gebunden[-] und Gefesselt[-]
seyn daran. O! seyd hier klar, hier ist die Klippe hier ist
der ewige Zankapfel. – Glaubt o glaubt es mir: die
unendliche, göttliche Kraft soll endlichen, menschlichen Zwecken
dienen und wenn sie das nicht kann, nicht will dann bindet
man sie an; ich kann Euch so viel ich mir Mühe gebe unmöglich alle /
[1R]
einzelnen Lebenserscheinungen so wichtig sie seyn mögen
alle mittheilen. Ich bitte Euch seyd klar, Ihr seht hier wieder
das alte Spiel mit H. – Schl. – W. pp. [sich] wiederholen; da ich
nun nicht verrätherisch mit einem anvertraueten Gut
umgehen es nicht zum Dienste der Eigensucht entwürdigen
kann, nun schiebt man mir alle Elendigkeiten und Schlechtheiten
die nicht einmal mein Geist als in einen so reinen mensch-
lichen und männlichen Verhältniß (im Gegensatz des bübischen)
für als }möglich geahnet hat in Kopf und Herz. Wenn man
sich frey und los von ihrer Selbstsucht und ihrem Eigennutz
halten will und muß, dann ist man Gott-los, los von Gott.
Wenn man ihren Vorstellungen von Gott nicht beystimmen kann
und darf ist man entweder ein {Atheist Neolog} oder ein Schwärmer oder
was sonst, stimmt man ein kann darf man ihren
Vorstellungen von Jesu nicht beystimmen, so ist man ein Pietist
oder ein Antichrist. – Wenn sie nun ihr Gewissen zu <sichern>
vorgeben, so heißt das: ihren Eigennutz nichts vorgeben [.]
Wenn sie vorgeben ein Werk wäre leicht wenn es ein
Gotteswerk sey so heißt dieß, ein Werk wäre leicht zu
fördern wenn es im Sinn der herrschenden Lebens- und
Weltansicht sey. – Ich bitte Euch gebt Euch nicht mehr Mühe
die Mohren zu waschen, müd sinkt davon ermattet der
Arm vom Körper. Was sie vorgeben ist alles Lug ist
lauter Trug; einer betrügt den andern, er weiß daß er
betrügt und weiß daß er betrogen wird; er will
daß er betrogen werde damit er dadurch ein Recht bekom-
me noch mehr betrügen zu können. Ich weiß was ich schrei-
be, ich schreibe nicht zu viel und schreibe nicht zu hart.
Gott hat mir klare Augen gegeben, ich sahe schon lang aber
ich schwieg, weil still seyn und Schweigen Kraft, Muth u
Ausdauer – Stärke giebt. Doch ihr tretet für mich in den
Kampf, Gott fügt es so, Gott will es so, was könnte ich dage-
gen sagen, aber da muß ich Euch auch treu mittheilen
was mich Gott in dem bisherigen Lebenskampf schauen u
finden lehrte, damit – wenn Ihr ferner den Kampf fortführen
und bestehen wollt, Ihr ihn mit Mannesblick und Mannes- /
[2]
kraft und Mannesausdauer führt. [Die folgenden 10 Zeilen sind unlesbar gestrichen]
<-> Ich bitte Euch was Ihr thut und thun wollt führt nur
nichts Halbes aus. Verschaf[f]t Euch Überblick, meint Ihr
daß Ihr nicht durchkommt so fangt lieber gar nicht an, gebt
es auf ehe ihr anfangt; aber fangt ihr es an, habt Ihr
es angefangen so führt es als Männer – (: Mannseyn (wie
Weib- und Menschseyn) wißt ihr kommt von Gott :) – auch
durch, habt Vertrauen zu ein[-] untereinander, hebt
<förder> bildet Euere Kraft und seyd in Euch ganz allem
zu vor des Lebens Eurer Kraft, in der Allkraft gewiß;
seyd davon im Gemüthe durchdrungen, im Geiste durchleuchtet,
im Leben durchwirket. Ohne das kommt Ihr nicht aus
besonders Ihr 3 die Ihr als Verfechter mit offenem Visier in die Schranken
aufgetreten seyd – Ihr wißt das Höchste
was der Mensch besitzt und ihn zum Menschen machte ist
seine Menschensprache Ihr wißt der Mensch bekam sie
zu seiner ersten Genossin und Gehülfin und Hälfte von
Gott, laßt Euch die [sc.: von der] stille sinnige Gottestochter leiten[.]
Vergesset Ihr drey stets Unterschiedenen nicht was ich Euch
als Deutscher am Weihefest deutete, die Drey ist im Frie-
de
enthalten. Ihr drey seyd also in Frieden verbunden! -
Die drey ist die ewige treu (drey Punkte einer Linie sagen es Euch,
theilt sie wie Ihr wollt, nie vernichtet Ihr <die sich treue> drey treu
oder dreu ist in dem Worte Freude enthalten; Ihr drey
seyd also in treu zur Freude der Menschen verbunden.
Friede u Freude ist mir eine uralte Deutung meines Namens
FrFr. So sind auch wir vier in Einigkeit verbunden; Laßt /
[2R]
mich schweigen denn das Ende ist da wo alle Dinge endigen
sollen in der Einheit im Seyn in sich ( Ende, End, ens, ent.)
Ächter Friede und wahre Freude wohnet nur bey Gott, und
diese Himmelsgaben waren es ja auch mit welchen Er
von den Sinnen schwand. -
Dieses Zusammenfallen der drey und vier in Eins, fällt auch
mit dem zusammen was ich glaub ich verflossenen Winter
an Langethal schrieb; doch hat sich gleich nach Abgang jener
Darstellung noch erweitert; die Zahl unserer 4 Namen
zusammen in Eins macht 27 das ist 3 mal 3 mal 3 oder
der Cubus von drey. Dieses fällt nun wieder [mit] der
Deutung meines (Familien) Namens zusammen welche ich, ich
glaube in dem jüngsten Brief an Dich Barop dem Langethal
aufgegeben habe, die er aber schwerlich bis jetzt noch ge-
funden hat. – Ihr sehet daher wie so freundlich es ist so <neben>
lichter des Geistes wie sie beym Schreiben einem zu <schwingen>
gleich Sternen, fest zu halten, zuletzt bildet doch alles
ein großes Ganze: Gar oft ist mir das Festhalten solcher
Entgegenblicke unangenehm gewesen, weil es mich so abzu-
führen schien. Aber Ihr sehet das Festhalten des Augenblickes
bewährt sich im Großen wie im Kleinsten und was ist bey
Gott klein was ist bey Gott groß.
So will ich denn auch gleich wieder etwas festhalten was
mir gestern bey Lesung Eurer Namen aus unterschriften entge-
gensprang. Ihr unterschreibt Euch
      H Langethal M Middendorff J Barop.
Ihr seyd alle drey drey gelehrte Theologen, findet darum
die Deutung die mir entgegentrat. Einiges will ich Euch sagen
es bezieht sich nur auf die Buchstaben Eurer Taufnamen,
es deutet sich mir auf die Einheit, Einigung der Zeit, fällt aber
mit der drey des Raumes so wieder der Eins zusammen.
Es ist war es <längst etwas sehr fern> doch mir trat es sogleich
beym Blick darauf die Namen entgegen.
Das Sinnbild bleibt mir in seiner Klarheit wie in
seinem Spiel immer wichtig; denn wie es das Innere, den
Blick klärt und schärft, so thut es auch das Innere kund. /
[3]
[Bogen] B.
Doch zurück ins wirkliche äußere Leben: - Es ist ganz lächerlich
von <einem> neu angetragenen Verhältniß zu reden; wenn da-
rinn je etwas anderes wäre, so wäre es eine Fortentwicke-
lung des früheren, älteren für Vollkommenheit und Vollendung.
Es sitzt sich nun doch auch wahrhaft sicherer auf einem dreyfüßi-
gen als einfüßigen Stuhle das weiß doch wohl ein jeder;
freylich ein dreyfüßiger steht auch wenigstens äußerlich
fester, läßt sich auch nicht so leicht umwerfen; der einbei-
nige steht sicher so lang er sich um seine Achse bewegt, das
sich um seine Achse bewegen ist ihm zum Stehen nothwendig.
Dieß sind nun freylich mancherley Betrachtungen, die auch ich
hatte als ich die Drey der Eins vorzog; doch Herrn Schnyder sollte
es nichts neues seyn der längst wusste wir seyen 3 oder seyen
4 oder seyen 12 oder 13, so seyen wir nun doch 3 oder 4 oder 1.
Das gestörte Vertrauen sucht Ausflüchte sich zurückzuziehen;
meinethalben ich kann dabey nur einzig gewinnen, aber
nicht so gar schreyende Widersprüche muß sich Schnyder zu
schulden kommen lassen, sie sind ja so klar als unglaublich. Jetzt
spricht Schnyder davon daß er sich Raths erholen müsse in die-
ser wichtigen Sache. War er nöthig sich für Wartensee
Raths erholen zu müssen so war es doch wahrlich am wich-
tigsten beym ersten Schritt für Wartensee gewesen, und doch
sagte er dort wiederholt zu mir: „wenn er es nicht um
der größeren Sicherung der Anstalt willen thäte, so hätte
er als Eigenthümer rc. gar nicht nöthig wegen der Unter-
nehmung einer privatErziehungsanstalt anzufragen.“ (: Was
übrigens laut dem Beschluß des Kleinen Rathes gar nicht
wahr ist, in einem guten Staate nicht wahr seyn kann )
Was redet er dann von, mir anvertrauen eines alten, tiefen
Verhältnisses? - wo ist das? – ich bin frey vermöge der
Übereinkunft denn noch ist kein Zögling da. – Ich bin frey
durch seine feyerliche Vernichtung dieser Übereinkunft. Führt
Euch nur den klaren Hergang der Sache ins Gedächtniß[.]
Von einer Trennung zwischen Keilhau [und Wartensee] als Gemeinsamheit oder
einer Verschiedenheit zwischen ihm und mir ist in all unsern Verhandlungen auch gar /
[3R]
und nie die Rede gewesen, es konnte auch gar nicht anders
seyn, die Regierung selbst hebt es hervor „nach dem Muster
von Keilhau“ – er spricht es selbst in seiner weitschweifigen
Erörterung auf meinen langen Brief aus wo er sagt: „habe er
nie andere als eine Fröbelsche oder Keilhauer Erziehungsanstalt
gewollt die habe er längst haben können.“ Kann dieß nun
anders ausgeführt werden als durch Fröbelsche und Keilhauer
Menschen, Glieder der Fröbelschen Familie, des Keilhauer Kreises.[?]
- Sagt sind Euch denn diese Widersprüche nicht schon alle schla-
gend entgegen getreten. Selbst dem Ferdinand, welcher doch in
Beziehung auf seinen Oheim hierinn eine gute Dosis vertragen
und übersehen kann, dem ist es zu stark.
Es sieht und riecht mir wie H-sche [Herzogsche] Politik: nur gesucht
Trennung und Zwiespalt zu erregen so ist schon gewonnen.
Diese Politik ist abgenutzt; gegen mich ist dieß Messer zu
stumpf. – Schneidet, schneidet ab so viel Jedermann kann
und Lust hat ich bin und bleibe die ewige Kugel.
Euch brauche ich es nun wohl nicht mehr auszusprechen aber
ich muß es hier nochmals um des {Zusammenhangs Folgenden} willen thun:
mir liegt persönlich so wenig jetzt an War-
tensee etwas als mir bey seinem ersten Keime an War-
tensee etwas lag: - Ich war es dem Ganzen schuldig daß ich
es fest hielt, glaube es ihm noch schuldig zu seyn daß ich es
bisher so fest hielt als ich es that; aber wie das Ganze als
Ganzes entscheidet, darüber habe ich vollen Frieden; darum
mußte ich aber auch dem Ganzen alles Äußere ohne die
leiseste Einschränkung übergeben. Ich mußte, es ist dieß die For-
derung des Innersten der Sache – in Zukunft von all äußerer
Verantwortung frey dastehen, damit ich geistig frey so für das
Ganze wirken kann als es dasselbe forderte, denn ein
Großes ist es was von uns noch geistig geschehen muß. Ich
muß mit meinem Geiste, Gemüthe und Kräften da frey wir-
ken wo ich mich zu wirken bestimmt sehe. Ich muß mich zu
dieser Lebensfreyheit erheben, ich muß sie mir erringen, da-
mit ich andere auch zur Lebensdurchdringung und so auch /
[4]
zur reinsten Lebensfreyheit erhebe. Ich soll ein wahrer freyer
Mann und Mensch seyn, als solcher soll ich empfinden, denken,
wirken leben, um andere Menschen frey als solche denken
empfinden wirken – leben zu machen; mein Sollen aber
ist mein Wollen.
Verstehst Du Keilhau mich, hast Du mich endlich in den
schmerzvollsten, vernichten[d]sten meinen Lebensjahren kennen
lernen [sc.: gelernt] so wirst Du mich immer als einen und eben denselben
mein Wirken als eines und eben dasselbe finden: - nicht
und nie wollte ich durch Krieg wirken, sondern einzig nur
immer durch einfache ruhige Hinstellung der Lebensthat-
sachen
; aber weil man mir dieses immer und immer ver-
wehrte so entstand der Krieg, schon einmal sagte ich es Euch
in Keilhau: wo? – wann? – weiß ich nicht, mein Leben ist
seiner Natur nach ein ruhig fließender klarer Bach, Blumen
Wiesen und Bäume wässernd und Gewerke treibend, aber -
werft ihr hemmende Steine hinein so schäumet und brauset
er.
So müssen wir als Ganzes ferner wirken das ist unser
Beruf unsere Bestimmung laßt sie uns erfüllen. Erhöhet
nicht reines klares {lebendiges fließendes bewegtes} Wasser jede fruchtbare
Gegend und Landschaft? – lasset mein Leben
das reine klare reißende Wasser seyn [das] durch
Eure fruchtbare Lebenslandschaft sich ziehet. Sieht
nicht die Lebenvolle Gegend fast noch schöner [sich] im klaren
Wiederspiegel einer ruhigen Krystallfläche des Wassers [?]
- doch ihr sahet freylich die fruchtbaren Umgebungen eines schwei-
zersees noch nicht in seinem klaren Wiederspiegel, und [darin]
die Sterne und Mond und Sonne und die ganze Natur. -
Wohl braußen sie auch vom Sturm bewegt, doch brausen
sie nur in sich, schäumen und schlagen Wellen in sich und sind
auch so in sich schön, erfahren die Schönheit der friedvollen
Ufer.
Also Du Keilhau nur Hinstellen von Leben und Lebens-
thatsachen, nur keine Dogmen (: Glaubenssätze :) die That ent- /
[4R]
wickelt aus sich selbst den Glauben und den Glaubenssatz wenn es dessen bedarf. Dogma
bringt Krieg, gebt
alles auf, laßt alles fahren nur keinen Krieg. O Du
Keilhau; wann soll es Friede unter den Menschen werden
wenn es nicht erst im Menschen Friede ist. Dahin strebte
ich lange doch Du Keilhau verstandest mich nicht, hättest
Du nicht Kindesgemüther unter Dir gehabt, die mich, nicht
verstehend verstanden
wir hätten uns nie verstanden;
darum danke es ihnen, unabsehlich kann in seinen Folgen
werden was sie gaben; dann o Du Keilhau! Wie soll
Friede in die Völker und unter die Völker kommen
wenn nicht vorher Friede unten den Menschen ist.
Darum Du Keilhau nur Hinstellen von Thatsachen, stummen
Lebensthatsachen nur kein Dogma keinen Glaubenssatz
Keilhau! kannst Du es denn noch nicht einsehen und wahr-
nehmen: der Mensch hat noch keine Sprache; er muß
sich selbst erst eine schaffen bilden: - Was Dir Ge-
wissen ist, ist Deinem Gegner Gewissenlosigkeit; was
Dir Vernunft ist, ist Deinem Gegner Unvernunft; was
Dir Verstand ist ist Deinem Gegner Unverstand.
That heftige That und keine Worte – wer glaubt noch ans
Wort? - ? -? – Liebe! – Treue! – Einigung! – wer glaubt
an sie weil sie Jedermann im Munde führt? - ? - ? -
Sie glauben Dir nicht – Niemand glaubt Dir! Weil Nie-
mand selbst daran glaubt weil Niemand liebt, Niemand
treu ist, Niemand Einig. Darum stelle hin die in der
Zeit jetzt unerhörte oder vielmehr ungesehene That.
Die Liebe walte in Dir Keilhau; die Treue, Dir
die Einigung; Aber Keilhau Empfinde auch, schaue auch
wirke auch was Liebe Treue u Einigung ist.
That nur kein Dogma, keinen Glaubenssatz. Siehest
Du nicht? – Was erst Sache der Menschheit war ist
nun Glaubenssache im engern Sinne des Wortes gewor-
den. Siehst Du den Zankapfel den Krieg, die Spaltung? -
Laß fahren dahin, sie haben keinen Gewinn! –
[Rand *-*] [*] Erinnert Euch der Bürgschaft von Schiller.
Der so wahre als klare Brief an Schnyder hat übrigens meine
völlige Beystimmung. Nun nur nicht fortgesponnen. –[*] /
[5]
[Bogen] C.
Ich will nicht der Meynung sondern nur der Sache an und
für sich wie sie wirklich in sich ist dienen; und Du Keilhau
willst nur dasselbe, hast es mehrmals ausgesprochen,
halte fest was Du gesagt hast, halten wir fest was un-
sere Überzeugung ist. Darum bringet mich bringet uns
nicht in Meynungskampf den bestehen wir nicht. Ich habe
jüngst einen höchst merkwürdigen einige Hundert Jahre
alten Ausspruch gelesen ohngefähr des Sinnes: Gott
selbst verzichte auf seine Macht und mache die Menschen
nicht gegen ihren Willen gut. Aber die That, die Wir-
kung der That, denkt an die Bürgschaft v. Sch. [Schiller] und unzählig
noch andere.
[Rand *-*] [*] In Beziehung auf das Wie der Wartenseer Entwickelung muß ich sagen.
Ich las kürzlich in einem Buche (dem <Körnel>)[:] Ein <sicherer> Beweis
des Unglaubens ist von der Gottheit (: - doch wohl im <göttl> Wirken -) das Wie sagen zu wollen. [*]
Aber noch eine andere ernste Erfahrung als ernste Betrachtung
muß mich bestimmen nicht ferner an den ekligen Kampf und
Krieg um Nichts Antheil zu nehmen. Würde Ich bin des
Kampfes und Lebens mit Männermasken, Männerlarven
Männerpuppen und Männerphantomen müde; ich soll ihn
müde seyn, denn ich habe eine andere; die andere Aufgabe
zu lösen. Würde ich glaub ich, diesen Kampf nur noch ein
Halbjahr zu bestehen haben, so würde [man] mich am Ende desselben
begraben müssen, denn mein Gemüth hielte es nicht aus
und so auch mein Körper nicht oder ich müsste mich ganz da-
von frey machen können in einem die Menschensprache re-
denden Geschöpfe auch unwillkührlich ein Menschenwesen zu ahnen.
- Ich kann und könnte mich zwar nun willig hinlegen und
freudig sterben denn ich weiß genug, ich weiß gewiß:
- „ einst o Wunder entblüht auf meinem Grabe eine
Blume der Asche meines Herzens deutlich schimmert
auf jedem (ihrer) reinen Blättchen: - Wahre AllLiebe! [“]
auch der Mensch soll zu erst dafür leben.
Verbindet nur diesen Brief mit dem vorigen und Ihr könnet hoffent-
lich nun klar entscheiden, denn sie gehören beyde zusammen.
Prüfet! Prüfet! – Gottes Güte giebt uns dazu so viel Veran-
lassung als hinlängliche Zeit. – Ihr kennet meinen Beruf und die Forde-
rung meines Berufe[s]; Ihr wißt daß ich meinen Beruf und nicht mir gehöre. /
[5R]
Und nun entscheidet, entscheidet bald, entscheidet bestimmt. -
Wollt Ihr nochmals meine Meinung hören; sie ist fest die im
vorigen Brief ausgesprochene: Ich halte dafür es ist das
Beste wir kehren heim. – der Grund dafür ist auch der ange-
gebene und die Erfahrung: - gestöhrtes Vertrauen hört
nicht auf stöhrend zu wirken bis die Trennung vollendet ist,
dann kann höchstens das Freundschaftsglas neu eingeschmol-
zen eine neue Vereinigung gebildet werden.
Unser ökonomischer Stand ist folgender:
1. rückständiges Aufwarte Geld vom 1en Febr: bis 30 Apr:13 Gulden
(: das Mädchen wollte das Geld nicht und uns giengen
einige Posten nicht ein, so unterblieb die Zahlung :)
2. wirkliche Wirthschaftsauslagen vom
    1sten May bis 1n Septbr l.[laut] Buch 16 Wochen Gulden117 Gulden
3. Ohngefähr Auslagen nach 4-5 Wochen   28 ½ Gulden
4. Für Holz   15
5. Für Aufwartung vom 1n May bis 1en Oktbr   22
6. Insortions Gebühren in Arau und andere   24
7. Ein Paar Stiefeln für mich     7 ½
         Also im Ganzen 217 Gulden
Dagegen mag unsere Einnahme im Ganzen seyn 117 Gulden
     Bleiben uns also noch zu ergänzen100 Gulden
Rechnen wir nun den Luzerner Gulden zu einem hal-
ben Thaler preußisch Cour., so beträgt dieß Rth  50 pr.C.
da ich nun auf die Dauer kein besonderer Fußgänger
mehr bin, so müssen wir für uns zur Rückreise
wenigstens rechnen Rth 30.-
für mich einen Tornister u andereRth   5.-
Reiseausgaben Trinkgelder im Hause
Ferdinand möchte, was er auch wohl
der treuen Ausdauer halber verdient
hat einen kleinen Ausflug nehmenRth 10.-
Für unvorhergesehe FälleRth   5. - } [insges.]   50 -
[fehlender Gesamtbetrag Rth] 100.- /
[6]
Könntet Ihr hiernach nun die für Wartensee uns bestimmten
Rth 100 preuß. Cour: schicken so wäre es wohl gut; weil ich
muß es nochmals erwähnen [ich] auf meine Körperkraft
zu einer Fußreise bey der vielseitigen Geistesangegriffen-
heit nicht so zählen kann wie ein Ferdinand; selbst nicht wie
eine Elise. Mein jedesmaliger Gemüthszustand wirkt ganz
unglaublich auf meinen Körper und kann mir auch eine klei-
ne Anstrengung sehr schwer machen; darum darf ich als Fußreisen-
der nicht zu viel von mir erwarten, nicht zu viel von mir
erwarten machen – zumal da doch auch nicht ganz unfehlbar dar-
* auf zu rechnen ist, daß alles sogleich auf den Tag eingehe [*]
Diese Übersicht kann Euch auch einen Maaßstab für
die Ausführung und Fortsetzung auf Euere eigene Hand
geben. – Freylich sind bey den vorgenannten Ausgaben die Ma-
terialwaaren vom Kaufmann noch nicht [dabei] welche bisher
immer noch die Fräulein [Salesie v.Hartenstein] bezahlt und besorgt hat; - freylich
sind dagegen auch noch nicht die 3 Louisd’or halbjährlich
welche wir [sc.: uns] ihr wißt die Fräulein [S.v.H.] versprochen hat noch nicht
in Einnahme gebracht weil ich nicht weiß wie es die
Fräulein [S.v.H.] in Zukunft damit halten will.
Freylich im Winter vermehren sich die Ausgaben für Holz
und Licht u.s.w. bedeutend, denn alles wird hier im Winter
bald theuer. Aber die Einnahme vermehrte sich wie es den
Anschein hat wohl auch. – Deßhalb wäre wohl eben nicht
gerad nöthig gewesen vom HErrn Schnyder auch die
Rth 200 pr. C: zu fordern. – Weil er aber schrieb:
[„] sagen Sie was mögen Sie daran [wenden] und [ich] lege [gleich] so viel dazu [“]
so rechnete ich nicht weiter lange, sondern was Ihr habt
hielt ich für recht das auch er gäbe. – Wenn ich ihn nun
überhaupt mißverstand so lag das darinne, daß ich ihn
doch für eine frische gesunde Natur hielt ich glaubte der
Krankheitsstoff sey aus dem Körper und er habe frischen
Lebens Muth bekommen.
Nun ich danke Gott der mich alles so rund nehmen
ließ wie ich es nahm, so kam es doch zu einer Ent-
scheidung sonst hätte alles noch lang so siech fortgekrän- /
[6R]
kelt. Nun ist doch wieder gesundes frisches Leben zu fassen wohin
es sich auch wende. –
Wenn Ihr nun die hier bey folgende Rechnungs Übersicht
mit der Euch schon früher geschickten vergleichet, so könnet
Ihr auch für nächsten Winter wenn Ihr es anders noch
festhaltet einen klaren Überschlag machen.
Es ist mir nun über diesen ganzen Gegenstand nichts mehr
zu sagen übrig d.,h. ich mag nichts mehr sagen.
*
Einer merkwürdigen Lebenserscheinung so dünkt es mich muß
ich doch bestimmt und namentlich herausheben[d gedenken], weil sie
der Sache nach klar vorliegt.
Ihr findet in vorstehender Berechnung ohngefähr eine
Auslagenrechnung und einen Betrag von Aufwartegeld
zusammen Gulden 150. Von diesem ist nun weil noch gar
keine Einnahme für dieses Halbjahr ein[ge]gangen ist, gar nichts
bezahlt; wer hat es nun bezahlt? – und wem bin ich es
schuldig? – Es ist dieß alles die Aufwärterin die Tochter der
alten Gäumersleute! – Sehet diese machte aus freyem
Antriebe, im vorigen Halbjahr schon und jetzt wieder alle
Auslage so daß Niemand außer sie in dieser Beziehung
etwas von mir zu fordern hat. – Ein eigenes Zusammentreffen
- ein Verhältniß daß [sc.: das] mich noch schon in diesen Umfange zum
3en male trif[f]t, wo eigentlich doch arme Leute, mein Le-
ben und meine Unternehmung auf das förderlichste pflegen;
ohne diesen – Zufall (?) hätte ich nicht in Wartensee
wenigstens nicht nach der Fräulein [S.v.H.] entscheidenden Brief
in Wartensee bleiben und dem ganzen die ruhige Ent-
wickelung lassen können die ich ihm bisher geben konnte[.]
Es gehört dieß zur sehr merkwürdigen innern Geschichte
des Ganzen hier wo es ganz an seinem Ort ist wollte ich es
Euch doch nicht vorenthalten. In Berlin gieng es mir nach
dem Feldzuge wie Ihr wißt eben so. -
Ferdinand hat sich auch veranlasst gefunden einige Zeilen
bey zu legen. – Schreibt mir ja so bald als mögl. Mit uns sey Gott.
FrFr.

[Rand] Schickt Ihr Bader Geld durch die Post, so schickt es [mit der Angabe]:
“Zur Empfangnahme von der Post zu Luzern.“ An alle Grüße.