Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 16.10.1832 (Wartensee)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 16.10.1832 (Wartensee)
(KN 43,2, Brieforiginal 1 B 4° 3 S.)

   Wartensee am 16en Tage im Monat des
in sich einkehrenden Lebens (Oktbr) 1832.·.


Mein geliebtes, einziges Weib.

Laß mich kein Wort mehr zu Dir sagen, als die
paar ausgesprochenen, denn diese wenigen
Worte ganz durchdacht, ganz durchfühlt, ganz
durchlebt, sprechen auch alles aus was was ich
empfinde und Dir wohl sagen möchte. Ich
kann Dir auch jetzt noch gar nichts sagen;
nur ein wunderbares lasse mir [sc.: mich] Dir ausspre-
chen; es ist so wunderbar als wahr. Wie ich über[-]
haupt alle meine Lebensentwicklungen in mir
längere oder kürzere Zeit vorher auf eine eige-
ne Weise vorahnend empfinde, siehe treues
liebendes und geliebtes Weib! so fühlte und wuß-
te ich schon seit langem daß mich Keilhau oder
wie Du es sonst benennen magst in meinem
jetzigen Leben und Verhältnisse wieder sin-
ken oder sitzen lassen würde. Es war ein
gewaltig ergreifendes Gefühl oder Empfin-
dung dieß fast schon zu wissen, oft der Vernichtung
nahe. Ich wußte daß mir nur durch Dich /
[1R]
Hülfe und Rettung (:laß Dich das starke Wort nicht
stöhren:) kam. Gar oft war ich deßhalb Willens
an Dich, nach Keilhau zu schreiben; aber ich sagte
mir dann ein paar Worte, die sich mir nun
auch gar köstlich bestätiget haben. O liebe
Wilhelmine, theures Weib, laß uns nur
ganz still und leise dem innersten Leben
nachgehen, und wir werden uns der Wirksam-
keit eines Geistes erfreuen, dessen Erschauen
uns über alle Erdenschicksale erhebt.
Wilhelmine! es ist etwas Großes die Wirk-
samkeit des Gottesgeistes im eigenen Leben
erschauen; aber auch etwas Großes ist es die
ewige Gesetzmäßigkeit des Lebens; So ist
es andern schon als großes Lebensgesetz seit ur-
alten Zeiten erschien[en] und will nun auch mir
so erscheinen: - daß das Leben strebender Männer
in der Entwicklung seiner Wirksamkeit von
jeher am meisten von denen gehemmt wurden [sc.: wurde]
die der Männer Freunde waren und sich solche
nannten. Eine tiefe Ursache muß diese Er-
scheinung haben weil sie so oft schon im Leben
bemerkt worden ist. - Ich bin als Geist darü-
ber beruhiget wenn als Mensch ich wohl noch
von solchen Lebenserscheinungen ergriffen werden /
[2]
kann denn es ist etwas Großes die Lebenswahr-
heit zur Freundin zu haben und an ihrer Hand
einher zu wandeln; und dieß Bewußtseyn
trage ich in meinem Busen, trage es mit ei-
ner Vollständigkeit in meinem Busen, daß
ich auch durch die täglichen und fast stündlichen
Fortentwicklungen darüber nicht in dem
kleinsten Punkt meines Lebens in Ungewiß-
heit und Unklarheit bleiben soll. Liebe
Wilhelmine! Wenn mir jetzt immer wie-
der das Leben, das Leben von neuem prü-
fend und zur Prüfung vor führt, so zeigt sich
mir daß Lebenswahrheit mir unzertrenn-
lich zur Seite gieng [sc.: ging], sie war bey mir und
sprach aus mir in meinem Eifer wie in mei-
nem Zorn, sie half mir alle widrigen Er-
scheinungen des Lebens wenn auch tief schmerz[-]
lich empfindend doch ausdauernd ertragen
wie sie uns einst zum Vater aller Wahr-
heit führen, der uns dann als seine Kinder
erkennen wird. - Was hatte ich Dir mein
Weib jetzt anderes schreiben können als
dieß. - Von etwas andern [sc.: anderm] weiß ich jetzt noch
nichts, nicht ob ich gehe nicht ob ich bleibe.
Barop wird sich das Ganze ansehen. Grüße alle
Groß u Klein. Nur Dein Friedrich Fröbel. /
[2R]
[auf dem Kopf:]
An
Frau Wilhelmine Fröbel