Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Kinder< v. 16.10.1832 (Wartensee)


F. an die >Keilhauer Kinder< v. 16.10.1832 (Wartensee)
(KN 43,1; Brieforiginal 1 B 16° 4 S., ed. Hoffmann 1952, 178-180)

       Meine innig geliebten Kinder,
Meine theueren Söhne und Töchter

  *
*   *
Noch stehen die freundlichen Gaben welche mir
Eure Liebe, Eure Treue und ich darf gewiß auch in
Eurer aller Herz sagen: Euere Dankbarkeit aber-
mals und [, was] noch das köstlichste ist durch den
von Euch allen in Treue und Dankbarkeit geliebten
Barop überschickt habt als ein schönes Ganzes als
ein herrlicher großer Baum voll der lieblichsten
Blüthen und trefflicher Früchte vor mir, noch ha-
be ich es nicht alles in die einzelnsten und klein-
sten Theile aufgelöset, weil mein Gemüthe und
Geist von solchen gemeinsamen Gaben kindlicher
Herzen immer so stark ergriffen wird, daß
es für mich immer dann einige Zeit bedarf
ehe es sich jedes einzelne in seiner ganz eigen-
thümlichen persönlichen Liebe und Gesinnung an-
eignen kann; - darum bin ich auch jetzt noch
kaum fähig Euch meinen Dank wie er in mei-
nem Gemüthe lebt wenigstens nicht jedem
einzelnen von Euch auszusprechen; nur wenig, /
[1R]
ein paar Worte kann ich Euch jetzt sagen; wie könnte
ich überhaupt Euch etwas größer schöneres und treff-
licher geben, als Euch die Gaben, die ich von Euch em-
pfing aus einem klaren ruhigen Mannesgemüthe
und Geiste wie aus einem spiegelglatten See
die herrliche Landschaft oder das sternige Himmels[-]
gewölbe, in erhöhter Klarheit zurückstrahlen
zu lassen: - "ich liebe Euch Kinder mit Vaterliebe
ich denke Eurer meine Kinder mit Vatertreue
und ich lebe Eurer die Ihr Euch selbst die Meinen
nennt mit Vaterwahrheit["].
Das letztere werdet Ihr wohl nun zwar noch kaum
verstehen, wie ich selbst überhaupt kaum welche
kennen [sc.: kenne,] die es verstehen; doch werdet Ihr es
gewiß noch einmal einsehen und was noch
weit mehr ist die Wahrheit, die Gewißheit
davon in Euerem eigenen Leben empfinden
selbst wenn ich nie persönlich wieder bey Euch
und mit Euch leben könnte. Mein Leben, Sinnen
und Handeln ist im Geiste also in seinen Wir-
kungen immer Euch nahe.
Daß ich wirklich viel mit jedem von Euch mei-
ne Lieben einzeln, und viel mit Euch als ein
Ganzes Lebe, davon können und werden Euch
Zeilen überzeugen die schon vor zwey Mona- /
[2]
ten für Euch gemeinsam und für jeden von
Euch einzeln von mir geschrieben sind, wenn sie
einmal in Eure Hände kommen sollten. Sie
waren nebst manchem anderen bestimmt, wenig[-]
stens zum Geburtstag Euerer liebenden und
geliebten Mutter in Keilhau anzukommen;
da ich nemlich dortmals noch glaubte Elise wür-
de um jene Zeit mit Barop hier eintreffen,
so sollte, wie diese hier das wirkliche begrüßen
würde, unser Leben im Bilde wenigstens
auch bey Euch einsprechen, damit zu einer
Zeit ein Leben ein gemeinsames Leben uns
alle umfaßte; weil ich nun wohl wußte
daß Ihr der von mir wie von Euch so hoch als
treu geliebten Mutter an Ihrem [sc.: ihrem] uns alle be-
glückenden Lebensfeste Freude machen würde[t,]
so sollte dann die Liebe der Mutter Euch wie-
der durch Wartensees Gaben erfreuen.
Seht lieben Kinder, so hatte ich Euer Vater es
mir gedacht; aber unser aller Vater im
Himmel hat es mit uns seinen Kindern nun
aber anders gedacht, und wenn wir es ein[-]
mal ganz durchschauen werden von wel[-]
chem ich jetzt schon einiges durchschimmern sehe,
so werden wir ganz klar einsehen daß /
[2R]
unser aller Vater im Himmel unserer stets
in göttlicher Vaterwahrheit lebt. Laßt
uns nun aber auch Ihm stets in Kinder-
und Kindeswahrheit leben.
O lieben Kinder! Ein so hohes köstliches
Gut Kindeswahrheit ist, so wenige Men-
schen und Kinder kennen es, noch wenigere
üben es das heißt leben in Kindeswahrheit.
Aber der Mensch ist um so mehr in seinem
ganzen künftigen Leben geborgen, welcher
je mehr er frühe in seinem Leben dieses
hohe Gut Kindeswahrheit festhält, und
sich durch sein ganzes Leben rein und treu
bewahrt. Kinder! Söhne und Töchter! wenige
Menschen waren und sind im Leben so glück-
lich daß sie dieß von sich sagen können;
macht daß Ihr zu diesen wenigen einst
gehöret. Kinder, Söhne und Töchter! Wahrheit
ist der Grund- und Eckstein der höchsten Lebens[-]
güter! wie könnte ich ohne diesen, Lebens-
Wahrheit, meine Entfernung von Euch ertra-
gen, da mein Herz Euch täglich und stündlich
entgegenschlägt, mein Leben nur bey und mit
Euch lebt?-- Noch weiß ich nicht was Vaterliebe
Vatertreue u Vaterwahrheit über mich bestimmt.- Lebet
wohl. Friede u Freude wünscht Euch Euer Vater
Friedrich Fröbel