Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an >Keilhauer Gemeinsamkeit< in Keilhau v. 19./21.10.1832 (Wartensee)


F. an >Keilhauer Gemeinsamkeit< in Keilhau v. 19./21.10.1832 (Wartensee)
(KN 43,3; Brieforiginal 1 B+1 Bl 4° 6 S., ed. Halfter 1926, 86-98)

Wartensee im Kanton Luzern am 19en, 20en und 21en
Tage im Monat der stillen Einkehr in sich (: Oktober:) 1832 . .


An die gesammte Keilhauer Gemeinsamheit:
Joh. Ch. L. Fröbel, Caroline Fröbel HLangethal, Ernestine Langethal
WMiddendorff Albertine Middendorff Wilhelm Fröbel Elise Fröbel
Wilhelm und Allwina Middendorff, Gustav Hübner Wilhelm Bähring
Heinrich Röttelbach Hedwig von Guttenberg, Christian Friedrich Clemens
Emilie Bähring, Hermann Teske, Ferdinand Weißer, Theodor Martin, Wilhelm Clemens, Bernhard Bähring
Ludowika Werkenthin, Henriette Kolitz, Friedrich Bock
Adolph Müller, August Busse, Adolph Schepß, Felix Minerow
Karl Clemens. Titus Pfeiffer. Albert Weimann. Johannes Pfeiffer.
Heinrich Langguth. Emilie FröbelBarop.


Gottes Gruß Euch allen als ein Ganzes
und jedem Einzelnen besonders, allem zuvor.

*
*   *
Ihr habt aus Eurer Mitte ein, wohl nach allen Seiten der menschlichen und bürger[-]
lichen Verhältnisse hin lebendig verknüpftes Glied Eurer Gemeinsamheit: einen Sohn,
Bruder, Gatten, Vater, Neffen, Vetter, Freund, Erzieher, Lehrer, Mitarbeiter,
Haus- und Lebensgenossen, Staatsbürger u.s.w. als Gesandten von Euch hieher zu
mir und uns als Volksschule, keimende Menschenerziehungsanstalt, neu geweckten
Lebenspunkt u. s. f. geschickt. Er kommt in Euer aller Namen und mit Euer aller
vollen Vertrauen. Er kommt auf meinen Vorschlag und nach meinem Begehr; er besitzt
zugleich auch schon persönlich nach jeder Seite des menschlichen Lebens
hin mein volles
Vertrauen. – Ihr habt ihn Euerer Überzeugung nach in Übereinstimmung mit dem
höchsten Willen, nach und mit Gottes Willen hieher gesandt. Gleiche Überzeugung
trage ich tief in mir, und er ist – was wohl gleich vom Anfang an als beginnende
Bestätigung davon angesehen werden kann [-] nicht nur frisch, froh und gesund hier an-
gekommen, sondern die Ergebnisse seiner Reise waren auch bis zu dem Augenblick
da ich dieses schreibe und so weit sie mir bis jetzt bekannt geworden sind zu Eurer, zu
unserer aller Beruhigung, Freude und Erhebung, zur Bewirkung und Befestigung des allsei-
tigsten inneren und äußeren Friedens und zur Belebung und Bethätigung auch des ferneren
vollkommensten Vertrauens auf das höchste und sprechendste fordernd, zusammen wirkend. /
[1R]
Er, Euer Gesandter und unser gemeinsamer Freund, wird, der Forderung seiner Sendung
nach Euch von dem Erfolg seiner Reise treu und ausführlich das Ergebniß vorlegen; sollte es
jedoch Euch, was ja wohl leicht möglich seyn könnte nach irgend einer Seite hin, in irgend
einem Punkte, in Beziehung auf die Ausführlichkeit nicht ganz genügen, so wird eine An-
deutung von Euch leicht das etwa Fehlende ergänzen. Diese Art der Berichterstattungen von
mir aus an Euch liegen förder nun, und so lange Barop als von Euch Beauftragter hier ist
ganz außer dem Bereiche meiner Verpflichtungen gegen Euch, so wie überhaupt meines ge-
sammt Berufes welcher sich seit Absendung und Ankunft Barops mehr erweitert oder was
rein ganz ebendasselbe ist, mehr zusammengezogen, geklärt und geeint hat.
Als Schlußstein meiner bisherigen darlegenden Mittheilungen an Euch muß ich jedoch
nun noch, in Beziehung auf mich, als persönliches Urtheil, persönliche Überzeugung von mir
und ganz abgesehen und unabhängig von Eures Bothen Barops An- und Einsicht, Über[-]
zeugung und Meinung – aussprechen und auf das bestimmteste erklären: daß all das
bis in diesem Augenblick vor mir liegende, von mir erschaut und durchschaut werdende
selbst das durch Eure Bothschaft schon hervorgeförderte Neue und zu Tage geförderte Inne-
re schon mit eingeschlossen – die Wahrheit nicht allein aller meiner seit meinem Hierseyn
besonders und ganz namentlich auch gegen Euch ausgesprochenen Überzeugungen, An- und
Einsichten, sondern sogar die Wahrheit meines ganz früheren Lebens dessen Forderungen
und gemachten Ansprüche, in Beziehung auf die Schweiz, den Kanton Luzern und Wartensee
als erziehendes Land, Ort und Punkt auf das vollkommenste bestätiget. Die thatsächliche
Nachweisung davon gehört - die Entwickelung des Ganzen mag von nun an kommen, wie sie
nur immer will – in eine Geschichte dieses Handelns und des Grundgedankens aus dem
es hervorgegangen ist, wenn anders dieses Handeln je in seiner Ganzheit aufgefaßt und in
seiner Vollständigkeit dargestellt werden sollte.
In Beziehung nun auf diese meine ewige, sich darum auch in alle Ewigkeit nur klärend
fortentwickelnde, nie aber schwächende oder gar schwindende Überzeugung und innere Ansicht
habe ich nun noch äußere Forderungen an Euch, nicht etwa neu zu machen oder neu dar- und
vorzulegen, sondern nur die schon gemachten mit klarer Bestimmtheit zu wiederholen und mit
Festigkeit nochmals auszusprechen. Ich lasse jede meiner sonst Euch und an Euch in Beziehung auf
Wartensee gemachten Forderungen und Vorschläge für jetzt auch wohl überhaupt fallen, oder
was ganz gleich ist, von mir aus in den Hintergrund treten und bleibe hier nur bey der einen
bey der Forderung stehen welche ich in pecuniärer Hinsicht an Euch machen mußte; Ihr habt
solche mir und uns nicht erfüllt oder nicht erfüllen können, was der Thatsache und Wirkung
nach in Beziehung auf mich und uns ganz gleich ist. – Statt Erfüllung nun dieser Euch von
mir bestimmt und wiederholt ausgesprochenen und klar in ihrer Nothwendigkeit nachgewie-
senen Forderung bringt mir nun Euer Bothe und unser Freund Briefe und Gaben von mei[-]
ner Gattin und unserer beyden Mutter mit, von welchen mir einer aus Eurer Mitte
(: Middendorff :) schreibt: “Ich “sah aber einmal ganz klar, daß Gott uns selbst durch Mutter-
“treue und Gattenliebe geholfen, mir auch war meine Überzeugung von der Nothwendig-
“keit und Wichtigkeit der Mission so entschieden, daß diese selbst in ihrer Nacktheit recht
“dastand.” – und welche mir unser Barop, Euer Bothe, selbst mit den Worten meiner
Gattin übergiebt: “es seyen die Thränen der Gattenliebe und das Gold der Muttertreue.”
Da sich nun ganz leicht in Euch allen, indem meine Frau und ich nicht nur Glieder Eurer Ge-
meinsamheit sind, sondern Ihr in uns auch Vater und Mutter erkennt und anerkennt,
achtet, ehrt und liebt und uns als solchen vertraut u.s.w. – der auch wohl dem einen und den
andern ganz natürlich scheinende Gedanke kommen könnte, welcher auch schon in Middendorffs
Worten ausgesprochen, wenigstens angedeutet erscheint: - als könnte jene Gabe der
Mutter, Tochter und Gattin an mich den Sohn und Gatten, die ökonomischen und Geldfor-
derungen welche ich wegen Wartensee an Euch zu machen genöthigt bin und war, verringern und /
[2]
vermindern, so ist nun außer meinem Dank an Euch für Euern Bothen der Liebe, des Dankes
und der Treue, welches das erste dieses meines Briefes enthält, außer der Schlußerklärung mei-
ner Ansicht Wartensees und dessen Verhältniß zu Keilhau, welches das zweyte ist was die[-]
ser Brief ausspricht dieß das dritte und letzte dieses meines Briefes, meiner Zuschrift an
Euch, Euch mit Klarheit und Bestimmtheit zu sagen: - die durch meine Gattin empfang-
ene Gabe ist mir, ganz abgesehen von den seit langer Zeit Euch so bestimmt ausgesprochenen,
sich an das hiesige Verhältniß anknüpfenden und daraus hervorgehenden Forderungen, von
meiner Lebensführung und meinem Lebensschutze, meiner Lebenspflege gereicht – und ver-
mindert daher die an Euch in Beziehung auf Wartensee von mir gemachten Forderungen nicht
im mindesten. Diese Gaben sind mir keinesweges als Begründer und Vorsteher
von Keilhau der wie nicht als Stifter und Vorsteher von Wartensee, sondern sind mir als Sohn und Gatten
sondern sind mir zur Erfüllung meiner Sohnes- und Gattenpflichten, ihrer Pflege und Fortent-
wicklung geworden, deren Erfüllung und Ausführung – wenn Ihr mir anders, Eure Einsicht,
Euer Bewußtseyn in Euern Briefe, wie ich hoffe und erwarte nicht blos die sich leicht zusammen
fügenden Wörter der Sprache, wenn anders die Stellung, die Ihr mir in Euerm Briefe zu Euch
und zum Ganzen gebt in Euerm Innern in der Wirklichkeit des Lebens gegründete, wahre und
nicht blos die des Scheines und Klanges ist – Euch allen eben so heilig, ja ich möchte sagen Euch
fast noch wichtiger als mir seyn muß. Ich darf darum von dem mir von Mutter, Tochter
und Gattinn gewordenen Gelde nicht das Mindeste zu einem andern Zwecke als dem Euch
angedeuteten, also um so weniger auch irgend etwas zur Minderung der Forderung ver-
wenden die ich Euch schon wiederkehrend klar vorgelegt habe; diese Forderungen müssen auf
das Vollkommenste von Euch und aus Eurer Mitte und durch die Euch zu Gebot stehenden Mit-
tel erfüllt werden. Ich werde versuchen dieß Euch klar und deutlich, einsichtig und nachlebig
zu machen. Ich will mit der Euch vielleicht als ein Ganzes etwas ferner liegenden, inneren,
aber darum wichtigeren Seite beginnen. – In einer fortgehenden Reihe von Briefen habe ich es
während längerer Zeit schon ausgesprochen wie seit Jahren schon die Vorsehung mich genau
und Schritt vor Schritt nachweis- und sichtbar die Wege der Befreyung und Freymachung
der innern und äußern Befreyung und Freymachung führt und wie ganz besonders seit dem Früh-
Frühjahre dieses Jahre[s] mich die Vorsehung mit liebend leitender Mutterhand
und Muttertreue der nahen Zielerreichung völliger innerer und äußerer Freyheit stetig und durch
die ergreifendsten, sichersten ganz unfehlbaren Mittel entgegen führt. Es ist dieß das Ziel
und der Zweck um welches willen meine Mutter mich einst geboren, es ist dieß der Preis
um welchen meine Mutter mich so frühe verlassen hat und um welches willen sie ins Land
der Freyheit gieng um sinnbildlich und zugleich thatsächlich zu zeigen[:] du freygebornes Kind wer-
de ein freyer Sohn mir und ein freyer Mann und zur Erreichung dieses Preises mir zugleich
Ziel und Weg zu zeigen, sie handelte als Mutter gegen mich ihr Kind und ihren Sohn wie
jene Römerin gegen ihren Gatten, welche demselben den befreyenden Dolch nachdem er zuerst
ihre eigene Brust getroffen hatte, mit den Worten reichte: “er schmerzt nicht!” so zeigte
mir die Mutter den Weg zur Freyheit, wahrem ewigen Freyseyn durch den Tod und gieng
selbst durch diesen Weg zu diesem Ziele hindurch sich zu mir mit den scheidenden Worten
wendend: - “Kind! er schmerzt nicht!” u. s. w. – Es ist dieß der klare und offen vor aller Auge
zur Prüfung für jetzt und alle Zukunft vorliegende Zweck, Ziel und Preis meiner ganzen
Lebensführung, meiner gesammten Lebensschicksale welche alle in dieser Beziehung ein
ungestückeltes und ungestücktes, stetiges und in sich einiges Ganze sind. –Ihr werdet
darum alle, da Ihr ja alle Kinder seyd, klar einsehen, wie heilig mir die Gabe seyn
muß, durch welche die Vorsehung mir jetzt diesen Preis Freyheit und Freyseyn wirklich reicht und
wie hoch verantwortlich ich für deren Verwendung bin. – Wie meine deutsche Mutter
mich zu diesem Ziel und Zweck geboren, wie um dieses hohen Preises willen sie so früh durch
den Tod von mir schied, so reicht sie nun durch mein deutsches Weib und unsere gemein- /
[2R]
same deutsche und fromme Mutter mir in dieser Gabe und durch und mit derselben diesen Preis
denn es ist der Mutter, der in sich freyen Mutter Höchstes, einen wie in sich geistig so
auch äußerlich im Leben freyen Sohn zu besitzen; es ist der in sich freyen Mutter Höchstes
wie einen solchen Sohn zu besitzen, so ihrer Tochter einen solchen Gatten zu schenken; -
es ist der Gattin höchstes, einen solchen Gatten zu besitzen; es ist den Kindern
höchster Preis und höchstes Gut einen in sich vor allem, dann auch außer sich frey-
en Vater zu besitzen denn das Ziel zu dem sie geboren, das mögen sie erreichen, den
Preis für welchen sie geboren, den mögen sie erringen; doch – der Freye kann nur
wahrhaft den sichern Weg zur Freyheit zeigen, nur der Freye kann zeigen mit Freyheit
das Ziel zu erreichen, nur der Freye kann zeigen mit Freyheit den Preis zu erringen.
Nur der Freye kann dem Gebundenen die Fessel lösen und so ist’s nur das Freye das
uns erlöset vom Bösen. Ihr Mütter und Väter, Kinder, Söhne und Töchter, Enkel
Brüder und Schwestern, Nichten, Neffen, Pathen, Freunde und Freundinen, Erzieher und
Lehrer, Zöglinge und Schüler, Kinder, Knaben, Mädchen, Jünglinge, Jungfrauen
Frauen, Männer und Bürger. Ihr werdet nun, werdet deutlich sehen, klar schauen
lebendig fühlen, tief empfinden, erkennen und einsehen, daß es unerläßliche Forderung an mich
ist den mir gebotenen Preis nicht wieder aus meiner Hand sinken zu lassen; denn wenn
die Worte Euerer gemeinsamen Zuschrift an mich und zu mir wahr sind, so sehet
Ihr alle jeder auf seine Weise und in dem Umfang seines Verständnisses gewiß
ein, was ich, wenn ich es thäte nicht etwa mir, sondern Euch allen als ein einiges
Ganze und jedem Einzelnen von Euch als einem wieder in sich Selbstständigen verlohren
machte: - den Zweck, das Ziel, den Preis Eueres ganzen bisherigen eigenen Lebens.
Es könnte nun vielleicht doch wohl ohngeachtet dieser tiefbegründeten inneren
Darlegung irgend einem von Euch einfallen zu fragen: ob, ohngeachtet der inne-
ren Wahrheit dieser Darlegung des Ganzen, ich auch äußerlich so handeln, jetzt,
in Euerer harten, beengten, ja preßhaften Lage und bey Berücksichtigung der
äußeren ökonomischen Gesammtverhältnisse von Keilhau und als Glied Eueres
Ganzen und Euerer Gemeinsamheit so handeln kann und darf! – Ja, ich kann
und darf, soll und muß, will so handeln und handle so. Dieß ist nun die zweyte
äußere Seite meiner Darlegung des Ganzen. Höret, und höret achtsam:
“Den schlechten Mann muß man verachten, der nie bedacht, was er vollbracht.” –
Hierinne werdet Ihr wohl alle mit mir mit dem Dichter, dem deutschen Dichter
übereinstimmen.
Was habe ich nun vollbracht? – klar und bestimmt ist es bald gesagt; zur per-
sönlichen Klarheit für jeden, werde es von jeden von Euch ernst und bestimmt gedacht.
Wenn es hier die Lösung der Frage gilt: was habe ich vollbracht, so steht diese Frage
natürlich nur in Beziehung auf die an Euch in Rücksicht auf die Schweiz und Warten-
see von mir gemachte Forderung, pecuniäre Forderung und deren so wohl innern
als hier ganz besonders namentlich, äußeren Forderung.
Was habe ich nun in dieser ganz engen Beziehung vollbracht? – Schwer, sehr schwer ist
es mir doch, das sehe ich nun, durch und mit Worten Euch zu sagen, denn Ihr habt es noch nicht gesehen, habt es
noch weniger als Einzelne und als ein einiges Ganze durchlebt, doch will ich es versuchen.
Ich habe das Leben, Euer Leben als ein in der Natur erschienenes, daseyendes äußeres Leben
so wohl als ein Ganzleben Gesammtleben, als das Leben Einzelner zur Quelle zum An-
fangspunkt des in der Natur erscheinenden daseyenden Leben[s], des einfachen ursprünglichen
und rein menschlichen Lebens geführt: - den[n] von den Bergen (Spitzen) senkte sich und stieg
alles Leben, das einfache rein menschliche Leben, selbst der Sage nach bey seiner schon einma-
ligen Wiedergeburt nach den Ebenen sich herab. – Ich habe Euer Leben als deutsches ewig
strebendes Leben zum Wohnorte des deutschen, ewig freyen Leben[s] geführt; denn auf den Bergen wohnt Freyheit! -/
[3]
Freyheit. – Ich habe mit einfachem Wort Euer aller Leben als ein Gesammtleben und das Leben
Einzelner als ein deutsches Leben, bis zu den Gipfeln der höchsten deutschen Berge geführt. –
Ich habe Euern Volkssinn einem Volke, einem der Wurzel nach mit uns gleich
deutsch sinnigen Volke nahgebracht, und ein Volk, dieses Volk ist, wie leis oder wie
stark, wie einzeln oder in welchem Umfang der ersten allgemeinen Thatsache nach ganz
gleich, davon erregt worden. Ich habe so dem Geiste, dem Streben, dem Saamen Eures
Lebens ein Land, einen Grund und Boden verschafft in dem es wurzeln, ein natürliches
Clima, (einen natürlichen Himmels- und Erdstrich :) verschafft in welchem es zunächst wenigstens
gedeihen und wachsen kann, ein Land, in welchem jener Geist leben und sich entfalten kann;
denn das Schweizerland ist doch wohl wie das Land deutscher Zunge und Sprache so
ursprünglich das Land deutschen Herzens wie deutscher Treue; denn steht nicht Schwei-
zer Treue seit Jahrhunderten im Ganzen, wie deutsche Treue seit Jahrtausenden und
Einzelnen fest? --- Gehören sie also nicht gleichsam zusammen wie Einheit und Man-
nigfaltigkeit u.s.w.? – Ist das Schweizerland nicht das eigentliche Gebirgs-, das höchste
eigentliche Höhenland vom Deutschenlande? – und sucht darum hinwieder oder dagegen
– fragt Euern Bothen – der Schweizer für seine Kinder nicht zuerst die Kenntniß des
reinen allgemeinen Deutschen, der reinen deutschen Sprache? – Denn er ahnet, füh-
let tief mit der Sprache, durch die Sprache kommt der Geist der Sprache - die deutsche Sprache weckt den klaren
reinen deutschen Geist, den Deutschmenschlichen, d.i
rein menschlichen Geist; denn was ich deuten kann, was mir deutbar, deutisch
ist, das ist mir verständlich, klar, rein. So die Stimmung, die Forderung, die
Ahnung; ob im Beginn nur noch dunkel oder schon mehr klar, das thut rein gar
nichts zur Sache. Genug, die Sache, die Thatsache ist da, ist gefühlt, ist erkannt, ist
ausgesprochen und geschrieben da indem es nun jetzt schon einmal hier steht, ob
in Einzelnen oder in Vielen oder gar nur in einem Einzelnen zum Beginn und als
Beginn, das thut gar nichts zur Sache. – Dem Deutschen geistig freyen Leben
habe ich also – anders als oben ausgedrückt - einen Leib gegeben und gebracht
das schweizerische leiblich freye Leben, oder noch anders bezeichnet dem deutschen
häuslich freyen Leben das schweizerische örtlich freye Leben, daß und damit sich bey-
des in Einigung erhebe zu einem wahrhaft menschlich freyen Leben. – Ob
die Schweiz und so meine allernächsten schweizerischen Umgebungen es erkennen
ob Deutschland und so meine allernächsten geistig freyen und engerer deutscher Geist, ob Ihr in
Euerer Gesammtheit und in allen oder nur in einzelnen wenigen Gliedern es
erkennt, selbst dieses kann ja muß mir sogar ganz gleichgültig seyn. Genug dieß
ist es was ich vollbracht habe! – Doch in engeren Grenzen bezeichnet: - Ich habe dem
freyen deutschen Geiste und Gemüthe in so weit sich beyde in Euch und Euern Kreise
einen und als daseyend und wirkend aussprechen ein neues Columba gebracht
von diesem ersehnt, gefordert, bedurft, wie von jenem.
Und wie habe ich es in Beziehung auf Euch als Gemeinsamheit vollbracht? –
Eine Andeutung, leise Andeutung kann und muß mir genügen, denn Ihr könnt
dieses alles in Euerem eigenen inneren und äußeren Leben nachweisen, so wie ich
von Euch vielseitig die frey und freywillig gegebenen Dokumente in Händen habe. –
Vom ersten Beginne an habe ich es mit mehr oder minder dunkler oder klarer, leiser
oder starker Beystimmung von Euch, klar und offen vor Euern Augen wie mit und unter
schrittweis beystimmenden und anerkennenden aneignenden Nachgehen von
Euerer Seite vollbracht, ich habe also so und auf diese Weise wenn auch in der Be-
achtung, Einsicht, Anforderung und Nachlebung nur zunächst von mir ausgehend
doch in und mit Eurer geistigen inneren und äußeren Zustimmung, - Euch und Euerem
Leben und Wirken, Streben und Ziele die unerläßliche nothwendige Erweiterung gebracht, welche Ihr und Eure /
[3R]
Gemeinsamheit, d. h. Ihr als Ganzes und jeder als Einzelner für sich bedürfet um Euch zur
Vollkommenheit und für Vollendung zu entwickeln und auszubilden. -
Es wird jedoch freylich von Euch abhängen ob Ihr als Gemeinsamheit die errungene
Erweiterung und Einigung pflegen wollt oder nicht. Es wird nun von Euch abhängen
ob dieses errungene geistige Eigenthum, diesen Euch errungenen Lebenspreis: -
Einigung und Einung des getrennten Zusammengehörigen [-] ein zweyter Amerikus in Besitz
nehmen, ein zweyter Pizarro darinne schalten soll, denn dieß wird nach
meinem und unsern Abgang aus Luzern, d.h. nach Aufgebung unserer [Pläne] nicht fehlen.
Ihr wißt wie es nach Wetzstein mit den erziehenden Familien, meinem Wochenblatte
gieng: als es hinunter gearbeitet war, trat durch das nun so klar gewordene Be-
dürfniß eine ähnliche Zeitschrift neu hervor u.s.w.
Auch trage ich in mir die so feste als tiefe Überzeugung daß Ihr als innig einige
Gemeinsamheit alle Mittel, das Euch Errungene zu erhalten in Eurer Hand habt
und ich glaube Euch dieses mehrseitig nachweisen zu können, wenn Ihr anders Euern
wenn auch nur wenigen und sehr allgemeinen Worten an mich That gebt, wenn
wenn [2x] Ihr die Gesammtheit Eurerer Kräfte in Einklang in schaffende Wirksamkeit setzt
endlich wenn Ihr der großen Gesammtheit Euerer und unser aller Lebensverhältnisse
welche gerad nach den allgemeinsten und wichtigsten Seiten hin jetzt noch schlummern
Leben und junge Morgenfrische gebt; über dieß alles habt Ihr zur Ausführung
Eueres Willens in dieser Beziehung den geeignetsten aus Euerer Mitte zum Bothen
Beauftragten und Bevollmächtigten erwählt. –
Wegen alle diesem Euch nun für jetzt und wenn Ihr es beachten wollt, für alle
Zukunft Gebrachten, was Ihr Euch in mündlicher Wechselmittheilung noch viel wie-
ter und klarer noch entwickeln könnt, kann und darf, muß und soll, will ich nun die
ausgesprochene Forderung an Euch machen und mache sie. –
Ich habe Euch diese pecuniären Forderungen des hiesigen Verhältnisses, an welchen ich
das mir von Mutter und Gattin Gewordene nicht in Abzug bringen lassen darf, schon
oft vorgelegt. – Die an die Marie schuldigen baaren Auslagen werden nun wohl
nahe 160 Luzerner Gulden, d.i. = 80 Thaler prßisch Curr: betragen. Alles andere was wir
sonst noch schuldig waren ist berichtiget, dieses ist somit meine und unsere einzige Schuld
in der Schweiz, unser Gläubiger wohnt mit uns unter einem Dache. Dagegen werden
nahe 80 Luzerner Gulden, d.i. = 40 Thaler prßisch Curr: die noch außenstehenden Unterrichtsgelder
betragen. Daher braucht also das hiesige Verhältniß zur Deckung der Ausgaben des verflosse-
nen Halbjahres volle 40 Thaler preußisch Curr. Selbst nun auf den Fall das [sc.: daß] Warten-
see erhalten würde wird, was sich hoffentlich in 8 Tagen klar entscheidet, ja entscheiden muß,
müßt Ihr die ernsteste feste Sorge tragen diese Summe möglichst bald hierher zu schicken.
Denn dadurch werden die Verhältnisse klar, ruhig fest und frey. Ich schreibe natürlich
jetzt den Forderungen des Augenblicks gemäß. Anders kann manches kommen dann erfahrt
Ihrs schnell. Entschiede sich nun aber doch am Ende alles zur gänzlichen Abreise
unser aller aus der Schweiz und Rückkehr nach Deutschland; so käme dann noch
zu
der oben bestimmten Summe der Vierzig Thaler preußisch Curr. die zur Rückkehr
nöthige Summe worüber Ihr Euch mit Barop der nun das Ganze überschauen kann
zu verständigen habt; auch Ferdinand kennt ja sein Reisebedürfniß. Überhaupt
werde ich meinem früheren Ausspruch und Vorsatz ganz getreu alles Äußere
und pecuniäre Wartensees in Barops durch Euch und Eure Hand zunächst in Ba-
rops Hand legen. Wie ich selbstständig und frey stehen will, so soll auch War-
tensee vom ersten Augenblick seines wirklichen Auftretens selbstständig und frey dastehen.
Ich hoffe so Eueren Brief wie Euere Sendung achtend und lebensvoll eingehend aufgenommen
wie achtend und würdig für stetig ins Unendliche und doch zur Einheit führende Fortent-
wickelung Euch als Ganzem und Glied eines höheren Ganzen und jedem Einzelnen von Euch genügend be-
antwortet zu haben. Lebet wohl! Gott sey mit Euch und mir. In Liebe Treue und Dank Euer
FriedrichFröbel.