Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die Regierung des Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt in Rudolstadt v. 9.12.1832 (Keilhau)


F. an die Regierung des Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt in Rudolstadt v. 9.12.1832 (Keilhau)
(ThStA Rudolstadt, Regierung Rudolstadt, Nr. 1154, Bl 1-6, Brief: Bl 1-2, 1 B fol 4 S. mit anliegender Abschrift einer Übereinkunft: Bl 3-6, 2 B fol 7 S.)

An die Hochfürstliche Hochpreisliche Regierung
zu Rudolstadt.
Gegen das Ende des verflossenen Jahres erkannten sich meine
Freunde und während der Abwesenheit meiner die Führer der
hiesigen Erziehungsanstalt verpflichtet, in meinem Namen
und für sich einer Hochfürstlichen Hochpreislichen Regierung zu
Rudolstadt den Zweck meiner Abwesenheit von Keilhau
und meiner Anwesenheit in der Schweiz und die Ergebnisse
meiner Wirksamkeit zu Wartensee im Canton Luzern
anzeigend vorzulegen.
In Beziehung darauf erkenne auch ich es als Vorsteher der hiesigen
Anstalt nach meiner jetzigen Rückkehr für Pflicht, der Hochfürstlichen
Hochpreislichen Regierung zu Rudolstadt die weiteren Ergebnisse meiner
bisherigen Wirksamkeit in Wartensee ehrerbietigst anzeigend vorzulegen.
Durch die Früchte meiner erziehenden und lehrenden Wirksamkeit
auf meine Schüler in Wartensee aufmerksam gemacht, kamen in
den ersten Tagen des verflossenen Monats November drey der
angesehenster [sc.: angesehensten] Männer, zugleich Mitglieder der Cantonsregierung
und des Großen Raths zu Luzern aus der Stadt Willisau für sich
und eine noch andere Mehrheit der achtbarsten Einwohner dieser Stadt
mit dem Antrage und Gesuche zu mir, meine Erziehungsanstalt von
Wartensee, unter Genehmigung der Hohen Cantonsregierung, nach
Willisau zu verlegen, wenn anders die von mir zu setzenden Bestimmungen
ihnen möglich machten, diesen Gesammtwunsch ihres Vereins zum Wohle /
[1R]
ihrer Kinder auszuführen. Zunächst trügen sie mir als dazu
höchst zweckmäßiges Local das Oberamteyliche Schloß u.s.w. an,
welches sie, da es jetzt vom Staate verkauft werden sollte, im Fall
einer zu Stande kommenden gegenseitigen Übereinkunft käuflich
an sich zu bringen suchen würden.
Gegründet auf diesen Antrag und Gesuch wurde unterm 13ten
des vorigen Monats und nach vorhergegangener privatim einge-
holten Gutheißung der Glieder von den betreffenden hohen Behörden
zwischen gedachtem Vereine Willisauer Männer und Familienväter
und mir in dieser Beziehung ein förmlicher Vertrag abgeschlossen.
Da es mir von jeher ein freudiges Bewußtseyn war, alle meine
staatsbürgerlichen Handlungen nicht allein einer Hochpreislichen Hohen
Regierung vorgelegt, sondern auch meinen Pflichten als Landeskind
entsprechend genehmigt zu wissen; so erlaube ich mir, gedachten
Vertrag selbst seinem ganzen Inhalte nach abschriftlich beyzulegen.
Sollte es nöthig seyn, der Hochpreislichen Hohen Regierung auch
das Original vorzulegen, so würde es mir Angelegenheit seyn,
dieser Forderung sogleich entgegen zu kommen.
Nach dem §. 18. dieses Vertrages heißt es nun: "Gegenwärtiger
Vertrag tritt in Kraft und Gültigkeit p[p], nachdem Herr Fröbel
die erforderliche Niederlassungsbewilligung erhalten haben wird."
Zur Bewirkung dieser Niederlassungsbewilligung von der Hohen
Cantonsregierung zu Luzern erfordert es unter andern erstlich die
Beybringung eines Heymathscheines und zweytens eines Rechtlichkeits-
oder Moralitätszeugnisses aus meiner Heymath.
In Beziehung nun auf die mir in Betreff der Hohen Cantons-
Regierung zu Luzern obliegende Verpflichtung komme ich zugleich /
[2]
mit vorstehender schuldigen Anzeige ehrerbietig ziemend bittend
an die Hochfürstliche Hochpreisliche Regierung zu Rudolstadt, mir
erstlich den von mir beyzubringenden Heymathschein für mich
und meine Familie (enthaltend das Zeugniß meines bürgerlich
Angesessenseyns in meinem Vaterlande und die Erlaubniß
zu jeder Zeit von demselben aufgenommen werdend in
dasselbe zurückkehren zu dürfen,)
zweytens das Rechtlichkeits- oder Moralitätszeugniß
gnädigst zu ertheilen.
Eine Hochfürstliche Hochpreisliche Regierung, vertraut mit
den gegenseitigen Forderungen der Staaten, wird leicht über den
genauern Inhalt dieser Zeugnisse und Umfang als auch darüber
entscheiden, ob nicht beyde Zeugnisse in eines zusammenfallen können.
Da nach den jüngsten Nachrichten von unserm Freund und
Mitarbeiter Herrn Barop, welcher sich zur Klärung und Fest-
stellung der gegenseitigen Verhältnisse zwischen der Mutteran-
stalt in Keilhau und der Tochteranstalt in der Schweiz gegen-
wärtig daselbst befindet, "vom Kleinen Rathe zu Luzern
der günstigste Bericht in dieser Sache an den Großen Rath
verfaßt, und in demselben alles so angenommen worden sey,
wie der Vertrag abgeschlossen worden", und "daß am Ende der
letzten Großen Rathssitzung der Herr Präsident derselben die
Willisauer Angelegenheit dem Großen Rath angezeigt habe,
mit dem Beysatz: daß sie ihm dringend empfohlen worden sey;
allein die Zeit erlaube es nicht mehr sie vorzunehmen": so
erlaube ich mir noch, um baldige Ausfertigung jener Documente
unterthänig gehorsamst zu bitten. /
[2R]
Eine Hochfürstliche Hochpreisliche Hohe Regierung zu Rudolstadt
möge zum Schluß noch von mir die ernste Versicherung genehmigen:
daß es mir höchste Aufgabe seyn wird, die Pflichten gegen mein
ursprüngliches Vaterland und den die Fortentwicklung meines
Wirkens pflegend in sich aufgenommen habenden Staat nicht nur
auf das innigste zu vereinen, sondern auch auf das vollkommenste
zu erfüllen, was mir, wie ich hoffe, bey dem reinen Zwecke wahrer
Menschenerziehung, so wohl für die Pflichten des Familienlebens
als die des Staatsbürgers, unter dem Schutze zweyer auch das Gute
in seinen noch kleinen und unscheinbaren Äußerungen sorgsam
pflegenden Regierungen gelingen soll.
In so tiefer als wahrer Ehrerbietung unterzeichne ich mich
         Einer
Hochfürstlichen Hochpreislichen Hohen Regierung

unterthänig gehorsamster
FriedrichWAFröbel.
Keilhau den 9ten December
         1832. /

[3]
[rechts oben: Kantons Stempel / 3 Batzen] Abschrift
und Beilage

Uebereinkunft
zwischen
Herrn Regierungsrathe Balthasar Hecht,
"Amtsstatthalter Heinrich <Traxler / Troxler>,
"Doktor Justin Barth, jünger,
"Großrath Joseph Wechsler, Sohn,
" Rechtsanwalt Heinrich Baumann,
"Schaffner und Gemeindemann Anton Hecht,
" Gerichtsschreiber Anton Kilchmann,
"Johann Wechsler, Sohn,
sämmtlich in der Stadt Willisau im Kanton Luzern
und den etwa künftig noch hinzutretenden theilnehmenden
Gliedern, einer Seits; und dem Herrn Friedrich Fröbel,
Stifter und Vorsteher der allgemeinen deutschen Erziehungs-
anstalt in Keilhau bei Rudolstadt in Thüringen, anderer
Seits, die Errichtung und Ausführung einer Erziehungs-
anstalt betreffend.
§1.
Vorbenannte und Ende dieses unterschriebene Indeviduen [sc.: Individuen]
als unter sich einverstandener Verein zur Gründung einer
Erziehungsanstalt in Willisau, suchen das ehemalige
Oberamtsschloß daselbst sammt dazu gehörigen
Nebengebäuden und Land, nebst dem im Schloß be-
findlichen und dem Staate angehörigen Inventarium an
Betten, Haus- und Küchengeräthen u.s.w. um einen ihnen
änständigen [sc.: anständigen] Preis käuflich als Eigenthum an sich zu bringen. /
[3R]
§2.
Insofern dieser Kauf erfolgt, so wird zur Anstalt ge-
widmet:
a, das Schloß,
b, die Remisen, das Holz- und Waschhaus und der darun-
ter befindliche Keller,
c, das Schloßland innerhalb der Ringmauer,
d, die Gemüßgärten außerhalb der Ringmauer,
e, das Inventarium.
§3.
Das Schloß nebst übrigen Gebäuden und I[n]ventarium
sowohl als das Land bleibt Eigenthum der Käufer.
§4.
Der Verein übernimmt:
Erstens: die Unterhalts- und Reparaturkosten der
Gebäude, sorgloses und muthwilliges Verderben ausgenommen,
was dem schuldigen Theile zur Last fallen soll.
Zweitens: für den nächsten Winter die Kosten des
Brennmaterials zur Heitzung von drei Lehrzimmern.
Drittens: die Anschaffung und Erhaltung des Inventa-
riums welches die Erziehungsanstalt als solche bedarf, als: -
Tische, Bänke, Stühle, Behälter, Bettstellen und alles ähn-
liche, was unzweideutig hieher zu zählen ist.
Viertens: die Kosten zur Erbauung des noch durch eine Ueber-
einkunft zu bestimmenden Turn- und bedeckten Spielplatzes.
Fünftens: die Erbauung eines einfachen und geräumigen Schlaf- /
[4]
saales unter dem Dache, welches sich durch Vereinigung der
beiden Erker unter demselben bewerkstelligen ließe, sobald
die Ausdehnung der Anstalt es nothwendig machen sollte. Und
Sechstens: die Kosten für etwa, nach gemeinsamer Berathung
nöthig gefundenen Erweiterung der Gebäude.
§5.
Der Zweck der einzuführenden Erziehungsanstalt ist - nach
dem, dem Erziehungsrathe für die Anstalt in Wartensee
vorgelegten und von ihm und dem Kleinen Rathe gut-
geheißenen Plane und darin dargelegten Grundsätzen -
Bildung der Jugend:
für das einfache bürgerliche Gewerbe,
für das höhere Geschäftsleben und
für die eigentlich[e] Kunst und Wissenschaft.
Der Unterricht in der deutschen und französischen Sprache,
in der Formen[-] und Größenlehre, in reinem und angewandtem
Rechnen, in der Naturkunde, Erdkunde und Geschichte, im
Schönschreiben, Zeichnen und Gesang, geht in dem ent-
sprechenden Umfange durch alle drei Stufen hindurch und
zwar so, daß dennoch der Unterricht auf jeder ein in
sich geschlossenes Ganze ist.
Für die zweite Stufe kommt noch insbesondere das
Englische und Italienische hinzu.
Für die dritte Stufe tritt das eigentliche Sprachstudium,
das Studium der griechischen und lateinischen Sprache
ein. Ueberhaupt bekommt auf dieser Stufe aller /
[4R]
Unterricht die rein wissenschaftliche Gestalt und darum
können Zöglinge derselben nach erlangter Universitätsreife
von hieraus zur Universität abgehen.
Auf Begehren der Eltern und nach besonderer billiger
Vergütigung wird von der Anstalt aus, auch Unterricht
auf den verschiedenen musikalischen Instrumenten ertheilt.
§6.
Die Zöglinge aus dem hiesigen Kanton bestehen
erstens in solchen, welche die Primär- oder auch Secundärschule
besucht, und zweitens in solchen, welche noch in keiner Schule
Unterricht erhalten haben. Die erstern erhalten den oben
für die verschiedenen Stufen angegebenen Unterricht, nach
ihrer Fähigkeit und Entwicklung; die letzteren wenigstens den
gleichen Unterricht, welcher in der Primärschule gegeben wird.
§7.
In Hinsicht auf Religionsunterricht hat der Vorsteher
der Erziehungsanstalt dem Erziehungsrathe insbesondere die
noch zu treffenden Einrichtungen zur Gutheißung vorzulegen.
§8.
Auch der tägliche Unterrichtsplan für jedes Halbjahr wird
vom [sc.: von] dem Vorsteher der Anstalt dem Erziehungsrathe vorgelegt.
§9.
In der Anstalt, welche den Namen der Willisauer
Erziehungsanstalt erhält, haben Zöglinge des Kantons
Luzern, so wie aus den übrigen Kantonen der Schweiz
und vom Auslande Eintritt, sie mögen die Kost in oder
außerhalb der Anstalt nehmen. /
[5]
[rechts oben: Kantons Stempel / 3 Batzen]
§10.
Um die Anstalt möglichst bald ins Leben einzuführen,
welches spätestens kommendes Neujahr geschehen soll, haben
die Mitglieder des Vereins eine gewisse Anzahl ihrer
Kinder als Zöglinge in dieselbe zu schicken.
§11.
Der Verein bezahlt als Gehalt für Herrn Fröbel und
seine Mitlehrer, deren es wenigstens zwei seyn sollen, fürs
erste Jahr insgesammt Achthundert Schweizerfranken, in
vierteljähriger Vorausbezahlung.
§12.
So lange die Zahl der Zöglinge nicht dreißig übersteigt,
fällt das Unterrichtsgeld für dieselben dem Vereine zu;
welches derselbe auf jeden Zögling nach Rate der Kosten
für den Lehrergehalt und für die Kapitalzins vom Lokal
und andern Auslagen festsetzen kann.
Für die Zöglinge, welche die Kost und den Aufenthalt
in der Anstalt selbst haben, ist das Unterrichtsgeld ver-
hältnißmäßig höher als für die andern anzusetzen, indem
die Kosten der Anstalt für erstere bedeutend höher
zu stehen kommen als für die letztern.
§13.
Wenn der Zöglinge mehr als dreißig in die Anstalt
eintreten, so ist durch eine gegenseitige neue Ueberein-
kunft zu bestimmen, wie viel von dem Unterrichts-
gelde der Ueberzahl dem Vorsteher und seinen Lehrern /
[5R]
über den oben für sie bestimmten Jahrgehalt zukommen solle.
§14.
Herr Fröbel als Vorsteher der Anstalt besorgt und giebt
vereint mit wenigstens zwei tüchtigen Gehülfen den die An-
stalt besuchenden Zöglingen den oben genannten Unterricht.
§15.
Am Ende des ersten Halbjahres, also zu Ostern 1833, sollen
ein gemeinsamer Zusammentritt beider Theile dieses Ver-
trags Statt finden und über das fernere Fortbestehen der
Anstalt von Michaeli 1833 an, das Gutfindende nach
beiderseitiger Zufriedenheit beschlossen werden.
§16.
Dem Vereine liegt ob, den vorhabenden Kauf und die
erforderliche Bewilligung der Hohen Regierung zur Einführung
der Anstalt möglichst befördern zu suchen.
§17.
Sobald der Kauf und andere Einleitungen es möglich
machen, soll Herr Fröbel und dessen Gehülfen das ganze
dritte Stockwerk im Schlosse eingeräumt werden, damit
die von ihrer Seite nöthigen Einleitungen zur Eröffnung
der Anstalt, von hieraus getroffen werden können.
§18.
Gegenwärtiger Vertrag tritt in Kraft und Gültigkeit,
nachdem der Kauf des Schlosses, der dazu gehörigen
Gebäude und des Landes geschlossen, und die nöthige
Bewilligung von der hohen Regierung ertheilt worden /
[6]
und nachdem Herr Fröbel die erforderliche Niederlassungs-
bewilligung erhalten haben wird.
Dieser Vertrag ist doppelt gleichlautend ausgefertiget
und jedem der beiden Theile eine dieser Ausfertigungen
zugestellt worden. Geschehen Willisau im Kanton Luzern
am 13ten des Wintermonats 1832.
Balthasar Hecht.
Joseph Wechsler, Sohn,
Justin Barth Med. jünger,
Heinrich Baumann, Rechtsanwalt,
Anton Hecht, Schaffner[,]
Anton Kilchman, Gerichtsschreiber,
Heinrich <Traxler / Troxler>,
Johann Wechsler, Sohn,
Friedrich Fröbel.
(L.S.)
Legalisiert.
Willisau den 13 November 1832.
Gerichts-Präsident J. Kronenberg.
Die Aechtheit der obigen amtlichen Unterschrift bezeugt
Luzern den 14ten November 1832
Der Standsschreiber A. Hunkeler.
(L.S.)