Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Wartensee v. 9.1.1833 (Keilhau)


F. an Johannes Arnold Barop in Wartensee v. 9.1.1833 (Keilhau)
(KN 43,6, Brieforiginal 4 B 8° 15 S., Halfter 1931, 672f. Auszüge)

Keilhau am 9en Tage im Monat des Doppel-
             blickes 1833.·.


Barop!


Gott zum Gruß allem zuvor.

Für Deine mehrfache briefliche Einkehr bey uns noch am Schluß
des alten Jahres und herzlichen Grüßen an alle und jeden einzelnen
von uns wird Dir wohl dießmal auch ein mehrfacher Dank
ausgesprochen und Deine Grüße Dir in vielfachen [sc.: vielfachem] Echo zurück
gegeben werden, so daß ich mich dießmal ganz besonders auf meinen ganz einzelnen und persönlichen Gruße und Dank zurück zieh-
en kann denn selbst meine l. Frau will Dir ohngeachtet ihres
in diesem Augenblick auch mehrfach für das Briefschreiben in An-
spruch genommen seyns, dennoch selbst einige freundlich dankende
Zeilen Dir schreiben.
Und so sey Dir denn von meiner Seite zum Dank für Deine Treue
im nun schon verflossenen, schon altem Jahre und zum weyhenden und
freudigen Gruß für das das nun schon seit 9 Tagen begonnene neue Jahr
eine möglichst kurze aber wahre, eine möglichst leicht aber mit Sicher-
heit und Festigkeit hingeworfene Skizze der Gegenwart, Vergangen[-]
heit und Zukunft wie in friediger Ruhe, lichter Klarheit und bestimmter
Gestaltung meiner Seele vorliegt.
Lasse mich bey dem Einzelnsten und nächsten Beginnen, es wird sich so
schon - ich zweifle nicht - dem vorliegenden Ziele, Zwecke und Anschauen
getreu zu einem völlig in sich geschlossenen Ganzen ordnen.
Zuerst sage ich Dir, daß außer diesem Briefe morgen auch noch durch die
Fahrpost, weil sich noch mehrere Briefe aus dem hiesigen Kreise da-
ran anschließen werden, - der Heymathschein und das Leumunds-
zeugniß der Regierung zu Rudolstadt für mich an Dich abgehen
wird. Beyde Zeugnisse sind, wie ich es der Regierung freystellte
in eines zusammengefaßt, sollte es noch etwas für das schweize-
rische Bedürfniß zu fordern oder auch nur zu wünschen übrig
lassen, so ist ja nun noch hinlänglich Zeit es mir von hier aus und wäh-
rend meiner Anwesenheit hier zu besorgen. Die Regierung in Ru-
dolstadt und namentlich der Herr Geh. R. und Canzler von Ketelhodt welcher jetzt die Perle derselben ist,
ist so günstig für das Ganze gestimmt, daß
ich nicht ein Hinderniß sehe, jede in dem Wege des Rechtes liegende For-
derung der schweizer Verhältnisse an sie und durch sie erfüllen zu
können. Lasse Dir für diesen Fall jede Forderung an mich nur
immer in der bestimmten Geschäftsform und Geschäftsbezeichnung
aussprechen.
Aus dem Inhalt des Zeugnisses (:worüber so gleich mehr:) ersiehest
Du daß ich nun nicht nur 800, sondern, 1600 Franken Caution
zu stellen habe.- Ob ich nun zwar im Allgemeinen glaube, daß
dieser Punkt bis zu meiner persönlichen Rückkehr nach der
Schweiz ganz sein Bewenden haben kann, so ist es mir doch ganz
wesentlich wichtig daß Du Dich über denselben, nach allen nöthigen
Seiten hin unterrichtest ja wenn es nur immer angehet, ihn
vor meiner Rückkehr nach der Schweiz gänzlich in Ordnung bringest
und beseitigest. Es käme nemlich doch noch immer darauf an ob
daß ich denn wirklich jene Caution wirklich realiter auf
irgend eine Weise zu geben hätte und ob nicht - weil auch /
[1R]
ja die Regierung zu Rudolstadt mein Grundeigenthum dokumen-
tiert hat - es nicht vielleicht möglich ist die Caution durch eine
Art Wechsel auf meine Person, wie solches bey den Assekuran-
zen namentlich in Gotha auch der Fall ist, - zu leisten. Durch
das Speyersche Haus in Frankfurt scheint es mir auch nicht leichter
diese Caution zu leisten, da ich demselben ja immer von einer
Seite her dafür Sicherheit geben müßte.- Die Sache selbst müßte
jedoch immer durch Schwarz gehen, bey welchem Du also immer, wenn
Du willst, deßhalb Anfrage halten kannst, jedoch schaue ich die Mög-
lichkeit der Zielerreichung immer nicht recht durch zumal da Schwarz
im Speyerschen Hause doch nicht so ganz eingewachsen fest da stehet
namentlich hält Schwarz gar nichts auf den B. v. Wg. Das
natürlichste dünkt mich immer daß der Verein in Willisau
aus reinem Vertrauen die Gutsagung für diese Summe was eben
so viel ist als baare Caution für mich übernähmen. Doch da,
man dadurch immer in eine hemmende Abhängigkeit kommt, so
dünkt mich das einfachste, daß die Regierung in Luzern mir
zu dieser Cautionsleistung Frist gäbe - d.h. so lange die Cau-
tion von 1600 Frken, macht ja nur 666 Rth. pr. Ct in mei-
nem jetzigen Gesammtverhältniß fände. Dieß dünkt mich nun
weder zu viel gefordert, noch zu viel erwartet. Denn wenn die
Schweizer - die Luzerner - die Willisauer d.h. von jeden ein namhaf-
ter Theil wirklich das von der Anstalt und so von mir erwarten
was sich aus dem Ganzen als sichere Erwartung ausspricht, so kann
es diesen um die Baarleistung von 1600 Frken doch wirklich nicht
zu thun seyn. Mir tritt dann immer wie ich schon früher von der Schweiz
aus einmal hierher bey Gelegenheit des Appenzeller Angriffes auf
mich - die Sach- und Realschwäche der sogenannt Gutgesinnten
und das Gute Wollenden entgegen; diese sogenannt Guten, Edlen
bessern die mäkeln und marken um einen Deut, während die
anders Wollenden, gleich mit der Sach- und Realkraft zur Un-
terstützung bey der Hand sind. Es ist dieß, rund weg, eine wahre
Schande für die ersteren es fragt sich darum überhaupt ob man
ihnen in bey und mit ihren sogenannten Willen für und Wol-
len des Guten wirklich rein trauen und vertrauen darf
?- Ich will mich an der und durch die vorliegende Sache selbst
wie an einem Bilde klar machen: Nimm einmal an
das Oberamtey Guth und Gebäude wäre in die Versteigerung ge-
kommen, würden es - wie Du ganz wahr fühlst - die anders Wol-
lenden bey 1600 Frken haben bewenden oder darauf an-
kommen lassen wenn sie das Ganze hätten dadurch hintertrei-
ben können?- Doch wohl gewiß nicht!- Dieß würde ihnen
eine unbedeutende Kleinigkeit geschienen haben wenn es nur
dadurch möglich geworden wäre, das Aufkommen des Ganzen
dadurch zu vernichten, und nun Barop! sollte es den Andern
ein so Großes und Bedeutendes erscheinen dürfen das Ganze
dadurch zu erheben. Wenn es so steht, so dünkt mich Barop!
so gäbe uns dadurch die Vorsehung noch einmal Frist und Gele-
genheit uns das Ganze noch einmal recht zu überlegen und
uns nichts von unserer Würde und uns nichts von unserer
Freyheit zu vergeben. Mir liegt wahrhaft weder etwas
an der Schweiz als solcher, noch am Canton Luzern noch an
der Stadt Willisau jedem als solchen, sondern an einen
freyen menschenwürdigen Handeln; nur weil ich glaube,
wie ich es ja schon an Schnyder aussprach daß die Schweiz ein
Gleiches
will, so reiche ich der Schweiz - wie sonst jeden meine
Hand, mein Herz, mein Gemüth meinen Geist, also mein Handeln, /
[2]
mein Leben, wollen sie dieß nun aber auf welcher Stufe des Bewußtseyn es sey, jenes nicht sondern nur irgend ein
Äußeres, und
also auch dafür äußere Sicherheit, anstatt innerer Gewiß-
heit, so dünkt es mich ist es bey weiten besser den Verband
lieber ungeknüpft zu lassen als ihn zur Fessel zusammen zu
ziehen. Würde und wird es mir durch das Leben möglich
jene Caution leisten zu können, so würde und werde ich es
gern thun; würde und wird es mir aber nicht möglich, so
wird mich dieß auch nicht mit Sorge erfüllen können, und ich
bliebe dann eben so gern aus der Schweiz als ich in sie zurück
kehre, wenn ich hoffen darf daß ein geistiger Verband geahnet
und - nach Forderung und Möglichkeit auch von ihrer Seite
gepflegt wird.-
Überhaupt sollen wir nach allen Kräften dahin streben daß
endlich einmal der geistige der rein menschliche, der Lebens-
werth des Menschen anerkannt werde, und wo die Vorsehung
darauf hinweiset es zu thun, diesen Fingerzeig derselben
ohne Furcht, ja mit Muth und Vertrauen nachgehen.- Ich habe
nun einmal nicht mehr als mein Leben aber Gott selbst
giebt dem Menschen nicht mehr als sein Leben, alles andere
ist vergängliches Erdengut, ich aber habe mein Leben erkannt
mir bewahrt, warum sollte ich mich schämen, nicht mehr als nur
diesen unschätzbaren Schatz zu besitzen. Ich könnte Dir hier noch
viel über mein und unser und jedem von Euch einzelnes Leben
sagen was manche Lebenspforte öffnen würde, doch Du kannst
und wirst es Dir schon selbst sagen.- Jetzt weiter.
Wohl fast zu derselben Zeit als wir Deinen letzteren Brief erhielten
hast Du auch unseren letzteren Brief an Dich und so in und mit
demselben auch die Antwort auf Deinen Brief an die Mutter
im unteren Hause empfangen. Wie Du nun auch weiter aus dem Regierungs
Zeugniß, wenn Du es empfängst sehen wirst, so ist die Mit- und
Überkunft meiner Frau nach der Schweiz nun ganz fest be-
stimmt, so wie überhaupt so etwas als eine menschliche Bestimmung
erscheinen kann. Die Briefe welche nun in Deiner Hand sind zeigen
Dir ß daß alles mit Nothwendigkeit und ohne alle Willkühr
eine Entwickelung aus dem Ganzen war. Und nun da die
Entwickelung so klar und sicher da stehet ist sie auch so weit ich es
nicht allein in dem kleinen Raum hier sondern auch mit dem
Geistesauge im weitesten Umfange sehen kann zu allbefriedi-
genden Genüge. Um dieß mit mir und der Wahrheit gemäß zu
schauen mußt Du meine Frau nicht in ihrer abgeschnittenen Einzel-
erscheinung sondern in ihrem bestehenden mütterlichen Verhältnissen
und dessen Verknüpfungen sehen. Ich habe zu dem was ich Dir sagte nichts
wesentliches mehr hinzu zufügen; Mathilde von Schönfeld, die wie
ich Dir schon schrieb von der Fr: v. Arnim in der Ausführung ihres Wunsches
ganz frey gegeben ist, steht in ihrem Entschlusse fest. Wie sie mit
Elisen ganz gleichalterig und gleichkörperkräftig ist, so eint sie auch
alle die Seiten der Geistes- und Lebensausbildung, welche in Elisen ein
so schönes Ganze bilden, warum soll ich es einzeln herausheben, dazu
besitzt sie durch ihre Lebensführung ja alles dieß mit mehr Freyheit
für Anwendung im Leben als Elise. Du wirst zwar, was noth-
wendig damit zusammenhängt manches andere in ihrer Stimme, in
ihrem Musikspiel, in ihrer sonstigen Kunstfertigkeit vermissen,
allein sie ersetzt dieß auch durch vieles andere. Wie sie meine Fr.
kindlich liebt so ist sie treu und offen, wie sie mich achtet so
geht sie mit Achtsamkeit, Treue und Fleiß in alles ein, was Lehre
und Leben ihr zeigt. Sie ist schwesterlich führend und lehrend /
[2R]
gegen die jüngeren Töchter und wie sie sich mit vollen Vertrauen
zu uns ihren geistigen Eltern wendet, so kommt ihr Vertrauen und
Liebe von ihren jüngeren Schwestern entgegen. So wenig sie nun zwar
Elise als solche seyn wird und seyn kann so wird sie dennoch den Verhält-
nissen dort in der Verknüpfung in welcher sie auftritt wenigstens nicht
minder als Elise in diesem Bereich seyn. Dazu kommt noch daß nun
was mehrseitig gewünscht und vermißt wurde in die Mitte des
Ganzen und als Mutter des Ganzen eine wirkliche Mutter meine
Gattin, meine Lebensgenossin, meine Frau tritt. Es wird so ein
reines klares kräftiges Verhältniß denn Mathilde fühlt sich
nicht nur sondern bezeigt sich auch als Kind und Tochter gegen
uns beyde. Daß, wie sich nun die Verhältnisse in Beziehung auf die
Zeit des Abgangs von hier entwickeln, - auch Hedwig vielleicht
mit nach der Schweiz gehen kann will ich wegen seiner Unge-
wißheit gar nicht weiter erwähnen. Aber das will ich doch als wesent-
lich herausheben, daß, - ohngeachtet meine Frau erst heute deßhalb
nach Berlin an Ludowikas Tante, jetzt der That nach deren Mutter
schreibt - daß dennoch viele Umstände dafür sprechen, auch Ludo-
wika werde mit meiner Frau nach der Schweiz ziehen, wäre
nun sogar dieß, so würde meine Frau, wenn auch körperlich
wirklich nicht stark doch vielseitig armirt in ihren neuen
Lebensberuf zum Seegen und Heil des Ganzen dessen Mitte sie
wird eintreten. In welcher Vollkommenheit tritt so gleich das
Ganze von hier aus den mehr oder minder dunkeln Wünschen
und Erwartungen der Willisauer Eltern in Beziehung auf ihre
Töchter entgegen, da wir so schon einen Stamm einer sehr
wackern und in gar mancher Rücksicht musterhaften Töchter-
anstalt mitbrächten. Welch eine Aufmunterung und Vorbild für die
uns anvertrauet werdenden Schweizertöchter, welch' ein Magnet
zur Weckung und Förderung des in dieser Beziehung dort schlummernden Zu-
trauens, der dort keimenden Hoffnungen und Erwartungen hierfür[.]
Ich will hier ganz und gar nicht in Ludowikas persönliches Stehen
zu meiner Frau und mir eingehen da ihr Mitgehen noch gänz-
lich der Einwilligung der Frau Dr Heß in Berlin ihrer Tante unter-
liegt, wenn nur meine Frau und Mathilde zunächst dort ein-
treten, so findet das Angedeutete dadurch schon statt.- Wie steht nun
auch meine Frau auch in unserm engern Kreis schon wieder ganz
anders zu den Jünglingen und jungen Männern die uns von hier be-
gleiten zunächst in Beziehung auf Titus Pfeiffer und Langguth[.]
So wie nun nach dieser aus dem Ganzen sich selbst mit Nothwendig-
keit ergebenen Entwickelung hin - welcher ich ruhig wie ein ein einge-
spielt habenden und so feststehender Magnet nachging - alles
gleichsam wie von selbst klar entwickelt, wie Du ja schon
in diesen Andeutungen finden kannst, so lag nach der andern
Seite hin alles wie Bleylasten und war im Äußeren gar nicht
zu bewegen. Middendorff selbst sagte gestern als wir uns darüber
offen aussprachen: fast nach allen Seiten hier [sc.: hin] wären hier Ver-
hältnisse oder innere Beziehungen verletzt worden wenn man
den Gedanken mit Elisens Überkunft nach der Schweiz jetzt hätte
durchführen oder vielmehr durchsetzen wollen. Das Ganze
wäre wie eine Bleylast auf meine Schultern gewälzt
worden füge ich hinzu, der ich doch dort zu dem Riesigen
und - (nur immer rund die Wahrheit gesagt) - unerhörten Weg
alle meine Kraft unverkürzt da zusammennehmen muß.
Dazu kommt noch daß ich jetzt Elisen selbst in ein Verhältniss geführt
hätte in welchem sie sich nur durch Rückbeziehung auf mich hätte halten können. /
[3]
können. Zur einen so schon doppelten Last wäre nun auch die gekommen
daß ich Elisen auch in ihrem äußern, vielleicht sogar auch innern
Verhältnissen hätte fragen müssen. (Ohngeachtet alle) Barop!
lieber Barop! vergiß nicht und bedenke 1832 ist nicht 1833
und noch weit weniger ist 1833 was 1831 war in welchem ich
meinen Wunsch und Forderung aussprach.- Wie oft soll ich Euch
noch im Leben auf den Augenblick und dessen Festhalten aufmerk-
sam machen. Ohngeachtet alles dieß hatte ich mein gegebenes
Wort von 1831 und 1832 festzuhalten und zu erfüllen gesucht, wenn
ich nicht alles in seinem letzten Punkt wie eine Steinpflanze oder Stein-
thier unbewegbar fest eingewurzelt gefunden hätte.
Laß uns also Gott innig danken welcher alles so fügte und
es uns Sorge seyn lassen, seinen weisen Fügungen ferner und
immer, leis und kindlich nach zu gehen.
Kannst und willst Du Dich Barop! hiernach nun in die Mitte meiner
Gesammtverhältnisse, in den eigentlichen Mittelpunkt meines Le-
[bens] versetzen und kannst Du von da aus dasselbe und den Umfang
desselben um[-] und überschauen, so wirst Du abermals bestätiget
finden was ich in der letzteren Zeit wiederkehrend aussprach: daß
alle meine Lebensverhältnisse und Schicksale mit recht hoher klarer
Bestimmtheit den hohen Zweck aussprechen mich in mir und außer
mir genug mein ganzes Leben nach allen Seiten hin mensch-
lich frey zu machen. Sollte es mir Barop! nun nicht höchste
Lebensaufgabe seyn dieser väterlichen Führung einer weisen Vorsehung
mit der größten kindlichen Achtsamkeit und Sorgfalt nach zu gehen
damit jener hoher Zweck derselben, jenes Ziel an und mit mir er-
reicht werde?-
Siehst Du nicht Barop! was ich in meinem Leben und in der Führung
meines Lebens erkenne, daß das die Vorsehung mit unserm ganzen
Leben als ein Ganzes und einiges vor hat?- Sollte mich dieß
nun nicht auf das höchste achtsam machen, den Forderungen Gottes
in Beziehung auf das Ganze auch mit der leisesten Sorglichkeit
und Beachtung nachzugehen. Siehst und findest Du nicht wie der
Trennung-, Abscheidungs-, Sonderungs- Akt im Ganzen immer mehr in
das Innere und Innerste desselben eingreift, klärend eingreift
?- Barop! Was sich nicht unmittelbar versteht muß sich durch
Ausscheidung, Trennung, Entgegensetzung verstehen lernen, so ist es
in der ganzen Natur in dem ganzen Leben des Menschen. Entge-
gensetzungen wären nicht nöthig, wenn wir uns unmittelbar
verständen und sie schwinden sobald solches eintritt, daher
in Gott keine Entgegensetzung; aber für das irdische erscheinende
Leben sind sie nöthig daher müssen wir die Ausscheidung von Entge-
gensetzung nicht hemmen sondern sie fördern wo wir können.
Das reine Kindesgemüth in seiner Gottmenschheit kennt wie Gott
keine Entgegensetzung; aber soll das Kindesgemüth als ein Leben
erscheinen im und mit Bewußtseyn so treten die Gegensätze so
gleich ein, bis sie endlich durch und in ihrer schärfsten Entgegensetzung
wieder schwinden. So kannte mein reines Kindesgemüth
als ich Keilhau oder wenn Du lieber willst Griesheim oder wie
Du es sonst nennen willst, gründete keine Gegensätze noch
weniger aber Entgegensetzung in meinem Leben. Und so konnte
ich - was immer nur ganz reine Kindesgemüthe können es wagen
das Entgegengesetzteste zu einen. Doch der Moment der Einig-
ung war auch der der beginnenden Trennung und Ausscheidung.
Furchtbar waren die dadurch entstehenden inneren Lebenskäm-
pfe wie mir berichtet ward und berichtet wird; Langethal /
[3R]
hat uns in seinem Bekenntniß über mich ein kleines Pröbchen eines Ge-
mäldes jenes Zustandes in dem Einzelnen gegeben. Manche
andere Brust erbebt wenn es jener Zeit gedenkt. Was soll
ich es hier leugnen, da ich es ja schon oft genug ausgesprochen habe:
- In einer gewissen Beziehung ging ich ruhig und klar
und so wie auch oft weiche Kindesgemüther erscheinen viel-
leicht sogar äußerlich hart durch jenen Kampf. Der Kampf
verlohr wenigstens an innerer Schmerzlichkeit, als sich um es
kurz und [in der] hier gäng[ig]en Form zu bezeichnen das vereinigte
Haus wieder in ein unteres und oberes Haus ausschied;
So gieng aber auch später wieder die Ausscheidung im oberen
Hause in einem Hause drüben und einem Hause hierüben
weiter fort, bis die Ausscheidung zu einer Abscheidung wurde.
Diese Seite ist schon oft genug besprochen worden, sie braucht hier
nur berührt zu werden.
Die Ausscheidung im oberen Hause und als Ganzes angeschauet so auch
in Beziehung auf das untere Haus gieng fort bis ich mich im May
1829 gleichsam selbst ausschied und mit dieser Ausscheidung
kam wie Du und ihr alle bemerkt habt nach und nach immer
mehr Einigung und Verständniß in das Ganze.
Ausscheidung ist aber ganz nothwendig mit Zusammenziehung
verbunden, in dem Maaße nun Ausscheidungen im obern
Hause statt fanden, und so auch Zusammenziehungen, so fanden
zugleich und in noch größeren Maaße Zusammenziehungen
im untern Hause statt und so einem tiefen physikalischen Gesetze
gemäß fand mein Vorschlag wegen Elisen kein oder wenig
Gehör, wenigstens keine thätig fördernde Beystimmung. Ferdinands
Kommen nach der Schweiz - die hohe Wichtigkeit des Gegenstandes
hat fordert volle Aufrichtigkeit - hat keine so tief liegenden Gründe
als jenes Zusammenziehen, es ist das was ich so eben sagte aber
kein Kommen zu mir, kein Kommen zu einem von mir und durch
mich neu begründetes und fortentwickeltes Wirken. Was ich
so und dadurch nun in der Schweiz nicht verstehen und nicht auf-
lösen konnte, lerne ich jetzt hier in Keilhau verstehen und löset
sich mir hier auf. Was mir das Leben nicht auflösen könnte
erkläret und löset mir nun der Tod auf. Wilhelms Scheiden
von uns und den Seinigen bewirkt in seiner Familie wieder
ein großes Zusammenziehen. Ferdinand ist nun der einzige Sohn
was ist natürlich daß in den Eltern mehr oder minder klar und
lebendig der Wunsch liegt diesen Einzigen Sohn möglich[st] in ihrer
Nähe zu haben besonders da das Gemüthe der Mutter von Ahn-
nungen g ferneren Verlustes erfüllt ist. Durch mein Verhält-
niß zu den Eltern ist es mir Pflicht daß ich alles aus dem Wege
räumen muß, was ihrem stilleren oder lauteren Wunsche
innigeren sich Zusammenfindens entgegen seyn könnte. Getrie-
ben von diesem Pflichtgefühle habe ich den Eltern, Vater und Mutter
ausgesprochen daß ich nicht nur jede fernere Trennung in ihrer Familie
von meiner Seite sorglich vermeiden sondern auch, so viel mir
möglich ist dahin und dafür wirken werde, daß Ferdinand
möglichst bald in den Kreis und zu den Kreis der Seinen
zurück kehren könne. Seitdem nun dieses, der Forderung
des Augenblickes Gehör gebende von mir ausgesprochen wor-
den, löset und kläret sich mir alles, von hier bis in die Schweiz
und von der Gegenwart nach der Vergangenheit und Zukunft
hin. Was sollen wir uns Barop! als Männer länger täuschen
Du mit der jede Sache und jedes Verhältniß gern nackt und /
[4]
blos in seiner kalten Wirklichkeit siehst: Ferdinands Eltern er-
kennen unsere oder wenn Du lieber willst meine schweizerische
Wirksamkeit nicht beystimmend und billigend an und wie kann eine
solcher Stellung und Stimmung durch den Sohn hindurch heil und See-
gen bringend für das Ganze wirken, zumal da sie wohl durch
fühlen daß Ferdinand selbst jenes Wirken nicht so ansieht
und erkennt wie sein Begründer und seine Beförderer und
Pfleger, wie ich und wir. Barop! gehe ruhig klar und fest der
Forderung des Ganzen nach: erfasse den Standpunkt derer, den
wir unter dem unterm Hause verstehen und vergieß nicht: -
entwickeln sollen wir zu und für höhere Bildungsstufen, aber
diese nicht aufdringen.- Keil Ferdinand kehre mit Einwillig-
gung und Beystimmung des Ganzen zur Zeit der Möglichkeit nach Keilhau
zurück, bleibe dann hier in Wirksamkeit oder wähle sich in
Übereinstimmung mit seinen Eltern eine die wenigstens deren
ganze Billigung hat. Nach meiner Ansicht glaube ich daß nach
dieser Ausflucht Ferdinands derselbe, wenigstens für einige
Zeit wieder hier an seiner Aus- und Fortbildung arbeiten kann.
Zumal da jetzt hier von allen nur möglichen Seiten, wenn Keil-
hau anders als Erziehungsanstalt und noch überdieß als all-
gemeine deutsche Erziehungsanstalt in spe bestehen soll
Deine Rückkehr so bald als nur immer gefordert wird
so dringend gefordert wird, daß ich mich stehenden Fußes thei-
len und zur Hälfte in der Schweiz und zugleich hier seyn
möchte. So hoffe ich daß Ferdinand nach seinen bisherigen Erfahr-
ungen sich dann unter Deiner Leitung und mit Dir hier zu der
Stufe der Vollkommenheit ausblicken kann, welche immer in
seiner Individualität bedingt ist. Willisau und die Schweiz
kann ihm dem Ferdinand in meiner Nähe und bey und unter
meiner Einwirkung diese Ausbildung nicht geben, denn wir sind
von den allerersten Grund- und Lebensansichten verschieden,
so verschieden, daß eine solche Verschiedenheit durch Vereinig-
ung nicht zum Verständniß führt.
Doch Barop! die Betrachtungen gewinnen, bekommen noch weit mehr
Wichtigkeit und alles bisherige ob es sich gleich um Mensch und Fami-
lie handelt schwindet als sehr gering wenn wir dagegen einen
Blick auf die Forderungen und Erwartungen auf den Beruf
werfen welcher meiner und der Mitarbeitenden in Willi-
sau, ja im Canton Luzern, ja in der Schweiz, ja von dort
aus in Rückbeziehung auf Deutschland erwartet.- Ruhe
Barop! ehe Du weiter liesest mit einem sinnenden und beachtenden
Blick auf dem Ganzen daß uns dort erwartet. O! Barop! möge
Gottes klärender Geist Dich bey diesen Betrachtungen leiten und
führen, denn es handelt sich um nichts äußerliches nicht vergäng-
liches nichts Persönliches.- Ist bey dem Ganzen mein Name nur
ein einzelner Name genannt worden?- Bin ich bey dem Ganzen
sind wir nur als Deutsche betrachtet worden?- Nein! nur als
Protestanten als die Darleber der höchsten und innigsten, dem Men-
schen als solchen eigensten Lebenswahrheiten!- Was setzt dieß
Barop! voraus?- Einigung, schon Einigseyn in Beziehung auf
die höchsten und tiefsten Lebenswahrheiten. Hier und jetzt ist nicht
mehr davon die Rede eine solche Einigung erst zu bewirken;
Ach! und wie läßt sich so etwas auch vom menschlichen Willen aus
und durch denselben bewirken, wenn sie nicht schon ursprünglich
im Gemüthe da ist und nur geweckt, geläutert, gepflegt, gestärkt
zu werden braucht. Also Barop! Barop! Erscheinung[en] welche das
sich entwickelnde Keilhauer Leben begleiteten, dürfen nie in dem sich /
[4R]
in dem sich entwickelnden Willisauer vorfallen. Barop! wir müssen
dort ein Leben führen wie uns die Poesie und Dichtung und die Fer-
ne, und des Herzens Sehnsucht das Leben der ersten Christen
zeigt nicht wie es war, denn wer war Zeuge, sondern wie
es uns die Überlieferung giebt. Welche Aufgabe! und
Warum?--- Weil man mit der klarsten Bestimmtheit aus
gesprochen hat daß man von dem Leben der Willisauer Er-
ziehungsanstalt, also unserm Leben auf den Geist und das inner-
ste Wesen des Protestantismus schließt
wie man von dem jetzigen allgemeinen Stand des Protestan-
tismus wie Du uns in Deinem jüngsten Briefe andeutest auf
unser persönliches neueres Leben und unser Wirken als Lehrer
und Erzieher, ja als Menschen schließet.
Und habe ich mich als
Erzieher der Luther nicht als den treuesten und reinsten Anhänger
an denselben beurkundet; wird man davon nicht kunde nehmen.
Sollen wir Barop! das edle reine Streben und Leben unserer
Väter, wie man es hinstellt dem Hohn und Spott Preis geben.
Wahrlich die Sache ist für uns und unsere Seite so wichtig als es
die andere Partey für sich und ihre Seite da hinstellt. Was
kann die hier vorliegende Riesenaufgabe nur lösen, was kann
über die nicht zu überschauenden ja nicht einmal zu ahnenden
Hindernisse hinweg den Weg zum Ziele führen?--- Nur
die innigste Einigung in den tiefsten menschlichsten, d.h. geistig-
sten Grundwahrheiten, nur das innige einigste Vertrauen
nur das vollste innigste und achtendste Anerkennen. Kein
Hauch, keine Spur von Trennung in den höchsten und heiligsten Lebens-
ansichten darf in einem solchen Leben zu finden seyn.
Wo könnte nun ein solches Leben es wagen hervorzutreten
wenn der versteinernde, kältende Zweifel, die Nichtachtung und
nicht Anerkennung in der Nähe wirkt, als theilnehmendes Element
in einem solchen Leben wirkt. Du kennst doch wahrlich jene ver-
steinernde Wirkungen nicht etwa des in Wort und That heraus-
tretenden, sondern nur des still innen wirkenden Zweifels
Mißtrauen und äußerlich Nehmens des nothwendig Innern.
Also Barop! Da ein wenig Sauerteig den ganzen Teig versauert
so lasse uns sorgsam seyn, daß wir gleich von Anfang an jede
Einmischung eines Stöhrenden und Trübenden vermeiden, denn wir
treten für keine persönliche Sache wie sie immer Männer haben ein
sondern am Ende und zuletzt für die reinste menschliche Sache,
für die höchsten, reinsten menschlichen Interessen ins Feld.
Die jetzt mit mir kommen werden und die ich als mit mir kommend
genannt habe schließen sich mit der reinsten vollen Liebe und dem
hingebensten Vertrauen nicht etwa blos an mich, sondern
auch an das Ziel und der [sc.: den} Zweck des Ganzen an, sind mit kurzem
Worte gläubige aber nicht minder thatkräftige jugendliche
und kindliche Gemüther, keine anderen werde ich nie nach Willi-
sau nehmen um nach Möglichkeit dort dasselbe zu wecken.
Lasse Dich Barop! ja nicht durch einen Seitenblick auf Ferdi-
nands Kunstfertigkeit und wissenschaftlichen Besitz stöhren.
Ein solcher Blick könnte Dich in ein Labyrinth von Täuschungen führen
aus welchen Du Dich nicht herausfinden könntest. Nur äußere
äußerlich hingestellte Kraft kann inneres Leben nie fördern und
fest bin ich, felsenfest bin ich überzeugt bleiben wir den [sc.: dem] reinen
Geist rein und ganz treu, wir erlangen was wir bedürfen zur
rechten Zeit, - auch fordere und erwarte ich gar nicht daß Fer-
dinand wie es jetzt steht gleich mit Dir aus der Schweiz zurück
kehre. Nimmt Ferdinand in seinen Handeln noch auf Keilhau Rücksicht so /
[5]
so kann sein Austritt aus der Schweizerischen Anstalt erst dann
statt finden wenn sein Eintritt in Keilhau hier wieder vorbereitet
ist. Es ist nur gut daß man gleich vom Anfang herein in sich ganz
klar wisse das Willisau nicht auf ihn rechnen, daß das er-
ziehende Wirken dort ihn nicht als einen wahren Mitar-
beiter aus durchgehender innern Überzeugung betrachten
könne. Wer weiß auch überhaupt, wie sich das Ganze noch
bis Ostern entwickeln und gestalten kann.
Einigung; innerste urigste Einigung ist und bleibt aber immer die
erste Bedingung alles Heil- und Seegensreichen und ewig fortblühe-
nden und fortfruchtenden Wirkens, so vor allem zuerst inner-
ste innigste Einigung in sich selbst; daher ist auch mein allerwich-
tigstes Streben die innigste klarste Einigung in mir als erste und Grund-
bedeutung alles ferneren Wirkens, allem zuvor zu erringen; zu erringen
im Bewußtseyn, im Gemüth im Leben und im Handeln in der That.-
Derjenige aber welcher einig in sich ist, ist dadurch auch einig mit Gott
und dem Gottesgeiste wo und wie ihm derselbe wehend und wirkend
schaffend und geschafft habend im Leben und lebend entgegen tritt[.]
Darum aber wirkt er auch friede- und freudegebend Heil und Seegen bring-
end, wann wo und wie er in seinem Einigseyn in sich erscheint. < ? >
< ? > Deßhalb aber auch muß er nun auf das sorglichste acht-
sam seyn, daß nichts die Einigung seines Wesens aufhebe, nicht stöhrend
und trübend in sein Einigseyn in sich eingreife. Durch Achtlosig-
keit in diesem Punkte vernichtet er sich alle seine Kraft, und ver-
nichtet sie sich jedesmal und in dem Maaße als er sich jene
Achtlosigkeit zu Schulden kommen läßt. Je größer intensiv oder
extensiv Forderungs- und Erwartungsreicher nun das Wirken ei-
nes Menschen und Mannes ist, um so größer, nach innen und außen
vor- und umsichtiger muß die Sorge dieses Menschen und Mannes
seyn für die Gegenwart und jede Zukunft diese Stör- und Trübung
zu vermeiden, ja sogar rückwärts auf die Vergangenheit wo die-
selben etwa als eingetreten erscheinen zu lösen. Du wirst nun
Barop! durch das hier Allgemein ausgesprochene die Wichtigkeit des
oben von mir in ganz besonderer Beziehung ausgesprochen und es selbst
in seiner Wahrheit erkennen. In einer meiner letzteren Dichtungen
ich glaube in den 3 Schwestern sage ich: nur der Freye kann frey machen
(hab es auch sonst wohl schon zum öfteren ausgesprochen) ich erweitere
es jetzt und sage: - nur der in sich freudige kann Freude, nur
der in sich Friedige kann Friede, nur der in sich Heilige kann Heil
nur der sich selbst geseegnet fühlende und so Geseegnete kann See-
gen geben; Also siehest Du Barop, daß die Aus- und Abscheidung des
nach irgend einer Seite hin, in irgend einer Beziehung in dem Leben
des nach Einigung in sich strebenden Menschen tr oder Mannes - trü-
bend oder stöhrend wirkenden, keinesweges eine Handlung der
Willkühr sondern der strengsten moralischen Nothwendigkeit ist
und daß der Mensch wenn er ein Mann ist nicht den Namen des Man-
nes verdient sondern gerad zu ein Schwächling und armer Wicht ist
und wenn ich es selbst war, bin oder noch seyn werde - wenn er
sich durch irgend einer Beziehung sey es Einsicht, Kenntniß, Ver-
wandschaft oder jeden äußeren Besitz und Werth der sich auf
ein Etwas Haben bezieht, an jener Ausscheidung so bald sie von
dem Streben nach innerer Einigung, Einigseyn in sich gefordert wird,
abhalten läßt.
Du wirst mir vielleicht oder andere können statt Deiner mir
hierauf erwidern: - was soll aber dann aus dem menschlichen /
[5R]
Leben werden, denn es muß doch wohl wenn irgend etwas gewirkt
geschafft werden, wenn Wirken und Schaffen Blüthen und Früchte brin-
gen und tragen soll durch Menschen, in Zeit und in Ort oder Gegenstand gewirkt
werden Menschen, Zeit und Ort oder auch Gegenstand
können aber nur gar zu leicht trübend und stöhrend in unser inner-
stes in sich einiges Leben eingreifen, ja greifen so ein; wie
steht es nun so wie kann es nun so mit dem In-sich-selbst-einig-
seyn im Menschen und allem was davon abhängt aus sehen?-
- Du oder die anderen haben ganz recht:
Wo, wie und wann der Mensch oder Mann auch wirkt muß
durch Menschen, in Zeit und Ort durch Gegenstand gewirkt wer-
den aber - Barop! beachte und durchlebe es - nicht durch die-
sen oder einen bestimmten Menschen den Du eben meinst; -
nicht in dieser oder eben jetzt bestimmten von uns festgesetzten
Zeit - nicht in diesem von von uns eben jetzt bestimmten Ort oder
durch diesen auf- und hingepflanzten Gegenstand. Ja,
setzen wir - wie ich als ein liebender Mensch recht gern zugebe
auch fest durch diesen Menschen, in dieser Zeit an diesem Orte
oder durch diesen Gegenstand! Dann aber nur nicht in einer
bestimmt festgesetzten Form auf bestimmte festgesetzte Weise
genug! nur nichts in und durch Fessel nicht durch und im Starren
sondern als in Bewegung im Leben in Fluß. Ich will es Dir
durch ein Bildchen klar machen. Denke Dir einmal ich hätte oder
bekäme den wunderlichen Gedanken ich wollte MenschenErzieher
nun nimm aber zugleich an ich hätte ganz und gar nichts - brauchts
übrigens gar nicht anzunehmen da es wirklich so ist, also keinen
Turnplatz, keine Lesestube, keine Schiefertafel, sondern ich sey der
Erscheinung nach ein fahrender Student, ein armer Pilger, ein
reisender Handwerker oder gar ein heymathloser Bettler wo ich
also nur den Ort mein nenne den eben mein Fuß betritt und so
lang er ihn betritt; die Zeit mein nenne die ich eben denkend oder
sinnend oder redend festhalte; nur die Menschen mein nenne zu
welchen ich eben b nur begegnend vorübergehend sage: guten
Tag mein Kind, mein Freund u.s.w. nur den Gegenstand mein
welchen mir so der Weg zu[-] und vorüberführt u.s.w. was meinst
Du Barop! werde ich so in diesem ewigen Fluß, werde ich so
auf Menschen in Zeit an Ort oder Stelle und durch Gegenstand
erziehend als ächter Menschenerzieher wirken können? -
ich meine nicht nur ja sondern ich weiß ja! denn ich habe alles
dieses auf mich ein[-] und von mir herauswirkend empfunden
welch einen Eindruck, welche Wirkung macht ein frommer zufriedener
dankbarer Mann!- Erzieht er nicht besser als der Instructor
Sr Durchlaucht?- Und erzieht nicht die Sonne wacker auf
unserer Erde durch ihr klares liebes Angesicht und dennoch lehrt
uns die höhere Naturbetrachtung weder die Erde und schwerlich
auch die Sonne steht stille, beyde wandern rastlos, wandern
mehrfach und indem sie wandern erziehen sie, erziehen das
Schöne, das Wahre das Gute ohne eines zu einem Festen zu machen
zu einem Starren. Also auch die Natur die keine Wilkühr kennt
sondern nur strenges Gesetz von Nothwendigkeit ist mit mir, ich mit
ihr in Übereinstimmung, wie mich und uns unsere Alpenblümchen
lehrten. Aber auch das höchste Leben in Gott und mit Gott lehrt ein
gleiches! Wer erzieht sicherer als Gott? - und erzieht wirkt und
schafft Gott auf eine andere Weise?- Aber wir sollen ja auch
vollkommen seyn wie unser Vater im Himmel, und unser Vater
im Himmel ist - einig in sich u.s.w. u.s.w. Da nun dieser, dieß uns /
[6]
kund thuende Gottessohn auf der Erde erschien, wie erschien er
? - arm und blos! - und was besaß er? - weniger als die Füchse!
Was hatte ihm seine lange seegensreiche Wirksamkeit gegeben? -
Nichts wo er sein Haupt hinlegen konnte!- Wo waren die die er vom
einfachen äußerlichen bürgerlichen Berufe zum höheren innerlichen
menschlichen Berufe herauf erzogen und gebildet hatte in der Zeit
als ihn die Leiden, der Druck traf?- Sie hatten ihn verlassen!-
Einer den er nicht erzogen, nicht heraufgebildet, nicht zur höheren
Menschheit durch Wort und That, Lehre und Beispiel herauf gehoben
hatte, einer der ihm, gleich einem alten armen Manne zufällig am
Wege begegnete trug ihm sein Kreuz. Genug!
Du Barop! wirst nun einsehen und mich klar verstehen wenn ich
so nur weiter sage: - so lieb mir die Schweiz und der Kanton
Luzern und die Stadt Willisau für mein erziehendes Wirken
ist, daß mir doch alles dreyes zu meinem erziehenden Wirken
ganz gleichgültig ist, denn wie ich dazu eine Keil Au, eine TreibAu
eine Jugend Au, wie ich dazu eine Willis Au, eine Willens
Au, so werde ich dazu auch eine Geistes- eine Seelen- eine Lebens-
Au finden und ich hoffe daß ich sie gefunden, wenigstens so
eben angedeutet, wo ich sie zu suchen und zu finden habe.
schon [sc.: Schon] sie zu suchen muß unendlich vieles reichen, geschweige denn sie
zu finden, sie zu besitzen!- !- Warum spreche ich nun wohl jetzt
dieses hier aus?- Darum spreche ich es aus, daß Niemand et-
wa meyne ich sey jetzt gegen Personen oder Menschen ernst
und streng, vielleicht hart, weil ich mich in der Zeit, im Raum
in Beziehung auf Ort und durch Gegenstand sicher oder gesichert
wähne. Willisau aber legt mir jetzt in dem Verfolg seiner
Entwickelung eine solche Last auf legt mir eine solche Aufgabe
zur Lösung vor die ich nur durch das klarste Einig seyn in mir
zu tragen und zu lösen im Stande bin; durch klares vollkomme-
nes Einigseyn in mir erreiche ich gewiß überall und in jedem
Augenblick meinen erziehenden Zweck, mein erziehendes Ziel
folglich ist mir Willisaus Besitz und was sich daran anschließet
für mich und um meinetwillen jetzt ganz gleichgültig. Ja wei-
ter selbst die jetzige Last und Schwierigkeit die sich dem Wirken in
Willisau entgegenstellt ist mir lieb, denn ich bin nicht gewilligt
Last und Schwierigkeiten voreilig aus dem Wege zu räumen,
denn sollte die Unternehmung für den Verein zu schwierig und so
auf und für die Dauer aus- und durchzuführen unmöglich seyn, so
ist es immer jetzt noch am besten wenn sie ganz und gar nicht ins
Leben tritt als wenn sie nach 1, 2 5 ja nach 10 Jahren kränk-
lichen Bestehen in sich selbst verfällt. Also jetzt mit allen noth-
wendigen Bedingnissen und Bedürfnissen einer gesunden frischen
Geburt eines gesunden und frischen Bestehens offen klar und
bestimmt hervorgetreten, jetzt sind auch dazu ich wie zur Zeit
der herannahenden und eintretenden Geburt alle Kräfte ge-
steigert alle Muskeln gespannt. Also sich nur nicht etwa die
Geburtswehen schrecken lassen. Du nennst die Geburtshelfer
gut, das Willisauer Kind ist noch nicht geboren. Wie ich
höre schreibst Du, daß Du jetzt Kinderzeug für dasselbe machst
oder machen läßt auch gut! Aber lasse Dir einmal von Jemanden
erzählen wie sie das alles ¼, ½ und ganze Dutzend-weise macht,
doch davon gleich nachher; jetzt nur vorerst noch eines was ich durch
häufige Unterbrechung oben an wichtiger Stelle vergessen habe.
Die Gegner der Willisauer Unternehmung werfen dem Protestan-
tismus innere Spaltung und wohl mit Recht vor, oder auch als Prote-
stantismus mit Unrecht, ganz gleich, aber so viel siehst Du doch wohl /
[6R]
ein daß ich nicht gleich dort mit Meinungs- Überzeugungs- und
Lebens Spaltung auftreten, eintreten darf?-?- Lieber laßt
mich ganz mutterseelenallein in Einigung mit mir selbst und
höchstens in Einigung mit den Wenigen die sich nicht nur die Meinigen
nennen, sind als solche bezeuget und bezeigt haben dort ein-
und auftreten und ich will suchen die Lasst zu bewegen die
Hindernisse zu übersteigen, die Aufgabe zu lösen, in Einig-
ung mit dem in sich einen Gott und einigen Gottes Geist.-
Nun zum Kinderzeug!-
Gleich allem zuvor und als Grund- und Eckstein des Ganzen ja als
Wegweiser im Ganzen: - es ist nothwendig daß möglichst viel
schwieriges und Wichtiges vor meiner Ankunft in der Schweiz
beseitiget werde, keinesweges etwa um es mir zu erleichtern,
sondern Dir und besonders aber auch Ihnen, dem Verein selbst
denn jetzt gleichen sie jungen Hengsten (es ist kein unedles Bild)
gefällt Dir das Wort Rosse besser hab nichts dagegen, will nur
die Sache bezeichnen, jetzt haben sie jungen frischen Lebensmuth
gleichen jungen Aaren (kann auch schon schönere Bilder finden) -[.]
Also jetzt vermindere Ihnen nichts was doch die Nothwendigkeit bestimmt
daß sie bewegen müssen, jetzt kürze ihnen keinen Weg ab den sie
doch später nothwendig durchfliegen müssen; zeigen sie sich jetzt
matt oder schon ermattet so ziehe in Frieden ab so weit Du
sonst immer vorgerückt bist.
Also zuerst das Kinderbettchen mit Korb.
Du schreibst daß: - "Weil die Spannung nun allgemein auf die Erzieh-
"ungsanstalt in Keilhau gerichtet sey, so wollet der Verein lieber daß die
"Anstalt erst Mitte März oder Ostern eröffnet werde um sie dann desto
"eingerichteter und vollkommener auftreten zu lassen; wo dann schon
"von Mitte März bis Ostern die Gärten und Turnplatz können hergestellt wer-
"den. Dieses stimmt gewiß auch ganz mit Eurem und unserm Wunsch zusammen.
"u.s.w." Gut! recht gut! Aber wie sieht es nun mit dem Jahrgehalt
der 800 Frk von Neujahr 1833 bis Michaelis oder wenn Du enger und lie-
ber willst mit dem Gehalt von Neujahr bis Ostern 1833 aus?- Mir
scheint es doch nicht billig daß dieser schwinde und unser Gehalt erst
von äußerer Eröffnung der Anstalt Oster[n] an beginne. Denn Du siehest
schon Ende Februar vielleicht früher muß ich von hier
abreisen. Außerdem muß ich jetzt schon hier ununterbrochen dafür
thätig seyn. Wie Du selbst schreibst darfst und kannst Du jetzt die
Schweiz nicht verlassen. Was Ferdinand erarbeitete wird auch
unbedeutend und nicht hinlänglich seyn um Euere täglichen jetzt au-
genblicklichen Ausgaben zu decken, warum weil seine Thätig-
keit eigentlich auch schon Willisau nur im Auge hat; also sind bin
dem wirklichen Buchstaben des Vertrages nach ich mit zwey tüchtigen
Lehrern schon von jetzigem Neujahr an für die Willisauer Anstalt
beschäftigt. Dazu kommt ja daß ich gar nichts für die Vergütung der
Reisekosten die gewiß sehr kostbar seyn werden, und von deren
Deckung ich bis jetzt noch nichts weiß - nichts fordern nichts erwarten
kann; deßhalb nun dünkt es mich nach jeder Seite hin mehr als
billig daß der Vertrag auch in seinem § 11 ohngeachtet der eigent-
lich späteren eintretende[n] äußern Eröffnung der Anstalt doch in sich un-
verletzt bliebe d.h. daß ich von Neujahr bis Mich. 800 Frk. in vier-
teljähriger
Vorausbezahlung Gehalt bekomme, und ich also bis Ostern
400 Frk. voraus bezahlt erhielte, so wären dadurch sogleich die Kosten
der Reise und der Einrichtungen dazu und dafür gedeckt. Durchden-
ke die Sache recht klar und führe sie als Mann aus. Behandle
lieber die Sache der Caution mit den betreffenden Behörden unmittel-
bar. Lasse dem Verein klar sehen und besonders lebendig fühlen, ma- /
[7]
che es ihm durch den untrüglichen Magnet der Frauen und Mütter
die Töchter haben einsichtig, daß ja auch ich durch Mitbringen
meiner Frau und wenigstens schon einer hier mehr eingelebten Pflege
Tochter alles thäte um dort gleich desto eingerichteter und
vollkommener und durch die That gleich tüchtig aufzutreten.
Auf der anderen Seite aber verhüte auch daß der Verein von den
Pfleglingen die ich etwa von hier und aus der hiesigen Anstalt sogleich
mitbringe nicht auf große Beyträge an sogenannten Unterrichtsgeld
von meiner Seite Forderung machen und rechne. Erstlich mußt
Du ihm zeigen daß ich ja dadurch der hiesigen der alten Mutter-
anstalt gar wesentliches zu ihrem Bestehen entzöge, welches ihr
auf irgend eine Weise ich zu ersetzen suchen müsse. Zweytens
mußt Du ihnen fühlbar und einsichtig machen daß diese Pfleg-
linge wegen unserer deutschen Einfachheit im Leben, verhält-
nißmäßig gegen die Schweiz nur sehr wenig und eben nur
für die Schweiz die reine Auslage des Kostgeldes bezahlten.
Du weißt ein sogen: Student in Luzern muß wöchentlich 3-4
Gulden also fast 2 Rth. pr Cur bezahlen was aufs Jahr über
so viel Kostgeld beträgt als Mathilde uns jetzt zahlt.
Bey der Gelegenheit will ich doch gleich bemerken, daß Du Dich
doch gelegentlich unterrichten möchtest was man in Luzern, oder
auch in Baldegg monatl. oder vierteljährlich in weiblichen
Erziehungsanstalten für Unterricht bezahlt wenn die Töchter nicht
in der Anstalt wohnen. Macht doch einmal einen Spaziergang
nach Gelfikon am Baldegger See vielleicht könnt ihr es dort
erfahren oder in Eggerswyl bey Bachmanns, oder unmit-
telbar in Luzern. Erkundiget Euch doch was eine Katharina Bitt-
ner in Solothurn hätte zahlen müssen wäre sie dahin gegangen
oder eine Marie Korner [sc.: Körner ?] oder Ursula Auerheim, wenn sie
ins Welschland gehen würde. Laßt uns jetzt Güter nicht
unter dem Preis bezahlt hingeben welche wir ganz in un-
serer Gewalt haben.
In Beziehung auf das was ich so eben wegen Gehalt und Unter-
richtsgeld aussprach füge ich noch als sehr zu beachten hinzu: -
Bestehe nicht hartneckig auf Deinen Forderungen ja nur Er-
wartungen lasse Du sie nach Umständen eher sinken, als sie Dir
solche zurück geben aber lasse ihnen [sc.: sie] fühlen, daß das was
sie Dir abschlagen - nach einem ganz natürlichen Gesetze - mir
abschlagen, was sie Dir gewähren mir gewähren oder auch
nach Umständen umgekehrt. Aber auch das Abschlagen, ja
das ernstliche Abschlagen lasse Dir wieder lieb seyn, denn
je mehr oder je ernstlicher Sie uns und mir etwas ab-
schlagen um so freyer machen und stellen sie mich und uns
wieder.
Wir wollen uns dort, ich will mich dort nicht anklammernd
festhalten, Sie müssen uns dort und mich festhalten be-
festigen.
In Beziehung auf die Töchteranstalt oder wahrer und bestimmter
in Beziehung auf die Ausbildung der Mädchen oder Töchter für
ihren engeren weiblichen und namentlich häuslichen Berufe noch eines. Die-
ses unser Wirken dafür muß uns auch pecuniär von dem
Vereine noch außer dem eigentlichen Erziehungsgelde für
männliche Zöglinge, wenigstens im Vereine mit demselben -
frey machen. Halte also dieses Wirken immer in einer gewissen
neblichen aber erreichbaren Ferne. Gedenke auch immer daß
wir noch gar manche Schwestern und Töchter, wenn auch nicht /
[7R]
gerad in Keilhau haben. Doch dieß ist wenig und unbedeutend
gegen das höhere; denke und bedenke: Die weibliche Erziehung
für den engeren häuslichen Kreis vielmehr Beruf muß uns - das
Ausgleichungsmittel für alle Differenzen, Entgegnungen, Spaltungen
und Hemmnisse des Lebens seyn!- Barop! wisse es, aber lasse
es nicht wissen. Die Weisen Perser sagen: ein Geheimniß uns be-
wahrt ist unser stets lieb[-] und willvoller Diener, es ausgespro-
chen sind wir sein Sklav. Barop! studiere Schiller über
esthetische Erziehung des Menschen und laß Deinem Geiste und Ge-
müthe das dort angedeutete weiter entwickeln.
Lasse nur zunächst von meinem Wollen und Wirken ihnen soviel
durchleuchten, daß ich das Leben, also nicht Spaltung aus Sektire-
rey will, daß es darum in gar keiner Hinsicht mir Zweck mei-
nes Lebens ist neue Lehren, neue Doktrinen, neue Meynungen als
solche aufzustellen, erkennend und anerkennend zu machen
sondern daß es mir Lebenszweck und Lebensberuf sey, die ur-
alten längst bekannten er- und anerkannten Wahrheiten
darzuleben, darlebend zu machen, die ganz allgemeinen
Überzeugungen, Lehren und Wahrheiten, welche seit Jahrhun-
derten und längst vor der Reformation, selbst von den ältesten
und edelsten Katholiken anerkannt, mit Zustimmung und Beystimmung
ihrer doch oft sehr strengen Obern anerkannt worden sind.
Ich kann überhaupt gar nicht gegen den Katholizismus als solchen
in seiner ursprünglichen Reinheit und in seiner in der absoluten
Einheit selbst bedingten Wahrheit seyn; denn mein Grund- und
Lebenssatz ist: eher Vater und Mutter u.s.w. u.s.w. Nun
aber ist der Protestantismus aus dem Katholizismus hervorgegan-
gen, Jesus selbst ehrte den Mosaismus in seiner Reinheit d.h.
das sich darinn aussprechende nothwendige innere Gesetz, Lebens-
gesetz, denn er sagte: - ich bin nicht gekommen aufzulösen sondern
zu erfüllen zur Liebe zu erheben, lieb zu machen; ich könnte
sagen ich will die Liebe als Leben zeigen, die Liebe als Licht
schauend und lebend, Licht und Liebe darlebend machen wie
ja schon Jesus lehrte that und forderte, von denen forderte
die seine Jünger waren seyn und bleiben wollten, also will ich
nur in jeder Hinsicht im Leben nur Jesu Jünger seyn, wie Er dieß
alles klar ausspricht, fordert, versichert, seegnet u.s.w.
Ferner kannst Du ihnen durch fühlig machen - ohne jedoch je Dog-
men zu berühren noch weniger auszusprechen - wie mein
Leben durchweg nur Einigung Eintracht aber nie Spaltung und
Zwietracht bezwecke, kannst es ihnen vielleicht in der Feyer
unserer Christfeste vielleicht auch bey Gelegenheit des dießjäh-
rigen Christfestes durchfühlen machen. Theile ihnen mein Leben
mein Handeln meine Überzeugungen selbst immer offen und frey in Gestal-
tung und Lebensanschauungen hin. Es ist gut, daß ihnen das Leben
in seinen Gestaltungen ganz offen hingegeben werde. Nur nicht von
vornherein Geheimniß über die Thathsachen des Leben[s] aber hüte
Dich vor Wort und Dogma auszusprechen, dieß sind die Zankäpfel
fordere auch von den anderen kein Wort, was nicht zugleich That
ist genug keine Dogma[ta] keine Doctrinen.
Noch ein häusliches und mehr noch. Mache daß das Thurmzimmer
in Willisau möglichst bald geräumt werden [sc.: werde]. Mache wieder auf
den schon dagewesenen Gedanken aufmerksam: wie sehr leicht schlechte
Gesinnung in der Gegenparthey dieß zum höchsten Nachtheil des Ganzen
benützen könnten. Da man ja gar nicht wisse wer dort ein und aus gehen
könne; ist es möglich so taufe und bewahre mir es gleich als ArbeitsZimmer. /
[7]
[Ränder von 7VR:]
Gestern Donnerstags am 10n ist der Brief an Nitzelnadel abgegangen.- Ebenso Dein Brief mit Zeichnung von Willisau nach Berlin mit
meiner Frau Darlegung der Lebensforderung an ihre liebe Mutter und Fr[.] Dr. Heß.- Auch ist gestern ein Packet an Dich mit dem Heymaths- /
[7R]
schein abgegangen. Leider durch mich unfrankirt; aber es wäre so nur bis Fr[an]kfurt möglich gewesen. Gott mit Dir, Euch und uns. FrFr.

[8]
Ich wollte erst dieses Blatt nicht mehr benutzen, daher auf dem
vorstehenden das Randgeschreibsel doch ist mir noch etwas
Wichtiges übrig. Es betrifft dieß ein gutes Tastinstrument
am besten Flügel, Du mußt ja sehen daß unsere jungen Mu-
siker, denen jetzt wie jungen Adlern die Flügel wachsen, Lang-
gut[h] und Mathilde ein Instrument wenn auch nur zum einst-
weiligen Gebrauche vorfinden. Irre ich nicht so sprach ja schon
Kilchmann einstweilen von dem seinigen. Wir würden
sonst eines ganz wesentlichen Mittheilungs- Belebungs[-] und Einig-
ungs- ja Ausgleichungsmittels entbehren.
Ich habe über diesen Gegenstand da er mir gar sehr am Herzen
liegt auch bey meiner jetzigen Anwesenheit in Frankfurt mit
Schnyder, der wie Du weißt ein Commissionslager Streicherscher
Instrumente aus Wien in Frankfurt hat[, gesprochen]. Schnyder gieng
gar sehr darauf ein mir oder uns nach Willisau ein
ganz gutes wenn auch sonst im Äußeren einfaches, da-
her auch nur mäßig theueres Instrument aus Wien zu
verschaffen. Irre ich nicht sehr war der Preis 26 bis 30 Ca-
rolin, doch ist es auch möglich 36 Carolin da die kostbareren
Patentflügel 50-60 Carolin kosten. Genug Schnyder will
uns ein Instrument von der Güte des seinigen verschaffen.
Ich meyne dieser Weg und dieses Anerbieten Schnyders ist
früher oder später sehr zu beachten. Ich glaube nicht daß er
seinen Namen aufs Spiel setzen würde, da es ja immer hieße,
daß wir das Instrument durch ihn erhalten hätten, er
ja auch in der Schweiz so bedeutend als Musiker gilt.
Innerhalb 2 bis höchstens 3 Monaten vom Tage der Ber-
stellung [sc.: Bestellung] an, meynte er, könnten wir das Instrument ha-
ben. Wegen Sicherheit der Zahlung vor Abgang des Instrumentes von
Wien sicher zu seyn, dieß trat als ein wesentli-
cher Punkt, was ich ihm auch gar nicht verdenke hervor.
Schnyder meynte, auch auf einen anderen Weg als von Wien
aus sey kein gutes Instrument in der Schweiz zu bekommen.
Nun endlich zum Schluß. Die Lyra als Sinnbild des Ein[-]
klangs u.s.w. welche in der jüngsten Zeit erst wieder in dem
sich Zusammenordnen des Alpenblumengrußes für
Deine liebe Frau bedeutungsvoll hervortrat, ist seit der
Mittheilung desselben und während meines jetzigen Leben[s] wieder
vielfach bedeutungsvoll aufgetreten; so habe ich sie ein-
mal persönlich durch Mathilde sehr schön gezeichnet zu Weyh[-]
nachten mit sogenannten Merkzeichen erhalten. Dann ist
sie mir auch gleichsam zu Weyhnachten wieder geschenkt worden,
indem ich zufällig und ohne daß ich mich dessen erinnerte,
Wilhelms für He. Karl gezeichnetes Petschatt [sc.: Petschaft] fand, und
so will ich denn auch mit diesem S sinnvollen Zeichen und dieser
bedeutungsvollen Gabe des zusammentönenden Einklangs diesen Brief an Dich besiegeln, in
gewisser Beziehung den
ersten Brief welchen ich Dir seit meiner Ankunft in Keilhau
schreibe, wenigstens der eigentlich erste im neuen Jahre.
Und so töne denn auch dieses ganze Jahr und die daraus
hervorgehenden Blüthen und Früchte in aller Zukunft wie
der singende Baum im Mährchen im reinen hohen Einklang
Dir in klarer Seele und Leben[s]vollem Gemüthe.
Dein FrFr.

Sehr freue ich mich daß Du so trefflich Deine Bärennatur bewäh-
rest und Dir nicht allein das [sc.: den] Honig und die Honigspeisen so gut schmecken läßt
sondern auch dankbar dessen Lob brummst.
Schreibe uns ja recht bald damit wir immer genau wissen wie es dort steht. Grüße Ferdinand. er erhält <viel / vier> Briefe.