Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Wartensee v. 17.1.1833 (Keilhau)


F. an Johannes Arnold Barop in Wartensee v. 17.1.1833 (Keilhau)
(KN 43,7, Brieforiginal 3 B 8° 12 S., zit. Halfter 1931, 674f.; tw. ed. DDR-Gedenkschrift 1952, 103-105 [mit falscher Datierung "Januar 1831")

Keilhau, Donnerstags, am 17en Tage im Monat des
Doppelblickes, 1833.·.


         Barop!
Gott zum Gruß.

Wenn Du diesen Brief empfängst wirst Du hoffentlich mein
an Dich verflossenen Donnerstag, heut 8 Tage an Dich abgeschicktes
Pakket so wie den am verflossenen Freytag, Tags darauf, an Dich
zur Post gegebenen Brief empfangen [haben]; und den Inhalt dieser ganzen Sendung
wirst Du nun hoffentlich schon zu einem einigen klaren, schwellenden
keimenden, bald wachsenden, blühenden und fruchtenden Saamen-
korn in Dir verarbeitet haben. Möge das nachstehende ihm reine
gesunde Nahrung, Lebenswasser, Lebensstoff, Lebensluft und Lebens-
licht geben.-
Nach Absendung gedachter Sachen bereitete ich mich in mir und um mich
vor meinen langen Vorsatz persönlich den nächsten, d.i. den nun jüngst
verflossenen Sonntag zur Fürstin Mutter zu gehen. Weil mir Mid-
dendorff
gesagt hatte, daß er früher Willens gewesen sey auch persönlich
zu ihr zu gehen, so nahm ich dessen Willen in den meinen auf, weil ich
es überhaupt auch jetzt zweckmäßiger finde, Gänge und Mittheilungen von
einer gewissen historischen darum großen Wichtigkeit unter und in Be-
gleitung einer gewissen Zeugschaft zu thun.
Middendorff wird Dir gewiß, wenn auch natürlich von seiner Seite
der Lebensansicht über das Ganze Bericht erstattet haben; ich beziehe
mich darum völlig auf denselben zurück ich sage nur das: Seit meiner
letztern persönlichen Mittheilung an diese fürstliche Frau (10 Jahre mögen zwar
wohl fast seit dieser Zeit verflossen seyn) trug ich immer den Gedanken ja die
Überzeugung in mir daß die Frau rein die innere Ansicht meines Lebens
und Wollens gewonnen habe. Glaube ich nun einmal für und von irgend-
einem Menschen in mir diese Überzeugung haben und sie festhalten zu können
so handle ich in mir mit solchen Menschen in einem solchen geistigen und
Lebensverbande fort als sey irgend ein Trüben oder ein Verdrehen oder
wohl gar Schwinden eines solchen Verhältnisses ganz und gar unmöglich
mein äußeres Erscheinen im Leben die Werdung und Gestaltung
meiner äußeren Lebensverhältnisse möge auch Formen habe[n] wie
es wolle. Diese meine Lebens- und Menschenansicht, diese meine Seelen-
ansicht der Menschenseele machte die ich bis vor einiger Zeit noch im Allge-
meinen jetzt in mir trug, jetzt aber nur noch in Beziehung auf wenige
Einzelne, ja sogar hier wieder nach manchen Richtungen mit einer gewis-
sen Scheu in mir trage - macht eben meine ganz bestimmte, besonde-
re Person, d.h. den bestimmten Menschen aus, der ich nun einmal bin.
Ich gebe nun nicht nur recht gern zu daß diese Ansicht keinesweges
klug ist, denn sie gründet sich auf kein außer sich herum Lugen
und Schauen, sondern einzig auf das Blicken in sich, auf das unmittel[bare] /
[1R]
Gefühl, die unmittelbare Wahrnehmung (das unmittelbare Nehmen
des Wahren:) im Gemüthe der Würde und des Adels des Menschen
im Gemüthe, darum ist sie edel, d.i[.] ein Weg ein Mittel; wie
der sichere Weg, das sichere Mittel zur Rückkehr des Men-
schen in sein Eden, d.i[.] sein inneres Paradies, welches viel-
leicht auch das Wort ed-el (w. zu. B. Heb-el) wenn auch
nach strenger Wortbildung nicht so wohl bezeichnen als andeuten
soll.
Diesem meinem ganz persönlichen Charakter gemäß schien
es mir nun bisher möglich zu werden und ward wenigstens
von meiner Seite mir möglich mit Menschen oder richtiger
wohl mit Menschenseelen im Einklang, in Übereinstimmung und Ei-
nigung in mir entwickelnd und bildend fortzuleben, wenn auch
aller äußerer persönlicher Lebensverkehr gänzlich aufgeho-
ben schien oder wirklich aufgehoben war.
Obgleich nun seit dem die Welt und die Menschen mich seit ei-
nigen Jahren mit aller Gewalt klug machen wollen und wirk-
lich auch klug machen, ich gar Manches, ja fast alles in dieser
Beziehung - als von dem menschlichen Willen, Einsicht, Vorsatz
ausgehend - ganz anders ansehen, so mag ich doch wenigstens
in mir selbst, als Eigenthum und Schatz für mich diese Lebens-
Menschen- oder Vielmehr [sc.: vielmehr] Seelenansicht nicht aufgeben,
denn ich müßte dadurch mein Leben, mich als Menschen, meine
Menschenseele selbst aufgeben.
So war nun wohl im Allgemeinen meine Stimmung und
Erwartung mit welcher ich zur Fr. Fürstin Mutter getreten
war. Eine einzige Äußerung zeigte mir doch fast gleich beym Be-
ginn der Mittheilung wie sehr sich H-g [sc.: Herzog] und seine Vertreter
im Besitz ihres Urtheils für sich gesetzt hatten und wie breit
und fest der Acker früherer Saat von mir oder für mich getreten
war; es wurden so viel Einzelnheiten aus früheren Zeiten z.B.
Vitzthums rc. gegen mich erwähnt, daß mir denn das Gesammtur-
theil am Ende auch nichts anderes als ein ganz gewöhnliches und
alltäglich äußerliches war. Und so saß ich denn, in mir zwar
ver- und abgeschlossen aber doch ziemlich schlagfertig der fürstlichen
Frau gegenüber; da nun die Rede auf meine Ausgaben und somit
auf meine Schulden im Allgemeinen kamen - Du weißt daß ich auch
von der Fr. Fürstin Mutter 1000 Rth pr. Ct früher KapitalVor-
schuß als Unterstützung bekommen habe - so erklärte ich denn sehr
fest und bestimmt - (:in mir ganz auf ihr eigentliches, würdigeres
Eingehen in mein Wollen verzichtend:) - ich <sich> werde gewiß jeden
meiner Gläubiger zu seiner Zeit, ohne Verlust an Capital u. Zins
auf das redlichste befriedigen. Es war bald 3 Uhr, es wurde zur
Tafel gerufen auch die Mittheilung im Allgem: zu Ende. Da wir
nun von den Stühlen aufgestanden waren nahm sie mich von Midden-
dorff
hinweg in das die zweyte FensterWölbung mich sogleich fragend:
"Glauben Sie denn daß Sie mir etwas schuldig sind?"- ["]Aller- /
[2]
dings["] sagte ich, ["]ich glaube es nicht nur, sondern ich habe auch den ern-
sten Willen das Kapital wie es mir nur immer möglich wird
auf das Dankbarste zurück zu zahlen. Unsere Bücher sind dessen
Zeuge."- Sie sprach mir aus wie diese Rückzahlung ihr nie Absicht
gewesen sey[.] Ich möchte ihr das Buch bringen daß sie diese Forderung
darinn ausspreche und sie ihre Meinung selbst schriftlich hinzufüge
da, wie sie sich weiter unwillig äußerte, der Rückgabe meiner
Handschrift an mich durch den <Cr. Pr: Sch.> Schwierigkeit gemacht werde.- ["]Besser["], sagte
sie jedoch sogleich darauf, ["]ist es doch ich ge-
be Ihnen diese meine Meinung sogleich schriftlich["]. Sie setzte sich
auch und schrieb: "- Es ist mir nie eingefallen daß mir Herr
"FriedrichWilhelmAugustFröbel Vorsteher der Erziehungsanstalt
"in Keilhau die 1000 Thaler die ich ihm zur Unterstützung dieser
"Anstalt auszahlen lies mir wieder geben sollte. Rudolstadt
"den 13. Jan: 1833."
<St. d. S.> [*eingekreist*]
"Caroline verw. Fr. z. Schw. R.
"geb. Prinz: v. H. H. (:HessenHomburg:)["]
Du siehest hier wieder wie in einer gewissen Hinsicht das Empfangen
oder die Erfüllung wie Du es nennen willst - durch die Verzichtleistung
das gänzliche Entsagen hindurch gehet. Deßhalb theilte ich Dir, dieß an
sich sehr kurz mitzutheilende Factum so ausführlich mit.
Weiter habe ich außer sonst wohl noch gar Manchen besonders auch die
Bemerkung gemacht: Wie so sehr man sich teuscht wenn man selbst von
Verhältnissen die nach unserer Ansicht alle Bedingungen zur Er-
füllung derselben in sich trägt die Meynung in sich heegt: - Menschen
selbst der höheren, für uns höchsten Standes- und somit Lebensbildung
giengen mehr als andere prüfend in die uns wichtigsten Angele-
genheiten des Menschen und der Menschheit ein; sie nehmen
auch mir wie ich mich jetzt habe überzeugen müssen die Sache
so einzeln und äußerlich wie sie ihnen so hingegeben wird, ohne
selbst prüfend und das Ganze aufzufassen zu suchen, in das In-
nere und Innerste derselben einzugehen.
Sie sagte mir nachher: "Sehen Sie wie gut es doch gewesen ist daß
"Sie zu mir kamen und mir diese ihre Mittheilungen machten, denn ich
"hätte sonst nicht gewußt wie ich Ihnen meinen Wunsch und Wil-
"len hätte kund thun können."
Wenn Personen dieses Ranges und dieser Verhältnisse in solchen
für das Leben doch wahrhaft wichtigen Punkten von der Bestimmung des
Augenblicks zur Ausführung ihres Willens abhängen, so siehest
Du hieraus Barop: wie wenig [man] selbst in den wenigstens menschlich und mensch-
heitlich wichtigsten Lebensverhältnissen auf den
freythätigen also bewußten Willen des EinzelMenschen rechnen darf.
Du siehst hieraus ganz klar, der sich ewig
mit seiner innern selbstbewußten Freythätigkeit brüstende
Mensch will selbst in den moralisch wichtigsten Handlung[en] durch den
Einzelwillen eines Einzigen bestimmt werden. Du wird [sc.: wirst] hierdurch
klar einsehen was es denn mit der so vielgeprießenen moralischen Freyheit /
[2R]
des Menschen als mit Bewußtseyn von dem Menschen jetzt schon geübt werdend für
eine Bewandtniß habe. Es ist - wenigstens für Deutschland ganz außer-
ordentlich, wie so sehr gering die - zu einigender That führende Intelli-
genz allgemein ist. Es kann wegen des Einzeln- und Gesondertstehens
der Menschen nur der Einzelne, auf den Einzelnen, die Person auf die
Person moralisch wirken; und wegen dieses Einzelstehens ist
selbst der Einzelne und Einzelnstehende der Fortwirkung seiner
Einwirkungen auf den Einzelnen gar nicht gewiß, wenn die
Zeit des Prüfens oder vielmehr des Geprüftwerdens eintritt.
Ja vom Vorne herein und im Beginne, wie ich es schon früher einmal aus-
sprach - ist die Wirkung und Einigung unter den Schlechtern bey wei-
tem S schneller, allgemeiner ja fester, weil das Allgemeine
Band Selbstsucht und Eigensucht pp ist. Nur die Macht und Gewalt
da sie und inwiefern und soweit sie den Eigennutz und die Selbst-
sucht in ihren Diensten hat kann, - wie Du Barop! in Verfolg[ung] dieser
Mittheilungen sehen wirst eine Art von Menschen[-] und Lebensverband
hervorbringen. Dieser Lebensverband ist aber, wegen dem eigentlich noth[-]
wendig selbstsüchtig Alleinestehen der einzelnen Personen oder Glieder
nothwendig ein selbstsüchtiger mechanischer oder der Verband viel[-]
mehr ein eigentlicher Mechanismus, wie mann denn wohl auch
unsern deutschen Staatskörper mit guten Uhren verglichen hat, de-
ren Räder und Glieder man aber einsetzen und ausfeilen müsse
während dem doch die Uhr fortgienge und diese <selbstene> oder viel-
mehr eigene Kunst die eigentliche Staatskunst, wenigstens
deren höchster Gipfel genannt u.s.w. So viel ist gewiß daß
ein solcher mechanischer Verband, ein solcher Mechanismus
der Vereinigung zu gewissen Zeiten unter gewissen Umständen
und ganz namentlich auch an gewissen Stellen eine riesige
nicht zu hemmende Macht ausüben muß. Lieber Barop könnte
ich Dich doch in diesem Augenblick mündlich sprechen welche wichtigen
und umfassenden Lebensaufschlüsse wollte ich Dir ganz nament-
lich auch über unsern deutschen Staatskörper und Staatsver-
fassung und besonders auch über die riesige, colossale Macht ja
Gewalt ihres Prinzips ihrer <Feder>, ihres Gewichtes: Selbst-
sucht und Eigennutz geben. Doch welche herrlich blühenden, Zweige
an dem Lebensbaume eines Menschen sterben ab, ohne daß
auch nur ein Mensch sich ihrer Erscheinung geschweige denn ihres
Duftes oder gar ihrer Früchte erfreut. Jetzt kannst Du was
ich sagen mögte zu sagen habe nur aus dem Ganzen dunkel
ahnen; möchte Dein eigen Leben es Dir zur Klarheit gestalten.
Du siehst nun wenigstens ein worauf es ankommt um - um <vor>
jetzt nur dabey stehen zu bleiben, - den Mechanismus zum Or-
ganismus zu erheben (den Organismus zu höheren Steigerungsstufen
zu erheben davon will ich jetzt weder reden noch sie bezeichnen)[.]-
Es muß die Eigen- und Selbstsucht in ihrer Quelle in ihrem inner-
sten
Keime in ihrem tiefsten <Prin[z]ip> zerstört werden; aber
Selbst- und Eigensucht in ihrer persönlichen und EinzelnErscheinung /
[3]
bekämpfen oder wohl gar vernichten zu wollen - was vielleicht ei-
ne gewisse Parthey Willens zu seyn scheint, dieß dünkt mich nicht
nur ein thörichtes sondern das MenschenWesen ganz und gar nicht
kommendes Bestreben, denn die Menschheit ist weder ein Mechanism:
noch ein Organism[.], denn Gott ist kein Organon, u.s.w. u.s.w. u.s.w.
zu irgend einer Zeit. Du siehest nun wohl schon ein Barop! oder ah-
nest es wenigstens daß um die Selbstsucht und den Eigennutz in ihrem
innersten Keim zu vernichten es der Steigerung und Ausbildung
der höchsten Steigerung und der innersten Ausbildung der moralischen
der Seelenkraft des Einzelnen bedarf; diese Kraft ruht aber in
jedem Menschen ist sein eigen schon braucht darum nicht gesucht, d.i.
außerhalb gesucht zu werden und vernichtet so alles Suchen,
alle Sucht; sie ist das eigentste Selbst des Menschen, braucht also
nic wieder nicht außer dem Menschen in etwas durch etwas Fremdes
gesucht zu werden, vernichtet also die Selbstsucht, ihre Ausbildung
nützt sich durch sich selbst vernichtet also dem so selten ja ei-
gentlich nie genügenden Streben seinem eigenen Selbst durch An-
eignung von Außen zu nützen, was der Eigennutz (eigent-
lich die Steinstufe) unter den Menschen ist. (Daher sind auch solche
Menschen schon in einem gewissen Sinn immer Steine, oder we-
nigstens steinern. Da also die zu steigender [sc.: steigernde] Moralische oder
Sittenkraft (im allgemeinsten Sinne) in jedem Menschen liegt, so
müssen [sc.: muß] es Menschen geben die sie zu Steigern oder auch wohl gar
erst zu wecken, in sich und in Andern, sich zur Lebensaufgabe
machen. Da aber was noch gethan werden soll, als Nachthun
erst Vorgethan werden muß, so müssen nothwendig erst einzel-
ne Wenige und eigentlich zu allererst ein einzelner dieser [sc.: diese] höchste
Sittenkraft entwickeln damit die übrigen sich daran nicht anlehnen sondern
daran und dadurch aus sich selbst emporsteigen. Du siehst
aber wohl ein daß die Lösung dieser Aufgaben von solcher Art ist
daß für die Allheit gern der Vielheit - die Vielheit gern der
Mehrheit - die Mehrheit gern den Einzelnen - und die Einzelnen
gern jedem Einzigen unter sich überlassen denn: die Lösung dieser
Aufgabe kann nicht erkannt werden, wenn sie nicht schon be-
gonnen hat, die Lösung dieser Aufgabe kann nur in dem erkannt
werden in welchen sie durch und mit dessen Leben selbst schon begon-
nen hat. Diese unmittelbare Lebenswahrnehmung im Einzeln be-
wirkt in den andern Lebensbeachtung und Lebensbeobachtung
so <erwächst / erzieht> und entwickelt sich der LebensBaum der Mensch-
heit - die Einheit der Menschheit in und durch Einigung; und die-
se Einigung ist es allein welche der riesigen der colossalen Macht
des LebensMechanismus das Gegengewicht halten, ihr
- ihres stillen wenn auch keinesweges unsichtbaren Sieges gewiß - einzig und allein
die Spitze bieten kann. Nur das
stille Siegen kann es für den Nichtbeobachter zu einem un-
sichtbaren Sieg machen, wie für den gemeinen Beobachter wir
im leeren Raume leben, da wir doch überall von leicht wahr-
nehmbar[er] ja sogar sichtbarer Lebensluft umgeben sind. /
[3R]
Wie Du diese Mittheilungen mit dem vorhin oben gesagt[en] und mit dem nun
noch folgenden in Zusammenhang und Einigung zu bringen hast, muß ich
Dir selbst überlassen.
Nun zur Fortsetzung der Mittheilungen der eigentlichen Lebensthatsachen.
Wie ich Sonntags Nachmittags spät nach Hause kam fand ich Geburtstags-
fest Ludowika 2 x 7 Jahre alt, und Heinrichs Geburtstag 5 Tage
<nachgefeyert>. Sehr sehr viel Schönes wäre hier zu sagen, doch jetzt ist
dazu nicht Zeit. Mondtag hatte ich ganz damit zu thun das was der Sonntag
gegeben hatte zur gesunden Nahrung zu verarbeiten. Dienstag auch noch
wo ich Abends bey unserm seit einigen Wochen an Husten wirklich empfind-
lich ja sogar bettlägerig kranken Herrn Pfarrer war.- Ohne die Wirkung
meines Besuchs bey der Fr. Fürstin zu erwähnen sagte er mir un-
ter andern: In R-st-dt könnten sie gar nichts aus eigener Kraft
thun, es müßte ihnen alles erst von wo anders her gezeigt und
vorgemacht werden dann folgten sie wohl auch langsamen Schrittes
nach. Deine Relation von der Verhandlung las ich ihm vor; aber sie können
hier die Schweizer Verhältnisse nicht umklammern. Er sagte mir
auch wohl sehr beachtungswerthes über das Zugleich Weggehen meiner
und meiner Frau von hier wovon irgendein andermal. Bey mei-
nem Nachhauseweg auf welchem mich Laura und Bernhard, weil es dunkel
war, mit der Laterne etwas begleiten mußte[n,] [war] äußerlich erstere sehr
tief bewegt, davon auch irgend einmal. Es war mir dieses sehr wichtig
da ich mich kurz vorher in mir auch an einigen Tagen mit ihrem jetzigen
und künftigen Leben beschäftigt hatte.
Mittwoch früh gegen 10 Uhr gie[n]g ich nun, dießmal mit Langethal nach
Rudolstadt und zwar zu den [sc.: dem] He. Cammerpräsident Schwarz. 11 Uhr
Ankunft.- Ist aber jetzt nicht zu sprechen.- Nach 1 Uhr werden wir
zu Tisch geladen.- Ich gab hier mit nebengehenden mündlichen Er-
gänzungen die Übereinkunft wörtlich zum Besten. Später im Aus-
zug Deine Relation von den Verhandlungen im Ge. Rath.- Auch hier
wie vor einigen Tagen bey der Fr. Fürstin Mutter ein gewisses Ver-
wundern über den Erfolg und besonders über die so wohl tiefe
als umfassende Begründung des Ganzen in dem allgem. Willen.
Sie können zwar, wie es scheint das Ganze und die Sache, so sehr ich
mich mit gutem Bedacht bemühe ihnen es nicht auf dem gewöhn-
lichem Wege zu erklären - gar nicht recht verstehen noch weniger
fassen aber aber um so bestimmter und kräftiger, massiger möch-
te ich sagen ist der Eindruck.- Im Fortgang des Gespräches sagte
er mir wie die Fr. Fürstin Mondtags an ihn geschrieben und ihm
ihren früheren Willen daß die 1000 Rth mir geschenkt seyen ausge-
sprochen habe, er las uns das Billet vor pp. Daran knüpfte
ich nun die Erwähnung meiner Schulden der Rth. 1000 bey der Land-
schafts Casse und der Zinsen dafür, die Rth. 500 der Unter-
stützungscasse und der Zinsen dafür. Er sagte ich möchte in diesem
Fall jetzt ganz außer Sorge und deswegen ganz still seyn, we-
der ich noch die Anstalt würden weder wegen Kapital und den
Zinsen beunruhigt werden, weßhalb ich nun ganz noch
namentlich bat. Auch wegen der Frohngelder habe er ja nun /
[4]
durch des Fürsten Willen auch 1 Jahr Stundung erhalten so wie die ganze
Schuld an die Cammer (einige Hunderte)[.] Er sagte darauf mit sei-
ner eigenen leichten und doch hervorhebenden Weise: - ich möchte es nun
so lange ruhen lassen bis ich es später einmal im Ganzen bezahle.
Von leisen Seitenhieben ja nur zweyschillernden Seitenblicken war
jetzt gar nicht die Rede, alles stand auf das Beste; die Segel des
Lebensschiffes erschienen ganz frisch vom neuen guten Winde beseelt
und [es] fuhr herrlich auf dem ruhigen großen Lebensozean daher.-
Nun wirst Du mich verstehen was ich von der Macht u Gewalt von
Oben sage. NB. der He. Cammerpr: war auch dur eben diesen Vor-
mittag mit dem Fürsten in der Session gewesen; und verflosse-
nen Sonntag gieng die Fürstin Mutter unmittelbar gewiß mit
gar manchen der Acten die wir zurücke gelassen hatten - zur
allgemeinen Tafel. Jetzt da der Wind oben auf dem Berge
gut weht - es scheint ein guter gesunder Schweizerwind
von den freyen Schweizerbergen zu seyn - da weht der Wind
in allen Straßen und Gäßchen Rudolstadt[s] gut. Langethal
hat dieß sogar in seinen Verhandlungen mit dem Dir gewiß auch
bekannten Dr <Schorch> wegen der Erla[n]ger Geschichte empfunden.
"Wenn ich Ihnen nichts wieder sagen lasse (sagte er) nehmen
"Sie nur an daß es sich gut gehmacht [sc.: gemacht] hat." Dieß dünkt nun
mich heißt klärlich - schon durch einen bestimmten Willen gut
gemacht worden ist.
Wie doch der Wind, der gute frische von den freyen Bergen die
Menschen so frey und so freysinnig macht bis auf fast 100 Mei-
len weit.- Es dünkt mich Du kämest immer da oder dort, verstehst
sich mit Umsicht und Prüfung etwas von dieser schnellen Rückbe-
ziehung von der Schweiz auf Deutschland - doch ohne sie uns in
der Zukunft in den Thatsachen zu verkümmern - mittheilen
vielleicht um nun wieder umgekehrt auch die Schweiz im guten
Wirken und Schaffen zu erhalten. Wirst schon das Lebensgewebe
hübsch gut weben daß wir für unsere gesunde und <Lebensfrohe / Lebensfr[eu]d[i]ge>
Jugend ein dichtes Tuch zum schützenden Zelte für Spiele und LebensÜbungen
bey Sturm und Wetter erhalten.-
Erwähnen will ich nur noch daß ich bey dieser Gelegenheit zu-
fällig hörte daß die Regierung in Meining[en] wegen gar mancher
Vorfälle beym Bundestag verketzert sey. Es wäre mir dieß
wichtig denn wäre mir Helba geworden so sehe ich, würde ich jetzt
nicht so froh frey in die Zukunft schauen können als jetzt bey W.
Doch wichtiger war mir noch was ich von Emil <Schw.> Zu-
kunft hörte. Er scheint nemlich wirklich in Zukunft die praktische
Theologie aufgeben und sich dagegen irgend einem pädagogischen
Wirken zunächst wenigstens im Auslande widmen zu
wollen, wenn sich Gelegenheit dazu findet. Wollen wir also ja
auch in dieser Hinsicht recht ruhig seyn und [davon aus]gehen, daß sich ja das
Leben ohne Störung aus dem innersten Kern heraus klar ent-
wickeln könne. Also, nur Einsicht und Umsicht des Lebens.- /
[4R]
Darum muß zunächst die Wechselwirkung, die Pulsirung des
Lebens zwischen dem gesammten hiesigen und dem gesammten Schwei-
zerKreise recht festgehalten und gepflegt werden. So müssen wir
es gleich jetzt sehr beachten daß das sich dort regende Leben hier als feste
Gestaltung erscheine, denn ob man gleich hier wohl die Stärke und Ge-
sundheit unseres dort sich uns öffnenden Lebenskreises durchfühlt so
möchte man doch gar zu gern - wer mag das Warum? aus den Falten
des Herzens heraus suchen? - so lang als möglich daran zweifeln.
In dieser Rückbeziehung nun dünkt mich bin ich wiederholt gefragt worden: - ob
mir denn nun nicht von der letzten Entscheidung bey dem
Ge. Rath eine Zufertigung zukommen würde. Ich habe ihnen nun zwar
gezeigt daß dieß unmöglich sey, indem ich ja keinesweges in dieser
Beziehung bey irgend einer Behörde eingekommen sey. Dieß wurde mir
nun zwar zugegeben allein es wurde mir auch sogleich darauf ent-
gegnet: - daß darum nun doch nur von dem Willisauer Vereine
wohl die letzte Entscheidung bekannt gemacht werden würde. Denn
diese Menschen da sie gar keine stetige Fortentwicklung des Menschlichen
Geistes kennen und also auch keine Ahnung davon haben, stecken
auch voller Zweifel dagegen - (:so wie denn natürlich jede Sache in der
Erscheinung
und äußeren Ansicht zwey Fälle zuläßt:) - daß wenn
Du ihnen 10 Zweifel <benommen> [sc.: genommen] hast, sie Dir den 11en bringen; denn
Du weißt ja schon aus der Physik daß sich jedes Ding bis ins Unendliche
den Begriff nach spalten läßt. Wo es also möglich ist, ist es gut ihnen
auf ihre Weise ihre Zweifel zu lösen. Dieß dünkt mich nun ganz nament-
lich im vorliegenden Falle uns möglich. Darum zur Sache: - Dem Willi-
sauer Vereine muß doch nach meinem Dafürhalten, von Seite der <h.> [sc.: hiesigen]
Regierung nothwendig die Einwilligung und Genehmigung so wohl
des Kaufes als auch die zur Errichtung einer Erziehungsanstalt in Willisau
- in einer besonderen Zufertigung der betreffenden Behörden zu-
kommen. Diese Zufertigung muß mir nun nach meiner Meynung, - da
auch ich nach Übersendung meines <Heymathsscheines> pp. alle Beding-
ungen erfüllt habe, welche nöthig sind damit der Vertrag wirk-
lich in Kraft und ins Leben treten kann - so muß nun je-
ne Zufertigung von Seite des Vereines in gerichtlich beglaubigter Abschrift mitgetheilt
werden, damit auch er der Verein
mir den Beweis gebe daß er nach § [*Lücke*] und § 18 des Vertrages
die ihm obliegenden Leistungen dafür erfüllt habe. Mit
dieser Mittheilung muß der Verein nun zugleich die brief-
liche Aufforderung und Anzeige verbinden, daß weil <nun> der
Eröffnung der Anstalt für künftige Ostern von keiner Seite etwas mehr entgegen
stehe, so möchte ich nun zur dazu zweck-
mäßigsten Zeit also um die Mitte des Monat März nach der
Schweiz zurück kehren. Es ist gut wenn diese briefliche Auf-
forderung am besten von allen Gliedern des Vereines unterschrie-
ben ist, denn sollte er nur von den zwey comittirten Herren
Rath. Hecht und Dr Barth unterzeichnet seyn, so wäre wieder eine
Beglaubigung dazu nöthig daß diese vom ganzen Verein zu Commis-
 /
[5]
sarien ernannt wären.- Ich habe nun zwar bey meinem Abgange
dem Vereine ausgesprochen daß ich vor oder mit neu Jahr nach
der Schweiz zurück kehren würde (:ohne irgend vorher also etwas
von dem Vereine eine bestimmte Aufforderung dazu zu erwarten:)
doch standen [sc.: stand] dort die Sache ganz anders, wir glaubten daß die Ent-
scheidung schneller geschehen könne so also nur <weiter[e]> briefliche Mit-
theilung deßhalb gar nicht möglich wäre.- Jetzt steht die Sache
aber ganz anders, jetzt dünkt es mich darf ich selbst dem
Vereine - aus wahrer Achtung gegen ihn - nicht wie eine
gebratene Taube in den Mund fliegen, denn die gemeinsa-
men Widersacher könnten ihnen sonst sagen: leicht <Geld / Gold>
leichter <Waare> - ihr braucht ja nur den Mund zu bewegen
da kommen sie oder vielmehr ausschließend er d.h. ich schon.
Und ich habe bisher viel mir und anderen geschadet; daß ich aus
einer Gesinnung, die ich selbst nicht recht bezeichnen kann, die man
aber mit einer gewissen Zweydeutigkeit immer Gutmüthigkeit
nennt - mich zu leicht und zu wohlfeilen Preises hingab.-
Du wirst also hoffentlich klar einsehen und bestimmt finden,
nicht meine Gesinnung bestimmt mich zu jener Forderung, sondern
die Achtung und Würdigung des Ganzen von meiner Seite,
damit man, wenigstens so weit wir es einsehen und es uns
möglich ist jede Zweydeutigkeit von Anfang an vermeiden.
Gegen den [{]vierte[n] / zweyten[}] März denken wir von hier über Coburg
Bamberg Stuttgardt abzureisen. Bis dahin kann also alles
zur rechten Zeit d.h. wenigstens 8 bis 14 Tage vor der
wirklichen Abreise von hier, hier seyn. Dieß war aber auch
wohl ganz wesentlich daß wir das Document 8 Tage
wenigstens vor der Abreise gewiß in Händen hätten. Denn
nach einer gemeinsamen Mittheilung, am Ausführlichsten mit
Langethal, halten wir es - um wie Langethal sagt dem ganzen
Gewölbe, (Kugelgewölbe) den Schlußstein einzusetzen
für nöthig daß auch ich auch zum Fürsten persönlich gehe
und zwar um beyde Anstalten persönlich gleichsam ihm vor-
zuführen in Gesellschaft, in Begleitung von Langethal u. Midden-
dorff
. Es wäre also nun wohl schön durch jenes Dokument
dazu gleichsam eine Veranlassung dazu zu haben und so zu-
gleich wieder eine neue That als Thatsache vorzulegen und
mitzutheilen zu haben.-
Aber auch noch von einer anderen Seite her ist dieß wichtig. Und es
schließt sich das was ich sagen werde an das an was Langethal ge-
sagt hat.- Gehe auf den Grund meines Wirkens in seinem aller
ersten Beginne als ausübender Erzieher nach 1815 zurück. So grün-
det sich alles mein Handeln und Wirken auf den Glauben an Oeffent-
lichkeit
d.h. an den Glauben an einen sich seines menschenwürdigen
Zweckes und des allgemeinsten sichersten Mittels dazu klar bewußten und
sich gemeinsamlich darüber verständigen Gemeingeistes.
Diese Beziehungsweise Oeffentlichkeit in unserm engeren Kreise
war immer mir Forderung, erinnere Dich aller von mir ausge-
gangenen Rügen oder Anerkennungen; denke nur an die so viel
hervorgehobene Geschichte Langethals. Das Nichtfinden oder auch wohl
Aufheben und Vernichten dieser von mir so sehr ersehnten Öffent-
lichkeit durch Andere ist es eigentlich was uns, wenn auch wohl vorübergehend
doch auf so lange so tiefe Wunden geschlagen
hat. Das Zurücktreten, ja Fahrenlassen dieser Öffentlichkeit
selbst aus ökonomischen oder nach bestimmten pecuniären Gründen
z.B. bey der Einstellung des Abdruckes unserer Stundenpläne, das /
[5R]
war es eben was uns fast dem Tode nahe brachte, oder vielmehr zu-
nächst dem Absterben. Barop! Barop! Wann werden denn selbst
die, die sich die Meinen nennen anfangen das Ganze aus dem nur ein-
zig richtigen Gesichtspunkte zu sehen. Die Oeffentlichkeit gehört so
wesentlich zu meinem Wirken wie dem Vogel zu seinem die Luft
dem Fische das Wasser, freylich muß man auch Luft und Wasser (:ja
als Mensch auch Geist, was alles dreyes laut der heiligen Bücher zusammenhängt:)
beherrschen können wie der Fisch und der Vogel. Dem innersten Geiste
unseres Lebens und Wollens sind wir schon einigemal in der Öffent-
lichkeit gezogen worden - freylich auf eine andere Weise wie wir
es meynten und darum verstanden und beherrschten wir sie nicht
aber es war doch immer die Folge daß darnach unser Leben frische
große Lebenszüge that. Denke hier nur an ein einziges die Ru-
dolstädter Comission!- Die Öffentlichkeit muß aber nicht von uns
mit Absicht hervorgebracht, sondern als eine ganz nothwendige Lebens-
Bedingung von unserer Seite nur festgehalten werden
wenn sie auch scheinbar zu unsern [sc.: unserm] Nachtheil war. Ja diese Öffent-
lichkeit muß dann in ihrem Bestehen und in ihrer später selbst
günstigen, förderlich wohlthätigen Wendung von uns mit der größ-
ten Sorgfalt festgehalten und gepflegt werden. Weil nun aber die Öffentlich-
keit - (freylich nicht sie allein, sondern das Versteh-
en und Beherrschen derselben auch) - wie Luft zu unserm Leben
gehört, so wurden wir - wenn wir nun einmal leben wollten
und leben sollten fast wider Willen in die Öffentlichkeit gezogen.
Aber eben dieses Wider- und gegen Willen ist so höchst günstig. Die-
ses Wider und gegen unsern Willen in die Öffentlichkeit gezogen worden
seyn aber ihm mit Willen und aus Willen folgen, macht uns
zu wahrhaft Freyen. Denke nur an die ganze Herzogsche Ge-
schichte. Nun gut! Für Behörden und Regierungen ist aber Öffentlich-
keit
die Ausstellung und Mittheilung von Dokumenten. Hier schließt
sich nun was ich hier, von Öffentlichkeit ausgegangen sagte, an das
an was ich oben von der Sachansicht ausgehend aussprach. Genug!-
Wir müssen jetzt die Wider und gegen uns oder mich (was eins ist) be-
gonnene aber sich für uns und mich gewandte Öffentlichkeit
auf das sorglichste pflegen, damit sie uns in einen gewissen Schutz
oder wie Du es nennen willst nehme, wenn sich irgend einmal
und was vielleicht sehr bald geschiehet - die Opposition wieder hart
gegen uns ins Feld stellt. Damit gleichsam dann die Öffentlichkeit
sich nicht durch einen gleichsam vulkanischen, explodirenden Ausbruch wieder
den Weg anbahne. Zu dieser Öffentlichkeit gehört aber jetzt
auch zwischen und gegen besonders RegierungsBehörden der ge-
gen- und wechselseitige Geschäftsverkehr. Noch eines: Wir
müssen das Gegentheil von dem leisten - wenn wir unsern Beruf
und unsere Bestimmung treu erfüllen wollen - was bis jetzt im
Allgemeinen nur gereicht wird. Kurz: wir dürfen uns nicht
vor Öffentlichkeit fürchten, eben weil sich andere dafür fürch-
ten und wir dürfen uns um so weniger für Öffentlichkeit
fürchten, ja müssen sie suchen, pflegen beachten bewahren pp.
je mehr wir eine einfach oder mehrfach oder gar wieder-
holt mehrfache Gemeinsamheit werden. Aber Gemeinsamhei-
ten und Vereine, ich meyne den Willisauer Verein, andere kenne
ich jetzt nicht müssen auch ihren gemeinsamen Willen durch eine
gesammt- und einigende That dokumentieren, wenn sie nicht
Steinstufen an der Landstraße sondern Lebenssystemen
Sternsystemen gleichen wollen.- Nun dachte ich hätte ich wohl
genug darüber gesagt.- Wo das Ende wollte ich alles sagen.- /
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Nun noch ein höchst Wichtiges, was ich aber wegen seiner Wichtigkeit
nur eben andeuten aber gar nicht ausführen kann. Nur ein Bruch-
stück finde das Ganze und entwickle es nach Anfang und Ende aus Dir[.]
Die Schweizer und ganz namentlich der Kanton Luzern hat Volks-
Souveränität; ich meyne nun die Volkssouverainität müsse
zu einem Souverainen Volk erhoben werden; d.h. der reine
Volkswille zum Volkssouverain. Nun scheint es mir der Wille der einzelnen im Volks-
willen könne nur durch als das Allgemein
Besten wollend, durch Erziehung ein Volkswille werden,
ferner auch der Volkswille sich nur durch Erziehung zu einem
souverainen Volkswillen, und das Volk das ihn ausübe
nur durch Erziehung zu einem Souverainen Volke erhoben
und als solches durch Erziehung einzig erhalten werden.
Merke Barop! und durcharbeite Souverainität (oder Mün-
digkeit) und Erziehung sind auf das innigste verbunden ja
vereint. Frage nur welche Könige waren echte Souveraine
doch wahrlich die am besten erzogenen?- Sollen die morgen-
ländischen sogenannten Könige nicht Weise gewesen seyn?-
Nennt sich der von Gott, von sich selbst und durch die Geschichte
und das Leben erzogene Jesus nicht auch einen König?-
<Man> Weil diesen Zusammenhang zwischen Erziehung und König-
seyn nun sehr viele Könige wissen, so haben viele Könige die
jeder Deutsche kennt die höchste Erziehung als eine Art Mono-
pol an die Fußschemel ihrer Throne gekettet, d.h die Hochschu-
len in ihre Residenzstädte verlegt. Barop! Barop! Mache
den Willisauern oder der Luzerner Landschaft auf das leise-
ste und zarte[ste] zwey Sachen einsichtig, so zart daß sie es
mit Lust essen wie Du den Honig und die Honigkuchen.
Erstl. Das ein die Volkssouverainität errungenes Volk nun
mit der größten Sorgfalt zu einem Souverainen Volke
erzogen werden müsse, wovon jeder Würdige sagen könne und sagen
müsse: er freue sich daß er einen Würdigeren
als sich kenne der die Volkssouverainität vertreten
könne.
Zweytens. Daß die Luzerner, namentlich die Willisauer und
eigentlich der Verein durch mich durch uns das in der Geschichte
d.h. der neuern Staatengeschichte bis jetzt Unerhörte
und somit Universalhistorisch Wichtige errungen und er-
halten hätten: das nemlich, daß das Volk in Besitz
der Ausübenden Erziehungs- und Lehrkunst komme.
Sage ihnen dieß so leis, so zart, in so gewählten Stunden
als nur möglich und den Auserwähltesten unter ihnen
damit sie sich hüten sollen Anfangs an den Lehr- und Unter-
richtsmitteln zu mäkeln damit nicht etwa der Schatz ihnen
wieder entrissen werde.- Es war eine lange gegenseitige
Werbung, wohl dem Lande daß [sc.: , das] sich diese Braut erhält. Er-
innere Dich, oder l leider hab ich es nicht zurück genommen, sonst
würde ich sagen lies nach und theile mit was ich darüber
den - da er die Braut verlies, - verketzerten <beym>
B. T. verketzerten H-g schrieb!
Doch nun zum Ende mich dünkt für einen Posttag abermals
genug!-
Mache alles in Ordnung daß so wie ich komme gleich Anzeigen
lithographirt werden können. Du weißt wenigstens mit einer
Ansicht vom Willisauer Schloße vielleicht mit der Stadt.-
Auch die Briefköpfe bereite vor, oder lasse gar welche
besorgen.- /
[6R]
Wenn sie von mir und Frau 1600 Frken Caution fordern, kannst
Du vielleicht auch benutzen was Ihr in der Abwehr von mir ge-
sagt ha[b]t, gedruckt worden und sie alle gelesen haben, nemlich
daß ich keine Fonds habe wohl aber Fonds Werth zu geben
wisse; vielleicht kannst Du auch die Handlung der Fürstin Mutter
als einer Art Caution für mich <ausprägen>. Lieber Barop!
Alles gelingt, wenn man die Kunst des Könnens kann.
August hat nun mit Bestimmtheit nach Hause um die Erlaubniß
geschrieben mit nach der Schweiz gehen zu dürfen und die hiesige
Anstalt hat dieß mit einigen beystimmenden Worten begleitet.
Albert hat um die Erlaubniß an seine Eltern, seinen Vater ge-
schrieben vielleicht im Monat März nach Hause reisen zu dürfen
um wegen seinen künftigen Lebensberuf sich mit denselben
besprechen zu können; Er hält für sich als Lebensberuf die
Kunstseite der Erziehung und des Unterrichts zunächst also
Zeichnen, Mahlen, Musik fest.- Er wünscht im Verband mit
unserer Erziehungswirksamkeit einst zu bleiben. Gern möch-
te er darum wenn auch nicht gleich mit mir nach der Schweiz
gehen doch mir bald dahin folgen können um sich durch mich und
der Gesammtheit des Lebens dort zu seinem Berufe entwickeln
und ausbilden [zu] können. Alles ist natürlich gemeinsam hier
viel besprochen worden. Die Bedingung von unserer Seite ist
daß er noch 3 Jahr[e] lehrender Zögling jedoch unter Erleichte-
rung sey.
Auch Karl hat deßhalb sehr bestimmt mit mir gesprochen,
daß jedoch Karl und Felix wenn es angehet noch hier
bleibe[n] wird um ihrer selbst willen von den Berathen-
den allgemein als das Beste erkannt.
Der Onkel von Hedwig ein gewisser Guttenberg zieht künftigen
Frühling in das Waadland in die Gegend von <Orbe>.
Auch hat Fr. v. Arnim und Mathilde einen bekannten in der
Nähe von Berlin einen gewissen He. v. <Greirz>.
Gott sey Dank! sind wir noch alle wohl obgleich viel
Krankheit im Thale herrscht.
Grüße herzliche von Allen. Immer derselbe wie
immer Euer und Dein

FrFr.