Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Wartensee v. 20.1./29.1./3.2.1833 (Keilhau)


F. an Johannes Arnold Barop in Wartensee v. 20.1./29.1./3.2.1833 (Keilhau)
(KN 43,8, Brieforiginal 1 ½ B 8° 6 S. mit Nachschrift Middendorffs v. 3.2.,
sowie einer undat. Beilage F.s mit datierter Nachschrift Langethals / KN 43,9,
1 B. 8° 4 S. Original)

Keilhau am 20 Tage im Monat des Doppelblickes 33.·.
(: Am Tage Fabian Sebastian; wozu der a. Reim: “fängt der Baum zu
saften an”.)


Barop!

Gott zum Gruß allein zuvor.

Öffentlichkeit, Souveränität, Volkssouveränität, über welche ich
mich am Ende meines jüngsten Briefes an Dich, zu Dir aus spreche,
hat in unserm hiesigen Kreise manche Erörterung veranlaßt, daß ich
mich dadurch veranlasset sehe auch Dir noch einiges darüber auszu[-]
sprechen. Unter Öffentlichkeit verstehe ich im ganz Allgemeinen die
allgemein rege und lebenvolle Theilnahme an irgend einer Sache
also so, daß dieß Theilnahme unbewußt, wo und wie es nur eben den
bestehenden Umständen nach möglich ist in das Einzelleben wirksam
und so in einer gewissen Beziehung wirksam eingreift. Einer mei-
ner früheren Briefe aus der Schweiz nennt diese Öffentlichkeit und das
was ich damit bezeichnen will auch Luftkreis, Atmosphäre; indem ich
sage, es muß dahin gewirkt werden, daß sich eine erzieherische At-
mosphäre bilde. Souveränität und Volkssouverainität steht nun,
so dünkt es mich damit in sehr enger Verbindung: Souverain bin ich, Sou-
verainität besitze ich, wenn ich eine solche Atmosphäre eine solche Öffent-
lichkeit um mich bewirken kann daß ich mich als Mensch, in vollkommen-
ster Übereinstimmung [in vollkommens]tem Einklange} mit dem Ganzen dessen Glied ich zunächst bin, der Menschheit und so im innigsten Einklange, ja
Einigung mit dem letzten Grunde derselben Gott – für Vollendung
zu entwickeln dadurch im Stande bin. – Volkssouveränität dünkt
mich nun das: - wo ein durch Familien-, Geschlechts-, Stamm- Spra-
che- Land-, Sitte- und andere natürliche oder vielmehr Naturver-
bindungen zusammengehöriges Ganze, dieß sowohl in seinen einzel-
nen bewußten Gliedern als auch als ein Ganzes erkennt, dem ge-
mäß lebt und es darzuleben sich bemühet.
Öffentlichkeit und Souveränität kann wie alles was unter der
Bedingung des Seyns liegt, also daraus hervorgeht, schon an und
für sich nicht gemacht, sondern sie kann nur geweckt, entwickelt,
gepflegt und ausgebildet werden. Zur Öffentlichkeit und zum Souve-
rän für sich oder seiner selbst, seines Selbstes ist nun eine jede Person
als Mensch bestimmt, als Glied des Menschheitsganzen, - darinn
dünkt mich nun ist Volkssouveränität und der Gedanke der Freystaaten
in seinem letzten Punkt und Keim begründet, gegründet. Jenes Be-
stimmtseyn nun aber dünkt mich eben wegen jener völligen Allgemein-
heit – allen gemein seyn – für jeden Einzelnen ihr wieder als
ein wollendes, und Bestimmtes wollendes - also selbstbestimmendes
Wesen wenig; er muß sich auch mit Selbstbestimmung als das er-
fassen, erkennen, festhalten und ausbilden, wozu in und durch das
Seyn er die Bedingung, den Grund in sich trägt.
Mannseyn, sagte ich zu wiederkehrenden Malen, kommt von Gott.
freylich, woher sonst, aber er muß sich auch als solcher, also in diesem
von Gott kommen des Mannseyn[s] erkennen ausbilden und festhalten.
Dadurch ist also wieder nicht etwa nur die Verknüpfung, sondern der
Zusammenhang zwischen Öffentlichkeit Erziehung und Öffentlichkeit,
sondern besonders zwischen Erziehung und Souveränität, vor allem
aber Volkssouveränität gegeben. Dieß wollte ich nun doch noch um
eines besseren Verständnisses willen andeuten. Du weißt daß es das er-
ste mal in meinem Leben ist, daß ich mich über diesen Gegenstand ausspreche
also zunächst ruhiges Prüfen. – /
[1R]
Die wichtigste Aufgabe für den Menschen aber für den sich bewußt
werdenden, bewußter [ge]wordenen, denkenden Menschen gewiß die
schwierigste Aufgabe, sie mit klarer Einsicht auf jeder Stufe zu lösen ist
gewiß – das Schaffen d.i. dem unendlichen Geist Stoff und Gestalt
zu geben. – Die Lösung dieser Aufgabe dünkt mich hängt ganz genau
mit der Einsicht in das Wesen der Öffentlichkeit zusammen.
Die Öffentlichkeit gründet sich auf einen allgemeinen Geist welcher auch in das Leben
des Einzelnen Menschen wirksam eingreift. Der Mensch
athmet diesen Geist und saugt ihn ein, wie der Mensch das Licht einsaugt
und die Luft einathmet; das Einsaugen des Lichtes wie das Einathmen
der Luft erzeugt aber unmittelbar Stoff im Innern und im Äußern
oder nach Außen bewirkt es Transpiration - Ausdünstung. - Durch
die Kälte im Äußeren tritt auf elektrogalvanischem Wege die
Bildung des Wassers ein, und zwar zuerst als Eis. Das Eis
schmilzt durch eintretende Wärme, und das Wasser erzeugt Pflanzen
und Thiere, Geschöpfe, wie es Pflanzen und Thieren - Geschöpfen Nahrung
und Unterhalt, Bestehen giebt. Die Bildung des festen Stoffes geschiehet also
durch Einschränkung, so entstehet die Mathematische Mitte,
der Schwerpunkt der Masse, der Körper, und weiter ein Punkt
Element der Bewegung, das mechanische Moment (v. movere bewegen)
der allgemein verbreitete Electrische Stoff erscheint in Beschränkung
z.B. in der Leydenerflasche, Batterie rc als beschränkt begrenzt
Electrische Materie, und diese tritt durch die Spitzen (gleichsam
Mitten) der Entlader in Wirksamkeit.
So dünkt mich soll also der Mensch den allgemeinen Menschheits-
geist, menschheitlichen Geist, welcher sich schon in einer gewissen
Beschränkung als Öffentlichkeit oder in der und durch die Öffent-
lichkeit ausspricht, gleichsam einathmen, so einmal in sich fest-
halten in sich verarbeiten gestalten, aber auch auf electrochemischen
Wege oder auch gleichsam wie Transpiration, Ausdünstung nach
außen hin mittheilen.
Diese noch sehr unklaren und dunkeln Gedanken muß[t] Du Barop als mit
der neuern Physik mehr bekannten wohl klären und lichten
können. Wichtig halte ich sie. Ganz roh ist der Gedanke: der Geist
der Öffentlichkeit, der öffentliche Geist muß gleichsam eingeathmet wer-
den; hier kann er nun einmal unmittelbar angeeignet, gestaltet
werden; in einer andern Beziehung kann sich der Mensch gleichsam
damit laden und nun auf electrochemische Weise wirken oder
gleichsam das überflüssige ausdünsten {in an der durch die}Kälte der Außenwelt
gefrieren lassen und es zu Wasser Stoff Materie
bilden und so w; Auf diese Weise nun dünkt mich kann der Mensch
die so wichtige Aufgabe für ihn: - aus und durch den reinen Geist zu
schaffen klar und mit Sicherheit und Bestimmtheit lösen.
- Alles Unbeschränkte muß also beschränkt werden; das unbestimmt
beschränkte muß bestimmt beschränkt werden. In allem bestimmt
beschränkten aber muß die Mitte erfaßt werden, und ist von dem
bestimmt beschränkten gleichsam eine elektrochemische Wir-
kung hervorgegangen; so muß gleichsam die entladende
Spitze dazu aufgesucht werden.
Dieß dünkt mich wichtig zur Erkenntniß zur Einsicht in ganz
wesentliche Lebenserscheinungen.
Mir und uns ist z. B. seit einer Reihe von Jahren sehr
viel Unheil oder wie man auch sagt sehr viel Böses begeg-
net. Denke, forsche ich darüber nach, so finde ich es sehr bestimmt
begrenzt und beschränkt. Äußerlich als Spitze, als Entlader er- /
[2]
scheint H-g [Herzog]. Es ist auf das höchste beachtenswerth, wie sich jetzt ganz
ungesucht im Fortgang der Prüfung alles auf und in diesen Punkt
zurück ziehet. - Eigentlich letzter Punkt ist Keilhau selbst in seiner Zwey-
seitigkeit und so am Ende ich selbst durch das Festhalten der Mitte
der Einheit welches theils die Zweyheit selbst bedingte und wodurch sie be-
sonders hervortrat. Es mußte so der schärfste Gegensatz zwischen
dem was ich in meinen Schriftchen als Deutschheit, (: Germanismus :) auf[-]
stelle und dem mich umgebenden deutschen Leben hervortreten; die
leitende Spitze nun, der Entlader nun für diesen scharfen Gegensatz
war H—g. Diese ganze Betrachtung ist wichtig, sehr wichtig. –
Indem sie auch so selbst als bedingenden Grund und Ausgangs-
punkt selbst des Widrigen und Nachtheiligen zeigt was mich ge-
troffen hat was ich noch bis jetzt zu tragen habe so zeigt es nur
auch zugleich Weg und Mittel dieses Widrige und Nachthei-
lige zu vernichten, wieder in Nichts, zu seinem Nichts zurück
zu führen. – Für mich ist es auf das höchste merkwürdig zu welchem
Ergebniß mich diese Betrachtungen führen. Ich habe schon viel über
und von meinem innersten Leben ausgesprochen; ich habe Euch und
so namentlich auch Dir über mein eigenstes tiefstes Leben aus[-]
gesprochen; doch wie wenig ist das was ich darüber bis jetzt ausgesprochen
habe gegen das was ich noch davon auszusprechen hätte. - Einer
meiner schönsten Grund- und Lebenserwartungen war, - welche sich von
meinen frühesten Lebenswahrnehmungen bis lange herauf ja bis
weit in die Zeit der Begründung und Ausführung meines ausübend
erziehenden Wirkens als durch eine Anstalt herauf ziehet – [“] ich wür-
de mein Leben in Übereinstimmung und zur Genugthuung für die
edelsten Denken[d]sten und Empfindenden meiner Zeit
und so in Frieden ja in Freudigkeit mit ihnen durchleben –
in Gemeinsamheit, in Übereinstimmung, im Zusammenwirken
mit ihnen hoffte ich ein Leben auszuführen welches ich lange schon in
mir als dasjenige erkannt hatte wornach seit undenklichen we-
nigstens kaum bestimmbaren, also vielmehr seit allen Zeiten die
edelsten Menschen gestrebt hatten. Ich glaubte nur nöthig zu haben
das in mir Lebende auf das Klarste, Reinste und Bestimmte aus-
zuführen und darzuleben, so schien mir der Erfolg ganz unbezwei-
felbar.” Hierdurch erklärt sich mir die von vielen an mir so viel
Wie so ganz und so hart gerügte Gewalt oder Heftigkeit.
Wie so ganz anders ist jetzt alles. Ich sehe mich jetzt von Keilhau
aus vergeblich in meinem deutschen Vaterlande nach einem Menschen
um von welchem ich das aussagen könnte was ich dortmals von
so vielen hoffte und mit (Sicherheit) Bestimmtheit hoffte erwartete.
Dennoch Anstatt Einstimmung und Anerkennung nur Widerspruch und Wi-
derstreben. – Dennoch scheue ich mich jetzt in meinem 52sten Jahre
nicht im Mindesten jenes mein frühestes Erwarten und Streben
auszusprechen und erkenne es nicht nur bis jetzt noch als das mei-
ne, sondern ich bin sogar in mir überzeugt daß es für immer
mein Streben so wie mein Erwarten seyn wird, nur aber
nun freylich in schärferer, und schärfster Bezeichnen [sc.: Bezeichnung] dessen mit
welchen in Übereinstimmung, Einklang, ja Gemeinsamheit [ich] leben
und wirken werde; es ist dieß nicht das schon Erschienene
sondern das Erscheinende, noch Erscheinende, [in] stetig immer
höherer Klarheit und Bestimmtheit Erscheinende. Es führt mich
dieß nun zur Zielerreichung dessen für wornach ich in frühester
Jugend die edelsten Menschen strebend und gestrebt habend fand,
und so als ein solcher nur seyn wollend, selbst strebte: weise zu
seyn. Weise seyn, Weisheit heißt aber = nicht nur die Beding- /
[2R]
ung(en) und Gesetze des Lebens, den Grund des Lebens in Einheit
und Ganzheit in sich zu finden, erkennen und pflegen, sondern auch
im eigenen Leben und Thun folge leisten, sie darleben.
Weise seyn heißt = das eigene Leben, das in seiner Person erscheinende
die Person selbst seyende Leben in stetiger Einigung mit der
Quelle alles Leben[s], dem Leben an sich leben, und das Leben an
sich in dem erscheinenden Leben kund thun; weise seyn bezieht
sich also in Beziehung auf den Menschen nie auf ein schon geworde[-]
nes, beendetes sondern stets und stetig werdendes. Die Auf[-]
forderung: Sey weise; schließt also zugleich die ein: - dünke
dich nicht weise zu seyn; den[n] weise seyn kommt mit kurzem Wort
von Gott. Sey weise ist also auch ganz gleich mit der Forderung:
Bitte Gott stetig um Weisheit. - Dieß ist es übrigens auch
was die Weisesten als das das [2x] Weiseste erkannten und
was die Weisesten aller Zeiten und aller Völker thaten. –
Du weißt, Barop! Ich trage die feste Überzeugung in mir; - Alle geistigen Thätigkeiten
und somit auch Äußerungen besonders des beachtend fühlenden und em-
pfindenden, des prüfend denkenden Menschen bilden in sich ein stetiges
sich gegenseitiges förderndes Ganze, so daß z.B. frühere Gedanken
Gefühle und Empfindungen die Träger und Entwickler späterer sind.
Lasse Dir dafür sogleich einen Beleg geben der mir so eben entgegen
tritt und welcher sogleich wieder zeigt, daß dasjenige was ich Dir
jetzt mehr und äußerlich abgerissen mittheile doch in sich ein
stetiges Ganze nicht nur in sich sondern selbst mit früheren ist. –
So habe ich in einem Briefe von Wartensee aus hierher viel
über die Wichtigkeit und Bedeutung des Augenblickes geschrie-
ben. Augenblick wird aber auch moment genannt. Auf mei-
nem Notizzenblättchen zu diesem Briefe an Dich – welches auch
der Augenblick, der Moment gebar, - stehet nun zu weiterer
Ausführung der Gedanke: - “Der jetzige Lebens- und Entwick-
lungsMoment ist höchst wichtig.” Gieb nun dem Ausdruck
Moment die Bedeutung welchen er in der Bewegungskunst
hat – also die Einheit des Bewegenden, des eigentlich Beweg-
enden, welche wichtige und lebenvolle Bedeutung bekommt
nun der eben ausgesprochene Lebenssatz: - Der jetzige Lebens[-]
und EntwicklungsMoment (der Weltbildung und Menscherziehung)
ist höchst wichtig. Du wirst finden wie dieser Satz, dieser Ausspruch
mit dem so eben Gesagten und dem früher schon Ausgesprochenen
ein stetiges Ganze bildet ja Vergangenheit und Gegenwart
in seiner Stetigkeit zeiget und sogleich in seiner Wahrheit d.i.
in seiner Wichtigkeit erscheinet. Du wirst mich nun ohne wie-
tere Ausführung gewiß verstehen deßhalb fahre ich mit und
auf meinem Notizzenblättchen fort wie es unmittelbar nach
eben ausgesprochenen Satze folgt: - “Nicht um eines oder mehre-
rer Einzelner
, zusammenstehender PrivatErziehungsanstalt[en]
willen, sondern um Völker um der Menschheit willen”
Deßhalb dürfen in der jungen, neugeborenen Tochter-Anstalt, die-
sem jungen Kinde keine widrigen d.h. trennenden, spaltenden
Elemente geduldet werden; denn Kindern und jedem Kinde das
wissen wir ist als solchem das Himmelreich; und weiter wissen
wir und sind davon überzeugt daß dem wer ein Kind är-
gert besser sey, es sey die Verbindung, die Verknüpfung mit dem
Kinde gleich vom Anfang herein verhindert worden. Nun haben
wir ja dieß in und an meinem ersten Kinde, in und an
Keilhau selbst schon erfahren denn Keilhau, und setze selbst mich an
die Stelle desselben wogegen ich gar nichts habe – war wie ich es
eben ja schon andeutete – selbst die Quelle des Schlechten. /
[3]
Es muß also bey Willisau, in so weit als es dieß möglich ist
alles vermieden werden, daß dieß nicht wieder der Fall werde.
Denn wie ich schon vorhin aussprach: Dieser jetzige Lebens Moment
ist über alles so wie überhaupt, so besonders auch für uns namentlich
aber für mich wichtig. Es muß alle Sorgfalt, alle Achtsamkeit
darauf verwandt werden daß er nicht zur Zielerreichung dessen
was jetzt, was überhaupt als Lebenspreis vorliegt, verabsäumet
werde. Man soll von uns von mir nicht sagen, wir kamen,
er kam zu früh; nicht wir kamen er kam zu spät, sondern
man soll sagen wie man erkennt: sie kamen, er kam gerad zur
rechten Zeit. Das Zur-rechten-Zeit-Kommen ist eben der Beweis
für das wahre, das rechte “Kommen[”]. Die Entwicklung, die Ge-
schichte der Entwicklung der Menschheit spricht für mich. Dieses Reden
der Geschichte nun zu mir, dieses Sprechen der Geschichte, besonders der
Entwicklungsgeschichte der Menschheit für mich muß ich nun vor
allem, allein zuvor anwenden um das zu erreichen was ich errei-
chen und darstellen, was Willisau erreichen und darstellen, was
ich durch mit und in Willisau erreichen und darstellen soll.
Ferdinand theilt nun weder die meine Ansicht des Lebens im Allgemei[-]
nen, so wie meines und unseres Lebens im Besonderen, Ferdinand
theilt nun weder meine Ansicht der Geschichte überhaupt, noch meiner
und unserer Geschichte insbesondere; dieß kann mir nun an sich so
gleichgültig seyn als ihm darüber zu denken wie er will frey stehet;
aber er giebt und bedingt dadurch rein durch sich selbst die Unmöglich[-]
keit an einem Leben einem Berufe, einer Wirksamkeit Antheil
zu nehmen, welche nur in dieser zwar in mir und durch mich be-
stimmten mir aber als ganz allgemein menschheitlich und rein
menschenwürdig erscheinenden Menschen- und Lebensansicht – ge-
gründet, darin bedingt, daraus hervorgegangen ist. Welche
Wirksamkeit nur einzig in dieser Lebenansicht ihr frisches,
stetig wachsendes, blühendes, duftendes, fruchtendes Fortbestehen hat, und nur
haben kann. Ferdinand also selbst, nicht ich, scheidet sich
also, besonders als innig, einig, darum in sich theilnehmend u. so mitarbeitend an meinen
Lebensdarstellungen – aus, Und so, weil er
sich in sich selbst ausscheidet, macht er mir unmöglich ihn als theilnehmen[-]
den Mitarbeiter betrachten zu können; es dünkt mich darum als
das allerbeste und meine Sorgfalt für Willisau unumgänglich
erfordernd, daß dieß so früh als möglich klar erkannt und dem
gemäß so bestimmt als möglich gehandelt werde. – Ich habe in
Ferdinands Alter lange schon für klare bestimmte Darlebung und
äußere Gestaltung meiner Grundsätze und Überzeugungen gelebt;
und ich hatte lange die äußeren Fertigkeits- und KenntnißMittel
nicht welche Ferdinand besitzt. Ferdinand kann nun auch selbst-
ständig für die Darlebung und äußere Gestaltung seiner Über-
zeugungen leben. Keilhau selbst und seine Familie selbst bieten
ihm Gelegenheit und Mittel dazu dar. Gelegenheit und Mittel
von welchen ich keinen Hauch besaß, indem ich alles materiell
daseyende erst rein aus und durch den Geist gestalten mußte.
Ich hatte mit Oppositionen zu kämpfen von denen Ferdinand nichts
zu fürchten hat, ja indem er in Opposition gegen mich auftritt
gewinnt er so gar Parthei für sich, und ich läugne es gar nicht -
weil ich die Überzeugung davon einmal in mir aufzunehmen ge-
nöthiget, gedrungen wurde – Ferdinand würde im Fortgang
meines Lebens und in dessen äußeren Entwickelung ge seiner
Lebensansicht gemäß gar nicht anders gegen mich aufge-
treten seyn als die Volkstädter und H-g, wenn er nur dazu /
[3R]
in den entsprechenden äußeren Verhältnissen und Lebensverknüp-
fungen gelebt hätte.

Keilhau. Dienstag am 29en Januar. Soweit war, Barop! dieser Brief
beendigt als der Deine vom 18/1 mit dem Postzeichen Zürich den 23en
hier ankam.
Vieles ist seit dem Beginne dieses Briefes bis zu diesem Augenblick
Abends 8 Uhr hier in Keilhau vorgefallen. - Herr Gnüge Musiklehrer aus
Erfurt war hier und ist als Musiklehrer für
Willisau angenommen worden; wovon das beyliegende besondere
Blatt das Besondere weiter sagt.
Durch Deinen Sohn, den Dir durch Deine Gattin Gott geschenkt hat
ist dem gesammten Lebenskreise wieder ein reines gesundes
kraftvolles Kind geboren worden. Ein reines Menschheitsheits[-]
leben hat sich ihm von neuem dadurch geoffenbart und offenbart sich
ihm dadurch. – Fast verliehrt all das Andere, was sich sonst noch
fortentwickelnd im Kreise zugetragen hat jeden Werth von Wich-
tigkeit Eines wohl ausgenommen das aber mit seinen Entwicklungen
selbst noch in der Zukunft dunkeln Schoose ruhet.
Herr Nitzelnadel aus Rückertsdorf bey Ronneburg hat geschrieben
da er jetzt nicht kommen könnte so fragt er in Beziehung auf Ferdinands
und der Anstalt Brief an ihn: Weß Geistes die Keilhauer Anstalt sey,
was er ihr reichen solle und sie ihm geben wolle? - Er wünscht und er-
wartet baldige Antwort. Ich zweifle nicht daß sie ihm werden wird; viel[-]
leicht erhältst Du seinen Brief wie die Antwort abschriftlich. Solche Briefe sind
mir immer so wichtig wie das A – B - C; man kann vieles dadurch le-
sen lernen.
Gleich Alsbald wie es mir nach Empfang Deines Briefes möglich wurde
habe ich die Einlage der Überschrift gemäß überbracht; ich hätte ihn eine
kurze Zeit früher überschicken können; allein ich wollte mir, weil er doch
einmal als die Seele in dem meinen angekommen war doch auch die Freude
machen ihn selbst zu überbringen. Aber Barop! lieber Barop! eine ganz
kleine und noch bey weitem mehr ganz leise Frage: Warum hattest Du ihn
zugeoblattet? – Da alles was ich lese und auch das Kleinste sogleich erregend
in mein Innerstes eingreift so hüte ich mich besonders das Persönlichste also ganz
namentlich Briefe ohne ganz besondere Erlaubniß ja ausdrückliche Auffor-
derung zu lesen; denn weil man das Besondere und Einzelnleben am wenigsten
überschaut, es also auch in seinen Wirkungen u. s. w. am wenigsten be-
herrscht, so kann durch eine einzige solche Mittheilung, das größte Hemmniß
zur Lebensfortentwicklung in die Seele gewälzt werden. Als darum
Emilie mir den letzten Brief gefaltet an Dich zum Einschlagen in den meinen
gab, legte ich ihn mit der weißen Seite nach oben in meinen Brief, und
entfaltete ihn so um nicht unwillkührlich seinen Inhalt zu sehen. Ich
sagte darauf Ihr: - “ich habe Deinen Brief wie einen verschleyerten Gott
in den meinen eingelegt”. – So würde ich Ihr diese Zeilen wie eine
verschleyerte Isis auch ohne Versiegelung übergeben haben. Doch nun
genug und schon zuviel über diese Kleinigkeit. = Aber erlaube mir
daß ich sie nicht vorüber lasse ohne ein Allgemeines für mich da-
raus zu sehen. Ich muß jetzt immer mehr wahrnehmen daß, je offener
ich mich gebe und gab ich um desto weniger verstanden wurde und
werde; - das Einzelne und Einzelnstehende, die Einzelnheit als solche hat
wenig Bedeutung für mich denn ich lebe nur in dem Allgemeinen, darum
überschaue ich auch so viele Einzelnheiten des Lebens; aber jede Einzelnheit wird
mir wichtig als und in dem Maaße ich sie mit dem Allgemeinen ver[-]
binde und verbinden darf. Was, als ein Bewußtes, mir dieß nicht ge-
stattet hat um so weniger Werth für mich als – es ein Bewußtes ist.
Wer das durchdenken will, kann dadurch viel Erscheinungen meines Lebens lösen.
Ja, sogleich stehenden oder vielmehr sitzenden Fußes findet dadurch sogleich mein /
[Rand] ganzes Stehen zu Ferdinand seinen Aufschluß, welcher im Gegensatz mit mir,
der ich nur Verknüpfung mit dem Allgemeinen - nur Einzelnstehendes will /
[3V]
[Rand] durch dieses habe ich mir nun auch die Überzeugung gebahnt, Dir sagen
zu können, daß mir Dein Brief Aufforderung an Ferdinand zu schreiben. - /

[4]
[Middendorff] Sonnt. den 3/2 33. Gottes Friedensgruß! Du empfängst so viele Gaben, daß es mir,
wenn mir keine Zeit übrig geblieben, nicht nöthig würde erschienen seyn, von dem
noch etwas hinzuzufügen, was sich mir zur Mittheilung, noch wie in Dämmrung
vor meinem Geist, theilweise, schwebend andeutet. Das erste ist, was mir indem
ich anfing jetzt, gleich entgegentrat, daß alles, alles was Du empfängst auf
Eines hindeutet; den Ruhepunkt, das wirkende agens u die Macht unseres Lebens
klar zu erkennen und immer ausschließender uns darin zu gründen. Nicht wie Luther
an seinen Churfürsten schreibt Ew Gnaden können uns schützen, ich stehe in einem ganz andern
Schutz der wohl ehe[r als] Ew Chf Gnaden zu schützen vermag. So kann aus uns keine äußere
Macht halten. So ist es nur Eins was uns hält kräftigt freudig u blühend macht – Aber
ebenso: die Verhältnisse wenn wir sind, was wir seyn wollen und sollen, müssen
uns zu halten suchen, so sehr wie eine Mutter ihr Kind, nicht bloß aus d[er] gewöhnl[ichen]
Ansicht v[on] Liebe, sond[ern] weil d[ie] Mutter ihr Kind das innerste Leben, ihr Heiligstes
ihr reines <auf> zur Verklärung entwickelndes Selbst ist, weil sie in ihrem Kinde
verwirkl[icht] sieht was sie anstrebt. So meine ich ist Keilh.[au] für Deutschl[an]d und
das ist Willis[au] bestimmt u ist es schon für d Schweiz, Luzern - Am Ende mein[er]
Worte an Ferdin[an]d wirst Du diesen Gedanken nach einer anderen Seite bestätigt finden.
Diesen Gedanken denke ich weiter auszuführen. – ich halte seine Klarmachung an sich
wie für unser u d gesammte Leben von großer Wichtigk[ei]t noch mehr seine reine Darstellung.
Er wird Dir selbst nahe genug treten. – Dann wollte ich Dir andeuten was Du in meinem
letzten schon siehst wie Leben hier in reiner Stetigk[ei]t fortschreitet – dann noch von
dem neu geborenen vielleicht, oder noch eher wohl von der wie einer gesunden Rose
alsbald wieder aufblühenden friedigen freudigen stillen ja seligen Mutter.
Doch die Erinnerung an die Postenzeit hält dieß alles in dKnospe – Gruß von uns Allen
mit dHerzen voll Liebe Hoffnung u Freude so von Deinem – WM. <>

[1]
[Beilage/KN 43,9]
Beylage den Musiklehrer betref[fend].
Abschrift aus einem Briefe Gottlob Langethals in Erfurt an seinen
Bruder Heinrich Langethal in Keilh. d. d. Erfurt, den 18 Jan. 33.
”Es hat sich ein junger Mann gefunden, der gewiß für das Musikfach g[an]z
entsprechend ist, nemlich Gnüge, wie Du aus seinem Briefe selbst sehen
wirst. Auch glaube ich, wie er selbst mir gesagt hat, wird er auf künf-
tigen Sonntag selbst zu Euch kommen, es müßte denn schlecht Wetter seyn.
Auch Gebhardi hat einen Zettel mit beygelegt und läßt Dich vielmals
grüßen. Er hätte Dir gerne geschrieben; allein die Zeit war ihm zu kurz.
Du wirst ja alles in Gnüges Brief finden, was Du nur nöthig hast. - -
Gnüge bezeigte viele Lust dazu, wie er bey mir war. Er hat übrigens
was ich Dir auch sagen kann, vieles Lob und gewiß wird er alles
leisten, was Ihr nur wünschet.”
Abschrift der Zeilen von Gebhardi an Heinrich Langethal.
”Werthester Freund!
Mit diesen Zeilen wirst Du durch Deinen Herrn Bruder einen Brief von HErrn
Gnüge erhalten, welcher gesonnen ist die bewußte Stelle anzunehmen.
Es ist HE Gnüge, in jeder Hinsicht ein Subject, wie nur eins zu wün-
schen ist geschickt, willig, sehr arbeitsam, unverdrießlich pp.
Dein Freund L. E. Gebhardi.”
Abschrift von HE Gnüges Brief an Heinrich Langethal.
”Se Wohlgeborn dem Herrn H. Langethal, Lehrer an der Erziehungsanstalt
in Keilhau bei Rudolstadt.
Hochgeehrtester Herr! Erfurt den 17n Janr. 1833.
Durch Herrn Musikdirector Gebhardi wurde mir gestern die Nachricht von
Ihrer beabsichtigten Gründung einer Erziehungsanstalt in der Schweiz, und
daß Sie für selbige einen jungen Mann suchten, der sich der Musik gewid-
met, und im Stande sei den Elementarunterricht in diesem Fache zu über-
nehmen. Er frug mich deßhalb ob ich wohl geneigt sei, diese Stelle anzuneh-
men; und mit inniger Freude gab ich meine Zustimmung, nachdem ich durch
Lesung Ihres Schreibens von 14 December 1832 mit den Verhältnissen im All-
gemeinen, und den Bedingungen mich bekannt gemacht. Ich fand in Ihrer
Schilderung der ganzen Einrichtung Ihres Instituts und namentlich der
familiären Verhältnisse der Lehrer zu den Eltern der Zöglinge, eine
vollkommene Verwirklichung des Ideals, das ich mir von meinem künftigen
Leben und Wirken von jeher am liebsten gemacht hatte. Meine schönsten
Wün-
sche würde ich daher erfüllt sehen, wenn Sie das Vertrauen zu mir hätten
daß ich als Musiklehrer in Ihrer Anstalt meinen Pflichten mit Gewissen-
haftigkeit obliegen würde. Als einen der höchsten Genüsse meines musika-
lischen Lebens habe ich lange schon gewünscht, einen Gesangverein leiten zu können,
und sollte ein solcher dort, wie sich nach Ihrem Schreiben erwarten läßt,
sich ins Leben rufen lassen, so würde meine Freude darüber ohne Gren-
ze sein. – Doch um das Vertrauen zu rechtfertigen, das Sie zu dem
jungen Manne haben müssen, dem Sie die musikalische Ausbildung
Ihrer Zöglinge anvertrauen wollen, ist es wohl nöthig, denselben etwas
näher kennen zu lernen. Erlauben Sie daher, daß ich Ihnen eine ganz aufrich-
tige
Schilderung meines Charakters als Mensch und insbesondere als
Musiklehrer mache. Aus meinen obigen Lebensansichten geht schon her-
vor, daß ich ruhigen gesetzten Temperaments bin, wodurch mir
eine der notwendigsten Eigenschaften eines Lehrers, Geduld, gleich-
sam angeboren ist. Was meine musikalischen Kenntnisse und Fer-
tigkeiten betrifft, so gestehe ich gern, daß letztere nicht allzu glän-
zend sind, indem ich mehr Fleiß auf Theorie als auf Praxis
verwendet habe. Von Instrumenten spiele ich nur Violine und Pia-
noforte: auf beiden jedoch kann ich mich keinen Virtuosen nennen,
am wenigsten auf der Violine, die ich nur gelernt habe, um sie in der
Composition richtig anzuwenden, indessen glaube ich, dennoch auf /
[1R]
beiden genannten Instrumenten gründlichen Unterricht geben zu können. Sollte
ich für diese beiden Gegenstände in praktischer Hinsicht vielleicht etwas schwach
erscheinen, so denke ich dagegen im Gesange, sowohl was Theorie, als auch
Praxis betrifft, billigen Forderungen genügen zu können, und glaube
besonders zur Leitung einer Musik, namentlich der Vokalmusik, alle
nöthigen Eigenschaften zu besitzen; daß ich, als Theoretiker, mit den Regeln
des Generalbasses nicht unbekannt bin, bedarf wohl keiner Erwähnung.
Dieß wäre die kurze, ungeschmeichelte und gewiß ganz aufrichtige
Schilderung meines inneren Ichs; Sie werden daraus ersehen können, ob
ich für Ihre Anstalt tauglich bin oder nicht. Sollte ich für tauglich befun-
den werden, so werde ich gewiß Alles aufbieten, um das in mich gesetzte
Vertrauen zu rechtfertigen.
Was die Forderung betrifft, die ich für meine Leistungen als Ge-
halt bestimmen soll, so wird es mir schwer darüber etwas festzusetzen,
indem ich die finanziellen Verhältnisse der Anstalt nicht im mindesten
kenne; doch werden Sie es gewiß nicht unbillig finden, wenn ich, im
Verhältniß zu meiner jetzigen Lage, wo ich durch Unterrichtgeben
150 rth Einnahme habe, mich etwas zu verbessern, wenigstens
nicht zu verschlimmern wünsche. Sie werden wahrscheinlich mit un-
serer Familie und ihren Vermögensumständen so weit bekannt sein,
um einzusehen, daß ich mich lediglich auf meine Einnahme beschrän-
ken muß. Sollten Sie vielleicht wünschen mündlich das nähere über
unsre Angelegenheit zu besprechen, so bin ich gern bereit, Sie, mit
Ihrer Erlaubniß in Keilhau zu besuchen.
Schließlich bitte ich noch um geneigte baldige Antwort und verblei-
be mit aller Hochachtung
Ew. Wohlgeboren
ergebenster Fr. Gnüge
Musiklehrer.”
So weit die schriftlichen Verhandlungen zur Auffindung eines Musiklehrers für
unsere Willisauer und Schweizer Verhältnisse.
Ob nun gleich Gottlob Langethal in seinen oben angeführten Zeilen von der
Überkunft des HE Gnüge nach Keilhau am heutigen schreibt, so erwar[-]
tete ich dieselbe doch keinesweges weil HE Gnüge selbst erst um
baldige Antwort bittet. Sehr unerwartet war es mir daher als er heute,
als wir eben, nach sonntäglicher Sitte vieruhrbrodet hatten und man-
ches das Leben betreffende zum Gespräch geworden war mit {Lichtanbrennen beginnendem
Abend zu uns eintrat. Es ist ein junger Mann von 23 Jahren
Knapp und geordnet im Anzuge mit dem Ausdrucke der geselligen Lebensbildung
doch still, einfach, bescheiden zurück tretend, aber auch ruhig fest und mehr sicher als
schwankend in sich. Er ist ein geborener Erfurter der Sohn eines Salzoffizianten, wel-
cher aus dem <oberen> Königreiche früher dahin versetzt worden ist. Seinen ersten
Unterricht hat er in einer der Erfurther Gemeindeschulen erhalten; später
war er auf dem Gymnasium, wo er bis Secunda kam. Sein Vorsatz war
früher Theologie zu studiren, doch gab er diesen wie er sagt aus besonderer
Vorliebe zur Musik - welche übrigens der (ganzen) Zahlreichen Familie
zum größten Teile eigen ist – auf. Vielleicht hat aber auch die grö-
ßere Geschwisterzahl und die dadurch sich doch zertheilenden Mittel dazu
beygetragen.

Mondtags Nachmittags. Nach dem Abendbrote forderte ich ihn auf uns etwas zum
Besten zu geben. Er sang mit Begleitung des Fortepiano einige Gesänge von
seiner Composition ohngefähr von dem Umfang und Charakter wie die 4stimmig
von HE Karl gesetzten. Seine Stimme ist Bariton <->; ihr scheint
besonders Höhe zu fehlen so wie auch überhaupt Umfang. Die Stimme selbst
ist angenehm bildsam u gebildet, doch nicht stark auch fehlt ihr frisches Leben /
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Einen solchen gleich allgemein fröhlich belebenden gleichsam electrisirenden
Eindruck machte also sein Gesang nicht wie früher Herrn Karls erstes
Auftreten in Anakers “Nord oder Süd” und “Röme[r]s Gebet”, dennoch
kann man nicht anders als man muß seine Lieder schön nennen; nur
haben sie wieder unter sich etwas einförmiges was in ihrem Grundcharakter
des melancholisch gemüthlichen – (: wenn ich es anders richtig zu erfassen, wie
richtig zu bezeichnen im Stande bin :) - liegen mag. Zu Vorträgen von
reinen Pianofort[e]sachen schien er keine Lust zu haben. Vielleicht da
er – weil er nie ohne Noten, wie er sagt, spielt – keine dazu bey sich hatte
und daß ihm unsere Be[e]thovenschen und andere Sachen nicht gleich zum
ersten Eintritt und zur Einführung seines Klavierspieles geschickt schienen.
Mit Mathilden sang er das Duett aus der Schweizerfam. : “Setz dich
liebe Emelinie” und später begleitete er Albertinen zu einem kleinen
Liedchen. –
Heute am Morgen habe ich ihn in der ersten Stunde den jetzigen Stand
unseres Gesanges bis zur mittleren Stufe (3 stimmigen Gesang) vorführen
lassen. Er sprach bloß über den Werth einiger Stimmen, z.B. Ludowika
mit mir. Gegen Langeth. sprach er, wie das Ganze ihm sehr wohl gefallen u daß sie gut sängen.
So weit ich ihn bis jetzt beurtheilen kann, sehe ich nicht recht ab, wie er selbst-
ständig
und alleinstehend musikalisch auftreten kann. Doch dünkt es mich
daß er für einen Kreis wie der unsrige oder bald die unsrigen sehr tüchtig
und brauchbar werden kann. Beyläufig will ich nur noch sagen
daß er zwar nicht französisch spricht, doch meint er, er verstehe
wohl jedes was gesprochen würde, fehlte also zum Selbstsprechen
die Übung. Auch vom Italiänisch[en] hat er durch 5 stündigen Unterricht
der leider durch Trennung wie so vieles im Leben abgebrochen wurde,
die Aussprache sich angeeignet und meynt er in Verbindung mit seinem
Lateinischen und Französischen die italiänischen Texte sich wohl
deuten zu können.
Du siehst also wohl kurz es ist eine bildungsfähige, aber auch zu bilden-
de und noch sehr bildung bedürftige Natur. Langethal meynt es
sey letzteres besser als wenn er schon eine zu feste Bildung erhalten habe.
– Der nun von mir vorgeschlagene Plan ist der: - Er soll jetzt einige
Tage hier bleiben – der Stand der Zöglinge in Hinsicht auf Musik soll
ihm vorgeführt werden – so wir[d] das Bedürfniß fühlbar und
einsichtig gemacht werden welches wir in dieser Hinsicht sowohl
hier wie in Willisau haben. – Hat er nun Zutrauen zu sich wie
sich hier im Kreise ganz namentlich auch von Langguth gutes Zutrau-
en zu ihm ausspricht und ich persönlich zu ihm hege, so soll er
– wenn wir uns anders pecuniär vereinigen können – so-
gleich hierher kommen, das hiesige Leben so lange wie wir noch
hier sind also - bis Anfang März – theilen und sich so viel als mög-
lich wenigstens mit dem Geiste unseres Lebens bekannt und den
gleichartigen in sich wirken lassen. So viel für jetzt.
Nachmittags sind jetzt die Größeren in Begleitung von Langeth[a]l aufs
Eis, ich habe den HE Gnüge gebeten die Schaar zu begleiten, her-
aufwärts sollen einige Lieder gesungen werden, damit er auch
in das singende Wanderleben eingeführt werde. – Beachtens-
werth ist auch das, daß er vor 7 Jahren mit einem schweizer Phar-
mazeuten schon ½ Stunden ja sogar auch <> auf dem Turnplatz [hier] war.
Es habe ihn, sagt er, dort sehr hier gefallen. Er selbst ist auch ein-
mal 1 Jahr in Erfurt Turner gewesen; so wie er überhaupt
blühend gesund und keinesweges weichlich erscheint, so liebt er
kalte Stuben mehr als warme.

Am 29en Jan. Das Weitere besonders über die eigentlich musikalischen
Leistungen des HE Gnüge Dir mitzutheilen habe ich Langethal gebeten, da
ich mich jetzt nicht mehr in das Ganze versetzen konnte. /

[2R]
[Langethal]
Langeth. fährt weiter fort da es ihm nicht mehr mögl ist Am 29/1.
HE Gnüge’s Stimme hat sich in den folgenden Tagen (er blieb b[ei] uns b[is] z[um] Freitag [)]
in viel höhern Umfange gezeigt, als am 1. Abende; er singt, obgl[eich] s[eine] Stimme
überwieg[en]d hohe Baßstimme ist, dennoch bis g u a hinauf, u zwar in Brusttönen.
Auch hat sie sich mehr in ihrer angenehmen ruhigen Haltung
gezeigt. Sein Clavierspiel ist sehr fertig, bestimmt, nett, genau,
sehr leicht; ohne Anstrengung spielt er so auch schwierige Sonaten
vom Blatte weg. Sein Violinspielen aber soll, nach seinem
eignen Urth[ei]le so wie Langguths, sehr gering seyn, so daß L[an]gg[u]th
sich ein gut Stück weiter glaubt als ihn. Seine Composit[ionen]
schienen mir aus innerm Gefühl hervorgegangen u
in mancher Beziehung ansprechend zu seyn; doch vermißte ich sehr
darin innere Lebendigk[ei]t. Die Wahl von s[einen] Texten, welche alle
sehr edlen Gehaltes waren, sprach sehr für seinen Charakter.
Doch ist er keinesweges einseitig, vielmehr hat er uns in vieler
Bezieh[un]g seine frohe Muse gezeigt, ja bisweilen so sehr, daß
der ganze Chor fortissime ihn umlachte. Auch ist die Dicht-
kunst ihm nicht fern. Sehr bemerkenswerth ist, was der
Capellmeister Reissiger in Dresden, den er um die Erlaubniß
gebeten, diesen Heft v. Liedern ihm widmen zu dürfen,
ihm antwortet. Nachdem er ihn für diesen Beweis v. Achtung
gedankt sagt er: [“] Aus der großen Menge v. Liedern,
die junge Musiker ihm ununterbrochen zuzuschicken pflegten,
seyen diese die wohlgelungensten u er genehmige
darum gern die Dedication. Worauf er ihm einige
Fehler nebst Gründen nachweist u. auch zeigt, wie
andere Stellen zweckgemäßer ausgedrückt w[erden] könnten.” –
Der Vertrag ist mit ihm so abgeschlossen worden, daß er fürs
Erste nebst freyer Hinreise u Zusicherung von Rth 20 für Rück-
reise, bey ganz freyer Station Rth 80 Pr. Ct u wenn es
die Verhältnisse gestatteten Rth 100 jährl[ich] bekommen solle,
die er selbst zuerst forderte, welcher Gehalt sich bey sich steigernden Leistungen auch
natürl[ich] steigen würde. (Austritt ist Ostern u. Mich. nach ¼ jähr. Aufkündigung
bedungen). Er will in den ersten Tagen
des Februar wieder zu uns zurückkommen, um sich be-
sonders mit dem Pädagogium der Musik, welches ihm ganz
fremd sey, näher bekannt zu machen. – Er hat sich geäußert
daß ein solches vereintes Zusammenleben ihm noch ganz fremd
<-> gewesen, er fühle wie bildend dieses für ihn
seyn würde. - Doch genug und nun auch Freundesgruß u
Freundeskuß und – Freundeswunsch, obschon er obgleich er schon im Stillen
am vergang.[enen] Sonntage dem zu Dir eilenden Sonntagsfreudenbriefe
sich zugesellte. Ich freue mich sehr, Deinen Geliebten zu sehen, obgl[eich] ich mir
nach den Mitth[ei]l[un]gen meiner lieben Ernestine den kleinen Barop ganz
lebendig mir denke. Gottes Geist sey uns nahe! – H Langethal.