Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Wartensee v. 2.2.1833 (Keilhau)


F. an Johannes Arnold Barop in Wartensee v. 2.2.1833 (Keilhau)
(KN 44,1, Brieforiginal 2 B 8° 8 S.)

Keilhau am 2en Tage, des, mir in seinem Wesen immer treuen
Monats der Klarheit 1833.·.

Barop! Weil es sich nun durch die Wichtigkeit des Inhaltes
der Dir jetzt kommenden Briefe so gemacht hat, daß dieselben
nicht, wie erst ihre Bestimmung war, schon gestern, Freytag
an Dich abgegangen sind so will ich Dir doch wo möglich auch noch
das klar und bestimmt mittheilen was, zwar wohl durch die
ganze Gesammtheit unseres Lebens meines Lebens sich jetzt in
mir in Klarheit und Bestimmtheit entwickelt hat, aber eben
darum auch durch Deinen letzten Brief und alles mehreres dadurch im Kreise Her-
vorgerufene geweckt worden ist; denn ehe wir mit
Klarheit, Bestimmtheit, Einigung und Festigkeit, ja Sicherheit und
Gewißheit nach Außen hervortreten wollen, so müssen wir
doch wohl vorher Klar, Bestimmt, Einig, Fest, ja Sicher und Ge-
wiß jeder von uns unter für sich und wir alle unter und
mit einander seyn, sonst bauen wir nicht etwa nur auf
Sand auf Flugsand; sondern wir bauen auch mit Sand mit
Flugsand. Barop! dieß ist etwa kein Wortspiel; nein! Barop! Nein!
dieß ist der höchsten, tiefsten, wichtigsten Beachtung werth. -
Barop! dieß Zusammenstellen dieser zwey Wörtchen, zwey
dreyeinigen Wörtchen (: und das Finden, Erfassen und Gott gebe
Festhalten des Sinnes und der Bedeutung dieser zwey dreyeinigen
Wörtchen in der dazu gehörigen dritten Dreyeinigkeit Empfinden
Denken und Handeln meines Lebens :) dieß Kleine (das sinnige
Verbinden zweyer dreybuchstabigen Wörtchen [)] hat mich eine
Schulzeit von fast 18 Jahren und in derselben ein Schulgeld von
überwiegend mehr als 25/m [sc.: 25000] Thalern gekostet. – Worauf
ich zu bauen hatte, das wußte ich frühe, und nie kam mir darü-
ber auch nur ein leiser Zweyfel eine leise Unsicherheit; wo-
mit ich zu bauen hatte das ahnete und fühlte ich ja wußte
ich ja unbewußt auch lang und wohl eben so lang und war
in meinem unbewußten Bewußtseyn in mir auch gar kein
Zweyfel je darüber, aber es bedurfte unter und wegen der
Zeit und der Verhältnisse in und unter welchen ich wirkend
auftrat und der so natürlichen als nothwendigen Einwir-
kungen dieser Zeit und Verhältnisse in mein Leben, ja nothwen-
dig bestimmenden Eingreifung derselben in dasselbe einen
solchen Zeitraum von fast Achtzehn Jahren und eines sol-
chen Schulgeldes von 25000 Thalern; ja ich darf das Doppelte
rechnen weil ich mehr als das Doppelte während dieser Zeit
einnahm und ausgab und im Ganzen, mir und den Meinen pp
noch jene Summe der 25/m Thlr schuldig bin.
Worauf ich baue habe ich nun in den gedachten 18 bis 20 Jahren
bis fest zum Mißverständniß – verständlich und mich
will es dünken verständig ausgesprochen. Es könnte al-
so nun
ich habe es in dieser Zeit fast bis zum Lächerlich ge- /
[1R]
macht werden ernstlich und ich bin in mir der Überzeugung,
ernst ausgesprochen, es könnte also nun füglich sein
Bewenden haben; dennoch scheint es mir wenn ich den Punkt
den Gegenstand ins Auge fasse an welchen ich diese meine
Mittheilung an Dich anzuknüpfen habe, daß ich es doch auch
hier nochmals werde erwähnen müssen, ich bitte Dich also
in dieser Erwähnung dann nur die Nothwendigkeit zu sehen wel-
cher ich selbst zu gehorsamen habe, nicht aber meine Willkühr
noch wenig[er] meine Besonderheit oder Persönlichkeit.
Woran aber habe ich nun das Dir zu Sagende anzuknüpfen? –
freylich eigentlich wohl an das jetzt bewegende in unserem Leben
und so an Deinen jüngsten Brief und dessen Mittheilungen;
doch will es mir besser erscheinen wenn ich dieß nicht so
gleich unmittelbar, sondern mittelbar durch das, was
Dein Brief und das jetzt das hiesige Leben großentheils Be-
wegende hervorgerufen hat. Das Wichtigste sind mir
nun auf der Stufe, oder in der Richtung der Entgegensetzung
Äußerungen und Aussprüche, ja Überzeugungen Langethals
welche er Dir in seinem hier bey liegenden Briefe oder Zeilen
an Dich ausspricht.
Langethal schreibt nun: “alles deutsche Leben (als Gesammtheit) er-
scheint in vereinzelte Interessen zersplittert. Daraus geht
hervor, daß unser Leben als in den gegenwärtigen Ver-
hältnissen Deutschlands nicht bestehen kann. Der Beweis
liegt vor uns: es wäre schon untergegangen u. würde noch
jetzt untergehen, wenn es nicht schon Wurzeln in einem
Volksleben geschlagen hätte, in welchen alle von uns
fordernden die nöthige äußere Hülfe ahnen und fühlen.
– Darin ist begründet die unendliche Wichtigkeit früher
von Wartensee jetzt von Willisau.”
Wie und was heißt nun dieß hier und so von Langethal Ausgespro-
chene in kurzer klarer Sachsprache? – Heißt es etwa anderes
als:– Wenn Willisau oder gar die ganze Schweiz wie früh-
er Wartensee für uns verlohren gienge so würde da-
durch ganz Keilhau, so würden dadurch wir in Keilhau un-
tergehen und verlohren werden, denn alle von uns Fordern-
den ahnen und fühlen die unserm Leben nöthige äußere Hül-
fe darinn daß es schon seine Wurzeln in einem Volksleben
geschlagen hat
te? – Barop! ich erstaune. Barop! ich könnte er-
schrecken wenn mein Blick nur im leisesten von mir noch nach außen
gienge, wenn ich dieß von uns in Keilhau von einem Keil-
hauer in auf bey unserer jetzigen Bildungsstufe nicht nur
ausgesprochen höre, sondern sogar nach der Schweiz hin nieder
geschrieben sehe. Denke Dir nun, was wir stets bey allem was
wir auch bey dem für das engste Verhältniß Niedergeschriebene denken müssen
daß in dem vorliegenden Falle dieß Herausgehobene
ein Schweizer, vielmehr ein Willisauer, ein Luzerner läse? -/
[2]
Was meynst Du, was würde ein Schweizer ein Luzerner, ein Willisauer
welcher dieß läse denken, was würde es in ihm und nach Außen hin für
eine Wirkung hervorbringen? – Mich dünkt, ein Alles von mir
und uns in der Schweiz im Kanton Luzern, in Willisau Vernich-
tendes! - Warum? – Warum dieß alles so mit einem Schlage? –
Darum! Weil er sich sagen, es darinn finden und lesen würde: - nur
um das Äußere von Keilhau zu sichern wendeten wir uns und kamen
nach der Schweiz, nach dem Kanton Luzern, nach Willisau; er würde
lesen und sich sagen, daß wir nothwendig wenn wir nicht Augen-
blicks des Todes seyn wollten nach der Schweiz, nach dem Kanton
Luzern nach Willisau kommen eilen, hasten müßten.
Stehet das Ganze denn wirklich in uns so? – stehet es in Einem von
uns so? - Nun wenigstens in mir steht es nicht so! Stünde
es in mir so, dann würde ich sagen, in mir die Überzeugung
tragen und sehr bald den Thatbeweis für mich haben, daß
Keilhau in seinen letzten Zügen läge. –
Aber lese und durchdenke nur Langethals merkwürdigen Brief
weiter; ich könnte ein Buch darüber schreiben, doch ich muß zum Schluß
eilen. Er sagt: wenn das Saamenkorn in Willisau gelegt pp ist
(: Woher? von welcher Pflanze? – Wie so? - Wodurch? :) so muß
von uns alles für dessen Pflege gethan werden ich erkenne
dafür als Bedingung?-
1. Einheit Willisaus in sich! – gut! ich will mich jetzt nicht mit Er-
läuterungen aufhalten. –Denn was sagt sogleich
2. Gesundes kräftiges und darum freudiges Bestehen Keil-
haus (wenigstens für jetzt); Ist Keilhau aufgehoben so ist
der Ruhepunkt der Willisauser und Schweizer aufgehoben.
3. Einheit Willisaus und Keilhaus.
Barop sey klaren Geistes, denke und prüfe! Oben heißt
es Keilhau ist todt ist nichts an sich; ohne Willisau pp.
Nach 2 soll nun Willisau in einem Nichts seinen Haltpunkt
haben, nach 3 sollen sich zwey Nichts in Einheit gegensei-
tig halten! - ! - !
Also kurz Barop! Arbeite es durch und im einzelnen aus:
Wenn wir Männer nur im Männerrathe über das Wichti-
ge auch der [sc.: das] gemeinsam einigen äußere Bestehen in Hinsicht
auf die vorliegende namentlich in Beziehung auf die Schweiz
uns vorliegenden Thatsachen berathen so müssen wir
sagen: Wir sehen und erkennen, und die Thatsachen liegen
uns dazu vor, welche Scheu, Achtung, Anerkennung pp die Menschen
wie man im Allgemeinen sagt; das Publikum ergreift, sobald
es ahnet und durchfühlet das [sc.: daß] unser Leben in einem höhern all-
gemeineren, ja unbewußt, höchsten allgemeinsten Leben seine
Wurzel geschlagen, seine Wurzeln an sich hat; - darum laßt
uns die größte Sorgfalt haben zu zeigen, daß unser Leben
nicht in einem Einzelnen, bestimmten abgeschlossenen Leben und
sey es selbst ein bestimmtes einzelnes Volksleben, ja sogar das Volksleben als solches an sich sondern /
[2R]
in dem einigen ewigen Leben an sich so nicht allen [sc.: allein] seine Wur-
zeln geschlagen, sondern darinn seinen eigenen Lebensquell
habe. Daß [sc.: das] dunkle Ahnen und Fühlen dieses, als Wirkung
davon an und in der Schweiz, Luzern, Willisau, dieß ist
es was alle Erscheinungen deren wir uns jetzt erfreuen er-
freuen hervorgebracht hat. Keinesweges aber das Handeln
der Schweizer Willisauer pp. als von ihnen ausgehend. Nicht
auf die Schweiz, nicht auf Willisau, nicht auf Luzern dürfen wir
ruhen dann ruhen wir auf Flugsand, sondern auf dem Leben
können und müssen wir ruhen welches diese Wirkungen in der
Schweiz u.s.w. hervorbrachte. Was sollen was müssen wir
pflegen, - den Geist, den in sich einigen Geist welcher uns
so führte, daß wir welcher uns dahin, also zuletzt nach der und in
[die] Schweiz führte, wo wir die Wirkungen jenes Lebens
in unzähligen Erscheinungen außer uns wahrnehmen konnten, diesen Geist
müssen wir pflegen. Das den Forderungen die-
ses Geistes Nachgehen, das ihm gehorsamen, das ihn in sich auf-
nehmen, ja ihn als den eigenen seinen zu finden pp dieß
ist es einzig und allein was die Wirkungen in uns und außer
uns hervorbrachte deren wir uns erfreuen; alles andere
ist Durchgangsform, Durchgangsgestalt, Erscheinung. Diesen
Geist einzig und ganz allein nur diesen Geist achtet man,
so dunkel oder licht man es auch nur ahne, das Aufnehmen
dieses Geistes in unser Leben, das Bewahren desselben, dieß
ist es einzig und allein was uns die Achtung gab, der wir
uns jetzt erfreuen. Darin finden alle das Bestehende, im
Bestehenden an sich. Wie könnten wir nun irgend jemanden etwas
Bestehendes und irgend etwas von den hohen seeligen Gütern die
daraus hervorquellen, reichen, wenn wir unser Bestehen erst
in der Schweiz rc finden sollten? - Habe ich denn so ganz um
Nichts und wieder Nichts aus der Schweiz geschrieben, und schrei-
be ich jetzt und lasse meine Briefe Allgemein Lesen? – ?
Freilich müssen wir Zeit und Stoff oder was uns gleich ist Kraft und
Materie haben an denen und durch die wir wirken; aber darum
nicht einen und diesen bestimmten {nicht einen nicht eine {den die} wir
erst künftig haben können sondern beyde
die wir schon haben; nicht Fremdes, Fernes was wir nicht
beherrschen sondern das Nahe was unser eigen ist. Männer
und Räthe was nützt uns denn als Lebensführer das Leben
in seinen Erscheinungen? – Was uns die letzteren 1 ½ - 2 Jahre
gereicht haben ist nicht die Schweiz, nicht Willisau - sondern
die uns ewig nahe und doch immer ferne Wahrnehmung daß
wir Zeit, Raum, Kraft und Materie Stoff zum Bilden
zum Darleben des Lebenshaben wo wir nun eben sind
daß wir so überall wachsen können, wenn nicht überall nach
Außen, doch nach Innen u.s.w. - Ich will nur endlich schweigen
denn ich sehe wir verschleudern die höchsten Güter so bald sie ans Wort /
[3]
geknüpft sind. -Jetzt will ich jedoch noch einmal in ein großes Lebens-
bild zusammen fassen, an einem wirklich gegenwärtigen an unser
aller eigenen Leben es zeigen wie ich es denn eigentlich meyne.
Hoffentlich aber zum letzteren Male; dieß wird nun aber auch sowohl
die Gegenstände, die Handlung, als die Gruppierung derselben recht-
fertigen, so wie den etwaigen sprachlichen Ausdruck, ich will zei-
gen wie uns über das [sc.. dem] Festhaben des Geistes uns nie die Festhaltung der
Erscheinung teuschen soll u.s.w.
Willisau oder die Schweiz ist jetzt wie Dir Langethals Brief klar zeigt
das Losungswort selbst im Keilhauer Männerrathe und die Sorgfalt
für die Erhaltung dieses neuen Gefäßes für den Keilhauer Lebens-
baum, der Gegenstand dieser Berathung. Jeder hat darüber natürlich
in Beziehung auf sich seine besonderen, persönlichen Gedanken, also
auch ich; Langethal hat die seinen mitgetheilt, auch ich will es.
Es war die Führung des Geistes die mich die Schweiz, den Kanton
Luzern, früher Wartensee jetzt Willisau finden ließ. - Es war
die Führung des Geistes, oder wenn Du lieber als freyer Mensch willst,
die Forderung, die Aufgabe oder wie Du es sonst nennen willst. – Des
Geistes, welcher mir [sc.. mich] dort die Wirkung meines Lebens sehen und
finden ließ. Mein Leben war es, den[n] nur einzig mein Leben wur-
de ja auch so gewaltig um es mit einem Schlage in seiner Nichtig-
keit zu zeigen, angegriffen. Es bewährte sich, die Wirkungen dessel-
ben bewährten sich, bewährten sich unter Deinen Augen als nach mei-
nem Vorschlage und Wunsche Du von Keilhau {zur Prüfung zur Selbstanschauung} derselben
dahin geschickt wurdest. Willlisau trug
einen Verband an; wir schlossen ihn und ich gieng. Sie hiel-
ten bis jetzt ihren Vertrag, standen bis jetzt sogar für denselben
ein; und dieß alles unter Deinen Augen, so weit möglich
unter Deinem Mitleben. Wie stand ich früher in der Schweiz
wie noch bis jetzt? – isolirt allein und kaum von einigen gekannt
fast ohne alle Wirksamkeit außer meiner Schulstube hinaus.
Wie standst Du gleich vom Anfang [an], wie stehst Du noch jetzt? -
In einem weitverbreiteten sich immer mehr und weiter ausbreiten-
den auch äußerlichen Lebensverbande. – Ein Gespann zumal ein noch uneingefahrenes
ist aber besser und sicherer mit kurzen als langem
Zügel zu führen; die Zügel für den Willisauer Lebenswagen liegen
nun in gar mancher Beziehung in Deiner Hand; was meynst
Du nun Barop! daß ich sagen würde, wenn die Lebensverhältnisse
sich so wandelten daß man sagte: es ist besser daß der welcher
zum großen Theil die Zügel schon kurz und kräftig in der Hand hat
sie be und gegenwärtig ist sie behalte, als daß [man] sie erst dem
noch fernen Abwesenden einhändige! – meynst Du daß ich sagen,
ja auch nur denken würde es sey meinem Lebensbaum, sein
ihm bestimmt gewesenes neues Gefäß entzogen worden? - Ich
meyne daß es weder stöhrend noch trübend in mein Leben ein-
greifen würde, warum? - Weil ich an die ewig schaffende Kraft des
dreyeinigen Gottesgeistes glaube und an die höhere Reproductions-
kraft des menschlichen Geistes, wenn er sich mit jenem Geiste in Einigung erhält. /
[3R]
Also die Pflege der GeistesEinigung in sich und außer sich, - das
ist das einzig und allein zu pflegende, alles andere Thun,
wie alle andere Pflege ist nichtig, ist Thorheit; die Pflege
also des GeistesEinigung wie in sich so mit Gott und Menschheit.
Ich steige wieder und weiter ins Materielle so herab.
Nicht daß uns in der Schweiz oder Luzern oder durch Willisau
Mittel oder wie Du es sonst nennen willst, gereicht werden
können, nicht dieß ist es was die Menschen duldsamer und
nachsichtiger mit Eintreibung ihrer Forderungen an uns und mich
macht, sondern das ahnden und durchfühlen, ja mehr als dieß
die Spur von Einsicht daß, weil ich oder was hier gleich ist wir
schon an und für sich reich in uns sind, daß uns jene eben
unseres schon besitzenden Reichthumes wegen Gaben und
Mittel reichen, um sich den Mitbesitz wenigstens die Mit-
benutzung unseres schon besitzenden eigenen Reichthumes zu
verschaffen
.
Siehe Barop! Ich ahnete und fühlete früh ich erkannte bald und
suchte es im Leben auszuführen welch einen Reichthum in sich und allseitig
geistig einiges Leben, Geisteseinigung giebt
aber ich verwechselte es mit Geister[-] ja PersonenEinig-
ung, warum? – weil ich nach meinem eigenen Lebenssatze:
- Innerliches oder Inneres äußerlich zu Äußerem zu machen
und Äußeres, Äußerliches innerlich zu machen und für beydes
Inneres und Äußeres das Geistig Einende zu finden – alles
äußerlich Bestehende in seiner Form in seinem Wirken und
Folgen und in mir durchleben mußte.
Sieh Barop! So löset sich das Leben auch hierinn wieder, darum meine
Scheu gegen Personenfessel, und mein hartes Zurückwerfen
derselben wo sie sich mir aufdrang, Geisteseinigung suchte
ich aber immer suchte sie ewig, suchte sie zuerst wo ich sie
als ich möchte sagen ursprünglich wähnte - in der eigenen
Familie, fand sie aber wie überhaupt so auch da selten.
- Ich hatte und besaß von frühe an zwey Güter, aber ich wußte es
nicht, ahnete es nicht denn das Leben der Wirklichkeit die Er-
ziehung der Welt hatte mich fast mich [sc.. mir] selbst genommen wenigstens
entfremdet erst spät fing ich an sie zu ahnen u.s.w. doch
wagte ich sie nicht zu fassen und darinn sind alle meine
Schicksale begründet, wegen welcher ich streng genommen auch Nie-
mand Vorwürfe mache und machen darf. Diese Güter sind
Geistes- Lebenseinigung und der dadurch bedingte innere Reich-
thum
. Dieß nur, wie ich mich mir selbst gegenüber stelle ist es einzig
wie ich mich auch den Schweizern den Willisauern, den Luzernern
gegen über stelle mich und uns denselben, bis in die eigensten
verborgensten Gedanken gegen über gestellt wissen und sehen
will, nicht als Gebende um zu empfangen sondern als
Empfangende um zu geben.
Ich habe schon oben ausgesprochen, daß ich aus dem angeführten Grunde
alle Fehler meiner Zeit und meines Zeitalters an und in mir durch[-] /
[4]
leben mußte auch die des neuen Humanismus, Philantropismus
und Pietismus nemlich daß man gleichsam die Menschen bat
ob sie es nicht erlauben wollten sich erziehen, zu Menschen er-
ziehen zu lassen, ihnen für diese Erlaubniß dankte, ja zur Bethä-
tigung dieses Dankes zur Erziehung noch Geld obendrein gab. Diese
Zeit ist wenigstens nun für mich vorüber, meynt aber etwa
die Welt sie habe [daß sie] mich dazu erzogen habe, so will ich ihr, den Beweis
daß ihr Zögling ihr keine Schande mache, - an ihr selbst geben. –
Und so gleich im vorliegenden Falle wenn die achtbaren Willi-
sauer mich wirklich vertrauensvoll zum Erzieher und Lehrer
ihrer Kinder wollen, so können und müssen sie mich holen d.h.
d.h. [2x] sie müssen die in der Sache selbst liegenden unerlässlichen
Bedingungen erfüllen daß ich zu ihnen kommen kann.
Hier nun bin ich auf den zweyten Punkte dieses Briefes der Be-
antwortung des Deinen, nemlich einer bestimmten Stelle in dem
Deinen. Es ist diese: “Denn da der Verein uns bat, erst nach Abgang
des Oberamtmannes die Anstalt zu eröffnen, wobey ihm überdieß
mancher Vortheil wie Heizung zu Gute kommt und manches Unange-
nehme erspart wird, so müßte er, wenn er den Contract in
Beziehung des Jahresgehaltes bis Michaelis nicht halten wollte
eine Umänderung nach Billigkeit in diesem Punkte vorschlagen.[”]
Lieber Barop! Von einer Umänderung auch nicht wie Du Dich aus-
drückest nach Billigkeit, kann hier [nicht] die Rede seyn; denn wo von
Billigkeit bey einer Umänderung die Rede seyn soll, da müssen
beyde Theile etwas nachzugeben, nachzulassen haben. Nun
ist aber gar kein Punkt vorhanden worinn ich und wir et-
was nachzulassen hätten, denn mein Leben und Wirken ge-
hört schon seit länger als den 1n Januar fast ganz Willisau;
Du schreibst die Glieder des Vereins haben nur das Wohl ihrer
Kinder vor Augen. Sieh Barop! ganz so geht es mir, ich be-
schäftige mich fast stets mit meinem künftigen Berufe in
Willisau: versammle die Kinder um mich, prüfe, classifi-
zire sie, arbeite die Unterrichtsgegenstände von neuem
durch u.s.w. u.s.w. alles um dem Vertrauen der Eltern
zu entsprechen; prüfe meine Gehülfen suche sie zur Hülfe
vollkommener zu machen; suche mir Gehülfen die ich noch be-
darf u.s.w. so stellte ich ja sogar schon einen zu künftigem
Bedarf an der wie Du sehen wirst schon vom 4n Febr an
hier eintreten wird um sich noch vollkommner für Willisau
auszubilden. Überdieß muß ich für diesen wie für die Übrig-
en selbst für meine Frau, welche doch durch ihr Stehen in sich
selbst eine Stütze des Ganzen dort wird, die Reisekosten
tragen; alles Dinge, an welchen bey dem ersten Vertrage, wo wir
uns als in Wartensee wohnend betrachteten nicht die Rede war
und nun - sie nachzuholen oder auch sonst nur zu berücksichtigen
gar nicht mehr die Rede seyn kann; und über dieß alles ist nicht
Dein Aufenthalt in der Schweiz nicht einzig durch Willisau bisher
nöthig gemacht und noch ferner dadurch nöthig. – Da nun /
[4R]
die Deckung gar mancher Ausgaben namentlich aber das Reise-
geld nicht nachgeholt werden kann, so müssen wir was uns
die Vorsehung dagegen und mit solcher klaren Bestimmtheit [zu]ruft
dafür mit klarer Bestimmtheit festhalten, also auch die Billigkeit
kann den Vertrag in dieser Beziehung nicht abändern; vielmehr
meyne ich kurz und ganz bestimmt so: - Wenn der Verein
- wie im vorigen Briefe besprochen worden – mir die Anzeige
durch Dich überschickt, daß alle gegenseitigen Bedingungen zur Aus[-]
führung der Erziehungsanstalt erfüllt seyen und ich nun zur Er-
öffnung derselben kommen möchte - so solle dann auch der
Verein Dir laut Contract das erste Vierteljahr also 200 Fr[an]k[en]
Gehalt pränumerante auszahlen. Dieses Geld ist und wird
dann unser Reisegeld und Du kannst vielleicht die Aus-
zahlung an uns durch Schwarz in Fr[an]kfurth vermitteln oder auch sogleich
durch die Post unmittelbar die Übermachung besorgen.
Barop! Es muß uns strenger Grundsatz seyn: - die Mittel
zur Ausführung ja nur zur Beginnung der Willisauer
Erziehungsanstalt müssen uns schlechterdings nur aus
der Unternehmung selbst kommen; wie es jetzt steht, so müssen
wir schlechterdings nicht etwas zur Förderung ja soga[r] zur
Erreichung jener Unternehmung - von fern und fremd her[-]
nehmen, alles muß uns aus jener Sache selbst kommen; Du
siehest Barop! wie die Vorsehung den Weg dazu bahnt, laß
uns ja die Winke und Fingerzeige dazu benutzen.
Barop! die Weitschweifigkeit dieser Nachschrift mußt Du nach-
sichtig beurtheilen: ich hatte heut viel Unterricht, wurde auch
sonst viel zerstreut indem ich das Meiste in der Lehrstube umgeben
von den Kindern niederschrieb; auch ist sonst das Leben in seiner
Entwickelung jetzt so drängend, daß man kaum Zeit hat seine
Gedanken klar durchzudenken; aus einer kleinen Beylage Midde[ndor]ffs
wirst Du etwas davon ersehen. So war also aus der kurz und
bündig gedachten Mittheilung dieser lange Brief [geworden] und doch ist noch gar
Manches mir Wichtige unberührt geblieben. –
In denen sich auf das Pecuniäre beziehenden Verhandlungen mit dem
Vereine mußt Du nur 2 Punkte festhalten
erstl[ich] daß ich als sie den ersten Antrag wegen Willisau mir mach-
ten ich mein erstes Wort als Erwiderung <-> war: Geld
und Kapital könne ich nicht zu an die Unternehmung wenden, aber
meinen Geist wolle ich ihnen geben.
Zweitens daß ihr drey öffentl. gedruckt ausgesprochen, ”Fonds
besäße ich freylich nicht aber das was Fonds Werth gäbe.
Und
das worinnen es gedruckt ist hätten wir Ihnen [sc.: ihnen] offen mitgetheilt.
Nun kurz, das Nichtshaben, Nichtsseyn, Nichtswissen, Nichtskönnen pp.
also mit Eins: Das Mein Nichts des Appenzeller Angriffs muß
der Grundstein werden pp pp.
Ferner: Geht es an so lasse den Gehalt von dem Verein zum Reisegeld
Dir als Wechsel geben; ich hoffe ihn durch Koch in Jena der ja damit
Bescheid wissen muß schnell realisiren zu können. Dein Euer FrFröbel.