Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Wartensee v. 6.2.1833 (Keilhau)


F. an Johannes Arnold Barop in Wartensee v. 6.2.1833 (Keilhau)
(KN 44,2, Brieforiginal 1 B 8° 3 S.)

Keilhau Mittwochs, am 6 Tage, (: Dorothea:) im Monat der Klar[-]
heit 1833.


           Barop!

Gott zum Gruß allem zuvor.

Ehe ich es, wie nun schon so sehr oft, wieder vergesse, will ich
dießmal mit dem beginnen, womit man sonst Briefe zu
schließen pflegt, nemlich mit den Einzelgrüßen. Grüße doch
recht aufrichtig und anerkennend die Marie, grüße mir freund-
lich und herzlich die alte liebe, freundliche Mutter, grüße mir mit
biedern achtenden Gruß den alten Vater; sage Ihnen, daß ich
wohl kaum einen Brief beginne, ohne diese Grüße zu empfinden,
kaum einen Brief schrieb und schlöße ohne ihrer zu gedenken,
daß mir aber fast nie die Zeit erlaubte, sie auszusprechen. Grüße
freundnachbarlichst unsren Bauer Joseph Meyer und alle die
seinen namentlich seine lieben Kinder sage Ihnen, daß
ich Ihrer aller mit Liebe gedächte, daß ich mir über alles in und für Wil-
lisau geschehende sehr freuete, daß ich aber nur mit
Leid daran dächte, daß nicht auch die liebe Christine, Baby, Tonny
HansJörg auch der muntere kräftige Moritz pp[.] dort noch meine
Schüler seyn könnten. Im gleichen Sinne für [sc.: führe] meine Grüße
in Eggersweyl, Seehüsly, Lipperiede, Sempach, Büttisholz aus. Doch
schon zu viel dieser Einzelnheiten; Es ist nur daß Du kleine Real-
beweise für das hast was so ausgebildet im Einzelnen und für
das Einzelne in mir liegt. GroßWangen mit seinen beyden
Richtungen Vonwyl und Bühlmann, ja nicht vergessen. Die stets
mitkommenden Hochachtenden Grüße nach Willisau auch Sur-
see
verstehen sich von selbst. Aber auch unsere beyden Herren
in Sempach und Neuenkirch gegelentlich [sc.: gelegentlich] nicht vergessen oder nach
Umständen
mit besonderen Wege sie gegrüßt. Alles dieß nur
damit Du die Thatsachen dazu zum freyen Gebrauche für Dich in die
Hände [sc.: den Händen] hast.- Sieh nur, wie viel man schreiben muß, führt man das
kleinste in der Wirklichkeit im Äußern auch nur andeutend durch.
Nun zur Hauptsache, also mit Gruß und Dank zu Dir, das heißt
auch, mit Beystimmung und Anerkennung. Was Du mir schreibst, daß
man bey den etwaiiegen [sc.: etwaigen] Verhandlungen wegen dem Jahrgehalt
nicht auf ein paar Franken, ich sage einigemal Paar Zehner
Franken sehe[n] soll ist ganz meine Meinung nicht allein weil
der wer äußerlich zu geben genöthigt wird ohne innere Beystimmung in
sich zu fühlen dann mehr Forderung äußerlich macht, sondern um
des inneren und äußeren Friedens, also des wahren Friedens
und reinen Freudigkeit willen. Dieses suche ich immer, [habe es] aber
nur nicht dadurch zu erlangen gesucht, daß man schwach
schwankend erscheint. Dieß war kurz die Absicht meines vori-
gen Briefes; nun wirst Du beyde vereinen.- Gehe nur sehr ruhig,
aber sehr treu; Du wirst einst bey alle dem was Dir jetzt schon Dein /
[1R]
Bewußtseyn giebt einen viel höheren Lohn noch finden, als Du jetzt
noch ahnest; nicht darum sage ich dieß, sondern um Dir meine
Überzeugung auszusprechen, die Sache ist, bey allem dem Anschein
von Wichtigkeit der ihr gegeben wird, wichtiger als wohl selbst
wir ahnen. Überzeuge Dich daß ich keinen [sc.: kein] anderes Gefühl, kein[en] andern
Gedanken, keine andere Absicht und Zweck meines Handelns habe,
als die Wege der Vorsehung zu empfinden wahrzunehmen klar zu erkennen und ihnen
treu nach zu gehen. Also nun, um [im] Geiste nur nach
dem Sinn der Vorsehung mit Selbstwahl und Selbstbestimmung treu
dienend, ausführend nach zu gehen. Ein Handeln vor, bey und
in dem jede besonders und namentlich selbstsüchtige Besondersheit
schwindet. Meine oft so sehr gewaltige Heftigkeit - indem
ich in den mir entgegentretenden Hemmnissen Hindernisse sahe
dieser Leben[s]überzeugung getreu, treu der Vorsehung und ihren
Gaben und Forderungen nachzugehen, löset sich mir dadurch in
ihren innersten Grunde sehr. Aber auch diese Einsichtigkeit ist mir
klar geworden, ich kann wohl auch sagen, auch mit durch das mich
so sehr viel lehrendes und jetzt hier in Keilhau bis zur letzten
Stufe der Abgeschlossenheit in sich durchgeführte Linienziehen
im Netz.- Dieß alles aber als A nebensächliche Andeutung
und Einleitung zur Hauptmittheilung dieses Briefes.-
Nach den vielseitigsten Überlegungen, Durchdenken, Durchfühlen,
Durchleben, und Eingehen in die Gefühle pp. Anderer, von welchen
die gemeinsame Frucht auch mein zweyter Brief an Ferdinand
war gieng Sonntag Mittag am dritten Febr. der Brief, oder
vielmehr die Briefe an Dich und Ferdinand ab. Den Sonnabend vorher
hatte ich mich noch besonders so wie den all seiner Äste beraubten
Dir bekannten Nußbaum am Sempacher Wege gesehen pp. Dieß
alles konnte mich aber nicht bestimmen gegen den Geist des Ganzen
meinen [sc.: meines] Lebens zu handeln. Du weiß[t] keine Entgegnungsstrafen
sich [sc.: sind] gewaltiger ja furchtbarer als die gegen den Geist, allen Geist
- Adolph Scheps [sc.: Schepß] (eigentlich der einfachste Natursohn im ganzen
Kreise) kehrte als wir eben bey Tische waren zurück; und über[-]
gab mir die Tagesblätter die er mitgebracht hatte, sonst hatte
er mir noch eine auch sehr merkwürdige mündliche Post Nachricht
von der Post die wir aber nicht zu deuten wußten. Genug
er gab mir die Zeitung (was sonst nie geschiehet) in meine eige[-]
ne Hand, durch das Äußere des Lebens aufgefordert grief [sc.: griff]
ich nach den politischen, fand Nichts besonderes und legte das Ganze
weg.- Mondtags früh trat ich beym Frühstück ohne Absicht
zu Langethals Pult und blättere in den Tagesblättern. Das er-
ste Blatt was ich ergriff war das letzte des Allgem. Anzeigers
und der Nationalzeitung der Deutschen V von Sonntag den 3. Febr.:
und das erste Wort, was mir in die Hand fällt ist "Pri-
vatanstalt
" - dadurch aufmerksam gemacht lese ich fast
rückwärts bis zur vorstehenden Seite das Gesuch um
Anstellung - welches Langethal Dir a beyliegend abgeschrieben hat. /
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Wie ein Blitzstrahl kommt mir der Gedanke den Suchenden mit
unserer Unternehmung in Willisau in Verbindung zu setzen.
Selbst nur noch das Gesuch überflogen habend, reiche ich es
sogleich meiner Frau mit welcher ich nur noch allein am Früh-
stücks Tische war; wollte es sogleich auch Langethal und Midden-
dorff
überreichen, doch die Unterrichtsstunden nahmen uns,
mich ganz mit eingeschlossen von Stunde zu Stunde [in Anspruch]; doch mein
Gemüth und Geist arbeitete das Ganze in sich aus und als
Mittags 1 Uhr die Stunden geschlossen waren, stand der Brief
in mir klar. Ich konnte nur Middendorff rufen, theilte ihm
kurz das Blatt mit auch ihm war das Ganze nicht unbedeutend
und so diktirte ich sogleich den in mir tragenden, Dir hier ab-
schriftlich mitfolgende[n] Brief - dem Middendorff. Mein Gedan-
ke war er sollte, weil eben Mondtag und Posttag nach Gotha
war, auch eben Jemand nach der Stadt ging, - sogleich heut
schon zur Besorgung nach Gotha gehen. Die Zeit war aber
zu kurz und so blieb die Absendung bis heute, in einer ½ Stunde
soll er Gehen; denn nach vielseitigem Besprechen tritt der Gedanke
und die Überzeugung die Handlungen aller bestimmend hervor.
so [sc.: So] sey wahrhaft das Ganze, ohne eine vorbestimmte Fessel
in die Hand der Vorsehung gelegt.
Und so ist denn auch Dir das Ganze in seinem Hingehaucht-
seyn zur Prüfung vorgelegt; damit Du gleich im Mittel-
punkt des Ganzen als ein wahrer Gesandter stehst.
Schreibe uns nun auch ganz frisch und mit umgehender
Post alles wie es Dir oder Euch erscheint, damit so alles
ein ächtes Ganze werde. Middendorff selbst wollte noch
vieles hinzufügen, kommt aber um - einen Posttag zu spät,
denn er meint es sey 10 ist aber schon 11 Uhr.-
Nun das zweyte oder dritte. Hilf Dir selbst war mir
immer <keiner> der Lebensvita, denn auch Er half sich rein
selbst nur die Spötter sahen es nicht da es nicht auf ihre
Weise war pp pp. Auch wir müssen uns rein aus und
durch uns selbst helfen aus der und durch die uns jetzt von Gott
gezeigte, gegebene Quelle.- Also halte (es sey die Summe wie
sie aus und durch des Ganzen bestimmt werde)
die Vorausbezahlung vielmehr Nachbezahlung bis Ostern
das erste Halbjahr wenn es mögl[ich ist] fest.- Laß Dir die Summe wenn es
möglich ist in Wechsel, zahlbar
nach Sicht (A Viso) auszahlen. Diesen Wechsel will
ich durch Koch in Jena, der wegen Studirenden aus der Schweiz
gewiß damit Bescheid weiß - realisiren lassen.-
Ferdinands 30 Thaler müssen, wie mir gestern seyn
Vater sagt auch bezahlt werden wenn er nicht seine Zeugnisse
im Stiche lassen will, denn er hätte ja allein unterschrieben.
Also auch darauf muß ich rechnen.- Jetzt leb eiligst
wohl. Dein und Euer FrFröbel.