Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Emilie Barop in Keilhau v. 24.2.1833 (Berlin)


F. an Emilie Barop in Keilhau v. 24.2.1833 (Berlin)
(KN 44,6, Brieforiginal 1 B 16° 4 S., ed. Hoffmann 1951, 92-94; zit. Hoffmann 1939/40, 189. - Der Brief wurde wohl zusammen mit dem an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. selben Tag verschickt.)

Berlin am 24en Februar 1833.


Emilie!


Grüße Dich Gott glückliche Mutter und
Deinen gesunden lieben Sohn!

Wahr bleibt es immer: - glückliche Menschen machen
auch andere glücklich, wenn es diesen vergönnet ist.
Theil an dem Glücke jener nehmen zu dürfen, und
Gesundheit verbreitet das Gefühl der Gesundheit und
des Wohles, wenn wir uns dessen mit erfreuen dürfen[.]
Siehe so hat auch Emilie! während der Reise die stille
Erinnerung an Dein Glück, an Dein und Deines lieben
Sohnes Wohl mich sehr innig glücklich und froh ge-
macht, und diese Zeilen bitten Dich, Dir dafür meiner
Seele Dank zu sagen.- Einen recht langen Brief habe
ich einmal während der Reise wo ich sehr klar und
ruhig in mir war an Dich geschrieben - wenigstens die
Einleitung, den Beginn zu einer langen fortgehenden
Mittheilung an Dich, besonders auch über die sorgsame
Pflege des Lebens unseres gesunden Knaben Deines herzlieben Sohnes
, und ich freuete mich schon recht sehr
darauf, diese Mittheilungen hier zu beginnen; doch
jedes Leben und Verhältniß hat seine Rechte, und
so denn auch das hiesige und jetzige. Darum muß
und will ich mich jetzt nur damit genügen Dir wie
so Lebens[-] und Seelentreu ich und wie Lebensumfassend
ich Deiner und Deines Sohnes gedachte, mit diesen
wenigen Worten anzudeuten. Der Grundgedanke war:
Gemüthseinigung, Pflege und Ausbildung derselben ist die
ewig unerschütterliche Grundfeste alles Lebensglückes, Lebens- /
[1R]
friedens, alles LebensHeiles. Der Seegen der Gemüths[-]
einigung in sich und unter Einigen und Mehreren
ist gar nicht auszusprechen, und umfasse diese
Einigung die geringste Anzahl der Gemüther.-
Emilie bewahre Dir diese Gemüthseinigung zunächst
zunächst in Deinem eigensten Kreis, bewahret sie Euch
- dieß wollte ich Dir, so viel geseegnete Mutter! eben
schreiben und sprach es Dir während der Reise in meinem
Gemüthe so umfassend aus - bewahret Euch diese Ei-
nigung des Gemüthes, ich meine Euch beyde Eltern, be-
sonders für Euren lieben Sohn; diese Pflege muß,
was ich davon jetzt schon erschaue - sehr früh, sehr zart-
sinnig aber nicht darum nicht unbewußt, sondern mit
Klarheit und Einsicht geschehen. Meine sehr theuere liebe
Emilie! lasse es mich Dir nicht verhehlen, eine Mutter
kann von Natur und durch die Natur eine sehr gute
Mutter seyn, und dennoch gar manche Mißgriffe thun
darum muß sich eine Mutter nicht nur genügen durch ihr
natürliches Gefühl gut zu seyn, sondern sie muß sich
selbst suchen diese ihre natürliche Mutterliebe und
Güte zur Klarheit und Einsicht zu bringen, denn -
Emilie! - sie ist eine menschliche, ein[e] vernünftige
eine gemüth- und seelenvolle, eine - geistige Mutter
zugleich, und ist dieß als MenschenMutter. Welche
neue erweiterte Lebensanschauung hat mir diese Reise
wieder gegeben; Du kannst sie ahnen, denn bey allen
meinen Mittheilungen und Gesprächen mit Dir in der
Zeit meiner jetzigen Anwesenheit lagen sie zu Grunde
und wie so viel Zeit brauchten sie ehe sie im Gemüthe
aufblühen konnte; aber es ist mir auch diese Lebensan-
schauung, die ich mit dem Ausdrucke: Pflege der unmittel-
baren Gemüthseinigung - bezeichne, eine der höchsten /
[2]
und wichtigsten und den Gedanken derselben, wie die
jüngste so auch die schönste Blüthe meines, unseres
Lebens, und ich freue mich innig, daß wie ich die Klar-
werdung dieses Gedanken, der Anschauung Deines Le-
bens verdanke, ich so auch Dir diesen Gedanken vor
allen zuerst ausspreche.- Es ruht tief in mir die
Überzeugung, wenn es möglich wäre auch nur zwey
Menschen in solcher ursprünglichen Gemüthseinigung
sinnig pflegend herauf zu erziehen, dadurch Kräfte
ja neue Kraft entwickelt würde, die das unglaub-
lichste, vom Menschen bisher ungeahnetste schaffen
und bewirken würde. Beyspiele sollen Dir, liebe
sinnige, vertrauende Mutter klar machen was ich
und wie ich es meine; eine solche innige Einigung der
Gemüther fand zwischen Maria und Elisabeth statt;
Eine solche Gemüthseinigung war zwischen Maria und
ihrem Sohne Jesus; Eine solche Gemüthseinigung war
vor allem zwischen den Seelenfreunden Johannes und Jesus.
Eine Gemüthseinigung nun - o! mißverstehe mich Emilie
nicht und beobachte es wenigstens - erscheint mir jetzt
schon zwischen dem kleinsten Wilhelm und Deinem Sohne.
Wir haben nie so ruhige friedige Augenblicke, nie so
stille sinnige Augenblicke in den letzteren Lebenswochen
und Tagen gehabt wo das Gemüthe des Menschen für
die Mittheilungen höhrer zarterer Lebensbeobachtungen em-
pfänglich ist, aber ich hatte Dir schon Einiges mittheilen
können was nur auf eine hohe ursprüngliche Gemüthseinigung zwi-
schen den beyden Knaben zunächst freylich
nur von Seite des kleinsten Wilhelm zu dem noch Na-
menlosen oder Unbenannten hindeutet. Beobachte
wenigstens mütterlich still die beyden Knaben, natürlich
jetzt nur noch den älteren. Ist das was ich ahne gegrün-
det und könnte es still und sinnig in Klarheit und Einsicht /
[2R]
gepflegt werden, so könnten dann gewiß einstige Wohl-
thäter der Menschheit aus ihnen erzogen werden die
mit moralischer, sittlicher Gemüthskraft auch die
schaffende Lebens-, die ordnende klärende Geisteskraft
verbänden.- Die Früchte eines solchen Gemüthseinigen Le-
bens auch nur zweyer müßten stetig sich erweiternd,
ewig seyn.- Was ich von und über diese Gemüthsei-
nigung in Maria in Beziehung auf ihren Sohn Jesus
andeutete finde ich in den Worten bestätigt: - "und
sie bewegte alle diese Worte in ihrem Herzen."-
- So ist es denn nun doch schon wieder fast ein großer
Brief geworden was nur ein kleines Blättchen ein-
zelner Andeutungen und Bemerkungen geworden [sc.: werden sollte],
und so scheint er denn wirklich seine ursprüngliche
Bestimmung sich fest halten zu wollen, der Vorläufer
und der Einleiter zu einer Reihe von Briefen wer-
den zu wollen, die ich auf meinen neuen Lebens-
reisen gewiß zum öfteren wenn auch nur in Ge-
danken an Dich schreibe. Freylich wird [sc.: wirst] Du liebe
Nachsichtige! wenn Du mir es anders erlaubst immer
nur die Abschnittsel wie auch jetzt hier, nur da-
von erhalten; aber so ist es, Emilie! immer die
schönsten, höchsten, duftendsten Lebensblumen entblühen
und verblühen im Gemüthe des Menschen ohne daß
selbst unsere Lieben und Liebsten kaum mehr als wel-
ke Blätter davon zur Erhöhung des äußeren Lebens
davon erhalten, wie wir getrocknete Rosenblätter
zwischen unsere feine Leibwäsche legen, und noch im
trauernden Tode duftige Rosenperlen über unserer
Brust tragen unter und in welcher so manche duftige
Lebensrose trauernd in Tod sank. Darum so wenig
auch das äußere Leben von dem inneren hervorblühen läßt, so
pflege doch jeder der ein Gemüthsleben in sich trägt, es
mit großer Lebenstreue, es wird uns einst Zeugniß
geben von der Wahrheit und Treue des Leben[s]. Es grüßt Dich und Deinen Sohn
Euer Fr Fr.