Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Wartensee v. 15.3.1833 (Keilhau)


F. an Johannes Arnold Barop in Wartensee v. 15.3.1833 (Keilhau)
(KN 44,10 , Brieforiginal 1 B 4° 4 S. Im Kopf des Briefes befindet sich ein
Steindruckbild der Berliner Börse.)

         Keilhau, Freitags, am 15en Tage
im Monat des still keimenden Lebens 1833.·.


         Barop!
Gott zum Gruß allem zuvor!

Wie Dir schon diese Überschrift zeigen wird, sind wir, meine Frau und ich von Berlin und
Frau Langethal von einem Besuche bey ihrer Schwester und Verwandten in Torgau gesund und,
die tiefen Schmerzen der Trennung von heiß-Geliebten nicht gerechnet, wohl hier in unserm
kleinen, stillen Keilhau eingetroffen, freylich um es nach Deinen mir hier vorliegenden Briefen
besonders nach Deinem jüngsten vom 6en und 7en dieses M. und gestern Abends am 14en erhal-
tenen Briefe bald wieder zu verlassen.
In Gottes Namen, in inniger Einigung mit dem in sich Einigen, wird also nun lieber Barop
mit allem Ernste an unsere Übersiedelung nach der Schweiz und Willisau und unsere Abrei-
se dahin gedacht und dafür gearbeitet.
Dem uns in Deinem jüngsten Briefe Ausgesprochenen und Mitgetheilten zu Folge, werden wir
hier nun noch den nächsten Posttag aus der Schweiz, künftigen Mondtag den 18en d. hier ab-
warten, wo wir hoffen daß die letzteren und unmittelbaren Erklärungen vom Vereine in
Willisau selbst, hier eintreffen werden, dann wird Dienstags darauf den 19en d. Langgut
von hier nach Veilsdorf abgehen um von den Seinigen, nach einigen Tagen frohen Zusammen-
seyns mit ihnen, Abschied zu nehmen und das letzte dort Nöthige für sich zu besorgen.
Sonnabends darauf den 23en wird Herr Gnüge von hier nach Veilsdorf gehen, Sonntags
dort verweilen und beyde werden dann Mondtags den 25en von Veilsdorf über Nürnberg
und Ulm nach Wartensee abgehen, damit sie noch vor dem Feste bey Euch eintreffen
um dort in friedlicher Eintracht das Fest der Auferstehung still und sinnig als Weyhefest zum
zum [2x] Neujahr unseres Lebens mit Euch feyern zu können. Ob ich nun gleich noch nicht Zeit gehabt
habe um Ferdinands großen Brief an mich ganz, sondern nur Anfang und Ende, und dieß
selbst nur in der mir durch Middendorffs reger Achtsamkeit in Berlin zugekommenen Abschrift
so will ich doch gleich hier meine klare bestimmte Erklärung an Dich und besonders auch ihn abge-
ben, ganz mit denselben Worten wie solches heute Morgens von mir an seine Eltern und Ge-
schwister geschehen ist, damit, wenn er sonst die Bedingungen in sich dazu fühlt, auch er in frohen
heiteren Gemüthe dieses Fest als auch ihm ein neues Lebensfest mit Euch feyern könne. /
[1R]
Diese Erklärung ist nun, als reines und nothwendiges Ergebniß aus dem Ganzen Folgende.
Erstlich wünsche ich wie bey jedem Menschen und besonders strebenden Jünglinge, nicht nur dessen
möglichst allseitige, sondern auch - in dem Maaße als dieß überhaupt nach dem großen allge-
meinen und ganz durchgreifenden Entwicklungsgesetze, worinn Beschränkung ein ganz wesent-
liches Glied ist, dem sich bis jetzt auch die größten der Sterblichen und um so mehr fügten, als
sie nicht allein wahrhaft groß, sondern auch wahrhaft gut waren – dessen freythätige
Entwickelung und Ausbildung.
Zweytens von meiner Seite wird ihm willkührlich nicht nur kein Hemmniß dazu in den
Weg gelegt werden – (: was ich meiner Stellung und meiner Pflicht nach als Glied des hohen
Lebganzen aus erkannter und Selbstthätigkeit ausgeführter Nothwendigkeit, und somit zwar
wohl mit innerer Freyheit und Selbstbestimmung thun muß, werde ich ebenso wenig mir zur
Last legen, als es mich stöhren wird wenn Ferdinand es mir zur Last legen sollte :) - sondern
Drittens werde ich nach meiner besten Einsicht und auch mir dafür wirklich zu Gebote stehenden
Mitteln selbst als sein väterlicher Oheim dafür wirken.
Viertens bleibt es dem Ferdinand nun sonach gänzlich überlassen a) ob er als Mitlehrer an
der Willisauer Erziehungsanstalt bleiben oder b) lieber nach Keilhau als mitwirkendes
Glied zurück kehren oder c) sich irgend eine andere Wirksamkeit ganz abgesehen von
meinen Unternehmungen zu verschaffen suchen will.
Fünftens. In sofern ich nun besonders auch nach Middendorffs Ansicht annehme, daß es ihm dem Ferdi-
nand das für sich Zusagendste und Angemessenste erscheinen würde wenigstens zunächst
noch einige Zeit als Mitlehrer in d. Willisauer Erziehungsanstalt zu wirken, so müßten
dann zwischen ihm und mir dieselben Bedingungen eintreten, welche selbst gewissermaßen
zwischen mir und der Anstalt selbst statt finden. Also a) würde ihm ein dem gesammten
Stande nach ein angemessener Jahrgehalt bestimmt und festgesetzt werden, und dieß lieber
um etwas kleiner damit es ihm nur immer um so sicherer und bestimmter ausgezahlt werden
könne – b. Würde sein Austritt aus der Anstalt immer nur nach Ablauf der Erziehungs-
und Lehrhalbjahre also zu Ostern und Michaelis statt finden können und c) dieß nur nach
vorhergegangener Vierteljähriger gegenseitiger Anzeige.
Sechstens Versteht es sich von selbst was ich eben nur bey dem letzteren Punkte aussprach, daß
alle diese Bedingungen gegenseitig sind sofern sie es ihrem Wesen nach sein können und müssen.
So hoffe ich kommt Klarheit und Bestimmtheit in das ganze Verhältnis[e] was dem Ganzen zu
seinem so kräftigen als fröhlichen Gedeihen so nothwendig ist. – /
[2]
Was nun Ferdinands bisherige und fast anderthalbjährige wohl treuer und thätiger Wirksam-
keit in Wartensee, und die ihm dafür wohl nach gar mancher Ansicht zukommende pecuniäre
oder wenigstens materielle Vergütigung betrif[f]t, so liegen die Verhältnisse so offen vor ihm
und Euch als mir, doch will ich mich, um ganz allseitiger Klarheit darüber willen, auch hier
noch bestimmt aussprechen. Wie ich mich im Dienste eines höheren und höchsten geistigen Ganzen
und Lebens fühle und erkenne, so fühle und erkenne ich auch daß Vieles und Alles was mir,
für dieses geistige Ganze und Leben geschiehet, von diesem aus auch ebenso durch Geist und Leben
den äußerlich und scheinbar nur mir Gebenden, wieder gegeben wird. Weil nun aber dieses
Wiedergeben durch Geist und Leben, vom geistigen und Lebens Ganzen aus, von nur sehr Wenigen
gesehen und erkannt und von noch Wenigeren anerkannt wird, darum hat so viele Klage
über mich und besonders auch meine Undankbarkeit Grund; ich aber darf und kann
und soll mich des Gutes was mir selbst durch höhere und höchste Hand gereicht wird nicht
achtungslos entäußern. Darum meyne ich nun ganz einfach in Beziehung auf
Ferdinand[s] thätiges Arbeiten in Wartensee, daß zwar ich jetzt nicht sehe wie ich es ihm
pecuniär oder materiell vergütigen kann, daß ich aber in mir die Überzeugung trage, die
Vorsehung habe ihn durch einen Reichthum von höheren Erfahrungs- Geistes- und Lebensgütern
dafür gelohnt, daß selbst das reichste was ich dafür bezahlen könnte ein unbedeuten-
des Nichts sey. - Sollte er übrigens zurück kehren wollen, so würde ich ihm dieß durch eine Reise durch die Schweiz [empfehlen].
Und somit glaube ich denn ganz klar und fest in mir daß Ferdinands Verhältniß zu
mir und meinen Unternehmungen ein eben so reines und klares als bestimmtes und festes
sey. Kannst Du mir nun dagegen Barop! noch Ferdinands bestimmte Entscheidung schreiben, wird es mich freuen.
Fragst Du oder er vielleicht warum dieß alles hier in einem Brief an Dich Barop stehe
und ich es ihm nicht selbst ausspreche, so ist der Grund davon, daß es sich mir, weil ich kurz
vorher mich seinem Vater und den Seinigen darüber mitgetheilt hatte, so gewaltig in die
Feder drängte, daß ich es nicht zurück drängen konnte; auch gehört ja diese Mittheilung so
in das Ganze; und so mag den[n] Ferdinand, den ich außerdem noch so freundlich als herzlich
Grüße dieß als eine einstweilen genügende Beantwortung auf seinen Brief von mir hinnehmen.
Nun zurück zu den Reiseangelegenheiten der hiesigen.
Zur Abreise für mich, meine Frau und Ludowika sind nach den vorliegenden Umständen jetzt die
nächsten Tage nach Ostern, also der 9e oder 10e April bestimmt; da wir nun wohl 10 bis 11 Tage
werden reisen müssen, so wird also unsere Ankunft dort vielleicht gegen den 21en statt finden.
Der Monat würde sich also sonach mehrseitig als der Monat des prüfenden Wechsels mir bewähren
und ich würde so vielleicht an einem und ebendemselben Tage mehrseitig in den Beginn eines neuen
Jahres eintreten. Die Entscheidung wegen Louise Hermann ist noch nicht eingegangen, doch
scheint die jetzige Gesamtstellung der Umstände für deren Mitkommen zu sprechen. -
Carl Clemens, wird bestimmt in Willisau auf die Dauer von 2 Jahren als Zögling für das
hiesige Erziehungsgeld von 100 Rth prCt cca 250 Schweizerfrk eintreten. Vielleicht kommt er
gleich mit mir. Wegen Titus Mitkommen werde ich noch das Bestimmte aussprechen. Wegen
Albert, welcher erst in einigen Tagen nach Hause reiset, ist die Überkunft nach Willisau noch sehr zweifelhaft.
Daß die Reisegelder für das Ganze wenn auch natürlicher Weise nur Vorschuß-
weise von hier aus getragen werden müssen, ist uns eine schwer zu lösende
Aufgabe indem nur das Fuhrlohn allein Rth 80 - 100 betragen wird; denke!
der Weg über Stuttgart wird höher angeschlagen als der über Frankfurt und
Basel, obgleich der letztere viel weiter ist, warum? - weil dorthin der Weg
unebener. Ich denke gleich nach Willisau zu fahren, was ich am billigsten
halte; werde Dich jedoch klar vorher von allem unterrichten damit alles
vorbereitet sey. Ich halte es auch für das Beste sogleich im Schlosse abzusteigen, man
findet sich doch gleich im eigenen Hause selbst bey einiger Unbequemlichkeit besser als bei Bequemlichkeit in
einem fremden wo man schon im nächsten Tage wieder umziehen
muß. - Was Du sonst andeutest wird nach Möglichkeit besorgt werden. - Mit dem Abdrucke /
[2R]
der Anzeige selbst in dem Rudolst. Wochenbl. halten wir am gerathensten so lang zu warten
als auch das letzte Dokument als Schlussstein, und zunächst sogleich wieder erster Bau-
und Eckstein des Ganzen als äußerer Aufbau hier eingetroffen seyn wird.
Nun noch etwas was ich schon von Berlin aus Dir aussprechen wollte.
Dieser Briefkopf ist nicht ohne wesentlichen Grund. Er soll Euch zur Wahl und mich dünkt
auch zur Nachahmung zeigen, wie die Gebäude der Willisauer Erziehungsanstalt über
die zu lithographirende Anzeige aufzufassen und auszuführen seyen; dieß das erste.
Schön und gut würde es seyn wenn sogleich ein Paar spielende Zöglinge in spe im Mittel-
grunde oder sonst angebracht würden. – Sollte es die zusammengedrängte Anzeige
erlauben, daß dann die Gebäude der Keilhau in seiner Ansicht vom Dissau aus, nach
mehreren Zeichnungen von Ferdinand, Wilhelm und Unger (welche Ihr in Wartensee be-
sitzt) - am Schluß und so gleichsam zum Grundstein, als Grundstein, in einer Zeichnung
in der Anzeige mit aufgenommen werden könnte, so dünkt mich würde dieß
nicht nur schön, sondern sogar zweckmäßig seyn. Überall bringt man jetzt Begriff
Wort, mit Bild und Gestalt in Einigung und mich dünkt zum wesentlichen Wohle
beyder. Dieß das eine.
Das zweyte mir nicht minder wichtige ist: - sogleich bey meiner Ankunft in Willis-
au eine Quantität Briefbogen mit lithographirten Briefköpfen vorzufinden
um unmittelbar sogleich davon bey allen meinen Briefen aus Willisau davon da-
von [2x] Gebrauch zu machen. Um des Wechsels willen wenn z.B. mehrere Briefe
an einen Ort hin giengen würde es sehr zweckmäßig seyn einigen Wechsel der
Briefköpfe zu haben darum lege ich einen Brief an Ludowika hier bey, worinn
die Ansicht von Meisen sehr schön als Briefkopf benutzt ist. Dieser Brief muß
aber wohl verwahrt werden. – Der Briefkopf dieses Briefes könnte jedoch wenn
es nöthig wäre abgeschnitten werden.
Nun für heut genug. Benutzt diese Andeutungen recht schön. Ein solcher Briefbogen
wie dieser hier, illuminirt kostet in Berlin 1 ½ Sgr.
Mehrere Briefe sind eingegangen von Schwartz; dünkt mich nicht schwarz nicht weiß
von Elias – fährt, wie Elisa [sc: Elias] mit feurigem Wagen gen Himmel sucht Roß u Mann zu
Vorspann von Keilhau u der Schweiz von Fröbel u Barop, denke: laßt fahren dahin
laßt fahren!
Beyliegendes Blättchen aus einem Brief von Kaufmann Koch in Jena aus einem
an Langethal kann vielleicht bey Gebrüder Wechsler gelegentlich ein Fidibus wer-
den.
Wir sind alle wohl lebt auch Ihr alle dort wohl, Grüße an Alle, hier sind
sehr wichtige Entwickelungen im Werke, davon möglichst bald doch jetzt [ist] die Zeit
dazu zu kurz. –
    Gott sey mit Euch und uns.
FriedrichFröbel
Louise Hermann wird nemlich nicht als
Pflegetochter sondern als Gehülfin der
Frau mitkommen.