Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Wartensee v. <1.>.4.1833 ( Keilhau)


F. an Johannes Arnold Barop in Wartensee v. <1.>.4.1833 ( Keilhau)
(KN 45,1, tw. datiertes Brieforiginal 1 B 8° 4 S.. KN-Katalog dat. 1.4.)

Keilhau am [Lücke] en Tage im Monat des prüfenden
Wechsel (: April :) 1833


Gott zum Gruß
Allem zuvor!

Obgleich jedes männliche, treu ausdauernde Handeln für den
der es übt den Lohn in sich selbst trägt und es keines besondern
von einem Einzelnen ausgesprochenen Dankes dafür weiter be-
darf, so will ich Dir, Barop! doch zum Dank für Dein so treu thätiges, als ruhig
ausdauerndes Handeln, mit ein paar Worten das Ganze andeu-
ten, wie es wenn auch nur noch der äußern Erscheinung nach jetzt
entwickelt vor mir liegt, jetzt, da die Entwickelung der Willis-
auer Verhältniße wirklich zu einem klaren Abschluß- einen neuen
Entwickelungs- einen frischen Knospenpunkt gekommen sind.
Durch diesen Punkt hat das Ganze, es im Bilde der Bewegungskunst
angeschauet eine feste dreykantige sichere Unterlage (Hypo[-]
moglion) [Zeichnung eines Dreiecks] aber auch einen geraden festen nun länge-
ren Hebel [Zeichnung einer Linie in Balance auf
  Dreieck] erhalten, wodurch an und für sich
die Last je näher man sie nur der Mitte, der Unterlage, oder
die Unterlage ihr näher bringt, um so mehr verringert wird.
Dieß mag nun auch wohl schon vor Deinem Blick klar liegen; doch
was Deinem Blicke wohl ferner liegt, da es mehr als der Gesammtheit
meines Lebens und Wirkens während meines jetzigen hiesigen
Aufenthaltes hervorgeht, wovon Dir, wie überhaupt auch in manchen
Beziehungen selbst hier nur wenig mitgetheilt werden konnte,
- dieß ist: daß, so wie die zu bewegende Last an in sich größerer
Abgeschlossenheit und so äußerer größerer Abrundung und mehr
Gleichseitigkeit gewonnen hat, so hat auch dagegen das beweg-
ende Moment, die Kraft in sich mehr Intensität gewonnen
wie zum B. die zerstreueten Sonnenstrahlen durch ihre Einigung in
einem Focus (Brenn- Licht- und Wärmepunkt). - Was ich Dir
hier sage, wirst Du aus der Abschrift zweyer Briefe Frankenbergs
und aus der des Briefes von Dr. Borberg (: Verfasser des Dir längst
mitgetheilten Anstellungsgesuches im Allgem: Anzeiger :) Dir deuten
können, welche unser Middendorff, von ihrer jetzigen Wichtigkeit
für Dich überzeugt, für Dich besorgt hat. – Hierher gehörten eigentlich
auch noch die Briefe von Luise Hermann und ihrer mütterlichen
Freundin, der Madame Amberg in Teplitz in Böhmen; doch da sich
dieses mehr auf das innere häusliche Leben beziehet, so mag ihre
Mittheilung immer [sc.: unter]bleiben bis Gott uns wieder persönlich zusam-
men bringt. Ich enthalte mich jetzt jedes Commentars zu diesen
Briefen mich dünkt Dein Gemüth u Geist, Dein Leben und Deine Erfahrungen
so wie das gesammte Leben werden sie schon hinlänglich commentiren.
Aber noch eins ist es was ich Dir als Dankes Ausdruck mitzu-
theilen habe. Eine Größe, zugleich als einzige Größe dieser Art
giebt bekanntlich keine Vergleichung. Zwey gleichartige Größen /
[1R]
Größen [2x] sind dazu nöthig; sind sie aber da, so tritt sogleich auch eine
zweyfache Vergleichung ein eine äußere (unorganische) materielle
(: arrithmetische :) oder eine innere (organische) geistige (: geome-
trische. Es hängt von der Ein- und Durchsicht ab welche von beyden
Vergleichungen angewandt werden soll. – Doch dieß ist noch nicht
genug: - mit jeder Proportion, sey sie nun arrithmetisch oder
geometrisch ist aber auch, sobald das zweyte Glied zugleich
als drittes Glied gesetzt wird, ein stetiges Verhältniß ge-
geben nemlich a – b = b – c oder a:b = b:c. Wir haben aber jetzt
zwey Glieder einer Lebens Proportion Keilhau zu Willisau
also auch gewiß eine organische innere. Setzest Du nun
diese Proportion in sich, dem innersten Wesen nach, nur so
wie sie äußerlich da stehet Keil hau = Keil = eil = Kraft
und Willis au = Will = is = Willen, so bekommst Du
gleich das geometrische Verhältniß, wenn Du ein stetiges
setzest
Kraft : Willen = Willen : ?
Nach der Lehre der Proportion, Verhältnisse dünkt mich das
4e Glied nun leicht gefunden es ist = Freyheit. Wo aller
ächte Freyheit ist, d.h. innere Freyheit da ist Friede pp.
also ist die Proportion vollständig
     Kraft : Willen = Willen : Freiheit.
Keilhau : Willisau = Willisau : Friedensau.
Mich dünkt es wäre nun so zum Denken und Leben und somit
zum Thun, also auch als Dank, wie ich solchen nehme u verstehe
und ihn eigentlich jeder Mensch u Mann nur nehmen und verstehen
kann, genug gesagt.
Du siehest nun ferner aus dieser Darstellung daß Willisau
als Ein Wort und Ein Name eine Verdoppelung oder ein Zwey-
faches, in sich greift. Dieß zur Andeutung ferner für Dich um denen
die Ansicht und Bedeutung Willisaus recht zu deuten, welche
meinen, Willisau sey nur eine Privaterziehungsanstalt, und
überdieß nur Eine Privaterziehungsanstalt und endlich nur
einzig eine Willisauer erziehungsanstalt, das h. nur für Willis-
au, vielleicht gar nur für den Verein. Barop halte Du fest
die Willisauererziehungsanstalt ist nur die translocirte Warten-
seer Erziehungsanstalt, damit auch die Jugend Willisaus und
ganz namentlich die Kinder der Vereins[mit]glieder sich einer
solchen Erziehung eines solchen Unterrichtes erfreuen als bis jetzt
schon in Wartensee angestrebt und in kleinen Pröbchen gegeben
wurde. Willisau soll ganz vor allem eine Erziehungs-
anstalt für Erzieher werden, ob auch für Schweizer oder
für Deutsche wird von beyden abhängen, wenn nur zu-
nächst für Menschenerzieher. Es wird von dem Vereine ab-
hängen ob er die Mehrzahl der mit mir kommenden als Erzieher oder
als Zöglinge, als Lehrer oder als Schüler pp betrachten will, als Jünger
oder als Meister. Zur Last sollen sie ihm nicht fallen, selbst wenn
der Nutzen den er davon ziehen könnte ihm als Last erscheinen sollte. /
[2]
Wohl habe ich und wir, oder die Anstalt vor allem zuerst, den Er-
wartungen und Forderungen des Vereines zu genügen, in so weit
sie in der Idee selbst begründet sind, dann aber auch die Forderungen
und Erwartungen Willisaus und der Umgegend selbst; weiter
die des Kantons, weiter der Erziehungsbehörde; weiter
der Regierung; weiter der ganzen Schweiz in gewisser Beziehung
weiter Deutschland, oder in eines, die des Landes deutscher Zunge
endlich und zuletzt einer unsichtbaren geistigen, wenn auch
in der größten Mehrheit ihrer Glieder sich selbst noch unbe-
wußten Geistigen Einheit (wozu wieder, wie Du ganz recht
bemerktest die Glieder des Vereines selbst gehören). In diesen
Gesammtforderungen, freylich in einer Einheit zusammentreffend u
daraus hervorgehend hat mein Handeln in Beziehung auf die
Wahl und Zahl meiner Gehülfen und Glieder des Ganzen seinen
Grund. Ich theile Dir dieß zur weiteren Verwendung mit z.B.
gleich bey ökonomischen Verhandlungen. Der Verein hat mir durch
Dich, Du hast es mir selbst ausgesprochen und andere z.B. in Lu-
zern haben es mir durch Dich aussprechen lassen daß der
Verein materialiter eigentlich nicht stark genug ist um mich
oder vielmehr ein Werk wie das meine zu tragen zu halten
das weiß ich recht gut, habe es lange gewußt und habe es nie
erwartet und verlangt daß der Verein materialiter mich
und uns halten soll, des Vereines elterliche oder väterliche
Pflichten aber fordern von ihm, daß er mir, uns möglich mache
daß wir uns durch die uns von Gott gezeigten Wege, von
Gott gegebenen Geistigen Mittel, durch sie materielle
Mittel schaffend, selbst halten und tragen können; dieß
und nur dieß ist des Vereines Vater- Eltern- Gemeinde-
glied- Kantons- und Schweizerbürger Pflicht; diese Pflicht
muß er, muß er treu gegen mich und uns erfüllen, so
wird ihm die Erhaltung und Tragung unserer und der
ganzen Anstalt nie zu schwer, nie eine nicht zu bewegende
ja nur drückende Last werden, Gott, der Geist Gottes
wie er sich in Religion Christenthum u Menschheit ausspricht
wird uns und das Ganze durch sie tragen und erhalten,
sie müssen sich nur würdig betragen, daß sie Ausführer
des Höchsten und Besten sind. Nun aber des Allgemeinen genug.
Den Titus nehme ich aus vorstehenden Gründen sehr gern
sogleich mit mir wenn er nur hier entbehrt werden könnte
ehe Du kommst; er ist jetzt nächst Langethal im Kreise der Haupt-
halt des Musikalischen. Karl Clemens wird aber wohl
gewiß mitkommen. Wenn es durch die Individuen möglich
wird, so werden Borberg, Frankenberg und Karl gemein-
sam zu Fuß mir auf dem Fuße folgen d.h. erst nach meiner
Ankunft in Willisau dort eintreffen. -
Was nun meine Reise betrifft so kann sie vor den 15en April schlechterdings
nicht statt finden; Du bestimmtest ja in vorigen Briefen selbst daß ich
über Stutgardt gehen möchte. Jetzt werde ich bestimmt über Ulm gehen. /
[2R]
Das Besuchen von Frankfurt a/m. halte ich jetzt gar nicht für zweck-
mäßig. Erwarte wenigstens jetzt nichts von und durch Frankfurt
Sch.[wartz] dünkt mich mehr als lau, denn in ein paar gleichgültigen
Zeilen auf einer Seite eines 8[Oktav]Blattes <in dem> Brief an mich, meint
er Deine anregenden Briefe beantwortet zu haben; es scheint
mir er sucht sich immer mehr No sicher zu stellen, Beneiden
wir seine gezogene No (Loos) und seine Sicherheit nicht, aber
Barop! laß es uns für uns ein NB seyn auch sicher für und in
uns zu seyn Barop! Von außen, wie es auch immer heiße
kommt nun einmal unser Heil nicht, selbst nicht von dem
Bewußtseyn soweit es nur auf und in dem Äußeren und in der Viel-
heit ruhet d.h. dem Verstande.
In Meuselbach war ich noch nicht. – Ferdinands Sachen werden
besorgt werden. - Den beyliegenden Brief an den Verein in
Willisau kannst Du in einen Umschlag einschlagen, siegeln und
überschreiben, wenn Du ihn anders den dort bestehenden
Verhältnissen angemessen findest. Sollte er Ansichten
enthalten welche Du dem Verein wenigstens jetzt auszuspre-
chen für unstatthaft hältst nun so behalte den Brief ganz zurück
und gleiche alles mündlich aus. Middendorffen und meiner Frau (Lange-
thal ist in Waimar u Erfurth) – sagte der Brief zu. Doch Du
stehest im Leben. HErrn Statthalter Ed. Pfyffer, Abbe Girard, Präsident
Schwytzer versichere u bezeuge meine hohe Achtung. – Du weißt doch
daß kein Deutscher, welcher im Lande des Deutschen Bundes angestellt seyn
will in Zürich studiren darf – so geht die Sage. – Also festhalten des
reinsten innersten Lebens.
Deine Gattin wollte Dich da es ihr, ihr Beruf heut nicht erlaubt durch
Middendorff grüßen lassen u dieser trägt es mir auf. Dein
Sohn ist bis auf ein vorübergehendes Kinderleiden ganz wohl.
Es ist ein kleiner Bär, er zehrt seine Mutter fast auf.
Mich dünkt es ist ihr auf das ernsteste zu rathen, daß sie
den Jungen an außer mütterliche Nahrung endlich gewöhnt,
freylich schreit derselbe weil Mutterbrust und Muttermilch
gar zu gut schmeckt, und was nicht von daher kommt mag
er nicht; aber leider muß der Mensch früh mit einem gewissen Zwang
zu seinem Besten geführt werden; wie müßte er thun wenn er z.B.
in meiner Lage [als Säugling] wäre wo er gänzlich der Mutter entbehrte, also
ist es ja besser die kräftige außermütterliche Nahrung zu genießen
dabey sich noch der seegnende[n] Nähe der Mutter zu erfreuen
überdieß hat ja auch eine Mutter die Bestimmung Mutter mehrerer
zu werden. – Verzeihe mir, daß ich mich in eine Sache mische die
mir eigentlich außer meinem Kreise liegt; allein ich kann nun ein-
mal nichts dafür daß immer ganze große Lebens<reifen> sich vor
mir entfalten und ich meyne ein väterlicher Rath u Ermuthigung
von Deiner Seite könnte vielleicht wohlthätig für Mutter
und Kind seyn, denn durch Trennung kommen wir ja immer zum Höchsten
und Beste[n]. Ich weiß daß ich Dir in Beziehung auf Willisau noch so viel
zu schreiben habe und kann doch nichts zusammen bringen. Doch noch Eins: Macht /
[Rand:] daß ich ein Verzeichniß aller Schüler nach Alter, Bildungsgrad (z.B. Lesen,
Schreiben, Erdkunde) und muthmaßliche oder feste Bestimmung finde damit ich /
[2V]
[Rand:] gleich an das Ordnen gehen kann. Ich habe nichts dagegen wenn wir
uns auch anfangs etwas behelfen müssen da ich wünsche /
[2V]
[Rand:] daß für die Schule alles auf das Zweckmäßigste besorgt werde, wenn
es nur dann bald herzustellen ist. -
[Unterschrift fehlt]