Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 25.4.1833 (Ulm)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 25.4.1833 (Ulm)
(KN 45,6, Brieforiginal 1 B 4° 3 S., zit. Halfter 1931, 676; zit. Kuntze 1952, 81. Der Brief endet mit einer Nachschrift von Henriette Wilhelmine Fröbel an die Adressatengruppe. - Der Brief ist in Briefliste irrig zweimal erfaßt: einmal als Nr. 576 ohne Archivangabe, lediglich mit Bezug auf das Zitat bei Kuntze, zum anderen als "Nachtrag 1833, Nr. 12" mit Bezug auf das Brieforiginal in KN, beide Einträge als Brief an Heinrich Langethal (so auch KN-Katalog und Heiland 1982, Nr. 254). Es handelt sich aber um nur einen Brief, der zwar an Langethal adressiert ist, aber vollinhaltlich an alle Keilhauer gerichtet ist.)

[Im Briefkopf: Lithographie mit Ansicht Ulms und Bildunterschrift "Ulm den",
die von F. in die Adressierung integriert wird]

Ulm den 25sten April 1833.


Gott zum Gruß.

Gestern Donnerstags am 24n Abends sind wir so gesund und wohl als es unter den obwal-
tenden Umständen besonders unter den Körperzustand unserer lieben Mutter möglich
war hier angekommen. Innig danken wir Gott dafür. Weil jedoch durch der [sc.: den] so viel-
seitig angegriffene[n] Gesundheits- und Gemüthszustand der Mutter einer Ruhe be-
durfte so haben wir heut hier, wie jedoch auch schon in Keilhau bestimmt war einen
Rasttag gehalten. Morgen werden wir so Gott will frühe unsere Reise
fortsetzen.- Dienstag Abend oder Mittwoch Mittag hoffe ich in Willis[-]
au zu seyn. Wie viel hätte ich Euch zu sagen, doch ich selbst bin von den Reise[-]
unannehmlichkeiten etwas angegriffen und ich sehne mich nach Beendigung der Reise[.]
Heut Vormittag besahen wir den hiesigen herrlichen Dom; selbst in dem oben stehenden
kleinen Bilde zeigt er sich in seiner kolossalen Größe, und sein Inneres entspricht
in seiner Bauart ganz dem äußern; allein er ist wie alles großartigen Münster
seiner Art, und man könnte vielleicht sagen wie alles Große unvollendet, das
überblickende Haupt, die schließende Einheit fehlt. Ein trauriges Bild, wer mag
ihm gern so lehrend es auch ist nachhangen, wenigsten ich jetzt nicht. Es weckt Ge-
danken in meiner Seele welche die tiefsten Wunden meines Gemüthes öffnen
darum stille davon.
Warum scheidert [sc.: scheitert] das Große so leicht am Kleinen!- Darum ein Wörtchen der Be-
achtung. Laßt ein Lied welches wegen seiner Melodie so oft und gern im Kreise gesungen
wurde nicht mehr so oft hören, man möchte es Euch übel deuten und ich wünschte alles /
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von Euch zu entfernen, was Euere frisch gewinnende Entfaltung stöhren könnte.
Solltet Ihr in den Zeitungen die Worte lesen welche Eduard Pf. an der Tagessatzung
bey Gelegenheit der Berathung über die Petition der in der Schweiz eingewarten Pohlen [sc.: eingewanderten Polen]
aussprach, so beherziget sie. Was dort vom Staat und Staaten und Völkern gesagt
worden ach, gie gilt nur noch näher und schmerzlicher von Familien.-
Nichts kann uns alle, als Ganzes und jeden Einzelnen retten und vor größeren
Lebensschmerzen bewahren als die innigste und größte Herzens- und Lebens-
Gemüths- und Geisteseinigung. Gott! warum mag sie nur im Äußern und
in der Erscheinung so schwierig zu erreichen seyn, da sie doch jeder Einzelne
so sehr ersehnt und anstrebt. Ich kenne wohl ein Mittel, es zu erreichen ich
kenne deren wohl zwey: es heißt Einsicht; es heißt n Nachgehen dem reinen menschlichen
dem Kindesgemüthe; aber auch dieses Nachgehen erfordert entweder wieder Einsicht
oder wieder ein Kindesgemüth und so bleibt am Ende doch nur das Eine
Wissen und Glauben, geeint im Schauen, unmittelbar oder mittelbar. Erringt
und bewahrt jene innige Gemüths- und Lebenseinigung Euern Kindern u[n]d Nachkommen
es ist der höchste Schatz welchen Ihr Ihnen geben und hinterlassen könnt und ohne
diesen Besitz sehe ich nicht wie es möglich ist den hohen Lebenspreis zu erringen,
welchen wir doch alle so sehr ersehnen.- Ich weiß wohl es wäre besser ich schwiege[.]
Nun wenn ich den Schweizerboden betreten habe, werde ich s wohl, so fühle ich es
für immer schweigen.-
Mit Nun noch ein Paar Notizzen. In Nürnberg sahe ich n Niemand, weder <Kalb> noch <Lange>
denn es war Sonntag.- Mit sächsis. Gelde und auch wohl mit preußis. reiset
man wohl bis Dillingen, dann gilt es aber nicht recht mehr. Hier in Ulm
nimmt es jedoch der Wirth auch noch. Am besten thut man daher immer wenn man
24 u 12 Xr in Nürnberg nimmt und für die Schweiz nach Bedürfniß einige Neue, oder Brabanter
Thaler auch Kronenthlr genannt.-
Wir alle gedenken Euer aller im Ganzen und Einzelnen stets und hoffen
das Gleiche von Euch. Die Mutter lebt fast nur bey u mit Euch. Ihr Herz ist so
bey Euch Ihr lieben Söhne u Töchter, wie es vielleicht nur wenige unter Euch
ganz fühlen, o! möchtet Ihr es empfinden.
In Bamberg fanden wir durch der Fr: v. Arnim freundschaftl[.] Güte einen /
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Wagen welcher uns zu großer Zufriedenheit hierher brachte. Die liebe
Mathilde kann einstweilen einige Worte in ihrem Briefe an dieselbe zu[m]
Vorläufer unseres großen Dankes machen.
Nun seyd alle, alle Gott innig befohlen ich muß abbrechen, damit ich heut nicht
wieder wie gestern zu späte zur Post komme.
Wir haben gestern Nachmittags zu meiner Verwunderu[n]g viele wunderschöne
Gentianen blühend gefunden woraus mir die G Kränzewinderin Ludowika gestern
einen Geburtstagskranz mit den schönsten Maasliebchen und Himmelsschlüsseln die
unseren Weg umblüheten, wandt.
Lebet wohl, Lebet wohl, in Liebe, Treue u[n]d Dank Euer

FrFröbel

Euch allen Geliebte den innigsten Gruß der Seele, die fast nur bei Euch
ist - Heut schrieb ich an meine liebe Mutter - daher muß ich mir
versagen Euch mehr auszusprechen - als was Ihr schon von mir wisset -
Daß ich wo ich auch bin - nie aufhöre zu seyn Eure sorgende liebende
und treue mütterliche und schwesterliche Freundin
H. W[.] Fröbel
geliebte Hedwig Mathilde Ernestine Christian
Wilhelm - ach alle alle umarme ich Euch!-
Die Strümpfe hat Christian doch durch Salomon erhalten?- /
[2R]
[Adressierung:]
Herrn Heinrich Langethal
      in
Keilhau
bey Rudolstadt
in Thüringen
      Fürstenthum Schwarzburg Rudolstadt