Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 5.5.1833 ( Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 5.5.1833 ( Willisau)
(KN 45,9, Brieforiginal 1 B 4°3 S. Im Briefkopf Lithographie der Willisauer Erziehungsanstalt)

In der WILLISAUER ERZIEHUNGSANSTALT am 5en Tage
im Monat des blühenden Lebens 1833.·.


Gott zum Gruß.

Heut sind es 28 Jahre als ich in einem der schönsten Landschaftsgärten, zu Krumbeck in der Ucker-
mark, zum erstenmale den großen allgemein umfassenden Erziehungsgedanken dachte, wel-
chen ich Euch schon so oft und zu letzt wiederkehrend von Wartensee aus, ausgesprochen habe.
Ich erlaube mir Euch dieß gleich Eingangs dieses Briefes anzudeuten, damit Ihr Euch sagen könnet
welche Gedanken und Empfindungen heut in mir leben mögen, denn welches Leben habe ich
in diesen 28 Jahren durch- und verlebt! Welches Leben ist an mir während dieser Zeit vorü-
bergegangen! – Wie so sehr verschieden stehen die beyden Endpunkte dieses Zeitraumes einander
gegenüber! – Ich dort, wie man zu sagen pflegt, recht seelenallein mit mir selbst auf der Erde
Nichts habend als mein eigen Gemüthe, mein eigenes Denken, nur meine eigenen Gedanken und Em-
pfindungen. Und wie so wahr hat sich mir dieses alles bestätiget, so wahr wie das Leben einer
aufbrechenden Blumenknospe, Blüthenknospe welche stumm ausspricht: – ich trage in verjüngter
verschönter und so klarer als wahrer Gestalt vollständig das ganze Gewächs in mir, welches mir
Daseyn, Leben und Blüthe gab und nicht allein dieß sondern auch Alles andere durch welches diesem
Gewächse möglich wurde mir dieses alles zu geben, und welches es zur Reife und zur stetig stei-
gernden, immer vollkommeneren Entwicklung, zur Vollendung, dem Ziele alles Erscheinenden
bringen wird: - Licht und Wärme und die einige Quelle des in sich einigen. – So damals,
und jetzt und heute? – Hier und heute sah und fand ich mich umgeben von einer Schaar einfacher
froher Kinder- und Jugendgemüther, in welchen, wenn auch noch tiefer und unbewußter als /
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dortmals in mir, doch eines und ebendasselbe im Keimen und im Streben, nach Entwicke-
lung zur Vollendung lebt. – Wir: Gnüge, Ferdinand, Languth und ich haben namentlich heute Nach-
mittags mit dem größeren Theil unserer Zöglinge, an welche sich immer auch oft
sehr viele andere Knaben und Mädchen aus der Stadt als Geistes- und Lebensgenossen
unseres Kreises anschließen, einen Spatziergang nach einer sehr schönen wenn auch
einfacheren Burg als der Greifenstein nach {der Burg dem Schlosse Castelen gemacht. Der Weg
dahin steigt nicht erst gleich einer steinigen Anhöhe hinan, sondern ist vom Städtchen aus
eine breite eben hinlaufende Straße, dann geht er weiter durch grüne Wiesen mit
vielen strömenden Leitungen klaren Wassers zum Wässern durchschnitten, und steigt
dann indem er das eigentliche wohnliche neuere Schloß Castelen berührt hat in verschiedenen
Richtungen entweder über Rasen oder durch einen Wald schlanker Buchen steil zur Burg
hinan, von welcher jedoch nichts mehr zu sehen ist als das Mauerwerk eines wohl 4 Stockwerk
hohen viereckigen Thurmes, in seinen Umfassungsmauern noch ziemlich erhalten und ein
noch ziemlich tiefer Thurm. Während des Weges wurden Käfer gesucht, mit freundlichen
Liedchen begrüßt: Käfferly, Käfferly, flig hoch uff, flieg auf den St: Catharinen Berg
hinuff pp pp auch wohl welche für die Sammlung behalten die HE Langgut hoch prieß; auch
Blumen gepflückt und verschenkt “Fleischblumen, aber noch nicht die ächten” – (Nelken-
wurz) u.s.w. Aus einem Garten, dessen nette Vertheilung uns zum Stehenbleiben einlud
rief eine Stimme: “wönnt ihr a paar Maye?” – und eine andere Stimme aus dem
Fenster sagte bald: “müsset er (ihrer) mehr näh.” Jenes schien nemlich die Magd und
dieß die Hausfrau zu seyn; so wurden wir mit hochrothen Primeln beschenkt.
Eine der klaren Wasserleitungen führte uns durch das Gehöft einer Mühle; die Gesell-
schaft war ziemlich voraus weil die kleinen Mädchen immer etwas zu schauen und zu
pflücken hatten; jene fand ich im Hofe im dichten Kranz um eine freundliche Frau
die wieder Blumen ausgetheilt hatte, es schien die Müllerin zu seyn. Dießmal waren
es Flurblumen (Aurikeln). HE Langguth empfing aus der Hand einer unserer jungen Gäste
eine dunkelveilchenblaue und ich eine der schönen goldig gelben. Auch die Burg und der Berg
selbst wollte nicht zurückbleiben und er reichte uns in dem eben in jungem frischem Grün
hervorbrechenden Buchen die lieblichsten und zugleich die großartigsten Laubkränze; und
ganz unwillkührlich versammelte uns eine schöne, junge, gesunde Linde die in ihren
wie ein <-> klares Auge sich öffnenden Blätterknospen Thränen der Freude oder der
Sehnsucht oder Wehmuth thauete. Ich habe schon so oft und viele Bäume beobachtet
und noch nie habe ich diese Erscheinung bemerkt, sie war mir sehr auffallend.
Es war als wollte die ganze Linde in seinen Knospen wie ein zartes Gemüthe in
Wort, Laut und Hauch zerfließen und sich wieder in perlendem Thau sammeln. Und
die Sonne? – Ja! die goldene Sonne suchte durch die sich schon verdichtenden Gipfel
der grünenden Buchen jede Öffnung zu gewinnen um sich mit ihrem sanften Kindes
Auge vervielfacht in dem perlenden Thau der Linde zu schauen und sich so des /
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eigenen Lebens gesammelt und vervielfacht in Leben des anderen bewußt
zu werden. – Worinn und wie konnte sich hier Gedanke und Gefühl besser
aussprechen als in Tönen und Gesang? Darum wie die einende Linde die
frohe Gesellschaft versammelt hatte konnte auch sogleich das innere Leben aus
den jungen frohen Gemüthern in frohem Gesang hervor[strömen]. Und – wie eine klare
Bergquell[e] strömte und floß er immer erneut aus sich selbst hervor.
Ganz in Übereinstimmung mit der unermüdlichen Singlust dieses heiteren
Jugendkreises ist auch unversiegbar der Vorrath ihrer Lieder, wie
sie zugleich auch sehr leicht die ihnen von uns geboten werdenden
sich aneignen und behalten. Nie brauchten wir darum zum Singen, von
dem Sammeln unter der Linde bis zum Auseinandergehen im Städtchen,
aufzufordern, immer waren neue, bekannte und unbekannte Liedchen im
Vorschlag. Doch warum lasse ich mich verleiten Euch von einem einzigen, nicht einmal ganz
vollständigen Nachmittage des hiesigen neuen Lebens so viel zu schreiben; denn wenn ich in diesem
Verhältnisse fortfahren wollte Euch von dem neuen hiesigen Leben Kunde zu geben, wo wollte
ich dann Zeit und Raum erhalten dieß thun zu können; Barop aber wird dieß ja nach sei-
ner Zurückkunft statt meiner thun. Nur erwähne ich noch daß wir, wie ich Euch
in meinem letzteren Briefe schrieb, am Mittwoch Abend sämtlich an dem zu unse-
rer Ankunft veranstalteten Gastmale Antheil genommen haben. Zwei Toaste
wurden hierbey von einem Gliede des Vereines, dem Rechtsanwalt Baumann, aus-
gebracht einer der sich auf mich und einer der sich auf meine Mitarbeiter und Gehülfen
an deren Spitze Herr Barop genannt wurde, bezogen. Ich möchte sie Euch wohl mittheilen
können nicht etwa um des willen was darin mir und von mir und uns gesagt wurde,
sondern um Euch die hochherzigen um- und erfassenden Gesinnungen dieser Männer und
ganz besonders des Sprechers kund thun zu können. Was wir, besonders was ich darauf
sagte blieb weit hinter jenen zurück, ich fühlte es tief; doch hatte mich wirklich die so tiefe
Erfassung des Ganzen welche mir noch überdieß so ganz unerwartet in diesem Geiste kam
so ergriffen, daß ich nicht gleich mich für eine solche klare bestimmte Sprache hatte fassen
können. Auch hiervon genug. – Am vorigen Sonnabend kam HErr Dr Borberg und Karl, laßt
mich weiter von ihrer Reise schweigen genug sie sind 15 Tage gereist und doch zum größten Theil gefahren. Dieß sagt alles, deßhalb bin ich nur froh daß sie nun hier sind. Aber auch Gnüge und Langguth
haben Schwabenstreiche gemacht wovon das eine Bildchen ist über Waimar nach Erfurt von Keilhau
aus zu reisen. - Meine Frau ist von der großen Gemüths- und Körperanstrengung noch sehr
angegriffen; doch geht es mit jedem Tag besser. Luise zeigt sich hierbey nach den eigenen
Worten meiner Frau sehr wacker und brav. Am meisten sind wir noch mit unserer
Betteinrichtung zurück. Wir ersehnen sehr die Ankunft der Bettfässer. Du Langethal besonders und
Du Middendorff habt sehr große Fehler gemacht daß ihr [sc.: Ihr] mir gar nichts von mehrstimmiger oder /
[Rand] von Duett- Terzett[-] und QuardettMusik eingepackt habt. Langguth hat nicht einmal den Orpheus mitgebracht. Ihr habt mich durch alles
[1R]
[Rand] dieß einmal wieder recht im Stiche gelassen und mich u Barop in große Verlegenheit gesetzt; wir müssen jetzt stumm seyn, wo alles zu hören wünscht!!!
[1V]
[Rand] Abgesandt am 8en May. Wir haben heute 22-23 Zöglinge[.]
Von uns allen an Euch alle die herzinnigsten Grüße, namentlich von
der Mutter und mir. Ists möglich beschleunigt die Ankunft der Sachen. Euer FrFr.
[2R]
[Adresse]
Der allgemeinen deutschen Erziehungsanstalt
       in
       Keilhau
  bey Rudolstadt.