Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 15.5.1833 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 15.5.1833 (Willisau)
(KN 45,10, Brieforiginal 1 B 4° 3 S. + Adresse. Im Briefkopf Lithographie der Willisauer Erziehungsanstalt)

In der WILLISAUER ERZIEHUNGSANSTALT am 15en Tage im
Monat des blühenden Lebens 1833.


Gott zum Gruß.

Ja dieser Brief ist in der schon in vollem Leben dastehenden Willisauer Erziehungsanstalt geschrieben.
Ihre Eröffnung wird vom 2en May gerechnet, wo der Unterricht nach einem allgemeinen
durchgreifenden auch ins Einzelne ausgeführten Plane begann. Am ersten May war hier Fest, Peter
und Paul. – Diese durchgeführte Zeit- und Unterrichtsvertheilung war nun schon einmal vorläufig in Luzern
und vorgestern, Montag am 13en Abend haben wir, Barop und ich, sie schon zur Druckerey nach Sursee
befördert. Künftigen Sonnabend hoffen wir einen Abdruck zur zweyten Correctur zu erhalten.
Bis jetzt ist uns nur Zufriedenheit von allen Seiten mit dem ausgearbeiteten Plane zu Gehör
gekommen. Aber es hat sich auch alles -namentlich mit dem catholischen Religionsunterricht
u.s.w. auf das freundlichste und zweckmäßigste geordnet. Bis jetzt bin ich noch mit gar nichts und
Niemanden in hemmenden Verhältnissen zusammen gekommen. Alles löset sich wie nach einem gewalti-
gen Sturme im klaren Sonnenschein auf. – Barop und ich sind bey dem heftigsten Gegner, dem
bekannten Decan und Leutpriester, Meyer, dem Stadtpfarrer von Willisau gewesen. Er war in
seiner Weise offen sagte wie zu handeln er für Pflicht gehalten pp und ich war wahrhaft offen
sagte ich habe mich ja nicht eingedrängt und gehe wenn man mein Hierseyn nicht für gut finden würde pp.
Beym Abschied reichten wir uns gegenseitig die Hand. – Wiederkehrend von den verschieden-
sten Seiten ist mir gesagt worden, wie man die Sache jetzt bey weitem mehr im richtigen Lichte
schaue; um 66 2/3 perCent (2/3/100) sagte mir gestern unser Herr Dr Barth habe sich seit meinem
Hierseyn die Stimmung des Volkes gebessert und doch thue ich nichts dafür. Der HErr Sextar Hecht
Lehrer der cath. Rel. an der Anstalt hat uns auch schon zweymal besucht. /
[1R]
Von dem steigend fortgehenden regen Leben der hiesigen Anstalt gebe ich freylich Euch gern Thatbeweise
und Sachmittheilungen; wo sollte ich aber dann anfangen, wo endigen. Der Unterrichtsplan
welche[n] ich Euch mittheilen werde sobald seine Versendung möglich ist wird Euch dann klar davon unter-richten - Heute werden wohl der Zöglinge gerad 30 seyn; doch sind alle uns schon angezeigten
noch nicht eingetreten. Außerdem hat Ferdin:[and] noch Abends von 6-7 eine Zeichenakademie (wie er
es nennt von ohngefähr 6.-) Die Gärten der Kinder sind in schönen Formen schon vollständig
eingerichtet. HErrn Dr Borbergs Garten steht an ihrer Spitze. Auch Ludowika hat wieder ein
Beetchen. – Der Plan zum Turnplatz ist schon entworfen; - alles nöthige Holz dazu angewie-
sen; der Zimmermann schon angestellt und gestern Abends schon der 80 Fuß lange schlanke
Schwebebaum herein geführt worden. 4 kräftige Roß brachten ihn den Schloßberg herauf.
Ein ganz neues Fortepiano nach Bestimmung des HE Gnüge wird gebaut und ist schon in Arbeit.
Drey von unsern Zöglingen haben Violine, zwey ande[re] Flöte begonnen, jene bey Gnüge diese bey Ferd.
Im Hauswesen findet sich in dem Maaße alles, als die Hausmutter wieder hergestellt wird.
Erst gestern u heute haben wir die hohe Freude gehabt sie wieder und zwar seit wir in
Willisau sind, eigentlich zum erstenmale bey uns zu Tische zu sehen. Sie ist jetzt wieder
fast den ganzen Tag auf, kann das Hauswesen nachsehen, im Garten und Hofe gehen auch in
einiger größrer Entfernung vom Hause frische Luft genießen. - Es war höchst erfreulich in einem
Gliede des Vereins zugleich einen erfahrenen Arzt und sehr lieben Zutrauen erweckenden
und sich bewährenden Mann zu finden. Heute Morgen hat die theure Frau die liebe Hausmutter
einen besonders guten Tag, so daß sie sich ziemlich frey wieder bewegen konnte. – Die Vereins-
glieder besonders die Frauen derselben haben sehr lebendigen Antheil an ihrem Befinden genommen.
Zu dem erfreulichen des hiesigen Hauswesens gehört auch daß wir eine sehr gutmüthige, zwar
langsame aber doch sonst sehr achtsame und treue Hausmagd haben; auch eine Marie wie in Wartensee. /
[2]
Das Freundlichste vom Ganzen ist freylich das freye, geräumige, klare, heitere luftige Wohnen.
Die Wohnzimmer sind im 3en Stockwerk (im ersten die Küche rc) (im zweyten die Lehrstuben) und unsere
der Frau u meine Wohnstube ist in dem Eckzimmer nach der Lindenallee zu, also auf der Zeichnung
links die zwey letzteren Fenster – zwey Fenster gehen auch gerad auf die Lindenallee zu, auf der Giebel-
seite nemlich. Die zwey vorhergehenden Fenster sind die Fenster unserer Schlafstube; für den
Winter höchst angenehm indem beyde Stuben ein grüner Schweizerofen heizt. - Daß wir einen
rauschenden, halb natürl[ichen] halb künstlichen, aber überaus schönen Wasserfall vielleicht 7 – 10 Minuten
von hier haben wird Euch schon noch geschrieben werden; ganz klar ist das Wasser und fällt in
einigen großen Absätzen. Auch die liebe Mutter war schon eines Nachmittags mit da, doch war
ihr dieser Spatziergang für den Anfang ihrer Genesung fast zu groß. – Doch nichts von den Schönheiten
der Natur nur daß [sc.: das] noch will ich sagen, daß wir, ohngeachtet wir so hoch, doch wie in
einem Garten uns befinden wenn wir in den Zimmern um uns schauen; überall fällt der
Blick auf grüne, bunte Wiesen, blühende Bäume mindestes Baum bewachsene frisch-
laubige Berge.
Um so angenehmer nun alles dieß, um so mehr wird Eurer aller gedacht, besonders von Eurer
Euch wirklich mit Mutterliebe u Muttertreue liebenden Pflegemutter und Freundin;
Immer sagt sie, wenn sie nur alle da wären oder auch wohl wenn nur der u der
die und die da wären; dabei treten ihr jeder Zeit die Thränen in die Augen. Du lieber
ChristianFriedrich hast besondere Ursach sehr brav und tüchtig zu werden, denn die
Mutter denkt Deiner mit großer Liebe, Sorgfalt u Treue. Heut Morgen als ich ihr
Deinen Brief gab (: Eure Briefe vom 6n May sind nämlich heute angekommen, wofür im Ganzen
und jedem Einzelnen der schönste Dank :) – sie mußte sich noch ruhig im Bette verhalten, traten ihr
sogleich wieder die Thränen in die Augen als sie Deinen Brief erblickte, und sie sagte mir daß
sie so eben an Dich gedacht habe. Auch Deiner liebe Mathilde gedenkt sie oft mit unendlicher Liebe
doch sie gedenkt ja Euer aller, keinen nicht ausgenommen und jedes Einzelnen, wie könnte ich das
Eigenthümliche des Erinnerns jedes Einzelnen hervorheben. - Noch ganz kürzlich sprach sich mir die
Mutter sehr rührend darüber aus. – Möget auch Ihr Ihrer im Ganzen und Einzelnen so
gedenken, doch ich weiß es ja! Ich bin sehr glücklich daß die liebe Mutter die Luft hier
sehr mild, die Wege bequem, ja selbst ihre Wohnung, obgleich 30 kräftige Schweizerkinder
unter ihr hausen, ruhig findet.
Für die baldige Besorgung unserer Effecten herzlichen Dank, dem aufrichtigsten Dank allen die dabey so
unermüdlich thätig waren. – Auch ich muß hier unermüdlich seyn, obgleich oft die Füße zusammen
sinken und der Körper wie zernichtet ist. Doch bin ich ganz gesund und der regere Geist lohnt manche Körper-
ermüdung. – Fragt doch gelegentl[ich] in Gotha nach ob und wann die Sache abgegangen ist. – Wie viel Ctr [Zentner] wog denn das Ganze? - Schon sind es über 3 Wochen und wir haben noch keine Anzeige. - Frankenberg ist noch nicht angekommen auch keine Anzeige d.h. kein Brief von ihm. – Von dessen Ankunft hängt Barop[s] Abgang von hier mit ab, wenigstens die Möglichkeit ihn zu bestimmen. So wie ich hoffe daß [er] /
[Rand] spätestens zum Doppelfeste in Keilhau seyn wird, so können ihm hierher immer noch Briefe geschrieben werden. Er lebt hier für Mutter und Kind, wenn /
[1R]
[Rand] auch beyde es noch nicht einsehen. Seyn Herz u seine Stille, sein Blick und seine Seufzer grüßen. – Gott Euch alle befohlen von Eurem FrFr. /
[1V]
[Rand] Barop konnte Euch heute unmöglich schreiben. Michaelis hat uns einen merkwürdigen Brief geschrieben. Wollt Ihr ihn in Keilhau haben? – schreibt es [.]
[2R]
[Adresse]
Herrn Wilhelm Middendorff
in
Keilhau
bey Rudolstadt
Thüringen