Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 18.5./20.5./22.5.1833 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 18.5./20.5./22.5.1833 (Willisau)
(KN 45,11, Brieforiginal 1 B 4° 4 S. Im Briefkopf Lithographie der Willisauer Erziehungsanstalt)

In der WILLISAUER ERZIEHUNGSANSTALT am 18en May 1833.·.


Gott zum Gruß.

Da ich es sowohl für Euch alle Ihr Glieder und Genossen der Keilhauer Gemeinsamheit selbst,
als für alle Eure Umgebungen für gut halte, wenn Ihr so bald als möglich auch den letz-
teren und wohl auch sprechendsten Thatbeweis der wirklichen Eröffnung und des wirk-
lichen thätigen Fortbestehens nun der Willisauer Erziehungsanstalt erhaltet, so be-
nutze ich sogleich den ersten Posttag der Fahrpost um Euch die Zeit- und Unterrichtsver-
theilung zu überschicken nach welcher seit den 2en dieses, also nun schon über 14 Tage
hier alles betrieben wird. Ihr werdet auf derselben den Unterricht in allem was
sich unmittelbar auf Naturkunde beziehet, vermissen; allein es waren jetzt noch
keine Unterrichtszweige welche sich unmittelbar damit beschäftigen in den Lehrplan
aufzunehmen, weil unsere Zöglinge zu scharfen Aufpassen und Bestimmen noch nicht
vorgebildet sind ihnen auch um sich klar und bestimmt genug darüber auszusprechen,
die so nöthige Sprachfertigkeit noch mangelt. Auch möchte ich natürlich gern, aus den
Euch klar bekannten Gründen mit der Steinkunde oder vielmehr Irdenkunde beginnen,
doch mangelt mir dazu noch jede Sammlung. Die Stelle des eigentlich wirklich naturkundlichen
Unterrichtes muß in diesem Halbjahr noch die Außenweltsbetrachtung und die
Sprachübung vertreten oder vielmehr dahin einführen. Auch die Vorbereitungen
zu Formen- Farben- und Größenauffassung welche im Bauen und Legen überhaupt
im Schaffen aus Handgreiflichem Material bestehet soll dahin einführen. Dieses
Selbstschaffen der Kinder und Zöglinge aus handgreiflichen Stoff und nach einfacher
gesetzlich nothwendigen Fortschreitung werde ich überhaupt in Zukunft als die erste /
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und sichere Grundlage der Belehrung, der Lehre und des Unterrichtes bearbeiten. Ich be-
schäftige mich deßhalb schon seit Langem in mir mit einem durchgreifenden Plane den ich
zu irgend einer Zeit und an irgend einem Orte einmal auszuführen strebe und hoffe.
Jetzt findet die Aus- und Durchführung eines solchen dem Menschen in der Gesamtheit seiner
schaffenden oder vielmehr schöpferischen Thatkraft ganz ergreifender Plan noch gar
zu viel Hemmnisse welche oft unüberwindlich werden, denn auch die besseren und stre-
benden Menschen geben sich für sich und ihre Kinder der Wort- und RedeErkenntniß
vor der Sach- und Thaterkenntniß hin, ja müssen sich hingeben so lange sie in die Ent-
wicklung der Zukunft ihrer Kinder Kräfte und Massen eingreifen lassen müssen
deren Bearbeitung und somit Beherrschung sie weder sich noch ihren Kindern unter-
ordnen können. Hier ist die wahre und einzige Klippe an der alle {ächte wahre und stetige
Fortbildung des Menschengeschlechtes alle {stetige ächte Fortschreitung der Menschheit scheidert.
Theoretisch kennen wir sie, und kennen die Mittel sie zu vermeiden, führen sie auch wohl
täglich im Munde und predigen sie einander vor, doch praktisch fehlt uns an ihr [sc.: Klippe] vor-
über zu schiffen alles. – Warum dieß aber Euch und hier? – Damit Ihr nicht mey-
net und dann Andere mit Euch es enthalte diese Zeit- und Unterrichtsvertheilung
schon alles was ich als die guten und nothwendigen Forderungen eines genügenden
Erziehungs- und Lehrplanes, oder vielmehr als den genügenden vollständigen Plan einer genüg-
enden Erziehungs- und Lehranstalt in mir trage. Als Andeutung dazu will
ich nur noch sagen daß es heißen müßte: Vorbereitung zu Formen- und
Größenauffassung durch Selbstschaffen am und mit handgreiflichem Stoffe;
doch der Raum verstattete diesen ausführenden Beysatz nicht, doch allein das darinn
Ausgesprochene soll das oben Angedeutete bezeichnen und dafür im Fortgang der
Entwickelung die, wenn auch jetzt noch unscheinbare Quelle oder das kleine Saamen-
korn seyn. Was lebend beginnen und lebend und für Leben bestehen soll, muß überhaupt klein
und unscheinbar beginnen!
Daß die Classen im Griechischen und Lateinischen jede jetzt nur noch aus einem
Schüler bestehen will ich Euch, um Mißverständnisse zu vermeiden doch auch
noch bemerken, ein Schüler ist C. Clemens, einer Jakob Vonwyl aus Wartensee
mit hieher gekommen, der dritte ist ein neuer Johann Wechsler.
Von den hier mitfolgenden 25 Exemplaren Zeit-Vertheilung halte ich nun für gut
jedem der nachstehenden Personen nach Möglichkeit bald ein Exemplar zukommen
zu lassen. 1 Herrn Gens. Zeh. 2 HE Geheimrath v Ketelhodt. 3 Herrn Cammerpräs. Schwarz
4. vielleicht der Fr. Fürstin Mutter. 5 Herrn Dr Fleck. 6 vielleicht als besonders freundlichen
Gegengruß dem Metzger Wohlfarth. 7. Um an früheres anzuknüpfen vielleicht durch Dich
Langethal an HE Reg R. v Beulwitz. 8 HE Pfarrer in Eichfeld mit besonders freundschaftl. Gruß
9. Herrn Adjunct Burkhard im Remda. 10. Herrn Schullehrer in Keilhau und so [11.] an Wirth pp /
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12. Herrn Geh: JustizR. Martin. 13 an Christian Langethal 14 an Frau v. Ahlefeld. 15. An
Herrn Rath und Amtmann Hoffmann in Königsee 16 an den Herrn Pfarrer Müller in
Döllstädt.17 an die liebe Mutter und Tante in Berlin. Ich hoffe noch besonders dazu zu
schreiben 18. an Herrn Blumberg. Ihr habt so bald Ursache ihm wegen Empfangnahme
der Zinsen Nachricht zu geben, dann könnt Ihr ihm den Plan zugleich mit und als einen
Gruß von mir senden. 19 an HErrn Gottlob Langethal. 20. an Mathilde für Fr: v. A.[Arnim]
Ist’s möglich, so schreibe ich auch dazu noch einige Zeilen; sonst meinen dankbaren Gruß.
Dann weiter eines für Dich Langethal, eines für Dich Middendorff, eines für Dich lieber
Bruder und die übrigen zwey zu freyem Gebrauch. Überhaupt wird Barop zu die-
sem Behufe noch eine ordentliche Zahl von Abdrucken mitbringen. –
Noch ist leider Frankenberg weder angekommen noch ein Brief von ihm eingegangen und
so ist uns beym besten Willen noch nicht möglich dessen [sc.: Barops] Abreise zu bestimmen; doch
seht Ihr wenigstens aus dem Lehrplane so viel, daß schon auf dessen Mitwirkung
an der hiesigen Anstalt hier an Ort und Stelle, völlig Verzicht geleistet ist und schon
alles so geordnet daß er bald nach Frankenbergs Ankunft abreisen kann; er betreibt
jetzt sehr den Bau des Turnplatzes damit auch dieses für uns sehr wichtige Geschäft noch
vor seiner Abreise beendigt werde, auch womöglich der Verein noch seine Versamm-
lung zu den ferneren Bestimmungen für künftiges Halbjahr 1833/34 halte.

Am 20n May Gestern Nachmittags, es war Sonntag haben wir, mehrere von uns und einige von den
Kindern einen sehr schönen Spatziergang in ein mir noch unbekanntes Thal, das Thal der Buch-
oder Dellenbach-Wiggere gemacht, der Weg war in vieler Hinsicht in seinem jungen Frühlings-
Schmuck und mit seinen zerstreuten Höfen welche fast alle das Zeichen der Genugsamkeit, ja
wohl Wohlhabenheit an sich tragen, reizend; entfernt hatte er wohl einige Ähnlichkeit
mit dem Wege im Rieme Thale hinauf, besonders auch gegen den rothen Bach nach Paulin-
zelle hin, nur muß man sich alles in schweizerischer Kraft, Fülle, Frische und schwei-
zerisch eigenthümlichen Verhältnissen denken besonders die einzeln überall zerstreuten
Höfe an den Anhöhen und im Thale und ihre eigene Bauart. Die treue Frau konnte
leider jetzt noch, diesen Gang nicht mit uns theilen, doch ist der Weg auch für sie sehr
bequem, und da es, Gott sey innigst Dank, täglich mit ihr besser gehet, so hoffe ich
ihr bald auch das Vergnügen dieses Ausfluges verschaffen zu können. – Wer uns
aus Hause gestern nicht begleitete war mit Briefschreiben beschäftiget doch
war Barop, Ferdinand, Langguth, Gnüge und Ludowika mit mir.
Nun noch eine Bemerkung die ich schon längst machen wollte: Ihr werdet vielleicht
schon ohne meine Andeutung eingesehen haben, daß es gut ist, wenn ein oder einige Ge-
sänge, welche besonders ihrer Melodie wegen so sehr anziehen und gern gesungen werden,
jetzt etwas zurück treten. Ihr wißt in dem Maaße als das Verständniß jetzt schwierig
ist, ist das Mißverständniß und ich wünschte daß Keilhau nicht in letzteres verwickelt
werde. –
Auch will ich Euch doch bemerken, daß mir Langguth gesagt hat, einer seiner Ver-
wandten in Veilsdorf, jetzt Seminarist in Hildb[u]rgh[ausen], werde wohl künftige Ostern nach /
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Keilhau kommen, ebenso sprach er von einem anderen jüngern Verwandten, welcher
wohl schon nächste Michaelis eintreten wird: irre ich nicht so sind es beydes Söhne
seines Oheims. – Daß unser Langguth der freundschaftlichen M. - [Mathilde v. Sch.] das EntGeliehene
noch nicht zurück bezahlt hat hat seinen Grund darinn, daß ihm seine jüngste
Flugreise nach Keilhau welche er mit in der Absicht seine Schuld zu bezahlen that
auch derselben gemäß sich mit Geld versehen hatte, so viel kostete, daß er fürch-
ten mußte nicht nach Hause zurück kommen zu können, wenn er seinen Vorsatz
ausführen wollte, und wirklich soll er auch nur einen Thaler davon mit nach V. [Veilsdorf]
zurück gebracht haben; doch sagte er mir daß er das Nöthige zur baldigsten Abtrag-
ung seiner Schuld schon besorgt habe.
Barop besonders fragt: ob August und Felix, oder nannte er Adolph? – ihre Musik[instrumente] , ich
glaube die Clarinette bey dem Herrn Schullehrer aufgegeben haben? – Wenn es wäre,
sagt er, sey es nicht gut.
Den Titus hätte ich recht gern hier, er könnte wohl schon wacker wirksam seyn, wenn
ich ihn nur, wenn auch nicht fliegend, doch wenigstens zum Gehen losmachen könnte.
Ich muß aber alles der stillen ruhigen Entwickelung überlassen. Herzlich bitte ich
ihn von mir zu grüßen und ihm zu sagen daß ich ihn oft hoffnungs- und vertrauens-
voll hieher zu mir als treuen Gehülfen wünsche, möge er die Zeit seiner Anwesen[-]
heit in Keilhau noch dazu benutzen später einmal meine Hoffnung und mein Vertrau-
en zu rechtfertigen und seine Treue zu bewähren.
Gestern kamen Mehrere um die Anstalt zu sehen, darum [sc.: darunter] soll auch, wie Ferdinand
welcher sie herumgeleitete, sagt ein Gymnasiast aus Luzern gewesen seyn, welcher
im Auftrag mehrerer oder einiger seiner Genossen gefragt hat ob hier auch Physik
und Philosophie gelehrt würde, wenn dieß wäre so wollten sie sämtlich hierher kommen;
Ihr sehet wie hier das Leben wundersam aufgeregt [un]gehemmt und frey und daß es ein
ganz eigener Grund und Boden ist auf dem das Ganze hier steht, ein eigener Geist
welcher das Ganze umwehet und daß es der eigensten Sorgfalt bedarf weder die
Keime zu übertreiben noch sie abzubrechen und zu zertreten. Griechisch, soll der junge
Mensch noch besonders heraus gehoben haben, bedürften sie nicht also ist es ihnen blos
um rein geistige Speise zu thun. Schade daß uns Ferdinand, Baropen und mir nicht sogleich
von dieser Äußerung Kunde gab, denn bey so etwas ist oft der erste Moment wichtig
und entscheidend, doch haben wir, besonders ich Zeit gewonnen die Sache bis zu einer viel-
leicht zweyten Anfrage in uns zu verarbeiten und vorzubereiten; wofür auch mein
Geist sogleich thätig war. –
Ich glaube nicht daß ich Euch jetzt noch etwas wesentliches zu sagen habe. Die Einlagen
werdet Ihr schon ihrer Bestimmung gemäß besorgen. – Am Himmelfahrtstage waren
Barop, ich, Carl und Dr Borberg in dem schöngelegenen Wartensee; wir fanden schöne
Himmelfahrtsblumen und dachten als Kranz und Gabe des Festes sie in sinnig gewun-
denem Kranz. Möge diese Blume stets die Blume dieses Festes wie das Sinnbild des
stets nach dem Höchsten strebenden Geistes der Menschheit und so auch das Sinnbild des
uns verknüpfenden Geistes, des Geistes unseres Lebens, des Strebens unseres Geistes bleiben.
Zum Dank des Grußes aus der Küche grüßten Elise diese Blumen vom duftigen Hügel. Die herz- /
[Rand] innigsten Grüße an alle, an das Ganze und jeden Einzelnen von allen hier Geeinten und von mir Euern treuen
FriedrichFröbel

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[Rand] Barop läßt noch besonders, und ganz namentlich die geliebte Mutter mit dem gesunden Sohn auf dem Arme, seelenvoll grüßen. Auch sagt er mir, er habe von Herrn Dr Barth gehört es werden sogar Eltern ihre Kinder hierher schicken welche früher dagegen unterschrieben haben.
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[Rand] Auch an Ernestine hat die dankbare Mutter geschrieben, doch ist der Brief zum Abgang noch nicht fertig, doch von Ihr [sc.: ihr] Seelengrüße an Alle.

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[Rand] 22/V. Herrn Frankenbergs Sachen sind angekommen, sie wogen 3 Ctr [sc.: Zentner] und kosten 12 <Brbrth> = 20 Rth Fracht. Frankenberg selbst ist am 7 May durch Cassel gereiset. -