Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Keilhau v. 30.8./31.8.1833 (Willisau)


F. an Heinrich Langethal in Keilhau v. 30.8./31.8.1833 (Willisau)
(KN 45,14, Brieforiginal 1 ½ B 4° 6 S. Im Briefkopf Lithographie
der Willisauer Erziehungsanstalt)

Geschrieben in der Willisauer Erziehungsanstalt am 30en Tage im Monat des reifenden Lebens
August 1833


Gott zum Gruß Dir mein lieber Langethal!
und Euch allen mit Dir und unter einander zu einem Lebenskreise Einigen
in Keilhau.

Ein Zweyfaches bestimmt mich zu diesem Briefe an Dich: einmal die innere Nothwendigkeit der eigentlichen
Lebensmittheilung dann die äußeren des Geschäftsganges und Dranges. Zwar steht das hiesige Leben noch
immer in der schwierigen Zeit der Entscheidung oder der Zeit des Reifens, wo sich also noch gar nichts
von äußeren Lebensfrüchten, wenigstens noch keine gereiften darreichen lassen und ich würde darum
wohl noch mit meinen Mittheilungen an Dich Langethal noch einige Wochen gewartet haben; allein der
Geschäftsgang und Drang will zu diesem Aufschub nicht stimmen und so muß ich Dir schon noch in dem mir
an und für sich rein als Monat ob er mir gleich häufig sehr schwierige Lebensaufgaben brachte, dennoch immer
sehr lieben August schreiben. Auch in diesem Jahre behauptet er wieder dieß sein altes Recht und
ich kann ihn so besonders mit dem AugustMonate im Jahre 1818 vergleichen; aber auch mit denselben
Monate der beyden jüngst verflossenen Jahren namentlich des zweytjüngsten hat er hinsichtlich der Unent-
schiedenheit und des doch zu entscheiden so sehr Wichtigen große Übereinstimmung. Allein wozu diese
Andeutungen da sie mir doch wie ich schon aussprach jetzt nicht aus- und durchzuführen möglich sind? – Nun
denn wenigstens zu einer wenn Du willst Doppelbemerkung: einmal daß der Gegenstand der Lebenser-
scheinung ein immer wichtigerer wird, wenigstens als solcher erscheint, so erschien mir in den oben gedachten Zeiten
in den späteren auch immer der Gegenstand der Lebensentscheidung der wichtigere, und so erscheint mir denn
keine der früheren Lebensentscheidungen so wichtig als gerad die eben jetzt in der Entwickelung und gleich-
sam Reife begriffenen von der ich Dir und Euch aber darum auch fast jetzt noch gar nichts schreiben
kann. Was aber das allerbeachtenswertheste ist das ist dieß, daß auch ich möchte sagen mir ganz fremde
Menschen nahe und fern mit welchen ich wegen meiner jetzigen Lebensentwickelung, - (wegen der jetzigen
Entwickelung meines Lebens) – in Berührung komme mir das Höchstwichtige meiner jetzigen Lebensstel-
lung und hier in Hinsicht auf das Culturgeschichtliche, in Hinsicht auf die Wirkungen welche auf der einen oder
der anderen Seite aus der endlichen Entscheidung hervorgehen werden – auf eine Weise aussprechen, daß
mir zunächst darüber nichts mehr zu sagen, davon zunächst nichts wirksameres zu erwarten übrig bleibt.
Dann aber zweytens daß die Lösung der Lebensaufgabe in eben demselben Maaße immer steigend
schwieriger ward und wird; so dünkt mich keine der bisherigen Lebensaufgaben so schwierig zu lösen als
die mir jetzt gestellte, denn kaum erschienen mir die Hände in Beziehung auf äußeres Wirken, in Be- /
[1R]
ziehung auf die äußeren Mittel zur Erreichung meines Lebenszweckes so gebunden als eben jetzt,
so wohl durch die Gesammtheit der Dir und Euch bekannten jetzigen Lebensverhältnisse hier, dann
wohl weil ich sie ganz anders, wenigstens nicht mehr von einem sie so durch und durch zerstörenden
Element getroffen werdend, erwarten durfte. Wenn Du nun so sähest und siehst wie dagegen all
mein Wirken und Können auf seine eigene geistige Mitte und Welt beschränkt ist, so wür-
dest Du dasselbe mit der oben angegebenen so vielseitig mir und uns ausgesprochenen Wichtigkeit
der Stellung meines Lebens im höchsten Contrast finden: ein Nichts als äußere Erscheinung, gegen
ein geschichtlich Bedeutungsvolles, ein Nichts als äußerlich Erscheinendes gegen ein dunkel geahnet werdendes
sich entwickelndes, vielseitig genügendes Neues und Großes. Dieß führt mich (wieder) auf eine zweyte und
wenn Du wieder willst Doppelbemerkung: einmal daß das so gleichsam steigend immer schwieri-
ger werdende Leben nicht nur auch steigend immer mehr die Wichtigkeit desselben zeigt, sondern
auch daß zur Erfassung und Lösung des Lebens in seiner letzten und höchsten Aufgabe der rechte Weg
betreten, die richtigen Mittel gewählt seyen; dann aber daß eben darum dieser Weg und diese Mit-
tel so unbedeutend, äußerlich so ein reines Nichts so verborgen erscheinen, damit sie um so ungehemmter um so
ungestöhrter zu ihrem Ziele sich entwickeln zu demselben vor- und fortschreiten können, und damit
ganz besonders alles willkührliche äußere Eingreifen in die innere still gesetzmäßige geistige Ent-
wickelung abgehalten werde. Ja so ist es, lieber Langethal! Indem ich mich fast in ein Nichts, in die
höchste Unscheinbarkeit zurück gezogen mich in meinen erziehenden und Lebensberufe nach der Vielseitig-
keit seiner Richtungen und das äußere und geistige Leben um mich in seinen mannigfachen Richtungen
und Zwecken zu überschauen und für meinen Lebensberuf zu beherrschen mich bemühe, entwik-
kelt sich mir gleichsam das Leben wie von selbst zur Erreichung desselben, so daß ich nun nur auf
das ruhigste aufmerksam zu seyn habe die dabey und dadurch an mich ergehenden Lebensforderungen
auf das klarste zu erkennen und auf das besonnenste und treueste auszuführen, ja es entwickelt sich mir um so reiner kräftiger und vollständiger, als ich mich hüte äußerlich in die Entwickelung einzugreifen. Ob ich nun gleich nicht
Lust habe Dir und Euch die äußeren Lebensfortentwicklungen und Lebensthatsachen mitzutheilen – welches
ich gern dem Barop überlasse welcher es nun einmal übernommen und bisher so treu durchgeführt
hat, so will ich doch nur eine oder zwey Thatsachen erwähnen. Ihr wißt daß ich zur Ausübung und zum
wirklichen Gebrauche meiner erhaltenen Niederlassungsbewilligung 1600 Franken Realcauti-
on bey dem hiesigen Gemeinderathe leisten muß und daß mich besonders wegen der gemachten
Umtriebe nichts von dieser Verbindlichkeit befreyen konnte und so wurde ich denn auch wirklich
von dem hiesigen Gemeindeammann schon einmal schriftlich aufgefordert in bestimmter kurzer Frist
diese Caution zu leisten. Ohne das wirkliche Leisten dieser Realkaution hat eigentlich, nach den Kautionsgesetzen
meine Niederlassungsbewilligung gar keine wirkende Kraft; durch das Leisten der-
selben bekommt aber meine ganze Stellung den Umtrieben gegen über eine ganz bedeutend andere
und feste Stellung, so daß auch alle Verfechter meiner Sache den Umtreibenden gegen über die
von mir zu leistende Caution immer als schon geleistet hinstellten, und so mein Wirken im Staate
vermöge der erhaltenen Niederlassungsbewilligung und der von mir bereits geschehenen Caution
als Rechtskräftig und Rechtsgültig hinstellten. Dennoch erklärte ich dem Vereine, oder viel[-]
mehr ließ ihm durch Barop nach vielerwogenerer Überlegung erklären, daß ich diese Re-
alkaution nicht leisten könnte und nicht würde. An dieser Erklärung schien nun aber allen
Umständen nach das Ganze nothwendig zu scheidern, und siehe da einer aus dem Vereine, (nach-
dem dieser wirklich in sich durch die Gewalt der Umtriebe schon in sich matt gemacht und dem Wesen
nach in sich schon rein aufgelöset war) – der Gerichtsschreiber Kilchmann setzte eine Einladung
auf statt meiner die 1600 Frken Realkaution zu leisten und unterzeichnete sogleich zu diesem
Zwecke mit 200 Frken. Ganz Fremde außerhalb Willisau auf dem Lande unterzeichneten
sogleich weiter mit 100 Frken, auch 50, so daß jetzt schon die Summe von 1550 Frken unter-
zeichnet ist, und so ist denn die Caution von mir so gut als geleistet zu betrachten, denn nach-
dem so viele vom Lande unterzeichnet hatten, haben auch alle die übrigen Vereinsmitglieder, bis
auf ein einziges mit namhaften Summen unterzeichnet. Ja man erwartet daß auf dem Lande noch bedeutend mehr unterzeichnet werden wird, als eigentlich zu leisten nöthig ist. Und lieb wäre es uns,
wenn dieses eine Vereinsmitglied, ein kalter engherziger Mann, dazu abhängig von den
opponirenden Einwirkungen – sich dadurch gänzlich aus dem Vereine ausschied. – So /
[2]
wurde durch mein ruhiges Zurückziehen auf meinen Reichthum, mein Nichts, die Klippe an der
ich nothwendig scheitern sollte, wie es jetzt allen Anschein hat, zum festen Ankerpunkt. Dann
nun noch die zweyte Thatsache. Wie ich oben aussprach hatte und hat sich noch der alte ursprüngliche
Verein für die Zukunft und zur Fortsetzung des Ganzen durch die Macht der Umtriebe und Einwirkungen
von allen Seiten – in sich aufgelöst. Sobald dieses, besonders bey Gelegenheit einer gewissen öffentlichen Volksver-
sammlung zu Sursee, dem Luzerner Schutzverein zur Sprache kam, wurde der
Verein wegen seines kleinmüthigen Betragens ausgelacht und diese Handlung als höchst unstatt-
haft erkannt und anstatt der wenigen zurückgetretenen Glieder des Vereins, erhob sich nur
alles in einer Stimme für die Anstalt. Ich hatte ruhig den Verein sich in sich ohne an seinen Verhand-
lungen persönlich Antheil zu nehmen und irgend ein Recht geltend zu machen - auflösen, und ihn
über mich, wie es denn immer geht, zur Deckung seiner Schwäche ruhig allerley Geschwätz aussprechen
lassen Wobei jedoch Barop mich kräftigst vertrat. Jetzt hatte ich die Freude und die Genugthuung, daß sich öffentlich und auf das Bestimmteste in einer aus mehr als 600 Mann bestehenden Volksversammlung
die Einsichtigsten und die Tüchtigsten mit einer Stimme sich dafür aussprachen. Barop als immer
gleich durchdringender Geschäftsführer war auch bey dieser Volksversammlung gegenwärtig und
er wird Euch wohl noch mehreres und vielleicht bestimmteres darüber aussprechen. Ja manches andere
soll noch zur Sicherung der hiesigen Anstalt von jenem Tage ausgehen, wovon man jedoch erst noch
die Entwickelung erwarten muß. So haben einige Sektionen dieses Schutzvereins wirklich Petitionen an die betreffenden Behörden abgehen lassen, die bestehenden Verfassungsgesetze zum Bestehen der hiesigen Anstalt in kräftige Anwendung zu bringen. Hoffentlich verstehst Du mich nun was ich oben von dem selbst-
thätigen geistigen Fortentwickeln des Ganzen, ohne mein Eingreifen, aussprach. Doch noch eins:
Wie hier in Willisau alles so der Auflösung entgegen gieng, wurde ich auf eine sehr eigene Weise
durch einen fremden Reisenden auf Bern und ein erziehendes Wirken in diesem Canton aufmerk-
sam gemacht; ich hielt augenblicklich in mir den Gedanken fest und bald darauf besuchte ich
den Herrn Pfarrer [Stähli] in Huttwyl, unserm nächsten protestantischen Pfarrdorfe ihm ausspre-
chend wie es wohl möglich sey, daß ich aus dem Canton Luzern vertrieben würde und ihn zu fragen ob es dann
wohl möglich
seyn würde als Erziehungsverein in dem Kanton Bern aufgenommen zu werden. Gleich nach
den ersteren dahin gehörigen gegenseitigen Mittheilungen, waren die vorläufigen und einleitenden Ergebnisse
schon günstig denn es zeigte sich sogleich ein zur Ausführung zweckmäßiges Lokale, ebenfalls ein nicht sehr
weit von hier gelegenes ehemaliges oberamteyliches Schloß der Berner Regierung zugehörig, und der Herr Pfarrer selbst
fand sich veranlaßt den Vorsatz auszusprechen, sich selbst in dieser Beziehung vorläufig anfragend an einen
seiner Freunde in Bern, welcher zugleich Mitglied des Erziehungsrathes ist, zu wenden. Dieß ist nun geschehen
und Barop welcher vorigen Sonntag in Huttwyl war hat nun von d. HE Pfarrer gehört und selbst in dem
es aussprechenden Briefe gelesen daß die Berner Regierung nach vorgängiger genauerer Erörterung
sich wohl gern für die schützende und fördernde Aufnahme meines Erziehungszweckes bestimmen würde.
Während sich dieses entwickelte kam ein gewisser HErr Pfarrer und Schulkommissarius Zyro aus dem Städtchen
Unterfern im Kanton Bern hierher um sich von dem Geiste pp der hiesigen Erziehungsanstalt zu unterrichten.
Er hat früher in Berlin studirt, ist ein Schüler Schleyermachers, war ohngefähr 1826 in Keilhau, wo ich be-
sonders mit ihm verkehrt hatte. Er erinnerte sich Deiner und Middendorffs sehr gut; auch Barop erinnerte
sich seiner Anwesenheit in Keilhau, ja bestimmter Äußerungen noch sehr genau. Dieser Mann nun wurde
durch mehreres sehr gefesselt, so daß er nicht allein versprach bald wieder zu kommen; sondern er gieng
sogleich von hier nach Huttwyl, wo der dortige Pfarrer, der oben so rühmlich gedachte, sein früherer Lehrer
war und jetziger Freund ist. Diesem nun sprach er sich so begeistert über hier aus, daß dieser sogleich am
folgenden Tage den Entschluß faßte selbst hier zu sehen. Leider hatten wir hier einen Festtag im Kanton
und so konnte ihm nur einzelnes gezeigt und mehreres ausgesprochen werden, doch gieng auch er spät am
Abend ebenfalls sehr erfreut mit Festhaltung des schon früher ausgesprochenen Gedankens; mein Wir-
ken wenigstens für die Bildung für Schullehrer des Kantons Bern zu benutzen, womöglich aber, was
dieser Herr Pfarrer in Huttwyl, ebenfalls auch wie Zyro Schulkommissarius, sehr wünscht, meine
erziehende Wirksamkeit nach dem Kanton Bern zu ziehen. In dieser Woche nun ist der Herr Pfarrer
Stähli heißt er, wegen Geschäften in Bern gewesen wo das Ganze noch weiter besprochen worden
seyn wird. Noch weiß ich von dem Ergebniß dieser Reise nichts. Wie ernst und fest dagegen die Theilnah-
me des Herrn Pfarrer Zyro ergriffen worden ist, gab er uns in dieser Woche einen Beweis, indem er seinen
Oberlehrer (Lehnherr) veranlaßt hatte eine 18stündige Reise hierher zu machen und mehr als 2 Tage hier zu /
[2R]
verweilen. Er war während dieser Zeit sehr eingehend und ich widmete mich ihm in derselben so viel
als möglich, doch beschäftigten wir uns eigentlich nur mit einem Gegenstande - dem Zeichnen – welcher
Lehrgang fortwährend verglichen mit seinen Ergebnissen die größte Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Auch er wurde auf das lebhafteste davon ergriffen und gieng mit dem mehrseitig ausgesprochenen Vor-
satze fort im Herbst (jetzt war seine Freyzeit nur sehr kurz) während der größeren Ferienzeit viel-
leicht mit einem seiner Mitlehrer auf längere Zeit hierher zurück zu kehren. An demselben Tage
Vormittags an welchem dieser Lohnherr abgereiset war, kam ein Bekannter von ihm, der Oberlehrer
aus Huttwyl, welchen er während seines Hierseyns besucht hatte – in der Hoffnung ihn noch zu treffen,
auch hierher um sich mit der Lehrweise bekannt zu machen. Auch dieser war fast den ganzen Tag
hier, schied ebenfalls sehr befriediget und gleichfalls mit dem Gedanken in der größeren Freyzeit
im Weinmonat (8br) auf einige Zeit hierher zurück zu kehren und sich mehr mit dem Ganzen ver-
traut zu machen. – Also nicht nur hier im Kanton haben dem Anscheine nach – die mich mit einemal
mausetodt darnieder schlagenden sollenden Umtriebe ganz das Gegentheil bewirkt: eine Größere
Verbreitung der Theilnahme und ein tieferes Wurzelfassen derselben, besonders in dem eigentlich
in jeder Hinsicht edelsten Kerne im Volke des Kantons – sondern sogar außerhalb in dem Kanton Bern
die größte Theilnahme geweckt und weiter schon angefacht. Bern ist aber ein protestantischer
Kanton, besitzt schon in sich viele Bildung und moralisch entwickelte Kraft, ist mehrere male so
groß als der Kanton Luzern; wird darum auch zum öfteren nicht blos Kanton Bern, son-
dern Republik Bern genannt, ja es wurde jüngst in einigen Zeitungen ausgesprochen: “er
sey der moralische Vorort der Schweiz” – auch er sey [“] der Schicksals Kanton der Schweiz”, soll
doch wohl heißen der Kanton welcher das Schicksal der Schweiz in sich trägt. – Aber
auch über die Schweiz weit hinaus scheinen die Umtriebe einer großen Parthey der hiesigen
Geistlichen die Theilnahme, wenigstens die Aufmerksamkeit für mein Wirken hier
in Willisau getragen zu haben. So höre ich soll in der Allgemeinen Zeitung gestanden
haben: “Fröbel sey jetzt der Zankapfel in der Schweiz” u.s.w. Ich habe es selbst nicht ge-
lesen, doch versichert mich es Hollmann, der Lehrer mit ganzer Bestimmtheit. So scheinen
sich denn abermals meine Gegner oder vielmehr die Gegner meiner Bestrebungen sehr ver-
rechnet zu haben, was mir zum Todte zum {unvermeidlichen, unausweichlichen} Tod seyn sollte, scheint
mir im Gegentheil zu größerem Leben zu seyn. Freylich sind alle das was
ich Dir hier mittheile zum Theil nur noch geistige Bewegung die noch kein bestimmtes
Ergebniß geben; aber schon diese große und allgemeine Erregung und besonders gespannte
Erwartung
ist gut sie bringt gesundes warmes Blut und erhöhet und verbreitet doch immer
die Theilnahme. Nun lieber Langethal! genug von diesem allgemeinen Wogen und Treiben und schon mehr als ich
eigentlich erst Willens war Dir hierüber mitzutheilen; allein es ist alles ein großes zusammenhängendes Ganzes; ich
könnte Dir noch vieles darüber und Thatsachen daraus mittheilen. Doch will ich dieß alles Barop überlassen in dessen
Mittheilungsgebiet es eigentlich gehört. Was ich sagte wird und kann genug seyn nicht so wohl Dich allein, als viel
mehr Euern Kreis als ein Ganzes und im Einzelnen einsichtig zu machen, daß mein Streben stets ein Theil des nach
höherer Vollkommenheit strebenden Menschheitslebens ist, in welchem das Zerfallen und Auflösen des früheren
Äußeren im Einzelnen, die nothwendige Bedingung zur Entfaltung und zum Wachsthum des Ganzen
ist, und daß der, welcher sich vor dem Auflösen und Zerfallen im Einzelnen fürchtet, sich nie des Da-
seyns einer höheren und allgemeineren Entwickelung des Ganzen für Vollkommenheit, zur Vollendung erfreut.
Endlich zum Geschäfte. Am 1en Oktober habe ich in Berlin bey der Frau Hofmedikus Dr Heß in Berlin
Universitätsstraße No 4 Rth 75 preuß. Cour. zu erheben. Meine Frau hat ihr schon geschrieben
daß dieß durch Anweisung, ohne Zweifel auf das Haus von Haller in Berlin geschehen würde. Zu
diesem Endzweck erhältst Du hier eine Anweisung über gedachte Rth 75 mit der Bitte mir dagegen von dem von
Hallerschen Wechselhause in Berlin einen Wechsel zahlbar nach Sicht und im 24 <f.> Fuß, also auf die Summe
von <Rheinsche Tl 131 – 15 Fr> auf ein solides Handelshaus entweder in Frankfurt a/Main oder die Schweiz: –
möglichst bald zu besorgen. Du bist nun so gut und diese Zahlung statt an Dich an das Wechselhaus von
Haller (dessen Firma ich aber nicht weiß) in der bekannten Form: “für mich an .............” überzutragen
Und Dir dagegen einen Wechsel wie oben bestimmt zu Deinem oder unmittelbar meinem Gebrauch zu erbitten
und mir denselben möglichst bald zu zuschicken. Ich bin von Deiner Geschäftskunde überzeugt, daß Du
möglichst sogleich mit nächstem Posttage deßhalb nach Berlin schreiben, auch Fr: Heß benachrichtigen wirst. /
[Rand] Wenn die Besorgung der Wechsel Unkosten macht, so müssen sie von denen getragen werden, welche mir die Zahlung zu leisten haben also in W und B. /
[3]
Weiter. Am 1en Dezember sind von der Frau von Ahlefeld in Weimar Rt 50 sächs Conv: Erziehungsgeld
gefällig; auch diese wünsche ich möglichst bald durch Deine Vermittelung zu beziehen. Du erhältst hierbey
ebenfalls eine Anweisung an die Fr. v. Ahlefeld. Diese wünschte ich daß Du sie an Herrn Wilh Koch jun in Jena
abgäbest und mir dagegen ebenfalls einen Wechsel am besten auf Frankfurt a/m (oder sonst auf ein solides Haus
einer angemessenen Stadt Süddeutschlands oder der Schweiz) in 24 <F> Fuß also auf Fl 90, - Rheinisch
verschafftest. Auch diesen Wechsel hätte ich gern bald zu meiner Verfügung, wenn es vielleicht durch
Deine Vermittelung und ohne Unannehmlichkeit für Frau von A. angienge, daß diese Anweisung bey
HE Wilh. Koch jun einstweilen niedergelegt würde und dieser mir dagegen einen “Nach Sicht” zahlbaren
Wechsel auf genannte Summe der Fl 90 übermachte. Nun Du wirst ja sehen wie sich das Ganze ordnet; viel-leicht ließe sich das Ganze auch durch das Wechselhaus der Fr: v. A. in Weimar selbst vermitteln. Besorge mir
nur zuerst das Geschäfte in Berlin, weil diese Zahlungsfrist die nächste ist. –

Am 31en August. Nachmittags 4 Uhr. Da ich nun einmal einen zweyten Viertelbogen genommen habe, da sich während des
Schreiben dieses manches weiter entwickelt hat, und dieser Brief nun nicht von hier heut an Dich abgehen wird, deßhalb
noch einiges über den hiesigen Stand der Dinge. – Schon seit längerer Zeit waren Barop und ich darüber einig,
daß er aus mehreren Gründen, nämlich des überhaupt regen geistigen Lebens in Zürich wegen besonders auch als jetziger
Vorort der Schweiz, worinn die Tagessatzung jetzt vereint, wobey auch Eduard Pfyffer gegenwärtig ist, daß
dieserhalb Barop eine Reise nach Zürich machen müßte; wir erwarteten nur die nähere Entwickelung der
oben angedeuteten Verhältnisse. – Heute Vormittags kam nun oben schon ehrenhaft genannter Herr Ge-
richtsschreiber Kilchmann
welchem Barop auch unsern Entschluß mitgetheilt hatte und brachte diesem
nachstehendes offenes Schreiben an den sich jetzt als Gesandter des Standes Luzern in Zürich befindenden Ed. Pfyffer.
“Dem Titul Herrn Herrn Statthalter Eduard Pfyffer Ehrengesandten an der Hohen Tagessatzung in
Zürich empfehlen wir den Träger dieses Herrn Johann Barop, Lehrer an hiesiger Erziehungsan-
stalt des Herrn Fröbel zu gütiger Aufnahme und Berathung über den ferneren Fortbestand
dieser Anstalt. Eine kurze Zeit etwas irre an unserm Volke glaubten einige der Überneh-
mer, diese Unternehmung als Opfer der Politik aufgeben zu sollen; allein der neuerdings sich
gut und bieder gezeigte Sinn (des Volkes) ermuthigt auch die Zaghaften wieder unter uns.
Blos hätten wir gern einen guten Rath hierüber, von demjenigen allgemein hochgeach-
teten und hochgeschätzten Manne, der sich ohnehin schon soviel Verdienst um die Erziehung unserer
Jugend erworben.
Mit innigster Verehrung unterzeichnet ergebenst für sich und die übrigen Antheilnehmer
Willisau den 31. August 1833             Kilchmann, Gerichtsschreiber”
(später unterschrieb sich noch): Heinrich Baumann, Rechtsanwalt. /
[3R]
Aus diesem vorstehenden Schreiben Kilchmanns, sehet Ihr nun wohl klar, wie es gestanden hat und jetzt wieder
steht. Der Verein scheint durch die allgemeine Theilnahme der Edelsten im Volke wieder Muth bekommen,
d.h. die Furcht verlohren zu haben daß ihnen, wenigstens den wenigen beamteten Mitgliedern des
Vereines vom Volke aus Nachtheil kommen könnte und würde, d.i. die Furcht verlohren haben daß
sie durch die allgemeine Stimmung im Volke (wie sich Kilchmann selbst ausdrückt [)] ihre Rathsherrn
Stühle verliehren könnten, weil ja deren Besetzung in einem Staate der Volkssouveränität, ganz
vom Volke und natürlich von der Menge und Mehrzahl im Volke, weil die Stimmen dafür oder dawider
gezählt
werden abhängt. Du und Ihr sehet dabey wieder, daß das Gelingen oder Nichtgelingen einer so
wichtigen Unternehmung, wie auch die hiesige wieder ist, von Hundert und Hundert kleinlichen persön-
lichen Rücksichten äußerlich abhängt, die man kaum ahnet und denen zu be- zu entgegnen {kaum nicht}
möglich ist, und daß man darum nur den ewigen, im Innern und verborgen waltenden
Gottes Geist still und vertrauend wirken und schaffen lassen muß, selbst aber männlich und fest un-
verbrüchlich seine Pflicht thun. Man muß jeden gähnenden Abgrund so festen Fuß[es] nicht nur entge-
gen gehen sondern sogar in ihn hineinschreiten als würde sich im Augenblick des Niedertretens
eine feste Brücke über denselben bauen, und – sie wird sich bauen. – Kilchmann sagte noch
daß nun der Stadtrath hier da er von dem Ergebniß der Unterzeichnung unterrichtet sey
gar keine Realkaution verlange, sondern nur mit wenigen Worten eine sicherstellende Erklä-
rung vom Vereine (welcher nun wieder ganz von neuem sich in sich zu consolidiren scheint, oder vielmehr
seine factische Auflösung in sich aus panischer Furcht ins Meer der Vergessenheit senken wird.[)]
Dennoch sagte uns Kilchmann, daß man von einem einzigen Punkte aus, im Dorfe <Trienge>
sich zur Unterschrift von 50 Carolin = 800 Schweizer Frken gemeldet habe, und er sey Willens
diese und auch noch andere Unterschriften anzunehmen, um das Ganze so immer mehr im Ver-
trauen und Glauben des Volkes Wurzel schlagen zu machen. – Eben kommt kam Barop von
einem Geschäftsgang aus dem Städtchen zurück, wo er von einem VereinsMitgliede, dem
Rechtsanwalt Baumann gehört hat: es gehe das Gerücht daß auch in und unter dem Volke
Unterschriften für das Bestehen der hiesigen Anstalt gesammelt würden, und daß schon mehre-
re Hunderte unterzeichnet hätten. Nun, solche Gerüchte sind schon als Gerüchte gut, sie wirken unter Umständen wie hier
mehr als die von einem Duzzend Männern gewonnene klare Verstandes Über-
zeugung. – So hat auch ein Bauer zu Barop gesagt: Nu! die Geistliche Herrn han’s ihne doch nicht
möge. D.h. sie haben es nicht vermocht uns hinunter zu arbeiten. - Du lieber Langethal und
Ihr alle werdet hieraus sehen, in welchem Meynung- Lebens- und Geistes Verband und
Verkehr hier das Ganze steht.
Ohngefähr 10 Minuten später. Soeben kommt Barop zum 2en male von einem Geschäfts Gange aus dem
Städtchen
zurück, da hat er denn weiter gehört, daß man jetzt im Volke sogar anfängt auf die Siegristsche Schrift “Einige Worte”
zu schimpfen und loszuziehen und auch eine kleine Erklärung von meiner Seite dazu, welche ich im Eidgenossen
unter dem Titel: - Nothwendige Ergänzung zu der Schrift Sr Hochwürden des Herrn Pfarrers und Dekans
des Kapitels Sursee: Herrn Georg Siegrist: “Einige Worte über das Fröbelsche Institut zu Willisau”; von
Friedrich Fröbel, als Vorsteher der Willisauer Erziehungsanstalt
” – die Aufmerksamkeit vielseitig auf
sich ziehe. Diese Schrift, 7 Seiten in 8° groß, mit dem Motto: Wo der Geist des Herrn ist da ist Freyheit. Paulus.
enthält kurz die Geschichte des Bekanntwerdens der beyden Siegristschen Briefe an mich, und da sie bisher
zwar als Actenstücke aber nicht öffentlich im Publikum bekannt waren, was doch seine, die Siegristsche Schrift
ausspricht und annimmt, nun den getreuen Abdruck dieser Briefe selbst. Mit nächstem sollt ihr [sc.: Ihr] auch
ein Duzzend Exemplare dieser Schrift zu Euerm Gebrauche bekommen. – Ich theile Dir und Euch auch diese zweyte
durch Barop mitgebrachte Sage mit damit Du und Ihr sehet wie hier das Leben oft brausend und schäu-
mend auf und niederwoget und daß es einer ruhig besonnenen riesigen Kraft erfordert die das Steuer fest
hält und nie die Magnetnadel, den Compas aus dem Gesichte, will sagen aus Kopf und Herzen, Geist
und Gemüthe verliehrt, also möglichst das vollendetste Ruhen des Mannes auf und in sich. Wie viel hätte
ich über diesen Punkt Dir und Euch mitzutheilen, aber heut ist Zeit und Raum dazu zu kurz.
Jetzt noch zwey Lebens- und Geschäftsaufträge. Wie ich und wir hier auf republikanischem Grund und Boden und
unter republikanischen Geiste alle Theilnahme zu wecken, zu einigen zu nähren und zum Ziele der Menschheit
zu leiten suchen, so müßt Ihr, besonders Du und Middendorff es in Keilhau wo und wie sich Euch Gelegenheit zeigt es
auf monarchischem Grund und Boden und unter und bey monarchischen Leben und Geiste thun, damit endlich einmal von beyden Gegensätzen aus das wahre Bedürfniß der Menschheit erkannt und zu und für Darreichung desselben gehandelt werde; aber Euch vor allem müßt Ihr immer festhalten. /
[3]
[2. Hälfte] Nun noch ein Auftrag. Frankenberg der sich, wenn auch nicht eben geistig und lebenskräftig, doch als eine treue
Seele bewährt, hat mir von einem seiner Freunde in Göttingen gesprochen, einem gewissen HErrn Schäffer
der früher im Hause seiner Eltern Hauslehrer war, jetzt in Göttingen das 2e Examen zur Wahl als Geistlicher
macht – welcher auch gern nach der Schweiz und hierher kommen möchte. Er wünscht sich praktisch mit dem Erziehungs-
wesen bekannt zu machen um später einmal die Erziehung fremder Kinder mit seinem Prediger Berufe zu einigen.
Bis jetzt scheint er aber noch ein schwankendes Rohr zu seyn. Deßhalb habe ich HErrn Frankenberg ausgesprochen, daß
es zu gewagt sey diesen jungen Mann zu bestimmen hierher zu kommen; er solle ihn dagegen
ver[an]lassen Euch
in Keilhau zu besuchen um so erst von dem Geiste unseres erziehenden Lebens angeweht zu werden. Könnt
Ihr Euch auf eine Probezeit mit ihm einigen, gut, wo nicht so versäumt keine Zeit mit ihm und laßt ihn
bald ab ziehen. Denn mit den studirten, promovirten, examinirten, gelehrten Häusern hat die ächte
Erziehungskunst das wahre Erziehungsleben nicht viel Glück: es bewährte sich auch hier der Ausspruch des größten
Weisen: es ist leichter daß ein Camel durch ein Nadelöhr gehe als daß ein Reicher das wahre Reich des Lebens
das Leben der Menschheit erfasse. - Und wenn ihr nicht werdet wie die Kinder so könnt ihr das Himmelreich der
Kinder nicht erschauen, ihnen dasselbe nicht bringen; die Lehre, daß durch Gelehrsamkeit u Gelehrtheit der Menschheit, ich möchte sagen auch beym besten Willen von ihr aus selbstthätig kein Heil komme hat mir viel Lehrgeld
gekostet und noch bis jetzt. Giebt mir die Vorsehung dazu die Gelegenheit so beginne ich hierinn von neuem ganz anders. -
Endlich lieber Langethal Morgen höre ich ist Dein Geburtstag, ich glaubte er sey den 3en doch gleichviel: Einigseyn
oder Treue; doch was gebe, was wünsche ich Dir? - Lebens- und Strebensklarheit und Sicherheit ist dem Manne
das Höchste; so nimm von mir den Titel dieses Buches, verschaffe es Dir und Klarheit über mein und unser Leben und
Streben wird Dir werden: Allgemeine Pädagogik pp von Joh. Friedr. Herbart. Göttingen bei Röwer 1806. 482 Seiten. – Nimm dieß Wenige aber gewiß Deinem Geiste und Leben viel gebende zum Zeichen der innigsten Theilnahme an Deinem Lebensfeste von Deinem   FrFr.

[Um die Lithographie des Briefkopfes S. 1 geschrieben:]
Die herzinnigsten Grüße von mir an Alt und Jung, Groß und Klein im obern und im untern Hause
an Deine liebe Frau, an Middendorffs, an Barops, an Bruder und Schwägerin, an Elisen, von der
ich einige Zeilen erhoffe, an Mathilde
welche mir verzeihen soll, daß sie
noch keinen Brief von mir empfieng.
Wie oft gedenke ich dieses lieben Seelen-
paares Elise und Mathilde und wünsche
sie wenigstens auf
einige Zeit in unsere Nähe.
Die geliebten Kinder grüße ich
alle namentlich: Hedwig, Emilie, All-
wina, Christian-Friedrich, Friedrich,
Bernhard, Heinrich Wilhelm, Gustav, A-
dolph, Felix, Titus, Johannes, Wilhelm,
Hermann, Ferdinand, August.
Auch unsere liebe Pfarrersfamilie in
Eichfeld grüße ich und unsern Herrn
Schullehrer in Keilhau, die alte Lehne aber
auch nicht zu vergessen, den Vater us.w.
Alle seid Gott befohlen. -
[1]
[Nachschrift am Rand ] Barops Brief und mein Paket habt Ihr doch bekommen? – Bekommen
wir künftigen Mittwoch hier Briefe von Euch? – Barop grüßt Frau und Kind und alle. -