Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Wilhelm Middendorff / Heinrich Langethal in Keilhau v. 4.10.1833 (Willisau)


F. an Wilhelm Middendorff / Heinrich Langethal in Keilhau v. 4.10.1833 (Willisau)
(KN 45,15, Brieforiginal 1 B 4°3 S.)

Des Himmels seegenreichsten Gruß meinen Lieben
in der Keilhauer Erziehungsanstalt aus Willisau
am 4en Oktober 1833.

Laßt mich in diesem Briefe gemeinsam und abwechselnd an Euch Middendorff und Langethal und durch
Euch an die übrigen Geliebten schreiben!
Mein erster Vorsatz war Euch gleich unmittelbar nach der Prüfung selbst zu schreiben, doch bedurfte ich den nächsten Tag dar-
auf für mich zur Sammlung in mir, dazu wählte ich als äußerlich Günstiges einen Spaziergang nach Wartensee,
wohin ich seit langem einmal wieder verlangt hatte, und da mir der Himmel dabey günstig war und am folgenden
Tage noch mehr auf das schönste günstig wurde, so kam ich erst spät am Mittwoch, lange nach dem Postabgang hierher
nach Willisau zurück. Euch die Gefühle während meines nicht ganz 24stündigen Aufenthaltes in Wartensee zu schildern
kann hier weder der Ort noch die Zeit seyn, denn Dringenderes mahnt. Genug! Wartensee ist ein sehr lieblicher Auf-
enthalt und es war mir in Beziehung auf mein schweizer Leben und Wirken zu Muthe, wie wenn man sich in sein Jugend-
Leben und Wirken versetzt siehet. – Auch die Fräulein Salesie v. Hartenstein traf ich da, sie äußerte sich gegen mich in
ihrer schon oft dargelegten gemüthvollen Herzlichkeit und Theilnahme. Die Wiederkehr des ganzen Gesprächs war jedoch
- daß ich mir des lieben Friedens in dem Kanton willen doch mein Wirken in demselben als Erzieher freywillig
aufgeben möchte, sie sprach mir weiter aus, daß sie und andere in Luzern es mit Bestimmtheit von mir erwarteten
und, da ja das Ganze nur in meiner Hand und meinem Willen nach, schon früher von mir erwartet hätte u hätten.
Ich suchte ihr nun klar zu machen, daß wenn es auch auch den Anschein haben könne, daß es in meinem Willen, es
doch keineswegs in meiner Willkühr ruhe, indem die gesammten Verhältnisse so in und durch ein ander ver-
schlungen wären daß man die Entwickelung nun einzig in die Hand der Vorsehung legen und in derselben ruhen lassen könne.
Ich sagte ihr nur noch daß ich gegen niemand bös und [un]friedlich gesinnt sey der gegen mich und mein Wirken hier im Kanton auf-
zutreten seiner Überzeugung nach für Pflicht hielt, daß ich überhaupt den Ausdruck und die Benennung Feind, gar nicht kenne
Doch nun genug und nur zu viel darüber. –
Welch ein öffentliches Urtheil und welch eine öffentliche Stimmung unsere Prüfung zur Folge hatte, so wie überhaupt ein
leise angedeutes Bild derselben wird Euch wohl Barop – dessen Brief ich jedoch selbst nicht gelesen, ja von ihm nicht ein-
mal Andeutungen daraus gehört habe – geschrieben haben. So viel scheint
jedoch ganz gewiß zu seyn, daß darüber
zum Volke oder Publikum (welcher Ausdruck Euch lieber seyn mag) nur Eine Stimme ist und diese spricht aus: - daß die
Ergebnisse der Prüfung bey allen über alle Erwartungen waren, und so viel könnt Ihr Euch doch leicht denken, daß 1) [erst]lich
diese Erwartungen nach Maaßgabe nicht klein und 2) ens daß sie sehr verschiedenartig waren; und daß dasjenige
was sich die Zufriedenheit des einen erwarb von anderen vielleicht gar nicht einmal beachtet wurde. – Das Wahr-
nehmen dieser Einen, einzigen Stimme war denn auch das Ergebniß meines 1 1/2tägigen Spatzierganges.
Eben so allgemein wie diese Stimme war denn auch die freudige frohe Stimmung der theilnehmenden Partheien und
schon auf dem Wege hörte ich wieder von dem Eintritte neuer Zöglinge oder vielmehr Halb- oder wollt ihr es noch schärfer
bezeichnen Drittelzöglinge. Doch in der Welt gehet in der Erscheinung und als Erscheinung nun einmal alles – aus
der Unvollkommenheit hervor, durch die Unvollständigkeit hindurch. Wer diese nicht, bis auf einen gewissen Punkt
ertragen kann, wird sich auch der Erscheinung des Vollkommenen, des Vollständigeren nicht erfreuen[.]
Selbst in und aus den Thälern und Punkten, wo eigentlich der Hauptsitz der Erregung und Aufregung gegen die Wirksamkeit
der hiesigen Erziehungsanstalt ist, im Entlebuch sollen sich Stimmen zur Theilnahme an der hiesigen Schule, wie es hier heißt,
ergeben haben, so hörte ich es gestern von einem Vater in Beziehung auf seine Söhne, so von einem schon selbständigen jungen
Menschen erzählen.
Ohngeachtet aber allen diesem stehet das Fortbestehen der hiesigen Anstalt äußerlich nach allem was geschehen ist und nach
aller günstigen Meynung im Volke, ja ohngeachtet aller Wünsche desselben und in demselben nicht um ein Haar fester als /
[1R]
zu der Zeit als wie Ihr durch Barop und aus Aktenstücken wißt, daß der Verein das Bestehen der hiesigen Anstalt schon
völlig aufgegeben hatte.
Der Verein wünscht zwar wie es dem Barop und dem Ferdinand, welche am verflossenen Mittwoch (den 2en Oktober) per-
sönlich mit ihm verkehrten – so wohl im Einzelnen als im Ganzen das Fortbestehen der hiesigen Anstalt, allein
in Beziehung auf das Wie ? – ist der Verein in sich nicht einig, wie könnte auch da Einigung herrschen wo die Selbstsucht
und der Eigennutz wie es hier der Fall ist mit all seiner Kraft eindringt.
Genug am gedachten Mittwoch Nachmittag, nachdem die gegenseitige Abrechnung abgeschlossen worden waren, hat
der Verein dem Barop und Ferdinand einen Plan vorgelegt, welcher darin bestehet, mir das Ganze zu übertragen,
allein unter ökonomischen Bedingungen, die ich wenigstens jetzt noch nicht einzugehen im Stande bin, nehmlich unter
einem solchen Miethsgelde des Ganzen wodurch der Verein nicht nur für jeden auch kleinen Verlust in sich gedeckt,
und ihm der Unterricht für seine Kinder in Zukunft nicht nur nicht höher, sondern sogar noch geringer käme als
den übrigen besonders auswärtigen Eltern welche jedoch jährlich noch circa 75 Rth. für Kostgeld im Städtchen
zu bezahlen haben. Auf das Einzelne jetzt nicht eingehend – welches in seiner Klarheit und seiner Bestimmtheit Barop nach-
holen wird, da dessen Mittheilung jetzt nicht wesentlich ist, - so sage ich blos, daß ich auf die Vorschläge des Ver-
eines, wie sie jetzt sind, nicht eingehen werde, ganz und gar nicht eingehen kann. Lieber werde ich Willisau
ja den Kanton Luzern selbst, wo nach allen Seiten hin alles so schwankend ist und sich bis jetzt gar noch keine durchgrei-
fende Festigkeit zeigt noch zeigen will verlassen. Dieß ist nun aber der zweyte Punkt.
Ihr wißt welche lebhafte, gründliche und weitverbreitete Theilnahme sich seit mehreren Wochen ja Monaten
in dem benachbarten Kanton Luzern Bern für mein erziehendes Wirken, meine Lehr- und Unterrichtsweise ausgespro-
chen hat, ja Ihr wißt gewiß aus Barops Briefe wie sich diese von Seite der Erziehungs- und Regirungsbehörde der
Kanton, oder wie er immer sich selbst nennt Republik Bern, diese Theilnahme durch eine Commission bethätigt
welche von dort zu unserer Prüfung hierher gesandt wurde. - Auch die Äußer auf eine mir selbst einzeln
vorgeführten strengen Prüfung beruhenden Äußerungen des höchsten, erfassendsten Beyfalls dieser Committirten
übergehe ich, Barop wird sie Euch gewiß mitgetheilt haben oder er kann sie Euch noch nachholen, ich hebe nur das
einzige heraus daß ich dem Herrn Regierungsrath Schnyder [sc.: Schneider] aus Bern selbst, einem dieser CommisionsHerrn verspre-
chen mußte 1lich nicht aus der Schweiz zu gehen, ja keinen anderen Lebens Plan oder zu machen oder in Verbindungen
zu treten ohne vorher ihn, und durch ihn die Regierung in Bern davon zu benachrichtigen. (:Schon früher und ich glaube
fast wiederholentlich an demselben Tage hatte mich ein zweytes Mitglied dieser Commission, der Herr Pfarrer Stähli aus
Huttwyl versichert daß man mich nicht wieder aus dem Kanton Bern loslassen würde:) 2ens mußte ich versprechen
binnen 8 – 14 Tagen gedachtem Reg K. Schnyder [sc.: Schneider] eine offene Darlegung meines jetzigen Stehens hier in Willisau und
meiner Verhältnisse in dem Kanton Luzern vorzulegen.
Diesem, meinen gegebenen Versprechen und den vorliegenden Umständen gemäß werde ich nun morgen (Sonntags)
oder übermorgen (Montags) mit Barop nach Bern abreisen; unser Weg geht dann über Huttwyl und ich werde
da der Herr Pfarrer Stähli gleich darauf nach Bern gereiset ist, hören welche Wirkung die Comission in Bern
und deren Bericht hervor gebracht hat. – Barop ist gestern früh mit Ferdinand um nach den Pilatus zu steigen,
und von da nach Luzern, um den Wechsel realisiren zu lassen, zu gehen, von hier verrreiset. Weil nun das
Wetter zum Bergsteigen sehr ungünstig ist, so erwarte ich Barop heut schon wieder zurück. Dann gehen wir
morgen schon nach Bern ab. Auf jeden Fall spreche ich morgen den Herrn Pfarrer in Huttwyl. Nach dieser
Reise glaube ich kann und wird sich dann meine Stellung zu mein[em] Bleiben in Willisau, oder im Kanton Luzern
überhaupt aber mein Verhältniß zu Bern d.h. den Kanton entscheiden.
Vor jetzt scheinet nun in letzter Beziehung so viel klar und gewiß zu seyn. Weil nun aus dem Bernschen bis jetzt
4 Pfarrer (sämtlich nicht allein Districts Schulkommisiäre, sondern einige davon sogar Mitglieder der großen
Landesschulcommission sind) – außer diesen zwey Oberlehrer, (einer war bey der Commission an dem Prüfungstage)
zwey andere Schulkommissiäre zugleich Beamtete und ein anderes Mitglied der großen Schulcommission, der
Apotheker Temler, aus Langethal zugleich Stadthalter und Mitglied des großen Rathes der Republik Bern [.]
Weil sonach also 9 Männer von Kenntniß, Erfahrung und Gewicht sich mit wiederkehrender Prü-
fung der hiesigen Erziehungsanstalt beschäftigt haben, [-] so war z.B. der Herr Pfarrer Stähli 3 mal prü-
fend hier – so scheinen sie sich von der Richtigkeit des hiesigen Erziehungs und Lehrgeistes so vollständig
überzeugt zu haben, daß sie diesen Geist in die Erziehungs- oder vielmehr Schul- und Lehranstalten ihres Kan-
tons zu versetzen zu verpflanzen wünschen.
Da aber in dem Kanton Bern, wie jetzt wohl überall auch in Beziehung auf das Schul- und Erziehungswesen
wegen dem Eingreifen der Schule und der Erziehung in alle Lebensverhältnisse – Partheyungen und große Partheyungen
herrschen, so scheint zwar der Kanton Bern d.h. diejenigen in demselben welche sich für den Geist meiner Erzieh-
und Lehrweise aussprechen und so namentlich die Einsichtigsten der Regierung und der Erziehungsrath selbst – mein Wirken in der Schweiz und für den Kanton auf das thätigste zu unterstützen
, aber ebendesshalb scheinen sie auch die
junge Pflanze gleich von ihrem ersten Keime an für den schädlichen Zahn der nagenden Partheyungen
sicher stellen zu wollen, und darum sich zu bemühen zu vermeiden, daß mein Wirken nicht aus einem
nun fast beendigten Partheykampf mit der hiesigen Geistlichkeit, nicht in einen neuen vielleicht nachtheiligen
versetzt werde, z.B. mit Fellenberg in Hofwyl, von welchem es besonders im Kanton Bern heißt daß er
einen Europäischen Namen habe und welchen eben darum zunächst, das ganze Erziehungs- und Unterrichts-
wesen des Kantons Bern, ja wenn es möglich wäre, der Ganzen Schweiz an sich reißen mögte. Diesen
Mann scheint man nun aber im Kanton Bern, selbst im Bereich des Erziehung- und Lehrwesens sehr zu fürchten und
dieß um so mehr als von ihm die Sage geht, daß ihm jedes Mittel zur Erziehung seines Zweckes – Niemanden
so heißt es um und neben sich zu dulden, um und neben sich aufkommen zu lassen – recht und gut ist, wenn es
nur dafür wirksam ist; Diesen Mann fürchtet man also um so mehr, fürchtet ihn gerade zu für mich und
um meinetwillen als sein moralischer Credit als Erzieher und Volkslehrer bildend im Canton Bern ja in
der Schweiz sehr gesunken ist. In diesen Umständen scheint es mir nun zu liegen daß man von Bern aus,
besonders von Seite der Regierung und des Erziehungsrathes wünscht: - daß meine Wirksamkeit im Kanton Luzern
so nahe wie dieß jetzt der Fall ist, an der Bernschen Grenze, bestehen möge, um mir zunächst vom Staate
aus mehrere junge Männer zu übergeben um sie zu künftigen Lehrern für den Staat Bern auszubilden,
um so meiner Wirksamkeit als Erzieher in der Schweiz immermehr Festigkeit und Umfang, völlige Sicherung
zu geben um sie vielleicht später einmal immermehr in den Kanton Bern selbst <hinein> zu ziehen, mir wohl
schon der Gedanke ausgesprochen wurde, mir einmal die Führung des ganzen Schullehrerseminars im K.B. zu übertragen /
[2]
Zweyer anderer, schon früher an Euch erwähnter Gedanken hier gar nicht zu gedenken.
So stehet also das Ganze besonders in Beziehung auf Bern und ihr sehet wie ich darum wie ich ohne weitere Mittheilungen
und Verhandlungen mit den betreffenden Behörden und Personen in Bern Euch gar nichts weiter mittheilen kann[.]
Doch eben wegen der Wichtigkeit meines erziehenden Verhältnisse zu dem Kanton oder wenn ihr Lieber woll[t] der Republik
Bern, welche Wichtigkeit Euch aus den Mittheilungen hoffentlich sattsam, selbst für mein Bestehen im Kanton Luzern, hervor-
gehen wird; eben wegen der Wichtigkeit dieses Verhältnisses komme ich jetzt hier schriftlich zu Euch. Je wichtiger, stützender
und fördernder nun dieses Verhältniß für meine gesammte erziehende Wirksamkeit zu werden scheint, um so tiefer als
es immer mehr in sich selbst begründet wird, um so hoch bemerkens- und beachtenswerth erscheint es, daß ich die
Anknüpfung, die Förderung und Entwickelung dieses Verhältnisses ganz besonders des Sigristschen Betragens und
dessen Schrift gegen mich verdanke, so ist es nun schon zum dritten male, daß dasjenige was zu meinem sicheren
gewissen Falle reichen sollte mir zu meiner gewissen sicheren und immer befestigenderen Erhebung gereichte. Ehe ich nun
mit diesem meinem Gesuche an Euch hervortrete will ich nur noch das bemerken, daß der HErr Reg. Rath. Schnyder [sc.: Schneider]
ebenfalls wie Sigrist mit mir zugleich als Schüler bey Pestalozzi war, daß er sich meiner noch erinnerte, mich fragte
ob ich mich seiner noch erinnere u.s.w. so sehet Ihr wie ein ächter Geist noch nach vielen Jahren hier fast ¼ Jahrhundert
wieder erkennend, bildend, bindend, klärend wirkt, darum – dieß nur im Vorbeygehen – pflegt auch den Geist
der in Keilhau keimte in Wartensee erstarkte und in Willisau wirkte, vielleicht nach mehr als einem ¼ Jahrhundert
wirkt auch er wieder irgendwo neu belebend einigend u.s.w. u.s.w. denn unser wackerer < Kilchmann> hier in
Willisau wißt ihr, war ja auch in jenen Jahren mit mir bey Pestalozzi.
Nun endlich zur Sache. – Ihr sehet also hier ist nicht ein nur noch schlummerndes zu wecken, nicht einmal erst zu
beleben, sondern nun fördernd zu gießen zu pflegen. Und dieser sorglichsten Pflege wegen komme ich nun zu Euch.
Bey der Anwesenheit des Herrn
Justiz- und Ober: A. G. Raths Martin in Keilhau, vor meiner Abreise hieher, gab mir derselbe
unter einigen andern auch einen mündlichen Gruß und Empfehlung an den Doktor Karl Schnell in Burgdorf, Appellations-
Rath von Bern und Gesand[t]er bey der Tagessatzung in <Zürich>. Zugleich sagte mir der Herr Geheime Justizrath: im Fall mir
irgend einmal ein schriftliches Wort von ihm fördernd für meinen erziehenden Zweck seyn könnte, ich mich dann
nur bittend an ihn wenden möchte, weil er heut in der Schweiz sehr viele seiner früheren Schüler in Staatswirksamkeit
habe, daraus folgt nun aber auch daß der Mann und das Urtheil des Herrn Geh: Just. R. hier in der Schweiz, wie in Deutschland
in sehr hoher achtender Anerkennung stehet. Da ich nun hierinn die bestimmtesten Erfahrungen gemacht habe, so komme ich hier
ohngeachtet ich von seinen mündlichen Grüßen bis jetzt hier noch keinen Gebrauch machen konnte, dennoch in Beziehung
auf sein weiteres freundschaftsvolles Anerbieten hier zutrauensvoll mit einer Bitte an ihn, an ihn durch Euch.
Gedachter Herr Dr. Karl Schnell ist nehmlich jetzt ein Mann von bedeutendem Einflusse und Wirksamkeit im Kanton
Bern, besonders wegen der Festigkeit mit welcher er die höheren und reineren Staatsgrundsätze durchführt u.s.w. Dazu
kommt noch in Beziehung auf mich und mein Verhältniß daß sein Bruder Mitglied des Erziehungsrathes zu Bern ist und
in demselben wie ich höre, ebenfalls eine nicht unbedeutende Wirksamkeit und Stimme habe. Deßhalb komme ich nun,
durch Euch den Herrn Geh. JustizRath Dr. Martin (welchem ich mich verehrend empfehle, so wie dessen Familie hochachtend grüße) -
zu bitten: er möchte für mich und Euch, so wie eigentlich für das Ganze die freundschaftliche Gewogenheit haben
nur ein paar prüfend Urtheilende Worte an den HErrn Dr. K. Schnell zu überschicken. – Es könnte nun
wohl scheinen, als wäre zu dem was ich jetzt wünsche das früher von dem HErrn Geh. Just. Rath ausgesprochene
Urtheil genügend, und auch ich zweifele nicht daß sein Name in Bern der Sache schon unter jenem Urtheile,
sehr fördernd seyn wird, doch ist in jenem Zeugniß mit Bestimmtheit ausgesprochen, daß ich dortmals noch
nicht die Ehre hatte dem H. Geh. Justiz R. Martin persönlich bekannt zu seyn; diese Ehre ist mir nun aber doch während
meiner jüngsten Anwesenheit in Keilh: zu Theil geworden auch hatte ich ja viel Gelegenheit mich ihm, seiner Fr. Gem. und durch
Euch auch seinem Sohne über unsere über meine erzieherischen Ansichten auszusprechen. Ich möchte darum wohl wünschen
daß es angienge von ihm als erfahrenen Staatsmanne einige urtheilende Worte über meine Erziehungsweise und Lehr<mittel>
zur Bildung künftig und einst seegensreich für jeden Staat wirkender Bürger, besonders aber zu und für Bürger in
einem Staate, einer Republik, deren Festigkeit und Heil eben in einem <Kerne> von rein menschlicher, alle Anlagen
in dem Menschen gleichmäßig entwickelnder Erziehung durchdrungener tüchtiger Bürger brauche. Einen in
diesen Sinne an den Herrn Dr. Schnell geschriebenen urtheilenden Brief wünschte ich nun daß dH. Geh. Justiz Rath
Martin mir entweder zur persönlichen Abgabe oder zur Überschickung an denselben gütevoll überschickte.
Wie gesagt, und dieß dünkt mich wichtig – es handelt sich nicht darum hier erst ein Zutrauen zu wecken zu begründen
nein! Dieß zu erlangen ist mir durch mein Handeln in der Schweiz besonders seit den letzten 5 Monaten gelungen, son-
dern es handelt sich darum eine schon warme, lebendige Theilnahme, ja ein schon knospendes Zutrauen zu
voller Blüthe zur Frucht, zur reifen, seegensreichen Frucht zu entwickeln, zu erstarken.
Ich halte die Sache für uns alle nach jeder Seite hin so wichtig, daß ich Dich Langethal auffordern möchte, un-
mittelbar nach Empfang dieses Briefes, wenn es nur einigermassen angehe sogleich nach Jena zu reisen
wegen dieser Bitte und besonders auch die Art deren Erfüllung unmittelbar und mündlich mit dH. Geh. J. R. M. zu
sprechen. – Der HErr Dr. Schnell gehört zu den freysinnigsten Bernern, ja den freysinnigsten Schweizern einem
ächten Republikaner, wie sich denn auch wie ich schon oben sagte, sein Kanton immer Republik nennt (:was freylich
an sich jeder Kanton in sich wirklich ist, wenn auch nicht ausspricht:). An die Nothwendigkeit der möglichsten Durchbildung
wenigstens eines größten Theiles der Bürger reiner republikanischen Staaten, und an die Tüchtigkeit unserer
Bildungs und Erziehungsweise, als einer rein menschlichen zu ein- und umsichtigen, thatkräftigen und in Wort Leben
und Bedürfnissen einfachen, also darum glücklichen Bürgern einer Republik – daran dünkt mich müßten sich
die urtheilenden Worte dH. Geh. J. R. Martin anknüpfen. Was derselbe über mich persönlich auszusprechen
für entsprechend erkennen würde, würde sich daran anschließen. Besonders vielleicht in Beziehung auf die ausdauernde, treue, ruhige Ausführung jedes einmal unternommenen Werkes u.s.w. – Damit nun aber der Hauptgesichtpunkt
festgehalten und besonders bestimmt ge-
klärt würde, dazu glaube ich wäre es besonders gut, wenn Du Langethal Dich münd-
lich mit HErrn Geh. Just. R. Martin besprächest. – Es war Euch von jeher die Verkettung und die innige Theilnahme der Familie
besonders der Person dH. Prof. Martin mit unserem Leben so höchst merkwürdig, vielleicht daß durch alles dieß
erst das Ganze in seine wahre Bedeutung komme. Nochmals dieser Familie meine hochachtungsvollsten Grüße. –
Was Barop wegen Langhoff aus Westphalen Euch geschrieben hat, unterschreibe ich, denn wahr hat <Zahn> anderes ist,
Gutes, Wollen, anderes ist tüchtig zu seyn Gutes auszuführen, und anderes noch, das Gute wirklich auszuführen; - In Beziehung auf
Titus sage ich seyd wie die 12 klugen Jungfrauen; Französisch soll er tüchtig treiben um der Elementarlehre einst hierin tüchtig vor-
stehen zu können. Jeder der einst gerne aus Keilhau auswandern möchte z.B. auch Johannes übe nur nach Möglichkeit auch Gartenbau
Baumpflege, Feldwirtschaft. Dieß wird, fast scheint es, bey einem gewissen Plane so, mich in Verlegenheit setzen d.h. dessen Mängel <?>/
[Randnotizen]
[1]
Wegen dem HErrn Präs: Schwarz dessen Todt mich erschütterte – habe ich nichts zu schreiben; Sein Sohn der geh: Secretär wird <Dir zur Reise die> Rth 500 zu besorgen haben – Die Rth 1000 stehen mit der Steuerkasse in Verbindung. Langethal besorge mir bald den von Ahlefeldschen Wechsel bitte. Euer Friedrich Fröbel
[1R]
Warum schickt Ihr uns denn die große Sendung der Briefe nicht? – Denkt Ihr nicht daß wir solche Gaben sehr bedürfen? – Oder denkt Ihr ich werde so schleunig nach Keilhau zurückkehren können? – [so] will es nicht scheinen! –
[2]
Den Brief müßte ich aber wenn nur einigermassen möglich durch die Reitpost erhalten, doch erhältst Du in 8 Tagen spätestens weitere Nachricht von mir. Grüße an alle.