Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friedrich Zyro in Unterseen v. 17.10.1833 (Wartensee)


F. an Friedrich Zyro in Unterseen v. 17.10.1833 (Wartensee)
(KN 45,18, Abschrift 1 B fol 3 ½ S. von Ferdinand F.)

Die Keilhauer Erziehungsanstalt grüßet den H. Pfarrer Zyro

Schloß Wartensee am Sempacher See, Kanton Luzern, am 17ten October 1833.


Hochehrwürdiger Herr Pfarrer,
Hochgeehrter Herr!

Ihre ehrende Zuschrift vom 9ten d. M. habe ich erst gestern hier in Wartensee empfangen, wohin
ich, als meinem ersten Wirkungsorte in der Schweiz, mit meiner Frau eine kleine Erholungsreise
gemacht habe; sonst würde ich dieselbe ihrem [sc.: Ihrem] Wunsche gemäß gewiß früher beantwortet haben.
Bei diesem Anlasse will ich Ihnen doch gleich bemerken, daß die Briefe aus dem Bernschen mit der
Post einen langen Weg zu mir hin nach Willisau machen, indem sie alle erst bei Willisau vor-
bei u nach Luzern gehen, dann erst von dort nach Willisau, nach der bestehenden Postordnung zu-
rückkehren müssen. Sollten Sie also irgend einmal eine baldige Nachricht von mir wünschen,
so würde ich Ihnen vorschlagen die Briefe unter Couvert an den H[er]rn Pfarrer Stähli nach Hutt-
wyl zu schicken, mit der Bitte, mir solchen durch einen Knaben, der sich wohl um Billiges fin-
den würde, zukommen zu lassen; dieß jedoch natürlich nur in dem angeführten Falle.
Nun zur Beantwortung Ihrer vertrauenden Zeilen selbst.
Wie jetzt das Ganze steht, so glauben wir, daß am 28ten dieses [Monats] die Unterrichtsstunden der An-
stalt ihren Anfang nehmen werden; auf das Höchste könnte es sich auf 8 Tage weiter hinaus
schieben.
Nach dem, wie ich mir nach meiner jüngsten Anwesenheit in Bern zu urtheilen erlauben darf,
so dünkt es mich, daß Ihr Vorschlag Herrn Lehnherr eine längere Zeit auf Kosten des Ber-
ner Staates in die Willisauer Erziehungsanstalt zu schicken in dem Erziehungsdepartement
von Bern wohl beifällige Stimmen finden möchte; ja, habe ich anders die mir gemachten Mit-
theilungen recht verstanden, so hatten, so haben noch verehrliche Glieder des gedachten Depar-
tements den Gedanken, daß für dieses Winterhalbjahr sogleich einige oder mehrere junge
Männer, die sich theils dem Schulwesen, bis jetzt schon gewidmet haben, theils eben jetzt zu
widmen im Begriffe stehen, zu ihrer Ausbildung meiner Leitung in Willisau anver-
traut werden könnten und sollten.
Wollen Sie mir nun erlauben, daß ich Ihnen, geehrtester Herr Pfarrer! ganz offen meine Über-
zeugung darüber aussprechen darf, so glaube ich, daß dieß ganz wesentlich vortheilhaft für den Zweck
des verehrlichen Erziehungsdepartements sein würde; denn erstlich wirkt das Leben in und
mit einem jungen frischen, wenn auch mit unter kämpfenden Erziehungsleben wie jetzt
das der Willisauer Erziehungsanstalt ist, auch ganz wesentlich weckend, erhebend, stärkend u
bildend auf junge Männer, welche sich dem erziehenden Lehrfache, der Volkserziehung wid-
men; zweitens, wenn nur ein einziger junger Mann für einen umfassenderen Zweck sich
einem solchen Verhältnisse hingiebt, so ist selten vorauszusetzen, daß ein u ebender-
selbe junge Mann nach verschiedenen Seiten hin z.B. der Mathematik und Sprachseite hin gleich
reges Interesse, wenigstens gleich lebhafte Auffassungsgabe habe; drittens kann selbst
auf den Fall, daß dieses wäre, ein einziger, besonders bei beschränkter Zeit, nicht alles
nach mehreren Seiten hin gleich um- u erfassend auffassen u betreiben, wenn dieses
anders bis zu der Stufe des völligen Überblickes u bis zu der Kraft u. Gewandtheit der frei-
en, selbstthätigen Segreduction aus sich geschehen soll. Bis zur Erlangung dieser Bildungs-
stufe sollte eigentlich nie ein Erziehungs- u Lehrkursus mit Bildlingen für das Schulwe-
sen, besonders für das Land- u Volksschulwesen abgebrochen, oder vielmehr als beendigt
angesehen werden; weil diese jungen Männer in ihrem oft beschwerlichen Berufe zu ihren
fernern Fort- u Ausbildung keine wirksamere Triebfeder haben, als das tief geweckte /
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Plan geordnete u mit den Mitteln begabte Knaben zur eigenthätigen Selbstanziehung, Selbstbelehrung
kurz Selbstaus- u Fortbildung. Mir wills fast scheinen, als wäre es in dem Mangel der Beach-
tung dieser Andeutung, warum das Land Volksschulwesen an verschiedenen Orten, bei doch
wirklich so großen Aufopferungen mehrerer Staaten, doch eigentlich so wenig wahrhafte, ächt ge-
diegene innere u stetige Fortschritte <welche> Viele halb- u weniger als halbgebildete können
nicht bewirken, was einige ganz u durchgebildete, ja! ein Einziger vollendet u durchgebilde-
te muß dann oft wieder gut machen, u alle jene verderben. Viertens bringt das gemein-
same, zusammen wirkende Streben wenigstens einiger zu dem einen Ziele u für den einen Zweck
des erziehenden Lehr[-] u Schulfaches mehr W[et]teifer in die Thätigkeit aller, eben wenn der eine durch
Anlage u Neigung mehr nach der eine[n] die andere aber nach einer anderen Seite hingezogen
oder getrieben wird. Wegen dieser <früher> angedeuteten Rücksichten nun, dünkt es mich,
wäre es gut, wenn gleichzeitig wenigstens einige junge Männer, versteht sich übrigens von
wirklich innerm Berufe für das erziehende Schulfach, einen Kursus dafür, auf Kosten des
Staates beginnen u durchführten. Soll dann das verehrliche Erziehungsdepartement der Re-
publik Bern den Vorsatz haben u festhalten später vielleicht in den Staate selbst eine Muster-
anstalt zu erziehenden Lehrern für das Land[-] u Volksschulwesen auszuführen, so könnte dann
einer, oder einige derselben, oder nach Umständen alle sogleich bei dieser Anstalt als lehrend u er-
ziehend angestellt werden u so zugleich sich selbst noch unter der Leitung, dem Leiter dieser Anstalt
weiter u ganz ausbilden; wo es dann mög[lich] wäre, daß eine solche Musteranstalt eine stets u stetig
zum Wohle des Landes fließende Quelle werde, indem sie denn fast ganz allein durch junge Berner,
an Körper u Geiste kräftig, berufsfähig berufstreu aus dem Kerne des Volkes u Landvolkes
selbst aus- u durchgeführt werden könnte, was ich für wesentlich vortheilhaft halte, denn eine solche An-
stalt soll sie wirklich ins Volk wohlthätig, segensreich eingreifen, muß nothwendig auch ächt volks-
thümlich sein- und werden, sie muß eigentlich aus dem Volke, ihm selbst verständlich u einsichtig her-
vorgegangen sein, denn der menschliche Geist erträgt nun einmal auch als Volksgeist das Fremd-
artige nicht u wirft dann früher oder später <mit> dem unpassenden Fremdartigen, auch das gute Eigenartige ab
u weg. Allein ächt volksthümlich kann eine solche erziehende Musteranstalt werden, wenn der höhe-
re allgemein menschliche, erziehende u lehrende Geist sich in der Besonderheit u Eigenthümlichkeit
des Volksgeistes kund thut. Ich meine näml[ich] so: man muß den höhern allgemein menschlichen Erzie-
hungs[-] u Lehrgeist aus dem besondern u eigenthümlichen Volksgeist, d.h. aus seiner nothwendig ganz
eigenthümlichen Lebensanschauung u Lebensfassung entwickeln u so den sich schon vorfindenden
Volksgeist wahrhaft empor heben u f[or]tbilden, nicht aber dem besonderen u eigenthümlichen
Volksgeist – selbst nicht einmal den <ihren> u höchsten rein menschlichen Geist u allgemei-
ne menschliche Bildung aufdrücken u ein[p]rägen. Dieß ist ein Mißgriff, der leider nur zu oft,
zum größten Nachtheil der ächten Volksbildung gemacht worden ist; von einigen u mehreren, die
es seelengut u menschlich rein mit dem Volke u der Volksbildung meinten, ich darf fast sagen,
gemacht werden mußte, weil sie von den Vätern des Vaterlandes, in deren Hand, wie immer
in der Hand des Vaters die Erziehung d Familie liegt, die Erziehung des Volkes lag – bei
Ausführung ihrer reinen Absichten in Stiche gelassen wurden. Achtung des Individuellen,
Landschaftlichen, Volksthümlichen, aber Erhebung und Ausbildung desselben zum reinen allge-
mein Menschheitlichen, dieß ist mir der erste Grundsatz meiner angewandten u ausübenden
Erzieherwirksamkeit. Aber nochmals [ge]sagt, die Väter des Vaterlandes wolle[n] mir u uns
über diesen Punkt gleich denkenden <Führern>, gleich den einzelnen Vätern se<l>ten zu dieser
Erhebung u Ausbildung durch Entwicklung die nöthige Zeit lassen, u doch ist ohne dieß das
Heil u der Preis, wonach mir doch alle Einzelne u Völker, so sehnsüchtig streben, nicht zu
erreichen; die Geschichte spricht mit <Kampf>schrift u Schmerzenswort, doch unsere Ohren
sind für die Laute des Schmerzes unzugänglich u unser Gesicht für diese Schrift zu beisichtig.
Eins noch will ich Ihnen, hochgeehrter Herr Pfarrer! in Beziehung auf den in Ihrem /
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Briefe berührten Gegenstand unumwunden aussprechen, indem ich fest überzeugt bin, daß Sie
wenn einmal etwas geschehen soll, oder wirklich geschieht, ebenso wie ich lieber gleich das Ganze u Tüch-
tige, als das Halbe und das Unvollständige wünschen. Meine Erfahrung sagt mir nun: der Mensch wird
selbst bis zu einer bedeutenden Stufe seine Entwickelung nicht sowohl u allein durchs Wort, sondern über-
wiegend u vorwaltend durch das Leben, im Leben, in einem bestimmten Leben selbst, durch den Geist des
Lebens, u dieses bestimmten Lebens, belehrt u gebildet. Darum halte ich es für ganz wesentlich heil-
sam, ja nothwendig, daß junge Leute, wenn sie sich einmal einer erziehenden Lehre für einige
Zeit widmen, sich dieser dann, während des Laufes dieser Zeit ganz, stetig u ungetheilt hinge-
ben. Ich meine, daß solche junge Leute während dieser Zeit ihrer Bildung dann auch ganz u gar
in dem erziehenden u Lehrkreis u von demselben umgeben leben. Die Kosten deßhalb sind nicht
bedeutend größer u der Gewinn davon doch wesentlich; denn dann kann ein Wort zur rechten Zeit gespro-
chen, eine Sache zur rechten Zeit, wenn das Gemüth dafür geöffnet ist, vorgetragen und gezeigt wer-
den. Der Gewinn solcher Lehre, eben nicht an den Glockenschlag gebunden, überwiegt nach meiner Er-
fahrung jede deßhalb vergrößerte Ausgabe, besonders wenn ein Staat, - der als solcher nur das Beste
wollen soll – schon einmal das Gute will.
Wollen Sie nun, geehrtester Herr Pfarrer! als erfahrner Schulkommissarius von diesen Andeu-
tungen vielleicht bei dem hohen Erziehungsdepartement der Republik Bern Gebrauch machen,
so glaube ich, es wird günstig für Ihren Zweck, heilsam für das Ziel des Erziehungsdepartementes, so
wie zum Wohle für das Ganze sein.
Ihre gütige Theilnahme wünscht etwas Näheres von der gegenwärtigen äußerlichen
Lage der Willisauer Erziehungsanstalt zu hören. Diese ist bis jetzt noch so, wie sie bisher immer
war u scheint auch so zu bleiben, d.h. auch das äußere materielle Bestehen derselben ruht noch
bis jetzt einzig u allein in ihrer innern Kraft u eigenen Hand: Der Erziehungsrath u die hohe
Regierung des Kantons Luzern dünkt mich wohl das Fortbestehen dieser Anstalt eben so sehr
zu wünschen, als sie in demselben gern zu dulden. So höre ich soll jetzt von Seite des Erziehungs-
u des Kl- Rathes eine gründliche Widerlegung sämtlicher Petitionen gegen die Erziehungs[-]
anstalt ausgearbeitet u gedruckt u dem hohen Gr Rathe bei seiner nächsten Sitzung im
Monat Dezember zur Entscheidung übergeben werden, u es scheint den betreffenden Behör-
den keinem Zweifel unterworfen zu sein, daß die Entscheidung dann zu Gunsten der Erziehungs-
anstalt , d.h. der Beschluß zum ungehinderten Fortbestehen derselben ausfallen wird, jedoch
scheint es nicht in der Absicht der betreffenden Behörden des Kantons Luzern zu liegen, die
Erziehungsanstalt zu ihrem u für ihr äußeres Fortbestehen materialiter zu unterstützen;
vielleicht scheint diese Unterstützung gar nicht in der Macht der betreffendenden Behörden zu
liegen, indem man die Anstalt immer nur als Privatunternehmung betrachtet, eine solche
aber zu unterstützen gegen die bestehenden Kantonalgesetze ist, welche um so mehr
streng beachtet werden müssen, weil unter dem Personale den betreffenden Behörden
selbst Gegner der Anstalt sind. So scheint es mir darum weiter, daß wenn sich die Anstalt
nicht durch ihren Geist, ihre Wirksamkeit u ihre Leistungen, u so also durch die geweckte Er-
ziehungstheilnahme, die Mittel ihres Fortbestehens von außerhalb des Kantons erreicht,
so kann sich die Erziehungsanstalt, wenn auch mit Festigkeit u Ausdauer durch u in dem Mei-
nungs u Parteikampf, doch nicht ökonomisch durch die alleinige Theilnahme des Kantons
oder in dem Kanton Luzern erhalten, denn man scheint hier noch gar keinen Maaßstab
für die Kosten zu haben, welche eine solche Anstalt, soll sie anders gesund u freudig
bestehen, fordert. Ja es will sogar den Anschein haben, als wenn unter der Maske der
Erreichung u Ausführung einer tüchtigen u vorzüglichen Kindererziehung eigennützige Specu-
lation in einigen bei Stiftung des Vereins für die Errichtung Erziehungsanstalt vor-
züglich wirksam gewesen ist. – Mit einfachem kurzen Wort: ich muß nach meinen Wahr-
nehmungen u Erfahrungen bis diesen Augenblick glauben, daß Partei- u Meinungskampf /
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nicht stark genug sein mögen, die Willisauer Erziehungsanstalt hinunter zu arbeiten, daß aber
Eigensucht u Eigennutz u ein drittes was daraus folgt, der Krebs, das Gift sein werden, was
die Herzwurzel dieser jungen Pflanze nur zu schnell abnagen wird. Leider sind dieß Äuße-
rungen von Gedanken, welche einer Wirksamkeit, wie die vorliegende, ganz fern sein sollten,
wenigstens mir bisher auch in meinem Handeln ganz fremd waren u immer fremd bleiben wer-
den.
Ihre aufrichtige freundschaftliche Theilnahme, hochgeehrter Herr Pfarrer! an der Gesamtwirksam-
keit der Willisauer Erziehungsanstalt macht mich so frei frei Ihnen auch das Ganze, nach dem Wun-
sche Ihrer gütig anfragenden Zeilen so offen vorzulegen, als es vor mir selbst daliegt. Machen
Sie nach Ihrer besten Einsicht u dem Kreise Ihrer Wirksamkeit nun davon den würdigsten zielerreichenden Gebrauch.
Meine mitarbeitenden Freunde grüßen Sie, geehrtester Herr so hochachtungsvoll,

als ich mich unterzeichne.

Friedrich Fröbel.