Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Schneider in Bern v. 20./24.10.1833 (Willisau)


F. an Johannes Schneider in Bern v. 20./24.10.1833 (Willisau)
(KN 45,19, Abschrift Ferdinand Fröbels, 2 ½ B fol 10 S.; ed. Lange I,1, 456-472 mit Änderungen, meist Zusätzen; Nachdruck der Edition Langes bei Geppert 1976, 235-248. Auf dem dritten Bogen der Abschrift im KN folgen als S.11 und 12 die “Grundzüge zur Einrichtung einer vorbildlichen Armenerziehungsanstalt” in 24 Paragraphen, datiert “Ende Oktbr. 1833”, bei Lange I,1, 473-478; Nachdruck bei Geppert 1976, 248-252. Lange datiert die Grundzüge “24. Oktober 1833”.)

Willisau am 20ten Oktober 1833.


An den tit Herrn Regierungsrath Schneider in Bern.


           Hochgeehrtester Herr Regierungsrath!

Ihr gütiges Vertrauen wünscht von mir Andeutungen über Volks-, besonders Armenerziehungswe-
sen, über Volks- besonders Armenerziehungsanstalten. Im Nachstehenden lege ich Ihnen in dieser Hinsicht
die sich mir in meinem bisherigen Leben bewährten Grundsätze u Ansichten über diesen Gegenstand
in Umrissen vor. - Für alle Menschenerziehung kann es zuletzt, welche Einzelrücksichten,
Beziehungen u Forderungen, auch sonst noch dabey vorwaltend hervortreten u überwiegend
ins Auge gefaßt werden mögen, nur einen einzigen Grundsatz, nur ein einziges Ziel,
nur einen einzigen Zweck, geben: - es ist dieß die allseitige Entwicklung u klare sichre
Ausbildung des Menschen nach den drey Hauptrichtungen seiner Kraft, als ein handelndes,
(schaffendes); ein empfindendes, fühlendes u erkennendes, denkendes, dabei stets das innig Einige alles
Geistigen in sich ahnendes, die Einheit alles Geistigen in sich vernehmendes, vernünftiges Wesen.
Durch das innig in sich Einige dieser drey der Erscheinung nach zwar verschiedenen Entwicklungsrichtungen
u durch das, wenn auch als Entwicklungsstufen erscheinend doch stetig in sich Ungetrennte derselben und, allem zuvor, durch das mit jeder dieser 3 Richtungen und allen dreyen zugleich innig einige Ahnen und Vernehmen eines geistigen Zusammenhanges und eines einzigen geistigen (also das Seyn u Leben in sich selbst habenden) Grundes alles Daseyenden - ist der Mensch
was er ist, ein Mensch.
Durch das Menschseyn des Kindes, des Zöglings ist zugleich das Verhältniß des Menschen zu Gott
als Geschöpf zum Schöpfer, als Einzelnes zur Einheit als Kind zum Vater unmittelbar gegründet; so ist religiöses Leben u Streben, u - Gott als den Vater der Menschen u die Menschen als Kind[er] Gottes erkannt -
christlich-religiöses Leben, ächte Religiosität - was auch immer die sich selbst entfremdete Halberfahrung dagegen einwenden, als Halbgründe dagegen aufstellen möge - unmittelbar mit dem menschlichen Seyn
u Daseyn Eines u dasselbe; gewöhnlicher jedoch ungenügender ausgedrückt: ist unmittelbar mit dem
Menschen gegeben.
Dieses Streben für Darlebung dieses unmittelbaren Grundverhältnisses ruhet daher in dem Menschen
seinem Wesen, wie der leuchtend wärmende Funken im Steine, wie das Leben im Samenkorne u dem Eye; aber es muß entwickelt, gepflegt, genährt werden; daher liegt für die Erkenntnißstufe [Lange: Entwicklungsstufe] auf welcher wir
jetzt stehen, christlich-religiöses Leben nach jeder der drey Hauptrichtungen des menschlichen Strebens zum
Grunde, begleitet sie u ist - wenn auch auf der unbewußtesten Stufe - doch der Herzpunkt, die Pulsader,
oder wenn man lieber will der Nervenstamm alles menschlichen Thuns, Empfindens u Denkens. Religiosi-
tät, christliche Religiosität ist eins mit dem Leben des Menschen, ruhet darum auch in dem Kindesgemüthe, belebet des Kindes Leben [Lange: Sinn].
Was aber, wie schon ausgesprochen, von der Menschenerziehung überhaupt gilt, gilt nicht minder von der Volks-
u Armenerziehung, ja gilt von ihr am meisten; nur muß in ihr überwiegend alles gestaltet u leben-
dig d. h. stets im innigen Bunde mit dem Leben erscheinen, nichts als todter Begriff, nichts
als leeres Wort, nichts nur als Spiel des Verstandes. Und so tritt denn bey der Volkser-
ziehung im Allgemeinen u bei der Armenerziehung im Besondern noch das näher bestimmende
ein, daß hier bey der Ausbildung des Menschen nach den drey Hauptrichtungen seiner Kraft,
die Rücksicht auf das schaffende u am Stoffe darstellende, die Pflege des sich unmittelbar
gestaltenden Lebens also das Leben in u mit der Natur, die Pflege der Natur vor-
züglich u zuerst dabey im Auge behalten werden, daß mit dieser Rücksicht begonnen /
[1R]
werden, u daß selbst das religiöse Leben in u an dem Leben vorwaltend gestaltend u darstellend erscheinen
muß; so gestaltet, daß der Geist an der Gestalt u durch die Gestaltung erscheine, durch die Lebens-
erscheinungen sich kund thue.
Wenn man nun mit diesen Erziehungsgrundsätzen u Lebensansichten einen prüfenden Blick auf u in die gesammte
Entwicklungs- u Bildungsgeschichte des menschlichen Geschlechtes selbst wirft, so zeigt sich, daß dieselben mit dem
Entwicklungsgange des Menschengeschlechtes von seinem ersten Erscheinen auf der Erde bis jetzt in inni-
ger Uebereinstimmung stehen.
Es läßt sich also sagen: die Menschen- u namentlich die Volks- u Armenerziehung muß genau nach demselben
Plane geschehen, welcher sich in dem Entwicklungs- u Ausbildungsgange des Menschengeschlechtes bis
jetzt kund thut, aber auf der Stufe der möglichst klaren Ein- u Umsicht also des möglichst klaren
Bewußtseyns, u dieß auch ganz namentlich in dem ersten Beginne der menschlichen Entwicklung;
denn die ersten Menschen waren ja natürlich auch die ersten Anfänger [Lange: Anfänge], die ersten Begründer wie die
ersten Glieder eines Volkes u der Völker, wie sie ja ganz eigentlich auch die ersten Armen waren, denn
sie hatten ja zu ihrer Selbsterhaltung außer ihrem Geiste u der in demselben ruhenden Ahnung des Göttli-
chen, Gottes zuerst nichts, als ihre Arme, d. h. einzig den freyen Gebrauch ihrer Glieder; die Natur
war ihnen ja, als sie den Wegweiser in sich verloren, fremd öde u dornen- u distelreich, was sie dem
sich selbst entfremdeten, nur aus sich nach Hülfe herschauenden Armen es jetzt noch ist.
Also schaffendes Thun in steter Einigung mit Gott, dem Schöpfer, Erhalter u Regierer aller
Dinge, dem Vater der Menschen, nicht [nur] auf der Stufe des unbestimmten Gefühles, sondern der des
geistigen Erkennens u Schauens, darum mit steter Beachtung, Hervorhebung u Nachweisung des
Grundes, der Ursache, der Folge u des Zweckes so wie des lebendigen, geistigen innig einigen
Zusammenhanges aller Dinge: die Erziehung und Bildung dafür ist der Fels auf welchem das
Gebäude der Volks- und Armenerziehung erbaut werden, dieß der Kern, aus welchem die tausend-
jährige Eiche der Volks- und Armenerziehung hervorwachsen muß. Denn das Volk selbst, jeder Einzelne
im Volke, also auch der Arme des Volkes besteht nur dadurch, daß er sich innig einig mit
dem Ganzen, mit der Einheit findend und erkennend, so in ihm und in sich selbst ruhend, sich denkend sin-
nig frommer, schaffender Thätigkeit widme. Dieß ist der oberste Grundsatz ächter Volks- und nament-
lich ersprießlicher Armenerziehung, besonders wenn sie zugleich ein Ur- und Musterbild für Viele und
Alle für jetzt und künftig aufstellen soll.
Der erste Stoff einer solchen schaffenden Thätigkeit, welcher allen oben angegebenen Forderungen am vollkommen-
sten, besonders für den Zweck einer Volks- und Armenerziehungsanstalt, entspricht, ist allem zuvor das Leben in
und mit der Natur und so zuerst das Beachten, Sammeln und Aufbewahren ursprünglicher Naturerzeugnisse
Steine, Pflanzen, Thiere (Insecten); hieran knüpft sich die Pflege und Veredlung derselben durch die
Bebauung des Grund und Bodens, der Garten-, Obst-, Feldbau, der Landbau überhaupt. Auf den Landbau im Allgemeinen muß sich allem zuerst die wahre Volks- und besonders Armenerziehung gründen.
Aus dem Landbau entwickelt sich die Weckung des Handfleißes nach seinen verschiedenen Seiten
u Richtungen hin, die Umwandlung des Stoffes, Anfangs nur seiner Form, Gestalt, dann seinem
Wesen nach und so in seiner weitern Ausbildung für Gewerbe und Kunstfleiß.
Die Beachtung der Natur, die Pflege der Erde oder vielmehr dessen was sie trägt und ernährt,
führt zu, ja beginnt mit festem stetem Blick auf Gott; lehrt den Gott, welchen der Mensch,
das Kind, der Zögling unmittelbar in sich vernimmt, empfindet - auch äußerlich und außer /
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sich erkennen und schauen.
Schon die pflegende, aber vor allem besonders die umwandelnde Thätigkeit lehrt den Zögling die Bildungs- und
Gestaltungsgesetze, welche derselbe außer sich wirkend erkennt, auch in sich finden.
Durch den aus Pflege und Umwandlung hervorgehenden Aus- und Umtausch der verschiedenen Ergebnisse, Erzeug-
nisse des Gewerbes und Kunstfleißes, entwickelt sich dem Zögling zugleich auch der Aus- und Umtausch gegensei-
tig erworbener Lebenserfahrungen, Erfahrungen des Wissens, und der Einsicht, und so dem Zögling auch das
Streben nach Fremdwissen und Fremdkönnen, der Sinn und die Lust für Unterricht und Lehre, in jedem ein-
zelnen verschieden nach den verschiedenen Arten und Stufen seiner leiblichen und geistigen Kräfte und Anla-
gen, in dem Begünstigsten vielleicht bis zur ächten Kunst, bis zur reinen Wissenschaft.
Der Unterricht für Volks- und selbst auch für Armenerziehungsanstalten darf darum wenigstens dem
Wesen und den Elementen nach, nachweislich keinen Gegenstand, keine Auffassung desselben ausschließen, welche
mit den Sachen, mit dem Wesen der Dinge zugleich gegeben ist, und deren Auffinden,
Betrachten u.s.w. in dem
Wesen, in den allgemeinen Anlagen des Menschen selbst liegt. Also muß er alle Dinge ihrem Leben,
ihrem Geeint- und ihrem Getrenntseyn nach, in Hinsicht auf Stoff, Form, Größe, Zahl, Farbe, Ton,
Bewegung, Name, Ursache, Wirkung und Entstehung versichern und betrachten, so wie er den Zögling nach
allen Hauptrichtungen seiner geistigen Kraft u den Forderungen seiner Sinne als Werkzeuge des
Geistes, versteht sich nach Maaßgabe der Anlagen und Fähigkeiten desselben, entwickeln muß.
Also nicht sowohl durch die Gegenstände des Unterrichtes im Allgemeinen, als durch die Art und
Stufen, den Umfang und Beziehungen desselben unterscheidet sich der Unterricht in Volks- und Armener-
ziehungsanstalten von dem jeder besondern und höhern Erziehungsanstalt. Die Art u Stufe des Unter-
richtes ist aber hier, daß dabey immer die Sache, das Thun, die That, das Leben selbst vorherr-
schend ist; daß hier immer durch die und an den Sachen selbst gelehrt und gelernt wird; der Umfang
und Beziehung des Unterrichtes wird dadurch bestimmt, daß er unmittelbar aus dem Leben her-
vorgeht und sich wieder unmittelbar auf das Leben beziehet u zwar weiter, daß er aus einem
bestimmten Volksleben hervorgehet und sich auf ein bestimmtes Volksleben zurückbeziehet.
Ohngeachtet aber dieser mehrfachen Beschränkung nach Außen hin, so muß doch die Lehre und der Unterricht in sich unzerstückelt und ungestückt ein in sich einiges stetiges Ganze seyn in und an welchem jedes Glied mit Nothwendigkeit hervorwächst und sich mit Frische durch das Leben des Zög-
lings nach innerm Gesetze fortentwickelt.
Auf diesem Bildungswege, von diesem ursprünglichen Bildungspunkte aus ist also für
jede Anlage auf jeder Stufe der Entwicklung, die sich unter der Jugend des Volkes und
selbst unter den Kindern ihrer Armen findet – sogar in und von der Volks- und Armenerzie-
hungsanstalt aus die Möglichkeit zu jeder weitern Fort- und Ausbildung gegeben.
Also bey sich vorfindender Fähigkeit in dem Zöglinge den Selbsttrieb, den Selbsteifer
zu wecken und zwar auf der Grundlage der sinnig frommen denkenden Thätigkeit; dieß ist
aber, wie die höchste, so die erste Aufgabe aller Volks- und besonders Armenerziehung.
Dieser Trieb ist aber bei allseitig freyer und freygegebener Entwicklung leicht geweckt, denn jedes
Wesen wünscht und strebt das in Vollkommenheit zu werden, was es zu werden fähig ist, wozu
es Anlage und Kraft in sich trägt. Darum braucht außer jener allseitig freygegebenen Entwicklung
kaum nur noch die Mittel, sie zu erlangen, nachgewiesen und der Weg, sie zu erreichen, ange- /
[2R]
deutet zu werden, so wird der Fähige, Kräftige, Anlagevolle jene Mittel suchen und den Weg gern betreten und selbstthätig
weiter verfolgen.
Darum ist ächte Volks- und Armenbildung und Erziehung, selbst wenn Einzelzöglinge derselben das Höchste und Vollkommen-
ste, wenigstens in seinem Kreise und in seinem Fache anstrebt, von diesem Anfangspunkte aus und auf diesem
naturgemäßen, menschen- und gottwürdigen Wege eben so wenig kostbar, als man fürchten darf, daß die
Zöglinge dieser Erziehweise aus dem Volke und aus der Klasse der Armen in Hinsicht auf Bildung aus
ihrem Kreise und Lebensverhältnisse heraus streben, heraus treten, heraus gerissen werden; im Gegen-
theil wird sie lebenszufriedene und berufstreue Menschen jeden in seinem Stande bilden; denn kein
Geschöpf, kein Wesen besonders kein Mensch strebt in seinem ungestörten Leben sich über seine
Kraft, seine Anlagen, überhaupt über seine Fähigkeiten zu entwickeln, aber er wünscht und strebt
sich in und mit denselben auf das vollkommenste auszubilden, und er ist, wenn er diesen Punkt er-
reicht hat, in und außer sich glücklich.
Sollte aber wirklich in mehreren unter der Jugend des Volkes und selbst unter den Armen ein Wunsch
und Streben nach höherer Aus- und Fortbildung geweckt werden, was vielleicht der Fall seyn könnte,
wenn der Anfang einer solchen Erziehungsanstalt zwar mit Wenigen aber mit sorgsam gewählten
fähigen Kindern, Knaben und Jünglingen gemacht würde, so würde sich dieser Wunsch und dieses Streben
allem zuerst gewiß in der Wahl des Erzieher- und Lehrerberufes aussprechen; und dieß könnte nicht nur
kein Schade, sondern müßte sogar Gewinn für das Volk und den ganzen Staat seyn, denn soweit die Geschichte
reicht und zeugt waren die vorzüglichsten Volkslehrer und Volkserzieher, ja eben dadurch Menschenbeglücker
immer aus dem Volke selbst und fast meistens auch aus der Klasse der Armen selbst; darum wußten
sie aber auch was dem Volke und den Armen Noth that.
Wegen der oben im Beginne dieser Andeutungen in ihrer Nothwendigkeit nachgewiesenen und im bisheri-
gen durchgeführten innigen Einigung wahrer und ersprießlicher Volks- und Armenerziehung mit dem Leben
der Natur muß selbst die Ordnung und Folge der Thätigkeiten, das gesammte Leben einer Volks-
und vor allem einer Armenerziehungsanstalt stets in regem Zusammenhange nicht allein mit dem
Ausdrucke und den Forderungen, dem Leben der Jahreszeiten, sondern selbst in bedingenden
Zusammenhang mit den Tageszeiten seyn.
Nicht ist daher in einer ächten Volks- und Armenerziehungsanstalt im Herbste oder im Winter dasjenige
zu lehren, was im Frühling oder Sommer gefordert werden muß. Durch diesen regen Wechselverkehr zwischen
Natur und Menschenleben muß der Zögling geweckt und empfänglich gemacht werden für den jedesmaligen Un-
terricht; aber diese Zeit des Empfänglichseyns darf nicht unbenutzt versäumt werden.
Der echte Volks- und wahre Armenerzieher und Lehrer muß daher nicht nur im innigen Zusammenhang mit dem mensch-
lichen und menschheitlichen Leben im Allgemeinen und dem des Zöglings insbesondere, sondern überhaupt mit dem
ganzen Leben der Natur seyn; dieß zeigt uns selbst das Leben, die Lehr- und Erziehungsweise des er-
sten und größten Volks- und Armenerziehers welchen je die Menschheit hatte, darin war die Macht sei-
ner Lehre und die Wirkung seiner Erziehung wesentlich mitgegründet, wie überhaupt in seiner stets in-
nigen Einigung mit Gott, Natur und Menschheit, bei vollendetem Eins- und Einigseyn in sich.
Durch diese richtige und vollständige Erfassung jedes Dinges, jedes Geschäftes nach Zeit u Ort und
gegenseitig bestimmten Verhältnisse, wird aber jedes Ding wahrhaft und recht erkannt, bekommt jedes
Geschäfte erst seine vollkommne rechte Bedeutung; so kommt Klarheit, Ordnung und Uebereinstimmung /
[3]
mit dem Ganzen in das Leben des Zöglings; denn nur Klarheit und Ordnung, Einsicht und Umsicht kann den Zögling so
wie den Menschen überhaupt sein Können u Wissen zum Bewußtseyn bringen. Dieses Sichzumbewußtseyn bringen des
eigenen Wissens (oder Nichtwissens) und dieses Selbstgebrauchenkönnen, des Habens ist aber das Ziel nicht allein der Lehre und Er-
ziehung überhaupt, sondern der Volks- und Armenerziehung insbesondere; denn es möchte wohl als letzter Grund
der menschlichen Armuth, auf welchen sich alles zurückbringen läßt kein anderer gefunden werden, als eben
dieses Unbewußtsein des eigenen Wissens, dieses Nichtgebrauchen des eigenen Habens.
Die Wahrheit des hier Angedeuteten und Ausgesprochenen finden und sehen wir auch noch in dem Leben, wie es uns
wirklich umgiebt: - was hier von dem ächten Volks- und Armenerzieher gefordert wird, leistet mancher tüch-
tige, zufriedene, greise Bauer in der Mitte und in dem Umfange seiner Familie, seines Hauswesens,
nur eben auf der Stufe der Unvollständigkeit und des sehr beschränkten Bewußtseyns; denn er lebt
in all seinem Thun, Empfinden und Denken in Einigkeit mit Gott, mit Natur, mit Menschen und mit
sich selbst und sucht seine Kinder und seine Enkel und Hausgenossenschaft eben auch dahin zu führen, allein
in der völligen Klarheit des Bewußtseyns, des Wissens und Könnens verbunden mit Kraft und Ge-
wandtheit zum Gebrauche und so in dem Besitze völliger Ruhe und Heiterkeit in sich liegt das so sehr
Schwierige und Schwere für den ächten Volks- und besonders Armenerzieher.
Ferner ist ja -nach dem Zeiger der Menschen- und Menschheitserziehung, Nachahmung, Nachahmung
durch und von dem Zöglinge - das größte und wirksamste Volksbildungs- und Armenerziehungsmittel.
Darum ist von Seite der Volks- und Armenerzieher die Vorführung des Musterhaften und Vollkommenen,
zugleich in Beachtung seiner Entstehung, seiner Entwicklung und Ausbildung, ja wo möglich seiner Wirk-
samkeit auf Kopf, Herz und Leben, auf Geist, Gemüth und That die höchste Aufgabe der Volks- besonders
der Armenerziehung.
Die Wirkungen der Zöglingsthätigkeit nach Außen, die äußerlich hervorgebrachten Ergebnisse ihrer
Beschäftigung, müssen in einer solchen Erziehungsanstalt, wie bey den eigentlichen Gliedern und Kin-
dern einer gut eingerichteten Familie, im Ganzen ruhen, in das Ganze fließen; wie auch die [Be-
friedigung der] Bedürfnisse des Einzelnen in die Familie daraus zurückfließen, aber nicht als Einzellohn, oder
Einzelerwerb daraus hervortreten; darum dürfen auch die Erzeugnisse des Handfleißes der
Zöglinge einer solchen Erziehungsanstalt, wie wohl auch die einer einfachen aber sinnigen Familie
nicht um des äußern Kunstwerthes willen gefertiget, auf sie also auch kein Einzel[geld]werth für den
verfertigenden Zögling gelegt werden, sonst sinkt eine solche Volks- und Armenerziehungsanstalt
zu einer Industrieanstalt herab; den bey einer solchen wohl nothwendigen Geist kann aber ein Gemüthe
auf dieser Bildungsstufe, wie es eine solche Anstalt pflegen soll, noch lange nicht ertragen, es ist dieß
der Geist der Trennung, der Eigensucht; dadurch aber wird der Geist, welcher in einer solchen Erziehungsanstalt
erzeugt werden und herrschen soll, der Geist der Einmüthigkeit und Eintracht, nothwendig gebrochen, das Ge-
müthe verliert seine ursprüngliche Unschuld, seinen Kindes- und Jugendadel. Hohes Gottvertrauen,
kindlicher Sinn muß in einem solchen Kreise und Leben herrschen, dieß muß sich aber in den Kindern
und Zöglingen im festen Vertrauen zu dem Ganzen, zu der Leitung des Ganzen zunächst kund thun.
Der Werth der Hand- und Kunsterzeugnisse liegt in einer solchen Erziehungsanstalt in der Entwicklung
und Ausbildung, welche dadurch in das arbeitende schaffende Kind, in diesen Zögling, durch Kenntniß, Einsicht, Erfahrung, Gefühle und Lebens-, Geistes-, und Gemüthsverbande, welche dadurch in den ganzen
erziehenden Kreis kommen. Das Kind, der Zögling dieser Anstalt, so wie überhaupt das Kind /
[3R]
und die Jugend muß viel arbeiten und schaffen, um viel zu versuchen, nicht aber um Einzelnes in Vollkommenheit darzustellen.
Wohl mögen diese Producte, diese Ergebnisse des Jugendfleißes, wenn es sich möglich macht, als Denkstei-
ne und Lehrtafeln der verschiedenen menschlichen Entwicklungsstufen der Zöglinge der Anstalt und dessen,
was der Mensch auf jeder zu leisten im Stande ist an einem entsprechenden geachteten Orte mit
einer gewissen Sorglichkeit aufbewahrt werden, zugleich aber auch zum Anschauen,
zur Aufforderung,
Nachahmung für Andere; auch wohl, wenn es die Menge, der Grad ihrer Vollkommenheit erlaubt und
möglich macht, gegen Fremdes zum Wohle des Ganzen umgetauscht oder auch zum Vortheile des
Ganzen nach Umständen für Geld abgegeben werden; ganz namentlich zum Gewinn und Bildungs-
mittel für andere ähnliche Anstalten. Doch ist dies nicht, wie schon angegeben, der Zweck dieser Arbeiten; dieser
ist vielmehr, wie schon ausgesprochen, kein anderer, als der der Erweckung, Entwicklung, Ausbildung und
Vervollkommnung, der Steigerung der Gesammtkraft und des Lebens des Kreises und in dem Kreise. Es gilt
auch hier, was überhaupt von aller Beachtung und Pflege des Geistigen, des Geistes gilt: - Trachte vor
allem nach dieser, nach dem Besitze der geistigen Kraft und ihres rechten Gebrauches, so wird dadurch
auch mit Nothwendigkeit der zur Lebenserhaltung nöthige Besitz der äußern Güter werden.
Diese äußeren Ergebnisse der Thätigkeiten, besonders also die Handarbeiten müssen dem Kinde, dem Zög-
linge dazu dienen, daß es das in und durch das Wort Gelernte auch an dem Stoffe und durch Stoff darstel-
len lerne, umgekehrt auch daß die Gestaltung sich zum Worte erhebe, daß Gefühle und Empfindungen
That werden, daß das Thun gefühlvoll, sinnig und reich an menschlichen Beziehungen werde.
Ferner aber auch, daß der Zögling größere zum Wohle des Menschengeschlechtes erfundene, vor allem
Bewegungswerk[zeug]e zu vollkommner Einsicht im Kleinen darstellen lerne pp.
Wie die darstellende schaffende Thätigkeit, der Hand- und Kunstfleiß für äußeres Werk in innigem Zusammen-
hang mit dem Gesammtleben einer besonderen musterbildlichen Volks- und Armenerziehungsanstalt seyn muß,
so auch das Spiel. Was der Unterricht, was das Leben, die Erfahrung zeigt und lehrt, muß das
Spiel, die sich spiegelnde Freithätigkeit des innern gesammten Lebens des Zöglings wieder dar-
stellen. Das Spiel muß immer, wie mit dem gesammten Leben der Kinder, so mit der gesammten
Natur in Uebereinstimmung stehen, nie vereinzelt, nie abgerissen; dann bekommt selbst das Spiel
belehrenden Ernst, tief ins Leben eingreifende Bedeutung und hohe Sinnigkeit, das Leben auch in
seinem Ernste wird heiter. So in seiner tief eingreifenden Bedeutung wird es doch leicht gleich
einem tüchtigen Spiel, und hoher Sinn des Lebens spricht sich so dem Kinde aus, spricht zu dem Kinde,
in allem was es thut. Es ist und bleibt gewiß ein wahres Wort, das Kind, der Zögling, der
gut und tüchtig - ich sage aber mit Bedacht, tüchtig - spielt, wird auch gut und tüchtig im Kreise seiner
Anlagen und Fähigkeiten lernen und ein tüchtiger Mann und Mensch werden.
Das Spiel darf darum auch nicht dem blinden Zufalle, dem Ohngefähr preisgegeben seyn, denn
eben weil das Kind dadurch spielend lernt, lernt es gern und viel dadurch; auch dem Spiel gehört
wie dem Lernen und Thun sein bestimmtes Zeittheil und darf eben so wenig auch in der Zeitvertheilung
einer ächten Volks- und Armenerziehungsanstalt vergessen werden; ja wegen seiner hohen Wichtig-
keit muß das Spiel nicht allein vom Erzieher im Allgemeinen geleitet, ja das ächte tüchtige Spiel
muß sogar oft von dem Lehrer erst gelehrt werden, deshalb mögen auch Zöglinge, wenn sie ein-
mal das Wohlthätige eines geordneten und darum ächt freudigen frischen kräftigen Spieles auf ihren
Gesammtzustand empfunden haben, selten gern ohne einen spielend vor und mitspielenden Erwachsenen /
[4]
spielen.
Für Volks- und Armenerziehungsanstalten gehören besonders körperliche Spiele, denn der Körper dieser muß zur Ge-
wandtheit wie zur Kraft und Ausdauer erzogen werden. Man meine ja nicht, daß, wenn das Kind selbst körperlich viel gear-
beitet, so bedürfe es nun der körperlichen Bewegung u Spiele nicht; grad umgekehrt, eben wenn das Kind durch Arbeit
bis auf einen bestimmten Punkt körperlich angestrengt war, sucht es nun so freithätige körperliche Spiele. Noch
weniger aber meine man, daß weil in einer Volks- und Armenerziehungsanstalt so viele Körperthätigkeit herrsche und
herrschen müsse, selbst bis zu den als nothwendig nachgewiesenen körperlichen Spielen; so seyen nun streng gere-
gelte und gesetzmäßig geordnete Körperübungen unnütz
. Sind sie auch nicht so oft und viel nöthig als da, wo je-
ne Körperthätigkeit zurücktritt, so dürfen sie doch aus der Volks- und Armenschule nicht ausgeschlossen werden,
eben wegen ihres nothwendigen innern und stetig vom einfachen zum zusammengesetzten fortschreitenden, zu-
letzt den ganzen Menschen in Anspruch nehmenden Zusammenhanges willen. Auch in der Volks- und selbst in
der Armenerziehungsanstalt muß alles ein lebendig in einandergreifendes, stetiges sich gegenseitig
hebendes und pflegendes Ganze seyn; nur nichts Gestücktes und zerstückeltes, eben dieses Zerstückte und Gestückte hat gar manches Volk arm und in so manchem reichen Volke so viele Arme gemacht.
Also wie ihren Grund und Boden zur eignen Bebauung und Bewirthschaftung so auch einen angemessenen
Spiel- und Bewegungsplatz, ihren eigenen wohl und zweckmäßig eingerichteten Turnplatz muß unerläßlich eine gute, be-
sonders musterbildliche Volks- und Armenerziehungsanstalt haben; er sey nun nach Umfang der Anstalt
so klein oder so groß er wolle; dieß ist nicht allein nothwendig und wichtig für die Zöglinge und Kinder der Anstalt
selbst, nein es ist besonders auch wichtig, ja nothwendig für die Erwachsenen der Umgegend, in wel-
cher sich die Volks- oder Armenerziehungsanstalt befindet, denn der Antheil jener an dem Leben und Spielen
der Kinder, das Beachten desselben wird sie selbst von gar manchem Bösen und Schlechten abziehen und sie so
selbst nach und nach besser machen. Darum muß man bey Errichtung von Volks- und
Armenerziehungsan-
stalten, also zunächst für die Jugend, selbst noch die Erziehung der Erwachsenen vor Augen haben;
<wie> sie müssen auch noch nach- u miterziehend für diese wirken. Ueberhaupt sind Volks- und selbst
Armenerziehungsanstalt[en], welche nicht in innigem Zusammenhang mit dem Volke selbst ohne lebendige in-
nige Theilnahme des Volkslebens [sind] ebenso ein Lahmes und Halbes, wie Erziehung des Menschen außer-
halb der Natur, ohne den Einfluß des lebendigen Naturlebens. Aber auch das anfangs Kleine im Volke und für das Volk darf nicht allein angeschaut und angebahnt werden. Freylich muß dieser Wechsel-
verkehr unter der versteinernden Aegyde, dem Schutzschild für Kindesreinheit und Jugendunschuld ge-
schehen. Mannesernst und Manneseifer muß wie der Engel mit dem Flammenschwert jedes eindrin-
gende Böse von dem frohen Jugendkreise abhalten.
Was nun weiter den Ort und die Art der Einrichtung einer solchen Anstalt betrifft, so muß beydes mög-
lichst ländlich, jedoch für[s] erstere ein zweckmäßiges ”geräumiges Local nebst hinreichendem Erdreich zur Benutzung"
und für das zweite "die Haushaltung müßte ganz nach dem Vorbilde derjenigen eines braven und einsichtsvollen Land-
mannes eingerichtet sein pp."
Was die Zöglinge und deren Anzahl betrifft durch welche eine solche Muster- Volks- und Armenerziehungsan-
stalt zuerst auszuführen wäre, so ist es gewiß gut, ”daß die Zahl der Zöglinge bey der Gründung
der Anstalt nur gering" aber sie selbst in Beziehung auf Sittenreinheit und Bildungstrieb möglichst
geprüft und gewählt wären, man muß nemlich bey der Erziehung für den Staat und das Volk, wie bey der Erziehung des einzelnen Menschen zuerst und vorwaltend das Gute und Tüchtige pflegen und stärken,
das Schlechte und Böse wird dadurch dann am meisten geschwächt und fällt so am Ende aus Mangel an Nahrung von selbst ab.
Eben so dürfte eine solche Anstalt "nur mit großer Behutsamkeit zunehmen" damit nur vor allem
zuerst ein gesunder Keim, ein frischer Herzpunkt und kräftiger Stamm gewonnen werde, aus welchem
sich später kräftige Aeste, gesunde Zweige, reiche, frische Blüthen für reife Früchte nach allen Seiten
hin ausbreiten. Deshalb müssen auch die Zöglinge möglichst ihre Bildung in der Anstalt ohne
Wechsel bis zum gebildeten Urtheile und geklärten Willen erhalten.
Was nun weiter herab in das Einzelne gehend, das mehr Besondere der Ausführung einer
solchen Volks- und Armenerziehungsanstalt betrifft, so ist es zwar nicht möglich, daß der Hausvater /
[4R]
die Hausmutter gleichzeitig alle Beschäftigungen der Zöglinge theilen können, wie dieß ja schon auch dem Hausvater der Haus-
mutter in einem nur etwas ausgedehnten häuslichen Kreise nicht möglich ist, allein sie müssen doch beständig das Leben
des Ganzen so ordnend, überschauend, prüfend und leitend, wie mit vertrauend zufriedenem als heiterm Blick
in sich tragen, da sie ja vor allem für vertrauende Zufriedenheit und ruhige Heiterkeit wirken sollen. Wessen
Aufgabe aber dieß ist, der muß auch zufrieden in sich seyn und seiner gesammten Stellung nach zufrieden in sich seyn
können. Ihre, des Hausvaters, der Hausmutter äußere und innere, ihre gesammte Stellung muß also gleich
im Beginn des Ganzen die eines, sein Hauswesen und seine ökonomischen Verhältnisse in Ordnung habende ohne alle
Nahrungssorgen lebenden Landmannes seyn. Daß aber nur unter dieser Bedingung die Pflege ächter Menschen
also auch Volks- selbst Armenbildung und Erziehung gedeihen könne, dieß ist eine längst anerkannte, durch Geschichte
und Erfahrung belegte Thatsache. Mangel und Ueberfluß wirket gleich nachtheilig und zerstörend; dieß zeigt
sich überall, wo sich Leben, Leben für Gestaltung kund thut.
Zufriedenheit, Freude, Einigung, Vertrauen und Theilnahme, gegenseitiges Tragen und Fördern des innern und äußern
Lebens, dieß ist es was nach allen Richtungen hin dem Volke und besonders den Armen durch eine Erziehungsan-
stalt, wie die hier angedeutete gegeben werden soll. Was aber im Innern leben soll und wirklich lebt, muß auch
äußerlich hervortreten können und zwar hier zunächst in dem Kreise einer solchen Erziehungsanstalt selbst,
darum müssen sich die Zöglinge derselben als ihre Söhne unter sich nicht nur mit brüderlichem Du, sondern
auch bey ihrem Tauf-, nicht Geschlechtsnamen nennen, man glaubt nicht was letzteres - auch bey sich sonst
ziemlich gleichstehender Lebensweise trennt und gleich in das Zerschnittene der bestehenden Lebensverhältnisse
einführt. Die Anrede der Kinder, der Zöglinge einer solchen Anstalt an ihren Pflegevater und ihre Pflegemutter muß
darum auch nothwendig der gleich seyn, in welcher nach der Landschaft in welcher die Anstalt besteht, die Kinder
gewöhnlich ihre Eltern anreden. Wir Deutschen sagen auch hier Du, wie dieß überhaupt in der allgemeinen
deutschen Erziehungsanstalt in Keilhau durchweg das Wort der kindlichen achtenden und vertrauenden gegensei-
tigen Anrede ist.
Wer hat nicht den wohlthätigen Eindruck auf sein Inneres bemerkt, welchen es macht, wenn zwey Brüder,
drey Schwestern gleich gekleidet gehen, besonders an festlichen Tagen; wer ist nicht von dem einigendsten
Gefühle erwärmend ergriffen worden, wenn uns Eltern in der Mitte ihrer gleichsinnigen, wie gleich-
gekleideten Kinder begegnen. Darum wirkt es gewiß recht zweckerreichend, d.i. einigend, wenn auch
die Zöglinge einer Volks- und besonders auch Armenerziehungsanstalt, namentlich an Sonn- und festlichen Tagen
möglichst übereinstimmend gekleidet erscheinen können, nur muß diese Kleidung einfach seyn, nichts aus-
scheidendes, besonders nichts livree- oder monturähnliches haben, den Zöglingen und der üblichen Landestracht
angemessen sein.
Der Kreis einer solchen Volks- und Armenerziehungsanstalt muß daher in allem den Ausdruck einer gutein-
gerichteten Landmanns- und einfachen rechtlichen [sc.: redlichen] Bürgerfamilie haben, und also auch wie in und unter allen Glie-
dern gleiches gemeinsames Leben, so auch gemeinsame Geschäfte. Eine solche Volks- und besonders Armenerziehungsanstalt muß darum auch wie solche hiefür im Auge habende Musterfamilie nach Mög-
lichkeit
alle häuslichen Geschäfte aus sich selbst durch seine eignen Glieder verrichten.
Wie nun in den so eben angedeuteten Familien die Zeit sich in Geschäfts- und Feyerzeit theilt, und die Geschäftstage für die noch Lehre und Unterricht bedürfenden Kinder wieder in einen Theil für das Lernen und einen zur
Arbeit [sich] theilt, so zerfällt auch jeder Wochentag dieses Kreises, einer solchen Anstalt, im Allgemeinen in
eine lehrende, lernende und in eine schaffende, arbeitende Hälfte. Das Verhältniß beyder Zeiten zu einan-
der bestimmen, wie schon oben im Allgemeinen nachgewiesen, besonders die Geschäfte der Jahreszeit.
Doch ist im Allgemeinen der Vormittag der Lehre, dem Lernen, der Nachmittag dem Schaffen, Arbeiten zu widmen.
Der Abend gehört, wenn es nöthig ist der Vorbereitung für den nächsten Tag, auch allgemeinen häuslichen oder zweckmäßigen Handarbeiten und der Förderung des gemeinsamen Lebens des Kreises.
Durch ein solches lebenvolles und durch die Forderungen des Gemeinzweckes selbst bestimmtes Wechselleben ein[es] solchen erziehenden Kreises, werden die einzelnen Glieder desselben selbst bald
zugleich, oder vielmehr wechselseitig lehrend und lernend seyn, wie dieß ja selbst schon - eben
weil es so ganz natürlich wie nothwendig ist - jede <nur> etwas vollständig in sich ausgebildete /
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gute Bürger- und Landmannsfamilie zeigt. So muß denn dadurch auch eine solche Anstalt bald dahin gelangen,
daß sie - (wie ich schon an einem andern Orte: bey einer anderen Veranlassung (Brief an HE Pfarrer und Schulkommissär Zyro) aussprach) in sich und besonders auch in ihrer Wirksamkeit nach Außen bald landschaftlich und volks-
thümlich werde und wie sie so immer einiger und selbstständiger in sich wird <auch> in einen größeren Wechselverkehr
mit dem Volke trete.
In dieser höheren und allgemein volksthümlichen Beziehung wäre es gut, wenn es möglich gemacht werden könnte,
daß die rein deutsche Sprache, die Sprache des Kreises, wenigstens innerhalb seiner selbst und der Glieder unter
sich würde, theils weil diese Sprache selbst, durch ihren Geist den sie Sprechenden lehrt, an das rein und mit Kennt-
niß gesprochen werdende Wort sich auch ein klar angeschauter Begriff bindet und hauptsächlich durch eine reine
sichere, sich bewußte Sprache, [ein] reiner sicherer sich bewußter Volksbund geknüpft wird.
So muß nun zwar ein solcher Kreis, eine ächte Volks- auch blos Armenerziehungsanstalt, besonders aber als
vorbildlich - wie im Vorstehenden nach allen Hauptseiten hin wohl hinlänglich angedeutet worden, zu
tiefgegründeter innerer Zufriedenheit, - ächte Genügsamkeit in sich selbst tragen, um nicht, durch Her-
ausstreben und Suchen nach Außen und im Aeußeren - den Grund zur inneren Selbstauflösung und so Selbst-
vernichtung zu legen; aber sie muß rein und kräftig, leben- und thatvoll in sich - auch aus sich herauswirken,
um so an sich heran und an sich empor zu ziehen; dieses geschiehet nun vor allem durch das Theilen
des öffentlichen allgemeinen kirchlichen Lebens.
Die Anstalt kann, ja soll z. B. am Montag früh ihre besonderen religiösen Betrachtungen ha-
ben, wo der kirchlich öffentliche Vortrag seine besondere Anwendung auf den Kreis erhält; allein die
Wirkung, welche durch Besuchung eines guten öffentlichen Gottesdienstes in dem jungen Gemüthe her-
vorgebracht wird, kann durch kein stellvertretendes Mittel ersetzt werden.
Zur segensreichen Fortwirkung dieser dadurch angeregten und hervorgebrachten Einkehr des Kindes und
Zöglings in sich, können besonders auch gut geleitete Spaziergänge gemacht und benutzt werden, na-
mentlich auch zum sinnigen ruhigen Leben in und mit der Natur, zum Finden Gottes in der Natur.
Also auch seine Fest- und Feierzeiten wie seine Arbeitszeiten muß ein solcher Kreis, eine Volks-, selbst eine
Armenerziehungsanstalt haben, wie sie ja auch schon jede einfache Bürger- und Landmannsfamilie hat,
sie muß ihre eigenen Feste, Familienfeste haben, wie die Volksfeste theilen, welche theils die Glieder
derselben immer inniger und froher in und unter sich, theils die Anstalt als Ganzes immer froher mit dem
Volke verbindet.
Die mir von Ihnen vertrauensvoll vorgelegte Frage, habe ich sie anders recht verstanden
und recht aufgefaßt, erscheint mir nun, in Voraussetzung Ihrer billigen Beurtheilung im Allgemeinen
gelöst. Die Antwort darauf erscheint Ihnen vielleicht zu weit ausgreifend und dieß um so mehr als
sie nur Andeutungen enthalten sollte. Allein nur dadurch, daß der Erzieher die Gesammtheit des Menschenwesens, der Menschenentwicklung auch bey Einzel- und Sonderzwecken in sich trägt, kann er wahrhaft ersprießlich und
segensreich wirken; und Ihnen handelt es sich ja besonders um das letztere. Obgleich ich nun schon einige
mal bey verschiedenen Anlässen den Gegenstand in mir durchdacht habe, so mußte ich doch jetzt erst das Ganze
wieder in mir durchleben; denn nur das was man in sich klar durchlebt hat, kann man auch außer sich sicher
und lebenvoll wieder darstellen. Ich wollte Ihnen doch darum wenigstens zunächst einen Beweis geben,
daß das Ganze auch in mir und wie es in mir lebt, und so erhalten Sie denn auch hier gar manches Ihnen
schon Bekannte; ja ich habe dieß sogar einige mal mir mit Ihren eigenen Worten anzuführen erlaubt.
Ich hätte dieß ganz gewiß noch weit öfter thun können, wenn mir selbst mehreres von dem bekannt
wäre, was über diesen Gegenstand aus Ihrer Feder geflossen ist. Nach meiner Ansicht und
festen Ueberzeugung besteht aber eben so die Stufe der jetzigen Menschenentwicklung darinn,
daß besonders alles was für Menschen- und Volksbildung, für Menschheitserziehung und sey es selbst nur
durch Armenerziehung geschiehet,
in völliger Umsicht,
in Uebereinstimmung u Einigung mit Natur und Geschichte,
mit völliger Klarheit nach Mittel, Weg, Ziel, Zweck,
mit einem Worte[:] mit vollkommnen Bewußtseyn geschehen müsse. /
[5R]
Die Zeit des äußerlichen Versuches ist zwar in vielen, besonders in der Menschenerziehung, Men-
schenbildung vorüber, d.h. sie sollte wenigstens nach dem jetzigen Stande der menschlichen Entwicklung vor-
über seyn. Wir sollen nur nach dem handeln, was sich in der Einigkeit und Stetigkeit, in dem Ein unsres
klaren Bewußtseyns rechtfertiget; denn wir als vernünftige Wesen, sollen endlich anfangen
überall nach Vernunft, d. h. mit klarem sichern Bewußtseyn zu handeln, also nach ewigen Ge-
setzen u so vor allem in der Erziehung, sey es auch zunächst blos Erziehung der Armen; das
Herumtappen und Stückwerk soll aufhören; es ist längst der Menschheit verheißen. Durch die
Vernichtung von beyden in ächt christlich apostolischen Sinn, Vereine für christliche Volkserziehung
Arme reich machen.
Doch Sie wünschten und bedürfen für Ihren nächsten Zweck nur einen Umriß, des hier mehr im
Zusammenhang Vorgeführten; auch diese Skizze lege ich Ihnen in der Anlage, im Allgemeinen
gleichlaufend mit diesen Andeutungen, bey; und so hoffe ich von Ihnen Verzeihung zu erhalten,
daß ich diese, Ihnen schon zum 20[sten d. M.] versprochene Antwort erst am heutigen an Sie absende.
Wollen Sie noch ein Wort über meine hiesige Stellung hören, so ist es noch ganz gleich-
lautend mit dem, was ich in oben angeführten Brief aussprach: Nicht Meinungs- und Partheikampf
scheint mein Wirken hier im Kanton zu fällen, wohl aber die Selbstsucht und der Eigennutz scheint es zu
verzehren. Man möchte und wünscht wohl eine Erziehungsweise wie die hier durch- und vorgeführte, aber
man will sie nicht, d. h. man will die Mittel zu ihrer Ausführung nicht ergreifen, die doch ganz hand-
greiflich vorliegen. Jeder meint aber der andere soll zuerst sie erfassen. Manche greifen nun wohl
wirklich zu, denn seit dem bekannten Examen sehen manche eine solche Erziehung für eine recht
gute Milchkuh an, aber sie möchten, daß für mageres Futter, außer guter Milch und fettem Dung,
die Kuh ihnen auch noch gutberechnetes Stallgeld gebe. Nun ich weiß nicht, was unter solchen
Umständen (an welchen Personen, Städte und Handwerksneid auch schuld seyn soll) die Kuh thun,
was mit ihr geschehen wird.
Mit der Versicherung so wahrer als ausgezeichneter Hochachtung unterzeichne ich mich ganz

ergebenst
Friedrich Fröbel

[Lange: Abgesandt Willisau, am 24. Oktober 1833.]