Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an >Keilhauer Gemeinschaft< v. 30.10.1833 (Willisau)


F. an >Keilhauer Gemeinschaft< v. 30.10.1833 (Willisau)
(KN 45,20, Brieforiginal 1 Bl 4° 2 S.)

Der lieben Keilhauer Erziehungsanstalt die herzlichsten Grüße
aus Willisau, am 2930en Oktbr 1833.


Liebe Geliebte.

Ob es gleich sehr kurze Zeit her ist, daß wir von Euch freundliche Briefe erhalten haben, so muß ich
doch gestehen daß ich mich recht sehr wieder nach Nachricht von Euch sehne, ja ich hoffe daß mir
spätestens heut über 8 Tage die Freude werden wird solche von Euch zu empfangen. Weil wir
nemlich heut keinen Brief von Euch erhalten haben, so vermuthe ich daß am verflossenen Montag
den 28en d. Titus von Euch hierher abgereiset seyn wird, und Ihr uns darum im nächsten Briefe
dessen Abreise hierher melden werdet. Was von uns Eurer Theilnahme zu schreiben ist, ist dieß.
Gott sei Dank sind wir alle ganz wohl und wie ich glaube alle freudig. - Vom Mittwoch Mor-
gens 1 Uhr bis Sonntag Morgens 1 Uhr haben Barop, Ferdinand, Frankenberg und Gnüge eine sehr
schöne Bergreise nach Luzern, auf dem See nach Flüelen, Bürgeln, Teufelsbrücke, Andermatt, zurück
nach Mayenthal, über den Susten-Paß nach Meyringen (Reichenbach und Gießbachfall) Brienz über das
Rothorn durch das Entlibuch zurück nach Willisau - gemacht. Ihr werdet viel davon durch Barop
mündlich und durch Ferdinand schriftlich davon erzählen hören; also genug sie kamen sehr befriedigt zurück.
Langguth hatte nicht zur rechten Zeit Schuhwerk besorgt und mußte so zurück bleiben; und dem Karl
trauete ich nicht genug Ausdauer zu einer solchen Männerreise zu. Beyde machten dann auch einen
sehr schönen Spaziergang mit uns übrigen Zurückgebliebenen, nemlich mit der lieben Haus- und
Pflegemutter, Ludowika und mir im Laufe der verflossenen Woche nach der Holdererhöhe,
von wo Euch Ferdinand durch mich die schöne Bergansicht auf 6 oder 7 Blättern geschickt hat
welche gegen Osten mit dem großen Sentis, gegen West mit dem Napf endiget. Es war ein köstlicher
Tag, und die liebe Mutter wurde durch diesen Spatziergang, welchen sie zum Theil auf einem Berner
Wägly mit Ludowika machte, sehr erfreut. Langguth machte den Fuhrmann. Ich und – rathet wer? –
Luis Blumberg welcher Tags vorher (heut vor 8 Tagen) bey uns als wandernder Buchbindergesell
angekommen war - machten den Weg zu Fuß. (: Am Mondtag den 28en ist L. Blbrg wieder von hier nach
Basel gewandert :) Die liebe Mutter ist jetzt sehr gesund für ihren gesammten Zustand, denket Euch: -Dien-
stag vorher ehe die jungen Männer ihre Reise antraten, machte sie mit dem Ferdinand ganz allein
(ich hatte sehr nothwendig mit Barop zu arbeiten) einen Spaziergang nach {einer Anhöhe einem Berge} gut 3 Stunden
von hier entfernt, nach Oberlehen; um 11 Uhr giengen sie hier fort um 3 Uhr /
[1R]
kamen sie dort an; um 5 Uhr brachen sie von dort wieder auf und nach 8 Uhr Abends waren sie schon
wieder hier. Also in etwas mehr als 9 Stunden war die liebe Mutter 7 Stunden fast beständig auf den
Füßen gewesen, denn der ganze Weg wurde zu Fuß zurück gelegt und vom Schloß an steigt der Weg
fast stets bergan, und die Höhe von Oberlehen ist 3780 franz: Fuß über das Meer, also bedeutend höher
als der Inselberg. Unser Schloß mag vielleicht nach Vergleichung gegen 2000 Fuß über das Meer liegen. –
Auch auf diesem Spaziergang wo die Mutter bey einem prachtvollen Sonnenuntergang vorzüglich auch die
schönen Berneralpen: Jungfrau, Eiger, Mönch rc sahe, hatte sie große Freude.
Diese erhöhete Gesundheit kommt jetzt der lieben Mutter sehr zu Statten, denn sie führt jetzt mit Ludowika
und der Hausmagd die Wirthschaft allein, und wird sie ohne Zweifel, wenn Gott ihr ferner Gesundheit schenkt, so besorgen. Luise nemlich ist seit fast 14 Tagen von hier abwesend und in Zürich bey einer gewissen Frau von
Schultheß um bey dieser oder durch diese eine Stelle als - Erzieherin zu erhalten. Frau v. Schultheß hat in
dieser Beziehung einen anfragenden Brief an meine Frau geschrieben, welcher zeigt daß sie eine Menschen-
kennerin ist und Luisen wohl über und durchschaut. Ob es dieser nun gelingen wird in oder bey Zürich einen
anderen Platz zu bekommen wissen wir noch nicht, wünschen es aber freylich beyde, meine Frau und ich gar
sehr. – Die liebe Mutter fühlt sich jetzt so kräftig, daß sie alle morgen um 6 Uhr aufsteht und erst um 10
Uhr zu Bette geht.
Von Dienstag den 15en bis Sonnabend den 19en war die l. Mutter Ludowika Carl und ich in Wartensee; das
Wetter war höchst ungünstig, doch war die Ruhe der Hausmutter sehr wohlthätig. Luise war bis
Donnerstag in Wartensee und reisete dann von dort über Luzern nach Zürich.
Ich werde Euch hoffentlich geschrieben haben, oder Barop, daß mir bey meiner Anwesenheit in Bern der
Auftrag wurde meine Gedanken über eine Normal Armenerziehungsanstalt an den Präsidenten (Reg.
Rath Schneider
) des Vereines für christliche Volksbildung im Kanton Bern einzusenden. Diese Arbeit, in Warten-
see begonnen, habe ich hier vom 20en bis 24en gefertigt. Am 26en wird sie in Bern angekommen seyn, und in diesen
Tagen, vielleicht heut dort darüber berathen worden seyn, indem am 28en die große Schulkommission
des ganzen Kantons sich in Bern versammelt und am 30en d.i. die Comitée des Berner Vereines für
christliche Volksbildung. Sobald mir etwas als Ergebniß bekannt wird, werde ich es Euch mittheilen.
Die Arbeit hat mir selbst viel Gutes besonders eine solche Einheit in, und einen solchen Überblick über
das Ganze und eine solche abgeschlossene Vollendung in sich gegeben, daß ich mich dadurch sehr gekräftiget fühle.
Ich hoffe Euch das Ganze welches in 2 verschiedenen Theilen einer Entwickelung des Ganzen und einer Übersicht be-
stehet demnächstens zu schicken sollte mir dieß nicht möglich seyn, so wird Euch Barop – welcher jetzt allen
Ernstes
sich zur baldigen Abreise anschickt – die Abschriften davon überbringen, denn er hat die Absicht für sich diese Ar-
beiten abzuschicken. Barop wird über Westphalen reisen.
Doch zur Hauptsache dieses Briefes. Titus Herreise wird die Absendung einiger Sachen nöthig machen.
Bei einem solchen Anlasse erwachen allseitige Bedürfnisse; auch Ferdinand wünscht
mehreres so
z.B. vor allem wollene Strümpfe rc, dann noch Schriftsteller, Musikalien; sein Stück Tusch rc.
Meine Frau wünscht noch vieles, so mehrere Betten rc. – Langguth wünscht von seinen Betten
wenigstens die Deckbette. Ich wünsche noch einige Exemplare meiner sämtlichen Schriftchen
deßhalb wünsche und bitte ich, daß mit der Absendung von Titus Sachen gewartet werde
bis ich wieder schreibe, denn heut ist mir die Zeit alles zu spezifiziren zu kurz.
Nun das wichtigste; vorgestern den 28en haben wir unser 2es Lehr- und Erziehungshalbjahr
begonnen. Halbzöglinge haben wir bis heute 29; Von den entfernteren ohngefähr 6-7 sind
noch keine angekommen; doch wird wie ich höre keiner ausbleiben; außerdem haben sich
noch einige gemeldet deren Eintritt noch unbestimmt ist; daher werden wenigstens soviel
Halbzöglinge eintreten als im verflossenen Halbjahr vielleicht aber auch 40. Ganz Zöglinge ist
noch unbestimmt doch ist es auch möglich; jeder Halbzögling bezahlt für Unterricht außer für Instrum-
Musik 24 Frken ½jährlich d.i. 10 Rth an uns oder an mich; wir hoffen uns so besser zu
stehen als wenn wir die Gelder durch den Verein beziehen. Das Schloß giebt man wie bisher
unentgeldlich. Die Einnahme ist im Vergleich der nothwendigen Ausgaben freylich noch gering, doch besser als
im verflossenen ½ Jahr und man muß das bessere noch hoffen. Behüt Euch alle Gott. Wir
alle haben uns besonders Eure liebe Mutter hat durch Eure Briefe sich sehr beglückt gefühlt. Euer
Friedrich Fröbel.