Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Schneider in Bern v. 6./14.11.1833 (Willisau)


F. an Johannes Schneider in Bern v. 6./14.11.1833 (Willisau)
(Brieforiginal Stadtbibl. Bern, Nachlaß Schneider, 3 B fol 12 S. Fragment - der 4. Bogen fehlt-; ed. Geppert 1976, 252-267. Datierte u. vollständige Abschrift in KN 46,4, 4 B fol 16 S. v. Ferdinand F.)

a) Reinschrift/Abschrift

Willisau den 6ten Novbr. 1833.

An Herrn Regierungsrath Schneider, Präsidenten des Vereins für

christliche Volksbildung in Bern.


Hochgeehrtester Herr!

Nach Ihren wiederholten gütigen Aeußerungen in Ihrer ehrenden Zuschrift vom
dritten dieses Monats verbunden mit Ihren frühern mannichfachen vertrauensvollen
Mittheilungen über christliche Volks- besonders auch Armenbildung in der Schweiz u. na-
mentlich im Kanton Bern im Allgemeinen u. über das Verhältniß meiner Erziehungsgrund-
sätze u erziehenden Bestrebungen zu derselben im Besonderen - darf ich die freudige Er-
wartung hegen auch bey umfaßenderen Mittheilungen über diesen Gegenstand von mei-
ner Seite, von Ihnen nicht mißverstanden zu werden.
Von mehreren Seiten u immer steigend sehe ich mich sowohl durch Wort u Schrift als
That auf das Großartige u. Großherzige der Gesinnungen vieler Männer nicht nur in
der Schweiz überhaupt, sondern ganz besonders vieler in dem Kanton Bern hingeführt.
Da ich nun in mir vollkommen überzeugt bin, daß Ihr, über Ihren ganzen Kanton segensreich
sich verbreitende Verein für christliche Volksbildung einen großen Theil dieser trefflichen Män-
ner in sich schließt; so darf ich die lebhafte Aufforderung meines Geistes u Gemüthes nicht zurück-
drängen, Ihnen als dem vom allgemeinen Vertrauen gewählten Vormann eines solchen
trefflichen Vereines großherziger Männer, auch offen im vollsten männlichen Vertrauen
meine Ueberzeugung über Menschen- u Volkserziehung in besonderer engerer Beziehung auf
schweizerische u ganz namentlich über Volks- u. Armenerziehung des Kantons Bern mehr
erweitert mitzutheilen, sie der Quelle, dem Ziele u Zwecke, den Mitteln u Wegen
nach gleichlaufend mit dem Entwicklungsgange des schweizerischen Lebens, Ihrer Er-
fahrung u prüfenden Einsicht vorzulegen.
In meinen Ihnen jüngst übersandten Andeutungen sprach ich Ihnen aus: - wie das vollkommne
Gesetz u die unbeschränkten Grundsätze aller Menschen- also jeder Volks- und so auch der Ar-
menerziehung an u für sich, sich uns u in dem Plane u Gange Gottes bey der Erziehung des Menschengeschlechtes, in so weit uns solche in der Geschichte, besonders der innern
Entwicklung des Menschengeschlechtes klar vorliegt - mit Bestimmtheit kund thun;
Ihre eingehende Prüfung u. Offenheit spricht mir aus: wie Sie diese Ihnen von mir
angedeuteten Erziehungsgrundsätze besonders angemessen für Volks- u. Armen-
bildung in der Schweiz u. so namentlich zuerst Ihres Kantons halten.
Für diese Gesammtansicht nun, ist mir nach Abgang meiner eben gedachten Mitthei-
lungen an Sie hochgeehrtester Herr Regierungsrath! ein einendes wie zugleich er-
klärendes erweiterndes Wort von einem zu früh verstorbenen Schweizer
ausgesprochen worden. Joh. v. Müller spricht es in der Vorrede zum 1ten Bande
seiner Schweizergeschichte S XXVI zu den Eidgenossen aus, wo es heißt:
"Hier ohne Heuchelei und ohne Scheu zuerst von dem größten zu reden, so ist
"eine Folge verabsäumter Aufklärung, daß der Gott, auf welchen die ewigen Bün-
”de geschehen und jährlich alle Gesetze geschworen werden, von so vielen jetzt nicht mehr
”geglaubt wird. Ich will hier nicht erweisen,was besser sich fühlen läßt. Aber
”merkwürdig ist, wie die
Bibel fast auf kein Volk eigenthümlicher als für uns
”paßt.
Aus einem Geschlechte freyer Hirten erhebt sich in so viel Stämmen
”als Eure Kantons eine Eidgenossenschaft. Von Gott bekommt sie drey /
[1R]
”Gesetze; wenn ihr sie haltet, so seyd ihr unüberwindlich: 1, Ewig in enger Verbindung zu beharren, in
”Krieg u Frieden, durch vaterländische Sitten u Freuden gemeinschaftlicher Feste, eine Nation wie
”eine Familie; 2, nicht merkantilisch wie Tyrus, ohne Eroberungslust, in ihren Landmarken unschuldig
”frey, auf angestammten Gütern u bey ihren Heerden zu leben; 3, die Nachahmung fremder
"Grundsätze u Sitten als den Untergang der Verfassung zu betrachten. Diese Gebote
”mehrmals, aber nie ungewarnt, noch ungerochen, übertreten, rettet, glorreich mehr als ein
”von Gott begeisterter Tell; bis die Nation in eifersüchtige Partheien, politisch u reli-
”giös getrennt, ängstlich zwischen zwo Monarchien, deren sie die eine fürchtet u auf die
”andere sich stützt, ohne Plan, ohne Sitten, ohne Selbstgefühl, sich bald für zu wichtig hält,
”als daß ein Weltbezwinger sie dem andern überlasse, bald für zu unbedeutend, als
”daß einer an sie denke, bald an Wundern erwartet, was Gott nur thätiger Tugend giebt,
"unwürdig der Freyheit u ungelehrig zum Joch, eine schlechte Nation, weil sie alle
”Zeit suchte eine andere zu seyn, endlich unaufhaltsam sinkt u gänzlich fällt - Euch zur
”Lehre. - So weiß ich auch nicht, ob ein Glaube uns besser geziemt als der des neuen
”Testaments, welcher (so wie unsere ewigen Bünde) jedem die hervorgebrachten u natür-
”lichen Rechte bestätiget. (Mat[t]h. 22,21), Gleichheit einführt (Coloss. 4) Luc. 22,25;
”Joh. 13. überall), Heldentod befiehlt (Auch wir sind schuldig, nach dem Beyspiel des
”Herrn für unsere Brüder das Leben zu lassen 1 Joh. 3,16) u Geistesgegenwart um so
”mehr erleichtert, als nach Versieglung der schönsten Hoffnungen menschlicher
”Natur niemand bedarf aus Todesfurcht im ganzen Leben Knecht seyn (Hebr. 2,15)."
Diese Worte - deren merkwürdiger Sinn u deren Bedeutung Ihnen gewiß in Be-
ziehung auf den von Ihnen jetzt bearbeiteten u von mir besprochenen erziehenden Zweck in
Ihrem Kanton wie mir schlagend entgegentreten wird - sollen nur die Grundlage, der Grund- u
Malstein meiner jetzigen Mittheilungen an Sie seyn, jedoch im steten Rückblick auf meine Ihnen
jüngst schon über diesen Gegenstand gemachten.
Haben Sie auch dießmal die Güte mich bis ganz zu Ende zu hören, ehe Sie Ihr Urtheil
in sich abschließen.
Wo beginne ich aber zuerst? - Bey dem Allgemeinsten oder bey dem Besondersten? -
Bey dem reinen Gedanken? - oder bey der vorliegenden Erfahrungsthatsache? -
Ich beginne mit der Wahrheit, mit dem Ueberzeugungssatze, welcher sich aus diesen ver-
schiedenartigen Betrachtungen mit unumstößlicher Gewissheit ergiebt u schon vielfach
anerkannt auf die mannichfachste Weise ausgesprochen worden ist: -
Soll endlich dem Menschengeschlechte, dem Ganzen u dem Einzelnen, ganzen Völkern
wie einzelnen Familien u jedem einzelnsten Gliede derselben wahrhaft nach dem jetzigen
Stande der Menschheitsentwicklung geholfen u so endlich ein Lebensweg betre-
ten, eine Lebensweise begonnen werden, welche uns in Sicherheit u Klarheit des
Thuns zum Ziele der Menschheit führen, so bedürfen wir einer ganz u allgemein
durchgreifenden
, aber darum Allen ihrer Möglichkeit u Nothwendigkeit nach ein-
sichtigen neuen Menschheits- Volks- u Menschenerziehung, so bedürfen wir der
klaren Ausführung einer neuen Menschenerziehung auf u für eine ganz neue Ent-
wicklungsstufe des Menschengeschlechtes
u durch diese auf eine höhere gestei-
gerte
Entwicklungsstufe der gesammten Menschheit. In der Gesammtheit der
Welt- u Lebenserscheinungen thut sich laut u unzweydeutig das Abgelaufen- und
Vollendetseyn einer bestimmten Entwicklungsstufe der Menschheit u das schon /
[2]
im Einzelnen Begonnenhaben einer ganz neuen, mit Nothwendigkeit, wie die Frucht aus der Blüthe, aus der
frühern Entwicklungsstufe der Menschheit hervorgegangenen, kund.

Ich bezeichne die Erziehung für diese neue Menschheitsentwicklungsstufe als eine Erziehung

für geist- und seelenvolles Thun, für ein solches Schaffen;

für ein, in Einigung mit dem Lebensquell bewußt empfundenes Thun, ein solches Schaffen.
Und ich sehe auch nicht ein, wie sie sich jetzt für allgemeines Verständniß schärfer bezeichnen ließe.
Diese Erziehungsweise muß aber, soll sie das von ihr gefordert Werdende leisten, mit Nothwen-
digkeit

1, so tief u so sicher gegründet u dann

2, so ewig seyn als das Wesen des Menschen selbst.
Was aber kann so tief und sicher gegründet, was kann ewiger seyn als der Gang Gottes in
der Entwicklung, Erziehung u Ausbildung des Menschengeschlechtes?
- wenn wir dessen
Ewigkeit auch eben jetzt erst anfangen mehr als nur zu ahnen, in etwas einzusehen beginnen;
da aus einer Ewigkeit herauf das Menschengeschlecht auf der Erde erschien, da es auf der Erde
einer Ewigkeit entgegen, für eine Ewigkeit erzogen werden soll.
Sollte nun die Menschheit, - ganz u einig, Ein Seyn in ihrem Wesen - als erscheinend in u. unter
dem Getrennten, soll das Menschengeschlecht, der Mensch auf der Erde zur u für Vollendung
erzogen werden d. h stets umgeben von dem Scheine, dem Vergänglichen,
dem Getrennten doch erzogen werden für das Seyn, das Bleibende, u ewig Einige, also für
Erkennung, Durchschauung u Ausübung des Guten u für Erkennung, Durchschauung u Meidung
alles dessen, was ihm entgegen seyn, darum zur Trennung, zum Bösen [Randnotiz*: Bösen = Trennung; Bösen = Getrennten; Bösen = Getrennten; Bösen = Trennung, Getheiltheit; Böse =
<Eindringung; ?> u Tiefe] herabziehen kann; - so
mußte seine Erziehung - auch nach der dem Wesen nach unwiderlegbar vorliegenden Thatsache, - noth-
wendig von dem Lebenspunkte ausgehen, wo innig eins mit der Ahnung des Guten zugleich die Wahr-
nehmung alles dessen ihre Quelle u ihren Sitz hat, was der Ausübung des Guten entgegen ist, -also
von dem Herzen, dem Gemüthe aus. Die Erziehung des Menschen, die Erziehung des Menschenge-
schlechtes mußte sich gründen auf die Wahl zwischen Einigung u. Trennung, zwischen Seyn u Schein, zwischen
Bleibendem u. Vergehendem; u. diese Wahl mußte dem zu u für Freyheit, für freye Einigung d.i.
das ewige Gesetz der Einheit u. des Einigseyns in sich selbst Tragenden, d. h. nach dem Bilde Gottes
Erschaffenen freystehen.
Doch seit Jahrtausenden schwankt das Menschengeschlecht mit bald größerem, bald gerin-
gerem Ausschlage der Wege in dieser Wahl; seit Jahrtausenden wird sein Herz und Gemüthe, sein
Geist gepeiniget von der daraus entstehenden Qual, u. seit Jahrtausenden durchirrt der
Blick des Menschen kämpfend seinem Ziele entgegen das All; aber worin der Grund des
Kampfes, darin ist auch das Ziel desselben d.i. in der Einigung, wo der Kampf begann, da
ist auch das Ziel des Kampfes d.i. im Herzen, im Gemüthe des Menschen.
Diesen Jahrtausende langen qualvollen Kampf um die Wahl u. in der Wahl der Einigung
u des Seyns unter allem Schein u. bey aller Trennung, hat uns nun, von seinem ersten Keimen
im Herzen u Gemüthe an, durch Ueberlieferung u Schrift ein Volk aufbewahret, welches - aber
wegen dieser Festhaltung der gefundenen u erkannten Einigung - wenn auch zum öftern fast nur
in einzelnen seiner Glieder, doch bey u unter allem Wanken u Schwanken u unter aller Qual, fest
hielt an der einmal entschieden ergriffenen Wahl u welches - das Volk der Einigung, das Volk
der Einigung mit Gott, das Volk Gottes genannt wurde, das Volk durch Eid unter sich und
mit Gott verbunden, mit Gott im Bunde.
Finden wir nun aber in diesem Volke, als Gegenstand der Schicksalserziehung, /
[2R]
oder was doch wohl, nur in höherem Sinne gleich ist der Vorsehungs- oder in noch höheren aber einigenden
Sinn wahr ist, an diesem Volke der Gotteserziehung (denn es ließ doch im tiefsten Grund seines Herzens
nie von seiner einmal erkannten Einigung mit Gott u diese Einigung war sein Erziehungsquell u Element) - finden wir nun an diesem Volke nicht bestätiget, was uns so oft die Menschen[-] und Knabenerziehung
zeigt: daß Knaben von unbändigen, gewaltigen Lebensäußerungen oft die ruhigst tüchtigsten,
ausdauernd thatkräftigsten Männer, ja fromme Wohlthäter ihrer Umgebungen u ihrer Zeit
werden? -
In der Entwicklung, in der Erziehung u in der Bildungsgeschichte dieses Volkes
nun in Verbindung mit der anderer Völker, also mit einem Worte in dem Gange Gottes
in der Erziehung des Menschengeschlechtes, welches kurz die ist:
Von der Ahnung, der Einung des Einsseyns durch die Trennung zum bewußten Einig-, zum
innigen Einsseyn, zum Leben in Gott; (in Jesu)
Von der Ahnung der innern Abhängigkeit durch den Ungehorsam, durch den Zwang u. die
Nothwendigkeit zur äußern u innern Freyheit in Gott; (abermals in Jesu)
Von der Ahnung des Wechselbundes zwischen Ursach u. Wirkung, durch das Gesetz
bis zur Liebe in Gott; (wiederum in Jesu)
Hierin ist aller Menscherziehung, sey es die ganzer Völker oder einzelner Fa-
milien und der einzelnsten Glieder derselben sowohl zur tiefbegründeten, als sicher zieler-
reichenden Menschenentwicklung, Erziehung u Ausbildung für Vollendung - ein Vor-
bild
gegeben.
Darum ist denn auch dieser hier angedeutete Entwicklungs- u Erziehungsgang - verglichen
mit den Andeutungen in meinen jüngsten Mittheilungen an Sie, hochgeehrtester Herr! wo
ich sage, daß die ersten Menschen wie die ersten Begründer, so die ersten Glieder der
Völker u des Volkes, wie recht eigentlich die ersten Armen sind - in seiner Beachtung und
Anwendung vorzüglich wichtig für Volks- u Armenerziehung, für Volks- u Armenerziehungs-
anstalten.
Aber nicht in diesen innern Ansichten des Menschenentwicklungsganges allein liegt das Wich-
tige der Anwendung besonders auf Volks- u Armenerziehungsanstalten; auch das Äußere
ist in der Beachtung wichtig: Ueberall sehen wir nemlich in der Geschichte dieses merk-
würdigen Volkes das Gute wie segensreiche Bäche von den Bergen in die Tiefe herabströ-
men u ich möchte sagen aus der Tiefe im duftigen Nebel zu den Bergen empor steigen, um von
neuem als Segensströme von Höhen, dem Hochlande herabzufließen; von den Bergen
u Höhen, bis zu welchen herab der reine Äther des Himmels zu reichen scheint, wo die Gemüths-
u Herzensreinsten wie aber auch an äußern Gütern Armsten wohnen. Bewährt sich hier
nicht thatsächlich: den Armen ist das Himmelreich? - Und sehen wir nicht weiter, daß im Fort-
gange der Entwicklung des Menschengeschlechtes eine große Anzahl der Menschenbe-
glücker von den Bergen herabstiegen, woselbst sie gleichsam ihre erste Weihe be-
kommen hatten? -
Wie höchst merkwürdig ist nun in allen diesen Beziehungen die ur- u musterbildliche
Erziehung u Führung des Stammvolkes Jesu, wie wichtig der sich darin kund thuende
Plan besonders zur Erziehung der Schweizer, des Schweizer Volkes überhaupt.
Doch Joh. v. Müller spricht es noch näher u. bestimmter in der angeführten Stelle aus,
indem er dort zu allen Eidgenossen sagt:
"Aber merkwürdig ist, wie die Bibel fast auf kein Volk eigenthümlicher als für /
[3]
”uns paßt. Aus einem Geschlechte freyer Hirten erhebt sich in so viel Stämmen als eure Kantons eine ”Eidgenossenschaft. Von Gott bekommt sie drey Gesetze; wenn ihr sie haltet, so seyd ihr unüberwindlich;
”1, Ewig in enger Verbindung zu beharren in Krieg u. Frieden; durch vaterländische Sitten u Freu-
”den gemeinschaftlicher Feste, eine Nation, wie eine Familie; 2, nicht merkantilisch wie Tyrus,
”ohne Eroberungslust in ihren Landmarken unschuldig frey, auf ihren angestammten Gütern u. bey
”ihren Heerden zu leben. 3, die Nachahmung fremder Grundsätze u. Sitten als Untergang
”der Verfassung zu achten u. s. w. mit der besondern Hinwendung zu den Eidgenossen schließend:
”Euch zur Lehre."
Ich ersuche Sie hochverehrter Herr Reg.Rath! sich bey diesen Worten alles dessen
zu erinnern, was ich mir erlaubte Ihnen in meinen jüngsten Mittheilungen über
Volks- u. Armenerziehung in der Schweiz u namentlich im Kanton Bern auszusprechen.
Auf No 1, ein innig einiges Ganze zu seyn wies ich in der ganzen Abhandlung
durchweg hin, u so namentlich in Beziehung der Forderung gemeinschaftlicher einigender,
wahrer Familienfeste, wie des Antheils an den einigenden, veredelnden u erhebenden Volks-
festen
, so wie das stets Theilen der kirchlichen Einigungen. In Beziehung auf No 2,
sprach ich mit Ihnen aus: an das Landleben müsse besonders die schweizerisch volksthüm-
liche Erziehung sich anschließen; von dem Landbau durch Handfleiß zum Unterricht
emporsteigen; aber die Werke des Kunstfleißes müßten in volkserzieherischer Hin-
sicht mehr Werth als Ergebniß, als Zeugen geistiger Entwicklungs[-] u Bildungs-
stufe, als eigentlich äußern materiellen u Geldwerth industriellen u merkantilischen
haben. In Rücksicht auf No 3, sagte ich, daß die Bildung aus dem Volke sich selbst
entwickeln u seine eignen Lehrer aus ihm hervorsteigen müssen, u daß so das all-
gemein menschliche Erziehung[s-] u Bildungsgesetz in
ihm sich volksthümlich kund thun
u in einer reinen volksthümlichen Bildung sich offenbaren müsse. Geht es nun aus der
engern Anwendung der drey Gesetze, welche jenes Hirtenvolk von Gott bekam, auf
schweizerische Erziehung nicht mit Bestimmtheit hervor, daß die Schweiz ein Land der
ächten Volks- u. Armenerziehung sey u daher wohl das Land des Kantons am <meisten>
der sich der höchsten, schönsten, reinsten Höhen u Berge erfreut, des Kantons Bern? -
Zu diesen allg.[emein] geschichtlichen Gründen kommen aber auch allg.[emein] erdkundliche. Alle Berg- und
Hochlandbewohner sind bekanntlich, wie auch schon oben beym Urvolke erwähnt wurde gei-
stigere u anlagsvollere, geistig Gemüths- u Herzensfreyere Menschen; von den Bergen u
Höhen steigt hoher, freyer Menschensinn in die Tiefen, die Thäler u Ebenen herab, wie sich
von den Bergen das klare frische Wasser zur Tränkung u Labung aller Durstigen in die
Ebenen senkt.
Deßhalb ist nun wohl auch schon seit langem die Schweiz ein Land der Erziehung, die
von der Natur geweihte d. h. von Gott gesegnete natürliche Erziehungsanstalt; sandten nicht schon
seit langer Zeit alle Länder Europas u selbst außereuropäische, überseeische Länder, Söhne
zur Erziehung nach der Schweiz u vor allem erzeugte die Schweiz u schenkte sie nicht zum
Wohle der Menschheit zwey der kräftigsten Vormänner u Vorfechter, ja Märtyrer für
Ausübung einer Menschenerziehung, einen wirkend im durchdringenden Worte, wie den
andern in u durch ausdauernde That: einen J. J. Rousseau und einen H. Pestalozzi? -
Die Schweiz, verzeihen Sie als ächter Schweizer es mir, die Schweiz hat diese Män-
ner ihrer, ihnen von Gott u Natur ingewiesenen Stellung u Wirksamkeit nach, nicht aner-
kannt; sie sah als zufällige, einzel u persönliche Erscheinung an was in den gesammten /
[3R]
Volks- u. Localverhältnissen mit bedingt war u dessen Entwicklung scheinbar Zufälliges wohl wecken
u begünstigen mochte. Aber auch diese Männer, so groß, so ergreifend wirkend sie waren, haben
die geschichtliche u naturhistorisch begründete, erzieherische Bedeutung ihres Vaterlandes, das ge-
schichtlich u naturhistorisch tief Begründete ihrer erziehenden Wirksamkeit nicht erkannt, noch we-
niger als nur eigentliches u ächtes Fundament ihrer Localwirksamkeit, - woran doch namentlich
dem letzteren u mit allem Rechte so viel lag u dessen Wichtigkeit er für ganz Europa zu ahnen
schien - beachtet u gepflegt; darum, so möchte ich auszusprechen mir erlauben, darum fehlte auch
der ganzen Wirksamkeit der sichere Grund u Boden. Nochmehr ließe sich dieß wohl
von einer neuern Erziehungs-Erscheinung in der Schweiz aussprechen, wenn die Thatsache dem
Blicke nicht noch zu nahe läge, um schon ein geschichtliches Urtheil darüber zu fällen.
Ihnen, dem Vormann eines hochachtbaren Vereines für ächte u wahrhaft begründende
volksthümliche Erziehung u Ausbildung ist mir, aus Dankbarkeit für das mir gewordene Zu-
trauen auszusprechen Pflicht: jede bleibend sich stetig fortentwickeln sollende Wirksam-
keit für wahrhafte Volksbildung muß, wie überhaupt persönlich
menschlich, so besonders
auch
geschichtlich u naturhistorisch begründet seyn; ohne dieß wirkt sie wohl auch fort,
wie alles was geschieht, eben als nun einmal geschehen, auch fortwirkt; allein sie wirkt nicht als ein
stetiges Ganze aus einem Herz- u. Lebenspunkte, gleich einem Lebensbaum, für Vollendung in sich u um sich
fort. Dieses klar begründete Bewußtseyn der stetig in sich u außer sich fortschreitenden Entwicklung
für irdische Vollendung von
einem in sich ruhenden Quellpunkte aus, dieß ist es, was auf der jetzigen
Stufe der Menschheitsentwicklung jede Wirksamkeit für ein größeres oder kleineres Ganze
nothwendig begleiten, von welchem es ausgehen, durch welches es eigentlich sein Daseyn erhalten
muß. Lassen Sie mich Ihnen die wichtigste Wahrheit für bleibendes sich stetig steigernd
zur Vollkommenheit fortentwickelndes Wirken aussprechen, damit Ihnen für Sie u Ihren
Verein der Beweis daraus hervorgehe, daß meine Wirksamkeit auf klar durch- u überschau-
ender, sicher erfassender, bewußter Grundlage ruhe: - Jeder Gedanke sey er noch so groß,
noch so gut, edel u menschenbeglückend, soll er ins Leben treten u als ein ächt lebendiger für Leben
wirken, muß um gleichsam zu seinem Körper u Leib die Organe zu erhalten, gleichmäßig in
der Geschichte wie in der Natur u hier besonders geographisch begründet seyn
.
Also nochmals zu Ihnen hochgeehrtester Herr! -u durch Sie dem ganzen hochachtbaren Verein für christliche Volksbildung im Kanton Bern: -
Die Schweiz ist durch Natur u geographische Lage wie durch Geschichte u die geschichtlichen
Thatsachen das ächte Land, besonders der begründenden, elementaren Erziehung für Deutschland,
für die Länder deutscher Zunge, jedoch unter der Bedingung, daß der Geist, wie der Gipfel
dieser Erziehung die Einigung der Gemüths- Denk- u Thatkraft für gottinniges Leben ist.
Sehen Sie, hochgeehrtester Herr Rgrath! nur einmal auf eine Karte der Länder deutscher Zunge
u schauen Sie, welch' einen herrlichen verzweigten Baum bietet hier der Rhein der, welch' ein
gewaltiger Stamm, welche kräftigen Äste, welche frischen Zweige, u so welche volle schöne
Krone! u diese Laub- Blüthen- u Fruchtreiche Krone gehört nur dem schweizerischen Lande; über
einen der schönsten Theile derselben verbreitet sich die Republic Bern.
Schneidet man nun aber einem Baume seinen Gipfel aus, so verstrupt, vermoost er,
wie er überhaupt in sich verdumpft; mir scheint dieß der Fall mit der Schweiz in Beziehung
auf ihre noch nicht, besonders noch gar nicht klar erkannte u noch nicht lebenvoll freythätig
angewandte erzieherische Bedeutung, vor allem begründend erzieherische Bedeutung in
Beziehung auf das übrige deutsche Land der Fall zu seyn. /
[4]
Ziehet man nun aber dem Baume eine frische Krone, einen jungen frischen Gipfel, so wächst der ganze Baum von neuem frisch u wieder neu verjüngt.
Diese Forderung dünkt mich, machen nun - von Seite der Naturwendigkeit u somit von Seite
der natürlichen Bedingungen der Menschen- u Menschheitsentwicklung u Erziehung - die neuesten Lebenserscheinungen besonders auch wieder des jetzt laufenden Jahres an das Kronen- u Gipfel-
land des Rheins, an die Schweiz; besonders auch in der jüngsten Aufnahme politisch d. i.
dem eigentlich innersten Grunde nach als menschen- und menschheitserzieherisch Verfolgten.
Wie aber auch schon selbst Erscheinungen in der frühern Schweizergeschichte für diese Ansicht
sprechen, ob sie gleich als Thatsache das Gegentheil davon aussagen: ich meine den Schutz, den
man in der jungen Krieger Wort-Muth-u Lebenstreue der einfachen schweizerischen
Natursöhne suchte. Gar oft aber bildet sich im tiefen Innern richtig Geahnetes
im Leben ganz fehlerhaft, d. i. nach der ganz entgegengesetzten Seite hin aus, weil man
das Richtiggeahnete falsch verstand u so fehlerhaft gebrauchte. Beyde Erscheinungen
nun die vorher gedachte u jetzt genannte gleichen sich in ihrem innersten Wesen völlig aus,
d. h. sie zeigen beyde auf einen u ebendenselben Grund hin: -wie sonst Könige u Fürsten
gegen ihre von ihnen nicht verstanden werdenden Völker Schutz durch die einfachen
so treuen als kräftigen Berg- u Hochlandsbewohner suchten, so suchen jetzt Völker u
Volksglieder Schutz bey ihnen gegen ihre sie nicht verstehenden Könige u Fürsten. Ahnungs- u sehn-
suchtsvoll kamen viele besonders in der jüngsten Zeit in die Schweiz, aber sie wußten u wissen nicht
was sie suchen u suchen sollten, was sie erwarteten u erwarten sollen; sie nahmen und nehmen unter verschie-
denen Formen das Brod, welches man ihnen reichte, nun selbst glaubend u so glaubend machend, sie
suchten Brod; ja freylich suchen sie Brod, d.h. Brod des Geistes nicht des Leibes: Wirksamkeit
zur Pflege des geistigen Lebens.
Also in beyden so ganz verschiedenen Erscheinungen, der frühern u der jetzigen ist das das einigende: Schutz im reinen Natursinn, in einem diesem Sinne getreuen Naturleben.
Darum liegt ein höherer menschlicher menschenerzieherischer Grund in den jüngsten theils von vielen
Nachbarstaaten, theils in sich selbst so sehr bekämpften, wenigstens scheel angesehenen Erscheinungen in der Schweiz, nicht
ein Zufall; - aber die Schweiz sollte diesen tiefen Grund einsehen u den an sie ergehenden Ruf hören u thatkräf-
tig u werkthätig beachten; beachten den Weltenruf: für endliche Ausführung einer ächten Gotttreuen u
Menschen-
würdigen, Natur- u Geschichtgemäßen Menschenerziehung
; u so wie früher einfach naturgetreue u muthvolle
Krieger von da auszogen, so sollten jetzt einfache naturgetreue u muthvolle Erzieher aus dem Hochlande
ausziehen, wa[h]rlich um ehrenvollere Kämpfe zu bestehen als die frühern ruhmvollen; wie sonst Krieger
mit starkem Arm für das vermeinte Recht aus der Schweiz zogen, so sollten jetzt Erzieher mit kräf-
tigem Geiste für erkannte Wahrheit aus der Schweiz ziehen.
Aus diesem Gesichtspunkte u durch diese Gründe nun, in der dunkeln Ahnung des zu erfüllenden
Berufes lassen sich alle jetzigen menschenerziehenden Erscheinungen in der Schweiz u so ganz besonders
auch in Ihrem Kanton (welchen man ja mit dem bedeutungsvollen Nahmen: Schiksalscanton u mit dem
sinnvollen Wort: moralischer Vorort benennt) - deuten und erklären: -es ist dieß das Wogen u
Treiben des gerad jetzt, als in der Zeit einer großen Welt- u Menschheitsfestzeitenentwick-
lungsstufe – vorwaltend wie in einer großen Welt- und Menschheitsfestzeit - ächt erzieherisch
wirkenden Menschen- u Menschheitsgeistes; möchte Ihr weiteres u engeres Vaterland das Wogen
u Treiben dieses Menschheitsgeistes verstehen, es handelt sich zunächst um nichts geringeres
als um die Erziehung des ganzen deutschzungigen also deutschherzigen, deutschgeistigen und
deutschsinnigen Menschengeschlechtes. - Auch Ihr Verein für christliche Volksbildung /
[4R]
im Kanton Bern hervorgerufen von einigen Vortrefflichen u gebildet von vielen Vorzüglichen, ist ein Schoß
u eine Blüthe dieses waltenden wirkenden Menschheitsgeistes. Deuten Sie nun hochgeschätzter, hochgeehr-
tester Herr! als würdiger Vormann dieses hochachtbaren Vereines, demselben in der dem Ganzen
u den einzelnen Gliedern desselben verständlichen Sprache diese hohe aber nicht nur in der gesammten
Geschichte der Menschheitsentwicklung, sondern selbst in der Geschichte der Schweizer tief begründete
Bedeutung und Wichtigkeit seines Zusammengetretenseyns. Alles Allgemeine, ja das Allgemein-
ste muß zu allererst am Besondern, ja am Besondersten, an der Person, an sich selbst beginnen
u so muß deßhalb auch die Erziehung des ganzen Schweizervolkes zunächst mit der Erziehung
des Volkes jedes einzelnen Kantons u entwickelt aus dem Charakter, den Forderungen
u eigenthümlichen Geist dieses Volkes ihren Anfang nehmen.
Darum erlauben Sie mir nun, daß ich weiter herabsteigen darf in den Zweck Ihres
Vereines für christliche Volksbildung in Ihrem Kanton Bern.
Der Zweck dieses Ihres Vereines, die Gesammtbildung des Bernervolkes als
eine gemeinsame christliche Volksbildung ins Auge zu fassen u als Ziel fest zu halten ist
wohl hochlöblich, ist um so hochlöblicher, als er sich zunächst auf einen einzelnen Zweig der gesammten Volks-
bildung, den der Armenerziehung einschränkt. Ich hoffe davon meiner - freylich grad in diesem Punkte -
geringen Erfahrung nach, aber aus höhern allgemeinen Gründen sehr viel Gutes. Doch dünkt mich auch hier
sollte man auch hier im allerersten Beginnen nicht sogleich vom Allgemeinen, vom Großen ausgehen, sondern
nur von dem Kleinen; nicht von dem Vielen, sondern von dem Einzelnen; denn dieß ist der Bil-
dungsgang bey allem, was sich auf u für die Dauer entwickelt: zuerst war Familienerziehung,
ehe Landschulen, früher die Gymnasien als die Hochschulen.
In dieser Beziehung dünkt es mich nun, sey es zur Erreichung des vorgeste[c]kten Zieles
(wie ich schon früher ausgesprochen habe) sehr günstig, wenn man die Wünsche Einzelner, welche unter
der Leitung des auch hier wieder vorgeführten Erziehungsgeistes sich für erziehende Schullehrer
zu bilden den Beruf in sich fühlen u die dazu nöthigen Fähigkeiten u Anlagen besitzen –
von Seiten der betreffenden hohen Behörden durch die entsprechende Unterstützung zu erfüllen
suchte; diese könnten sich dann im Kreise einer, in diesem Geiste schon bestehenden Erziehungsanstalt lehrend
u lernend ihrem Beruf entgegen bilden; diese gäben dann bald einen Kern tüchtiger Männer, welche
bey Ausführung von Erziehungsanstalten in diesem Geiste, sogleich als volksthümliche Lehrer eintre-
ten könnten. Je länger u mehr ich über diesen Gegenstand nachdenke u die Ergebnisse dieses Nach-
denkens mit den Ergebnissen meiner mehrjährigen Erfahrungen zusammenstelle, um so mehr u bestimm-
ter muß ich mich dahin entscheiden, dass bey wirklichen Volks- also mehr noch bey Armenerziehungsan-
stalten junge berufstüchtige junge Männer aus dem Volke selbst, u ihr Volk achtende u liebende
Männer überwiegend die entsprechend u erfolgreichsten erziehenden Lehrer sind (die Gründe
dafür lassen sich mehrseitig auseinandersetzen); doch versteht sich unter der Voraussetzung, daß sie
auch dafür sich vor u durchgebildet haben. Denn nur das Tüchtige kann auf geradem Wege (positiv)
für Tüchtiges, nur das Vollkommne in seiner Art für Vollkommenes, nur das Vollendete für Vollendung
wirken. Wo man also auf geradem Wege die Fortbildung des Tüchtigen, Vollkommenen, Vollende-
ten (versteht sich in seiner Art) will, wie dieß in jeder u durch jede Erziehungsanstalt in ihrer Art geschehen soll,
so muß man zuerst das Tüchtige, Vollkommene u Vollendete in dem dafür Wirkenden zu erreichen suchen (Unvollkommnes, Unvollendetes, Untüchtiges kann wohl auch für Tüchtiges pp wirken, aber auf dem ent-
gegengesetzten negativen Wege).
Und so komme ich gleich auf einen zweyten Punkt: die für den Zweck der Ausführung volksthümlicher
Erziehungsanstalten zu Wählenden; /
[5]
1, Können sie aus dem Volke selbst, besonders vom Lande seyn, ohne alles das was man im jetzigen Sprach-
gebrauche unter dem Worte Bildung begreift, also einfache, aber treue an Geist u Gemüth wie an Körper ge-
sunde junge Männer, Männer mit natürlichen Fähigkeiten, Anlagen u Eifer für ihren Beruf.
2, schon wissenschaftlich gebildete junge Männer.
Erlauben Sie mir hochgeehrtester Herr Rgrath! daß ich mich Ihnen über diesen Punkt ganz offen u unum-
wunden nach dem Ergebniß meiner (leider in dieser Beziehung nur unverhältnißmäßig gar zu theuer
und schmerzlich erkauften) Erfahrung aussprechen darf.
Wie es überall nothwendig ist, daß man zu dem heruntersteigen muß, was man zu sich heraufziehen
will, so ist dieß besonders bey der Kinder- Jugend- u Volkserziehung der Fall; ohne dieses Herab-
gehen ist das Erreichen des Erzieher- u Lehrerzweckes, das Heraufheben unmöglich; aber auch dieses
Herabsteigen wieder darf kein äußeres, sondern muß ein inneres seyn, dieß ist aber nach den vorliegenden
Lebenserfahrungen (was sich jedoch auch aus Gründen in seiner Nothwendigkeit nachweisen läßt) - nur
auf zwey Stufen der menschlichen Bildung möglich, entweder wenn der Mensch selbst noch auf einer einfachen
Stufe vorherrschender Herzens[-] u Gemüthsbildung steht, also in einer gewissen Beziehung selbst noch
ein Kind ist, oder wenn er zweytens bis zu einer solchen Stufe der eignen Geistesbildung vor- u durchgedrun-
gen ist, daß er die Nothwendigkeit des Daseyns u der Pflege des Kindes d. h. der Gemüthsstufe der
Menschenbildung zur festen Begründung u Erreichung der höhern Entwicklungsstufe des Menschen, das ist für
das spätere ernstere männliche häusliche u bürgerliche Volks- und Menschheitsleben in sich klar einsieht; also ei-
gentlich nur zwey Arten Männer können als erziehende Lehrer wohlthätig wirken: entweder junge Männer
mit einfachen herzvollen Sinn für ausübendes darstellendes Leben oder junge Männer welche nach dem
wissenschaftlich Durchlaufenhaben bey in sich ungetrübter Gemüthsbildung zu jener Stufe der Wirksam-
keit als der dem Menschengeschlecht jetzt nothwendigsten zurückgekehrt sind, also auf u durch
die höhere Bildungsstufe kindlichen Lebenssinn bey Einsicht sich bewahrt oder durch Einsicht sich
wieder errungen haben. Bey allen jungen Männern auf den Bildungsstufen oder vielmehr
in den Entwicklungszuständen, welche zwischen beyden in der Mitte stehen, u welche für eine
unmittelbar erfolgs- u segensreiche ausübende erziehende Lehrerwirksamkeit gebildet und
erzogen werden, ist es höchst schwierig auf diesen Erfolg zu rechnen; sie können selten ich muß
fast glauben nie davon lassen auf ihre mühsam von Außen angelernte, u darum immer
todte Kenntniß vorwaltenden Werth zu legen; sind sie nun wirklich auch in ihrem Amte treu,
so suchen sie höchstens ihren mühsam errungenen Schatz auch auf gleiche Weise, wie sie ihn
errungen, ihren Schülern u Zöglingen zu überliefern, u dieß wirkt höchstens wieder
nur für äußere Aneignung von wieder Todtem.
Ich habe leider für die Wahrheit des hier ausgesprochenen in mir unverhältnißmäßig
gar zu theuer u. zu schmerzlich, ja mit unersetzlichen höheren, besonders Verlusten der köstlichen
Lebenszeit erkaufte Erfahrungen gemacht. Durch das wiedergekehrte ernsteste Studium auf
drey der ersten Hochschulen Deutschlands (Jena, Göttingen, Berlin) hoch die Wissenschaft achten ge-
lernt u ihren tief begründeten Einfluß auch auf die erste begründende, elementare Erzie-
hung des Menschen eingesehen, suchte ich mir zu meinem gesteckten Lebenszwecke vorwal-
tend schon wissenschaftlich gebildete junge Männer mit mir zu verbinden, ich hoffte von ihnen, daß
sie wenigstens in der Ahnung nicht nur das hohe Bild der Menschenwürde sondern auch die Kenntniß
des Weges, sie zu einem allgemeinen Gute des lebenden Menschengeschlechts zu machen, gewonnen
haben würden; doch nur mit Wenigen gelang es mir u würde auch hier gewiß mißlungen seyn,
hätte nicht vorher ein gemeinsamer Volks- Freyheits- ja Menschheitskampf gleichsam einen volksthüm-
lichen freyen Menschen- u Menschheitsbund geknüpft gehabt, welchen alle spätern Lebenskämpfe /
[5R]
ja Lebenskriege nicht aufzulösen vermochten nein! nun, nach jener hohen Lebensvorschule, nur immer inniger machte.
Verehrtester Herr! durch Krieg u Kampf muß wohl für höhere Läuterung, zur Prüfung u Bestätigung
des Wahren alles hindurch gehen u er ist, wie die Erfahrung bis jetzt lehrt, bey keinem neu zu begründenden
menschlichen Werke zu vermeiden; allein dieser Krieg u Kampf darf besonders bey einer jungen
Pflanzschule für Erziehung nicht zu früh, ohne vorher gewonnene innere Einigung, hervorgerufen werden, sonst läuft die Pflanzung, das junge Werk Gefahr, dadurch in seiner Entstehung wieder zu vergehen.
Dieß lehrt ein ernster prüfender Blick auf alle erzieherischen menschenbildenden Anstalten, wie ich
auch die oben ausgeführten Erscheinungen ohne Ausnahme an allen Erziehungsanstalten bestätigt
gefunden habe, wo man für den durch sich hochstehenden Erziehungszweck die wissenschaftlich Gebil-
detsten zu einigen suchte; entweder löseten sich die Vereine mit mehr oder minder lautem
Krieg auf, denn das ausübende erziehende Wirken leidet die controversistisch philosophischen
Streitigkeiten nicht; oder wo man durch gegenseitiges Zugeständniß u Accomodiren zusammen-
blieb, da ging das Leben der Geist verloren, da sank der hohe Zweck das hohe Ziel der Menschen-
erziehung, da starb die lebenvolle Gestalt der Menschenerziehung (ich will gar nicht einmal
von Volks- noch weniger von blos Armenerziehung reden) an der Äußerlichkeit.
Erziehende Lehrer für Volks- u besonders Armenerziehungsanstalten aus den an Geist und
Leib gesunden, fähigen u anlagsvollen Jünglingen des Volkes selbst herauf zu bilden, dafür spricht
noch ein anderer nicht geringerer Grund als die vorigen: Diese Lehrerwirksamkeit ist zu wichtig,
die Forderungen an sie sind zu groß; für solche Wirksamkeit, für die Erfüllung solcher Forderung
muß der Mensch gehalten werden; er kann dieß entweder in sich oder außer sich; durch das Ganze.
Bey dem in einem Streben nach höherer wissenschaftlicher Bildung noch Begriffenen; sind die
Bande durch das Ganze u dessen Urtheil gehalten zu werden aufgelöset; u die höhere Bildungsstufe
durch sich selbst gehalten zu werden, noch nicht errungen. Diese Zwischenbildungsstufe wirkt als
erzieherisch lehrend höchst nachtheilig; fügt sich nun ein solcher zwar wissenschaftlich Gebil-
deter aber in der Lebensbildung noch Begriffener ja dem Gehaltenwerden von außen,
-so ist sehr leicht möglich, daß er bald als Söldner, nicht als Freythätiger wirke; daher ist es
auch von dieser Seite der Betrachtung aus wichtig junge Männer einfachen Sinnes u anlags-
voll aus dem Volke selbst zu wählen, wie sie durch den höhern Geist des Ganzen, dessen Einwirkung
sie einmal empfunden haben, in sich u außer sich gehalten werden, so bleiben sie auch diesem,
und um dieses willen ihrem Wirken lebensvoll treu, da jene immer daraus hervor u fort-
streben.
Verzeihen Sie mir ja die Weitschweifigkeit, mit welcher ich mich über diesen Gegenstand aus-
breitete, allein er gehört ganz gewiß, um in dem der Betrachtung vorliegenden Werke zum
vorgesteckten Ziele zu gelangen, zu den allerwichtigsten. - Der welcher uns in Allem Vorbild
u Muster ist, beweiset durch sein Handeln u Leben die Wahrheit dessen, was ich mit so unvollkomm-
nen Wort u in so unvollkommner Weise darzulegen mich bemühete. Dieser größte
Menschen- Volks- und Armenerzieher, als er durch Erziehung in allen Beziehungen ein
unvergängliches Friedensreich auf Erden stiften wollte, wählte dazu durch das ausübende
Leben einfach erfahrne, aber herz- u gemüthvolle Menschen, keine Zöglinge der ver-
schiedenen Schulen der Schriftgelehrten; wohl wurde ein Saulus, nachdem er ein Paulus
geworden war, eine Säule der neuen Lehre, aber nachdem er selbst erst durch Krieg hindurch
gegangen, sie selbst u ihre Bekenner durch lebenvernichtenden Kampf u Krieg hindurch
geführt hatte.
Dieß in Beziehung auf die Beachtung u Erziehung Einzelner zur Erreichung u Ausführung /
[6]
einer allgemeinen Volks- u zunächst Armenerziehung.
Als vorzüglich vermittelnd dazu u wesentlich günstig dafür erscheinen mir nun die, wie ich
vernehme, von mehreren Seiten in Ihrem Kanton u ganz namentlich auch von Gliedern des
Vereines für christliche Volksbildung gewünschten u angestrebten Gemeinde- oder vielmehr
Amts-Armenerziehungsanstalten.
Nach meiner Ueberzeugung müßte man auf die Ausführung dieser Amtsarmenerzie-
hungsanstalten gleich jetzt u zunächst die größte Sorgfalt wenden. Im Kleinen kann man das Ineinan-
dergreifen der Glieder, das Gesammtleben nach Grund, Zweck und Mittel leicht überschauen u
so den Geist leichter gestalten, leichter wahrnehmend u schneller fortwirkend machen.
Wie sich das Ganze leicht übersehen läßt, so lassen sich Fehler u Vorzüge leicht einsehen,
die letzteren zu sicherer Aneignung, die ersteren zur schnelleren Vermeidung.
Jeder Einzelne, jedes Glied steht dem Ganzen, dem Mittelpunkte, dem Hausvater, der
Hausmutter u so dem Geiste des Ganzen näher u kann leichter von ihm ergriffen, durchdrungen
u festgehalten werden.
Sey es auch wirklich zu allernächst nur eine einzige solche Amts- oder Gemeindearmenerzie-
hungsanstalt, u bestehe sie auch wirklich nur 1/4 oder ½ Jahr vor Ausführung u Eröffnung einer größern
allgemeinen u Kantonal-Normal-Armenerziehungsanstalt, so würde sie, davon glaube ich die Nachweisung
der Gründe oben angedeutet zu haben, für diese ein ächter Grund u Eckstein seyn, u demnach kostet ihre
Ausführung weniger Zeit u weniger Mittel, die Ergebnisse liegen schneller zur Prüfung u -
in so fern ich sie zum Voraus in Glauben u Vertrauen als entsprechend annehme - zur Anerkenntniß vor;
die Glieder dieser Anstalt können, wenn es sonst die Verhältnisse erlauben bald u leicht zu Mit-
arbeitern an die höhere Normalanstalt versetzt werden, wo sie sich bald als gewandte, das
Leben u den Geist in sich aufgenommene, von ihm getrieben werdende Glieder beurkunden werden.
Ich ersuche Sie sehr diesen Gegenstand einer ernsten Prüfung zu unterwerfen. Nochmals
gesagt, es ist nach meiner Ueberzeugung grade die Ausführung dieses Vorschlages, welches von
mehreren Seiten der Begründung u Einrichtung einer Kantonal-Normal-Armenerziehungsan-
stalt, einen sich stets verjüngenden Geist u darum ein sich lebenvoll stets erneuerndes Be-
stehen zusichern würde.
Ueberhaupt bin ich hochgeehrtester Herr Rgrath! nicht nur mit Ihnen von der gegen-
wärtigen großen Nützlichkeit u Nothwendigkeit, sondern, wie ich mir erlaubt habe, nachzuweisen,
von der durch Natur u Geschichte tiefen Begründetheit des Vorhabens Ihres Vereines
für christliche Volksbildung, besonders zunächst durch Erhebung der Armenerziehung
in mir auf das festeste überzeugt, daß ich an dem Gelingen dieses Unternehmens, so groß,
so oft es auch schon begonnen u so oft es auch schon mehr oder minder gescheitert ist oder eines
innern fortentwickelnden Lebensquells ermangelte - daß ich ohngeachtet alles dieses Widrigen
an dem Gelingen dieses großen, weit verzweigten Unternehmens, welches wie ein wahrer Le-
bensbaum ist der seine weiten früchteschweren Äste ins Jenseits senkt - nicht im Mindesten
zweifle, versteht sich unter der angegebenen Bedingung, daß von einem durch Natur,
Geschichte u Leben nachgewiesenen Lebenspunkte ausgegangen u der darin bestimmte Le-
bensweg betreten werde.
Indem ich diese Ueberzeugung mit Mannessinn auf den möglichen Fall ausprach, daß
der hochachtbare Verein durch Sie u die betreffenden hohen Landesbehörden das Zutrauen
zu mir hegen sollten, dieses Unternehmen unter meiner engern Leitung auszuführen -
überschaute mein Geist prüfend in mir alle zu diesem Zwecke im Leben vor mir /
[6R]
liegenden Umstände, Verhältnisse und Mittel u erkannte darin gleichsam einen gewissen Geistes[-]
u Lebensbund, welcher sich daraus zwischen der Schweiz u mir kund thue.
Erlauben Sie mir nun hochgeehrtester Herr! daß wie ich zu Anfange dieser Mittheilungen eine Stelle
aus Joh. v. Müllers Einleitung zu seiner Schweizergeschichte in engerer Beziehung zu dem Vorhaben des
hochachtbaren Vereines u der sich zur Ausführung desselben darbietenden Mittel u Wege setzte, -
daß ich so nun eine andere Stelle in eben dieser Einleitung in näherer Beziehung zu den Verhältnissen
meiner Wirksamkeit in der Schweiz setzen darf.
Joh. v. Müller sagt in der mehrerwähnten Einleitung S XV , zu allen Eidgenossen: " Wenn Gott
”unsern Bund nicht billigte, er hätte die Umstände anders gefügt u wären unsere Väter gemei-
”ne Seelen gewesen, so hätten sie dieselben ungenutzt vorbey gehen lassen. Beydes wird in dieser
”Historie gezeigt."
Wort für Wort möchte u darf ich diese Stelle, wenn ich das Wechselverhältniß zwischen
der Schweiz u meinem erziehenden Wirken einen geistigen Bund nenne ohne allen weitern
Commentar auf dieses Wechselverhältniß, diesen Bund anwenden. Wenn Gott diesen
unsern Menschen- u Volkserziehungsbund nicht billigte, er hätte die Umstände anders,
d. h. nicht so günstig, wie es auch schon dem einfachsten Verstande u äußerlichsten Lebensblick in
die Augen fällt, gefügt; denn seit dem Augenblicke als der Gedanke meine erziehende Wirksam-
keit in die Schweiz überzutragen, ja sogar in alle dem was das Aufkeimen dieses Gedankens
vorher vorbereitete, ist eigentlich gar nichts der Ausführung dieses Gedankens Nachtheiliges geschehen,
indem gerade alles das, was ihr den größten Nachtheil bringen, sie am meisten gefährden sollte, sie im
Erfolge am meisten gefördert hat; was meine beginnende Wirksamkeit im Kanton vernichten sollte,
brachte mich nach Willisau. - Was sie in Willisau zerbrechen sollte, bewirkte meine Anknüpfung
mit dem in so vieler Hinsicht größten Kanton der Schweiz, mit Ihrem hochachtbaren Vereine und
führte mir geeint durch die Liebe des nur in der Liebe lebenden erziehenden Greises Pestalozzi
und geweihet durch eine große Reihe dazwischen liegender erfahrungsreichen Jahre in Ihnen, ver-
ehrter Herr! einen Mann zu, der die schwierigste Lebensaufgabe: christliche Volksbildung, auf die
gründlichste ein u durchgreifendste Weise, durch Armenerziehung zu lösen, sich frey zum gewählten Ge-
genstand seiner freyen Wirksamkeit gemacht hat; es brachte mich in einen Verband mit einer Mehr-
heit hochherziger, trefflicher Männer, welche die Zeit u ihre Zeichensprache zu lesen, u die Wahrhei-
ten welche in derselben ausgesprochen sind im Leben anzuwenden verstehen, u so die für höhere
Lebensentwicklung günstigen Umstände nicht ungenutzt vorüber gehen lassen.
Dieß dünkt mich, zeigt die Geschichte des Beginnens, der Entwicklung u des Fortbeste-
hens meiner erziehenden Wirksamkeit in der Schweiz klar, u so erscheint mir auch dadurch
zugleich das wahrhaft schweizerisch Volksthümliche derselben, in einer Sprache ausgespro-
chen, welche nur die Vorsehung selbst spricht. Von meinem ersten Eintritt in die Schweiz hofften
Menschen diese Sprache zu hören u es dünkt mich, sie haben sie auf ihre Weise gehört
und werden sie noch hören, daß selbst diese Männer nicht wohl mehr daran zweifeln können,
so z. B. sagte der in der Geschichte meines erziehenden Wirkens nun so namhaft geworde-
ne Herr Decan Sigrist bald nach meiner begonnenen Wirksamkeit in Wartensee in
hohem Vertrauen zu derselben zu mir: “Ists Werk aus Gott so wird’s bestehen,
ists Menschenwerk wird’s untergehen.”
Und ist es nicht als ob dieser Mann die Wahrheit seines eigenen Ausspruchs
selbst hätte prüfen wollen, dadurch, daß er wirklich so ganz ohne alle Veranlassung
von meiner Seite, mit der ihm zu Gebote stehenden gefährlichsten Waffen dagegen /
[7]
auftrat. Andere diesem, dem Geiste nach ganz gleiche Schicksale, welche meine erziehende Wirksam-
keit im Kanton Luzern von andern Punkte aus da erfuhr, wo man seinen eigenen frühern innigen
Glauben daran durch späteres Dagegenauftreten gleichsam als Selbstprüfung unterwarf,
will ich gar nicht erwähnen, da die Wirkungen davon nicht so in die Öffentlichkeit übergegangen sind.
Alle diese Personen wollten gleichsam die Wahrheit des Satzes in Joh. v. Müllers
Einleitung zu seiner Geschichte S XXX bewähren, welcher heißt: ”Nicht Unglauben
”(wird Euch nicht) Gebrauch des Glaubens, nicht was aus der Fremde uns kommt, sondern was
”(aus dem Geiste des Menschen in Einigung mit allem Geiste, selbst kommt und den Menschen
”lehrt sage wer er [seyn] soll, u darum zeigt was er kann) aus neuen Beweggründen fester als
zuvor, das ist Aufklärung.”
In diesem Geiste mit diesen Gesinnungen ist mein Leben der, nun in der Reihe von Mit-
theilungen Ihnen dargelegte freylich in der Wirklichkeit bis jetzt noch nicht erkannten, im
Leben in ihrer Ganzheit noch nicht angewandten nach jeder Seite der menschlichen Auffas-
sung hin darleg- u anschaubaren, ihrem kleinsten Theile nach ausgeführten Gott- u Mensch-
heitwürdigen u Naturgetreuen Menschenerziehung geweihet. In diesem Geiste und
diesen Gesinnungen ist mein Leben dieser Menschenerziehung u durch sie der Mensch-
heit zu dienen gewidmet.
Können u wollen Sie von diesen weitern Mittheilungen für den Zweck der
christlichen Volksbildung in Ihrem Kanton Gebrauch machen, so soll es mich wahr-
haft freuen.
Sie auch sprachen, wie es denn wirklich wahr ist, mit Offenheit aus, was mir schon
oft gesagt worden ist, daß meine Sprache dem Publicum unverständlich sey; natürlich,
weil sie auf einer Beachtung der menschlichen Verhältnisse beruhet, für die wenige
Menschen nur Sach- u Thatanschauung haben; aber darum ist mein Wort auch eigentlich
nur die That, das Thun d.h. die Sachdarlegung, jener das Leben eigentlich ausmachenden
innern geistigen Verhältnisse des Menschen, ohne deren Wirksamkeit das Leben geistlos,
d.h. eigentlich gar kein Leben, sondern nur eine höhere Art von Mechanismus ist. Aber eben
diese Körper[-] u Sachsprache in That u durch Thun, selbst wenn sie vom höchsten spricht, das
Höchste ausspricht, diese Sprache versteht der häusliche Bürger, der einfachste Landmann.
Beweise giebt mein Wirken in Wartensee u Willisau; Beweise giebt mein Wirken
in Keilhau: ein thüringischer Bauer u so natürlich von dem Standpunkte seiner Lebensansicht
aus, sagte, als er uns einmal insgesamt im Garten arbeiten sahe: “hier beginnt das neue
Lutherthum”; ein Bürger einer dortigen Stadt sagte von meiner Erziehungsanstalt in Keilhau
bald nach ihrem Entstehen aus: “hier blühet ein neues Fran[c]kisches Hallisches Waisenhaus
auf” – indem die Geschichte dieser Stiftung dort viel bekannt war. Ein anderer ganz einfacher
Mann sprach sich also darüber aus: “So denke er sich das erste kräftige, in die Veredlung
der Umgebung nach allen Seiten der Thätigkeit hin eingreifenden Leben der Klöster in
alter Zeit”; noch andere fanden in dem Leben der Keilh. Erziehungsanstalt die Wie-
derkehr des Lebens der ersten Christen” u.s.w.
Darum suche ich seit dem ersten Beginne meines Wirkens für Volkserziehung
durch eine Erziehungsanstalt, diese That- u Sach- diese Hieroglyphen, diese unmit-
telbare
Lebenssprache zu reden, allein man hat mir bisher auf mannichfache, von
verschiedenen Seiten her schmähliche, ja wirklich unverantwortliche Weise mehr
oder minder die Mittel dazu aus der Hand genommen; aber trauen Sie /
[7R]
dem Satze: - was am meisten besonders mit hinterlistigen u widrigen Waffen bekämpft
wird, dieß thut am allermeisten Noth; u da meine Erziehungsweise nun seit fast 18 Jahren diesen
Kampf aber immer siegreicher im Fortschreiten in sich u um sich bestehet, so scheint mir daraus
nicht voreilig der Schluß hervorzugehen, daß sie wohl diejenige sey, welche grad jetzt be-
durft wird; ich könnte auch den vielseitig durchzuführenden Beweis hinzufügen, daß sie
grad in den größten Zeiten der Noth u des Druckes am meisten vom eigentlichen Volke,
ja sogar von wirklich Armen, Arbeitern u Handwerkern im Volke kräftig durch Mit-
wirken gehalten u gefördert wurde, u zwar mit der bestimmtesten wörtlichen Erklärung
weil es zum Heile des Volkes sey.
Finden u erkennen Sie, hochgeehrtester Herr Rgrth! die Ihnen nun von so ver-
schiedenen Seiten vorgeführte Erziehweise auch als entsprechend für gründliche Erziehung
des Volkes Ihres Kantons so bewirken Sie, daß ich zu Ihrem Volke in der Ihnen
von mir angegebenen Sprache reden kann, aber durch u in reiner sichere Werk- in klarer unver-
stümmelter Gestalt- in lebendiger unverkümmerter Thatsprache [;] Sie dann zu
ihm in seiner ihm verständlichen Wortsprache, so wird beydes Wirken innig – wie Leib
u Seele – geeint ein dauerndes Werk zur Anerkenntniß u zum Segen in der Gegen-
wart u Zukunft, weitverbreiteter Gegenwart u in langer langer Zukunft geben.
Ich schreibe nur, ich spreche nur durchs Wort, weil mir bis jetzt noch immer die Gelegenheit
zu tüchtigen mir selbst genügendem Handeln der eigentliche Grund u Boden, das entsprechende
Material, die angemessenen Umstände fehlen u um alles dieß herbeyzuführen; dann aber
auch weil Reden u Wort auch ein gewisses Thun, eine gewisse That ist, ehe eine andere
mitreden kann.
Theilen Sie nun verehrter Herr Regrth! die Ihnen so mehrseitig dargelegte Ueberzeugung
mit mir; glauben Sie, daß im engern u sey es im engsten Kreise Ihres vielseitigen Wirkens
Männer – u seyen es deren die geringste Mehrheit – finden, welche in allem diesem ihr eigenes
Streben, ihre eigene Lebensansicht
, nur vielleicht auf eine etwas eigenthümliche Weise aber
doch in weit verzweigtem Lebenszusammenhang wiederfinden so ersuche ich Sie um dieses
nun so gemeinsamen Lebenszweckes willen, treten Sie mit diesen Männern u ich sage
nochmals sey es die kleinste Zahl, aber dann mit der größten Einigung u Innigkeit zu-
sammen; denn nicht die Vielheit, Mehrheit, sondern die Einheit u Eintracht schafft das
größte, das schwierigst zu erreichende Werk trauen Sie hier dem Worte des Dichters
eines deutschen Dichters wie wir eben den Worten eines Geschichtsschreibers eines
schweizerischen Geschichtsschreibers vertrauten:
“Wer gern das Tüchtige leisten will, hätt gern das Große geboren, der eint sich
im kleinsten Punkte die größte Kraft.” [nach Schiller: Breite und Tiefe (Gedicht), nicht wörtl.]
Aber das dünkt mich, müssen wir alle bedenken, was geschehen soll muß -
nach Umständen möglichst bald geschehen, die Zeit drängt wie die Geschichte, die
Zeit sucht Thaten u geschiehet das Rechte, das Vollkommene nicht, so drängt sich
das -, dann eben weil es hervorgedrängt wurde – schwer wieder zurückzudrängende Un-
rechte u Unvollkommene hervor, dieß ist ein großes Zeichen der Zeit, welches
wir endlich zu verstehen lernen sollen.
Das Vollkommene, wird es nicht verstanden, wandert, dem Unvollkommnen Platz
machend fort, um sich eine angemessenere, zur Darstellung des Vollkommnern, ein freyeres Land,
einen freyeren Ort zu suchen; denn das Streben nach dem Vollkommnern ist jetzt überall /
[8]
auf der ganzen Erde verbreitet und für ein solches Land, für einen solchen Ort erkannte
man den kleinen Punkt Keilhau seit Jahren schon als das Saatkorn eines
          National – Instituts.
*   *
  *
Nun zur Beantwortung noch einiger besondern Fragen in Ihrer ehrenden Zuschrift
vom 3ten dieses Monats. Sie wünschen von mir zu hören, ob ich Ihnen wohl eine muth-
maßliche Berechnung der Kosten für eine solche Anstalt machen könnte, vorausgesetzt
nämlich, dass freye Wohnung u hinlänglich Erdreich für eine gegebene Anzahl
Kinder zur Verfügung der Anstalt gestellt würden. In diesem Kostenanschlage
müßte nun nach Ihrem Wunsche Alles, auch Kleidung, Nahrung, Holz u Mithülfe pp
berechnet seyn oder Sie fragen mit andern Worten: wie viel für zweckmäßige Er-
ziehung von 50 – 100 Kindern Alles (außer Wohnung u Land) inbegriffen jährlich
fordern würde. Diese Ihre Fragen, glaube ich wohl, daß sie sich annähernd beantworten
ließen, wenn vorher erst andere Punkte bestimmt sind, welche wohl nicht nur wesentlich
auf den Kostenanschlag einwirken würden.
1, Die Gegend, in welcher die Anstalt auszuführen sey.
2, In welchem Alter mindestens u höchstens die Kinder in die Anstalt aufgenommen
    werden sollen
3, Ob die Kinder a, nicht ausgestattet oder
b, ausgestattet in die Anstalt eintreten sollen und dann
zwar wie ausgestattet
α, an Wäsche
β, an Kleidern
γ, an Betten
δ, an Lehrmitteln und
4, wie ausgestattet die Kinder der Anstalt wieder verlassen sollen u wie lange
    Zeit die Kinder im allgemeinen in der Anstalt erzogen werden sollen.
5, Ob es a, nur Knaben oder
    b, auch Mädchen u. dann
    c, in welchem Zahlverhältniß beyde ungefähr zu einander stehen würden.
6, Ob die Anstalt a, nur als in sich geschlossene Armenerziehungsanstalt bestehen
         oder b, zugleich als Vorbildungsanstalt für erziehende Landschullehrer
    benutzt werden soll u bis zu welcher Stufe
7, Sollte das Letzere Statt finden, wie viele junge Leute gedächte man der
    Anstalt von Seiten des Staates zu übergeben u unter welchen Bedingungen.
8, Wie weit oder wie eng ist die Bedeutung freye Wohnung genommen? Ver-
    steht man darunter nur a, die leeren Hausräume oder
b, ein wohnbares Gebäude , mit Hausgeräthe u
    Inventarium u was würde – im letzern Fall unter dem Inventarium begriffen
    seyn. Endlich und zuletzt
9, auf wie viele jahre würde der Anschlag zu machen seyn, d.h. das Bestehen
    der Anstalt in der anerkannten u genehmigten Wirksamkeit, gesichert seyn /
[8R]
Wären alle diese Punkte bestimmt, so ließe sich dann wohl mit Berathung sachver-
ständiger Männer alles übrige annähernd bestimmen.
Auch von dieser berathenden u zum Voraus bestimmenden Seite der Betrachtung aus
erscheint mir jedoch der eben schon erwähnte Vorschlag: erst im Kleinen mit einer sogenann-
ten Amts- oder Gemeinde-Armenerziehungsanstalt den Anfang zu machen
das gerathen-
ste. Etwaige Irrungen durch Mangel an Localkenntnissen brächten für das Allgemeine
keinen Schaden.
Doch genug! haben Sie die sichere Hoffnung, daß sich der Gedanke christlicher
Volkserziehung auf dem Ihnen mehrfach dargelegten Wege unter meiner Leitung
verwirklichen lasse, so glaube ich, ließen sich dann bey mündlichen Mittheilungen
in Bern selbst bald solche annähernde Bestimmungen festsetzen, die – wenn es
anders überhaupt dem Verein für christliche Volksbildung im Kanton Bern
ein wirklich fester männlicher, thatsächlicher sich zum Voraus auf Opfer vor-
bereitender Ernst mit der Erreichung des sich vorgeste[c]kten Zieles ist – gewiß
kein Hinderniß seyn können.
Nun bitte ich Sie nur noch eine Frage zu erlauben, ich habe einen Brief
an den Herrn Regierungsstatthalter Dr. jur. Karl Schnell aus Burgdorf, von
Deutschland aus abzugeben; wo ist derselbe jetzt wohl zu treffen, also wohin
der Brief zu senden; oder meinen Sie, daß es, wenn es möglich wäre, auch für
den beabsichtigten Zweck der Berner Volkserziehung besser wäre, wenn ich
oder Herr Barop den Brief persönlich übergäben? –
Mich mit meinem hiesigen Hause Ihnen hochachtungsvoll empfehlend
unterzeichne ich mich mit vorzüglicher u wahrer Hochachtung
Willisau
Geschlossen am 14ten Novb:
       1833.
          ergebenst
Friedrich Fröbel.

b) Edition

Willisau den 6ten Novbr. 1833

An Herrn Regierungsrath Schneider

Präsidenten des Vereins für christliche Volksbildung in Bern.

   Hochgeehrtester Herr!
Nach Ihren wiederholten gütigen Äußerungen in Ihrer ehrenden Zuschrift
vom dritten dieses Monats verbunden mit Ihren früheren mannichfachen ver-
trauensvollen Mittheilungen über christliche Volks- besonders auch Armen- /
[253]
bildung in der Schweiz und namentlich im Kanton Bern im Allgemeinen -u.
über das Verhältniß meiner Erziehungsgrundsätze u erziehenden Bestrebungen
zu derselben im Besonderen -darf ich die freudige Erwartung hegen, auch
bey umfaßenderen Mittheilungen über diesen Gegenstand von meiner Seite,
von Ihnen nicht mißverstanden zu werden.
Von mehreren Seiten u immer steigend sehe ich mich sowohl durch Wort
u Schrift als That auf das Großartige und Großherzige der Gesinnungen vieler
Männer nicht nur in der Schweiz überhaupt, sondern ganz besonders vieler in
dem Kanton Bern hingeführt. Da ich nun in mir vollkommen überzeugt bin,
daß Ihr, über Ihren ganzen Kanton segensreich sich verbreitende Verein für
christliche Volksbildung einen großen Theil dieser trefflichen Männer in sich
schließt; so darf ich die lebhafte Aufforderung meines Geistes u Gemüthes
nicht zurückdrängen, Ihnen als von dem allgemeinen Vertrauen gewählten Vor-
mann eines solchen trefflichen Vereines großherziger Männer, auch offen im
vollsten männlichen Vertrauen meine Ueberzeugung über Menschen- u Volks-
erziehung in besonderer engerer Beziehung auf schweizerische u ganz nament-
lich über Volks- u. Armenerziehung des Kantons Bern mehr erweitert mit-
zutheilen, sie der Quelle, dem Ziele u Zwecke, den Mitteln u Wegen nach
gleichlaufend mit dem Entwicklungsgange des schweizerischen Lebens, Ihrer
Erfahrung u prüfenden Einsicht vorzulegen.
In meinen Ihnen jüngst übersandten Andeutungen sprach ich Ihnen aus:
- wie das vollkommne Gesetz u die unbeschränkten Grundsätze aller Men-
schen- also jeder Volks- und so auch der Armenerziehung an u für sich, sich
uns u in dem Plane u Gange Gottes bey der Erziehung des Menschengeschlech-
tes, in so weit uns solche in der Geschichte, besonders der innern Entwicklung
des Menschengeschlechtes klar vorliegt - mit Bestimmtheit kund thun; Ihre ein-
gehende Prüfung u. Offenheit spricht mir aus: wie Sie diese Ihnen von mir
angedeuteten Erziehungsgrundsätze besonders angemeßen für Volks- u. Armen-
bildung in der Schweiz u. so namentlich zuerst Ihres Kantons halten.
Für diese Gesammtansicht nun, ist mir nach Abgang meiner eben gedachten
Mittheilungen an Sie, hochgeehrtester Herr Regierungsrath! ein einendes wie
zugleich erklärendes erweiterndes Wort von einem zu früh verstorbenen Schwei-
zer ausgesprochen worden. Joh. v. Müller spricht es in der Vorrede zum 1ten
Bande seiner Schweizergeschichte S XXVI zu den Eidgenoßen aus, wo es heißt:
"Hier ohne Heuchelei und ohne Scheu zuerst von dem größten zu reden, so
"ist eine Folge verabsäumter Aufklärung, daß der Gott, auf welchen die ewi-
"gen Bünde geschehen und jährlich alle Gesetze geschworen werden, von so
"vielen jetzt nicht mehr geglaubt wird."
"Ich will hier nicht erweisen,was beßer sich fühlen läßt. Aber merkwürdig
"ist, wie die B i b e l fast auf kein Volk eigenthümlicher als für uns paßt
. Aus
”einem Geschlechte freyer Hirten erhebt sich in so viel Stämmen als Eure Kan-
"tons eine Eidgenoßenschaft. Von Gott bekommt sie drey Gesetze; wenn ihr
"sie haltet, so seyd ihr unüberwindlich: 1, Ewig in enger Verbindung zu be-
"harren, in Krieg u Frieden, durch vaterländische Sitten u Freuden gemein- /
[254]
"schaftlicher Feste, eine Nation, wie eine Familie; 2, nicht merkantilisch wie
"Tyrus, ohne Eroberungslust, in ihren Landmarken unschuldig frey, auf ange-
"stammten Gütern u bey ihren Heerden zu leben; 3, die Nachahmung fremder
"Grundsätze u Sitten als den Untergang der Verfaßung zu betrachten. Diese
"Gebote mehrmals, aber nie ungewarnt, noch ungerochen, übertreten, rettet
"glorreich mehr als ein von Gott begeisterter Tell; bis die Nation in eifersüch-
"tige Partheien, politisch u religiös getrennt, ängstlich zwischen zwo Monar-
"chien, deren sie die eine fürchtet u auf die andere sich stützt, ohne Plan, ohne
"Sitten, ohne Selbstgefühl, sich bald für zu wichtig hält, als daß ein Weltbe-
"zwinger sie dem andern überlaße, bald für zu unbedeutend, als daß einer an
"sie denke, bald an Wundern erwartet, was Gott nur thätiger Tugend giebt,
"unwürdig der Freyheit u ungelehrig zum Joch, eine schlechte Nation, weil sie
"alle Zeit suchte, eine andere zu seyn, endlich unaufhaltsam sinkt u gänzlich
"fällt -Euch zur Lehre. So weiß ich auch nicht, ob ein Glaube uns beßer ge-
"ziemt als der des neuen Testamentes, welcher (so wie unsere ewigen Bünde)
"jedem die hergebrachten u natürlichen Rechte bestätiget. (Matth. 22,21),
"Gleichheit einführt (Coloß. 4) Luc. 22,25; Joh. 13. Überall), Heldentod be-
"fiehlt (Auch wir sind schuldig, nach dem Beispiel des Herrn für unsere Brüder
"das Leben zu laßen) u Geistesgegenwart um so mehr erleichtert, als nach Ver-
"sieglung der schönsten Hoffnungen menschlicher Natur niemand bedarf aus
"Todesfurcht im ganzen Leben Knecht seyn (Hebr. 2,15)."
Diese Worte - deren merkwürdiger Sinn u deren Bedeutung Ihnen gewiß
in Beziehung auf den von Ihnen jetzt bearbeiteten u von mir besprochenen er-
ziehenden Zweck in Ihrem Kanton, wie mir schlagend entgegengetreten wird
- sollen nur die Grundlage, der Grund- u Malstein meiner jetzigen Mit-
theilungen an Sie seyn, jedoch im steten Rückblick auf meine Ihnen jüngst schon
über diesen Gegenstand gemachten.
Haben Sie auch dießmal die Güte mich ganz bis zu Ende zu hören, ehe Sie
Ihr Urtheil in sich abschließen.
Wo beginne ich aber zuerst? - Bey dem Allgemeinsten oder bey dem
Besondersten? - Bey dem reinen Gedanken? - oder bey der vorliegenden
Erfahrungstatsache? -
Ich beginne mit der Wahrheit, mit dem Ueberzeugungssatze, welcher sich
aus diesen verschiedenartigen Betrachtungen mit unumstößlicher Gewißheit
ergiebt u schon vielfach anerkannt auf die mannichfachste Weise ausgesprochen
worden ist: -
Soll endlich dem Menschengeschlechte, dem Ganzen u dem Einzelnen,
ganzen Völkern wie einzelnen Familien u jedem einzelnsten Gliede derselben
wahrhaft nach dem j e t z i g e n Stande der Menschheitsentwicklung geholfen
u so endlich ein Lebensweg betreten, eine Lebensweise begonnen werden, wel-
che uns in Sicherheit u Klarheit des Thuns zum Ziele der Menschheit führen,
so bedürfen wir einer ganz u allgemein durchgreifenden, aber darum allen ihrer
Möglichkeit u Nothwendigkeit nach einsichtigen n e u e n Menschheits- Volks-
u Menschenerziehung
, so bedürfen wir der klaren Ausführung einer neuen /
[255]
Menschenerziehung auf u für eine g a n z  n e u e Entwicklungsstufe des Men-
schengeschlechtes u durch diese auf eine höhere g e s t e i g e r t e Entwicklungs-
stufe der gesammten M e n s c h h e i t. In der Gesammtheit der Welt- u Le-
benserscheinungen thut sich laut u unzweydeutig das Abgelaufen- u Vollendet-
seyn einer bestimmten Entwicklungsstufe der Menschheit u das schon im
Einzelnen Begonnenhaben einer ganz neuen, mit Nothwendigkeit, wie die
Frucht aus der Blüthe, aus der frühern Entwicklungsstufe der Menschheit her-
vorgegangenen, kund.
Ich bezeichne die Erziehung für diese neue Menschheitsentwicklungsstufe
als eine Erziehung
für geist- und seelenvolles Thun, für ein solches Schaffen;
für ein, in Einigung mit dem Lebensquell bewußt empfundenes Thun,
ein solches Schaffen.
Und ich sehe auch nicht ein, wie sie sich jetzt für allgemeines Verständniß
schärfer bezeichnen ließe. Diese Erziehungsweise muß aber, soll sie das von
ihr gefordert Werdende leisten, mit Nothwendigkeit
1, so tief u so sicher gegründet u dann
2, so ewig seyn als das W e s e n des Menschen selbst.
Was aber kann so tief und sicher gegründet, was kann ewiger seyn als der
Gang G o t t e s in der Entwicklung, Erziehung u Ausbildung des Menschen-
geschlechtes
- wenn wir deßen Ewigkeit auch eben jetzt erst anfangen mehr
als nur zu ahnen, in etwas einzusehen beginnen; da aus einer Ewigkeit herauf
das Menschengeschlecht auf der Erde erschien, da es auf der Erde einer Ewig-
keit entgegen, für eine Ewigkeit erzogen werden soll.
Sollte nun die Menschheit, - ganz u einig, E i n Seyn in ihrem Wesen -
als erscheinend in u. unter dem Getrennten, soll das Menschengeschlecht, der
Mensch auf der Erde zur u für Vollendung erzogen werden d. h stets umgeben
von dem Scheine, dem Vergänglichen, dem Getrennten doch erzogen werden
für das Seyn, das Bleibende, u ewig Einige, also für Erkennung, Durchschauung
u Ausübung des Guten u für Erkennung, Durchschauung u Meidung alles
deßen, was ihm entgegen seyn, darum zur Trennung, zum Bösen herabziehen
kann; - so mußte seine Erziehung - auch nach der dem Wesen nach unwider-
legbar vorliegenden Thatsache, - nothwendig von dem L e b e n s punkte aus-
gehen, wo innig eins mit der Ahnung des Guten zugleich die Wahrnehmung
alles deßen ihre Quelle u ihren Sitz hat, was der Ausübung des Guten entge-
gen ist, -also von dem Herzen, dem Gemüthe aus. Die Erziehung des Men-
schen, die Erziehung des Menschengeschlechtes mußte sich gründen auf die
Wahl zwischen Einigung u. Trennung, zwischen Seyn u Schein, zwischen
Bleibendem u. Vergehendem; u. diese Wahl mußte dem zu u für Freyheit, für
f r e y e Einigung d. i. das ewige Gesetz der Einheit u. des Einigseyns in sich
selbst Tragenden, d. h. nach dem Bilde Gottes Erschaffenen freystehen.
Doch seit Jahrtausenden schwankt das Menschengeschlecht mit bald grö-
ßerem, bald geringerem Ausschlage der Wege in dieser Wahl; seit Jahrtausen-
den wird sein Herz und Gemüthe, sein Geist gepeiniget von der daraus ent- /
[256]
stehenden Qual, u. seit Jahrtausenden durchirrt der Blick des Menschen kämp-
fend seinem Ziele entgegen das All; aber worin der Grund des Kampfes, darin
ist auch das Ziel deßelben d. i. in der Einigung, wo der Kampf begann, da ist
auch das Ziel des Kampfes d. i. im Herzen, im Gemüthe des Menschen.
Diesen Jahrtausende langen qualvollen Kampf um die Wahl u. in der Wahl
der Einigung u des Seyns unter allem Schein u. bey aller Trennung, hat uns
nun, von seinem ersten Keimen im Herzen u Gemüthe an, durch Ueberliefe-
rung u Schrift ein Volk aufbewahret, welches - aber wegen dieser Festhaltung
der gefundenen u erkannten Einigung - wenn auch zum öftern fast nur in
einzelnen seiner Glieder, doch bey u unter allem Wanken u Schwanken u unter
aller Qual, fest hielt an der einmal entschieden ergriffenen Wahl u welches -
das Volk der Einigung, das Volk der Einigung mit Gott, das Volk G o t t e s
genannt wurde, das Volk durch Eid unter sich u mit Gott verbunden, mit Gott
im Bunde.
Finden wir nun aber in diesem Volke, als Gegenstand der Schicksals-
erziehung, oder was doch wohl, nur in höherem Sinne gleich ist der Vorsehungs-
oder in noch höheren aber einigenden Sinn wahr ist, an diesem Volke der
G o t t e s Erziehung (denn es ließ doch im tiefsten Grund seines Herzens nie
von seiner einmal erkannten Einigung mit Gott u diese Einigung war sein
Erziehungsquell u Element) - finden wir nun an diesem Volke nicht bestäti-
get, was uns so oft die Menschen[-] und Knabenerziehung zeigt: daß Knaben von
unbändigen, gewaltigen Lebensäußerungen oft die ruhigst tüchtigsten, aus-
dauernd thatkräftigsten Männer, ja fromme Wohlthäter ihrer Umgebungen u
Zeit werden? -
In der Entwicklung, in der Erziehung u in der Bildungsgeschichte dieses
Volkes nun in Verbindung mit der anderer Völker, also mit einem Worte
in dem G a n g e  G o t t e s in der Erziehung des Menschengeschlechtes, welches
kurz die ist:
Von der Ahnung, der Einung des Einsseyns durch die Trennung zum be-
wußten Einig-, zum innigen Einsseyn, zum Leben in Gott; (in Jesu)
Von der Ahnung der innern Abhängigkeit durch den Ungehorsam, durch den
Zwang u. die Nothwendigkeit zur äußern u innern Freyheit in Gott; (abermals in Jesu)
Von der Ahnung des Wechselbundes zwischen Ursach u. Wirkung, durch
das Gesetz bis zur Liebe in Gott; (wiederum in Jesu)
Hierin ist a l l e r  M e n s c h e r z i e h u n g , sey es die ganzer Völker
oder einzelner Familien und der einzelnsten Glieder derselben sowohl zur tief-
begründeten, als sicher zielerreichenden Menschen-Entwicklung, Erziehung u
Ausbildung für Vollendung - ein Vorbild gegeben.
Darum ist denn auch dieser hier angedeutete Entwicklungs- u Erziehungs-
gang - verglichen mit den Andeutungen in meinen jüngsten Mittheilungen an
Sie, hochgeehrtester Herr Regierungsrath! wo ich sage, daß die ersten Menschen
wie die ersten Begründer, so die ersten Glieder der Völker u des Volkes, wie
recht eigentlich die ersten Armen sind - in seiner Beachtung u Anwendung /
[257]
vorzüglich wichtig für Volks- u Armenerziehung, für Volks- u Armenerziehungs-
anstalten. Aber nicht in diesen innern Ansichten des Menschenentwicklungs-
ganges allein liegt das Wichtige der Anwendung besonders auf Volks- u Armen-
erziehungsanstalten; auch das Äußere ist in der Beachtung wichtig: Ueberall
sehen wir nemlich in der Geschichte dieses merkwürdigen Volkes das Gute wie
segensreiche Bäche von den Bergen in die Tiefe herabströmen u ich möchte
sagen aus der Tiefe im duftigen Nebel zu den Bergen empor steigen, um von
neuem als Segensströme von Höhen, dem Hochlande herabzufließen; von den
Bergen u Höhen, bis zu welchen herab der reine Äther des Himmels zu
reichen scheint, wo die Gemüths- u Herzensreinsten wie aber auch an äußern
Gütern Armsten wohnen. Bewährt sich hier nicht thatsächlich: den Armen ist
das Himmelreich? -Und sehen wir nicht weiter, daß im Fortgange der Ent-
wicklung des Menschengeschlechtes eine große Anzahl der Menschenbeglücker
von den Bergen herabstiegen, woselbst sie gleichsam ihre erste Weihe bekom-
men hatten? -
Wie höchst merkwürdig ist nun in allen diesen Beziehungen die ur- u
musterbildliche Erziehung u Führung des Stammvolkes Jesu, wie wichtig der
sich darin kund thuende Plan besonders zur Erziehung der Schweizer, des
Schweizer- Volkes überhaupt.
Doch Joh. v. Müller spricht es noch näher u. bestimmter in der angeführten
Stelle aus, indem er dort zu a l l e n Eidgenoßen sagt:
"Aber merkwürdig ist, wie die Bibel fast auf kein Volk eigenthümlicher als
"für uns paßt. Aus einem Geschlechte freyer Hirten erhebt sich in so viel
"Stämmen als eure Kantons eine Eidgenoßenschaft. Von Gott bekommt sie
"drey Gesetze; wenn ihr sie haltet, so seyd ihr unüberwindlich. 1, Ewig in
"enger Verbindung zu beharren in Krieg u. Frieden; durch vaterländische Sit-
"ten u Freuden gemeinschaftlicher Feste, eine Nation, wie eine Familie; 2, nicht
"merkantilisch wie Tyrus, ohne Eroberungslust in ihren Landmarken unschul-
"dig frey, auf ihren angestammten Gütern u. bey ihren Heerden zu leben. 3, die
"Nachahmung fremder Grundsätze u. Sitten als den Untergang der Verfaßung
"zu achten u.s. w .mit der besondern Hinwendung zu den Eidgenoßen schlie-
"ßend: Euch zur Lehre."
Ich ersuche Sie hochverehrter Herr Regierungsrath! sich bey diesen Worten
alles deßen zu erinnern, was ich mir erlaubte Ihnen in meinen jüngsten Mit-
theilungen über Volks- u. Armenerziehung in der Schweiz u namentlich im
Kanton Bern auszusprechen.
Auf No 1, ein innig einiges Ganze in jeder Lebensbeziehung zu seyn wieß
ich in der ganzen Abhandlung durchweg hin, u so namentlich in Beziehung der
Forderung gemeinschaftlicher einigender, wahrer Familienfeste, wie des An-
theils an den einigenden, veredelnden u erhebenden Volksfesten, so wie das
stets Theilen der kirchlichen Einigungen. In Beziehung auf No 2, sprach ich mit
Ihnen aus: an das Landleben müße besonders die schweizerisch volksthümliche
Erziehung sich anschließen; von dem Landbau durch Handfleiß zum Unterricht
emporsteigen; aber die Werke des Kunstfleißes mußten in volkserzieherischer /
[258]
Hinsicht mehr Werth als Ergebniß, als Zeugen geistiger Entwicklung u Bil-
dungsstufe, als eigentlich äußern materiellen u Geldwerth industriellen u mer-
kantilischen haben. In Rücksicht auf No 3, sagte ich, daß die Bildung aus dem
Volke sich selbst entwickeln u seine eignen Lehrer aus ihm hervorsteigen
müßen, u daß so das allgemein menschliche Erziehung[-] u Bildunggesetz in
i h m  s i c h  v o l k s t h ü m l i c h kund thun u in einer r e i n e n  e i g e n-
t h ü m l i c h e n  V o l k s b i l d u n g sich offenbaren müße.
Geht es nun aus der engern Anwendung der drey Gesetze, welche jenes
Hirtenvolk von Gott bekam, auf schweizerische Erziehung nicht mit Bestimmt-
heit hervor, daß die Schweiz ein Land der ächten Volks- u. Armenerziehung
sey u daher wohl das Land des Kantons am meisten, der sich der höchsten,
schönsten, reinsten Höhen u Berge erfreut, des Kantons Bern? -
Zu diesen allgemein geschichtlichen Gründen kommen aber auch allgemein
erdkundliche. Alle Berg- u Hochlandbewohner sind bekanntlich, wie auch
schon oben beym Urvolke erwähnt wurde geistigere u anlagsvollere, geistig
Gemüths[-] u Herzensfreyere Menschen; von den Bergen u Höhen steigt hoher,
freyer Menschensinn in die Tiefen, die Thäler u Ebenen herab, wie sich von
den Bergen das klare frische Waßer zur Tränkung u Labung aller Durstigen in
die Ebenen senkt.
Deßhalb ist nun wohl auch schon seit langem die Schweiz ein Land der
Erziehung, die von der Natur geweihte d. h. von Gott gesegnete natürliche
Erziehungsanstalt; sandten nicht schon seit langer Zeit alle Länder Europas
u selbst außereuropäische, überseeische Länder, Söhne zur Erziehung nach der
Schweiz u schenkte sie nicht zum Wohle der Menschheit zwey der kräftigsten
Vormänner u Vorfechter, ja Märtyrer für Ausübung einer Menschenerziehung,
einen wirkend im durchdringenden Worte, wie den andern in u durch aus-
dauernde That: einen J. J. Rousseau und einen H. Pestalozzi? -
Die Schweiz, verzeihen Sie als ächter Schweizer es mir, die Schweiz hat diese
Männer ihrer, ihnen von Gott u Natur ingewiesenen Stellung u Wirksamkeit
nach, nicht anerkannt; sie sah als zufällige, einzel u persönliche Erscheinung an,
was in den gesammten Volks- u. Localverhältnißen mit bedingt war u deßen
Entwicklung scheinbar Zufälliges wohl wecken u begünstigen mochte. Aber
auch diese Männer, so groß, so ergreifend wirkend sie waren, haben die ge-
schichtliche und naturhistorisch Begründete, erzieherische Bedeutung ihres Va-
terlandes, das geschichtlich u naturhistorisch tief begründete ihrer erziehenden
Wirksamkeit nicht erkannt, noch weniger als nur eigentliches u ächtes Funda-
ment ihrer Localwirksamkeit, -woran doch ganz namentlich dem letzteren u
mit allem Rechte so sehr viel lag u deßen Wichtigkeit er selbst für ganz Europa
zu ahnen schien -beachtet u gepflegt; darum, so möchte ich auszusprechen mir
erlauben, darum fehlte auch der ganzen Wirksamkeit der sichere Grund u
Boden. Nochmehr ließe sich dieß wohl von einer neuern Erziehungs-Erschei-
nung in der Schweiz aussprechen, wenn die Thatsache dem Blicke nicht noch
zu nahe läge, um schon ein geschichtliches Urtheil darüber zu fällen.
Ihnen, dem Vormann eines hochachtbaren Vereines für ächte u wahrhaft /
[259]
begründende volksthümliche Erziehung u Ausbildung ist mir, aus Dankbarkeit
für das mir gewordene Zutrauen auszusprechen Pflicht: jede bleibend stetig
sich fortentwickeln sollende Wirksamkeit für wahrhafte Volksbildung muß,
wie überhaupt persönlich m e n s c h l i c h so besonders auch g e s c h i c h t -
l i c h  u  n a t u r h i s t o r i s c h begründet seyn
; ohne dieß wirkt sie wohl
auch fort, wie alles was geschiehet, eben als nun einmal geschehen, auch fort-
wirkt; allein sie wirkt nicht als ein stetiges Ganze aus einem Herz- u. Lebens-
punkte, gleich einem Lebensbaum, für Vollendung in sich u um sich fort. Dieses
klar begründete Bewußtseyn der stetig in sich u außer sich fortschreitenden Ent-

wicklung für irdische Vollendung von e i n e m  i n  s i c h  r u h e n d e n
Q u e l l p u n k t e aus
, dieß ist es, was auf der jetzigen Stufe der Mensch-
heitsentwicklung jede Wirksamkeit für ein größeres oder kleineres Ganze noth-
wendig begleiten, von welchem es ausgehen, durch welches es eigentlich sein
D a s e y n erhalten muß. Laßen Sie mich Ihnen die wichtigste Wahrheit für
bleibendes sich stetig steigernd zur Vollkommenheit forten[t]wickelndes Wirken
aussprechen, damit Ihnen für Sie u Ihren Verein der Beweis daraus hervorgehe,
daß meine Wirksamkeit auf klar durch- u überschauender, sicher erfaßender,
bewußter Grundlage ruhe: -Jeder Gedanke sey er noch so groß, noch so gut,
edel u menschenbeglückend, soll er ins Leben treten u als ein echt lebendiger
für Leben wirken, muß um gleichsam zu seinem Körper u Leib die Organe zu
erhalten, gleichmäßig in der Geschichte wie in der Natur u hier besonders
geographisch begründet seyn
.
Also nochmals zu Ihnen hochgeehrtester Herr! -u durch Sie dem ganzen
hochachtbaren Verein für christliche Volksbildung im Kanton Bern: -
Die Schweiz ist durch Natur u geographische Lage wie durch Geschichte u
die geschichtlichen Thatsachen das echte Land, besonders der begründenden,
elementaren Erziehung für Deutschland, für die Länder deutscher Zunge, jedoch
unter der Bedingung, daß der Geist, wie der Gipfel dieser Erziehung die
Einigung der Gemüths- Denk- u Thatkraft für gottinniges Leben ist.
Sehen Sie, hochgeehrtester Herr Regierungsrath! nur einmal auf eine Karte
der Länder deutscher Zunge u schauen Sie, welch' einen herrlichen verzweigten
Baum bietet hier der Rhein der, welch' ein gewaltiger Stamm, welche kräftigen
Äste, welche frischen Zweige, u so welche volle schöne Krone! und diese Laub-
Blüthen- u Fruchtreiche Krone gehört nur dem schweizerischen Lande; über
einen der schönsten Theile verbreitet sich die Republic Bern.
Schneidet man nun aber einem Baume seinen Gipfel aus, so verstrupt, ver-
moost er, wie er überhaupt in sich verdumpft; mir scheint dieß der Fall mit
der Schweiz in Beziehung auf ihre noch nicht, besonders noch gar nicht klar
erkannte u noch nicht liebvoll freythätig angewandte erzieherische Bedeutung,
vor allem begründend erzieherische Bedeutung in Beziehung auf das übrige
deutsche Land der Fall zu seyn.
Ziehet man nun aber dem Baume eine frische Krone, einen jungen frischen
Gipfel, so wächst der ganze Baum von neuem frisch u wieder neu verjüngt.
Diese Forderung dünkt mich, machen nun - von Seite der Naturwendigkeit /
[260]
u somit von Seite der natürlichen Bedingungen der Menschen- u Menschheits-
Entwicklung u Erziehung - die neuesten Lebenserscheinungen besonders auch
wieder des jetzt laufenden Jahres an das Kronen- u Gipfelland des Rheins, an
die Schweiz; besonders auch in der jüngsten Aufnahme politisch d. i. dem
eigentlich innersten Grunde nach als menschen- und menschheitserzieherisch
Verfolgten. Wie aber auch schon selbst Erscheinungen in der frühern Schwei-
zergeschichte für diese Ansicht sprechen ob sie gleich als Thatsache das Gegen-
theil davon aussagen: ich meine den Schutz, den man in der jungen Krieger
Wort-Muth-u Lebenstreue der einfachen schweizerischen Natursöhne suchte.
Gar oft aber bildet sich im tiefen Innern richtig Geahnetes im Leben ganz
fehlerhaft, d. i. nach der ganz entgegengesetzten Seite hin aus, weil man
das Richtiggeahnete falsch verstand u so fehlerhaft gebrauchte. Beyde Erschei-
nungen nun, die vorher gedachte u jetzt genannte gleichen sich in ihrem
innersten Wesen völlig aus, d. h. sie zeigen beyde auf einen u ebendenselben
Grund hin: -wie sonst Könige u Fürsten g e g e n ihre von ihnen nicht ver-
standen werdenden Völker S c h u t z durch die einfachen so treuen als kräftigen
Berg- u Hochlandsbewohner suchten, so suchen jetzt Völker u Volksglieder
S c h u t z bey ihnen g e g e n ihre sie nicht verstehenden Könige u Fürsten.
Ahnungs- u sehnsuchtsvoll kamen viele besonders in der jüngsten Zeit in die
Schweiz, aber sie wußten u wißen nicht was sie suchen u suchen sollten,
was sie erwarteten u erwarten sollten; sie nahmen und nehmen unter verschie-
denen Formen das Brod, welches man ihnen reichte, nun selbst glaubend u so
glaubend machend, sie suchten Brod; ja freylich suchen sie Brod, d. h. Brod des
Geistes nicht des Leibes: Wirksamkeit zur Pflege des geistigen Lebens.
Also in beyden so ganz verschiedenen Erscheinungen, der frühern u der
jetzigen ist das das einigende: Schutz im reinen Natursinn, in einem diesem
Sinne getreuen Naturleben.
Darum liegt ein höherer menschlicher menschenerzieherischer Grund in den
jüngsten theils von vielen Nachbarstaaten, theils in sich selbst so sehr be-
kämpften, wenigstens scheel angesehenen Erscheinungen in der Schweiz, nicht
ein Zufall; -aber die Schweiz sollte diesen tiefen Grund einsehen u den
dadurch an sie ergehenden Ruf hören, u thatkräftig u werkthätig beachten;
beachten den Weltenruf: für endliche Ausführung einer ächten Gotttreuen u
Menschenwürdigen, Natur- u Geschichtgemäßen Menschenerziehung; u so wie
früher einfach naturgetreue u muthvolle Krieger von da auszogen, so sollten
jetzt einfache naturgetreue u muthvolle Erzieher aus dem Hochlande ausziehen,
warlich um ehrenvollere Kämpfe zu bestehen als die frühern ruhmvollen; wie
sonst Krieger mit starkem Arm für das vermeinte Recht aus der Schweiz zogen,
so sollten jetzt Erzieher mit kräftigem Geiste aus der Schweiz ziehen.
Aus diesem Gesichtspunkte u durch diese Gründe nun, in der dunkeln
Ahnung des zu erfüllenden Berufes laßen sich alle menschenerziehenden Er-
scheinungen in der Schweiz u so ganz besonders auch in Ihrem Kanton (welchen
man ja mit dem bedeutungsvollen Namen: Schiksalscanton u mit dem sinn-
vollen Wort: moralischer Vorort benennt) - deuten und erklären: -es ist /
[261]
dieß das Wogen und Treiben des gerad jetzt, als in der Zeit einer großen Welt-
u Menschheitsfestzeit - ächt erzieherisch wirkenden Menschen- u Mensch-
heitsgeistes; möchte Ihr weiteres u engeres Vaterland das Wogen u Treiben
dieses Menschheitsgeistes verstehen, es handelt sich zunächst um nichts ge-
ringeres als um die Erziehung des ganzen deutschzungigen also deutschherzigen,
deutschgeistigen u deutschsinnigen Menschengeschlechtes. - Auch Ihr Verein
für christliche Volksbildung im Kanton Bern hervorgerufen von einigen Vor-
trefflichen u gebildet von vielen Vorzüglichen, ist ein Schoß u eine Blüthe
dieses waltenden wirkenden Menschheitsgeistes. Deuten Sie nun hochgeschätz-
ter, hochgeehrtester Herr! als würdiger Vormann dieses hochachtbaren Verei-
nes, demselben in der dem Ganzen u den einzelnen Gliedern deßelben ver-
ständlichen Sprache diese hohe aber nicht nur in der gesammten Geschichte der
Menschheitsentwicklung, sondern selbst in der Geschichte der Schweizer tief-
begründete Bedeutung und Wichtigkeit seines Zusammengetretenseyns. Alles
Allgemeine, ja das Allgemeinste muß zu allererst am Besondern, ja am Beson-
dersten, an der Person, an sich selbst beginnen u so muß deßhalb auch die
Erziehung des ganzen Schweizervolkes zunächst mit der Erziehung des Volkes
jedes einzelnen Kantons u entwickelt aus dem Charakter, den Forderungen u
eigenthümlichen Geist dieses Volkes ihren Anfang nehmen.
Darum erlauben Sie mir nun, daß ich weiter herabsteigen darf in den Zweck
Ihres Vereines für christliche Volksbildung in Ihrem Kanton Bern.
Der Zweck dieses Ihres Vereines, die Gesammtbildung des Bernervolkes als
eine gemeinsame christliche Volksbildung ins Auge zu faßen u als Ziel fest zu
halten ist wohl hochlöblich, ist um so hochlöblicher, als er sich zunächst auf
einen einzelnen Zweig der gesammten Volksbildung, den der Armenerziehung
einschränkt. Ich hoffe davon meiner - freylich gerad in diesem Punkte - ge-
ringen Erfahrung nach, aber aus höhern allgemeinen Gründen sehr viel Gutes.
Doch dünkt mich sollte man auch hier im allerersten Beginnen nicht sogleich
vom Allgemeinen, vom Großen ausgehen, sondern nur von dem Kleinen; nicht
von dem Vielen, sondern von dem Einzelnen; denn dieß ist der Bildungsgang
bey allem, was sich auf u für die Dauer entwickelt: zuerst war Familien-
erziehung, ehe Landschule, früher die Gymnasien als die Hochschulen.
In dieser Beziehung dünkt es mich nun, sey es zur Erreichung des vorge-
ste[c]kten Zieles (wie ich schon früher ausgesprochen habe) sehr günstig, wenn
man die Wünsche Einzelner, welche unter der Leitung des auch hier wieder
vorgeführten Erziehungsgeistes sich für erziehende Schullehrer zu bilden den
Beruf in sich fühlen u die dazu nöthigen Fähigkeiten u Anlagen besitzen – von
Seiten der betreffenden hohen Behörden durch die entsprechende Unterstützung
zu erfüllen suchte; diese könnten sich dann im Kreise einer, in diesem Geiste
schon bestehenden Erziehungsanstalt lehrend u lernend ihrem Beruf entgegen-
bilden; diese gäben dann bald einen Kern tüchtiger Männer, welche bey Aus-
führung von Erziehungsanstalten in diesem Geiste, sogleich als volksthümliche
Lehrer eintreten könnten.
Je länger u mehr ich über diesen Gegenstand nachdenke u die Ergebniße /
[262]
dieses Nachdenkens mit den Ergebnißen meiner mehrjährigen Erfahrungen zu-
sammenstelle, um so mehr u bestimmter muß ich mich dahin entscheiden, daß
bey wirklichen Volks- also mehr noch bey Armenerziehungsanstalten junge be-
rufstüchtige Männer aus dem Volke selbst, u ihr Volk achtende u liebende
Männer überwiegend die entsprechend u erfolgreichsten erziehenden Lehrer
sind (die Gründe dafür laßen sich mehrseitig auseinandersetzen); doch versteht
sich unter der Voraussetzung, daß sie auch dafür sich vor u durchgebildet haben.
Denn nur das Tüchtige kann auf geradem Wege (positiv) für Tüchtiges, nur das
Vollkommne in seiner Art für Vollkommenes, nur das Vollendete für Vollen-
dung wirken. Wo man also auf geradem Wege die Fortbildung des Tüchtigen,
Vollkommenen, Vollendeten (versteht sich in seiner Art) will, wie dieß in jeder
u durch jede Erziehungsanstalt in ihrer Art geschehen soll, so muß man zuerst
das Tüchtige, Vollkommene u Vollendete in dem dafür Wirkenden zu erreichen
suchen (Unvollkommnes, Unvollendetes, Untüchtiges kann auch für Tüchtiges
etc wirken, aber auf dem entgegengesetzten negativen Wege). Und so komme
ich gleich auf einen zweyten Punkt: die für den Zweck der Ausführung volks-
thümlicher Erziehungsanstalten zu Wählenden;
1, Können sie aus dem Volke selbst, besonders vom Lande seyn, ohne alles
das was man im jetzigen Sprachgebrauche unter dem Worte Bildung begreift,
also einfache, aber treue an Geist u Gemüth wie an Körper gesunde junge
Männer mit natürlichen Fähigkeiten, Anlagen u Eifer für ihren Beruf.
2, schon wißenschaftlich gebildete junge Männer.
Erlauben Sie mir hochgeehrtester Herr Regierungsrath! daß ich mich Ihnen
über diesen Punkt ganz offen u unumwunden nach dem Ergebniß meiner
(leider in dieser Beziehung nur unverhältnißmäßig gar zu theuer und schmerz-
lich erkauften) Erfahrungen aussprechen darf.
Wie es überall nothwendig ist, daß einer zu dem heruntersteigen muß, was
man zu sich heraufziehen will, so ist dies besonders bey der Kinder- Jugend-
u Volkserziehung der Fall; ohne dieses Herabgehen ist das Erreichen des Er-
zieher- u Lehrerzweckes, das Heraufheben unmöglich; aber auch dieses Herab-
steigen wieder darf kein äußeres, sondern muß ein inneres seyn, dieß ist aber
nach den vorliegenden Lebenserfahrungen (was sich jedoch auch aus Gründen
u seiner Nothwendigkeit nachweisen läßt) - nur auf zwey Stufen der mensch-
lichen Bildung möglich, entweder wenn der Mensch selbst noch auf einer ein-
fachen Stufe vorherrschender Herzens[-] u Gemüthsbildung steht, also in einer
gewißen Beziehung selbst noch ein Kind ist, oder wenn er zweytens bis zu einer
solchen Stufe der eignen Geistesbildung vor- u durchgedrungen ist, daß er die
Nothwendigkeit des Daseyns u der Pflege des Kindes d. h. der Gemüthsstufe
der Menschenbildung zur festen Begründung u Erreichung der höhern Ent-
wicklungsstufen des Menschen, das ist der für das spätere ernstere männliche
häusliche u bürgerliche Volks- und Menschheitsleben in sich klar einsieht; also
eigentlich nur zwey Arten Männer können als erziehende Lehrer wohlthätig
wirken: entweder junge Männer mit einfachen herzvollen Sinn für ausübendes
darstellendes Leben oder junge Männer welche nach dem wißenschaftlich /
[263]
Durchlaufenhaben bey in sich ungetrübter Gemüthsbildung zu jener Stufe der
Wirksamkeit als der dem Menschengeschlecht jetzt nothwendigsten zurück-
gekehrt sind, also auf u durch die höhere Lebensstufe kindlichen Lebenssinn
b e y Einsicht sich bewahrt oder d u r c h Einsicht sich wieder errungen haben.
Bey allen jungen Männern auf den Bildungsstufen oder vielmehr in den Ent-
wicklungszuständen, welche zwischen beyden in der Mitte stehen, u welche für
ein[e] unmittelbar erfolgs- u segensreiche ausübende erziehende Lehrerwirk-
samkeit gebildet u erzogen werden, ist es höchst schwierig auf diesen Erfolg zu
rechnen; sie können selten ich muß fast glauben nie davon laßen auf ihre
mühsam von A u ß e n angelernte, u darum immer todte Kenntniß vorwal-
tenden Werth zu legen; sind sie nun wirklich auch in ihrem Amte treu, so
suchen sie höchstens ihren mühsam errungenen Schatz auch auf gleiche Weise,
wie sie ihn errungen, ihren Schülern u Zöglingen zu überliefern, u dieß wirkt
höchstens wieder nur für äußere Aneignung von wieder Todtem.
Ich habe leider für die Wahrheit des hier ausgesprochenen in mir unverhält-
nißmäßig gar zu theuer u. zu schmerzlich, ja mit unersetzlichen höheren, be-
sonders Verlusten der köstlichen Lebenszeit, erkaufte Erfahrungen gemacht.
Durch das wiedergekehrte ernsteste Studium auf drey der ersten Hochschulen
Deutschlands (Jena, Göttingen, Berlin) hoch die Wissenschaften achten gelernt
u ihren tief begründeten Einfluß auch auf die erste begründende, elementare
Erziehung des Menschen eingesehen, suchte ich mir zu meinem gesteckten
Lebenszweck, vorwaltend schon wißenschaftlich gebildete junge Männer mit mir
zu verbinden, ich hoffte von ihnen, daß sie wenigstens in der Ahnung nicht nur
das hohe Bild der Menschenwürde sondern auch die Kenntniß des Weges, sie
zu einem allgemeinen Gute des lebenden Menschengeschlechts zu machen, ge-
wonnen haben würden; doch nur mit Wenigen gelang es mir u würde auch
hier gewiß mißlungen seyn, hätte nicht vorher ein gemeinsamer Volks- Frey-
heits- ja Menschheitskampf gleichsam einen volksthümlichen freyen Menschen-
u Menschheitsbund geknüpft gehabt, welchen alle spätern Lebenskämpfe, ja
Lebenskriege nicht aufzulösen vermochten nein! nun, nach jener hohen Lebens-
vorschule, nur immer inniger machte.
Verehrtester Herr! durch Krieg u Kampf muß wohl für höhere Läuterung,
zur Prüfung u Bestätigung des Wahren alles hindurch gehen u er ist, wie die
Erfahrung bis jetzt lehrt, bey keinem neu zu begründenden menschlichen
Werke zu vermeiden; allein dieser Krieg u Kampf darf besonders bey einer
jungen Pflanzschule für Erziehung nicht zu früh, ohne vorher gewonnene innere
Einigung, hervorgerufen werden, sonst läuft die Pflanzung, das junge Werk Ge-
fahr, dadurch in seiner Entstehung wieder zu vergehen. Dieß lehrt ein ernster
prüfender Blick auf alle erzieherischen menschenbildenden Anstalten, wie i c h
auch die oben ausgeführten Erscheinungen ohne Ausnahme an allen Erziehungs-
anstalten bestätigt gefunden habe, wo man für den durch sich hochstehenden
Erziehungszweck die wißenschaftlich Gebildetsten zu einigen suchte; entweder
löseten sich die Vereine mit mehr oder minder lauten Krieg auf, denn das aus-
übende erziehende Wirken leidet die controversistisch philosophischen Streitig- /
[264]
keiten nicht; oder wo man durch gegenseitiges Zugeständniß u Accomodiren
zusammenblieb, da ging das Leben der Geist verlohren, da sank der hohe Zweck,
das hohe Ziel der Menschenerziehung, da starb die lebenvolle Gestalt der
Menschenerziehung (ich will garnicht einmal von Volks- u noch weniger von
blos Armenerziehung reden) an der Äußerlichkeit.
Erziehende Lehrer für Volks- u besonders Armenerziehungsanstalten aus
den an Geist u Leib gesunden, fähigen u anlagsvollen Jünglingen des Volkes
selbst herauf zu bilden, dafür spricht noch ein anderer nicht geringerer Grund
als die vorigen. Diese Lehrerwirksamkeit ist zu wichtig, die Forderungen an sie
sind zu groß; für solche Wirksamkeit, für die Erfüllung solcher Forderung muß
der Mensch gehalten werden; er kann dieß entweder in sich oder außer sich;
durch das Ganze. Bey dem in einem Streben nach höherer wißenschaftlichen
Bildung noch Begriffnen, sind die Bande durch das Ganze u deßen Urtheil ge-
halten zu werden aufgelöset; u die höhere Bildungsstufe durch sich selbst ge-
halten zu werden, noch nicht errungen. Diese Zwischenbildungsstufe wirkt als
erzieherisch lehrend höchst nachtheilig; fügt sich nun ein solcher zwar wißen-
schaftlich Gebildeter aber in der Lebensbildung noch Begriffener ja dem Ge-
haltenwerden von außen, so ist sehr leicht möglich, daß er bald als Söldner,
nicht als Freythätiger wirke; daher ist es auch von dieser Seite der Betrachtung
aus wichtig junge Männer einfachen Sinnes u anlagsvoll aus dem Volke selbst
zu wählen, wie sie durch den höhern Geist des Ganzen, deßen Einwirkung sie
einmal empfunden haben, in sich u außer sich gehalten werden, so bleiben sie
auch diesem u um dieses willen ihrem Wirken lebensvoll treu, da jene immer
daraus hervor u fortstreben.
Verzeihen Sie mir ja die Weitschweifigkeit, mit welcher ich mich über diesen
Gegenstand ausbreitete, allein er gehört ganz gewiß, um in dem der Betrachtung
vorliegenden Werke zum vorgesteckten Ziele zu gelangen, zu den allerwich-
tigsten. Der welcher uns in allem Vorbild u Muster ist, beweiset durch sein
Handeln u Leben die Wahrheit deßen, was ich mit so unvollkommnen Wort
u in so unvollkommner Weise darzulegen mich bemühete. Dieser größte Men-
schen- Volks- und Armenerzieher, als er durch Erziehung in allen Beziehungen
ein unvergängliches Friedensreich auf Erden stiften wollte, wählte dazu, durch
das ausübende Leben einfach erfahrne, aber herz- u gemüthvolle Menschen,
keine Zöglinge der verschiedenen Schulen der Schriftgelehrten; wohl wurde
ein Saulus, nachdem er ein Paulus geworden war, eine Säule der neuen Lehre,
aber nachdem er selbst erst durch Krieg hindurch gegangen, sie selbst u ihre
Bekenner durch lebenvernichtenden Kampf u Krieg hindurch geführt hatte.
Dieß in Beziehung auf die Beachtung u Erziehung Einzelner zur Erreichung
u Ausführung einer allgemeinen Volks- u zunächst Armenerziehungsanstalt.
Als vorzüglich vermittelnd dazu u wesentlich günstig dafür erscheinen mir
nun die, wie ich vernehme, von mehreren Seiten in Ihrem Kanton u ganz
namentlich auch von Gliedern des Vereines für christliche Volksbildung ge-
wünschten u angestrebten Gemeinde- oder vielmehr Amtsarmenerziehungsan-
stalten. /
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Nach meiner Ueberzeugung müßte man auf die Ausführung dieser Amts-
armenerziehungsanstalten gleich jetzt u zunächst die größte Sorgfalt wenden.
Im Kleinen kann man das Ineinandergreifen der Glieder, das Gesammtleben
nach Grund, Zweck und Mittel leicht überschauen u so den Geist leichter ge-
stalten, leichter wahrnehmend u schneller fortwirkend machen. Wie sich das
Ganze leicht übersehen läßt, so laßen sich Fehler u Vorzüge leicht einsehen,
die letzteren zu sicherer Aneignung, die ersteren zur schnelleren Vermeidung.
Jeder Einzelne, jedes Glied steht dem Ganzen, dem Mittelpunkte, dem
Hausvater, der Hausmutter u so dem Geiste des Ganzen näher u kann leichter
von ihm ergriffen, durchdrungen u festgehalten werden.
Sey es auch wirklich zu allernächst nur eine einzige solche Amts- oder
Gemeindearmenerziehungsanstalt, u bestehe sie auch wirklich nur 1/4 oder
½ Jahr vor Ausführung u Eröffnung einer größern allgemeinen u Kantonal-
Normal-Armenerziehungsanstalt, so würde sie, davon glaube ich die Nach-
weisung der Gründe oben angedeutet zu haben, für diese ein ächter Grund u
Eckstein seyn, u demnach kostet ihre Ausführung weniger Zeit u weniger
Mittel, die Ergebniße liegen schneller zur Prüfung u - in so fern ich sie zum
Voraus in Glauben u Vertrauen als entsprechend annehme - zur Anerkennt-
niß vor; die Glieder dieser Anstalt können, wenn es sonst die Verhältniße
erlauben bald u leicht zu Mitarbeitern an die höhere Normalanstalt versetzt
werden, wo sie sich bald als gewandte, das Leben u den Geist in sich aufge-
nommene, von ihm getrieben werdende Glieder beurkunden werden.
Ich ersuche Sie sehr diesen Gegenstand einer ernsten Prüfung zu unter-
werfen. Nochmals gesagt, es ist nach meiner Ueberzeugung grade die Aus-
führung dieses Vorschlages, welches von mehreren Seiten der Begründung u
Einrichtung einer Kantonal-Normal-Armenerziehungsanstalt einen sich stets
verjüngenden Geist u darum ein sich lebenvoll stets erneuerndes Bestehen
zusichern würde.
Ueberhaupt bin ich hochgeehrtester Herr Regierungsrath! nicht nur mit
Ihnen von der gegenwärtigen großen Nützlichkeit u Nothwendigkeit, sondern,
wie ich mir erlaubt habe nachzuweisen, von der durch Natur u Geschichte
tiefen Begründetheit des Vorhabens Ihres Vereines für christliche Volksbil-
dung, besonders zunächst durch Erhebung der Armenerziehung in mir auf das
festeste überzeugt, daß ich an dem Gelingen dieses Unternehmens, so groß, so
oft es auch schon begonnen u so oft es auch schon mehr oder minder gescheitert
ist oder eines innern fortentwickelnden Lebensquells ermangelte - daß ich
ungeachtet alles dieses Widrigen an dem Gelingen dieses großen weit ver-
zweigten Unternehmens, welches wie ein wahrer Lebensbaum ist der seine
weiten früchteschweren Äste ins Jenseits senkt - nicht im Mindesten zweifle,
versteht sich unter der angegebenen Bedingung, daß von einem durch Natur,
Geschichte u Leben nachgewiesenen Lebenspunkte ausgegangen u der darin
bestimmte Lebensweg betreten werde.
Indem ich diese Ueberzeugung mit Mannessinn auf den möglichen Fall
ausprach, daß der hochachtbare Verein durch Sie u die betreffenden hohen /
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Landesbehörden das Zutrauen zu mir hegen sollten, dieses Unternehmen unter
meiner engern Leitung auszuführen - überschaute mein Geist prüfend in mir
alle zu diesem Zwecke im Leben vor mir liegenden Umstände, Verhältniße
und Mittel u erkannte darin gleichsam einen gewißen Geistes[-] u Lebensbund,
welcher sich daraus zwischen der Schweiz u mir kund thue.
Erlauben Sie mir nun hochgeehrtester Herr! daß wie ich zu Anfange dieser
Mittheilungen eine Stelle aus Joh. v. Müllers Einleitung zu seiner Schweizer-
geschichte in engerer Beziehung zu dem Vorhaben des hochachtbaren Vereines
u der sich zur Ausführung deßelben darbietenden Mittel u Wege setzte, -
daß ich so nun eine andere Stelle in eben dieser Einleitung in näherer Beziehung
zu den Verhältnißen meiner Wirksamkeit in der Schweiz setzen darf.
Joh. v. Müller sagt in der mehrerwähnten Einleitung S XV , zu allen Eid-
genoßen
"Wenn Gott unsern Bund nicht billigte, er hätte die Umstände anders gefügt
"u wären unsere Väter gemeine Seelen gewesen, so hätten sie dieselben unge-
"nutzt vorbey gehen laßen. Beydes wird in dieser Geschichte gezeigt."
Wort für Wort möchte u darf ich diese Stelle, wenn ich das Wechselverhält-
niß zwischen der Schweiz u meinem erziehenden Wirken einen geistigen Bund
nenne, ohne allen weitern Comentar auf dieses Wechselverhältniß, diesen
Bund anwenden. Wenn Gott diesen unsern Menschen- u Volkserziehungsbund
nicht billigte, er hätte die Umstände anders, d. h. nicht so günstig, wie es auch
schon dem einfachsten Verstande u äußerlichsten Lebensblick in die Augen fällt,
gefügt; denn seit dem Augenblicke als der Gedanke, meine erziehende Wirk-
samkeit in die Schweiz überzutragen, ja sogar in alle dem was das Aufkeimen
dieses Gedankens vorher vorbereitete, ist eigentlich gar nichts der Ausführung
dieses Gedankens Nachtheiliges geschehen, indem gerade alles das, was ihr den
größten Nachtheil bringen, sie am meisten gefährden sollte, sie im Erfolge am
meisten gefördert hat; was meine beginnende Wirksamkeit im Kanton ver-
nichten sollte, brachte mich nach Willisau. - Was sie in Willisau zerbrechen
sollte, bewirkte meine Anknüpfung mit dem in so vieler Hinsicht größten
Kanton der Schweiz, mit Ihrem hochachtbaren Vereine u führte mir geeint
durch die Liebe des nur in der Liebe lebenden erziehenden Greises Pestalozzi
und geweihet durch eine große Reihe dazwischen liegender erfahrungsreichen
Jahre in Ihnen verehrter Herr! einen Mann zu, der die schwierigste Lebens-
aufgabe: c h r i s t l i c h e Volksbildung, auf die gründlichste ein u durchgrei-
fendste Weise, durch Armenerziehung zu lösen, sich frey zum gewählten Gegen-
stand seiner freyen Wirksamkeit gemacht hat; es brachte mich in einen Verband
mit einer Mehrheit hochherziger, trefflicher Männer, welche die Zeit u ihre
Zeichensprache zu lesen, u die Wahrheiten welche in derselben ausgesprochen
sind im Leben anzuwenden verstehen, u so die für höhere Lebensentwicklung
günstigen Umstände nicht ungenutzt vorüber gehen laßen.
Dieß dünkt mich zeigt die Geschichte des Beginnens, der Entwicklung u des
Fortbestehens meiner erziehenden Wirksamkeit in der Schweiz klar, u so er-
scheint mir auch dadurch zugleich das wahrhaft schweizerisch Volksthümliche /
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derselben, in einer Sprache ausgesprochen, welche nur die Vorsehung selbst
spricht. Von meinem ersten Eintritt in die Schweiz hofften Menschen [hier bricht das Dokument ab]