Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal / Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 9.11.1833 (Willisau)


F. an Heinrich Langethal / Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 9.11.1833 (Willisau)
(KN 46,5, Brieforiginal 1 Bl 4° 2 S.)

Den Lieben in d. Keilhauer Erziehungsanstalt meinen und unser aller Gruß zuvor

Geschrieben in der Willisauer Erziehungsanstalt am 9/IX 33.·.
Euch, meinen treuen Freunden Langethal und Middendorff, für Euere am heutigen Morgen erhaltenen gewichtigen Briefe
vom 1en und 2en dieses Monats herzlichst dankend wende ich mich mit diesem Brief besonders an Euch, nicht um
Euch diesen Dank durch einen ebenso gewichtigen Brief thatsächlich zu beweisen, denn diesen gleich und ebenbürtigen
Dank werdet Ihr nun hoffentlich ebenfalls doppelt in meinem und Barops, seit dem 1en d. Monats empfangenen
Briefen erhalten und in den sie einschließenden so wohl wörtlichen als auch namentlich abschriftlichen Mittheilungen
gefunden haben, sondern um Euch zur weiteren Durch- und Einlebung in das Ganze ein Paar Gedanken mitzutheilen welche in meinem
Geiste auffunkten und in meinem Gemüthe aufblüheten als ich Eure Saamenkörner neuer Lebensent-
wickelung, oder vielmehr sichtbaren Fortentwickelungen uralter Lebenskeimen, nur eben überblickte.
Hierher gehört allein zuerst die Mittheilung in Deinen Zeilen mein lieber Langethal: “Am vergangenen Mont. war
........ mit Fräulein Schiller...........bei uns. Fr. Schiller sprach entschieden aus - Sie habe großes [Verlangen] hier in Keilhau gänzlich zu
leben!” – Grüßet Fr:. Schiller (: welche ich vor vielen Jahren nur einmal im Vorübergehen an der Hand ihrer Fr: Mutter in
Rudolstadt gesehen zu haben glaube :) grüßet sie mit männlich deutschem Gruße von einem der innigsten Lebensfreunde
ihres edlen Vater[s], von einem solchen Lebensfreunde ihres hochherzigen Vater[s], wie er sich deren gewiß kaum noch einen erfreuen
würde ob wir uns gleich nie gesehen hätten, allein unser gegenseitiges Leben stände von dem ersten Augenblicke an im
stetig fortgehenden inneren Wechselverkehr als Sein, Ihres Vaters Leben, sein Geist und Gemüth, mein Leben meinen
Geist und Gemüthe berührt habe, an die Aussprüche seines Sehergeistes und schauenden Gemüthe und deren Aufnahme
in mein allereigenstes und innerstes Leben knüpften sich die allerwichtigsten Lebensepochen, daraus und dadurch ent-
wickelten sich die Lebensvollsten und Wirkungsreichsten Momente meiner Geistes[-] Gemüth[-], besonders aber äußeren Lebensentfaltung
und Fortbildung, so daß der Geist ihres Vater[s] stets wie ein väterlicher Freund und seegnender Genius mir im Leben an
der Seite gegangen, mich durch dasselbe geführt habe. Schon als Knabe machte sein Lied an die Freude, von meinem
Bruder (Christoph) am Clavier gefunden [sc.: gesungen] einen sehr tiefen Eindruck auf mich, und ich könnte dieses Lied nach seinem
menschenbrüderlichen Inhalte durch mein ganzes und mit meinem ganzen Leben commentiren. - In meinem reifenden
Jünglingsalter 1802 (in meinem 21. Jahr) bezeichnet sein Lied an die Sehnsucht, und dessen Aufnahme in mein Leben eine der
allerwichtigsten Epochen meines Bruder Lebens und durch die gläubige Anwendung der Schlußworte jenes Gedichtes:
“Du mußt hoffen, Du mußt wagen
Denn die {Gottheit leiht/Götter leihen} kein Pfand”
in meinem Leben wurde ich an eine Lebensküste getragen, {an welcher von wo [}] sich mir bald ein schönes Wunderland
eröffnete. Mit jenem Worte schloß ich nemlich jenes Gesuch 1802 mit welchem ich mich so vertrauensvoll an die Men-
schen und Menschheit wie ein Sohn an seine Mutter wandte. Durch jenes Gesuch aber kam ich zu Dewitz nach Groß
Milzow im Mecklenburgischen 1803 u.s.w. u.s.w. Dort sprach durch einen deutschen Mann sein Lied an die Freude wieder
eindringlich zu mir besonders in den Worten: “Männerstolz vor Königsthronen, Brüder gält es Gut und Blut, dem Ver-
dienste seine Kronen!” Im Frühjahr 1805 bekam ich die Erzieherweyhe. In den nun folgenden Jahren wirkten unter
seinen dramatischen Werken besonders Don Carlos und in demselben der Charakter des Marquis Posa, auf und in mein
Leben ein, und dieses Buch war mir lang ein Lebensbuch, wie es sich seit 1809 auch als solches noch bis jetzt unter meinen
Büchern befindet. Ich übergehe die weiteren kleinen Lebensmomente, die sich an seine Schriften und Aussprüche anschließen
erwähne nur noch seinen Rousseau, hebe aber vor allem wieder seinen Columbus und die feste Zuversicht mit welcher er die Worte spricht: “Steure mutiger Segler immer
nach Westen dort liegt die Küste und läg’ sie nicht dort[”] pp hervor.
Seit 1816 sind diese Worte treue Begleiter meines Lebens; sie riefen mich 1830 zu meiner Wanderung nach Westen
führten mich nach der Schweiz und hier immer nach Westen, von Wartensee nach Willisau, und von Willisau jetzt ins Bernsche. /
[1R]
Saget dem Fräulein Schiller, daß Ihr mir ihren bestimmten Entschluß mitgetheilt habet und sagt Ihr [sc.: ihr], dass
ich glaube daß auf der Ausführung dieses Entschlusses, wenn er sonst durch äuße[re] Umstände möglich zu
machen sey -, Ihres Vaters ewiger Segen ruhen werde, saget ihr, daß ohne Zweifel in denselben Tagen als sie
diesen Gedanken in sich bearbeitet und Euch mitgetheilt habe, ich wiederkehrend eine Skizze der Lebensgeschichte
ihres Vaters gelesen habe, und daß er mir darinne wieder als ein würdiger Vorkämpfer aber in gewisser Beziehung
aber auch als ein Märtyrer des neuen Menschheitslebens erschienen sey. – Mir will es manchmal fast scheinen
und ich habe in meinem Leben sehr viele Beweise dafür, daß da sich die deutschen lebenden Männer nicht zur Rettung
und Pflege der deutschen Menschheit einen, daß es die Geister der von uns geschiedenen, edelsten und größten,
großartigsten und großherzigsten Deutschen thun, um sie, die deutsche Menschheit für welche kein Name zu erhaben
und hehr ist siegreich aus dem vernichtenden Kampfe des Lebens zu führen. Saget der Fräulein von jeher habe mich
ein besonderer leiser stiller Zug zu der Familie ihres Vaters geführt, so zu ihren Brüdern als sie in Iferten und Frankfurt
waren, so zu ihrer Fr. Mutter als dieselbe in Rudolstadt später lebte. Und obgleich zwischen die Ausführung dieser
Seelenzüge, oder vielmehr dieses Geistesziehens stets das Leben getreten, oder das Leben dazu noch nicht aus[-] und
durchgebildet, noch nicht gereift genug gewesen sey, so müßte ich doch in meinem Leben die große Thatsache
als unwiederruflich, ja ich möchte wohl sagen ohne alle Einschränkung anerkennen: - Keine, auch nicht meiner
frühesten Knaben- und Jünglingsahnungen ist mir ohne Blüthe und Frucht, ist mir unentwickelt geblieben und
dieß um so mehr und schöner als ich diese Entwickelung selbst nie erwartet habe nie erwarten konnte. Ich wer-
de dafür zu seiner Zeit in der Geschichte meines Lebens einen sehr großen Beweis geben. Saget dieß alles
der Fräulein Schiller wenn Ihr anders, die Ihr sie aus dem Leben und von Person kennt, glauben könnet, daß
sie es, daß sie mich verstehe, denn leider sind die Menschen wie sie unser Geist und Gemüthe nach ewigen Geistesge-
setzen sehen muß nur zu schneidend verschieden von den Menschen wie sie die Welt zeigt und macht. Findet und er-
kennt Ihr nun aber die Fräulein Schiller so, daß Ihr meinet sie verstehe mich und das im vorstehenden von mir ausgesproche-
ne so saget ihr daß aus der Ausführung Ihres Gedankens – wenn sie wirklich den Beruf einer weiblichen Erzieherin einer
Erzieherin des weiblichen Gemüthes und Geistes, in sich tief fühle, - daß unter diesen Umständen dann eine große Lebenser-
gänzung aus der Ausführung des Gedankens hervor gehen könne; denn seit sehr langen [Zeit] beschäftigen mich im Stillen die so
sehr wichtige, für das Leben so höchstwichtige Erziehung des weiblichen Theils des Menschengeschlechtes. Aber auch diese
Erziehung soll sie dem Wesen und der Würde des weiblichen Lebens angemessen seyn muß gewiß dann auch ganz anders
erfaßt werden ganz neu als es bisher im Allgemeinen in der angenommenen Weise noch geschiehet, sie muß gewiß eben so
ganz neu aufgebauet werden als es jetzt mit der Knabenerziehung geschiehet und wozu uns Schiller selbst in seiner ästheti-
schen Erziehung
des Menschen so viele Winke giebt. Doch genug ich hoffe nun bald von Euch darüber ein erklärend Wort.
Nun nur noch hingeworfene Gedanken.
Titus ist doch abgereiset? – denn ehe Titus hier ankommt, kann Barop nicht abreisen. 39 Zöglinge sind nun schon wirkl[ich] eingetreten, einer wohnt auch bey uns im Haus, Karl ist der 40ste.
Von Berlin, dieß saget Ernestinen sind heute mit Euren Brief auch sehr erfreuliche Nachrichten eingegangen. Nächstes war
die Äußerung von der Fr. v. Arnim, daß die Frau v. Waldau nächstens Louise H. von hier entführen werde war
mir eine der erfreulichsten Nachrichten Zugaben die Eure schönen Nachrichten enthalten konnten. Möge das Gerücht
nur kein Gerücht sondern Wahrheit seyn und recht bald in Erfüllung gehen. Seit Langem hat mir Niemand so
viel Seelenschmerz verursacht als diese Louise durch ihre Äußerlichkeit und Lebensoberflächlichkeit.
Ich habe Ihr gerad zu sagen müssen hätte ich vor Abschluß unserer Verbindung gewußt daß sie bey der Fr. v ....
gewesen sey so würde ich sie nie in meinen Kreis aufgenommen haben. Ich habe ihr sagen müssen daß es
ein großer Unterschied sey sich zur Gesellschafterin oder zur Erzieherin, als welche sie doch selbst nach ihrem Paß
bey uns eingetreten sey aus zu bilden. – Letzteres zu werden möchte sie doch Verzichtleisten u.s.w.
Aber ihre seichte Lebensansicht und mehr weniger noch als oberflächliche Bildung die doch über alles reden
will verhindert sie zu verstehen was ich sage. – Sie hat Ludowika so aus den Lebensfugen gerissen
daß ich diesem Mädchen nicht einmal den Gruß sagen <mag> den Du ihr Middendorff geschrieben hast denn wahrlich
jetzt verdient sie ihn nicht; sie macht mir so bittern Schmerz als ich kaum noch empfinden [kann], nächstens über
diesen Gegenstand auch mehr.
Nur dass [sc.: das] sage ich noch ich habe keinen Beweis vom Gegentheil seid auf der Hut gegen Jedermann der Euch
besonders empfohlen und je mehr er Euch empfohlen wird. Luise ist ein sprechender Beweis dafür.
Fr. v. Ar[nim] hat nicht gut an mir und an uns allen gehandelt, daß sie Luisen zu uns empfahl ohne
uns zuerst von ihren früheren Lebensverbindungen zu schreiben. Die Wirkungen davon haben so ihren Geist ge-
prägt daß sie überall hin nur in keine Erziehungsanstalt wenigstens nicht von solchem Geist u Zielen
wie die unsere taucht [sc.: taugt].
Am 1. Nov. als am Geburtstag Allwine[s] wie ich nun gewiß weiß führte ich Barop auf eine kurz vor-
her von mir entdeckte Höhe allernächst Willisau wo wir die Alpen in ihrer Herrlichkeit sahen so unter anderen die ruhig
klare Jungfrau
. Dort brach ich Allwina 4 Maasliebchen als Sinnbilder der
4 Alter Kind – Mädchen – Jungfrau – Mutter u.s.w. Sie werden wohl gelegentlich mitkommen.
Lebt Alle wohl!

        Euer

              FriedrichFröbel.