Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an >Keilhauer Gemeinschaft< in Keilhau v. 20.11.1833 (Willisau)


F. an >Keilhauer Gemeinschaft< in Keilhau v. 20.11.1833 (Willisau)
(KN 46,6, Brieforiginal 1 B 4°, 4 S.)

Willisau den 20en 9br 1833.


Gottes Gruß Euch allen zuvor.

In größter Eile nur einige Mittheilungen. Zuerst ist es uns sehr unerwartet daß wir heute keinen Brief
von Euch bekommen haben; wir erwarteten heut von Euch die bestimmte Nachricht von dem Abgang Titus von
Keilhau; ich persönlich hätte freylich den Titus selbst erwarten mögen. Zwar scheint es nicht
mehr möglich daß Barop den Titus hier erwarten kann, denn es würde doch sonst mit seiner Reise -
da sie den deutschen Verhältnissen nach, seyn muß, und den schweizer Verhältnissen nach (in sofern Titus kommt)
seyn kann – sonst auch gar zu späte, zumal da er seine Reise nicht so sehr eilig machen kann wie
ich um seiner Lieben in Keilhau wohl wünschte. Wäre heute der Brief welcher uns Titus Abgang ge-
meldet hätte angekommen, so würde er allerspätestens nächsten Sonnabend abgereiset seyn, denn alles ist dazu bereit, auch das Reisegeld (: Rth 20:) liegt bereit. Wenn es Euch wie ich nun fast ahnen muß -
sehr schwierig geworden ist den Vorschlag Barops - das Reisegeld für Titus von Euch uns zu besorgen
- in Ausführung zu bringen, so hätten [sc.: hättet] Ihr nur gleich in demselben Augenblick als Euch dieser Ge-
danke von Barop ausgesprochen worden ist uns zurück schreiben sollen, daß Euere Verhältnisse dieß
schlechterdings nicht gestatten; ich hätte dann es möglich zu machen gesucht Euch das Reisegeld für Titus
in preußisch. CassenAnweisungen zu schicken was freylich schwierig ist in so ferne man deßhalb nach Luzern
muß, und für Baarsendung das Porto besonders bey kleineren Summen so bedeutend ist.
Wir haben jetzt wirklich eingetretene Zöglinge 40 – zwey davon wohnen und leben als Zöglinge ganz im Hause;
drey Zöglinge sind als Halbzöglinge noch angekündigt, so wäre es wohl möglich daß die Anzahl
in diesem Halbjahr noch auf 45 stieg. Von Bern aus – wo nach jeder Seite hin alles noch in
der Berathung liegt - ist noch gar nichts entschieden, also auch noch nichts über den Eintritt von
jungen Leuten welche sich dem Schulfache widmen wollen – doch könnte auch wohl noch in die-
sem Halbjahr deßhalb etwas geschehen. Ihr sehet also daß Titus uns für dieß Halbjahr schlech-
terdings hier nothwendig ist, und mich dünkt, seit dem wir Euch den Wiederbeginn des
Winterhalbjahres schrieben hättet Ihr dieß selbst mit Bestimmtheit einsehen können. –
Heute wird im Großen Rath über das Vorbestehen [sc.: Fortbestehen] der hiesigen Anstalt entschieden
worden seyn, und wäre es ja nicht so wird es mit Bestimmtheit nächsten Freytag geschehen.
Doch besteht die Anstalt factisch schon seit 4 Wochen fort, und keiner der gut und bestens
Unterrichteten zweifelt im mindesten das [sc.: daß] der Große Rath durch das Wort bestehen
lassen wird, was der Sache nach noch fortbestehet. Barop hat es Euch schon geschrieben, daß
die wichtigen Dokumente darüber – die Berichte – wohl gedruckt werden.
Nun das wichtigste dieses Briefes aber ganz abgerissen. – Die Lebensverhältnisse scheinen
von Seite der Vorsehung gewaltig ineinander gefügt uns liegt es ob, das Leben /
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in dieser seiner innern Einigung zu durchschauen und zu pflegen. – Kurz: hat Schäffer an Euch
geschrieben? – Wird er eintreten? – Verflossenen Mittwoch hat Frankenberg Brief von den
Seinigen in Eddigehausen bey Göttingen erhalten. Dadurch wurden wiederkehrend ganz offene
Mittheilungen zwischen Frankenberg und mir veranlaßt welche sich an Äußerungen seiner Schwester
Luise
über meine jüngste Schrift ”Grundzüge der Menschenerziehung[”] anknüpften; diese Äußerungen
waren ohngefähr in Deinem Geiste Middendorff, oder von dem Lebensausdruck wie die Mittheilungen
von Titus. Seine Schwester erklärte, daß sie nicht zweifle wenn sie diese Bögen mit Schäffer
lese, dieser dad[urc]h sich bestimmt fühlen werde nach Keilhau zu gehen; vorher hatte Fr[an]kenbergs
Bruder schon ausgesprochen daß es ihm sehr leid thue, daß Schäffer noch nicht in Keilhau
eingetreten. Durch diese einleitenden Mittheilungen wurden nun die weiteren Eröff-
nungen von Seiten Fr[an]kenb[er]gs vorbereitet, welcher mir nun erklär[t]e, daß seine Schwester
Luise (ich glaube 26 Jahre alt) mit Schäffer verlobt sey; - daß Schäffer eigentlich
eine erziehende Natur sey; - daß sie, die beyden Verlobten, daher selbst auf den Fall
daß er Prediger geworden wäre oder noch würde immer zugleich eine erziehende Wirk-
samkeit suchen würde. Weiter sagte mir Fr[an]kenb[er]g, daß seine Brüder jetzt einer
Übersiedelung nach Amerika vielleicht schon für künftiges Jahr nahe wären, daß aber
die Schwester Luise wegen ihrer Verbindung mit Schäffer nicht mit nach Amerika gehen werde
und daß auch sie ein Verhältniß suche so lange zu bleiben bis die Verbindung zwischen ihr
und Schäffer sich auch für gemeinsames Leben schließen könnte, und daß sie ohne Zweifel
bis dieses möglich werden könnte zu ihrem Oheim dem HErrn Advokat u Lizenc[i]at Frankenb[er]g
nach Rotenburg im Churhessischen gehen werde. Genug vor meinen Augen entwickelte sich
schnell ein großer innerer Lebensverband (wie mir später Fr[an]kenb[er]g sagte, daß er auf
seiner Reise hierher in Rotenburg gewesen bey seinem Oheim viel über Keilhau gesprochen
und dieser vielleicht den Oberforstmeister Blumenstein veranlaßt habe, seiner Tochter
wegen an Euch zu schreiben.) Ich theilte nun Fr[an]kenb[er]g auch ganz offen mit, daß Luise
Herrmann
bald von uns austreten würde, er mögte seine Schwester fragen ob sie
an deren Stelle hier eintreten wolle pp pp. Frankenberg ging leicht auf meine
Ansichten ein dies sich auch ohne Wort schnell kund thun werden, er hat nun heut einen weit-
läufigen Brief deßhalb an seine Schwester Luise geschrieben; und ich beeile mich Euch
dieß alles mitzutheilen damit ihr [sc.: Ihr] das Verhältniß überschauet und pflegt; mir wäre
nach den vorliegenden Verhältnissen der Eintritt von Fr[an]kenbergs Schwester hier sehr erfreu-
lich; auch Schäffers Eintritt bey Euch wäre mir sehr lieb; ich weiß nemlich nicht wie sich
mein Verhältniß im Bernschen entwickelt, doch werde ich gern folgen wenn mich /
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meine erweiterte Wirksamkeit dahin ruft. Also könnten bald noch mehr Arbeiter
nöthig seyn vielleicht in Willisau und im Bernschen. So wär mir also der Eintritt
Schäffers bey Euch zur Vorbildung eines kräftigen Mitarbeiters da oder dort sehr lieb;
denn Emilie wird was ich ihr gar nicht übelnehme ihren Barop nicht sobald wieder
von sich lassen wenn sie ihn einmal wieder hat, u.s.w. u.s.w. Genug alles
dieß Euch zur Nachachtung, damit Ihr Schäffern, der gleich jetzt aufs Verdienen
wenigstens aufs Sparen ausgeht nur nicht gleich mit der von Eurer Seite nothwendigen
Einzelbetrachtung oder vielmehr Einzelstellung abscheidet, sondern daß ihr so das Verhält-
niß im Ganzen betrachtet.
Auch mit dem Mahler Müller und dessen Brief ist es ein eigenes Zusammentreffen. Frankenberg hat neu-
lich zwey Personen mit einander verwechselt. Kurz der Brief ist nicht an den Mahler
Müller, sondern an den Mahler Brauer in Cassel, zu erfragen bey dem Herrn Haupt-
mann (außer Diensten) Jäger in Cassel; ihr werdet gebeten, in dieser Beziehung einen
Umschlag aus Frankenbergs Briefe zu machen oder die Aufschrift umzuändern.
Gott sey Dank sind wir alle wohl; Und dieß Leben schwindet schneller uns als
in Keilhau ich bin auch immer an die Stunden gebunden.
Vor einigen Tagen war ich in Burgdorf den Brief an dHE Dr Schnell abzugeben, traf ihn aber nicht, er ist in Aarau, ich werde nun den Brief durch die Post an ihn besorgen.
Zuforderst herzlichen Dank der Martinschen treusinnigen Familie.
Heut vor 8 Tagen habe ich ein Packet an Euch abgesandt. Ihr bekommt es vielleicht mit
diesem Briefe Ihr werdet wohl wissen welchen Gebrauch ihr mit den Sachen machen sollt.
Die Ergänzung und die Anzeigen habe ich deßhalb, vielmehr bey gelegt
um sie selbst in Eichfeld u Keilhau zu vertheilen damit die Menschen doch Schwarz auf
Weiß haben daß wir wirken; zu diesem Zwecke habe ich auch mehrere Eidgenossen
für Jena, <Weimar>, Rudolstadt Eichfeld, Saalfeld < Lommler> auch eine Ergänzung und Anzeige
bey gelegt die Verbindung mit Meiningen müßt ihr offen und rege erhalten.
Es hat geschlagen. Diesen Brief habe ich in der Stunde umgeben von 12 Schülern
geschrieben, welchen ich zugl Unterricht in Zeichnen gab. Euer
FriedrichFröbel

Noch ein halbes Stündchen habe ich gewonnen, weil unsere
Stunden statt 1 ½ schon 1 Uhr Nachmittags beginnen
und so also was ich in der Eile unbeachtet gelassen die Stunde um so viel früher geschlossen wurde.
Auch dHE Adjunct Burkard in <Broda> gebt gelegentlich eine Ergänzung nebst herzl Gruß von mir. /
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Wollt Ihr so könnt Ihr ihm auch die Siegristsche Schrift mittheilen; sie wird ihn hoffentlich in Har-
nisch bringen; dann sagt ihm meine Neigung daß man um so viel mehr darauf sehen
müsse daß Keilhau fest wenigstens in sich bestehe, damit man den Gegnern factisch den
Vorwurf entwinde als sey das Princip unserer <Kirche> nur Trennung, nicht aber auch –
wenn dieß auch nach der Seite der Prüfung hin wahr sey – um so innigere Einigung
im Einverständniß und im Leben im Schaffen.
Auch der Frau v. Ahlefeld gel. meinen Gruß voll wahrer Hochschätzung und Dank,
für Ihren den Beweis Ihrer wirklich mütterlichen Sorgfalt für die Pfleg<weise> Ihrer ge-
liebten Pflegesöhne; saget Ihr gern schrieb ich ihr aber ich wäre jetzt fast ununterbrochen an[-]
gegriffen, selbst des Nachts bearbeitet mein Geist häufig stets den ihm im Leben vorliegenden
Gegenstand. Gern bräche ich von der Ruhe der Nacht oft etwas ab; aber ich muß hier
gehorsam nachgehend seyn, weil mein Geist und Gemüth auf das schmerzlichste jedes fühlt
was ihm der Körper während des Tages zu viel auflege.
Vor einigen Tagen habe ich wieder einen 4 Bogen langen Aufsatz an den HE RR Schneider
in Bern geschickt. Er behandelt den historischen Zusammenhang meiner Erziehungsweise
mit der Geschichte und den geographischen der Schweiz; auch für Euch ist dieser Aufsatz
wichtig. Barop wird ihn Euch zum Weyhnachtsfeste von mir mitbringen; eben ist er da-
mit beschäftigt ihn für diesen Zweck abzuschreiben. Diese Bogen werden Euch Veran[-]
lassung geben meine Erziehungsgrundsätze, unsere Erziehungsweise überhaupt mit der Ent-
wickelungsgeschichte der Menschheit in Vergleich und Verbindung zu bringen, auch in Beziehung auf
höhere verbindliche Ansichten u.s.w. u.s.w.
Mich beschäftigt jetzt eine sehr umfassende [Frage] und möglichst das Ein[e], das Ganz[e] der Bedingungen
aller Bedingungen der Menschen- und MenschheitsErziehung in der Ausübung und Darstellung
zu erfassen. – Im Bernschen ist ganz außerordentl. Erregung und Aufregung für Volks-
erziehung eine so große Aufregung von der Ihr Euch schwerlich einen Begriff machen könnt,
aber wie ich an meiner ehegestrigen Reise ins Bernsche (nach Burgdorf) wieder sehen konnte
alles ist Einzelheit, auch wohl Verwir[r]ung Die Gleiches wollen, führen verschiedene Sprache
und so erscheinen die Geeint[en] getrennt; die Verschiedenes in sich wollen, führen gleiche Sprache
teuschen sich so kommt es nun zur Ausführung so ist Krieg u Zwietracht die Folge. Ein rechter
Kampfführer ist Fellenberg, man sagt er dulde schlechterdings Nichts und Niemand neben sich
suche alles und alles was neben ihm aufkommen wolle durch alle u jede Waffe gleich in Sand
zu strecken, so z. B. fürchtet der HE Pfarrer [Stähli] in Hut[t]wyl der ein sellten biederer reger
treuer Mann u herzlicher Freund ist, für mich u mein Wirken, wenn es ins Bernsche kommen
sollte. Grüße von Barop – Grüße von Berlin an Ernestinen, doch die wird die Hausantw[ort] nebst der ihren vielleicht selbst schreiben. Meine herzlichen Grüße an alle u jeden Einzelnen von A, A, A bis X. Y. Z.
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[Randnotiz] Barop wird <allein> von unserer Seite ganz bestimmt künftigen Sonntag oder Mondtag von hier abreisen.