Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Pfarrer G. R. Stähli in Hutwyl v. 26.12.1833 (Willisau)


F. an Pfarrer G. R. Stähli in Hutwyl v. 26.12.1833 (Willisau)
(KN 46,10; Reinschrift 2 Bl. fol 7 S.)

Hochgeschätzter, Hochgeehrtester Herr Pfarrer.

Ihr hoher Eifer zur Erhebung des Volks- und zunächst des Armenerziehungswe-
sens Ihres Kantons, welcher sich so gern sogleich durch die ausführende That, das
unmittelbare Thun dafür beurkunden möchte, wünscht von mir die schriftliche
Andeutung der Gedanken und Vorschläge welche das Ergebniß unseres jüngsten
Gespräches über diesen Gegenstand waren.
Im Nachstehenden werde ich es versuchen Ihrem Wunsche zu genügen.
Unser Gespräch knüpfte sich
A, An die von Ihnen ganz allgemein hingestellte Frage um Äußerung:
"Wenn vielleicht, was wohl der Fall seyn könne eine Mehrheit von, zur
"Erhebung des Bernschen Armenerziehungswesens zusammengetretener
"Männer im Amtsbezierke Trachselwald zur Ausführung einer Bezirks-
"Armenerziehungsanstalt
a, das Schloß Trachselwald nebst so viel dazu gehörigem Lande an sich
"kaufte, daß die größte Menge der wesentlichen Nahrungsbedürfnisse
"einer Armenerziehungsanstalt selbst gewonnen werden könnten,
"b, wenn die Bearbeitung dieses Grund und Bodens in Übereinstimmung
"mit dem Zweck des Ganzen einem tüchtigen Lehnsmann (:welcher
"sich schon dort befinde) - übertragen würde, wenn
"c, die übrigen Realbedürfnisse der Armenerziehungsanstalt z. B. Holz
"Leinwand zu Kleidern u.s.w. u.s.w. durch Naturalbeyträge aus
dem Amte gesichert würden; ob dann
"d, eine Summe von 1500 Schweizerfranken zur Ausführung einer Ar-
"menerziehungsanstalt daselbst von mindestens 10 und höchstens 25
"Kindern wohl hinreiche? -"
Worauf ich offen Ihnen
B, erwiderte, daß ich zwar bey meiner Unkenntniß der gesammten mir
angedeuteten Verhältnisse nicht sogleich einsehen und nachweisen könne
wie ich persönlich ein solches Unternehmen bey der angenommenen
höchsten Anzahl der Zöglinge unter den angegebenen Bedingungen
selbst würde durchführen können indem mir dazu
a, die nöthige Localkenntniß mangle und
b, ich wesentliche Zweifel gegen das fortdauernd richtige Eingehen /
[1R]
der tüchtigen Naturallieferung, nach den vor mir liegenden
Lebenserfahrungen heegen müsse; - fügte aber
c, hinzu, daß nach meiner Ansicht aber auch eine unmittelbare persön-
liche Aus- und Durchführung einer solchen Armenerziehungsanstalt z.B.
durch mich selbst auch ganz und gar nicht nöthig sey, sondern daß
D, diese unmittelbare Ausführung wohl auch ganz gut
I., durch einen jungen Berner am besten vom Lande selbst, wel-
cher bey Fähigkeiten, innern Beruf und Selbsttrieb für das Volks-
und besonders das Armenerziehungswesen des Kantons habe -
geschehen könne
Meine, Ihnen in dieser Beziehung ausgesprochenen Gedanken
waren nun diese.
1., Je nachdem man der oben (D I) ausgesprochenen Bedingungen
in jungen Männern sicher oder weniger sicher sey, so
möchte einer oder einige solcher junger, sich für die Volks-
und besonders auch Armenerziehung bestimmten Männer, hierher
nach Willisau zur Bildung zu Volkserziehern gesandt
werden.
2., Nach Voraussetzung eines gewissen Grades der allgemeinen
Vorbildung, Fähigkeiten und des Selbsttriebes dieses oder eines
dieser jungen Männer könnte dann in 6 Monaten zur Aus-
führung des Planes selbst geschritten werden, wenn nemlich
3., der Lehnsmann oder Bewirthschafter des Grund und Bodens
und besonders seine häusliche Einrichtung so tüchtig wäre,
daß man ihm die Verköstigung der Zöglinge übertragen könne.
4., der Plan der Ausführung selbst wäre nun dieser:
a) dem jungen Mann würde nun, nach Ablauf der zu seiner
Ausbildung nöthigen Zeit, - unter ununterbrochener
fortbildender inneren und äußeren Verknüpfung mit
der Erziehungsanstalt in Willisau, und unter
fortgehender Leitung die Führung dieser Anstalt übertragen.
b., die erziehende und lehrende Verknüpfung mit der Wil-
lisauer Erziehungsanstalt bestehe darinne, daß ihm
von hier aus jede fortbildende Unterstützung gereicht
und jede Frage beantwortet jeder Zweifel gelöset würde./
[2]
c., die Leitung der Armenerziehungsanstalt von Willisau
aus geschähe besonders dadurch, daß ich so oft als möglich
Anfangs entweder von 8 zu 8, oder von 14 zu 14 Tagen,
später aber von 4 Wochen zu 4 Wochen die Anstalt persön-
lich besuche, prüfe, ordne.
d., die Verköstigung der Glieder der Anstalt geschähe vorläufig
von der Lehmannsfrau und Familie.
e., die Ordnung und Reinigung des Hauses geschähe durch die
Kinder der Anstalt selbst unter der Voraussetzung daß
unter denselben welche von dem dazu angemessenen
Alter und entsprechender Kraft wären.
f., die ausführende Erziehung und Lehre ruhe auf den dazu
ausgebildeten Führer der Anstalt
g., Im übereinstimmenden zweckmäßigen Zusammen-
wirken mit dem Lehnsmann geschähe durch Benutzung
des Grund und Bodens die Landwirtschaftliche und
häusliche Vorbildung
der Zöglinge.
h., Zur Unterstützung
a, bey dem Unterrichte
b, bey der Kinderführung
c, bey ihren Feld, und
d, bey ihren häuslichen und
e, bey ihren Handarbeiten
f, bey ihren Spielen und
g, bey der etwa nöthigen Führung von Rechnungen}
sucht sich der Führer
der Anstalt bald
einen oder einige
seiner tüchtigsten
Zöglinge heran zu
bilden; diese können
später den Namen
der lehrenden Zöglinge
bekommen; einen oder der Anzahl nach einige dieser
jungen Leute welcher oder welche sich besonders durch in-
nere und äußere Fähigkeiten zum erziehenden Lehrer-
beruf eignen - sucht er dafür vorzubilden.
i., dem jungen Führer der Anstalt würde an dem Orte oder in
der nächsten Umgebung derselben ein erfahrener Mann, gleich-
sam als rathgebender Vater, für alle die Fälle an die
Seite gestellt, wo er die Erfahrung des Alters und der geüb-
ten Kraft zur Stärkung der seinen bedürfe.
k., Am Ende des Erziehungshalbjahres der Anstalt würde dann /
[2R]
der junge Führer derselben auf mindestens 4 Wochen von einem
anderen jungen Manne aus der hiesigen Erziehungsanstalt
abgelöset, wo dagegen jener zur Prüfung und zum Ordnen
seiner Erfahrungen und zu seiner weiteren Fortbildung nach
der Anstalt zurück kehren würde. Diese Rückkehr zur und in
die Anstalt wenn auch nur auf die Dauer von Wochen, muß noth-
wendig bey der oben [:D I. 4 a. b. c.:] angegebenen innern und
äußeren stetig fortgehenden Verknüpfung mit derselben für
den jung[en] Mann mit wesentlichen Nutzen geschehen.
Und so würden sich schon nach einem Jahre und so steigend nachweislich und
anschaulich auf diese Weise gute Früchte für das Volks- und besonders
Armenerziehungswesen zeigen.
D II, Doch bey weitem vollständiger würde sich das Ganze ausführen lassen, wenn
in drey Gemeinden wo möglich eines Amtsbezirkes, also drey
solcher Armenerziehungsanstalten zugleich ausgeführt würden. Die-
ses dünkt mich leicht indem es ja für den ersten Anfang einer jeder dieser
Anstalten gar nicht nöthig wäre sogleich eigen Land und Haus zu kaufen
sondern sich dieses wohl in einem zweckmäßigen Bauerngehöft leih- oder
lehensweise finden würde. Weitere Bedingungen dieser hierzu würden seyn
1. Diese drey Erziehungsanstalten müßten so ziemlich in einer Linie und
in mäßiger Entfernung von Willisau liegen um ihre Leitung von
da aus leicht besorgen zu können.
2., Sehr zweckmäßig würde es seyn wenn eine dieser drey Gemeinde-
Anstalt[en] in oder nächst Hutwyl wäre.
3. Diese drey Erziehungsanstalten müßten sowohl in Hinsicht ihrer
Führer als hinsichtlich ihrer Zöglinge unter sich in gegenseitigen
bildenden und fördernden Verkehr stehen, so sich z.B. an Sommer-
sonntagen abwechselnd besuchen u.s.w.
4. Die übrigen Einrichtungen fänden ganz wie oben bey D I. 4
statt nur daß
a. anstatt eines jungen Mannes, nun sogleich 3 oder mehr junge Leute
zur Ausbildung dafür in die Erziehungsanstalt in Willisau einzu-
treten hätten
b., mit dem Austritt dieser ersten drey aus der Erziehungsanstalt in
Willisau und deren Eintritt als Führer in die Armenanstalten /
[3]
würden sogleich nach Ablauf des ersten Halbjahres drey andere
junge Männer zur Ausbildung für den Zweck jener in die Anstalt
in Willisau eintreten.
c. Nach Ablauf des ersten Erziehungshalbjahres der drey Erziehungsan-
stalten träte nun ebenfalls ein was oben Lit D 4. so schon
von einer Erziehungsanstalt ausgesprochen worden ist.
Die Führer der drey Anstalten würden einstweilig auf wenigstens
4 Wochen von den zweyten drey der Lehrerbildlinge ersetzt, wogegen
die Führer der Anstalt während dieser Zeit wie oben angegeben nach
Willisau zu ihrer Fortbildung giengen.
d. Nach Ablauf dieser Fortbildungszeit könnten nun entweder sogleich
drey neue GemeindeArmenerziehungsanstalten und nun
schon in größerer Entfernung von Willisau, jedoch unter der
fortgehenden Leitung von Willisau die Führung derselben aber
eben wegen der größeren Entfernung von Willisau den nun
schon erfahreneren und selbstständigeren Führern übertragen werden.
e. oder diese drey Führer kehrten zur Fortsetzung ihres Führeramtes
in die drey ersteren Anstalt[en] nun mit erhöheter Kraft um die
3 einstweilig stellvertretenden Bildlinge mit erweiter-
ten Erfahrungen zu ihrer völligen Ausbildung in die Anstalt
nach Willisau zurück, um so nach einiger Zeit sogleich als Führer
der neu zuerrichtenden Armenerziehungsanstalten einzutreten.
f. Nach der Bildung dieser 3 neuen Anstalten und nach dem Austritte
der letzteren drey aus der Willisauer Erziehungsanstalt könnten
nun schon vielleicht drey sogenannte lehrende Zöglinge aus den
ersten drey Armenerziehungsanstalten in Willisau aufgenommen
werden um sie zu weiterer Verbreitung der GemeindeArmen-
Erziehungsanstalten für den erziehenden Lehrer Beruf auszu-
bilden; oder es könnten auch noch einmal 3 anders wo allgemein vorgebildete
junge Männer in die Erziehungsanstalt in Willisau eintreten.
g. In dem Fortgang der Entwickelung könnte sich nun bald eine der schon
begründeten sechs Armenerziehungsanstalten immer mehr und
mehr als Musteranstalt und als Vorbildungsanstalt zu er-
ziehenden Lehrern hervorbilden.
h., In diese Anstalt könnten nun auch, nach ausgebildeter
Häuslichkeit und Ökonomie Kinder von wohlhabenden /
[3R]
Landleuten aufgenommen werden
d, theils nur im Unterricht
ß, theils aber auch als völlige Zöglinge in die Anstalt in Kost u Wohnung.
Dadurch würde die Anstalt selbst
a mehr und mehr ökonomische Sicherung in sich so wie
b., immer mehr durch- und ausgebildete erziehende und
lehrende Wirksamkeit erhalten.
i., der erziehende und lehrende, der fortbildende lebendige Verband auch
dieser Anstalt bleibe ungestöhrt und ungekürzt mit der Willisauer
Erziehungsanstalt ununterbrochen; so wie sie selbst in stetig
schwesterlichem Verkehr und inniger Einigung mit den übrigen
Armenerziehungsanstalten bliebe[.]
Was nun so vielleicht nach dem Verlauf von etwas mehr als einem
Jahre für ein Amt erreicht worden wäre, könnte nun so fortschreitend
wenn es sich in seinen Früchten und Wirksamkeiten bewähre in zwey und
mehreren Ämtern eingeführt werden und sich so das Armenerziehungs-
wesen im Kanton Bern in und aus sich selbst hervor- und fortbilden.
Die Erfahrungen des Einzelnen welche sich bestätigen, würden so verallgemeinert und
so immer mehr Einheit und ächte Lebensverknüpfung und der Geist reiner
wahrer Menschenerziehung in die Volkserziehung gebracht werden.
Wie nun so in jedem Amte eine Art von Musteranstalt für das
ganze Amt aus sich selbst und die Lokalumstände begünstigt
hervorgerufen und hervorgetreten wäre, so könnte sich nun aus den
gesammten Amtsbildungsanstalten durch Lage, Umstände u.s.w.
begünstiget eine Kantonal Normal-Armenerziehungsanstalt,
und wenn man wollte Normal Volkserziehungsanstalt für den ganzen
Kanton entwickeln.
Dieß wäre
A, der eine Weg der Zweckerreichung vom Kleinen ausgehend. Dieß
war der Weg welchen ich in unserem Gespräch besonders hervorhob, und
von welchem Sie die Andeutungen schriftlich nochmals von mir
wünschten. Es wird mich freuen wenn es in Vorstehenden zu Ihrer
Zufriedenheit geschehen ist. - Doch könnte aber auch
B., bey hinlänglich intellectuellen und moralischen und endlich materi-
ellen und localen Mitteln - der entgegengesetzte Weg, von Bildung /
[4]
des einigenden Ganzen der Einheit ausgehend einer KantonalNormal-
Armenerziehungsanstalt ausgehend - betreten oder endlich
C., beyde Wege zugleich angebahnet werden
Die beyden letzteren Wege B und C würden aber ganz natürlich wieder
ihre ganz eigenthümlichen jedoch in der Sache und den Wegen selbst liegenden
Bedingungen und Forderungen machen.
Für alle drey Wege müßten jedoch zur Erreichung des Aufbaues
die Grundpfeiler seyn
A. Fleiß - Mäßigkeit - Ausdauer
B. Ordnung - Sparsamkeit - Reinlichkeit
C. Wahrheit - Eintracht - Liebe.
Und um in der angegebenen Zeit das vorgeführte zu leisten, der Geist all-
seitigen Zutrauens besonders aber der stets lebendigen innigen Einigung
mit dem Ganzen, und der Mutteranstalt.
Die Vergütung an den Vorsteher für die Leitung dieser Anstalten
könnte entweder in Jahrgehalt oder in Tagesgeldern bestehen.
Möchten Hochgeschätzter, Hochgeehrtester Herr! Ihren Wünschen
und Forderungen diese Andeutungen entsprechen.
Willisau am 26en Decbr
        1833.
       FriedrichFröbel.