Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 15.1.1834 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 15.1.1834 (Willisau)
(KN 46,12, Brieforiginal 1 Bl 8° 2 S.)

Willisau am 15en Jenner 1834.


Gottes Gruß Euch allen zuvor.

Eure Briefe mit dem Postzeichen vom 7en Jenner habe ich heute
erhalten. Ihr habt uns dießmal sehr lang auf Nachricht von
Euch warten lassen; doch wie war es auch bey Eurer großen
Beschäftigung anders möglich; darum von mir und vielseitigen
uns allen die aufrichtigste Dankbarkeit für Euere Erfüllung unse-
res sehnlichsten Wunsches nach Nachrichten von Euch. Besonders
war mir wegen meiner Frau fast bange, ich fürchtete beynahe,
daß sie aus Sehnsucht nach Briefen mir abermals krank werden
möchte. Ihr wißt aber auch wohl kaum, wie lange es her ist, daß
wir - Titus Einführungsschreiben abgerechnet - keinen Nachrichten
über den Stand des Ganzen von Euch erhalten haben.- Euere letzte-
ren Briefe waren vom 1en oder 2n Nove[m]berber.- Die vielen Briefe
u.s.w. welche Ihr von hier während dieser Zeit erhalt habt, haben
Euch diese lange Zeit vergessen gemacht. Nun einige Andeutungen
Antwort auf die heut von Euch erhaltenen Briefe könnet und wer-
det Ihr heute nicht erwarten.
1. Die Nachrichten wegen Hermann und Ferdinand und selbst wegen
Albert waren mir nicht unerwartet. Wegen A.- sahe ich es
durch das lange Stillschweigen längst so kommen; wegen H. und
F. hängt es mit dem allgemeinen Erziehungsmaßregeln zusam-
men welche von oben herab genommen werden. Auch dieß sahe
ich seit längerer Zeit schon so kommen. Unser Reisender wenn er zu Euch
zurück kommt wird Euch mehr darüber mittheilen. Ihr habt
Recht wenn Ihr schreibt: "Es ist uns die Aufgabe auf das nahe-
ste gesetzt." Aber mich dünkt, näher, als Ihr jetzt selbst noch
ahnen werdet.- Ich habe Euch meine Lebensansichten, besonders
auch über das Erziehungswesen in Europa und zunächst in Deutschland
schon in meinen früheren Briefen ausgesprochen, Barop wird Euch mündlich
mehr theils erläuternd theils ausführend mittheilen. Am
nächsten Mittwoch Sonnabend wird ohne Zweifel von mir eine Sendung
durch die Fahrpost an Euch geschehen, welche durch sich selbst klar
genug meiner Überzeugung aussprechen wird.
2. Ihr sprecht irgendwo in Euren Briefen aus, daß wir der Entwick-
lung eines neuen Lebens entgegen giengen. Ich glaube Langethal
ist es am Schlusse seines Briefes, doch hier es aufs Besondere beziehend.
Jene Äußerung aber in ihrer allgemeinen und besonderen Beziehung
zugleich festgehalten, so muß ich ganz aufrichtig gestehen daß /
[1R]
Euer Verband mit Dr. L.- etwas fürchten macht, von dem Du
mir Middendorff schreibst daß er "seine Kraft frey mit der unsern
(Euern:) verbunden["]. In einer Zeit unmittelbarer Entwickelung
muß man sich - wenn nicht wirklich die Noth dringt - für Anknüp-
fung neuer Verhältnisse hüten, und ich dächte, wir hätten alle
Ursache uns besonders vor Anknüpfungen mit Doctoren zu
hüten. Scheltet mich nicht voreilig einseitig, es liegt im Innern
und im Hintergrund sehr viel Wahres. Doch eben fällt mir
auch eine gute Seite davon ein, welcher ich ich glaube auch schon
zugleich mit Barop, in mir bey einer ähnlichen Veranlassung ge-
dachte: - Barops Kraft bleibt dann von dem Besonderen
und Besondersten etwas mehr frey und kann so in sich außer und
um sich mehr der Pflege des Allgemeinen leben. Und so freut
es mich, wenn Ihr wenigstens durch mich aufmerksam gemacht
werdet gegen das Unangenehme was Dr. L.- Eintritt wohl mit
sich führen könnte, frühe wesentlich Heilsames hervor zu fordern.
3. Dein Gruß Middendorff den Du mir an G.- aufgetragen hast, brach-
te mich auf den Gedanken, daß oder vielmehr eine frühere Äußerung
in die Erinnerung, daß vielleicht von hier aus der Wunsch aus-
gesprochen werden möchte, wieder in Keilhau einzutreten. Ehe
Ihr darüber zusagend entscheidet bitte ich die Sache reiflich zu
überlegen, wenigstens Barops Ankunft in Keilhau vorher abzu-
warten. Ich wollte Euch dieß schon in meinem zweitvorletzten
Brief nach den Mitteilungen über L. H. schreiben, vergaß es aber.
4. Von Bern habe ich noch keine Antwort. Es geht alles sehr langsam
denn in allen Verhältnissen: - so wie es um etwas gemeinsames
oder auch nur allgemeines sich handelt, treten sogleich die wider-
sprechendsten Elemente auf. Dieß ist besonders in Republiken
der Fall, namentlich auch in B.- Barop wird Euch darüber
vieles mittheilen. Ich habe wieder Andeutungen zu einer Be-
zirks[-]
oder Amtsarmenanstalt an den Herrn Pfarrer Stähli
in Beziehung auf das Amts Trachselwald (in welchem Huttwyl
liegt) einschicken müssen. Vielleicht bekommt Ihr mit der näch-
sten Sendung eine Abschrift davon.- Aber überall in den Resul-
taten Trennung und nichts als Trennung, daß mich jede Anknüpfung
einer neue Wirksamkeit anekelt; wie sich alte Wirksam-
keiten kaum in diesen Trennungen erhalten. Trennung ist in der jetzigen
Zeit das Gift der Menschheit.
5. Wie steht es mit der Ausführung des Gedankens der Fräul. Schiller?-
6. Dem Barop sagt, daß ich seinen Brief aus Köln empfangen habe
und daß er mir ja sogleich das Ergebniß seiner Reise schreiben möchte.
[1R]
[Nachschrift am Rand, zunächst 1R, dann 1V]
Alles umgäbe mich hier, theils in einer solchen Altersschwäche als müsse es in jedem Augenblick ins Grabe sinken,
theils in solcher Ahnungsvollen Spannung, als müßte jedem Augenblick ein Neues hervorknospen; daher der Augenblick wichtig! /
[1V]
Saget dem Barop, der Aufsatz in der Hanauer Zeitung gefalle
mir nicht besonders. Die Redaktion habe mir 5 Ex. übersandt, für das hiesige Bedürfniß um die große Hälfte zu viel.-
Seyd sehr sorglich mit dem Leben und nehmet es, wenn Barop kommt in Ernste [sc.: ernste] Beratung. Wir sind Gott sey Dank alle gesund. Fr. Fröbel.