Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 17.1.1834 (Willisau)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 17.1.1834 (Willisau)
(KN 46,13, Brieforiginal 2 B 8° 8 S. Beim F.-Brief liegt als Beilage der Brief von Johannes Schneider an F. v. 18.1.1834 [wohl Abschrift 1 Zettel 1 S.].)

Willisau am 17en Jenner 1834


Barop!
Grüße Dich Gott im Kreise der blühenden Deinen.

Nach den hier gefaßten allgemeinen Bestimmungen könnte Dich eigent-
lich schon der heutige Tag auf der Reise zu Deiner Dir mit sehnend
freudigen Herzen entgegen sehenden Familie finden; doch solltest
Du auch wirklich erst mit der neuen Woche also erst künftigen
Mondtag Deine Reise aus Deinem Geburts-, in Dein Liebe- und
Lebeland antreten, so hoffe ich doch daß Dich dieser Brief
schon in demselben antreffen wird, und so wende ich mich
heute vor allem an Dich, da Du vieles von dem was sich wäh-
rend des Schreibens meiner jetzigen Briefe in der Tiefe
meines Herzens bewegt kennest und daher den anderen
wohl so wie zunächst Dir selbst die Folie meiner Briefe deuten
kannst. Doch, zur Sache.
1. Meinen herzlichen Dank für Deine Briefe aus Freyburg und
Frankfurt Köln. Der erstere war mir und uns allen ein
sehr liebes Weyhnachtsgeschenk und würde es auch gewe-
sen seyn, wäre es auch nicht recht eigentlich das einzige
gewesen, was mir und uns das liebliche Christfest diß-
mal gebracht hat. Der Brief an die Gemeinsamheit wird
Dir mehr darüber sagen.
2. Daß Du den Frhe. v. W. in C. nicht getroffen hast thut mir
sehr leid; Du willst ich soll meine Exemplar der für ihn
bestimmten Drucksachen von hier aus an ihn schicken, lieber
Barop! ich habe dazu nicht die mindeste Lust; Du weißt
wie wir in der jüngsten und der letzten Zeit Deines Hierseyns
die Menschen im Leben und im Handeln gefesselt erkannt /
[1R]
haben und dieß bestätigt sich mir seit Deiner Abreise
mit jedem Tage; die Menschen gefallen sich so in Wort-
that, daß an Sachthat gar nicht zu denken ist, ich möchte
fast sagen, sie können vor lauter Versammlungen,
Ausschüssen und Berathungen gar nicht zur That kommen
Und kommen sie ja bey irgend etwas bis zur That so bezieht
sich diese auf die Masse, die Form, den Mechanismus, als
könne dadurch der Geist geboren und frey werden. Heute
erzählte Jemand im Kreise, wie man die Ätherischen Götter
im Olymp dadurch dargestellt habe daß vor den Darstellen[-]
den me[h]rfach Flor- und Gacevorhänge herabgehangen, wie
diese aber sanken erschienen die massigen Stattisten. So geht
es mir jetzt mit den so gepriesenen freystrebigen Männern
Wie aber nun ein verschleyernder Flor nach dem andern sinkt
erscheinen sie ich möchte fast sagen wie zur That an Händen und
Füßen gefesselte Sträflinge. Ihre Thaten sind Wortwerke.
Gegenseitig streut man sich Sand in die Augen, damit, damit
jeder endlich an die Realität des Scheinwerkes glaube.
Mich ekeln diese ewigen Wortverhandlungen mit den Men-
schen an, so weit man sie schiebt stehen sie und da nicht einmal.
3. Von Bern aus ist alles still; weder RS. Schneider noch
das Erziehungsdepartement hat weiter etwas von sich hören
lassen.-
4. Vom Regierungsstatthalter Schnell habe ich weder auf mei-
nen Brief noch auf die Zusendungen Martins bis jetzt
eine Antwort erhalten.-
5. Vor W Donnerstags nach Weyhnachten war ich bey dem Herrn
Pfarrer in Hutwyl. Das Erziehungswesen war natürlich /
[2]
sogleich Gegenstand des Gespräches; ich sprach einige
Gedanken darüber aus die ihm f in Beziehung auf das Ber-
ner Landschulwesen wichtig schienen; er bat mich sie sich
sogleich zum weiteren Gebrauch notiren zu dürfen; spä-
ter sprachen wir auch im Besonderen über das Armen-
erziehungwesen im Amte Trachselwald, ich äußerte
meine Ansichten; er bat mich ihm doch das Ausgesproche-
[ne] andeutend niederzuschreiben; ich sende es Dir hier damit
Du im Zusammenhang des Ganzen bleibst in Abschrift.-
6. Vor ein Paar Tagen besuchte mich nun Pupikofer aus
Summiswald, (welcher auch bey der Prüfung gegenwärtig
war) ein gewisser Schäfer ein Instrumentenmacher zu-
gleich Zeichenleh[r]er bei Pupikofer, war bey ihm. Ich theilte
ihm den für den Herrn Pfarrer geschriebenen Aufsatz mit;
er erbat sich denselben von mir. Vor einigen Tagen sandt[e]
er mir denselben zurück. Da Dich nun sein an mich bey
dieser Gelegenheit geschriebene Brief so ziemlich mit dem
Stande des Ganzen bekannt macht so theile ich Dir auch diesen
Brief in Abschrift mit, Du wirst Dir daraus ziemlich
klar und bestimmt das Ganze zusammensetzen. Ich habe
auf diesen Brief noch nicht geantwortet.
7. Verflossenen Sonntag war ich wieder in Hutwyl. ich sprach

d[en] He. Pfarrer mit Absicht nur einige Minuten vor seinem
Hause; er theilte mir das Resultat mit welches sich aus
Pupikofers Brief ergiebt (ohne jedoch Schäfers zu gedenken)
Zugleich sagte er mir daß W ich mit Wehrli (bey wel-
chem man sich auch wegen der Armenerziehungsanstalt
in Trachselwald Rath erholt hat) im Wesentlichen /
[2R]
übereinstimme freute sich darüber, dankte mir sehr für
meinen Aufsatz und versprach mir Wehrlis Brief
mitzutheilen. Auch diesen erhältst Du nun hier, weil
Du doch einiges von ihm gesehen und gelesen hast, in Ab
schrift (von Karl) weil es Dir wohl lieb seyn wird ihn selbst
darüber sprechen zu hören. Ob nun gleich Wehrli meiner
Ansicht beystimmt so ist mir doch daß sich in Beziehung auf hier
daraus aussprechende Halbzutrauen und überhaupt das
Zusammentragende dabey unangenehm. Du siehst aber
auch hier wieder das Trennende und die Trennung nach
allen Seiten.
8.  Pfarrer Zyro aus Unterseen hat mir auf meinen Brief
den Du kennst noch nicht wieder geantwortet.
9. Pfarrers in Huttwyl möchten mir gern ihren Sohn Gottlieb
welcher wie Du weißt schon in Hofwyl und Kornthal war
zur Erziehung übergeben; aber ich fürchte mich, wegen des
so schwer zu sammelnden seines ganzen Wesens und der
Äußerlichkeit seines Strebens mir meine Last durch ihn
zu vermehren Deßhalb bin ich bis jetzt auch bey den bestimm-
testen Äußerungen immer ausweichend gewesen; seit
Dienstags Nachmittags ist er jedoch hier zum Besuch indem
seine Eltern verreiset waren; morgen wird er nach
Haus zurück kehren.
Nun wirst Du sagen hast Du nichts aus Willisau und
dem Luzernschen, also hier
10. zuerst den Beobachter an der Wigger in Originalsausgabe.
11. In Luzernischen GroßenRath waren wegen der Anstellung
des Professor Fuchs große heftige Diskussionen; doch hat endlich /
[3]
die Gegenparthey die Segel streichen müssen. Eduard Pfiffer
hat wieder gewaltig gesprochen.
12. Der Pfarrer in Uffikon ist von seiner Stelle gerufen wor-
den; dieß ist jetzt fast das wichtigste Tageserreigniß;
er hat nämlich die angebliche Bulle des Papstes in Be-
treff des Prof. Aloys Fuchs aus der Kirchenzeitung
von der Kanzel abgelesen und auch über dieß einen
erbaulichen Kommentar dazu gehalten. Der Eidgenosse
rügt es als einen freventlichen Eingriff in die Rechte des
Staates.
13. Was ich Dir nun von Willisau und der Erziehungsanstalt
im engeren Sinne schreiben könnte wirst Du alles in
meinen Mittheilungen an die Gemeinsamheit von der
Feyer des hiesigen Weyhnachts- und Neujahrsfestes finden.
Das wichtigste ist jedoch daß in der Anstalt für den cath.
Religionsunterricht ein neues Lehrbuch eingeführt wor-
den ist d.h. für die größeren Zöglinge, der Titel ist
"Lehrbuch der Christkatholischen Religion in Fragen und
"Antworten. Von Johann Friedrich Batz bischöfflich-
"bamberg. geistlichen Rath und Pfarrer in Baunach.
"22ste rechtmäßige durchaus verbesserte Auflage.
"Bamberg 1831." 238 S. klein 8° (bei Dederich)
Ob ich gleich nur erst in das Büchlein geblickt habe, so ist
mir doch schon ganz wohl dabey geworden, es wehet doch
darinne ein reiner freyer deutscher Geist. Der Herr
Sextar soll aber auch gesagt haben daß das Büchlein vom
Pabst excommunicirt sey.- Ohne klareren und besseren
Religionsunterricht kann es auch schlechterdings mit dem Schul- /
[3R]
und Erziehungswesen im Kanton gründlich nicht vorwärts [gehen.]
14. Als Fortschritt von unserer Seite in der Anstalt habe ich
Dir zu sagen, daß wir jetzt mehrere Choräle bey der
Morgen- und Abendandacht 4stimmig singen. Man will
bemerken daß auch dieß zur Auffmerksamkeit der
Kinder viel beytrage. Seit dieser Einrichtung haben wir
die Morgen- und Abendstunden in der Mittleren Stube.
15. Nun aber auch etwas vom ganz speziell Häuslichen.
Meine Frau hat seit Weyhnachten eine Magd mit welcher
sie so ziemlich zufrieden ist; sie spricht, ob sie gleich von
Groß<Wangen> ist aber in La Chautfort gedient hat
französisch und versteht es noch besser, was mir beson-
ders um meiner Frau willen sehr lieb ist; denn meine
Frau kann sich doch nun schneller und besser verständlich machen
wodurch gewiß vielem Unangenehmen gleich in der
Wurzel vorgebeugt wird.
16. Gleich nach Deiner Abreise habe ich einen sehr entschiedenen
Brief in welchem ich wegen Luisen sehr klar und bar
gesprochen habe, an deren Pflegemutter nach Teplitz
an Mad: Amberg geschrieben, habe aber bis jetzt noch
keine Antwort erhalten.
17. Weil He. Kilchmann und Frau am Neujahr wegen Unpäß[-]
lichkeit beyder nicht hier seyn konnten, so waren sie
ich glaube am Dreykönigstage Abends bei uns wo besonders
Don Juan als Quardett gegeben wurde.
18. Eins muß ich doch noch erwähnen daß wir vor eingen Tagen
bei sehr schönem Wetter einen allgem. Spatziergang nach unserm
schönen Berge gemacht haben, wo sehr brav Ball gespielt wurde[.]
*** /
[4]
*
*  *

Nun, nachdem ich mich meines Neuigkeitskrams entledigt
habe, Dir nochmals einen menschlichen Willkomm im
schönen Kreise Deiner lieben Familie.

Du bist entweder zum Geburtsfest Deines Sohnes nach Hause
gekommen oder doch wenigstens bald darnach. Gleich wie
Du von hier abgereiset warest fiel es mir recht schwer
aufs Herz daß ich Dich nicht ganz besonders darauf auf
merksam gemacht hatte Deine Reise womöglich doch
ja so einzurichten, daß Du zur Geburtstagsfeyer in Keil-
hau enträfest. Hätte ich nur glauben können daß Dich
mein Brief noch erreichte ich würde Dir sogleich mein[e]n
Wunsch und Gedanken nachgesandt haben. Doch Du wirst
es wohl so schon ohne mich auf das Beste ausgeführt haben.
Auch ich komme zum Geburtsfest, zur Geburtstagsfeyer
zur gewesenen und zu der wohl in ein paar Tagen
kommenden deines erstgeborenen Sohnes Johannes.
Aber was bring ich?- Was jedes Geburtsfest jeder
Geburtstag bringen sollte: frisches, frohes freudiges also
gesundes neues Leben, und so wo es das erste wahrhaft
ist kann es auch eigentlich gar kein anderes als ein frommes
Leben seyn. Ob nun aber auch das was ich bringe dieß
wirklich ist oder wenigstens dem Wesen und Keime nach
werden kann entscheide Du als Vater, entscheidet Ihr
beyden Väter zunächst deren Söhnen dieses Geburtstags-
geschenk als Gabe dargebracht wird, und zunächst ob
Ihr überhaupt als solche Gabe von demselben Gebrauch
machen wollt. Es ist das Beste jedoch was ich jetzt habe. /
[4R]
Du mein lieber Middendorff hast ein sehr schönes Weyh-
nachts[-] ein sehr sinniges Christfest gefeyert; es hat mich
Du hast mich dadurch recht innig erfreut, hoffentlich <wirst>
Du es ebenso einfach und klar unserm Barop mittheilen
oder er hört es gar verschönt aus dem Munde seines nun viel
fach hochbeglückten Weibes; aber nimm es mir mein lieber
Middendorff ja nicht übel mir dem nun einmal das Leben
durch der Vorsehung Führung so blank und bar, so durch[-]
sichtig vor Augen liegt, mir wird bei solchen Darstellungen
recht ängstlich und bang, seelenbang wird mir. Irre ich
nicht so sagen die Künstler von manchen Tönen und Farben
es fehle ihnen der Körper.
Verwandte, Freunde, Brüder, Mitarbeiter, Lebens-
einige könnten wir doch unserm Leben, Seh[n]en u Streben
Wirklichkeit, Körper, Leib, Gestalt geben! Ich möchte
daß dieses <Langen> und Bangen, Sehnen und Sorgen
von unsern von Euern Nachkommen genommen würde
laßt uns wenigstens darüber zunächst offenen
Auges, klaren Geistes, freyen Sinnes und festes Han-
delns werden. Sagt Ihr Männer und Väter was könnte
ich Euern Söhnen schöneres zum Geburtsfest bringen als
wenn ihre Geburtstage uns allen dieses brächte, und
Ihr lieben Frauen und Mütter, Ihr mit mir Gleichherzigen, Gleich
lebigen und Gleichsinnigen könnt Ihr dann wohl noch meiner Gabe
lächeln oder wohl gar ihrer wegen mir zürnen; seht Ihr nicht wie
alles um und neben Euch zer- und abfällt, ja hinstirbt?-
Aber die Zeit des Zer- und Abfallens, die Zeit des Sterbens und
des Todes ist zugleich auch die Zeit des Auferstehens, der
Bothe und Engel des neuen höheren Lebens!-
FrFr. /

Beilage Bl 5:
Johannes Schneider an Fröbel in Willisau v. 18.1.1834 (Bern)
(Abschrift; vermutlich Handschrift Ferdinand Fröbels)

[5]
 Hochgeschätzter Herr!
Zu meinem großen Leide konnten Ihre Vorschläge wegen auf-
zunehmenden Zöglinge in Ihre Anstalt erst gestern Abend vom
Erz. Dept. berathen werden. Dasselbe hat nun beschlossen dem Re-
gierungsrathe vorzuschlagen einen Credit zu bewilligen, um
Ihnen 4 Zöglinge wenigstens für ein Jahr ganz anzuvertrau-
en, in dem Sinne nämlich, daß dieselben auch von Ihnen verköstigt
würden. In wenigen Tagen wird diese Angelegenheit vor den
Reg. Rath kommen. Ich werde mich beeilen Ihnen den <dahnnigen>
Beschluß baldigst mitzutheilen. Dann zumal werde ich auch weit-
läufiger mich auszusprechen Zeit haben.-
Mit Hochschätzung verharrt


Bern am 18 Jänner 1834.