Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Keilhau v. 25.1.1834 (Willisau)


F. an Heinrich Langethal in Keilhau v. 25.1.1834 (Willisau)
(UBB 2, Bl 3-4, Brieforiginal 1 B 8° 3 S.)

Willisau am 25en Jenner 1834.
(:Im Monat des Doppelblickes:)


Mein geliebter Langethal!
Dir und Deiner tief trauernden Gattin des einigen und einigenden
Gottesgeistes hoffnungsreichen Gruß zuvor.

Habe ich ein Wort und giebt es ein einziges Wort was alles in
sich fasse und ausdrücke was ich bey der heut von Dir empfangen[en]
Trauerpost Dir, was ich Deinem tief und schmerzlich gebeugten
Weibe als das aussprechen kann; was alles sagt und in sich
faßt was ich dabey empfunden habe, und so oft wiederkeh-
rend empfinden werde als ich dieses Verlustes gedenken wer-
de?- Ja es giebt ein Wort und ich habe ein Wort, welches,
wenn man mich in meinem ganzen Weben und Leben erfaßt
alles ausdrückt. Es ist mit [sc.: nicht] Deiner nicht Euer Verlust den Du
mir meldest und melden mußt, es ist unser es ist aber ganz
vor allem mein ganz eigener persönlicher Verlust den Du
mein Langethal mir aussprechen mußt.- Es ist wieder und
abermals eine Knospe an dem großen geistigen Lebensbaume
den ich; als auf Erden erscheinend und erscheinen sollend, mit bester
Sorgfalt zu pflegen suche, eine solche Knospe eine Knospe an diesem Lebensbaum ist wieder abgebro-
chen. Die Knospe aber war bestimmt
ein Zweig zu werden; der Zweig ein sich seegenreich weit ver-
breitender Ast. Ich schreibe dieses nicht um geliebte beyde
Euren Schmerz zu wecken zu verstärken, ich schreibe dieses nur
damit Ihr geliebten beyde auch ein Maaß wenigstens eine
Richtschnur für meinen Mitschmerz für mein Theilen Eures Schmer-
zes habt, um so mehr als man mich in diesem Punkte so wenig ver-
steht. Allein ich verweile weder für mich noch für andere gern
länger bey dem Schmerze als es nöthig ist um [sich] von einer Stufe
zur anderen endlich dahin zu erheben wo aller Schmerz schwindet
aber als einen Bothen und Führer dahin halte ich den Schmerz stumm
in mir fest mit Jakobs Vorsatz: "ich lasse Dich nicht Du seegnest
mich denn." Weil ich den Schmerz als solchen weder in mir gern
herauf rufe noch gern in anderem wecke und noch weniger gern
fruchtlos bey ihm weile, so glaube ich habe ich auf Middendorffs
Mittheilung seines herben Verlustes, ihm und seinem Weibe
<gle> gar keine theilnehmende Sylbe erwähnt. Ich durfte so handeln
denn ich war tief in mir überzeugt sie beyde wußten wie ihr
Verlust für mich ein fast noch größerer war: Darum mein /
[3R]
Langethal glaube ich auch Dir und Deinem hartgeprüften
theuerm Weibe zur Versicherung meiner innigsten tief em-
pfindenden Theilnahme nur das aussprechen zu dürfen was
ich im vorstehenden niederschrieb.
Du suchst und fragst lieber Langethal nach den Gründen wel-
che wohl die Vorsehung bewogen haben möchten Dir und Deiner
von Dir so zärtlich geliebten Gattin diesen herben Verlust zu
bereiten. Du forschst in Dir, Du forschst offen im Innersten
Leben Deines Weibes und findest nichts was diesen so herben
Verlust rechtfertigen könnte. Von Deiner hohen Aufrichtigkeit u
Wahrheitsliebe tief in mir überzeugt unterschreibe ich die Ergeb-
nisse Deiner Forschung nach diesen Richtungen hin.
Siehe <nur> zähle die Verluste in unserm in meinem Kreise und
Leben seit einigen Jahren, frage nach den Gründen dazu in mir
in meinem Leben in den Richtungen von mir aus und zu mir
hin, und antworte mir ähnlich wie Du.
Aber mein Langethal sind diese Richtungen auf uns und von uns
die einzigen?- Ein Buch müßte ich über die Bedeutungen unserer
Lebensschicksale schreiben wenn ich sie auch nur nach meiner
Ansicht erfassen wollen [sc.: wollte]; aber man würde dieses Buch eben so we-
nig wie mich und mein Leben nicht verstehen, eben weil man
das Leben nicht versteht.
Also mein Langethal um nur einiges anzudeuten, wie die Gründe
unserer Begegnisse nicht so abgerissen und isolirt in unserer Per-
son oder wie ich mich eben ausdrückte in der Richtung von und
zu uns liegen, eben so wenig liegen sie immer und ich möchte
sagen selten in der Gegenwart, wie Du z.B. Beziehungen Deines
Verlustes auf Dein und Deines l. Weibes jetziges Stehen in Euch
mach[s]t. Der Mensch und unser Handeln und unser[e] Begegnisse gehören
nicht nur als Ursachen der Gegenwart, vielmehr der Vergangen-
heit und zukunft [sc.: Zukunft]. Dieses Jenes ist kurzsichtig und - eigen-selbstsüchtig.
Weder Gutes noch Böses um kurz zu seyn geschieht uns -
und dieß um so mehr als wir uns Glieder der Menschheit fühlen
um unser allein - sondern um der Menschheit, des Menschen-
geschlechtes willen in welchem wir - und um so mehr als
wir mit Bewußtseyn in demselben leben wenigstens in
demselben leben wollen. So handele ich z.B. nicht um mir heute
oder morgen sondern mir in 1-2, 5, 10, 100, 1000 pp. Jahren
einen Schmerz zu ersparen. Ich suche aber auch die Gründe
meiner Schicksale nicht im heut gestern, im vorigen Jahre sondern
rückwärts so weit als nöthig[.]- Auch bin ich mir nicht wichtig genug /
[4]
daß ich glauben oder meynen sollte, daß mir Gutes und Böses
nur um meinetwillen geschehen sollte; darüber bin ich schon
längst im Klaren und deßhalb nach einer Seite hin die große Reise
meines Lebens[.] Ein Beyspiel mache es Dir klar: Du habest Deine
sehr theure Familie, diese sende Dir einen Bothen auch mir mit einem
Gruß, wie wirst Du des Mannes pflegen! geschiehet es um
des Mannes willen, was würdest Du von ihm denken wenn er
den Grund Deiner freundschaftlichen Aufnahme in sich finden wollte
doch die Post ist da lebe wohl.
Heute erhielt ich den anliegenden Brief von RR. Schneider er ist vom
18en von demselben Tage als Du Deinen Brief an mich
schriebst. Ich will Dir nun kurz sagen was ich Dir gern
weiter ausgeführt hätte doch hoffe ich soll es nächstens
geschehen. Ich wollte Du besuchtest mich in den Osterfeh-
rien hier in Willisau ich hätte viel mit Dir zu reden.Die Tage werden länger und in <10 / 11> Tagen - Titus brauchte
13 Tage - wärest Du fast hier. Titus brauchte wenig
Du würdest nicht viel mehr brauchen - Gott wird
Deine Gattin bis dahin stärken.
Mit nächsten [Brief] erfährst Du mehr.
Wenn Barop nach Hause kommt, die Pohlen [sc.: Polen] abgehen
[kann] man Dich gewiß auf einige Monate entbehren.
Kann sich überhaupt Keilhau im nächsten Sommer noch
halten?-
Gott mit Euch und uns

Euer
FrFr /
[4R]
[Adresse:]
Herrn
HeinrichLangethal
in
Keilhau
      bey Rudolstadt in Thüringen