Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Wilhelm Middendorff u. Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 27.1./7.2.1834 (Willisau)


F. an Wilhelm Middendorff u. Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 27.1./7.2.1834 (Willisau)
(KN 46,15 u. 46,19, Brieforiginal 1 B 4° 4 S. + 1 B 4° 4 S. - In KN und Briefliste werden zwei Einzelbriefe gezählt, obwohl F. deutlich zu erkennen gibt, daß der Brief am 7.2. fortgesetzt wird. Zwischen dem 27.1. und dem 7.2. wurden ja 2 weitere Briefe für Keilhau geschrieben: der Brief an Barop v. 5.2. [mit Abschriften] und der  Brief an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 5.2.1834. Bei dem Brief an Barop v. 5.2.1834 handelt es sich um das am Schluß dieses F.-Briefs an Middendorff u. Barop v. 27.1./7.2.1834 erwähnte "Anlagzettelchen" mit dem Neuesten, das Barop für Middendorff u. Langethal ggf. erläutern soll.- Beide Briefe wurden also zusammen verschickt, frühestens am 7.2.1834. Im Brief an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 5.2.1834 wird ausdrücklich gesagt, daß noch am aktuellen Posttag Post abgehen soll. Dieser Brief wurde daher unabhängig von den anderen verschickt.)

(KN 46,15)
[Briefkopf: Lithographie Keilhaus mit Bildunterschrift "KEILHAUER ERZIEHUNGSANSTALT", die in den handschriftlichen Text integriert wird.]

Den Einigen der KEILHAUER ERZIEHUNGSANSTALT des einigen Gottes Gruß zuvor.

         Willisau in der Schweiz am 27en Tage im Monat des Doppelblickes 1834.·.


Mein lieber Middendorff und mein lieber Barop!

Ich wende mich heute zunächst an Euch beyde, weil es die Vorsehung nach Ihrem weisen Rath
so gefügt, und als Grund der Veranlassung zu nachstehender Mittheilung an Dich Barop zuerst;
allein ich wende mich durch Dich und Euch und durch Dich und Euch nach den Graden der Einsicht in der
Gegenwart oder Zukunft an alle Glieder des einigen Lebenskreises welche die Nothwendigkeit ahnen
fühlen und erkennen über die Forderungen des gesammten Lebens vollkommen klar zu werden und das
sicher und klar erkannte in ruhiger und stetiger Festigkeit und Ausdauer auszuführen; darum wird
dieser Brief von mir weder zur ganz allgemeinen noch zur augenblicklichen Mittheilung an
die betreffenden einzelnen Glieder bestimmt; es soll mit kurzem Wort wenn auch nur in Andeutungen
doch in klaren Umriß einen nicht nur die Gegenwart sondern auch die Zukunft umfassenden Lebens[-]
plan enthalten, der eben als solcher der ernsten prüfenden Beachtung nicht nur in der Gegenwart und
für die Gegenwart sondern vorzüglich aus von der Zukunft aus und für die Zukunft bedarf.
Ich wende mich darum an Euch, durch das Leben und des Lebensgeist mit mir und unter Euch vielfach
geeinte und einige Freunde zuerst, weil Euch Gott als geseegnete Familienväter hinstellt, die
Ihr aus dem eigenen Lebensbaum Menschheitssprossen der Zukunft entgegen erzieht und bildet.
Doch gilt der Gegenstand und der Zweck dieser Mittheilung unserm dritten Freund nicht minder, nur
ist an diesem Grund und die Form der Mittheilung eine andere eben weil ihn Gott bis jetzt noch
in ein anderes Verhältniß zur Menschheit stellte. Eben darum aber könnte es vielleicht sogar
der Fall seyn, daß ihm als Werkzeug der Vorsehung das von mir zu sagende zunächst noch am
meisten angienge. Allein wozu denn diese so lange Einleitung, es wird sich ja am Ende alles
aus dem Ganzen von selbst ergeben?- Es ist um mich selbst wieder zufinden, gedacht war
nehmlich dieser Brief schon vor Langethal jüngsten Schicksals Mittheilung; dazu kommt daß
der gestrige Tag (ein Sonntag) welcher zur Mittheilung durch Lebenserscheinungen geraubt wurde
und ich dieses jetzt zwischen den Unterrichtsstunden nieder zuschreiben genöthiget bin.- /
[1R]
Es ist heute am 27en der Tag eines Geburtsfestes, es ist der Geburtstag unseres Johannes, es ist
die erste Geburtsfeyer Deines einjährigen Sohnes, Barop! wer wird in unserm Kreise dessen
nicht durch hohere Lebensbeziehungen feyern!- Vor und mit dem Beginnen dieses Monats war ein Ge[-]
burtstags Kranz, der Geburtstag unseres Wilhelms Deines dreyjährigen Sohnes, Midden[-]
dorff steht in dessen Mitte. Blicke mancher Gedanken welche in jener Zeit in meiner Seele lebten ent[-]
halten die zu dieser Zeit von mir geschriebenen Briefe. In dieser Zeit mehrseitiger Feyern durchlief
ich das Festjahr 1831, Dein Geschenk, Middendorff zum Weyhnachtsfest 1832, es beginnt mit Geburtstagsfeyern
und schließt damit. Ich durchlas in dieser Zeit Langethals Geschenk zum Christfest
1826 an mich; es faßt das Leben der Menschheit als ein Ganzes in die Augen und sucht fest zu stellen
wie sich dessen Entwickelungsstufen, Forderungen und Leistungen besonders in dem Leben dreyer
Völker des Alterthums aus ihm auszusprich auszusprechen [sucht]; er sucht gleichsam bey diesen Völkern, Geburtstags[-]
feyern der Menschheit zu bestimmen.
Das Wesen unserer Geburtstagsfeyern, so wie überhaupt das der Geburtstagsfeyern über-
haupt mußte sich mir dadurch in dieser Zeit klar und bestimmt ausprägen und so trat mir als
das ganz Eigenthümliche derselben allgemein entgegen: - wie die Blicke und Richtungen unsrer
Geburtstagsfeyern - (wenige in Wenigem ausgenommen) sich immer nur in der Person des Gefeyer[te]n
oder der Gefeyerten Person einen, auch nur, die Wünsche abgerechnet, sich auf die Gegenwart
beziehen, selten ich darf sagen nie das ganze Leben, die Umgebung der gefeyerten Person in das
Augen fassen, sich darauf beziehen. Dieß dünkt mich nun ein ganz wesentlicher Mangel und eine
große, sehr nachtheilig in die Zukunft wirkende Unvollkommenheit unserer Geburtstagsfeyern.
Erlaubt mir nun in dieser hier angedeuteten Weise heut und jetzt unseres Johannes Geburts[-]
fest, wenn auch getrennt von Ihm [sc.: ihm] und Euch mit Euch in mir feyern zu dürfen, und so zugleich
die Nachfeyer mancher vergangen und die Vorfeyer künftiger mit begehen zu dürfen.
*
Würdig, so sahen wir ist jede die Geburtstagsfeyer wobey der Blick der Feyernden nicht nur auf der ge[-]
feyerten Person ruhet, sondern sich bemühet dieselbe nicht nur in der Gesammtheit ihrer gegenwär[-]
tigen umgebenden Verhältnisse sondern sie wie in Beziehnung auf die Gegenwart so auch in Rücksicht
auf die Vergangenheit und in Bezie Hinsicht auf Zukunft, also nach Grund und Folge, Ursache und
Wirkung ins Auge zu fassen, und so Johannes sey unsere Feyer Deines heutigen Geburtstages beschaffen.
*
Jedes erscheinende Leben, jedes daseyende Wesen hat Gründe seines Erscheinens, hat Ursachen
seines Daseyns; jene Gründe und diese Ursachen haben in ihrer Verschiedenheit, mehrere Abstufung[-]
en z.B. allgemeinere und besondere Gründe, näher und fernere Ursachen u.s.w[.]- Was nun
vom Leben und Daseyn überhaupt gilt, gilt auch nicht minder von jedem besondern Leben,
von jedem Einzel- oder Sonderdaseyn; es gilt dieß von jedem besondern einzelnen Menschen
und so gilt dieß auch von dem Leben der Unsern, der Eurigen, hier namentlich von dem
Leben unserer, Eurer Kinder!- Auch dem erscheinenden Leben dem daseyenden Wesen
Eurer Kinder, Middendorff und Barop! eben als dieser bestimmten Kinder liegen nähere
und fernere Gründe, allgemeiner[e] und besondere pp Ursachen zum Grunde. Jeder dieser
Gründe und Ursachen hat aber in Beziehung (in Beziehung) auf das erschienene Leben und
das daseyende Wesen Pflichten (:Pflegaufgaben:) der Erhaltung und der Fort Aus- der
Fortbildung.
Bey der Feyer des Geburtstages eines Menschen welcher Alterstufe er auch immer sey
sollen nun die Feyernden, eben weil sie sich durch diese Feyer zu Pflichten der Erhaltung, der
Aus- und Fortbildung des Gefeyerten bekennen, sich in Beziehung auf die Erfüllung dieser
Pflichten, nach den Forderungen derselben ins Auge fassen und prüfen.-
Wir feyern heute den Geburtstag Deines Johannes, Barop! wir begehen die Nachfeyer des
Geburtsfestes Deines Wilhelm, Middendorff!- Ich begehe mit Euch diese Feyer und
Nachfeyer; wenn sonach wir, wenn ich nun nach den Gründen dieses ihres bestimmten Er- /
[Bl 2]
scheinens, nach den Ursachen dieses ihres bestimmten Daseyns, als eben dieses bestimmmten einzigen Lebens und
Daseyns Wesens Eurer Kinder forsche, so sehet Ihr wohl daß ich sehr bald einen ganz wesentlichen
Grund, eine ganz wesentliche Ursache ihres Erscheinens und ihres Daseyn in
mir selbst, in meinem Leben, in meinem Wesen, in meinem Daseyn finden, und mit tief
und lebendig begründeten Rechte finden muß. Eure Kinder müssen mir mit als die meinen
erscheinen, Eure Kinder müssen mit <mein> seyn. Ihr beyde Middendorff und Barop und
eben darum mein Middendorff und mein Barop! habt auch in der klarsten Tiefe Eures reinen
Gemüthes nichts dagegen, Du besonders Middendorff, ehe noch alles in so klarem Bewußt-
seyn in so lebenvollem Anschauen vor meinem Geiste und in meiner Seele stand, so führtest Du führte[st] Deine
Seele, Dein Gemüthe und Dein Geist, schon meiner Seele, meinem Gemüthe und
meinem Geiste Deinen Wilhelm das Leben Deines Wilhelms mir zu. Doch sollte Jemand der
dieß so eben von mir Ausgesprochene vernehme Zweifel gegen die tief begründete Wahr-
heit hegen können, der gebe sich doch scharf denkend Mühe mein Leben aus dem Eurigen her[-]
aus zu nehmen und frage sich dann, sehe dann genau zu ob Euch je hätte ein Johannes
ein Wilhelm, d. heißt Euer jetziger dieser bestimmte Johannes und Wilhelm hätte gebo-
ren werden können. Doch dieses auszusprechen ja nach zu weisen wäre wenig, wäre viel[-]
leicht gar nicht einmal etwas Gutes, wenn ich nicht gleich im Beginne auch die Pflichten jedes
Lebens Grundes, jeder Daseyns Ursache als Erhaltung, Aus- und Fortbildung eben dieses Lebens
und Daseyns ausgesprochen hätte. Ihr seht wohl ich habe jene LebensGründe und Daseyns[-]
Ursachen auch nicht eher Euch ausgesprochen bis ich daran zugleich diese Erhaltung, Aus- und
Fortbildungspflichten anknüpfen konnte; sonst konnte es als Eigensuchtnutz und Selbstsucht erscheinen
jetzt schwindet aber auch jeder leise Anflug daß von indem ich im folgenden nicht
auf den Gründen, sondern auf den daraus hervorgehenden Pflichten ruhe.-
Der Grund aber jedes erscheinenden Lebens und die Ursache jedes daseyenden Wesens hat aber die Pflicht nicht nur
der Entwickelung, Aus- und Fortbildung jenes Wesens und Lebens aus und nach innern Bedingungen
was schon oben ausgesprochen wurde, sondern auch die Verpflichtung das, diese Entwickelung, Aus-
und Fortbildung jetzt und in der Zukunft Hemmende zu entfernen; oder was eines und
eben dasselbe ist: - dieses erschienene Leben, dieses daseyende Wesen in solche Verhältnisse in
und unter solche Umstände der Zeit- und des Raumes, des Ortes, Landes und der Gemeinsamkeit
zu versetzen unter und in welchen es sich vollkommen entwickeln, aus- und fortbilden
kann. Diese Betrachtung, diese Erörterung ist es nun ganz namentlich und im engeren Sinne
welche uns am heutigen zur Feyer des Geburtsfeste Eurer, unserer Söhne <denkend> als
Männer und Väter beschäftigen soll. Wohl können wir unserere [sc.: unsere] ganze Erziehende Un[-]
ternehmung als ein einziges solches Kind betrachten oder auch nur einzelne Lebenserscheinungen
abgesondert ins Auge fassen überall muß sich eines und ebendasselbe aussprechen.
Laßt mich ehe ich hier weiter gehe einen Blick auf mein früheres Leben und auf die Erscheinungen
desselben zunächst während der ersteren Jahre oder der ersteren Hälfte unseres nun gemein-
samen Lebens werfen: - dieser Gedanke den ich jetzt auszuführen beginne, hat dieß fühle ich
jetzt, und es ist ja auch ganz natürlich von dem allersten Beginne meines erziehenden Lebens
der Ahnung nach in meinem Gemüthe gelegen.- Nun hat mir aber Gott - dieß sehe und empfinde
ich jeden Tag lebendiger klarer ein so tief ahnendes und weit schauendes Gemüthe gegeben
daß ich Lebenskeime und Entwickelungen, Lebensknospen sah wo noch niemand welche ahnete
und - wie soll ich es leise und ruhig genug aus sprechen - wie unachtsam hat man mir dieselben
abgebrochen. Darinn ist ein Schmerz gegründet von welchem Wenige eine Ahnung haben, und
welcher sich in jener Zeit so oft in meinem Leben und Äußerungen aussprach und welcher dort so
oft und so tief meine Seele traf. Dieß zur Verständigung meines frühern Lebens und dessen
Äußerungen und Erscheinungen; denn! was hat man mir nicht beachtungslos für Lebenskeime
und Lebensblüthen an meinem Lebensbaume zerknickt von demselben abgebrochen - Also!!
wohl ist es wichtig unter und in welchen Lebensverhältnissen ein Lebensbaum wachse,
sich entfalte, blühe und fruchte, in welcher Zeit, an welchem Orte, unter welchen Menschen
besonders von welcher Stufe des Bewußtseyns, ganz namentlich aber unter welchen Bedingungen /
[2R]
(:Gesetzen:) der Personen, der Eigenthums[-] und der Lebensfreyheit sich der Mensch entwickele.
Und nun zu meiner Aufgabe zurück.- Wenden wir nun in Beziehung auf die
uns von Gott geschenkten Lebenskeime, Lebensknospen unseren Blick auf die Ergeb[-]
niß[e] unseres und meines Erziehenden Wirkens und Streben was tritt uns, was
tritt mir entgegen?- Ich habe es schon ausgesprochen: in und mit welchem höheren Geistes-
und Lebenszusammenhang und innerer Lebensübereinstimmung und Einigung ich auch alle unsere Lebens[-]
keime und Knospen mich zu entfalten und zu pflegen bemühete; traten sie ins Leben
erfaßte sie das, der innren Bedingung entfremdete äußere Leben, so wurden die Lebenskeime
abgebrochen, zerknickt u.s.w. - welche hat sich rein erhalten?, sagt welche? - welche wird
den ganzen langen Lebenskampf hindurch in dem äußern Leben bestehen, sagt welche? -
d.h. nicht nach dem gewöhnlichen Maaßstab, sondern nach dem Maaßstab des höheren reinen Menschheits[-]
leben bey Klarheit des Geistigen Auges und Lebensfreyheit die Bewahrung eines warmen sinnigen Gemüths.
Darum Männer, Väter, Freunde handeln wir ungerecht und hart, mindestens unbedacht
gegen unsere Kinder, wenn wir das von Gott göttliche Menschheitsleben in ihnen klar wecken
und treu pflegen und nicht zugleich daran denken ihnen nach Maaßgabe ihrer Fortentwickelung
und Ausbildung auch in Zeit und Raum, Ort und Lebensumständen die Verhältnisse zu ver[-]
schaffen vorzubilden, mindestens anzubahnen in welchen sie auch das geweckte und von uns gepflegte reine
Leben entfalten, wo sie es wie vollkommen ausblühen und die Lebens-
frucht ungestört reifen kann. Wir kennen gemeinsam des Lebens nach Zeit und Raum
viel; Ihr wißt es ich kenne des Lebens nach Zeit und Raum, Ort und Verhältniß nicht
wenig; ich wohne jetzt in einem sogenannt freyen Lande, in einem sogenannt freyen
Staate unter sogenannt freyen Bürgern und Menschen meynet Ihr etwa mich umgäbe
nach menschheitlicher Forderung, nach der Forderung meines einfachen Gemüthes - Freyheit
der Person (in Hinsicht auf Empfinden und Denken) Freyheit des Eigenthums (Zeit und Raum) und
Freyheit des Lebens?- Barop! wir haben uns oft unsere Betrachtungen und Erfahrungen
darüber mitgetheilt und Du kannst nun Middendorffen die Lebensschleyer lüften: -
was sehen wir: Getrenntheit und Fesselung, Leerheit u Masse und Mechanismus statt einem geist- und
seelenvollen in sich einigen und mit dem Ganzen übereinstimmenden Lebganzen[.]

Dieß war es nun was ich Euch und und zur Feyer der Geburtsfeste Eurer, unserer
[Söhne] zu Gemüthe führen, Zur Beachtung vorlegen wollte.

Keinesweges ist es zur würdigen Feyer eines Geburts- und Lebensfestes genug


die Reinheit, die Würde, das Wesen des Gefeyerten anzuerkennen,
die Kräfte und Anlagen dieses Wesens zu wecken zu steigern
für uns selbst die festesten und treuesten Vorsätze zu dessen persönlichen Pflege
Entwickelung und Ausbildung zu fassen und sie
mit Sorgfalt auszuführen
nein! wir müssen auch daran denken ihnen nach Maaßgabe ihrer Fortentwickelung in Zeit
und Raum, Ort und Lebensverhältnisse[n] die Lagen verschaffen zu können in und nach welchen
sie sich frey entfalten, kräftig wachsen, frisch und fröhlich blühen, und still und unbeschädigt
fruchten und reifen können.-
Es war mir nun zur heutigen Feyer und zur Nachfeyer der Geburtsfeste unserer Söhne
und wie ich schon oben aussprach zur Nach- und auch zur Vorfeyer der Geburtsfeste
aller innig einigen Glieder unserer Gemeinsamkeit - Pflicht darauf aufmerksam zu
machen, Zeit und Raum Ort und Verhältnisse nach der obenangegeben 3fachen Freyheit der
Person, des Eigenthums und des Lebens, und des dadurch innig einigen Lebens welches sich darinn
entfalten kann zu prüfen. Wo seht Ihr um Euch einen solche Punkt welcher eine solche
Lebenseinigung in sich geschweige mit mehreren gestatte. Meynet Ihr Keilhau sey
dieser Ort, Ihr I irrt, zwar mit kindlichen Sinn aber Ihr irrt.- Ich sagte früher Keilhau dem
Keilhauer Leben fehlt, wie man von Tönen sagt der Körper. Ich will jetzt anders sagen: Keilhau
ist ein Fenster- ein Stubengarten, es fehlt die <Ewige> wahre Einigung mit den großen Leb- und
Naturganzen <nur> künstlich gepflegt besteht es, sonst verdorrt es Freunde!!!-
Zur Prüfung und Auffindung eines solchen Lebenspunktes nun früher oder später hin zu führen, darinn hatte meine Festgabe an die beyden Lebensgenossen ihren Grund. FrFr /

[1]
(KN 46,19)
Am 7en Tag im Monat der Klarheit (Fbr) Endlich kann ich nach langer Unterbrechung und indem
ich die Zeit mit Gewalt ergreife wieder zur Fortsetzung des begonnenen gelangen.-
In Rückbeziehung auf das Vorstehende wäre der Plan selbst nun dieser: -
Der Gedanke einer einstigen überseeischen Siedelung (nach den vereinigten nordamerikanischen
Staaten[)] - welcher mich schon seit mehreren Jahren still in mir in Beziehung auf die Darlebung
der rein menschenwürdigen, also Gott und Natur getreuen Menschenerziehung beschäftigt -
müßte von dem ganzen Kreise d.h. unserm Kreise zur künftigen früheren oder späteren Über[-]
siedelung für einen Einzelnen oder Einige oder für den größeren Theil oder endlich für das Ganze -
denkend und prüfend fest gehalten werden.- In Beziehung auf diesen Lebensgrundgedanken
müßten von dem ganzen Kreise und von den darin eingehenden Gliedern ganz besonders, alle
inneren und äußern, besondern und allgemeinen Lebenserscheinung[en] und Weltveränderungen, zu-
nächst vergleichend aufgefaßt werden.
Da es sich nun aber hierbey nicht nicht um das leibliche und bürgerliche Wohlbefinden des Einzelnen
so wie überhaupt nicht um leibliches und äußerlich bürgerliches Wohlbefinden - sondern um eine
reine und ungestörte, allseitige Darlebung der in sich selbst einigen Menschheit handelt; diese stetig
allseitige Entwickelung und Darlebung des reinen Menschheitslebens für Vollendung, aber eben
darum als eine allseitige auch nur in einem verhältnißmäßig größeren freyen Verbande freyer
Menschen mit freyer Natur (im weiteren Sinne des Wortes) d.h. mit freyem Lande, freyen
Grund und Boden statt finden kann, so muß ein solcher größerer Verband wenigstens der Anlage nach
und sey es auch nur als Entwickelung aus dem Einzelnen und Kleinen für die Zukunft angestrebt
und fest im Auge behalten werden.- In (diesem) einem solchen freyen innigen Verbande in sich freyer Menschen mit
freyer Natur (im weiteren Sinne dieses Wortes:) liegen nun aber, abgesehen von allen äußeren,
materiellen und leiblichen Vortheilen und ganz abgesehn von den sich schon dort findenden Menschen - nach
dem Urtheile der prüfendsten Beobachtung, die Seegnungen einer überseeischen Ansiedelung, einer
Ansiedelung in den nordamerikanischen Freystaaten. Mit kurzem Worte: - der in sich freye
Mensch kann und darf dort die Hand der noch freyen Natur erfassen, und in freyer Einigung
mit derselben geleitet von dem einen und einigen Gottesgeiste im Menschen und in der Natur - nichts
von äußern willkührlichen und zufälligen Verhältnissen erwartend - sein Leben frey gestalten. Darum
muß der Blick auf die nordamerikanischen Freystaaten in Rücksicht auf die künftige Lebensgestaltung
mehrseitig frey und offen erhalten werden.---
Diesen Verband in sich, nach Möglichkeit freyer Menschen ohne Sektierung und Bündlerey als freyes
Ergebniß des freyen Geistes und der freyen Geister nun herbey zu führen, dieß muß´ein Gegenstand
unserer ganz besonderen Sorgfalt und Achtsamkeit seyn und war nun schon seit mehreren Jahren
nur Aufgabe besonderer, beachtender Lebenspflege!- Dieser freye Verband oder vielmehr Einigung
in und außer sich freyer Menschen kann aber nur dadurch herbey geführt werden, daß das
Einende in seiner verknüpfenden und bindenden Kraft, auf das vollkommenste und wirksam[-]
ste sich ausbildet und dann mit überwiegend allgemeiner Anerkenntniß offenkundig hervortritt
und da steht.
Doch diese Zeit offenkundiger Anerkenntniß der innern Wahrheit und äußern Lebensgenugsamkeit un[-]
seres Strebens scheint nun gekommen zu seyn, scheint wenigstens immer mehr zu kommen, so
so wie jetzt auch mehr offenkundig die Ahnung des einenden, allseitig und allgemein pflegenden
Geistes unseres Wirkens zu kommen scheint. Dieß ist darum ein Zeitpunkt der wichtigsten Pflege
dahin deutender Lebenserscheinungen, dahin führender Lebensverhältnisse.
Von diesem Gesichtspunkte aus und für dieses anerkennende Ziel und diesen einenden Zweck
ist zunächst wohl erstlich die Pflege des Keilhauer- dann des Willisauer- dann des Berner,
endlich des Schweizerischen und zuletzt des allgemein deutschen Lebens - wo sich irgend ein Fünkchen
davon finden sollte, aber allem zuvor und überall die des rein und allgemein menschlichen und
menschheitlichen Lebens - wichtig.-
Offenkundige Anerkenntniß, freyes Sammeln, und auf geprüfter Überzeugung ruhende Einigung /
[1R]
ohne Bündlerey und frey von Sektiererey zu bewirken, das ist der eigentlich still in meinem Innern
ruhende Zweck, das letzte äußere aber doch hohe Ziel meiner äußeren thatsächlichen Lebens[-]
wirksamkeit, um so endlich in irgend einem Punkte in irgend einem Verhältnisse die
Darlebung reines Menschheitslebens nicht nur möglich, sondern thatsächlich wirklich zu machen
denn nur die stumme und doch lautredende That spricht zu den Menschen, und wenn er noch
etwas zu hören im Stande ist, so ist es einzig diese.
So und darum sagte ich schon sehr frühe zu Dir Barop! ich glaube ehe Du das letztere mal von Keil[-]
hau nach Dortmund reistest; es müße eine Kette von Erziehungsanstalten - besser Erziehungs[-]
collonien von Osten nach Westen angelegt werden; - So stellte am Abend vor meiner Abreise
nach Frankfurt a/M im May 1831 ich folgende Stufen der Entwickelung fest: 1. Seyn 2 Leben
3 Wahrheit 4 Vertrauen 5 Freyheit 6 Gesundheit 7 ..... 8 ..... . Die Stufe der anerkennenden
Wahrheit und des sich bethätigenden Vertrauens scheint jetzt seit meiner Anwesenheit in der Schweiz gekommen zu seyn. Es fehlen nun
zunächst noch die Stufen 5 und 6 Freyheit und Gesundh[eit].
Diese beyden Stufen aber wird uns und selbst unsern nächsten Nachkommen schwerlich <das> gefesselte westliche
Continent der alten Welt geben können; dem überseeischen freyen Nordamerika
scheint es vorbehalten zu seyn diese und die folgende Stufen der Menschheitsentwickelung für Voll-
endung uns zu reichen.- In dieser Beziehung war es, daß ich früher aus Wartensee schrieb: Keil-
hau sey gleichsam die Knabenerziehungsanstalt, die Anstalt der Schweiz die Jünglingser-
ziehungsanstalt (wie es nun auch wirklich der Fall wird: Lehrerbildungsanstalt:) nun fehle noch die
Dritte die Mannes- und Männererziehungsanstalt. Dabey gedachte ich an das überseeische Land
wahrhafter Männer.
Von diesem Gesichtspunkte aus meine ich nun muß von unserm ganzen Kreis, namentlich
von Euch Ihr Männer Väter und Freunde, wie überhaupt das deutsche so ganz namentlich
auch unser schweizerisches Leben festgehalten werden, unsere Leistungen, unser Leben unsere Thaten
müssen überall besser seyn als unser Ruf, und wie auch unser Ruf steige nie müsse derselbe unser
Leben erreichen und noch weniger über dasselbe erhaben seyn.
Deßhalb müssen wir nun das schweizerische Leben und Vertrauen durch unser Thun, durch die
That so pflegen als wollten wir wie die Schweizer Berge ewig in derselben ruhn; darum müssen
wir zur Erringung endlicher Freyheit und Gesundheit in uns so stehen als wollten und müßten
wir morgen schon von hinnen[.]
Darum erklärte ich auf den Antrag des Comité für christliche Volksbildung, wir würden
als ein in uns einiges Ganze alles anwenden um das auszuführen was sie von mir und
uns hofften, und nicht eher als bis wir als Gemeinsame das Werk in sich fest gegründet hätten,
daß es durch sich fortbestehen und sich fortentwickeln könnte würden wir es sich überlassen, doch
wünschte ich lieber daß dieß schon nach dem ersten als erst nach mehreren Jahren möglich würde[.]
Deßhalb sprach ich aus wir würden um keinen Preis weder als Ganzes noch als Einzelne
je eine feste lebenslängliche Anstellung in der Schweiz annehmen, um nicht dadurch die Er-
ringung von Freyheit und Gesundheit für uns, wenigstens nicht für unsere Kinder und Nach-
kommen zu verscherzen.
Haben wir aber so durch unsere Wirksamkeit und unser Thun die Wahrheit unseres Strebens
immermehr offenkundig beurkundet, haben wir so das uns gewordene Zutrauen gerechtfertigt
so können wir dann mit Sicherheit der Zielerreichung zur freyen Gestaltung eines gesunden
Lebens fortschreiten; denn mit Wahrheit und Vertrauen für Freyheit und Gesundheit u.s.w. u.s.w.
einigt sich der Mensch, namentlich der in sich freye besonders in freyer Natur <ger[n]> und so
läßt sich endlich noch ein Assyl freyer Menschen, ein Assyl für reine Menschheit, ein neues
freyes Vaterland, ein höheres deutsches, ein ächtes Menschheitsland und dessen Erringung
und Erreichung ahnen.---
Gern hätte ich, wäre unser Leben hier und überhaupt schon so f vorgeschritten und alle Lebens-
verhältnisse dafür entwickelt gewesen - schon in diesem Frühling prüfend nach dem überseeischen /
[2]
Lande gegangen; doch wird es schwerlich nun im Frühling künftigen Jahres 1835, vielleicht aber im
Herbste desselben Jahres hoffentlich aber im Frühling 1836 spätestens geschehen können.- Wie Ihr
nun da ich in Wartensee lebte, klärend und sammelnd in Keilhau wirktet, wie Ihr jetzt
da ich hier [in] Willisau schaffe, in Deutschland klärend, sammelnd, anerkennend und einend wirkt
so werdet Ihr auch dann auch, wenn ich im freyen überseeischen Lande schaffe, zunächst im Lande
deutscher Zunge Deutschland und die Schweiz für dortige Darlebung reines Menschheitslebens
klärend, sammelnd, anerkennend und einend wirken, alles übrige der Vorsehung überlassen
und wenn es diese uns vergönnt, unser Wirken und dessen Ergebnisse unsern Kinder[n] und
Söhnen zur weiteren Fortbildung nach dem ewigen Gottesgesetz, dem Plane der Vorsehung, als
einen Krystallisations-, Festgestaltungpunkt, zu einer Geburtstagsgabe darreichen.-
Zwar habe ich hier mich zunächst an Euch beyde Middendorff und Barop gewendet; indem es die
Vorsehung in Hinsicht auf Langethals anders gefügt hat, doch habe ich ihm nur von einer ganz andern
Seite der Betrachtung aus dem Wesen und Geiste nach desselbe zusagen; allein dieß auszuführen
habe ich heute und auch in den [sc.: der] nächsten Zeit keine Freyzeit doch kann er es sich ganz leicht selbst aus[-]
führen und sagen wenn er nun die Verschiedenheit auffasset, daß Ihr beyden zwey durch Eure Kinder
und Söhne mit dem gegenwärtigen Menschengeschlechte und so auch vom Leben als Erscheinung mit der
Menschheit verknüpft und geeint seyd er aber in sich unmittelbar durch den Geist, das Gemüthe.
*
Ihr Männer, Freunde, Väter, Mitarbeiter an dem großen Erziehungswerke, Erzieh-
ungsgeschäfte der Menschheit und Genossen des höhern, bewußten sinnvollen Menschenle-
bens!- Unser treuestes erziehendes Wirken für Darlebung reiner Menschheit ist fast um[-]
sonst, und wenn wir mit Riesenkraft, bisher ganz Unbekanntes, Unerhörtes hervorförderten
alles sinkt in Staubt, zerfließt wie Nebel und Schatten, wenn wir nicht zugleich für unsere
Kinder, Söhne, Töchter, Zöglinge eine zur Menschenwürdigkeit zur reinen Menschheit unmittel-
bar und treu miterziehende Umgebung schaffen. Ja könnten wir aber auch unser Wirken und
de[re]n Erzeugnisse versteinern wie die ägyptischen Kunstwerke und Pyramiden, ja sogar in Felsen
selbst aushauen und eingraben wie die indischen Felsentempel, sie würden wie diese stumm u. todt in die Zukunft
hinein starren, und wie jetzt diese W wilde und Kriegerhorden umschwärmen, so geben würden wir
allen denen welche wir mit seelenvoller Liebe in die ganze Zukunft hin die Unseren nennen, statt Frieden
doch nur Krieg geben. Dieß bedenket damit Ihr den Euern statt Krieg den Frieden und statt Erstar-
rung Leben zum Erbe hinterlasset. Forschet in der Geschichte und fraget warum gieng so vieles
Große und Herrliche unter?- Warum brachte des in sich Friedenreichen außer sich des Krieges
so viel?- Weil es keine dasselbe aufnehmende und pflegende fortbildende, keine dasselbe in sich
aufnehmende, und in sich pflegend fortbildende Umgebung fand!- Forschet nur von diesem einzigen
Gesichtspunkte aus in der Geschichte und fraget sie, wie sie sich so in Euch sich selbst Euch klären wird
so wird sie Euch zeigen und lehren was Ihr in der Gegenwart - wenn auch scheinbar mit Auf[-]
opferung für die Zukunft thun müßt; wenn auch die Zukunft Euer Leben pflegend und fort[-]
bildend mit Bewußtseyn in sich aufnehmen soll.-
Dieß auch zur Feyer meines mit [sc.: mir] seit Langem lieben, mein Leben stets klärenden Monats,
des Monats der Klarheit. (Fbr.)

*


Ein uraltes, aber schauerliches Kinderstubenlied.
welches seine traurige Anwendung bey Einzelnen, - bey ganzen Familien und Geschlechtern
wie bey ganzen Völkern und Zeiten findet,
die erst <ackern> wollen, wenn sie schon der Früchte bedürfen.

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Mutter! - Mutter! - s'hungert mich
Brod! - Brod! will ich! -
Warte nur mein liebes Kind! morgen woll'n wir ackern.- /
[2R]
Mutter! - Mutter! - s'hungert mich!
Brod! - Brod! will ich! -
Warte nur, mein liebes Kind! morgen woll'n wir säen.

*
Mutter! - Mutter! - 's hungert mich,
Brod! - Brod! will ich! -
Warte nur mein liebes Kind! morgen woll'n wir schneiden.

*
Mutter! - Mutter! - 's hungert mich
Brod! - Brod! will ich! -
Warte nur mein liebes Kind! morgen woll'n wir dreschen.

*
Mutter! - Mutter! - 's hungert mich
Brod! - Brod! will ich!
Warte nur mein liebes Kind! morgen woll'n wir mahlen.

*
Mutter! - Mutter! - 's hungert mich
Brod! - Brod! will ich!
Warte nur mein liebes Kind! morgen woll'n wir backen.
Und -
Da das Brod gebacken war,
Lag das Kind schon auf der Bahr.-

*
Laßt uns Sorge tragen daß nicht einst, wenn das Lebensbrod, das Brot der Wahrheit ge-
backen seyn wird, auch unsre Kinder schon auf der Bahre liegen.-

*
Wenn ich Zeit haben werde Euch das Neueste was ich Euch in dem Anlagzettelchen von hier aus melde
in seine eigentliche Bedeutung und innere Begründung aufzulösen, werdet Ihr einsehen wie sehr ich
in meinen Ansichten von der Zukunft recht nur zu recht habe. Du Barop kannst ja Midden[-]
dorffen auch Langethalen wohl den Schlüssel dazu reichen.
      Nun lebt wohl, lebt wohl mit den theuren Eurigen[.]
Gottesgeist zeige Euch in allem das Rechte, er gebe Euch Kraft
           dasselbe als das Wahre auszuführen
Euer und all der Eurigen
FriedrichFröbel.