Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 15.2.1834 (Willisau)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 15.2.1834 (Willisau)
(KN 46,22, Brieforiginal 1 Bl 4° 2 S.)

Willisau am 15en Tag im Monat der Klarheit 1834.


Grüß Dich Gott Barop in Deiner glücklichen Familie

Auch ich bin herzinnig glücklich daß ich Dich wieder im Kreise der lieben Deinen weiß; wie ich nur einen Augen-
blick des ruhigen Eigenlebens habe - was im Ganzen genommen jetzt selten ist - freue ich mich dieses Glückes
und danke seelenvoll Gott dafür. Es ist mir dadurch die größte Beruhigung meines Lebens geworden; von nun
an kannst Du in innerer und äußerer Lebenseinigung mit den lieben Deinen Euer Einiges Leben bestimmen.
Genug ich kann gar nicht aussprechen wie heiter ich mich fühle wie beglückt mein Geist ist daß ich an meinem
Lebensbaume eine von Gott so geeinte Familie weiß. Jeden Augenblick wäre ich nun im Stande mit Heiterkeit und Freudigkeit aus dem Leben zu scheiden.-
--- So eben bekomme ich folgenden Brief.- "Herrn Fröbel Vorsteher einer Erziehungsanstalt in Willisau"
"Hochzuverehrender Herr!"
"Sie haben mir voriges Jahr zu verstehen gegeben, daß Ihnen eine Translocation nach dem reformirten
"Canton Bern erwünscht seyn müßte. Zu Burgdorf wird im Laufe dieses Jahres ein ganz neues Erziehungs-
"gebäude in bester Lage fertig.- Sein Hauptzweck ist Verpflegung von 15-25 Waisen beyder Geschlech-
"ter, neben welchen auch andere Zöglinge aufgenommen werden könnten: Der Erzieher, wenn sich höhere
"Qualitäten in ihm vorfänden, würde sehr günstige Bedingungen erhalten. Schiene Ihnen der Inhalt dieser
"Zeilen berücksichtigens werth, so wollen Sie zuerst durch Correspondenz mit mir, und allenfalls durch
"persönliche Information in Burgdorf Ihre Ansichten gefälligst äußern."
       "Aus Auftrag"
"Hochachtend empfiehlt sich Ihnen."
       G. F. Stähli; Großrath"
"Mitglied des Erziehungs Departements."
"Bern, während der Sitzung."
den 12en Febr 1834."
Es ist dieß der Lehrer Stähli, (Lehrer) in Burgdorff und Herausgeber des Berner Volksfreundes
welchen wir auf unserer Berner Reise besuchten. Du weißt ja daß er zu Ende vorigen Jahres durch den
einhällig alles aufbiethenden Wunsch der Burgdorffer zu diesen einflußreichen Stellen befördert worden ist.-
Du kennst ihn persönlich, Du kennst das Urtheil seines entfernten Verwandten des Herrn Pfarrer Stähli über
ihn; irre ich nicht so steht er politisch sehr eng mit dem Reg: Statthalter K. Schnell verbunden; Mit dem ViceReg:
Statthalter Fromm, welcher in Burgdorff so viel vermag ist er gleichfalls persönlich freundschaftlich u politisch gleich[-]
sinnig verbunden. Du weißt er gehört zu den schneidensten Radikalen; und ist aus dieser und mancher andern Rück-
sicht z:B[.] seines "losen Maules" wegen des Her[r]n Pfarrer Stähli Mann nicht. Doch ich wiederhohle dieses alles
nur um Dir seine Person, und die Burgdorfer Verhältnisse ins Gedächtniß zurück zu rufen[.] Auf jeden
Fall ist Burgdorff wie Du selbst weißt, auf das höchste zu beachten; es einigt Kraft, Streben, Mittel. pp.
Jetzt schreibe ich Dir dieß nur damit Du Zeit habest Dich mit den Deinigen und in Lebenvoller Einigung
mit dem Ganzen berathest ob?- wann?- und unter welchen Bedingungen?- Du wohl nach der
Schweiz zurück kehren würdest.- Es wird mich freuen darüber bald Deine klare, bestimmte An-
sicht zu lesen. Da ich nun aber nicht voraussetzen, nicht ahnen darf, daß Du mit Deinem ganzen Leben
so bald nach der Schweiz zurück kehren möchtest, als es wohl die Verhältnisse fordern könnten, so schrei-
be ich Dir dieß damit - wenn Langethal anders in meinen wiederkehrenden Vorschlag eingeht - ihr mit
Ernst daran denken möcht, ihn in den Keilhauer Verhältnissen frey zu machen. Doch in dieser Beziehung für
heute genug.- Morgen Sonntags den 16en werde ich nach Münchenbuchsee reisen; dort hoffe ich den RRath
Schneider
zu finden.- Ohne Zweifel - wenn es sonst möglich ist, da mich der Herr Pfarrer Stähli begleiten
wird - werde ich dann sogleich nach Bern reisen um mit Stähli dem Großrath rc selbst zu sprechen.
Ich betrachte und behandle meine Wirksamkeit in der Schweiz und die sich mir jetzt wieder im Canton
Bern eröffnende - wie Du weißt als einen Focus zur Sammlung und Einigung zerstreuter sittlicher
geistiger und edler schaffender Thatkräfte, zur einstigen Verwirklichung eines reinen, menschenwürdigen
Lebens sey es im kleinsten Punkte und an welchem Orte es wolle.
Vielleicht mit meinem nächsten Briefe werdet Ihr meine "Grundlinien zu einer Kantonal<Muster / Normal>-
Armenerziehungsanstalt" erhalten; Ferdinand wird heute beginnen sie abzustereotypisiren. Ich sage <zu[m]>
Voraus daß ich dabey überhaupt die Darstellung, die Ausführung eines ächten erziehenden FamilienLebens /
[1R]
im Auge hatte, wozu ich zugleich die <Grundzüge> zeichnen wollte. Weniges in der Form und
ein paar Ausdrücke u.s.w geändert, so enthält das Ganze die Idee, das Ideal des Familienlebens
welches, wenn mich Gott so lange Leben [sc.: leben] läßt irgendwo der Schlußstein meines Lebens seyn soll.
Doch scheide ich nun auch froh, wenn mir es persönlich auch nicht möglich werden sollte es auszuführen, weil es
doch meinem Geist jetzt schon vergönnt wurde es in sich und außer sich wenn auch nur durch Wort aus[-]
zuprägen.
Nun noch ein Wort über das was ich in meinen letzten Zeilen an Middendorff und Langethal als Neuestes
erwähnte. Ich habe was die erste Hälfte der Mittheilu[n]gen betrifft, Ferdinanden nicht recht in der Eile
verstanden: ,Im Rösly äußerte man sich nicht - wie ich dort anführe - unzufrieden über die hiesige
Anstalt, sondern im Gegentheil, alle - Baumann war jedoch einzig nicht gegenwärtig - waren
auffallend zuvorkommend gegen die Glieder der Anstalt; deßhalb war dem Ferdinand Baumanns
Brief so auffallend, welcher seinen Mißmuth und üble Laune als eine allgem[ein]e Unzufriedenheit hin-
zustellen mögte.- Genug es scheint alles von Baumann ganz persönlich und seinen wirklich ungezogenen
Kindern besonders dem Lorenz auszugehen, welche seine Unarten in den Stunden damit zu bemanteln
sucht daß er sagt: - "mein Vater ist doch mit mir zufrieden!" - oder "ich sage es meinem Vater" - Ferdi-
nand wird morgen mit Baumann sprechen.- Merkwürdig ist daß sich Baumann auf eine allgemeine
Stimmung gegen die Anstalt beruft, die gar wie sich nun im Gegentheil kund thut, gar nicht da ist.
Nicht nur kommt, wie ich schon im vorigen Brief sagte - Xaver Walthert wieder; sondern sogar der eigent-
liche Sohn des <Gem> Präsid. Kronenberg - Du erinnerst Dich seines Austrittes Grundes - soll künftige Ostern wieder
hier als Halbzögling eintreten. Die Mutter wünschte zu wissen ob wir ihn wieder aufnehmen würden
da ihr jemand von uns (: Langguth:) dieß versicherte, so sprach sie ihren bestimmten Willen aus daß der
Sohn wieder herauf müsse. Dieß dünkt mich nun ein bey weitem sicherer Barometer der
Stimmung des Publikums als Baumanns übelgelaunter Brief. Ich meyne es ist etwas gekränkter
Ehrgeiz dabey im Spiele.
Aber heut doch wieder etwas Neues: Gestern Abends bat mich Herr Gnüge ihm ein paar Augenblicke
zu schenken; er erklärte mir nun daß ihm zwar das hiesige Verhältniß sehr zusage, daß er aber dabey
sehr die Orchesterführung vermisse, wenn ein kleines Orchester herzustellen wäre, wenn es auch
nur einfach sey würde er sehr gern bleiben, doch jetzt wolle er mich bitten bey meiner nächsten Reise
nach Bern doch die Verhältnisse zu beachten ob sich ihm dort nicht eine Anstellung als Director einer
Musik zeige. Natürlich versprach ich ihm seinem Wunsche entgegen zu kommen was ich auch gerne thun
werde, doch sagte ich ihm daß mein Verhältnisse ihn [sc.: ihm] schwierig ein genügendes Ergebniß bringen würden
ich that ihm dann zwey Vorschläghe entweder noch etwas die Entwickelung im Bernschen abzuwarten
oder selbst in öffentlichen Blättern z.B. Schweizerboten eine Anstellung zu suchen; er ergriff das
letztere und meynte das erste bliebe ihn [sc.: ihm] ja noch immer.
Ich würde Herrn Gnüge ungern gehen lassen wenn ich in ihm nur eine Spur von der Ahnung des
Erziehenden, des rein Menschlichen der Musik in ihm fände, so ist es aber nur das künstlerische
in die Ohrenspeise, überhaupt nur die physische vielleicht auch die {rationelle / mathematische} Seite der Musik wel-
che ihn an dieselbe fesselt. Durch das nur äußerliche künstlerische Auffassen der
Musik schadet er aber wirklich in einer Erziehungsanstalt erziehend mehr als daß er
nutzt, obgleich er wirklich ein guter d.h. schneller und leichter Lehrer der Musik als eines Ton-
spiels - ist. Ich schreibe dieß damit sich Deine und Euere Mittheilung daran anknüpfe.
Auch von dieser Seite wäre nun Langethals Überkunft erwünscht. Doch ich will ihn hier lieber möglichst
frey als gebunden - ähnlich Deiner Stellung die Du hier hattest; deßhalb meyne ich wäre es gut wenn
sich bey der Fürstin Mutter wieder eine Anfrage wegen des von ihr vorgeschlagenen Musiklehrers, und
Zöglings der Fürstin von Bückeburg thun ließe; Vielleicht ließe sich diese Frage thun wenn Du sie [(]d[ie] Fürstin Mutter[)]
wie wir besprachen jetzt persönlich besuchst. Einen angemessenen Gehalt
wäre ihm ja ebenso gut als Gnügen zuzusichern. Auch könnte er vielleicht in unsern Wirk-
samkeiten in Bern eine angemessene Stellung erhalten.
Jetzt aufs eiligste die innigste[n] Grüße an alle; küße Deinen Johannes von

FrFr.