Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 19.2.1834 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 19.2.1834 (Willisau)
(KN 46,23, Brieforiginal 1 Bl 4° 2 S.)

Willisau am 19en Tag im Monat der Klarheit 1834.


Gott grüße Euch alle insgesammt.

Der Monat in seiner äußeren Erscheinung und seinen geistigen Wehen, besonders die jetzigen
Tage desselben scheinen sich mir ganz in der Bedeutung bewähren welche ich ihnen in meinem Leben
gegeben habe.
Am Sonntag reisete ich wie ich Euch schrieb ins Berngebiet, und das schönste klarste Winterfrühlings
Wetter war mein Begleiter auf der ganzen Reise von welcher ich gestern Abends 10 Uhr zurück gekommen
bin; auch heute ist es noch so schön daß die Kinder alle zu einem Spaziergang auffordern.
Auch ein reges geistiges Leben des Untergehens und Auferstehens; des Todes und des Lebens begleitete mich
auf dieser ganzen Reise und empfing mich wieder hier. Es begleitete mich auf der ganzen Reise, denn
ich schrieb Euch schon, am 17en am Versammlungs Tage in Münchenbuchsee war Heinrich Pestalozzi[s] Sterb-
Tag, auch wißt Ihr daß Pestalozzi in München-Buchsee lebte und wirkte denn erinnert Ihr Euch nicht von
Türks
Briefe aus Münchenbuchsee?- Und war nicht dieser Tag und sein Zweck gerad dazu bestimmt das [sc.: , daß] Pesta-
lozzis Geist und Kraft geklärt und geläutert wieder auferstehen und ins Leben eindringen sollte[n].-
Überall umgab mich im Kanton Bern der Geist und das Wirken der Regeneration, der Wiedergeburt, u ist
dieser und dessen Wirken nicht der Geist des Untergehens und des Auferstehens, des Todes und des Lebens?- Dieser Geist
der Wiedergeburt umgab mich ganz besonders in Burgdorf in Spiel und Leben, in Gegenwart und Vergangenheit[.]
Es ist dieß dasselbe Burgdorf von welchem Stähli an mich schrieb, es ist wieder dasselbe Burgdorf wo Herr
Pestalozzi früher als in Münchenbuchsee lebte und von wo aus zum Theil Gruner, (später Oberlehrer in Frkf a/m[)]
seine Briefe über Pestalozzische Metho[de] schrieb. Ein Man[n] ein Burgdorfer einfacher Bürger sagte mir Abends im Gasth[aus]:
"Unsere Väter haben es nicht verstanden, sie hätten Pestalozzi nicht gehen lassen sollen."- Ich denke <eben>
und spreche es den mich Umgebenden aus: "Wie bestätigt sich hier, unsere Kinder werden unsere Richter seyn"?
Doch gleich wichtig und fast noch wichtiger tritt mir aber die Wahrnehmung entgegen: - Wie so sehr be-
stätigen sich doch die DichterWorte: "Die Stätte die ein guter Mensch betrat["]; denn kaum ist ein Punkt im Kan-
ton Bern welcher so stark die Quelle alles neuen im Allgemeinen erziehenden Lebens ist als in Burgdorf.-
Aber auch hier, so sagte ich, empfing mich Untergehen und Auferstehen denn denke Dir, Barop! der < ? > Mann
welchen Du so blühend verließest und bis in voriger Woche so blühend sein geschäftsreiches reges
Leben lebte, der Rechtsanwald Baumann ist heute morgen begraben worden, plötzlich mitten
in seinem Beruf und Geschäft in Altishofen griff ihn der Tod ans Herz, und die herbey gerufenen Ärzte
verstanden ihn nicht zu retten. Du weißt Barop! er hinterläßt eine junge Wittwe und 7 unerzogene Kinder
Du weißt, dessen Vater starb im Dezember an einem Sonntag plötzlich auf einem Acker hinter unserm Schlosse.
Und in Bezug auf die hiesige Unternehmung (ohne jetzt weiter zurück zu gehen) scheint sein Begräbniß Tag vielleicht
auch ein Auferstehungstag, oder wenigstens ein Tag frischer Belebung, denn auf Veranlassung dieses Todesfalles
waren mehrere Luzerner hier an deren Spitze heute Morgen der RegRath Baumann [in] die Anstalt kamen.
Das Berner Lichtleben und Lichtstreben wirkten noch reg in mir und so suchte ich auch ihnen ein Licht über die
hiesige Anstalt anzuzünden; mein Bemühen schien nicht auf Stein und nicht ins Wasser zu fallen, denn
sie wunderte[n] sich sehr wie ich ihnen sagte mit welchen Hemmnissen ich zu wirken habe, sie fragten haben sie
nicht (in Beziehung auf den Raum zunächst) dieß oder daß - ich mußte zu allem nein! nein! nein sagen
nun zeigte ich ihnen gegen dieses alles was in Bern geschah - dieß bedurfte kaum der Anregung, denn der RR.
Baumann war vor 4 Wochen in Bern gewesen hatte Fetscherini u. Schneider gesprochen, war unter-
richtet durch das Anschauen selbst von der Theilnahme des Erz. Dep: rc rc und so sahen diese Männer
bald handgreiflich daß es so nicht länger bleiben könne; zwey Sachen müßten zur Erh[e]b[un]g der Sache
geschehen einmal Subscribtion dann <unteben> unmittelbare Unterstützung vom Staate von wenigstens
1000 Frken. Ja sonst sagte ich sey auch nichts zu machen zu erwarten. Die Ehre des Kantons ergriff
auch das Herz so sprachen sich dann alle aus daß es bald anders und besser werden sollte. Baumann, der RRath
sagte dann er bleibe jetzt 14 Tage bis 3 Wochen hier um die Geschäfte des Bruders zu ordnen in dieser Zeit
hoffe er mich noch mehr [zu] sehen, so schieden wir. Ich machte ihn auf das Werk von Matter aufmerk-
sam; der selbst sage: - "wenn man von ihm Vorschläge zu[r] Constitution verlange, so müsse er sagen
Erziehung sey jetzt die beste Constitution, die man geben könne
" und dieß sage ein Mann der ganzen franzö- /
[1R]
sischen Nation welche alles nur Mögliche zur Volkserhebung versucht, und dieses Volk zahle ihm durch
seine Akademie ein Geschenk von 10,000 Frken für dieses Wort, es müsse also doch einen Werth und
Wahrheit in sich tragen.- Herr RR. Baumann welcher beym Weggang das Buch vergessen hatte, ließ
es sogleich holen ein Beweis, daß es ihm doch das Ganze bedeutungsvoll erschienen war.-
Baumann[s] Tod ist mir in Beziehung auf die hiesige Anstalt höchst merkwürdig Barop! An seinem Tod
an sein[em] Sterben selbst hatte ich Gelegenheit die Wichtigkeit so[l]cher Anstalt wie die hiesige für den Kanton anzu[-]
knüpfen indem man allgemein meint er sey durch einen geschickten Arzt zu retten gewesen aber einem
in Altishofen in die Hand gefallen. Dieß sagte ich ohngefähr müssen die Folgen mechanischer Schulbil[dun]g seyn
der Arzt aber bedürfe Urtheil Überblick rc. Alles dieß schien nicht auf den Weg zu fallen. Nun wir
werden sehen.
"Aber hast Du uns nichts aus dem Bernschen zu sagen?" - so hör ich fragen ja so viel daß ich Euch heut
nichts darüber sagen werde als daß ich durch ein sehr günstiges Zusammentreffen den Großrath
G. F. Stähli
in Burgdorff sowohl auf der Hin[-] als Rückreise getroffen und mit demselben viel sehr
viel nach manchen Seiten hin gesprochen habe? "Nun das Ergebniß?["] - Was zunächst für mich
anders als eine neue Arbeit: - die Ausarbeitung eines neuen Planes und Darlegung meiner Ansichten in Be-
ziehung auf das in Burgdorf - nach Maaßgabe des sich Vorfindenden - Auszuführen Mög-
lichen.-
Damit Ihr nun nicht später zu viel zum Verarbeiten bekommt, lege ich für heute meine Grundlinien
zu der Normal Armenerziehungsanstalt im Bernschen bey; welchen ich am Montag dem RR. Schneider übergab und
eine Abschrift an d[en] He[rrn] Pfarrer in Hutwyl mittheilte.
Es wird mich freuen wenn Ihr mir Eure Meinung darüber mittheilt. Ihr seht. Ihr seht das Schick-
sal will mich jetzt theoretisch d.h. im klaren Bewußtseyn recht sicher machen weil ich einen und
denselben Gegenstand, von so verschiedenen Seiten in so vielfach[en] Grenzen und Umfang zu betrachten
aufgefordert werde. Wenn ich nun nur auch die gehörige Zeit hätte alles gehörig durch zu denken und durch
zu arbeiten!- Ich wollte Langethal wäre schon auf dem Wege hierher, und anstatt daß ich jetzt schreibe
ich wünschte er käme, so möchte ich lieber schreiben: "er ist gekommen["].
Ich bin sehr erwartungsvoll über auf Eure nächsten Mittheilungen über diesen Gegenstand.
Ha[b]t Ihr Gelegenheit, so schickt mir doch
1. Eine Abschrift des Krauseschen Aufsatzes aus der Isis: Ihr müßt die Isis durch die Bibliothek er-
halten können denn von jedem Werk, das in Rudolstadt gebundruckt wird, muß die Druckerei drey
Exemplare eines an die Bibliothek eines an den Geheimrath u ein Drittes weiß nicht an wen abliefern,
so muß es Euch möglich seyn einen der Jahrgänge in welchem er stehet - (:sehet meine Briefe aus Frkfurth
vom Jahr 1831 nach) - bekommen zu können.
2. schickt mir doch ja eines oder einige der durch Zeh ausgesprochenen Zeugnisse, Du Barop sagtest mir ja daß
Du einige für Keilhau aus Darmstadt bestellt hattest.
3. Sehr bitte ich, dieß geht <wohl> in einem Briefe, um Mittheil[un]g der von Wilhelm Karl nach Keilhau
gebrachten Melodie: Wer <nur> den l. [*Theta-Zeichen; sc.: Gott] läßt walten. Könnte ich die Melodie gleich 4stimmig bekommen würde
es mich freuen; vergeßt doch dieß ja u ja nicht ich selbst habe es schon so oft vergessen Euch deßhalb zu schreiben darum
zu bitten.--
Barop! hältst Du noch [an] Deiner Besuch Reise nach Meiningen fest?- Ich dächte es wäre gut, damit wir wieder
in Besitz mancher Dokumente kommen[.]
4. Möchte ich gern besonders zu Mittheil[un]g an Herr[n] RR. Schneider in Bern u.s.w 1 bis 2 vollständige Exemplare der
deutschen Zeitschriften worin die bekannten Aufsätze über hier stehen, um ihn auf die Allgemeinheit dessen
was hier geschiehet hinzuleiten.
Schreibt mir, doch vergeßt doch keine dieser Bitten, schreibt mir doch ob die am Mittwoch oder die
am Sonnabend oder die (was sehr selten geschieht) am Mondtag hier aufgegebenen Briefe in
kürzester Zeit bey Euch anla[n]gen.
Alles von hier grüßt Euch - Frankenberg ganz ausdrücklich - Er hat heute seiner Schwester ge-
schrieben daß wir wünschen sie spätestens bis zur Osterzeit hier ankommmen zu sehen.
Für heute nun genug. An alle meine besondern Grüße und für Ernestine besonders der herzens
Wunsch daß dieser Brief sie wieder ganz gestärkt finden möge. Schreibt bald[.]
Eurem FriedrichFröbel

(:Jetzt bin ich wieder 2 mal d[urc]h die Fellenbergschen Anlagen gefahren denn M. B. liegt hinter Hofwyl:)
[Nachschrift am Blattrand:]
In Münchenbuchsee traf ich Präsid. Neuhaus - <Fetscherini> u Schneider
RRäthe - dann Direktor Langhans. /