Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an G. F. Stähli in Bern v. <1.> 3.1834 (Willisau)


F. an G. F. Stähli in Bern v. <1.> 3.1834 (Willisau)
(KN 47,4 Reinschr./Abschrift, 6 B fol 24 S.; ed. Heiland 1993, 238-250. Die Abschrift verweist auf kleine Änderungen im Brieforiginal, die in Klammer ( ) beigefügt sind.)

Tit. Herrn Großrath G. F. Stähli, Mitglied des Erziehungs-
departements der Republik Bern, in Bern.


Hochgeehrtester Herr!

Ihre vertrauensvollen Mitteilungen wegen einer, an das neuerbaute
Waisenhaus zu Burgdorf und die darin zu erziehenden Waisen etwa
anzuknüpfenden allgemeineren volksthümlichen Erziehungsunternehmung
haben Anklang und Verwandtschaft in einem durchgreifenden und zugleich
umfassenden Erziehungsplane gefunden, welchen ich schon seit Jahren
pflegend in mir trage und in Verbindung mit meinen, für ausführende
wahre Volkserziehung mit mir geeinten Freunden, in Beziehung auf
ein, ächter Freiheit gewidmetes Land, fortgehend mit steigender Über-
zeugung bearbeite.
Da ich nun glaube, daß es zur Klärung der Begriffe, zur Sicherheit der
Bestimmungen, zur Gediegenheit der Ausführung, überhaupt zur Schärfe
der Prüfung und Bestimmtheit des Ergebnisses gut ist, wenn man das
Kleinere mit dem Größeren vergleicht, und umgekehrt das Größere
wieder in dem Kleinen, das Ganze in dem Theile schaut; - so erlaube
ich mir, Ihnen hier den Plan eines Erziehungsganzen mitzutheilen,
wie es sich, nach den von Ihnen mir vorläufig gemachten Mittheilungen,
an das neue Waisenhaus und die darin zu erziehenden Waisen anknüpfen,
überhaupt in der Nähe und Umgebung Burgdorfs, durch die sich dort dazu
vorfindenden und zusammentreffenden sehr günstigen Umstände, sich
wohl ausführen ließe.
Lassen Sie sich, Hochgeehrtester Herr ! durch die Größe und den Umfang
des Planes nicht abhalten denselben ernster Prüfung zu widmen.
(Im Briefe selbst heißt es hier: Der Umfang und die Größe des Planes,
mehr noch angedeutet als ausgeführt, wird gewiß Sie, Hochgeehrtester Herr Großrath,
von einer ernsten Prüfung desselben nicht zurück halten.)
Mich dünkt immer, ein solcher Plan Gegenstand wie die Erziehung ist, besonders
wenn sie mehr und mehr an die Öffentlichkeit anstreift, kann nicht
genug im Umfange und im inneren Zusammenhange, mit einem
Worte, nicht lebenvoll genug durchdacht und angeordnet, nie zu tief be-
gründet angelegt werden; denn Erziehung bekommt ja eben erst ihre
wahre Bedeutung, ihren ächten, festen Grund und ich möchte sagen zugleich /
[1R]
ihre geist- und lebenvolle Atmosphäre, wenn sie im großen Lebensganzen an-
geschaut und im innigen Einklange mit demselben ausgeführt wird. Nehmen
Sie z.B. auch nur einen Sohn, ja sogar auch nur eine Tochter eines Bürgers
in einem Freistaat und betrachten Sie zuerst einmal deren oder dessen
Erziehung in Übereinstimmung und Einigung mit dem Ganzen dessen Glied
er oder sie durch den Vater ist, und dann wieder getrennt von diesem Ganzen
und herausgerissen aus demselben; - welch' ein verschiedenes Ergebniß
der Betrachtung! -Wie viel mehr nun wird dieß bei der Betrachtung
von 20 -25 Kindern eines Freistaates der Fall sein, seyen es auch
wirklich nur Waisen, arme Waisen und darum als unwichtig verlassene
Kinder. Aber, sind sie nicht eben darum gleichsam unmittelbare
Kinder des Vaterlandes? - Was geht nun daraus nicht alles hervor?
- und was läßt sich nun eben aus diesem Grunde, nicht Tüchtiges
und allgemein Wohltätiges an die Erziehung derselben anschließen,
oder vielmehr unmittelbar weiter für das Ganze Heilsames dadurch
hervorfördern ?! - Ist es nicht eine ganz eigne Erscheinung in der alten
Geschichte, daß sich an die Erziehung von Waisen oft das Wohl, die Wieder-
geburt ganzer Völker, die Geburt neuer Zeiten, ja neuer Welten knüpft;
sollten wir in der jetzigen Zeit, die wir auch in einer Zeit der Wiedergeburt
einer neuen Welt leben, diesen Wink der alten Zeit und alten Geschichte
für Bildung unserer neuen Zeit und neuen Geschichte nicht mindestens dazu
benutzen uns bei ähnlichen Erscheinungen zum ernsten Nachdenken aufzufordern.
Gar manches ließe sich noch daran anknüpfen wenn man z.B. in der neuern Zeit
wieder des Frankeschen Waisenhauses zu Halle in Sachsen und der damit
verbundenen Cansteinschen Bibelanstalt gedenket und dessen was aus ihr
und durch sie hervorgegangen ist. -
Mich dünkt Sie selbst, Hochgehrtester Herr Großrath ! haben es lebhaft geahnet,
was sich an die Erziehung von Waisen Wohltätiges für eine ganze Gemeinsamheit an-
schließen ließe, ja ich sehe es bestimmt in denen von Ihnen beim Baue des
Waisenhauses zu Burgdorf getroffenen Anordnungen ausgedrückt. Lassen Sie
sich darum nun auch nicht von der Prüfung des sich daran anknüpfenden
größern und umfassendern, allgemeinern Erziehungsplanes, welchen ich mir
erlaube Ihnen hier vorzulegen, abhalten. (Darum nun wird Ihnen gewiß auch die Vor- und
Durchführung eines daran anzuknüpfenden größern und umfassendern allgemeinern
Erziehungsplanes nicht unangemessen erscheinen). Dazu kommt noch, daß ja das mit /
[2]
Einemmale, im großen Zusammenhange und als Ganzes lebenvoll Überschaute,
deshalb noch keineswegs auch mit Einemmale ausgeführt werden muß. Aber selbst
dann, wenn von dem, was als ein großes zusammenhängendes Ganzes gedacht
worden ist, auch nur der kleinste aber wesentlichste Theil wirklich ausgeführt
wird, so sind für diesen Theil schon dadurch die Segnungen gewiß und unausbleiblich,
daß er nur in einem großen Lebenszusammenhange zugleich gedacht und im klaren
Bewußtseyn dieses Zusammenhanges angelegt worden ist. - Jede Sache, und
wenn sie noch so sehr in sich abgeschlossen und für sich begründet erscheint, scheinbar
einzeln, den Lebensquell in sich selbst tragend da steht, bedarf zu ihrem vollen Bestande
und zu ihrer freien Lebensbewegung einer auf- und einer absteigenden Ver-
knüpfung, einen allgemeinen Lebensverband, sonst stirbt sie, ohngeachtet alles
Scheines der Selbständigkeit, früher oder später, mehr oder minder in sich und außer
sich ab. Sie selbst haben dieß, wie ich es schon oben bemerkte, bei Anlage Ihres
Waisenhauses empfunden; Sie haben mir es weiter bei Ihren Mittheilungen
darüber andeutend ausgesprochen und deshalb nahm ich lebhaften, ernsten Antheil
an dem mir von Ihnen mitgetheilten Plane und deshalb nehme ich das mir von
Ihnen bewiesene Zutrauen so wahrhaft pflegend in mir auf. –
Nun zur Lösung der mir gesetzten Aufgabe.
Doch bitte ich Sie, Hochgeehrtester Herr Großrath! mir gütigst zu erlauben, daß
ich hier die Grundsätze auf welchen sie beruht und alles Allgemeine erst voraus-
schicken darf, um dann im Besonderen und Einzelnen bei deren Anwendung
mich entweder nur kurz oder auch wohl in den meisten Fällen nur stillschweigend
auf sie zurückbeziehen zu können.

ENTWURF
zu
einer volksthümlichen Erziehungsunternehmung,
geknüpft
an
das neue Waisenhaus zu Burgdorf
im Kanton Bern in der Schweiz.
Eine volksthümliche Erziehungsanstalt muß aus Einem Geiste hervorgehen; in ihr
muß Ein - dem Ganzen und dem Einzelnen als Glied desselben nothwendig gemein-
sam angehöriger, also - einender Grundgedanke wirken - Dieser Grundgedanke
darf aber keinesweges ein, dem Volke dessen Kinder und Glieder erzogen werden
sollen, fremder, ein ihm gegebener seyn, nein! dieser Gedanke muß, wie ein /
[2R]
menschlicher, d.h. dem ganzen Menschengeschlechte eigener, so wieder ganz besonders
ein volksthümlicher, d.h. diesem bestimmten Volke, auf diese bestimmte
Weise eigenthümlich seyn; wenn es sich dessen auch als Ganzes noch nicht klar bewußt
wäre, sondern derselbe in ihm als Ganzes erst entwickelt und zum Bewußt-
seyn gebracht werden müßte - müßte er doch schon in dem Volke selbst, in diesem bestimmten
Volke auf diese bestimmte Weise liegen. - Durch diesen
einen Geist und einenden Grundgedanken muß in einer solchen Erzie-
hungsanstalt alles -sowohl innerlich als äußerlich - als Ein Lebens-
ganzes auf das innigste zusammenhangen; um dadurch das Ganze, wie jeden
Einzelnen als Glied desselben, so volksthümlich als menschenwürdig zur Errei-
chung seiner Bestimmung zu leiten und zu befähigen, zum selbstthätigen und
selbständigen, heilsamen Gebrauche seiner gesammten Kräfte und Anlagen
seiner Mittel und Verhältnisse - im Umfange seines Lebenskreises
zu erziehen.
Dieser eine, jedem Menschen und Volke als solchem ursprüngliche Grund-
gedanke einer solchen Erziehungsanstalt muß darum seyn: -Alle Dinge sind
aus Einem Seyn, einer Einheit, aus Einer Lebensquelle, aus einem Einigen,
deshalb an sich nothwendig freien Wesen - aus Gott hervorgegangen, tragen
darum auch alle, wenn auch in den verschiedensten Abstufungen göttliches
Wesen und göttliche Eigenschaften, göttlichen Geist und göttliches Leben,
göttliche Freiheit in sich; aber vor allem der Mensch, welcher dieß zu
ahnen, zu fühlen, es zu glauben und zu denken, es zu erkennen und ein-
zusehen, ja danach zu handeln und zu leben fähig ist. Deshalb entwickelt
auch der Mensch an der sinnigen Beachtung und dem rechten Gebrauche
der ihn umgebenden Dinge und seiner selbst, seine eigenen Lebens- seine höhern
Gemüths- und Geistesanlagen, überhaupt seine gesammten Lebens- und
Seelenkräfte, deren steigend besseren freieren Gebrauch und die immer
richtigere Einsicht in ihr Wesen und in ihren Zusammenhang mit dem Urgrunde
alles Seyns alles Wesens und aller Freiheit. - - Es steigt so der Mensch,
wenn auch in unmerklichen Stufen zur bewußten Erringung, Ausübung und
Festhaltung seines eigenen göttlichen Wesens, seiner ursprünglichen Freiheit,
sowohl an und für sich allein, als in der mit ihm zugleich und unmittelbar
gegebenen Gemeinsamheit, der Familie, also zur Erringung, Ausübung und
innerer klärerer Festhaltung ächt menschlicher Gesellschaft herauf, und -
wo sich diese, wenn auch, durch Land und Leben, äußere Umgebungen und
inneren Geist bedingt, in Eigenthümlichkeit, aber doch in Vollkommenheit
kundthut - zur Erringung, Ausübung und Festhaltung ächter, menschenwürdiger
Volksthümlichkeit empor: denn Menschen in natürlich bedingter, menschlich /
[3]
vollkommen d.i. als Glied eines höhern Ganzen in sich abgeschlossener
Gesellschaft, welche darum den Grundgedanken: -"Gott ist der Urgrund
aller Dinge; deshalb thut Göttliches sich auch in allen Dingen kund" –
auf eigenthümliche in ihrem Wesen und in der Gesammtheit ihrer Verhält-
nisse gegründete Weise im Leben festhalten und Folge leisten, werden
ein Volk genannt. - Aus jenem Grundgedanken entwickelt sich aber
auch der Gedanke, welcher jedes Volkes würdig ist, der Gedanke ächter
Freiheit und das Wesen derselben; denn - Gott ist die Freiheit, das
freie Wesen an sich.
Darum nun muß Erkenntniß und Erringung, Bewahren und Gebrauch
menschenwürdiger und volksthümlicher, ursprünglicher Freiheit einer
solchen Erziehungsunternehmung vorzüglich zugleich zu lösende Mitauf-
gabe seyn; ja die Lösung dieser Aufgabe muß mit der ächten Lösung
ihrer Erziehungsaufgabe in Eins zusammen fallen; denn diese Erziehungs-
weise und Erziehungsunternehmung muß, gestützt auf jenen Grund-
gedanken, ihre Glieder und Zöglinge so bilden, daß die stetige Fortent-
wickelung des Einzelnen und des Ganzen für Vollkommenheit bei jedem
auf seiner Lebensstufe und in seinem Lebenskreise, nicht nur dadurch
möglich, sondern dadurch bedingt nothwendig, - also völlig gesichert sey.
Diese ächte Menschen- und Volkserziehung muß darum ihren Zögling be-
achten und pflegen wie ein Samenkorn, wie eine Pflanze, welche durch
die Gesammtheit und Eigenthümlichkeit gleichsam durch die Persönlichkeit ihrer
innern Kraft und ihres eigenen Lebens zwar diese bestimmte Pflanze
ist, deren Gedeihen und fröhliches Wachsthum aber geknüpft ist an ein
bestimmtes Land, ein eigenthümliches Erdreich, an ein gewisses CIima,
deßhalb an einen eigenen Luftkreis und an einen ursprünglichen
Stand gegen die Sonne. Der wahre Volkserzieher muß überdieß um
in diesem Bilde fortzureden, die natürliche Geschichte, das ist die Ge-
schichte der ursprünglichen und natürlichen Entwickelung studiren,
um als Pfleger derselben, in seinen von ihm ausgehenden Bestimmungen,
nicht gegen die ursprüngliche Natur derselben zu handeln.
Bei jedem lebenden Gegenstande der Natur ist das frische und fröhliche,
das gesunde Gedeihen desselben an Arbeit nach Außen und an Verarbei-
tung
nach Innen geknüpft. - Arbeit und Verarbeitung in ihrer mannig-
fachen Erscheinung recht verstanden und richtig angewandt sind die /
[3R]
Grundbedingung der individuellen Freiheit. Auch der Mensch ist hinsichtlich
seines frischen und fröhlichen gesunden und persönlichen Gedeihens an
diese Grundbedingung des freien Daseyns gebunden, nicht nur empfangen
darf darum der Zögling aus einem freien Volke, der Zögling zum einstigen
Schutze für Volksfreiheit, er muß auch das Empfangene seiner Persönlich-
keit getreu und als innig einiges Glied eines großen Lebganzen, seiner
Volksthümlichkeit gemäß in sich verarbeiten; allein nicht nur dazu
muß sich der Zögling befähigen, er muß sich auch dazu entwickeln und aus-
bilden, das zu seinem Bestehen Erforderliche in Übereinstimmung
und nach den Lebgesetzen des Ganzen durch Selbstthätigkeit und Selbstar-
beit
sich verschaffen zu können. Genug, der Zögling einer volksthümlichen
Erziehungsanstalt muß seinem eigenen Wesen und dem des Ganzen getreu
denkend arbeitend und sinnig schaffend für freies Daseyn erzogen werden.
So steigt dann wie die Bildung des Einzelnen, so auch die Bildung seines
ganzen Volkes von einer Stufe zur anderen naturgetreu und gesetzmäßig
zu immer höherer menschenwürdiger Freiheit empor, und die Bildung des
Ganzen wirkt wieder erhebend, innerlich und äußerlich freimachend auf
die Bildung des Einzelnen ein; wie denn überhaupt der Einzelne erst wahrhaft frey ist, wenn
es das Ganze ist. Hierin ist der Grund aller in Ewigkeit steigenden Fortentwickelung.
Darum geht die Erziehung und der Unterricht einer Volkserziehungs-
anstalt oder vielmehr die ächte Volkserziehung - sich gründend auf das
unmittelbar persönliche Sich -selbst- Wahrnehmen des Zöglings - überhaupt
und ganz allgemein hervor
A. Aus der sinnigen Beachtung der Natur, aus der denkenden Pflege und
solchem Gebrauche der Naturgegenstände; also aus der, vom steten Nach-
denken begleiteten Arbeit. Erziehung und Unterricht knüpft sich so
a. an die denkende Bearbeitung des Grund und Bodens, besonders an
   eine solche Pflege der Gewächse welche er trägt;
b. an die sinnig denkende Bearbeitung der Naturstoffe in Hinsicht
   a. auf die Kenntniß des Stoffes
   b. auf den Ausdruck und Gebrauch des Erzeugisses und
   c. in Hinsicht auf die Rückwirkung davon auf den Menschen.
B. Geht sie ferner aus des Zöglings Kenntniß seiner selbst
   und seines Wesens
a. in Beziehung auf sich nach der Art und Mannigfaltigkeit seiner
   Triebe, Kräfte, Anlagen und Fähigkeiten
b. in Beziehung auf seine Umgebung. /
[4]
C. Aus des Zöglings eigenen denkenden Beachtung seines eigenen Entwicklungsganges,
des Entwicklungsganges seines Volkes und des allseitigen des Menschengeschlech-
tes, also aus Geschichte.
D. Aus der ursprünglichen Ahnung, des darin ruhenden Glaubens und der sich daraus
immer weiter entwickelnden Erkenntniß des Urgrundes aller Dinge und des
Wechselverhältnisses, Wechselbandes zwischen Ihm Gott und allen Geschöpfen
-zwischen Gott und Natur -zwischen Gott und Menschen -und dadurch bedingt
zwischen Natur und Menschen, und Menschen und Menschen.
Dieß sind die vier ursprünglichen Glieder einer menschenwürdigen und
naturgetreuen Erziehung und eines solchen Unterrichtes bei Kindern eines
freien Volkes in deren Innern eben darum schon der schlummernde Trieb ange-
nommen und gepflegt werden muß: „das was man werden will in Überein-
stimmung und Einigung, im Bunde mit dem großen Lebensganzen,
aus eigner Kraft zu seyn.“ -
Diese vier Glieder mit einfachen Worten bezeichnet sind: Natur-
kunde, Selbst- und Menschenkunde, Geschichte
und Religion, und bilden
alle vier wechselseitig und vergleichend mit einander verknüpft und
und auf das unmittelbare persönliche SeIbstwahrnehmen gegründet das große
Lebensganze.
Hieraus gehen alle Einzelnheiten hinsichtlich der Gegenstände der Er-
ziehung und des Unterrichts, des Erziehungs- und Lehrganges (derselben der 4 Glieder) von
selbst hervor.
Es mag in dieser Beziehung hier nur noch die Bemerkung stehen, daß bei dem
Volksunterrichte, die AnzahI der Unterrichtsgegenstände ihren Richtungen
nach nur die wesentlichsten seyn müssen, und daß in Hinsicht auf den
Lehrgang, der Unterrichtsgegenstand aus dem Innersten des Menschen
und aus dem Leben mit Nothwendigkeit hervorgehen müsse und ihn der
Zögling unmittelbar wieder lebenvoll nach Innen auf sich und nach Außen
auf seine Verhältnisse und seine Umgebungen anwenden, förderlich
für dieselben gebrauchen können. Wenige, aber gründliche und dem
Leben nahe liegende Kenntnisse, mit Gewandtheit für allseitige
sichere Anwendung im Leben, rückwirkend auf die Veredelung der Gesinnung als Mensch
und Volksglied, und die Stärkung des Willens, dieselbe im eigenen persönlichen und
häuslichen, wie im allgemeinen und öffentlichen Leben gleich rein und treu kund zu
thun und die Befähigung, nach dieser Gesinnung und diesen Willen kräftig zu handeln,
dieß ist das wesentliche Erforderniß
und der erste Kreis des Volksunterrichtes; daraus entwickelt sich dann
im Fortgange des Unterrichtes, wo die innere Kraft dazu da ist auch
die größere Mannigfaltigkeit der Kenntniß, der größere Umfang der /
[4R]
Anwendung und tiefere Einsicht in das Wesen der Dinge, das ernste
Streben nach wahrem Wissen für immer höhere Klärung und Sicherung
ächter Freiheit von selbst.
Mit diesen ganz allgemeinen auf die vielfachste Weise von mir
an verschiedenen andern Orten ausgesprochenen und mehr entwickelten
Menschen- und Volkserziehungsgrundsätzen knüpfe ich nun an das neue
Waisenhaus zu Burgdorf zur Erziehung von 20 - 25 Kindern beiderlei
Geschlechtes, und an den von Ihnen, Hochgeehrtester Herr Großrath! im
Allgemeinen dafür entworfenen Plan, den Plan einer in Burgdorfs
Nähe und Umgebung auszuführenden, in sich zusammenhängenden,
volksthümlichen Erziehungsunternehmung, eines organisch in sich
geschlossenen Erziehungsganzen.
I.Das Waisenhaus zu Burgdorf wird Anknüpfungs- und Mittelpunkt
einer in sich lebenvoll zusammenhängenden vorbildlichen volksthüm-
lichen Erziehungsunternehmung.
Da aber Pflege- und Lehre, Erziehung und Unterricht ein in sich ur-
sprünglich einiges Ganzes sind, so wird das Waisenhaus nicht nur Pflege-
und Erziehungs-, sondern auch Lehr- und Unterrichtshaus.
Wegen des oben nachgewiesenen Grundsatzes, daß die Erziehung aus
dem Leben, der Unterricht und die Lehre aus dem Thun und Selbstschaffen,
dem Arbeiten, besonders aus Bearbeitung des Grund und Bodens wie
der natürlichen Stoffe hervorgehe, so bedarf das Waisenhaus um diese
Doppelaufgabe für ihre Zöglinge zu lösen und um zugleich auch vor-
bildlich nach Außen hin dazustehen: -
Einmal das nöthige Land wenigstens zu Gärtchen für die Zöglinge
zum Selbstbebauen und zum Garten für eigenen unentbehrlich nöthigen
Hausbedarf.
Dann Raum zum Sammeln und Bearbeiten besonders natür-
licher Stoffe und Naturgegenstände.
Das Sammeln in höherer Beziehung liegt gewiß ganz besonders
recht im Geiste und Zwecke einer Waisenhausanstalt. Um das was
ich damit sagen will anzudeuten möchte ich mir das Wortspiel erlauben,
der Waise soll weise seyn: er soll sammeln: er soll viel zur
Kenntniß, zur Prüfung, zur Zusammenstellung zur Verarbeitung
sammeln, also sowohl Naturprodukte, als Selbstprodukte. Daher /
[5]
dünkt mich die Anlegung von Naturalien und Modellsammlungen,
so unbedeutend vielleicht an sich, doch gar sehr im Geiste und lnteresse
einer Waisenanstalt zu liegen. Die Wirkungen davon und daraus
hervorgehenden Verknüpfungen werden sich weiter unten im Fort-
gange der Entwickelung des Ganzen zeigen.
Da ferner Spiele, Bewegungsspiele und geordnete d.i. den ganzen
Menschen in Anspruch nehmende Körperübungen (Turnen)
wesentliche Theile und Mittel tüchtiger Erziehung für jeden Beruf, selbst
zur vollkommneren Erfüllung der Bürgerpflichten besonders in
einem Freistaate sind, so bedarf auch weiter noch die Waisenanstalt
den gehörigen Grund und Boden zu den dazu nöthigen Plätzen.
Zu diesen Zwecken: - Gärten und Spielhof nun würde alles Land
der Gärten hinter dem Waisenhause nöthig, aber auch zunächst wenigstens
genug seyn, indem Burgdorf wie ich hörte, schon einen öffentlichen Turn-
platz besitzt, an welchem auch die Zöglinge der Waisenanstalt, wie mir
von Ihnen angedeutet wurde, mit Antheil nehmen könnten. Dieß würde
günstige Veranlassung geben eine mehrseitig verzweigte Turngemein-
de zu bilden; welcher Gedanke weiter unten wieder aufgenommen
werden wird.
Sollten vielleicht durch die innere Erweiterung der Anstalt, die inner-
halb des Gebäudes jetzt zu Handarbeiten bestimmten Zimmer später
anderwärts nothwendig gebraucht werden, so würde dann auf diesem
Spielhofe auch noch ein Gebäudchen besonders zu Handarbeiten: Tischlern,
Drechseln u.s.w. anzulegen seyn.
Der Bildungskreis und das Unterrichtsziel für die Zöglinge des
Waisenhauses würde im Allgemeinen das einfache bürgerliche
Gewerbe und Leben seyn. Für die tüchtigsten, gewandtesten und
dabei zugleich sittenreinsten Zöglinge noch der Schullehrerberuf -
bei Selbstbestimmung dafür, mit eingeschlossen. Dieß, so wie
überhaupt alles ins Einzelne gehende, bestimmt sich jedoch leicht, nachdem
die eigentliche Stellung des Waisenhauses genau festgesetzt seyn
wird; denn die Waisenanstalt, wie dieß auch schon ausgesprochen
worden ist, läßt mehrseitige Verknüpfungen zu. /
[5R]
Zunächst bietet sich zur Betrachtung dar
II. Verknüpfung der Waisenanstalt nach der Stadt hin.
A. Wenn die Entwickelung der Anstalt, die Erziehweise derselben
bei Eltern der Stadt Anerkenntniß fände, so könnten im Fall es
die bestehenden Schulgesetze der Stadt erlauben, in soweit als es die
Ausbildung der Unterrichtszweige, die Lehrkräfte, das erziehende
Leben und vor allem aber der häusliche Raum der Anstalt möglich
machen, auch noch einige Kinder aus der Stadt, gleichsam wie Halb-
zöglinge an der Erziehung und dem Unterrichte in der Waisenan-
stalt Antheil nehmen, wo sie denn hier vom Morgen bis Abend
(-die Zeit wo sie des Essens halber zu Hause sein müßten, abgerech-
net) - unter erziehender Aufsicht wären.
Meine Überzeugung und Ansicht ist überhaupt die, daß zwar
alle Lehr- besonders Erziehungsanstalten völlig geschlossen in sich, aber in
innerem Wechselverkehre mit dem Leben dastehen müssen; wenn nämlich
allem zuvor die Erziehungsanstalten moralisch, geistig und thatkräftig
so stark in sich dastehen, daß sie auch das Leben mit sich empor zu heben im
Stande sind. [Im Brieforiginal fehlt der folgende Satz: Dieses mit sich
Emporheben des allgemeinen Volkslebens muß aber einer der Hauptzwecke
größerer Volksunternehmen seyn.]
Die Waisenerziehung hat überdieß noch darin große Wichtigkeit
in meinen Augen: - Waisen sind Kinder des Staates oder der Gemeinde
(Commune). Ein Vater hat das Recht von seinen Kindern zu fordern
daß sie tüchtig werden; dadurch daß sie diese ursprüngliche, tiefgegründete
Forderung erfüllen, werden sie eigentlich erst seine Kinder im höhern
Sinne; so hat darum auch der Staat, die Gemeinde welche für die Erziehung
ihrer Waisen nach ihrer besten Überzeugung Sorge trägt; das Recht von
diesen zu fordern, daß sie tüchtig werden. Dieses Recht und der Gebrauch
dieses Rechtes, dünkt mich nun ist für den Staat von ganz ungemeiner,
ich möchte mit dem größten Bedachte sagen, von unberechenbarer
Wichtigkeit, ist aber bisher in dem öffentlichen Erziehungswesen noch
gar nicht benutzt worden. Die Waisen müssen darum menschlich
so tüchtig als möglich erzogen werden, damit die andern Eltern
thatsächlich sehen, wohin eigentlich eine den Menschen ganz angemessene
Erziehung führe, damit sie dadurch zur Nacheiferung gereizt werden /
[6]
und sich am Ende sagen: - sollen die Waisen, die Armen zweckmäßiger und
darum tüchtiger erzogen werden als unsere eigenen Kindern ?! -
Dadurch dünkt mich nun und so könnte, ich möchte fast sagen müßte die
Waisenanstalt wesentlich vortheilhaft auf das Erziehungswesen der
Stadt einwirken.
B. Da in dieser Anstalt zur Hälfte Mädchen mit erzogen werden
sollen, da diese Mädchen doch später für längere Zeit in Familien
in Dienste werden treten müssen, und da man doch jungen Dienst-
mädchen sehr häufig die kleineren, noch nicht schulfähigen Kinder der
Familien zur Aufsicht übergiebt; so könnte zur Bildung der Mädchen
für diesen Beruf der Kinderbeaufsichtigung und Beschäftigung und
zugleich zum Gewinn für die Stadt, mit der Waisenerziehungsanstalt
eine Kinder- Spiel- und Beschäftigungsanstalt für solche Kinder,
welche schon ganz selbständig laufen können, aber noch nicht schulfähig
sind, in Verbindung gebracht werden; ( wäre es auch wirklich
Anfangs nur während einiger Stunden des Tages und für die
wenigen Familien, welche für ihre Kinder dieses Alters Vertrau-
en dazu hätten. ) Dieß Mittel wäre vielleicht noch ein- und durch-
greifender als das unter A. erwähnte, weil es größere und
allgemeinere Theilnahme gestattete, um frühe in die Jugend der
Stadt einen bessern Geist der Kindererziehung zu bringen;
überhaupt um nach und nach in immer größerer Ausdehnung dem
Gedanken Eingang zu verschaffen, daß auch schon die Art der früheren
Erziehung für das einzelne Familienleben sowohl, als auch für
das Allgemeine und öffentliche von wesentlicher Wichtigkeit sey.
Dazu kommt daß die Eltern die Kinder, sonderbar genug, gerade in dem Alter
wo in ihrer Erziehung am meisten verdorben werden kann, ge-
wöhnlich am liebsten von sich lassen, wenigstens von sich geben; diesen
Umstand dünkt mich müßte die öffentliche Erziehung bei weitem mehr
benutzen als es noch bisher geschehen ist. Bei dieser Gelegenheit bitte
ich zu beachten, wie das hier von Einem Grundsatz und Gedanken
durchgeführte Erziehungsganze sämtliche Bedürfnisse der öffent-
lichen und häuslichen Erziehung ergreift, sie aber auch von diesem einen /
[6R]
Gedanken aus entweder hebt, oder ihnen Befriedigung giebt.
Zur Ausführung des vorstehenden Vorschlages ließe sich für den
Anfang vielleicht einer der disponibeln Plätze dem Waisenhause
gegenüber verwenden, wenn diese Plätze sonst in Folge der, wegen des
Vorschlages zu treffenden Einrichtungen dazu zweckmäßig wären.
III. Verknüpfung des Waisenhauses, der Waisenanstalt mIt dem Lande.
Wie die soeben angegebenen Verknüpfungen dieser Anstalt, durch
ihr förderliches Eingreifen in das eigentliche Erziehungswesen der
Stadt auch zum äußeren freudigen Bestehen der Anstalt gewiß
wesentlich wirksam seyn würde, so würde diese Verknüpfung der
Anstalt mit dem Lande, besonders für die innere Ausbildung und
Vervollkommnung der Anstalt, für das eigentliche erziehende Leben,
für die vorbildliche erziehende Wirksamkeit derselben wichtig seyn.
Diese Verknüpfung der Waisenanstalt würde durch die Ausführung
einer mit ihr in Verbindung stehenden Armenerziehungsanstalt
geschehen.
Meine Grundsätze und Ansichten über die Begründung von
Armenerziehungsanstalten habe ich schon mehrfach bearbeitet
zur Prüfung nach dem Canton Bern mitgetheilt, so auch schon bestimmte
Grundlinien zur Errichtung einer Kantonal- Muster- Armen-
erziehungsanstalt an das Präsidium des Commité für christliche
Volksbildung im Kanton Bern. Da nun aber die Grundsätze
jeder Armenerziehungsanstalt immer dieselben nothwendig
seyn müssen, nur ihre Ausdehnung bei den verschiedenen Arten
derselben verschieden ist, so werde ich den Plan zu einer Kantonal- Muster-
Armenerziehungsanstalt, die eben erwähnten Grundlinien
hier abschriftlich beilegen; woraus sich alles Einzelne auch für diesen
Zweck selbst ergeben wird.
Diese Armenerziehungsanstalt nun, - welche zwar in Hinsicht ihres
Häuslichen und Finanziellen, überhaupt rücksichtlich ihres besonderen Zweckes,
völlig selbständig in sich, jedoch in ihrem allgemein volksthümlichen Erzieh-
ungszweck innig mit der Waisenanstalt verbunden wäre, so daß sich beide
Anstalten zu größerer Verbreitung gründlicher und lebenvoller Volksbildung /
[7]
wechselseitig die Hand reichten – könnte wohl leicht auf einem von den meh-
reren der Commune Burgdorf zugehörigen Bauernhöfen in mäßiger Ent-
fernung von der Stadt ausgeführt werden, wozu es wohl bei dem im Kanton
sich regenden Eifer für Armenerziehung nicht an nöthiger Unterstützung im
Bezirke Burgdorf fehlen würde.
Diese Erziehungsanstalt habe nun zwar wie ihren eigenthümlichen Zweck,
so ihr selbständiges Bestehen und Hauswesen in sich und so auch ihren eigenen
Hausvater und Leiter u.s.w. aber, wie schon vorhin ausgesprochen durch den
volksthümlichen Geist und allgemeinen Zweck durch den höhern Grundgedan-
ken und die Erziehungsgrundsätze sey sie Tochter- oder mindestens Schwester-
anstalt des Waisenhauses; damit auch dadurch dem Gedanken im Volke Eingang
verschafft, er wenigstens anschaubar erscheine und so endlich allgemeiner
geweckt werde: -alles Erziehungsleben eines Freistaates ist, obgleich in
sehr vergrößertem Maßstabe, dennoch ein einiges einträchtiges Fami-
lienleben; wo aber Eintracht und Einigung ist, da ist Liebe und wo ächte
Liebe ist da ist - Freiheit; daß man einsehe daß durch solche Erzieh-
ung Eintracht und Einigkeit, die Stützen jedes ächten Freistaates frühe
gelehrt und gegeben: in dem häuslichen und Familienleben und so im
Volke einheimisch werden; daß man durch die That und an ihren Früchten
erkenne: jede echte, die ächte Volkserziehung ist nothwendig zugleich
ächte christliche Volksbildung ist Erziehung und Bildung für Liebe und
Freiheit.
Der äußere Verkehr genannter beider Anstalten bestehe hauptsächlich
darin, daß die Zöglinge des Waisenhauses zum öfteren an den größeren
landwirtschaftlichen Arbeiten der Armenerziehungsanstalt Antheil
nehme[n], damit sie so Gelegenheit bekommen das ländlich freiere Leben
zum Gewinn für ihren künftigen Lebensberuf zu benutzen, daß sie so um-
fassendere Lebensgewandtheit und unmittelbare Erfahrungen für ihren
einstigen Eintritt ins Leben erhalten überhaupt Geschäfte kennen und
üben und mit den ihrigen in Zusammenhang bringen lernen, wozu ihnen
das Waisenhaus nicht unmittelbar Gelegenheit geben könnte.
Für die Armenzöglinge ginge daraus der Vortheil hervor, daß sie von
manchen Unterrichtsgegenständen in der Waisenanstalt weitere Ausbildung /
[7R]
und größeren Zusammenhang sehen könnten, und könnte dadurch wohl unter
den Armenzöglingen hin und da ein schlummerndes Talent geweckt werden,
welches dann zu seiner Fortbildung an den Unterrichtsgegenständen der Waisenanstalt theil-
nehmen könnte, welche in der Armenerziehungsanstalt nicht bis zu dieser
Stufe der Ausbildung fortgeführt würden.
Der Zweck des Wechselverkehres dieser Anstalten nach innen ist also:
eine durch die andere immer mehr zu vervollkommnen, eine durch die
andere immer mehr zu heben; um dieses zu erreichen muß besonders dahin
getrachtet werden, daß die beiden Erziehungsanstalten, wenn auch ver-
schieden in Zweck und Ziel und in davon abhängenden Einzelheiten doch in
Klarheit, Ordnung, besonders in Sinnigkeit und Menschlichkeit des Lebens
u.s.w. sich gegenseitig Muster seyen. Es muß wie bei befreundeten aber
getrennt lebenden Familien für jede ein Fest seyn, wenn sie die andere
besucht und von der andern besucht wird. Der Hauptgewinn dieses
Wechselverkehres nach außen hin aber bleibe immer der oben angegebene
der einträchtige und rein menschliche freie Lebensverkehr, zwischen zwei
sonst verschiedenen Lebenskreisen; allein keinesweges wieder bloß
einzeln und für sich allein dastehend, sondern überhaupt vorbildlich für die
ganze Umgegend; denn wie die Kinder das Leben der Erwachsenen gern
im Spiele und eigenen Leben nachahmen, so wirkt auch schon das Anschau[e]n
des frischen frohen geselligen Lebens der Kinder und Jugend wieder
erfrischend, erheiternd und so gesundend auf das Leben der Eltern,
der Erwachsenen. Wer hat nicht den Anspruch gehört: "Unter der Jugend
wird man wieder jung," und was ist nicht alles gewonnen wenn das Alter
wieder – wahrhaft jung wird, wenn auch nur im Geiste und Gemüthe.
Überhaupt soll man auch dem Menschen das menschliche und volksthümliche
Leben was er später achten, üben und bewahren soll, früh schon kennen
lehren ihn achten machen und ihn üben lassen. -
Man entgegne gegen dieß Ganze nicht: es sey zu einem solchen Lebens-
verkehr, zur Erreichung eines solchen Lebensaustausches unstatthaft, daß
die Anstalten, wenn auch nur mäßig, doch überhaupt schon als getrennt
angenommen würden; wenn überhaupt ein solches Wechselleben bezweckt
werde, so würde es weit besser seyn, wenn die Anstalten ganz geeint /
[8]
wären; Zeit, Kraft und Aufwand mannigfacher Art werde dadurch erspart.
Aber die Gesondertheit innerhalb gewisser Grenzen und bei Einigung in
einer höheren Beziehung erzeugt immer Neues und bringt so Wechsel,
und das Leben soll sich innerhalb seines Lebenskreises immer aus und in
sich erneuern; darum liebt der Mensch überhaupt innerhalb bestimmter
Grenzen den Wechsel; was er unter einer Form immer hat und was sich nicht
gleichsam in sich selbst immer wieder erneuert, achtet und benutzt er selten zu seiner
Bildung seiner Erhebung, so auch die bleibende Nähe seiner Genossen nicht.
Im Gegentheil sehen wir auf der Stufe der Erziehung [:] durch das zu enge Zu-
sammendrängen verschiedener Anstalten entsteht nach einer Seite hin Er-
schlaffung, nach der andern Seite hin Reibung.
Erschlaffung, Spaltungen und Reibungen können überhaupt in einem
größeren erziehenden Leben und Unternehmen nur vermieden,
und dagegen stets reges, freies, strebendes Leben nur dadurch unverkürzt erhal-
ten werden, daß man sich durchweg bemühet im Einzelnen und Allgemeinen
für jede Erscheinung und Verschiedenheit den nothwendigen inneren
Grund aufzusuchen und erkennen zu machen; also in und bei der Erziehung
und dem Unterrichte von des Lebens nothwendiger Einheit ausgeht, alles in derselben
anschauet und darauf zurück bezieht, überhaupt im Ganzen ein höherer einen-
der Geist lebe. Welches der Grundcharakter des hier aufgestellten Erziehungs-
kreises ist. Zur weiteren frühen Anbahnung eines späteren so einigen
als freien Lebensverkehres müssen darum auch die Knaben der Armener-
ziehungsanstalt wöchentlich wenigstens ein bis zweimal an den Turn-
übungen auf dem allgemeinen Turnplatz Antheil nehmen. So ließen
sich dann immer mehr im Geiste des ächten Volkslebens größere Turnge-
meinden bilden, um so nach allen Seiten hin frühe einen regen, frischen,
sich verstehenden und so wahrhaft einträchtigen Lebensverband zu bewirken.
Würden sich nun so die Grundsätze auf welchen diese Erziehungsunternehmung
beruht als wahrhaft menschwürdig, volksthümlich und den Lebensforder-
ungen entsprechend im Leben selbst bewähren, so ließe sich - wie die
beiden Anstalten schon an und für sich im Allgemeinen Vorbildungsschulen
für den erziehenden Lehrerberuf wären - mit denselben noch besonders
IV. Zur Verknüpfung mit dem Schullehrerstande /
[8R]
eine Fortbildungsanstalt für schon angestellte Schullehrer
verbinden, in welcher sie während einiger Zeit im Jahre den dazu ge-
eigneten Unterricht erhielten.
Das Schloßgebäude zu Burgdorf zeigte vielleicht dazu eine günstige
Gelegenheit. Diese bloße Andeutung hierfür mag genügen, da
die Sache ganz für sich sprechen würde, indem hier der Wortunterricht der
Lehrer sogleich an den Erziehungsanstalten durch Sach- und Lebensanschau-
ung erläutert und bestätigt würde. An den allgemeinen Turnübungen
müßten diese Schullehrer auch ganz namentlich nach Maaßgabe ihrer Kör-
pergewandtheit noch Antheil nehmen. Während ihrer Gegenwart in Burg-
dorf müßte wenigstens ein größeres Turnfest zugleich durch größere
Übungsspiele und besonders durch allgemeinen gebildeten Volksgesang
gehoben, gefeiert werden; damit endlich wie bei den alten classischen
Völkern ein großer Lebensverband sich über und durch das ganze Land
hinziehe.
Auch hat das Turnen außer seiner äußerlichen Wirksamkeit auf Körper
und Geist durch seine höhere geistige Bedeutung eine vielseitige Wich-
tigkeit für das Leben; indem es des Menschen gesammte Geisteskraft
in freier Körperthätigkeit allseitig entwickelt und gleichsam anschaulich
darstellt. Das Bedürfniß nämlich, die Lebensgesetze und ihre Wirk-
samkeit in der Lebensgestalt und Lebensbewegung zu schauen, die höhere
innere Bedeutung des äußeren Lebens, das Sinnbildliche ist mit dem Daseyn
des Menschen zugleich gegeben, weil in ihm der Geist gestaltet erscheint;
deshalb muß auch in dem Leben der Jugend und des Volkes zunächst in Spiel
und Körperübungen mehrfach wieder die innere geistige Bedeutung
hervorgehoben werden um so das Leben der Volkstheile und verschiedenen
Volksglieder durch das Anschaun und Wahrnehmen Eines geistigen Lebens
in aller Mannigfaltigkeit der Erscheinung, sich immer mehr zu einem
innig einigen kräftigen Lebensganzen zu erheben; wie dieß das Leben
aller classischen Staaten lehrt.
Hierin liegt der Grund warum für alle ächte und volksthümliche Erzieh-
ung so ganz wesentlich die Beachtung des Spieles und Turnens, die Ein-
räumung von besonderen Spiel- und Turnplätzen für die Kinder- und Jugend- /
[9]
welt gefordert wird. Sie fühlt am ersten und lebhaftesten [da]durch, was
sie zur Erringung ihres höheren freieren Lebensdaseyns bedarf; wenn
sie es aber auch nicht mit Worten bezeichnen kann, so freut sie sich innig,
wenn sie es hat; denn es ist nichts für sie so sinnbildlich, d.h. höherer,
innerer Bedeutung fürs Leben voll - eben wegen dem sich darin kund
thuenden Leben und Lebensgesetzen - als Jugendspiele und hier ganz na-
mentlich das Turnen. Eine höhere Lebensbedeutung der Spiele und des
Turnens könnte dieses zeigen.
Aber unser eigenes Leben selbst muß überhaupt für uns wieder höhere
innere Bedeutung bekommen, welche es für die meisten Menschen ganz
verloren hat; diese Bedeutung aber würde es erhalten, wenn man mehr
in dem Äußeren das Innere, in der Gestalt das Wesen, in dem Leben
den Geist zu schauen und darzustellen verstände; dadurch würde unser
Leben selbst wissenschaftlicher, es würde kunstvoller würde sittlicher,
würde wahrer und - religiöser; es würde mit einem Worte
freier werden.
Würden nun so immer weiter die Grundsätze dieser Erziehungs-
und Lehrweise Jedem offenkundig zur Prüfung im eigenen und im
Fremdleben vorliegen und würden sie sich darin immer mehr so
volksthümlich wie wahr beurkunden und dadurch eine weitergreifende
Theilnahme in der näheren und ferneren Umgegend, vielleicht in
einem größeren Theile des Kantons oder sogar über denselben in anderen
Theilen deutscher Schweiz bewirkt werden, so ließe sich, wenn sich die
nöthigen Fonds zur Begründung und Ausführung, zur
V. Verknüpfung mit der ganzen Umgegend, mit dem ganzen Kanton und
selbst mit der Schweiz
eine in ihrem Erziehungs- und Lehrzweck umfassende
allgemeine Erziehungsanstalt
unternehmen.
Auch von dieser Anstalt aus wäre zugleich wieder eine nähere
und engere Verknüpfung mit der nahen Stadt; indem sich für die vor-
gebildeten Söhne der Bürger hier weitere Bildungsmittel fänden,
denen gleich welche sonst nach der Gewerbs- und Geschäftsseite hin in der /
[9R]
sogenannten polytechnischen Schule, nach der wissenschaftlichen
Seite in den Gymnasien und nach der Kunstseite hin in den
Kunstschulen, nach den verschiedenen Richtungen der Kunst gegeben werden.
Diese allgemeine Erziehungsanstalt, darum Erziehungsanstalt im
weiteren Sinne und Umfange, hat zwar ganz dieseIben vier be-
gründenden Elemente wie die Waisen- und die Armenerziehung; nur
dem menschlichen Geiste durch Nachdenken, Vergleichen und Urtheilen durch-
schaubarer und einsichtiger, dem menschlichen Gemüthe fühl- und wahrnehm-
barer und darum dem Leben eines vernehmenden und verstehenden
Wesens, dem vernünftigen und verständigen Menschen näher ge-
bracht, zu klärerer Erreichung und sicherer Festhaltung seiner Be-
stimmung in sich und außer sich.
Aber keines der vier angegebenen Elemente wird darum auch hier getrennt
voneinander und noch weniger als fremd einander gegenüber betrachtet,
sondern sie werden zur Erringung des vorgesteckten großen Zieles
auch als Ein großes Lebensganzes aufgefaßt und dargestellt. So wird
hier auch ganz besonders die Kenntniß der Natur, in welcher sich dieses
Lebganze so vollkommen ausspricht, deshalb erweitert; es wird sich darum
bemühet die Natur in ihrem Zusammenhange, wie in ihrer Glie-
derung, so in ihrem Wirken und Leben zu erfassen, in ihren ewigen
Gesetzen zu erkennen; hier vor allem auch da, wo sich alles Leben
in völliger Freiheit und doch in stiller ruhiger Offenbarung der Be-
achtung kund thut, in dem Reiche der Pflanzenwelt. Darum ist auch für
diese Anstalt die Pflege der Gewächse zur Kenntniß ihres belehrenden
Lebens sowohl, als besonders zur Erkenntniß ihres Zusammenhanges
unter sich, vorzüglich wichtig. Und so gehört denn auch zu dieser Anstalt
ein Garten in welchem aber die Gewächse nicht sowohl um ihres
Nutzens, sondern zur Beachtung ihres Lebens, um ihrer sie durchschau-
enden höhern Kenntniß willen gepflegt werden.
Die Naturkunde bezweckt hier die Einsicht in die ewigen Gesetze
der Natur und deren Anwendung aufs Leben besonders zur Klärung
desselben nach jeder Seite hin, zur Erringung höherer Lebenswahrheit
und so ächter Lebensfreiheit. Darum ist die Naturkunde hier /
[10]
nicht blos nur noch Kenntniß der Einzelheiten und ihrer äußerlichen Zusammen-
stellung; sondern sie wird hier in Beziehung auf das Hervorheben ihrer
inneren durchgreifenden Gesetzmäßigkeit, und - da man Mathematik
die Wissenschaft der Gesetzmäßigkeit nennen kann - geleitet durch mathe-
matische Anschauungen betrachtet.
So nun, durch das Leben der Erziehungsanstalten in der Natur und mit der
Natur, ihrer Betrachtung und ihrer Kunde, zeigt sich sowohl von Seiten
des Waisenhauses, als der Armenerziehungsanstalt, als besonders
auch von Seiten dieser allgemeinen Erziehungsanstalt aus:
VI. eine so einende als lebenvolle Verknüpfung mit dem gesammten Volke,
besonders mit den Erfahreneren und Gebildeten, aber noch frischen Geistes
und regen Lebens Strebenden im Volke; eine Verknüpfung für die
Erfassung und Einigung des Lebens für Wahrheit und Freiheit im Leben: -
ein freier bildender, erhebender Lebensverkehr.
Die ächte Kenntniß der Natur ist eines der größten Freyungs- und
Veredlungs- deshalb auch Einigungsmittel nicht bloß des Menschen in sich,
sondern ganz besonders auch der Menschen unter sich, darum aber auch einer
der vorzüglichsten Gegenstände eines würdigen so sinnigen als erhebenden
Lebensgenusses; denn Sprache, Mathematik, Geschichte und alles Vortreff-
liche schließt sich daran an.
Diese Eigenschaften der Naturkenntniß und Naturkunde sind aber
bisher noch keinesweges für das Volk als ein Ganzes, durch seine ein-
zelnen Glieder als Veredlungs- und Fortbildungs- besonders als
Einigungsmittel, als Mittel des höheren geselligen und erhebenden
menschlichen Verkehres und Austausches beachtet und betrachtet worden;
und so als eines der ganz wesentlichen Elemente der Erziehung eines
freien Volkes, der Kinder eines freien Volkes, als wesentli-
ches Element zur Erziehung für ächte Volksfreiheit.
Dieß aber zu thun dünkt mich vor allem in einem Freistaate für
die Bürger derselben, deren größter Reichthum ja eben ihre, in steter
Anwendung auf das Leben sich beurkundende Geistesbildung und
das Allgemeine derselben ist, - wichtig. Hochwichtig ist die Verbreitung
ächter Naturkunde und lebenvoller Naturkenntniß vor allem in einem /
[10R]
Freistaate, wo dem freien Mann und Bürger, dem freien Menschen
überhaupt erlaubt ist, ja wo er das Recht hat nach den in der Natur er-
kannten Lebensgesetzen Gottes sich nicht nur entwickeln und ausbilden,
sondern überdieß auch - leben zu dürfen, leben zu können –
So kann einzig das Leben des Volkes wahrhaft in sich und außer sich gehoben
werden, wozu, soweit mir bekannt ist, die Republik, der Kanton Bern
jetzt die förderlichsten Bedingungen in sich vereint.
An die Kenntniß der Natur knüpft sich, oder vielmehr geht aus ihr hervor
die Kenntniß und Kunde der Technik und Mechanik in ihren mannigfachen
und höheren Beziehungen; auch von ihr läßt sich, wenn auch von einer etwas
andern, erst vermittelten Seite der Betrachtung aus, Ähnliches wie von der
Natur sagen; doch gehört die Ausführung davon nicht weiter hierher.
Es ist mir darum gar sehr erfreulich gewesen die Ahnung von allem
diesem, die Andeutung dazu in der Anlage des Burgdorfer Waisenhauses
zu finden: in den Räumen für Naturaliensammlung, für Modelle
und Bücherei. Doch dürfen weder die Natur noch des Zöglings eigene Hand-
erzeugnisse, noch die Bücher dem Menschen nur todt in die Hände gegeben
werden. Zu dieser Belebung durch Wort und Mittheilung die ich hierbei
im Sinn habe ist nun, wie im Waisenhause und für den Winter der Saal
so für den Frühling und Sommer der Garten an der allgemeinen
höheren Erziehungsanstalt.
Ich meine nämlich so: - eine Naturaliensammlung soll nicht als ein
Mosaik von Raritäten und Curiosen aufgestellt und mannigmal
wie eingewundene und balsamirte Mumien Schaulustigen gezeigt werden,
sondern alles soll aus den Schränken und von den Gestellen herab und belebend
ins Leben steigen; nämlich während des Winters sollen wöchentlich einige
Stunden z.B. am Sonntage Nachmittags bestimmt werden um zuför-
derst Irden (: Mineralien, Steine :) in Beziehung auf die darin ruhenden
besondern und allgemeinen Gesetze und inneren Lebenszusammenhang
auch äußerlich so zusammen zu stellen, so daß sich das in ihnen ruhende Leben
schon aus der äußeren Zusammenstellung, also durch die bloße vergleichende
Anschauung ausspricht, doch soll dann dasjenige was sich schon aus dieser verglei-
chenden Zusammenstellung ergiebt, noch besonders durchs Wort belebt werden. -/
[11]
Der Zutritt zu solchen Mittheilungen stehe jedem aus dem Volke, nach den aus
der Sache selbst hervorgehenden Bestimmungen – so weit es natürlich der
Raum gestatten würde, - frei. Doch auch diese Betrachtungen sollen schon als
Naturbetrachtungen, noch weniger als äußerliche, sogenannte Naturgeschichte
allein stehen; finden sich z.B. von den Naturgesetzen aus Analogien in den menschlichen
Lebensgesetzen, so sollen diese aufgesucht und letztere durch die ersteren geklärt d.h.
aufgeheitert werden, so daß das Leben selbst in seiner Gesetzmäßigkeit und so
in seiner Wahrheit wie in seiner Freiheit erkannt und gelebt werde, so endlich
erst im Kleinsten, Kleinen, dann im Großen und Größten des Lebens Irren
und Wirren schwinden; erst im eigenen, dann im häuslichen und endlich im
öffentlichen Leben damit auch die menschlichen Lebensgesetze selbst werden was
sie sollen, der Ausdruck göttlicher Natur- und Lebgesetze. -
In Ruhe und mit Ruhe muß zwar alles beginnen aber keinesweges
darin beharren. Der Frühling ruft in die freie Natur. Was im Winter
im Saale bei der Betrachtung der Irden, bei deren Festgestalten begonnen,
soll im Frühling und Sommer im dafür geordneten Garten der allgemeinen
Erziehungsanstalt seine Fortsetzung erhalten. Auch hier soll wieder den
Erscheinungen der Lebgestalten durch das erklärende Wort höhere Deutung
und Sprache gegeben werden. Der Garten soll zwar Jeden, der Bildung
und Belehrung, oder auch nur reinere Freuden durch Anschauung des klaren
Naturlebens sucht, öfter offen stehen; aber an einem bestimmten Tage
in der Woche sollen durchs Wort erläuterte Zusammenstellungen vorge-
führt werden, welche sich an die Mittheilungen im Winter anschließen,
diese verallgemeinern und so im Leben weiter ihre höhere Bedeutung
bekommen. Die Gegenstände der Natur, besonders die in Ruhe und still-
lebigen sollen dem Menschen auf seinem oft mühevollen Lebenswege
wieder als freundIiche Genien erhebend stärkend u.s.w. zur Seite gehen.
Was hier im Allgemeinen von der Naturbetrachtung ausgesprochen
wurde, soll für den Gewerbsmann besonders durch das geschehen was die
Waisenanstalt in ihrer Modellstube, die Armenerziehungsanstalt in
ihrem Zimmer für Handfleiß aufstellt. So wenig und unbedeutend nun
beides an sich auch immer sey, so soll der Mensch im Kleinen das Große und
wenigstens den Gebrauch und die Bedeutung, die Richtungen und den Zusammen- /
[11R]
hang, die Gesetze und die Bestimmung seiner schaffenden Kraft wahrnehmen.
Die durch alles dieß nun geweckte Selbstwürdigung und Selbsthaltung im
Volke, im Einzelnen wie im Ganzen, die dadurch im Volke und im Einzelnen
geweckte Achtung der Bildung an sich und der höheren Bil-
dung insbesondere wird nun auch im Volke das Bedürfniß dieser höheren
Bildung für sich und für die Einzelnen im Volke wecken: - das Bedürfniß
einer Anstalt, einer Hochschule welche dieselbe reicht. Sie wird aber
nicht allen das Bedürfniß derselben wecken, sondern, wenn sie da ist, wird
diese im Volke verbreitete Achtung höherer Bildung auch wesentlich für den,
an den besten Früchten reichen Besuch durch strebende, dafür vorgebildete
geistreiche Jünglinge aus dem Volke wirken.
So nun zuletzt dadurch
VII. Verknüpfung dieser Anstalten mit der höhern Wissenschaft und Bildung
in welcher Lehre mit Natur und Leben im Einklange erscheint, wo die
Wissenschaft ihren wichtigsten Beruf erfüllt aber auch ihren höchsten
Triumph feiert in der Freiung des Menschen, des Volkes, der
Völker; denn wer frei ist, sey es Wissenschaft oder Mensch oder
Volk, soll auch dafür wirken daß Andere und endlich Alle frei werden;
überdieß werden wir selbst und jedes Einzelne wird nur wahrhaft
frei, indem wir für Freimachung Aller arbeiten.
Zu dieser doppelten Freimachung soll ächte Volkserziehung, soll die
Volkserziehung als Ganzes führen.
Wie nun aber ein so und dafür erzogenes Volk die größte Freiheit
und die größte Achtung sich in sich und unter sich erringen und bewahren wird,
so wird auch ein solches Volk sich Freiheit und Achtung nach Außen hin zu er-
ringen und zu bewahren wissen.
Sie aber wird ihm werden ohne viel Sorgen und Mühen, denn wer zur
Freiung aller nicht nur Hand sondern Kopf und Herz bietet der wird
auch in seiner Freiheit nicht nur von den Händen, sondern von dem Geiste
und Gemüthe aller geschützt werden. Es wird sie sich bewahren diese Freiheit
und Achtung nach Außen, durch sein freies, innig einiges, ewiges Ver-
bundenseyn in sich und unter sich. Aber! nur Freyes kann Freyes
frei einigen, nur Ewiges kann Ewiges ewig binden. - /
[12]
Nur der freie Gottesgeist in Natur, Geschichte und Leben kann freie
göttliche Geister in ihrem irdischen Erscheinen, kann Menschen, die als
solche ihn mindestens in sich ahnen, auf Erden schon in Freiheit und für
Freiheit ewig binden. –
*

Wie wäre nun aber das zu diesem Zwecke hier vorgeführte
Erziehungsganze auszuführen? -
Mich dünkt ist nur einmal der Gedanke klar und in seiner Wahrheit erkannt worden, ist der Wille
für dessen Ausführung fest bestimmt und sind die Mittel, die äußeren Mittel zu derselben nachweisbar,
d.h. läßt es sich mit Gewißheit einsehen, daß im Fortgange der inneren Entwickelung des Ganzen,
auch die materiellen Mittel zur äußeren Fort- und Ausbildung desselben sich finden werden: so
wird sich aus dem Wesen des Grundgedankens und der sich zu dessen Verwirklichung darbietenden
Mittel das Weitere auch gewiß ergeben. Mir erscheint es nur Hauptsache daß die bei der Ausführung
des vorgelegten Erziehungsplanes zunächst betheiligte Gemeinsamkeit (Commune) und von ihr
besonders Beauftragten sich von der inneren Wahrheit desselben und von der Nothwendigkeit
seiner mehr oder minder vollständigen Ausführung überzeugen: so kann Zweifel an
Mitteln zu dessen Ausführung kein Hinderniß werden; denn wer mag die materiellen
Kräfte einer Gemeinsamkeit, Commune, Bürgerschaft bestimmen, wenn sie etwas
aus innerer Überzeugung mit Festigkeit will, und sie es werth findet ihren Willen
auszuführen. In dieser Ansicht bestätigt mich auch der bis jetzt schon ausgeführte Bau des
neuen Waisenhauses zu Burgdorf, und besonders auch das was mir über die materi-
ellen Mittel und den sie bewegenden Geist sonst noch angedeutet wurde. - Was zeigt uns
überdieß Amerika in seinen Bauwerken durch Vereine und sollte nicht ein ächter nachweis-
lich darlegbarer Volkserziehungsbau nicht noch mehr zu vereinen im Stande seyn. Selbst
die Wiedererstattung des Begründungskapitales dünkt mich hier nicht nur im Gleichmaße,
sondern mit reichen Zinsen vermehrt gesichert; es kommt nur darauf an sich über die
Zeit und die Art der Wiedererstattung zu verständigen. Ich möchte nur hier nochmals
an das Waisenhaus von August Hermann Francke zu Halle in Sachsen erinnern; doch
der Andeutungen sind schon genug. - Da durch diesen Entwurf meine an den Tit:
Großen Rat zu Luzern im verflossenen Jahre übergebenen Grundzüge der Menschen-
erziehung so wie das Begleitschreiben derselben manche Erläuterung erhalten, so
erlaube ich mir, vielleicht zu weiterem Gebrauche Ihnen hier noch ein Exemplar
derselben beizulegen. Zugleich füge ich abschriftlich noch den Auszug aus einem im ver- /
[12R]
flossenen Jahre von mir geschriebenen Briefe bei, welcher im ganz Allgemeinen
meine Ansicht über schweizerische Erziehung und deren Bedeutung im Völker-
verbande enthält. - Ich glaube nämlich, Menschen und Männer, welche zu irgendeinem
Zwecke sich mehr oder minder einigen wollen, kann die vorhergehende Kenntniß der
persönlichen Ansicht darüber nicht zu genau [sein] besonders wenn der Gegenstand
der Einigung eine Herzenssache ist, und dieses ganz vor Allem ist gewiß die
Erziehung, die Menschen- und Volkserziehung. -
Sollten Sie nun, Hochgeehrtester Herr Großrath! das Ihnen hier Ausgesprochene und
Mitgetheilte in Beziehung auf Burgdorf einer ernsten Beachtung werth halten,
sollten Sie bei der mehr oder minder theilweisen Ausführung desselben
meine und die mit mir für Menschen- und Volkserziehung geeinten geistigen
und werkthätigen Kräfte noch vertrauend mit in Anschlag brin-
gen; so muß ich Sie sehr bitten sich nur gefälligst bald deshalb auszusprechen
besonders darüber
   a. Wann die Waisenerziehung zu Burgdorf in dem neuerbauten Waisen-
hause mit muthmaßlicher Gewißheit ins Leben treten kann ? -Ob der
Anfang des Weinmonats noch dafür anzunehmen ist ? -
   b. Ob wohl mit dem Waisenhause in Verbindung zunächst eine Armener-
ziehungsanstalt ausgeführt werden könnte, und wann wohl Hoff-
nung wäre, daß auch sie ins Leben treten würde,
indem meine geistigen Kräfte jetzt mehrseitig in Anspruch genommen
werden und ich wegen deren nächstkünftigen Verwendung einen bestimm-
ten Entschluß zu fassen habe.
Bei Festhaltung des mir in dieser Angelegenheit von Ihnen bis jetzt
gewordenen Vertrauens würden wir und die sonst dabei resp. Betei-
ligten der Commune Burgdorf über die bestimmte Ausführung des
Planes und deren besondere Bestimmungen uns wohl einigen können.
Mit nochmaliger Bitte um gütig baldige Antwort und der Ver-
sicherung wahrer und ausgezeichneter Hochachtung grüße ich
Sie
ergebenst
Friedrich Fröbel.
Niedergeschrieben in Willisau K. Luzern
Anfangs des Monats März 1834.