Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 2.3./3.3.1834 (Willisau)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 2.3./3.3.1834 (Willisau)
(KN 47,1, Brieforiginal 1 B 8° 3 S., zit. Heerwart 1905, 94f. Der Brief enthält eine Nachschrift von Henriette Wilhelmine Fröbel an Wilhelm Middendorff, Heinrich Langethal und Emilie Barop.)

Willisau am 2en Tag im Monat des keimenden Lebens (März) 34.


Guten Abend lieber Barop! umgeben von glänzend funkelnder Sternenpracht
in dunkler Nacht und beym flammenden Leuchten des Arkturus
aus Osten.

Hab[t] Ihr heut auch einen so heitern sonnig warmen Frühlingstag gehabt wie
wir hier? Titus, Carl, Frankenberg und ich waren in Huttwyl zu Kirche; erste-
re beyden giengen gleich nach dem Gottesdienst, Frankenberg und ich erst später, Nach-
mittags und da hatten wir wirklich einen Tag des Monats wie ich ihn benenne und
zwar nach allen Richtungen hin, wo sich nur Leben regt. Ich
habe viel Euer gedacht. Ob dieserhalb ich heute schon wieder Euch schreibe?-
natürlich nein!- Aber deßhalb schreibe ich, weil das Leben sich rasch der Entfalt[un]g
entgegen entwickelt.
Frankenberg sprach auf dem Rückwege mit mir wegen den Wünschen und
Anliegen seiner Schwester in Beziehung auf ihr hierherkommen. Du weißt Barop
daß es gleich im Beginne der Entwickelung dieses Verhältnisses, es von Seiten der Schwe-
ster Frankenbergs so kleine Aber gab, welche Frankenberg in seiner wirklichen
Treu und Gemüthlichkeit immer gern auszugleichen bemühet war. Die Art wie
die Schwägerin von Frankenbergs Schwester nun Deine Mittheilungen über das hiesige
Leben aufgenommen und sie dieser mitgetheilt und ausgesprochen hat; dadurch ist
nun diese Frankenbergs Schwester [(]Luise) noch ängstlicher geworden; die kleinen
Aber und Wenn waren noch vermehrt worden. Nun durch das Leben hinlänglich von dem Jugendglauben geheilt daß die kleinen Aber und Wenn mit der Zeit schwinden
sondern vielmehr des Lebens Wirklichkeit klar vor Augen und im Herzen, daß diese
kleinen Aber und Wenn im Fortgang des Lebensverbandes schwere Lasten und steile
Berge, drückende Fesseln und steinigte Wege werden, so hielt ich am besten dem Wunsche
der Schwester Worte zu geben das heißt die Entwickelung des Verhältnisses
in die unbestimmte Zukunft hinaus zu schieben. Frankenberg freuete sich sehr
über die so seiner Schwester wieder gewordene Freyheit und ich sah klar daß er
ihre eigene Empfindung bey Mittheilung dieser Lösung des Ganzen aussprach.-
Hierinne liegt nun der Grund warum ich sogleich heute schreibe, nicht etwa daß
Langethal die sich vorgesetzte und bestimmte Abreise wenn er noch zu Hause
sey bedeutend hinaus schiebe, - sondern weil er dann vielleicht noch leichter
mit seiner Frau und Euch mündlich etwas überlegen und berathen kann als
später mündlich denn jetzt ist nun der bestimmte Zeitpunkt und die klare Entwickelung
gekommen und gegeben, daß die treue Ernestine, wenn es sonst ihr gesammter
Körper- Geistes und Gemüthszustand und die übrigen Keilhauer und Lebens-
verhältnisse es möglich machen, daß Ernestine unter diesen Vorausetzungen in eini-

ger Zeit wirklich hier in Willisau gebraucht, wirklich von den gesammten hiesigen
Verhältnissen hierher gefordert wird. Augenblicklich braucht Ernestine nicht zu
kommen weil sich das Verhältnisse mit Luise Herrmann, wie Ihr schon wißt noch
nicht gelöst hat, und sich ohne Zweifel in diesem Monat leider! noch nicht lösen wird[.]
Aber Langethal kann auch die Zeit des hierherkommens jetzt in Keilhau nicht abwarten
weil er mir wirklich mit jedem Tage hier nöthiger wird, indem ich täglich immer
mehr fühle daß der Geist und der gesammte Stand der Berner Verhältnisse,
wenn sich anders etwas klares und lebensvolles daraus entwickeln, und sie mir
nicht zu einem neuen Falle sondern zu einem größern Auferstehen gereichen sollen
meine ganze Kraft und Aufmerksamkeit fordern. Nun meyne ich aber
auch Langethals früheres hierherkommen hat gar nichts Nachtheiliges im Gegen-
theil glaube ich, die Verhältnisse werden natürlicher und freyer und dabey
auch meine andere Überzeugung daß eine kurze Trennung beyder wohlthätig
zur Gemüths- und Geistes und vielleicht so auch Körpererstarkung beyder dient,-
wenn Langethal auch meynt daß er dieser nicht bedürfe.- Für Ernestine
kommt dann die schöne Pfingst- und volle Frühlingszeit herbey wo es sich am er-
holendlichsten reiset. Über die Reise selbst weiß ich ganz und gar nichts aber
das findet sich auch. Die liebe sorgsame Hausmutter mit welcher ich natürlich /
[1R]
alles klar und bestimmt besprochen habe ehe ich an das Schreiben dieser Zeilen gieng; die liebe
Hausmutter welche längst eine deutsche Magd vermißt und gewünscht hat, kam
mir da gleich mit dem Gedanken entgegen der ihr wohl schon gar manchen der Prüfung
vorgelegen hat, daß dann mit Ernestinen zugleich vielleicht Jette hierher kommen
könne. Ich sage jetzt nichts für und nichts wider diesen Gedanken, ich stelle ihn blos
zu beachtung und berathung hin; denn wir wissen ja gar nicht einmal ob Jette noch
bey uns in Keilhau in Diesten ist, ob man dort mit ihr fortdauernd zufrieden
ist und ob sie sich selbst zu einem solchen Wechsel verstehen würde. Genug ich schrei[-]
be dieß nur damit Ihr sehet es sind noch gar manche Entwickelungen nöthig.
Ich denke zwischen Ostern und Pfingsten soll sich auch hier noch manches entwick-
keln, wenn nur erst Langethal hier ist daß ich der Pflege der Verhältnisse leben kann.
Genug wir halten nun den Gedanken und Plan fest daß Ernestine
ihrem l. Mann ohngefähr im ersten Vierteljahr vielleicht schon in dessen
Mitte hierher folge.
Ich bin außerordentlich ruhig und freudig indem ich dieß schreibe; alles ent-
wickelt sich mir hier so einfach so natürlich, so angemessen, so still. Oftmals
habe ich mich schon gefragt; warum mag sich nur das Verhältniß mit Louise
so schwierig lösen?- fast scheint mir nun eine Antwort zu kommen: es soll
alles besser werden als ich meinte.
Was nun Frankenbergs Schwester betrifft, sieh Barop! so giebt es Verhältnisse
die gleichsam nur die Leitern, die Träger sind an welchen sich die Entwickelung
das Gewächs der Entwickelung so lange anlehnt, bis es in sich erstarkt ist. Ein
solches Verhältniß scheint nun das mit Frankenbergs Schwester zu seyn?- Weil
ich es für ein sicheres, abgemachtes, festes hielt so sahe ich geruhig all der übrigen
Entwickelung zu, jetzt hat sich unser Verhältniß entwickelt, ist selbstständig
klar und fest geworden, nun fällt das getragen habende Lattwerk zusammen.
Wie anders, wie sorgenvoll, wie suchend und so unruhig würde ich gewesen
seyn, wenn das (wenigstens für den Augenblick) Schein- und Schattenverhält-
niß mit Luise F.- nicht dagewesen wäre?- So macht es Gott mit uns
sehr schwachen Menschen väterlich gut, da er weil [sc.: weiß,] daß wir selten der Zeit
er- und die Zeit abwarten können und das Wir Seyn (die Wirklichkeit wie
sie ist) ertragen können so giebt er uns einstweilen Schein. Es geht damit
wie mit gar vielem, was wir in ein Jenseits und Außeruns setzen bis wir
sie in Uns und im Dießseits schon finden, so allem zuvor den Himmel.
Wann geht denn Mathilde ab?- reiset sie nach Grunau?- Vielleicht könnte
dann wenn es später wäre Ernestine bis Bayreuth reisen; von dort findet
sich immer Gelegenheit bis Bamberg, Nürnberg; von da bis Ulm. Es ist nur ein Gedanke.
Weißt Du schon daß Dr Gärth Staatsanwalt in Bern geworden ist?-
Natürlich ist es daß er deßhalb angefeindet wird. Heut las ich eine solche An-
zeige, oder wie ich es nennen soll gegen ihn in den Berner Beobachter anonym
eingesendet. Ein be gewisser Jaggi Fürsprech antwortet darauf; es heißt
in dieser Antwort unter anderem: - "Dr Gärth verdankt jene Wahl der le-
"diglich dem Vorschlage des Tit. Regierungs Rathes, auf welchem er der erste
"war."- Herold ist auch in Bern, ich sah dieß aus einer Antwort, welche
er ebenfalls auf einen Angriff auf sich im gleichen Blatte hatte einrücken
lassen. Alles dieß gehört zum Ganzen.- Alles in Bern geht gewaltig rasch!- *)
Nochmals auf Ernestine zurück kommend: Sage ihr, sie brauche sich für
das Kommen auf "ewig" und für das "Gebundenwerden" an die Schweiz nicht
zu fürchten auch ich dächte nicht "ewig" in der Schweiz wenigstens nicht
im Canton Luzern zu bleiben. ewig = lebenslang.
Es ist gegen Mitternacht, die l. Frau ruft aus der zweyten Stube
"Bitte, bitte lieber Fröbel komm zu Bett, es wird gar zu spät."- Und
so muß ich denn eilig schließen, ob ich gleich noch ein paar Worte auf
dieses Plätzchen schriebe; eben fallen mir noch ein paar gute ein und
so sollen sie hier stehen:- Hier wird jetzt jeden Tag das Leben unter den
Lehrern schöner Frankenberg, Titus, auch Carl und Anton stehen wacker zu sammen.
Der Geist, auch der von Euch herüber wirkt. Gott seegne! FrFröbel. /

[2]
3 / III
Da ich dießmal am Mittwoch - am Sonnabend - und heute Montag
nach einander mit der Briefpost schrieb, auch am Sonnabend ein Päckchen mit
der Fahrpost abschickte so könnt Ihr mir nun genaue Kunde vom Postenlauf
geben.-
*) Fellenberg hat ein Gesuch um seine Entlassung als Landammann des G und Präsid.
des GroßenRathes eingegeben; noch ist nicht entschieden ob er sein Gesuch erreichen
wird; heut oder morgen wird deßhalb abgestimmt. Er sagt in den Gründen zu seiner Ent-
lassung, er sey zu gemüthlich, zu reizbar, alles beziehe er gleich auf seine höheren Gedanken
und so verliere er die Ruhe welche zur Auffassung des Ganzen gehöre u.s.w.- Welche
Lehren giebt alles dieß wieder dem, der es durchschaut[.]

[Nachschrift von Henriette Wilhelmine Fröbel an Wilhelm Middendorff, Heinrich Langethal und Emilie Barop:]
Der kleine Raum hier - und die Stunde Zeit vor dem Postabgange erlauben
mir noch selbst auch Allen allen, die innigsten Grüße hinzuzufügen - und ins[-]
besondere denen die mich noch so ganz kürzlich mit lieben Zuschriften beglückten[.]
Dir meine gute Schwägerin Euch theurer treuer Middendorf[f] und Langethal Dir
gute Emilie die Du mich [durch] Deine lieben Wörtchen so ganz in Eure Mitte zauber-
test und Deinen theuren Barop[.]-
Dem guten Langethal erwiedere ich nur auf seine mir in Fröbels Briefe so
herzlich und freundlich ausgesprochene lebenvolle Wahrheit, daß diese, mir
frühe schon wen[n] nicht in der Erkenntniß doch dem Gefühle nach aufging -
daß meine verläugnungsvolles Leben mich zeitig schon gewöhnte - jede[r] der
Seele entkeimenden Wunsch, seiner Gültigkeit nach nur in dem Ganzen b[e-]
dingt zu sehen - und so in seinem ersten Sprossen, wie fest er auch mit dem
Herzen verwachsen war - ihn gleich dem höchsten Regierer und Erhalter hinzu-
geben. Doch hielt ich manchen vielleicht im Widerspruche mit Sinne, da zu fest
wo ich glaubte daß seine Ausführung oder Erfüllung an reiche Thätigkeit geknüpft
sei - und ich diese in ihrer Mangelhaftigkeit zu durchdringen und auszugleichen
wünschte.-
So war auch der Wunsch wegen Langethals Herreise, der rein nur aus innigem
Mitgefühl meiner Seele entquoll - noch eher sich Fröbel die Nothwendigkeit
davon durch die Lebensentwickelungen herbeigeführt, aussprach - nicht ohne seine
oder ihre wohlthätige Rückbeziehung auf das Ganze gedacht.-
Was Ernestinens Mit[-] oder Nachreise betrifft - so ist allerdings wohl zunächst ihr ge-
sammter körper[-] und Gesundheitszustand zu berücksichtigen - denn der Wechsel der Witte-
rung steht oft nicht in Uebereinstimmung mit der vorgerückteren Jahreszeit, und
dann hatte ich freilich gedacht, daß wenn ihr Nachkommen doch so kurze Zeit darauf erfolgen
müßte; so wäre es wohl vielleicht für beide <Leute> beruhigender ja auch im Ganzen weni-
ger kostspielig gewesen, wenn sie miteinander reiseten. Aufsehen dürfte es hi[e]r auch so
groß nicht geben - da man nicht nur Luisens Abgang von hier weiß - sondern auch die
Unterhandlungen mit Bern hinlänglich kennt - für <deren> Stellung es jedoch im Ganzen
eben so wohl einer Hülfs[-] u Stellvertretung bedarf - doch alles Eurem reiferen
Ermessen.- so auch wegen Jette - Hat Keilhau an sie [sc.: ihr] noch eine brauchbare Magd u
es <?lichst> - nun wohl!- Doch dachte ich sie wäre als Weise [sc.: Waise] u so jung - wenn
sie <Zutrauen> zu Ernestine hat wohl noch die einzig[e] Magd die in der Heimath zu diesem <Versuch>
zu bestimmen wäre!- <etwas> würden wir ihr auf den Fall allerdings gelegen - Was
wird mit Hedwig wenn <Sie> unser K. verläßt?
[2R]
[Adresse:]
Herrn
Herrn Johannes A Barop
      in
      Keilhau
bey Rudolstadt in Thüring.