Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 26.3.1834 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 26.3.1834 (Willisau)
(KN 47,2 Brieforiginal 1 B 4° 4 S., BN 724, Bl 81-82 1 B 4° 4 S.; Abschr. mit Original meist textgleich, in Schlussteil Abweichungen)

a) Brieforiginal

(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1:1)
[Briefkopf: Bild der Keilhauer Erziehungsanstalt]
         Willisau am 26en Tage im Monat des keimenden Lebens, III. 1834.


Gott zum Gruß Dir mein liebes Keilhau.

Wie ich Dir gern alles mein Denken und Empfinden zur Pflege, Bewahrung und Fortbildung und all mein Handeln zur Prüfung und Fortentwickelung mittheile, so stelle ich Dich auch heute sichtbarlich an die Spitze meiner Mittheilungen aus dem Innersten meines Wesens; damit auch Du sie ernst beachten; treu bewahren und menschlich fortentwickeln und ausbilden mögest. Was ich Dir heute schreibe würde ich Dir, wenn es mir die Zeit gestattet hätte vor mehreren Tagen schriftlich anders ausgesprochen haben; wenn das heute, wie es scheint, einem still fließenden, klaren Wasser, einem ruhig klaren See gleicht, so würde die frühere Mittheilung einem hellen rauschenden Bergstrom geglichen haben. Du siehest daraus, wie sehr Du nöthig hast, das Wesen von der Form zu unterscheiden; das Wesen in jeder Form klar zu erkennen und treu zu pflegen, fortzubilden. Mein Brief, wenn ich Dir vor ohngefähr 8 Tagen geschrieben hätte, würde mehr den Charakter des ganz Allgemeinen gehabt haben der heutige wird sich mehr an das Besondere anschließen; das ist aber eben des Lebens größ[t]e Kunst, das Besondere in dem Allgemeinen und gar wechselseitig zu sehe[n] und darzustellen. Du schreibst mir in Deinem jüngsten Briefe durch JohBarop:/: :/ wie der Tadel noch ununterbrochen mein und unser Leben und besonders von denen aus begleitet, welche sich für die Einsichtigsten halten. Bedürfte es für mich in und bey meinem Denken und /
[1R]
Handeln noch eines äußeren Beweises der innern allgemeinen Wahrheit desselben und der dasselbe begleitenden höchsten Seegnungen; so würde ich beydes in dieser Erscheinung meines Lebens finden und erkennen; denn der stete Tadel führt mich zur stetigen strengsten Prüfung, und die Entgegnungen der Menschen zeigen mir immer bestimmter, daß das was ich suche und will, wonach ich strebe reine Sache der Menschheit ist: ihr Heil und Wohl im Auge hat, und daß ich mindestens auf dem rechten Wege bin das Wahre zu finden[.]
Daß das Handeln gerad in dem rechten Augenblick, nicht zu früh und nicht zu späte, und mit der gehörigen Kraft, nicht zu stark und nicht zu schwach in die allgemeinen Lebens- und Menschheitsentwickelungen eingreife, das ist das Wesen des seegensreichen menschlichen und männlichen Wirkens zur Erziehung der Menschen, und der Geschlechter und Völker zum Ziele und zur Bestimmung der Menschheit. Dazu kommt das zweytschwierige und schwierigere, was ich Dir so oft schon aussprach: daß in der jetzigen Zeit, d.h. auf der jetzigen Stufe der Menschheitsentwickelung, alles was geschiehet mit klarer Einsicht und Umsicht, mit vollem Bewußtseyn geschehen muß. Blicke um dich, liebes Keilhau. nur wo klare Einsicht und Umsicht waltet, gehen die Entwickelungen vor sich; nur so weit beyde denselben an der Seite stehen, sind auch die Entwickelungen fest und bestimmt, sind sie gesichert.
Es handelt sich deßhalb in der jetzigen Zeit-[,] Welt- und Menschheitsgeschichte, nicht um die Darstellung des äußeren Produktes, sondern um die Einsicht in das innerste eigentste Wesen jedes dieses Ergebnisses und um die Umsicht des innigen Zusammenhanges mit dem großen Lebganzen[.]
Welche gewaltigen menschlichen Kräfte haben bis in die neuere, neueste und bis in die jetzige Zeit für die höchsten Güter der Menschheit, für das höchste Gut derselben Freyheit gekämpft, was haben sie thatsächlich bis zur jetzigen Zeit wirklich erkämpft? und was sie erkämpften, ist es geblieben? ist es nicht alles wieder zurückgesunken und tiefer, tiefer als vorher? -
Mir ist der Grund davon so bestimmt als klar einsichtig; - das was diesen Strebungen und Kämpfen Ursache und Ziel war, war nicht tief genug, war nicht in dem Urgrunde, in dem Wesen aller Dinge gegründet.
Alles was irdisch und menschlich, was als ewiges Gemeingut der Menschheit nicht nur bestehen, sondern sich als solches lebenvoll fortentwickeln und ausbilden soll, bedarf als Erscheinung und in der Nothwendigkeit seines Daseyns einer dreyfachen Nachweisung, einer dreyfachen Begründung, welche freylich am Ende, wie alles Erscheinende in dem Einen Urgrunde seinen Grund hat: einer Begründung und Nachweisung in Natur, Menschheit, Gott; also mit Eins, einer Gründung in Gott; Was von dem Menschen ausgehend, bestehen, was in seinem stets lebenvollen Bestehen nachgewiesen werden soll, dessen lebenvolles Bestehen muß in dem nachgewiesen und angeschaut, daraus abgeleitet werden, in welchem und durch welchen alle Dinge und Wesen ihr Bestehen und Leben haben.- Ich sehe wohl, wenn ich einen Blick auf die Entwickelungsgeschichte in den letzten Jahrzehenden und weiter hinauf werfe, wenn ich die Ergebnisse meiner Erziehungsunternehmen vor mir vorüber gehen lasse, wie so ungern und /
[2]
wie so sehr schwierig sich der Mensch zu dieser höhern geistigern Lebensansicht bestimmt; allein es wird ihn nichts davon entbinden, sie doch endlich als die einzig sich bewährende im Leben anerkennen zu müssen.
Was ich hier ausspreche trifft ganz vor allem das Streben nach Freyheit, dem Streben nach Freyheitsstreben des letzteren und jüngsten halben Jahrhunderts. Wo tritt die höchste Begründung dieses Strebens entgegen?- Ich finde sie nirgends, finde sie am allerwenigsten bey denen, welche alles daran setzen dieses Streben zum Ziele zu führen, ihm den Preis zu reichen. Darinn nun sehe ich den letzteren Grund, die eigentlich wirkende Ursache warum sie nie zum Ziele gelangen, warum sie nie den Preis erringen, und, wenn sie dahin gelangen, wenn sie ihn erringen, Ziel und Preis wieder verliehren, wo sie beydes am sichersten zu haben vermeinen. Wo aber kann der Urgrund, die Urstütze, der Urquell wahrer Freyheit seyn, als in dem an sich freyen Wesen, in Gott?- in Gott, welcher der Urgrund, der Urquell aller Wesen, aller Dinge ist?- Und, wissen wir nicht alle: - Gott ist die Wahrheit! ruhet darin nicht all unser Denken und Thun?- Wissen wir nicht alle: Gott ist die Liebe! und ruhet darin nicht all unser Leben und Empfinden?- Ist aber nicht da wo Wahrheit ist, auch Freyheit? - Ist nicht nothwendig da wo ächte Liebe ist, auch Freyheit? - Ist Gott nicht das Leben und ist da wo wahres Leben ist, nicht auch Freyheit?- Ist nun darum nun ist auch Gott die Freyheit. Gott ist die Freyheit, das freye Wesen an sich, wie er die Wahrheit die Liebe und das Leben ist!---
Soll darum der Menschen Streben nach Freyheit sein Ziel, seinen Preis erringen, so muß er es nicht nur in Natur und Menschheit, er muß es auch in Gott begründet schauen und so schauend wird er es erstreben, wird er ihn erringen. Dieß mein geliebtes Keilhau wollte ich Dir in und mit diesem heutigen Brief und für immer sagen; aber ich will Dir heut noch mehr sagen. Strebungen des Menschen welche in dessen innersten Wesen gegründet sind, können d.h. dürfen nie einseitig, sondern sie müssen nothwendig allseitig seyn; sonst reißt die eine Seite die [sc.: der] menschlichen Thätigkeit nieder was die andere Seite aufbauet; was die eine Seite pflanzet und pfleget, rottet die andere Seite aus oder giebt es mindestens dem Zufalle Preis. Nichts darf das äußere Leben des Menschen bewegen, was nicht auch in dem innern Leben des Menschen seinen Grund habe. Was sich aber auf das Wesen des Menschen und dessen Verhältniß zum Urgrunde aller Wesen und alles darinn gegründet[en] sich zurück bezieht, nennen wir das Religiöse. Weil nun die Fortentwickelungen der Menschheit stets allseitig seyn müssen, so müssen sie auch, sollen sie anders in ihren Früchten bleibend, wie in ihrem Ziele wahr seyn, das Religiöse der Menschheit mit um[-] und erfassen und zwar nicht zufällig und nebensächlich, sondern mit Bestimmtheit als Zweck und Hauptsache.
Die Religion Jesu ist aber die Religion der Wahrheit, der Liebe und des Lebens; /
[2R]
wo aber Wahrheit, Liebe und Leben ist, da ist Freyheit; darum ist auch die Religion Jesu, die Religion der Freyheit!- Und sagen es uns die Aussprüche Jesu und des neuen Bundes nicht an vielen Orten auf das bestimmteste?- "Wen Jesus frey macht der ist wahrhaft frey." "Die Kinder Gottes sind wahrhaft frey." Jesus erklärt bestimmt: der Geist sey einig mit Gott und Ihm." und das N.T. sagt: "Wo der Geist Gottes ist da ist Freyheit ec, ec, ec.["] Du kannst nun wohl, mein liebes Keilhau! in Dir wahrnehmen und entscheiden, was unsere Kirchen- und Religionslehre und Lehrer verschuldet und auf sich laden; daß sie den ihnen horchenden, sie hörenden diese Seite der Religion Jesu noch nicht entschleyerten, wenigstens nicht, sie einer solchen Erfassung, Durchdringung und Darlebung der Religion entgegen erzogen.
Dir, mein geliebtes Keilhau! sage ich nun dieß, damit Du für Dich und die Deinen die Religion Jesu in ihrer Allseitigkeit erfassen, Deine Kinder ihr entgegen erziehen mögest, damit Einklang und Übereinstimmung in die Gesammtheit Deiner jetzigen besonders aber auch in die Gesammtheit der einstigen ihrigen Verhältnisse komme. Suchest Du Friede für Dich und Deine Kinder, suchest Du Freude für Dich und sie - nur in Übereinstimmung im Einklange des natürlichen bürgerlichen und religiösen Leben des Menschen sind sie zu finden. Dieser große Lebenseinklang ist es der uns bis jetzt im wirklichen gesammten Leben noch mangelt; dieser große Einklang des innern und äußern Lebens ist es, welchen wir besonders jetzt bedürfen.
Blicke, Keilhau! mit dem, was ich Dir hier aussprach um Dich, und vieles wird Dir einsichtig und klar werden; es wird Dir einsichtig werden warum Kirchen- und Religionslehrer jetzt so vielseitig zurück gedrängt werden, weil sie die Religion Jesu, <profectibil / perfectibil> in ihrem Wesen, in ihrer Fortentwickelung hemmen; und statt sie zu einer Religion innerer und äußere[r] Freyheit sie zu einer Religion äußerer und besonders innerer Fesseln machen.
Blicke früher oder später Keilhau! mit dem was ich Dir hier aussprach in mein Leben in die Erscheinungen meines Lebens und vieles, alles wird Dir darinn so klar werden, als mir jetzt schon vieles davon ist; wie ich z.B. keinen Nachtheil darin sehe, daß viele meiner deutschen Verhältnisse und gerade die scheinbar wichtigsten z.B. Helba unentwickelt blieben, ich dagegen aus Deutschland auswandern mußte; denn unser Leben hätte seine menschheitliche Bedeutung dort nicht entwickeln können. Klar wird Dir so einst werden und verstehen wirst Du sie, die Ruhe und Stille meines Erziehungsganges und meiner Wirksamkeit um mich, welche mir und Dir mit mir zum Vorwurf gemacht wird: denn der Mensch muß erst den Gebrauche höherer Güter, wenn sie ihm wahrhaft nützen sollen, entgegen erzogen werden. Des Menschen höchstes Gut ist aber die Freyheit. Erziehe Dich und Deine Kinder Keilhau! ihrer wahren Würdigung und ihrem ächten Gebrauche entgegen. Wie ein treuer Vater vorenthalte ich Dir nichts, was ich dahin führend erkenne; vielmehr theile ich Dir alles sogleich mit, benutze es.- Wie ich mir unter den jetzigen europäisch-deutschen Lebensverhältnissen eine Erziehung für F menschenwürdige Freyheit auszuführen möglich denke, davon magst Du die Andeutungen besonders in dem Entwurf eines Erziehungsganzen sehen, welchen ich in /
[Blattränder 2R / 2 / 1R]
Beziehung auf das Waisenhaus zu Burgdorf heut nach Bern geschickt habe. Wenn Du Keilhau! diesen Entwurf seiner jetzigen Lokalbeziehungen entkleiden wirst, so wirst Du sehen, was mir in der Pflege Deiner bisher stets vor der Seele schwebte.- Wenn Du das was Du darin liesest in der reinsten und allgemein menschlichen Form schauen kannst, so kannst Du die Umrisse des Ideales sehen, welches ich noch darzustellen mich durch mein ganzes Leben bemühen werde; dessen Darstellung die Triebfeder meines jetzigen und künftigen Handelns seyn wird. Gedachten Entwurf wirst Du mit der nächsten Fahrpost erhalten. Prüfe, beachte und sey treu. Auch Gott ist die Treue. {Euer Dein} Friedrich Fröbel

b) Abschrift

        Willisau am 26en Tage im Monat des keimenden Lebens (März) 1834.


Gott zum Gruß Dir mein liebes Keilhau.

Wie ich Dir gern alles mein Denken und Empfinden zur Pflege, Bewahrung und Fortbildung, und all mein
Handeln zur Prüfung und Fortentwickelung mittheile, so stelle ich Dich auch heute sichtbarlich an die Spitze
meiner Mittheilungen aus dem Innersten meines Wesens; damit Du sie ernst beachten, treu bewahren
und menschlich fortentwickeln und ausbilden mögest. Was ich Dir heute schreibe würde ich Dir, wenn
es mir die Zeit gestattet hätte, vor mehreren Tagen schriftlich anders ausgesprochen haben; Wenn
das heute, wie es scheint, einem still fließenden klaren Wasser, einem ruhig klaren See gleicht, so
würde die frühere Mittheilung einem hellen rauschenden Bergstrom geglichen haben. Du siehest darin
wie sehr Du nöthig hast, das Wesen von der Form zu unterscheiden; das Wesen in jeder Form klar
zu erkennen und treu zu pflegen, fortzubilden. Mein Brief, wenn ich Dir vor ohngefähr 8 Tagen
geschrieben hätte, würde mehr den Charakter des ganz Allgemeinen gehabt haben, der heutige wird sich
mehr an das Besondere anschließen. Das ist aber eben des Lebens größ[t]e Kunst, das Besondere in dem
Allgemeinen wechselseitig zu sehen und darzustellen. Du schreibst mir in Deinem jüngsten Brief
durch JohBarop:/: :/ wie der Tadel noch ununterbrochen mein und unser Leben und besonders
von denen aus begleitet, welche sich für die Einsichtigsten halten. Bedürfte es für mich in und bey
meinem Denken und Handeln noch eines äußeren Beweises der innern allgemeinen Wahrheit des-
selben und der dasselbe begleitenden höchsten Seegnungen; so würde ich beydes in dieser Erscheinung
meines Lebens finden und erkennen: denn der stete Tadel führt mich zur stetigen strengsten Prüfung
und die Entgegnungen der Menschen, daß zeigen mir immer bestimmter daß das was ich suche und
will, wonach ich strebe reine Sache der Menschheit ist: ihr Heil und Wohl im Auge hat und daß ich
mindestens auf dem rechten Wege bin, das Wahre zu finden.
Daß das Handeln gerad in dem rechten Augenblick, nicht zu früh und nicht zu späte, und mit der gehörigen
Kraft, nicht zu stark und nicht zu schwach in die allgemeinen Lebens- und Menschheitsentwickelungen
eingreife, das ist das Wesen des seegensreichen menschlichen und männlichen Wirkens zur Erziehung
der Menschen, der Geschlechter und Völker zum Ziele und zur Bestimmung der Menschheit. Da-
zu kommt das zweytschwierige und schwierigere, was ich Dir so oft schon aussprach: daß in der
jetzigen Zeit, d.h. auf der jetzigen Stufe der Menschheits Entwickelung, alles was geschiehet mit
klarer Einsicht und Umsicht mit vollem Bewußtseyn geschehen muß. Blicke um dich liebes Keilhau!
nur wo klare Einsicht und Umsicht waltet gehen die Entwickelungen vor sich; nur so weit beyde den-
selben an der Seite stehen, sind auch die Entwickelungen fest und bestimmt, sind sie gesichert.
Es handelt sich deßhalb in der jetzigen Zeit- [,] Welt- und Menschheitsgeschichte, nicht um die Darstellung /
[81R]
des äußeren Produktes, sondern um die Einsicht in das innerste eigentste Wesen {jedes [/] dieses} Ergebnisses und um die
Umsicht des innigen Zusammenhanges mit dem großen Lebganzen.
Welche gewaltigen menschlichen Kräfte haben bis in die neuere, neueste und bis in die jetzige Zeit
für die höchsten Güter der Menschheit für das höchste Gut derselben Freiheit gekämpft, was haben
sie thatsächlich bis zur jetzigen Zeit wirklich erkämpft!- und was sie erkämpften ist es geblieben?
- ist es nicht alles wieder zurückgesunken und tiefer, tiefer als vorher? -
Mir ist der Grund davon so bestimmt als klar einsichtig; - das was diesen Strebungen und
Kämpfen Ursache und Ziel war, war nicht tief genug, war nicht in dem Urgrunde in dem Wesen aller
Dinge gegründet.
Alles was irdisch und menschlich, was als ewiges Gemeingut der Menschen nicht nur bestehen,
sondern sich als solches lebenvoll fortentwickeln und ausbilden soll, bedarf als Erscheinung und in der
Nothwendigkeit seines Daseyns einer dreyfachen Nachweisung, einer dreyfachen Begründung;
welche freylich am Ende wie alles Erscheinende, in dem Einen Urgrunde seinen Grund hat:-
einer Begründung und Nachweisung in Natur, Menschheit, Gott; also mit Eins, einer
Gründung in Gott. Was von dem Menschen ausgehend, bestehen, was in seinem stets leben-
vollen Bestehen nachgewiesen werden soll, dessen lebenvolles Bestehen muß in dem nachgewie-
sen werden und angeschaut, daraus abgeleitet werden in welchem und durch welchen alle Dinge
und Wesen ihr Bestehen und Leben haben.
Ich sehe wohl, wenn ich einen Blick auf die Entwickelungsgeschichte in den letzten Jahrzehenden
und weiter hinauf werfe, wenn ich die Ergebnisse meiner Erziehungsunternehmungen vor mir
vorübergehen lasse, wie so ungern und wie so sehr schwierig sich der Mensch zu dieser höhern gei-
stigern Lebensansicht sich bestimmt, allein es wird ihn nichts davon entbinden, sie doch endlich
als die einzig sich bewährende im Leben anerkennen zu müssen.
Was ich hier ausspreche trifft ganz vor allem das Streben nach Freyheit, dem Freyheits-
streben des letzteren und jüngsten halben Jahrhunderts. Wo tritt die höchste Begründung
dieses Strebens entgegen? - Ich finde sie nirgends, finde sie am allerwenigsten bey
denen, welche alles daran setzen dieses Streben zum Ziele zu führen, ihm den Preis zu reichen.
Darinn nun sehe ich den letzteren Grund, die eigentlich wirkende Ursache, warum sie
nie zum Ziele gelangen, warum sie nie den Preis erringen, und, wenn sie dahin gelangen,
wenn sie ihn erringen, Ziel und Preis wieder verliehren, wo sie beydes am sichersten zu
haben vermeinen. Wo aber kann der Urgrund, die Urstütze, der Urquell wahrer
Freyheit seyn, als in dem an sich freyen Wesen in Gott?- in Gott welcher der Urgrund, der /
[82]
Urquell aller Wesen, aller Dinge ist?- Und, wissen wir nicht alle: - Gott ist die Wahrheit! und
ruhet darinn nicht all unser Denken und Thun?- Wissen wir nicht alle: Gott ist die Liebe! und
ruhet darinn nicht all unser Leben und Empfinden?- Ist aber nicht da wo Wahrheit ist, auch
Freyheit? - Ist nicht nothwendig da wo ächte Liebe ist auch Freyheit? - Ist Gott nicht das Leben?-
und ist da wo wahres Leben ist, nicht auch Freyheit?- Darum ist auch Gott die Freiyheit.
Gott ist die Freyheit, das freye Wesen an sich, wie er die Wahrheit, die Liebe und das Leben ist!
Soll darum der Menschen Streben nach Freyheit sein Ziel, seinen Preis erringen, so
muß er es nicht nur in Natur und Menschheit, er muß es auch in Gott begründet schauen
und so schauend wird er es erstreben, wird er ihn erringen. Dieß mein geliebtes Keilhau!
wollte ich Dir in und mit diesem heutigen Brief und für immer sagen; aber ich will Dir heut
noch mehr sagen. Strebungen des Menschen welche in dessen innersten Wesen gegründet sind,
können d.h. dürfen nie einseitig, sondern sie müssen nothwendig allseitig seyn; sonst reißt
die eine Seite der menschlichen Thätigkeit nieder, was die andere Seite aufbauet; was die
eine Seite pflanzet und pfleget, rottet die andere Seite aus oder giebt es mindestens dem Zufalle
Preis. Nichts darf das äußere Leben des Menschen bewegen was nicht auch in dem innern
Leben des Menschen seinen Grund habe. Was sich aber auf das Wesen des Menschen und
Verhältniß zum Urgrunde aller Wesen und alles darin gegründeten sich zurückbeziehet
nennen wir das Religiöse. Weil nun die Fortentwickelungen der Menschheit stets all-
seitig seyn müssen, so müssen sie auch, sollen sie auch wie anders in ihren Früchten bleibend, wie in
ihrem Ziele wahr seyn, das Religiöse der Menschheit mit um und erfassen und zwar nicht zu-
fällig und nebensächlich, sondern mit Bestimmtheit als Zweck und Hauptsache.-
Die Religion Jesu ist aber die Religion der Wahrheit, der Liebe und des Lebens; wo
aber Wahrheit, Liebe und Leben ist, da ist Freyheit; darum ist auch die Religion Jesu, die
Religion der Freyheit!- Und sagen es uns die Aussprüche Jesu und des neuen Bundes nicht
an vielen Orten auf das bestimmteste?- "Wen Jesus frey macht der ist wahrhaft frey"
"Die Kinder Gottes sind wahrhaft frey."- Jesus erklärt bestimmt der Geist sey einig
mit Gott und Ihm." und das N.T. sagt: "Wo der Geist Gottes ist, da ist Freyheit ec, ec, ec.["]
Du kannst nun wohl mein liebes Keilhau! in Dir wahrnehmen und entscheiden, was
unsere Kirchen- und Religionslehre und Lehrer verschuldet und auf sich geladen, daß sie den
ihnen horchenden, sie Hörenden, diese Seite der Religion Jesu noch nicht entschleyerten, we-
nigstens nicht, sie einer solchen Erfassung, Durchdringung und Darlebung der Religion
Jesu, der Religion der Freyheit wie der Religion der Wahrheit, der Liebe und des Lebens entgegen
erzogen. /
[82R]
Dir, mein geliebtes Keilhau sage ich nun dieß, damit
Du für Dich und die Deinen, die Religion Jesu in ihrer Allseitig-
keit erfassen, Deine Kinder ihr entgegen erziehen mögest, damit Einklang und Übereinstimmung in die Ge-
sammtheit Deiner jetzigen, besonders aber auch in die Gesammtheit der einstigen ihrigen Verhältnisse komme.
Suchest Du Frieden für Dich und Deine Kinder, suchest Du Freude für Dich und sie: - nur in Überein-
stimmung, im Einklange des natürlichen bürgerlichen und religiösen Lebens des Menschen sind sie
zu finden. Dieser große Lebenseinklang ist es, der uns bis jetzt in wirklichen gesammten Leben
noch mangelt; dieser große Einklang des innern und äußern Lebens ist es, welchen wir
besonders jetzt bedürfen.
Blicke, Keilhau! mit dem, was ich Dir hier aussprach um Dich, und vieles wird Dir einsich-
tig und klar werden, es wird einsichtig und klar werden, warum Kirchen- und Religionslehren
jetzt so vielseitig zurück gedrängt werden, weil sie die Religion Jesu <profectibil / perfectibil> in ihrem
Wesen, in ihrer Fortentwickelung hemmen, und statt sie zu einer Religion innerer und äußerer
ächter, menschenwürdiger Freyheit, sie zu einer Religion äußeren und innerer Fesseln
machen.
Blicke früher oder später Keilhau! mit dem was ich Dir hier aussprach in mein Leben, in die Erschein-
ungen meines Lebens und vieles, alles wird Dir darinn so klar werden, als mir jetzt schon vieles
davon ist; wie ich z.B. keinen Nachtheil darinn sehe, daß viele meiner deutschen Verhältnisse, und
gerad die scheinbar wichtigsten z.B. Helba unentwickelt blieben, ich dagegen aus Deutschland
auswandern mußte; denn unser Leben hätte seine menschheitliche Bedeutung dort nicht ent-
wickeln könne. Klar wird Dir so einst werden und verstehen wirst Du sie, die Ruhe und Stille
meines Erziehungsganges und meiner Wirksamkeit um mich, welche mir und Dir mit mir
zum Vorwurf gemacht wird; denn der Mensch muß erst den Gebrauche höherer Güter, wenn
sie ihm wahrhaft nützen sollen entgegen erzogen werden. Des Menschen höchstes Gut ist aber
die Freyheit. Erziehe Dich und Dein Keilhau! ihrer wahren Würdigung und ihrem ächten Gebrauche
entgegen. Wie ein treuer Vater vorenthalte ich Dir nichts, was ich dahin führend erkenne;
vielmehr theile ich Dir alles sogleich mit, benutze es.- Wie ich mir unter den jetzigen europäisch-
deutschen Lebensverhältnissen eine Erziehung für menschenwürdige Freyheit auszuführen möglich
denke, davon magst Du die Andeutungen besonders in dem Entwurfe eines Erziehungsganzen sehen,
welchen ich in Beziehung auf das Waisenhaus zu Burgdorf heut nach Bern geschickt habe. Wenn Du Keilhau! die-
sen Entwurf seiner jetzigen Lokalbeziehungen entkleiden wirst, so wirst Du sehen, was mir in der Pflege
Deiner bisher stets vor der Seele schwebte.- Wenn Du das, was Du darinn liesest, in der reinsten und
allgemein menschlichen Form schauen kannst, so kannst Du die Umrisse des Ideales sehen, welches ich darzustellen
mich durch mein ganzes Leben bemühen werde; dessen Darstellung zur Freyung der <Menschen / Mensch[h]eit> die Triebfeder
meines jetzigen und künftigen Handelns seyn wird. Gedachten Entwurf wirst Du mit der nächsten Fahr-
post erhalten. Prüfe, beobachte und sey treu. Auch Gott ist die Treue. Dein Friedrich Fröbel.