Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 28.3./29.3.1834 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 28.3./29.3.1834 (Willisau)
(KN 47,3, Brieforiginal 1 B 4° 3 S.)

Willisau am 28en März 1834.


Euch allen Gottes Gruß allem zuvor!

Dieß soll ein Notizenbrief werden wie Ihr deren schon so manchen von mir erhalten habt, und so beginne
ich gleich damit: 1. Daß ich Deinen Brief lieber Barop aus Meiningen vom 16. dieses am 26en erhalten habe
und daß ich und wir alle Langethals gesunder und glücklicher Ankunft für Morgen Abend entgegen sehen.
2., Will ich gleich mit einigen Postnachrichten fortfahren, wie deren unsere letzteren Briefe mehrere
zum Ordnen der Mittheilungen enthielten: - "Auf jeden Brief welcher Samstags in Willisau auf
die Post gegeben wird (:und ich werde in Zukunft hier immer nur Samstags schreiben, wenn ich nicht die
Nachricht erhalte daß der am Montag jüngst an Euch abgeschickte Brief am schnellsten bey Euch ange-
langt ist:) - kann am 19en Tage von Keilhau die Antwort hier eintreffen, wenn Ihr anders
gleich mit der nächsten (Mittwochs)post schreibt."- Dagegen "auf jeden Brief welcher Mittwochs
in Keilhau auf die Post gegeben wird, könnet Ihr von hier aus am 20en Tage die Antwort in
Keilhau haben. Also cca immer 3 Wochen ehe frühestens die Antwort auf eine Frage kommt und
dann muß immer mit nächster Post geantwortet werden.
3., Ich habe leider in meinen früheren Briefen an Euch etwas für uns hier Wichtiges vergessen; nemlich
zu bitten daß uns Langethal die Bestimmungen zur Europa's Karte mitgebracht hätte. Ich höre
der sel. Wilhelm habe sie neu durch[-] und ausgearbeitet. Also bitten wir um Abschrift dieser neuen Bestimmungen[.]
Wenigstens einen Theil dieser Bestimmungen möchten wir schon im nächsten Monat durch die Fahrpost erhalten[.]
Im Fall Ihr meynen solltest [sc.: solltet] daß vielleicht bald darauf für Herrn Langethal durch Fracht hierher ge-
schickt werden würde. Nach Langethals Ankunft will ich Euch gleich das nähere schreiben; jetzt bitte
ich nur sogleich für eine correcte gut verglichene Abschrift zu sorgen.
4. Zu den wunderbaren Lebensveränderungen gehört wieder, daß wir nach einen am verflossenen
Mittwoch angekommenen Brief aus Eddiggehausen Frankenbergs Schwester noch vor Ostern, also schon
morgen hier zu erwarten haben. Es ist mir nun nichts unangenehmer als wenn sich der Mensch zu
einem Verhältniß den Muth nehmen läßt und dasselbe dann doch mit halbem Vertrauen ergreift
und festhält. Du Barop! magst mit Deiner treuen westpfälischen Schilderung des Frauenstandes hier in
Willisau, besonders des Standes der Wirtschafterin - (:wenn ich diesen vielumfassenden Namen für eine Gehülfin
meiner Frau brauchen darf) - eine starken Eindruck auf die Schwägerin von Luise Frkenbg und vielleicht
auch auf den einen oder den andern Ihrer Brüder gemacht haben; genug der frohe Muth hierher zu kommen war
ihr dadurch, wie sie im vorigen Brief [schrieb] sehr benommen; so daß ich glaubte sie hätte nun das hierherkommen ganz
aufgegeben, was mir auch lieb gewesen wäre; denn Wanken im Vertrauen bringt für mich nun einmal
eine Lähmung der innersten Lebensverhältnisse hervor, welche die Folge des Lebens schwierig heilt.- Statt
des sicher erwarteten Ausbleibens schreibt sie nun ihre unmittelbare Abreise. Auch nach Keilhau
an Dich Barop wird sie geschrieben haben, um anzuzeigen daß vielleicht die Überkunft einer Keil-
hauerin hierher unnöthig sey.- Bis ich mich mit Langethal besprochen habe, bleibt mein Vorsatz
fest Langethals Frau; Ernstinen, so bald hierher kommen zu lassen, als es die Verhältnisse möglich machen. /
[1R]
Da wir nun aus Deinem jüngsten Brief aus Keilhau vom 11/3 ersahen daß Ernestine nicht gleich mit ihrem
Langethal kommen konnte, so hatten wir Luisens Austritt sogleich wieder weiter hinaus gesetzt
und ihr dieß ausgesprochen, weil sie wirklich deßhalb auch in großer Verlegenheit war, da sich gar
keine Stelle für sich sie finden will, so haben wir nun für Frankenbergs Schwester gar keinen Raum im Schlosse
es blieb uns also nur übrig von Kilchmanns früherem gütigen Anerbieten Gebrauch zu machen, so daß sie
nun für unbestimmte Zeit dort schlafen; versteht sich aber sonst bey uns leben wird.- Nichts ist heil-
loser im Leben als das Schwanken der Gesinnungen und Entschlüsse, das Leben wird dadurch in seiner
innersten Grundfeste zerstört; aber den Menschen sind Gedanken wie die Fragen und Antworten
im Spiele, wie gefällt dir dein Nachbar?- Darum ist aber auch unser aller Leben so klein und kleinlich[.]
Der Menschen, der Europäischen Menschen Leben wird noch wie Staub zerfallen!- Die Ursache davon
ist?- Die Untreue gegen unmittelbare und Grundgefühle, Grundempfinden des Herzens, mindestens
das Schwankende Festhalten derselben im Leben. Die Menschen wünschen und fordern sogar für sich
das beste und haben in dieser Beziehung weder Zutrauen zu sich - noch weniger zu anderen.- Mein
Vertrauen hat mir meinen Lebensbaum zerstört; allein ich würde mich schämen es nicht gehabt zu
haben denn es waren Geschöpfe mit menschlichem Angesicht denen es wurde. Ob mann [sc.: man] es nun Dummheit
oder wie nennen mag gleich viel, den Lohn dafür trage ich unverbürgt in mir: daß ich in dem
Geschöpf nicht mit Worten sondern der That nach den Schöpfer ehrte.-

Am lieben Oster-heilgen Abend. Vor Mittags. Heute am Morgen noch ehe meine Frau und ich in den allge-
meinen Kreis traten ist Frankenbergs Schwester angekommen. Mich jedes Urtheils enthaltend sage
ich blos, daß ihr Gesammteindruck wohl die Möglichkeit hoffen läßt, sie könne sich in dem Kreise zurecht finden.
Denn etwas werdet Ihr doch von mir über sie hören wollen.- Was Euch vielleicht als etwas Bestimmtes <noch / auch>
mehr erfreut ist, daß sie mir sogleich sagte; es herrsche in der ganzen Umgegend ein großes Zutrauen zu
dem hiesigen Wirken; was sich auch besonders dadurch kund gethan habe daß sich überall die Gesichter erheitert
und die Personen zuvorkommender geworden wären, sobald sie gesagt, sie reise hierher.- Sie sagte mir
ferner daß mehrere achtungswerthe Frauenzimmer gern an ihrer Stelle und mit ihr hierher gereiset seyen.
In Augenblicklichen Gesammtgefühl entschlüpfte mir jedoch das offene Geständniß; daß ich deren vor der
Hand genug habe.- Auf Schnydersche Weise brachte sie mir von diesem den Gruß, daß er sich nach mir
sehne (:In dieser Redensart ist der ganze Schnyder enthalten:)[.] Künftigen Sommer will er die Schweiz besuchen.- Wer die Professorin
Weiß aus Berlin kennt, dem sage ich daß Frankenberg Schwester im Gesichtsausdruck Natur und Benehmen, ja wie es
scheint auch im Charakter sehr viel Ähnliches mit derselben hat, nur daß die Professorin Brünette und diese Blondine ist.
- Bey dem was Du Barop dem Herzog von M. als übergeben mir bezeichnet stehen die Grundzüge d. ME nicht aufgeführt
Du hast wohl blos vergessen solche mir zu nennen, nicht aber vergessen, sie abzugeben.- Auch hast Du mir zwar vieles beantwor-
tet Barop! allein nicht die wichtige Frage: Wie Du jetzt über Dein Zurückkehren nach der Schweiz denkst. Wenn
Langethal Deine Ansicht darüber nicht kennt so schreibe mir bald bestimmt darüber. Nicht etwa um dadurch auf
große Entwickelungen die Erwartung zu spannen, sondern nur auf jede etwa zu gebende Erklärung vorbereitet zu seyn.-
Frankenbergs Brüder haben ihr Pachtungsgeschäfte mit der Cammer zu Hannover beendigt. Wie die Schwester sagt /
[2]
die Cammer habe sie sehr hart behandelt, d.h. ihnen für einige Tausend Thaler Verbesserungen nichts erstattet. Am 1n März
treten sie die Pachtung ab.- Beyde Brüder Ernst und der Lieuten: wollen uns vor ihrer Abreise nach Amerika noch
hier in Willisau besuchen. Johannis denken sie nach Amerika abzureisen. Follen aus Gießen ist schon abgereist.-
Bey Amerika denke ich auch Dudens. Ich fordere Euch auf sobald es nur irgend angeht
1.)  Gottfried Duden über die wesentlichen Verschiedenheiten der Staaten und die Strebungen der menschlichen
Natur. Gedruckt zu Cöln bey Th. F. Thircart im Jahr 1822. auf Kosten des Verfasser 8° Ein Band 284 Seiten
durch den Buchhandel kommen zu lassen. Das Lesen dieses Buches wird für Euch als Menschen, Haus- u Familienväter
als Erzieher und Lehrer und als Staatsbürger gewiß sehr wichtig seyn um in all diesen Beziehungen Euere Grundsätze und Ansichten immer mehr zu
klären und zu ordnen. Es ist mir lieb daß ich Euch früher schon auf Schlötzer aufmerksam machte und daß Ihr
Euch jene Büchelchen habt kommen lassen und hoffentlich auch - gelesen u. wieder gelesen habt; ist nun dieß so
so wird das Lesen dieser Schrift für Euch nicht ohne bedeutenden Gewinn seyn. Ich habe es gelesen und werde es
lesen und wieder lesen. Ich möchte sie Euch commentieren können. Die Hauptsache bleibt für mich immer die dadurch
immer das um so klarer sehen z und somit beachten bewahren <schätzen / schützen> und bewahren zu lernen was wir mindestens
im werkthätigen Streben schon haben. Eine neue revidirte Ausgabe meines Lebens versteht sich, des nicht ge-
druckten in gr. 8° an welcher ich jetzt alles Ernstes arbeite wird dieß hoffentlich noch beweisen. Ich empfehle Euch
2ens Gottfried Duden Europa und Deutschland von Nordamerika aus betrachtet, oder die Europäische
Entwickelung im 19n Jahrhundert in Beziehung auf die Lage der Deutschen, nach einer Prüfung im Innern
Nordamerikas. Erster Band Bonn 1833. In Kommission bey Eduard Weber g. 8. 476 Seiten[.]
Auch in dieser Schrift habe ich 102 S. schon gelesen. Es schließt sich an seinen Reisebericht an dessen pädagogische
Wichtigkeit Ihr schon kennt. Wäre es nicht zu weitläuftig diese Bücher erst hierher kommen zu lassen und
sie Euch dann zu schicken so würde ich mich mir das Vergnügen machen. Dieses Buch eignet sich sehr zu einem
Geburtstagsgeschenk für Euern Vater, meinen Bruder. Es wird gewiß schöne Verknüpfungspunkte zum
gemeinsamen Verständniß geben; es ist ein schöner Spiegel meines, unseres Eures Lebens und wer
schaut sich nicht gern in einem Standspiegel wo man von dem Scheitel bis zur Sohle sieht und A-
merika ist ein solcher aber zugleich so merkwürdiger Spiegel, daß man sogar sein Herz und Gemüthe
darin im Wiederschein [sc.: Widerschein] sieht.- Wenn ich genannte zwey Bücher schon früher gehabt haben sollte ehe ich
Euch die jüngste Anweisung geschickt habe, so thut es mir sehr leid Euch nicht gebeten zu haben das Geld
dafür zurück zu behalten; doch wird sich mir schon Gelegenheit zeigen es Euch zu ersetzen.-
So thut es mir auch leid Barop daß wir nicht früher wußten daß Duden ohne Zweifel in Bonn
höchstens in Düsseldorf lebt, Du hättest ihn auf jeden falls auf Deiner jüngsten Reise besuchen müssen.
Ich kann Dir gar nicht sagen wie leid mir thut daß wir dieß nicht wußten. Habt Ihr Bekanntschatt [sc.: Bekanntschaft] in Bonn
so fragt doch an ob er wirklich dort lebt. Es ist merkwürdig, daß das persönliche Bekanntwerden mit diesem
Manne uns so nahe war und so unbeachtet an uns vorübergegangen ist.- Es ist 3½ Uhr Langethal ist noch
nicht da, aber Langguth u Titus sind ihm entgegen.- Die herzlichsten Grüße von allen besonders der Mutter Dein
Euern

         FriedrichFröbel. /
[2R]
[Adresse:]
Der
löblichen Erziehungsanstalt
in
        Keilhau
bey Rudolstadt in Thüringen