Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an das Erziehungsdepartement der Republik Bern in Bern v. 12.4.1834 (Willisau)


F. an das Erziehungsdepartement der Republik Bern in Bern v. 12.4.1834 (Willisau)
(StAB: BB III b 1928, Brieforiginal 1 B fol 4 S., ed. Geppert 1976, 46-49; tw. ed. Lück 1953, 5f.)

Willisau den 12. Apr. 1834.


An das Tit. Erziehungsdepartement der Republik Bern zu Bern.


Hochgeachteter, Hochgeehrter Herr Präsident,
Hochgeachtete, Hochgeehrte Herren.

Vor allem muß ich zuerst um geneigte Nach-
sicht bitten wegen verspäteter Uebersendung der nun
hiebey folgenden Quittung über das 1te Viertel des jährl[ichen]
Unterrichts- und Kostgeldes für He. Schäfer. Die Ursache
dieser Verspätung ist eine zweyfache: zuerst wünschte ich zugleich
eine vorläufige Rechenschaft der Unterrichtsstunden für das
Sommerhalbjahr 1834 beyzufügen; dann drängten sich mir mit dem
Beginn dieses halben Jahres die Geschäfte so außerordentlich zu-
sammen, daß mir während des ganzen Tages von früh bis spät Abends
auch nicht eine Stunde frey blieb, die ich zur Uebersendung der
Rechenschaft hätte anwenden können.
Seit dieser Zeit ist mir nun auch am verflossenen Sonntag
durch den Herrn Pfarrer Stähli in Hutwil die Nachricht
geworden, daß das Tit. Erziehungs-Departement dessen
vorläufige Uebersendung des jungen Caspar Scheidegger aus
Hutwil hochgeneigt genehmiget, und denselben unter die Zahl
der meiner Leitung anvertrauten Schullehrerzöglinge
wirklich aufgenommen habe.
So empfange ich nun weiter am heutigen mittelst Zufer-
tigung vom 31. vor. Monats von einem Tit. Erziehungsdepart.
die Anzeige dieser Genehmigung und zugleich ebenfalls die
Uebersendung des 1. Viertels des jährlichen Unterrichts- /
[1R]
und Kostgeldes für denselben. Ich beeile mich, nun auch hiefür
die schuldige Quittung hier angeschlossen dankend beyzulegen.
Hiebey muß ich jedoch mir die Bemerkung erlauben, daß nach mei-
nem Schreiben an das Tit. Erziehungsdep. v. 16. Dec. vor. J. und
nach den dort unter Lit. D ausgeführten ökonomischen Bedingungen
das vierteljährige Kost- und Unterrichtsgeld für einen Zögling
nicht L. 68 rp. 75, sondern L. 73 beträgt; denn, wie dort angegeben,
ist das ½jährige Unterrichtsgeld L. 24, und das ½jährl Kostgeld
Louisd'or 7½. Außerdem forderte für einen die Herstellung
der Schul-, Turnplatz- und andrer Bedürfnisse, nicht wie ich dort
leider irrig angegeben ½jährl nur L. 2, sondern L. 8, wie aus der
hier beyliegenden für Scheidegger abgegebenen Nota ersichtlich ist.
Ich ersuche darum ganz ergebenst, bey Uebersendung der nächsten
¼jährl Unterrichts- und Kostgelder für das laufende sowohl wie
für das verflossene [Vierteljahr; Geppert: Jahr] gefälligst hierauf Rücksicht zu nehmen.
Indem nun seit dem 7. d. M. die Erziehung und der Unter-
richt des Sommerhalbjahres begonnen hat, erfülle ich zugleich meine
Schuldigkeit, von der Benutzung desselben für die beyden mir
anvertrauten Schullehrerzöglinge
Schäfer und Scheidegger
wenigstens vorläufig und im Allgemeinen Rechenschaft zu geben.
Ich fand nemlich wie bey Schullehrerzöglingen überhaupt, so in
besondrer Beziehung auf sie den Plan nothwendig:
Erstlich: sie rein als Zöglinge zu betrachten, d.h. ihnen
durch Unterricht und Bildung die Kenntnisse zu verschaffen und
anzueignen, welche ihr künftiger Beruf von ihnen fordert.
Zweytens: ihnen die Kenntniß, Fähigkeit, Uebung und
Gewandtheit zu verschaffen, welche nöthig ist, die vorher ge-
dachten erlangten Kenntnisse der Jugend durch Erziehung,
Lehre und Unterricht mitzutheilen.
Drittens: ihnen den Ueber- und Durchblick des Erziehungs-
und Unterrichtsganzen seiner Einheit und seinem Grunde, seinen
Gliedern und Richtungen, und deren innern u. äußern Zusammenhange
nach zu verschaffen, so daß also die ganze Zeit ihres hiesigen Aufent-
haltes sich eintheilen wird
1, in die Erwerbung von Kenntnissen an und für sich,
2, in die Ausbildung der Erziehungs- und Lehrfähigkeit,
3, in den Ueberblick und die Aufnahme des Erziehungs- und Lehr-
ganzen selbst. /
[2]
Es versteht sich jedoch, daß bey diesen jungen Männern und bey der
mir zu ihrer Ausbildung zugemessenen kurzen Zeit der angegebene
Bildungsgang nicht stufenweis nach einander, sondern gleichlaufend
neben einander beobachtet u. verfolgt werden kann.
In dieser Beziehung sind nun für die beyden Schullehrerzöglinge
die Tagesstunden bis jetzt auf folgende Art vertheilt:
Von 6-7 des Morgens alle Tage: Darlegung der Einheit
der Glieder und Richtungen des Erziehungs- und Unterrichts-
ganzen, sowohl den Gründen, als dem innern und äußern Zusam-
menhange nach, gegründet auf die im Bereiche der Zöglinge
liegenden Lebenserfahrungen und daraus entwickelt. Bey mir selbst.
Von 7-8 Frühstück.
Vor 8 nehmen sie Theil an dem Anfange des Unterrichtstages durch
Gebet und religiösen Gesang.
Von 8-9 Zahl nach ihren verschiedenen Rücksichten. Bey mir selbst.
Von 9-10 Deutsche Sprache. Eben so.
Von 10-11 Elementarzeichnen. Eben so.
Von 11-12. Abwechselnd Erdkunde und Geschichte der Schweiz.
Ersteres bey mir, letzteres bey He. Frankenberg.
V. 12-1½ Mittagstisch und frey.
V. 1½-2½ jetzt Schreibübungen, später werden diese Stunden
noch für Unterricht in deutscher Sprache benutzt werden.
V. 2½-3½ Unterricht im Singen bey He. Gnüge.
V 3½-4 Vesperbrod.
V. 4-5 Selbstbeschäftigung.
V. 5-6 dreymal Pflanzenkunde und zweymal jetzt Formen-
später Größenlehre. Bey mir selbst.
V. 6-7. Turnen.
Nach 7 nehmen sie Theil an dem Schluß des Tages durch
Gesang und Gebet.
Abends nach Tisch allgemeine Mittheilungen, Selbstbeschäf-
tigung oder 4stimmiger Männergesang.
Sonntags besuchen sie entweder mit dem Kreise die öffentl
Kirche in Hutwil, oder nehmen Theil an der Hausandacht.
Dann ist Selbstbeschäftigung, Nachmittags gemeinsames Spiel od.
Spaziergang, Abends Musik. /
[2R]
In dem Fortgange der Ausbildung können jedoch vielleicht
manche dieser Stunden noch im Laufe des Halbjahrs einige jedoch
ohne Zweifel unwesentliche Abänderung bekommen.
Indem ich dem Tit. Erziehungsdepartement schuldigst diese Rechen-
schaft vorlege, muß ich mir erlauben noch folgende Bemerkung
hinzuzufügen: bey dem Hochdemselben am Ende vorigen Jahres
zur Aufnahme von Schullehrerzöglingen in meine Anstalt vor-
gelegten Plane mußte ich es zu einer in der Sache selbst liegenden
Bedingung machen, um nemlich während nur einem Jahre zu einem
befriedigenden Gesammtergebniß zu kommen, daß wenigstens 4 
Schullehrerzöglinge mir anvertraut würden. Ob ich nun gleich
nach der mir zugekommenen Weisung noch 4 derselben, nemlich:
1, Friedrich Hirschi aus Trub, 21 Jahr alt,
2, Johannes Saam aus Lützelflue, 16 J. alt,
3, Rudolf Feller aus Noflen, 19 J. alt,
4, Jakob Steiner aus Oberamt Frutigen, Kirchgemeine
       Reichenbach, 16 Jahr alt,
der hohen Behörde zur Auswahl vorgeschlagen habe durch Tit.
Herrn Regierungsrath Schneider; so hat es bis jetzt doch nur
bey dem Eintritt der Genannten sein Bewenden gehabt. Würden
sich nun nicht meine Verhältnisse von einer andern Seite her für
diesen Zweck günstig entwickelt, d.h. würde sich nicht ein mehr-
seitiger Verein frischer, junger und gediegener Kräfte, die sich
in dem hiesigen Kreise für Erziehung und Unterricht ausbilden,
gebildet haben, so würde es mir nicht möglich gewesen seyn,
nur mit diesen bereits eingetretenen zweyen der von mir
übernommenen Verpflichtung nachzukommen, weil, wie ausge-
sprochen, der Aufwand meiner Kraft zu groß, und der gegen-
seitige Antrieb der Zöglinge zu schwach gewesen wäre.
Nun aber hoffe ich jenes im Vertrauen auf den Fleiß der jungen
Männer mit Freudigkeit.
Die Anzahl meiner Zöglinge in diesem halben Jahre
ist 50, sie sind größtentheils über 13 Jahre alt; die Anzahl
der Lehrer außer mir ist 6.
Genehmigen Sie, Hochgeachteter, Hochgeehrter Herr Präsident,
Hochgeachtete, Hochgeehrte Herren die Versicherung wahrer
Verehrung und ausgezeichneter Hochschätzung, mit welcher ich die
Ehre habe zu seyn
Ihr
      ganz ergebenster
      Friedrich Fröbel.