Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 13.4./16.4./19.4.1834 (Willisau)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 13.4./16.4./19.4.1834 (Willisau)
(KN 47,5, Brieforiginal 1 B 4° 4 S.)

Willisau am 13en Tage des prüfenden Wechsels (:IV:) 1834.


Heute zuerst Dir Barop den Gruß,
und durch Dich allen übrigen die herzlichsten Grüße von mir und allen.

Ich wende mich mit diesem Briefe zunächst an Dich weil er zuerst und am meisten von hiesigen äußeren Lebensverhält-
nissen sprechen wird welche darum Dir anschaulich bekannt sind und Du sie nun auch den Übrigen am besten deuten
und erklären kannst - zwar sagt Langethal daß Du seit Deiner jetzigen Rückkehr nach Keilhau in Beziehung auf
das Allgemeine hinsichtlich Deiner Mittheilungen über hier und Deine Reise ziemlich wortkarg gewesen seyest, was
mir zwar nicht ganz begreiflich ist, <doch> setzt freylich jede besondere Mittheilung auch eine besondere Anregung dazu
voraus und so hoffe ich wirst Du denn auch nachfolgenden Mittheilungen Dein erklärendes und belebendes Wort nicht versagen[.]
Für Donnerstags nach Ostern ist uns endlich von der Amtsstatthalterey auch die Kanzleystube und der Verhörsaal
was seit länger als einem Vierteljahr sehnlichst von uns gewünscht und gehofft wurde - gänzlich eingeräumt. Weil die
Menge der Menschen besonders das sehr vermehrte Tischpersonal stark drängte, denn wir hatten schon seit fast
14 Tagen in unserer gewöhnlichen Wohnstube um Platz zum Sitzen zu gewinnen die Tische während des Speisens aus
einer Ecke schräg durch die Stube nach der anderen Ecke setzen müssen - so wurde schon Sonntags Mittags obgleich
der Fußboden noch nicht ganz trocken war, schon im Saale gespeist. Weil nun aber auch der Tischler die Eßtische
noch nicht liefern konnte, so müssen wir noch bis jetzt auf gewöhnlichen Wirtstischen essen, welche auf Böcken ([*Zeichnung*:        ]
ruhen und welche uns der Tischler aus dem Rößly besorgt hat. Wir sind nemlich bey Tische jetzt im Ganzen 23 Per-
[sonen.] Auch gewöhnliche <5 / 6>beinige Bänke von daher mußten wir besorgen lassen<,> weil wir noch lange nicht Stühle genug besitzen
sonen - 3 davon sind Berner SchullehrerZöglinge; 1 ist der Pfarrerssohn von Huttwyl; Anton Brunner aus Luzern, Heinrich
Weber aus Rickenbach und Georg Rüegger aus Büron kennst Du schon; nun sind noch 2 Zöglinge aus Hochdorf und 1
aus Spitzkirch hier eingetreten, dann Frankenbergs Schwester und Langethal; alle übrigen wißt Ihr machen zu-
sammen 23 Personen. Mit der Magd sind wir also sogleich grad 24 im Hause. Mit dem Schlafen sind wir auch ge-
hörig zusammengedrängt; in der ersten Stube wo die Lehrer schlafen stehen 7 Betten; in der mittleren Stube
wo Brunner und Weber schläft stehen 8 Betten; in der Stube wo ich sonst mit der Frau schlief stehen 4 Betten in der hinteren
Eckstube welche sonst frey war, stehen jetzt 2 Betten, für meine Frau und die Frankenberg; in dem kleinen Eckstübchen
stehen noch die beyden Betten der Töchter. Vor dem Osterfeste schien es als sollte sogleich nach demselben der Bau des Schlaf-
saales begonnen werden; vor einiger Zeit sagte jedoch der Herr Doktor ich müßte mich nun noch einige Zeit gedulden indem der
Verein jetzt der Ausgaben zuviel habe (:er hat nämlich den Weg vom Schlosse nach der Stadt ganz herstellen lassen:)
gestern sagte mir jedoch Frankenberg ihm habe der Herr Gerichtsschreiber Kilchmann gesagt, daß am gestrigen
Abend der Verein zusammen kommen würde, um ernstlich über den endlichen Bau des Schlafsaales zu berathen
denn ihnen sähe nun ein daß derselbe nicht länger aufgeschoben werden könne; bis zum Herbste müsse wenig[stens]
der Bau desselben beendigt seyn. Ich freue mich, daß sich ehe dieser Bau beginnt <Herr> Langethal hier bestimmt [ein-]
leben kann, damit es ihm dann auch vergönnt ist dabey ein bestimmendes Wort zu sprechen. Der Reg. Rath
Baumann welcher seit dem Tode seines Bruders jetzt zum öfteren hier in Willisau ist scheint das Ganze sehr
zu betreiben. Er klagte vor einigen Tagen sehr über die Schläfrigkeit des Reg. Rath Hecht; er sagte mir z.B. <obgleich> derselbe unendlich oft in Luzern und auch bey ihm gewesen sey so habe er Baumann doch erst vor einigen Tagen
auf anderem Wege 50 Aktien erhalten, von welchen er sogleich <20> Stück untergebracht habe. Mit dem
Baue des Turnplatzes geht es aber jetzt nach dem Schweizerausdruck weidl[i]g; gestern kamen vier Zimmer-
leute mit einemmale um denselben herzustellen; es kann wohl seyn daß auch die ehegestrige Gegenwart
von Eduard Pfyffer als Refferent des Erziehungsrathes bey der Prüfung der hiesigen Sekundarschule etwas dazu bey-
getragen haben mag. In die Anstalt selbst ist Ed. Pfyffer nicht gekommen; es mangelte ihm dazu die Zeit, weil
zugleich auch die Prüfung in andern Sekundarschulen z.B. in Schötz angeordnet war. Am meisten scheint jetzt
Reg. Rath Baumann das Ganze eifrig zu betreiben. Frankenberg sagte gestern Abend Kilchmann habe geäußert
daß der R.R. Baumann sich sehr lebhaft für die hiesige Erz.Anstalt interessire, er soll gesagt haben, die hiesige
Lehrweise müsse allgemeiner gemacht und zu diesem Zweck das Schullehrerseminarium von Luzern
hierher verlegt <zu> werden. Ich möchte sagen, der R.R. Baumann scheint das Unrecht (unbewußt) gut
machen zu wollen was eigentlich sein Bruder besonders mir durch seine späteren trüben Ansichten zugefügt
hat. So hat er, der R. R. auch den Lorenz, welcher nach dem Willen der Mutter aus der Anstalt bleiben /
[1R]
sollte wieder in dieselbe zurück gebracht, wobey er sagte, daß wir wegen der Unterrichtsgelder uns nur an ihn
zu wenden hätten. Die Ankunft Langethals - so gieng es mir besonders auch von den Äußerungen d[es] He. RR.
Baumann hervor, scheint wenn auch unbewußt doch stillschweigend wieder sehr wohlthätig erhebend gewirkt
zu haben, indem man daraus wie gesagt wenn auch unbewußt den Schluß zieht, daß mir die innere
Aus- und Durchbildung der Anstalt ernste Sorge ist. Doch wieder zu dem häuslichen zurück. Der Turnplatz
ist - ich glaube auf Antrieb des Lehensmannes nach den drey Feldseiten hin mit einfacher Einhegung
[*Zeichnung*:        ] bestehend aus einfachen Ständern und starken Stangen umgeben, und zwar nach beyden Seiten
hin in 14 fußiger Entfernung; hinter dem Schwebebaum ist die Entfernung etwas geringer.
Den schon bestehenden Garten hat Langethals Thätigkeit im Verein mit den Übrigen schon fast ganz bestellt.-
Auch das andere Stück hinter der Mauer, zwischen dem <Trepp> Thurm und der Scheuer ist schon ganz
urbar gemacht und zum Theil besäet; Frankenberg was Du vielleicht nicht erwartet hattest, hat sich
dabey besonders thätig und ausdauernd bewiesen. Überhaupt zeigt Frankenberg in allem eine seltene
innere Treue und Beständigkeit d.h. Festhalten des Grundgedankens der Grundempfindung und ein sehr inniges
in sich Verbundenseyn mit dem Ganzen. Für diesen würde es ganz besonders gut seyn ein Jahr wenigstens in
Keilhau sich recht thätig ins schaffende Leben einzuleben. Middendorff würde einen wackeren Gehilfen in allem
an ihm erhalten, und er - er würde für seinen thätigen Sinn sich mehr praktische Gewandheit und Erfahrung
sammeln; die kühle Keilhauer Luft würde das Wenig Schulstaub und Gelehrten Puder der unbewußt noch auf
seinem Gewandte ruht abwehet [sc.: abwehen]. Aber wie gesagt seine Seele ist davon ganz rein; und ich hoffe daß ich bald
in mir und durch die Lebenserfahrungen die Überzeugung erhalten werde, daß [er] es mit der Sache ernst und
treu meyne wie einer, und nach meinen bisherigen Lebenserfahrungen will das wahrhaft viel sagen.
Auch seine Schwester scheint es gut und treu zu meynen, ob ich ihr gleich etwas weniger Worte und
allen beyden etwas mehr Knochenbau und etwas mehr Mark in denselben wünschte. Aber wiederum
scheint es auch der Schwester hier gar sehr zu gefallen, so sagte mir gestern Abend Frankenberg, daß sie gegen
ihn geäußert habe, er habe ihr zwar viel Gutes über das hiesige Leben geschrieben, doch habe und finde sie es
noch weit vorzüglicher als er es ihr geschildert habe, sie habe dieß auch jüngst ihren Brüdern und ihrem Schäfer
(ihrem Verlobten) geschrieben daß sie nicht nur alles bestätigt gefunden was er ihr von hier geschrieben habe
sondern sogar noch mehr, ob man gleich wohl denselben (den hiesigen Frankenberg nemlich) oft der
Schwärmerey beschuldigt habe. Doch wieder zurück zu Frankenberg; ich kann mich recht freuen, wenn
er in sich so recht durch und durch und vom Grund seines Herzens über Erfahrungen ergrimmt die ich Gott sey Dank
nun hinter mir habe.- Du kennst z.B. seine beyden Freunde Moller und Schliphake in Hanau; wie Du schon weißt
hat er sich - bey ihrem sonst redlichen Willen - sehr viele Mühe gegeben sie für ein allgemein menschheitliches - für
unser Erziehungsunternehmen zu gewinnen. Seit Deiner Abreise hat er nun auf Veranlassung meines an den Großr[ath]
Stähli
mitgetheilten größeren allgemeineren Erziehungsplanes, wieder einen sehr ausführlichen Brief über meine
und unsere Erziehungsunternehmungen an sie geschrieben und nun bekommt er vor ein paar Tagen einen Brief, worinne
sie ihm in allem so recht geben als wären sie mit ihm in Beziehung auf das Handeln ganz einverstanden aber am
Ende doch so nach einer Staatsanstellung so langen und bangen als schwämmen sie wie Schiffbrüchige auf offenem
Meere; er ergrimmte über ihr Rühmen ihrer Scheinfreyheit, da sie sich doch nur nach Fesseln sehnten; - er ergrimmte
daß sie den Krause gehört u gelesen hatten und ihn im Munde führten - welcher doch von einem Menschheitsbunde
spricht, den sie nun verläugneten da er ihnen nun als ein wirklicher nahe käme; er ergrimmte, daß er so viel
an sie geschrieben, sie im Worte übereinstimmend mit ihm schienen und im Handeln ihm so ferne seyen. "Was hilft alles
Reden und Schreiben die Menschen sind gar nicht zu überzeugen doch bin ich überzeugt sie würden anders denken und handeln wenn sie nur den Muth hätten zu sehen u.s.w." ich sagte ihm ruhig und trocken: lieber Frd
diese eine Erfahrung ist die
die Sie so erregt, ist die stehende Erfahrung, d.h. die fortgehende Erfahrung meines Lebens; allein ich
schrieb und redete nicht nur sondern die Andern sahen auch - und sie sahen und glaubten doch nichts u.s.w.
Du siehst daraus daß sich jetzt auch hier das Leben bis zu den innersten Mittheilungen über die wichtigsten
Interessen und Erfahrungen des Lebens entwickelt und einigt.
- Es ist jetzt da ich dieses Sonntags abends wohl nach 8 Uhr. Wir haben so eben nach alter Keilhauer
und neuer Willisauer Sitte unser kaltes Abendbrot gegessen. Alle sind hier wir fast in unserm neuen
Speisezimmer dem Verhörsaale versammelt; fast alle Hausgenossen sitzen wir an einer langen Tafel /
[2]
welche längst der Länge desselben steht. An dem oberen Ende nach der Stadt zu sitzen 12 junge Männer der Anstalt
und singen 4 stimmige Männerchöre; die 4 Frauen haben entweder Bücher mit Lithographien, oder lesen, oder
stricken; einige der Jüngeren sitzen mir gegen über und lesen in den Wundern der Welt; ich sitze hier und
schreibe.- So saßen wir auch vorgestern, Freytags Abends. Da wurde mir so wohl, da war mir so wohl
wie mir seit fast undenklichen Jahren in größerer [sc.: größerem] Lebensverkehre nicht gewesen war. (:Also mein hochbe-
glückendes Assyl in Wartensee abgerechnet:) Ja ich möchte fast sagen seit meinem ersten begründenden Wirken in
Griesheim sey mir nicht so wohl gewesen, d.h. habe nicht ein so beruhigtes Gesammtgefühl in mir gehabt
als eben vorgestern. In dem dickmaurigen, hochfenstrigen, gewölbten ritterlichen Saale mit seiner <massigen>
Stuckatur und doch nach drey Seiten hin der Aussicht ins Freye offen, faßte das wohlthätige Gefühl eines
freyen und doch festen gesicherten Lebens Wurzel im Gemüthe; es war mir, wie schon gesagt, so wohl wie
seit langem, langem, langem nicht; ich wünschte Dich Barop und Euch alle die Ihr gern mein Leben, mein inner-
stes Leben theilet her; ich schlöß Dich Barop in meine Arme und Euch alle Ihr Geliebten die Ihr auch, wenn
auch entfernt an dem hiesigen Leben mitgebauet hab[t] und wünschte daß Du und Ihr alle hier seyn möchtet und
Euch auch der Früchte Eures treuen Mitarbeitens erfreuen möchtet. Ja mein Barop! wärest Du jetzt hier
Du würdest schon seit Deiner Abreise von hier einen gewaltigen Fortschritt im Gesammtleben finden; wie
viel mehr nun wenn man das Leben mit dem Beginne desselben im vorigen Frühjahr vergleicht. Ich sagte
mir und sagte Langethal gar oft: er könnte sich es gar nicht denken wie es im vorigen Frühjahr gewesen sey
und schon seit den 3 Wochen seines Hierseins ist das Leben wieder ganz bemerkbar vorgerückt.- Ja Ba-
rop und Freunde und Geliebte u Freundinnen! das sind die Früchte der treuen Ausdauer. Wenn ich für
kein einziges Himmelsgeschenk Gott zu danken Ursache hätte, so ist es diese Himmelsgabe: - Ausdauer,
Ausdauer, innig geeint mit Vertrauen, Glauben.- Eben singt man: - "Was ist das Göttlichste auf dieser
Welt["], Ihr kennt diesen herrlichen Gesang: er ist die Ergänzung zu dem was ich so eben aussprach
er ist das Innerste dessen, was ich so eben aussprach: ja! - Glaube - Liebe - Hoffnung sind der
Grundstein, sind der Kranz, sind das Leben meines Lebens.- Und dieser Gesang schließt nun
auch heute den Männergesang und wie konnte er schöner schließen; wie konnte der heutige Tag ein
Sonntag, schöner geschlossen werden. Weil ich nun einmal so viel von dem heutigen Tage geschrieben habe
will ich Euch doch auch dessen ganze Feyer mittheilen. Ich muß mit gestern Abend beginnen. Bis späte
Nachts diktirte ich 2 Briefe an das Erz. Dep. nach Bern einen an Frankenberg wegen seiner Hanauer Freunde, die
mich um Vortritt bey dem Erz. Dep. ersucht hatten, einen an Langethal in Angelegenheit der Schullehrer Zöglinge.- <Heut / Heute>
Morgen um 5 Uhr stand Langethal mit welchem ich zusammenschlafe auf um den Brief abzuschreiben; ich fügte das
Weitere hinzu so wurde es unter Arbeiten bis nach 8 Uhr, ehe ich zum Frühstück kam.- Nach 9 Uhr
<war> versammelten sich alle evangelischen Hausgenossen bis auf meine Frau welche noch der Morgenpflege
bedarf in dem Saale und alle auch unser Brunner gesellte sich dazu als sich alle an die beyden Seiten
der langen Tafel reiheten; ich saß an dem einen Ende und begann unsere Betrachtung mit dem Morgenliede:
"Voll Zuversicht und kindlich frey komm ich aufs neu Gott vor Dein Angesicht["] u.s.w. Dann las ich eine sehr
vorzügliche Betrachtung von Spieker über den Text Jakobi 5. Des Gerechten Gebet vermag viel wenn es <ernstl[.] ist>
Die Kraft eines ernstlichen Gebetes: - es giebt dem Gemüthe eine Richtung auf das Höchste und <Herr>-
lichste - es bringt uns zu einer innigen Gemeinschaft mit Gott; - es veredelt unsere <Gesinnungen>
und bessert unsere Tugend; - es verleihet uns Kraft zu großen und edlen Thaten;- und giebt <uns>
Muth bey den Trübsalen des Lebens.-
Den Schluß der Betrachtung machte das Lied aus dem Gothaischen <Gesangbuch>
535. Wie süß mein Vater ist die Pflicht, als Kind vor Dich zu treten, voll Demuth und voll Zuversicht Dich Höchster
anzubeten! Welch' Glück das alles übersteigt, wird im Gebete mir erzeigt, wenn ich mit Kindestreue, mein Herz <o>
Gott Dir weyhe!: - u.s.w.
Nach Tisch begann erst Herr Frkenbg Langethalen u mir etwas sehr gediegenes über Unterricht im Allgemeinen
und über Musikunterricht im Besonderen vorzulesen; da dieß abgebrochen werden mußte, begann ich diesen Brief.
Bald nach dem 4 Uhrbrod bekamen wir Besuch, erst die Töchter von <Jgfr.> Hochstraßer u einer Freundin von ihr; dann kam
der He. Amtsschreiber jetzt wurde die so vorzügl[.] Symphonie von Beethoven die auch in Keilhau bekannt ist, als Quardet [sc.: Quartett]
gespielt; während des Spieles kam der Herr Posthalter, der mir schon sehr oft aufgetragen hat Dich Barop herzlichst
von ihm zu grüßen. So kam die Zeit des Nachtbrodes. Das Weitere weißt Du, wie den Schluß des heutigen Tages.
Und so sage ich Dir und Euch allen zum schönsten Tagesschluß herzinnige Gute Nacht als Euer treuer FriedrichFröbel. /

[2R]
Mittwoch am 16en Tag des Monats. Es ist mir recht beachtenswerth wie sich mir die Monate in dem in ihnen in Beziehung
auf mein Leben wahrgenommenen Charakter bewähren. Diesen prüfenden Wechsel des Lebens habe ich in diesem Monat besonders
recht auch in meinem Innern wahrgenommen.
Denn wie ich aussprach daß es mir zu Zeiten selten wohl im Gemüthe war, so war ich aber auch grad zwischen solchen Zeiten sehr gedrückt. Aber auch im äußeren Leben ist dieser Monat voll vom prüfenden Wechsel.
Gar manchen Wechsel habe ich Dir und Euch schon von unserm häuslichen Leben geschrieben in Beziehung auf Wohnen
und Umgebung. Doch jetzt scheint er auch die äußren Lebensverhältnisse zu ergreifen. Worauf ich ziele werdet Ihr,
wirst Du Barop aus den angeschlossenen beyden Schreiben aus Bern ersehen. Du lieber Barop kannst Dir nach Lesung derselben nun
selbst sagen, wie sehr ich es nun vermissen muß, daß ich von Dir auf Deine Dir wiederholt vorgelegte Frage
bis jetzt noch keine bestimmte Antwort erhalten habe. Da wir nun heute wieder vergeblich auf Nachrichten von Dir
und Euch gehofft haben und ich doch bis künftigen Sonntag die Berner Briefe beantworten muß, so werde ich es streng
nach den vorliegenden Umständen und den einzelnen von Dir gemachten Äußerungen nach thun müssen. Um jedoch
nicht zu scheinen als wollte ich ohne Rücksicht auf den Verein handeln - obgleich keine neue Verabredung, noch weniger schriftliche
Festsetzung besteht, so habe ich heut den sehr treuen Kilchmann durch Frankenberg von dem Antrage Kunde geben lassen.
Auch dem in gemüthlichen Äußerungen und herzlicher Theilnahme sehr freundschaftlichen Herrn Sextar Hecht, dem würdigen
Greis habe ich den mir gewordenen Antrag aus Bern mitgetheilt. Er sagte mir, nachdem ich ihm meine Gründe dafür
mitgetheilt hatte, kurz und einfach: er könne nur für die Pflege und das Festhalten desselben stimmen, ja er würde es mir
sehr verdenken wenn ich anders handeln würde. Ich machte diese Mittheilung nicht um durch fremde Ansichten Gründe für
mein Handeln zu erhalten, sondern damit Offenheit nach jeder Seite hin herrsche und damit man mir nicht bey meinen
immer nach der Hauptsache hingerichteten Blick und Wirken den schon ganz ungegründeten Vorwurf machen könne, als
suche ich versteckt und unter dem Scheffel zu handeln. Aus gleicher Rücksicht habe ich dem vereinten Lehrer Kreise
den Antrag von Bern aus und meine Gründe in ihn einzugehen vorgelegt mit der Aufforderung daß mir jeder seine
Ansicht mittel- oder unmittelbar darüber aussprechen möchte. Ferdinand welchen ich in dieser Hinsicht später
fragte sagte mir, daß keiner auch ihm etwas weiteres ausgesprochen habe, weil wohl keiner sich es anders
in sich erwartet und angesehen habe.

Sonnabend am 19en Heut ist Frankenbergs Geburtstag; ich habe ihm Deinen Gruß l. B. (in Deinem Brief vom 11en mit dem Postzeichen
Rud. 12 A. welcher heute am Morgen angekommen ist) zum Geburtstagsgeschenke gegeben. Du kannst daraus sehen
wie so sehr lieb uns Dein Brief war und wie er gerad zur Rechten Zeit kam.- Bey dieser Veranlassung will ich zum
Danke für die Rosenbegrüßung welche mir Ferdinands Brief zu meinem Lebensfeste bringt sagen, daß mein Rosenstock hier welcher
schon 18 Rosen brachte (: - 18 aber = 1 u 8 = 9, = 3 mal 3 = Treu der Treu = Treu dem Innern:) jetzt wieder um nicht hinter Deinem
immerblühenden Rosenstock l. B. zurück zu bleiben aus der Wurzel wieder einen ganz frischen Schoß mit einer Knospe
treibt. Viel hätte ich, geknüpft an diese Rosenerscheinung aus der Gesammtheit meines Lebens, welche auch Ihr mit mir lebt und
theilt, deutend mitzutheilen, wenn ich dazu Zeit hätte. Genug es ist ein hoher Geist der Liebe der in allem waltet. Du theilst mir
mancherley aus unserm und Eurem besonders äußeren Gesammtleben, ich meyne hier besonders das Leben der Erziehungsanstalt mit
ich finde darinn einen Ausdruck den meines Absterbens in Keilhau und Deutschland,: denn selbst <dass> jetzt soviel von
und über mich äußerlich dort gesprochen wird, zeigt mir daß ich dort schon gestorben bin; denn nur von dem welcher
gestorben ist, spricht man besonders - (:wie vorher kurze Zeit wenn er geboren wird:) Ich freue mich dieser Erscheinung
denn sie zeigt mir, daß mir die Kunst nach welcher ich durch mein ganzes Leben strebte, die Kunst zu sterben nicht
<da mißlungen> ist; will man nemlich von mir etwas Persönlich eigenthümliches sagen; so muß man es das <dessen> Streben
nach stetem Sterben nennen, wie denn auch mein Leben wirklich ein stetiges Sterben war, darum aber auch zu
seinem Lohn im Innern einen steten Frieden, stete Einigung u.s.w. hat und hegt.- Meine wirkliche Antwort nach
Bern an das Erz. Dep: und an den R.R. Schneider werdet Ihr gelegentlich erhalten; jetzt spreche ich nur aus daß
ich dem letzteren in Beziehung auf die NormalArmenErzAnst, bestimmt erklärt habe, daß er mit Gewißheit dar-
auf zählen könnte daß wenn das Commité und er das Vertrauen zu uns festhielt, daß dann sicher einer
von uns dreyen - Ich - oder Langethal - oder Du Barop, die Leitung derselben übernehmen würden. Gegen
die Mitte künftigen Monats wird sich alles klären wenn wir mit Gottes Hilfe singen: "Seht den Himmel
wie heiter, Laub und Blumen und Kräuter schmücken Felder u Heyn [sc.: Hayn]" u.s.w.- Von der Anstalt werdet Ihr auch
ein Wort hören wollen. Jetzt sind es im Ganzen 50 Zögl. 1 von 35 Jahren 2 von 20; 1 von 18; 4 von 17; 4 von 16; 7 von 15;
11 von 14; 12 von 13 Jahren u.s.w. Im Hause wohnen jetzt 10 < - > 2, nein 3 sind schon wieder angezeigt zum Eintritt[.]
Da ich keinen Schlafplatz mehr für sie habe so wird wenigstens 1er bey Kilchmanns schlafen; so drängt sich jetzt alles
hier zur Anstalt aber ich bin auch zunächst noch nicht todt d.h. ich lebe; weil jetzt auch gar nichts hier über mich ge- /
[Briefende an den Rändern:]
schrieben d.h. nichts gedruckt wird. Ich lebe jetzt wieder hier so <unbeachtet wie> früher in Keilhau <und> <früher> in Wartensee. /
[2V]
Von meiner herzlieben Frau, mit welcher es Gott sey Dank wieder - (:nachdem sie sich zum Osterfeste wieder bis zur <Übermüdung> ange-
griffen hatte, (mit Wäsche rc.) :) - ziemlich geht die herzinnigsten Grüße an Dich und die lieben Deinigen L. B. und an Euch Ihr Lieben /
[1R]
alle; so bald sich etwas mehr wieder die Kräfte gesammelt hätten wird sie Euch schreiben; Ihre Seele und Ihr liebend theilnehmendes
Gemüthe ist beständig bey Euch allen als ein Ganzes und bey jedem Einzelnen <von Euch. Auch> von mir in gleichem Geiste dieselben Grüße. /
[1V]
Wir freuen uns alle innigst des Erstarkens Deines Johannes und seines Genossen Wilhelms. Lebet wohl Euer
Friedrich Fröbel