Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 24.4./25.4.1834 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 24.4./25.4.1834 (Willisau)
(KN 47,6, Brieforiginal 1 B 4° 4 S. - Die fehlende Unterschrift läßt darauf schließen, daß der Brief zusammen mit dem folgenden v. 25.4./26.4.1834 verschickt wurde.)

Willisau am 24en April (:Monat des prüfenden
Wechsels:) 1834/.·.


Des innigen Einigseyns Gottesgruß Euch Allen.

Wie sich mein Gemüthe, ob ich gleich erst vor Kurzem Briefe der Liebe und Treue
von Euch erhalten habe, nach Nachricht von Euch in diesen Tagen sehnt so zweifle
ich nicht daß auch Ihr von mir und uns von diesen Tagen und besonders auch von
dem nun schon wieder seit 3 Tagen verflossenen gern Kunde zu haben wünscht; darum
ergreife ich die erste Freyzeit, die sich mir dazu darbiethet: - (:wir haben heut nemlich
wegen der Bezirksmusterung welche im Städtchen ist keinen Unterricht) - Euch solche
zu geben. Wie ich mich für mich betrachtet es von je her gern gesehen hätte, wenn
dieser Tag im allgemeinen unbeachtet geblieben wäre, so wünschte ich es aus mehreren
Gründen auch hier und hoffte es; wie mir aber noch immer die unangenehme Empfindung
gegenwärtig ist als in den ersten Jahren unseres gemeinsamen Lebens, wie einer aus
dem Kreise an die seinem Tage (:wie man hier sagt:) sich zurück zog, und so denselben dem
Beweise der allgemeinen Theilnahme entzog, so mochte ich auch hier nichts dagegen
sagen oder noch weniger thun und ließ so ruhig den Tag selbst walten. Die liebe
Frau aber, deren Gemüth es überhaupt fordert, daß [sc.: das] besondere und besonders eigene
frohe, freudige Leben gern zu einem allgemeineren zu machen hob darum, zwar wohl
ohne Absicht und ohne sich es selbst zu sagen, auch die Beachtung dieses Tages aus dem
Besondern in das Allgemeine hervor, indem sie mir am Mittage eine frische Ser-
viette mit einem neuen himmelblauen hell und dunkelstreifigen gestrickten Ring
nach der einen Seite hin mit einfachen Frühlings-Flurblumen nach der anderen
Seite hin mit gepflegten duftenden Gartenblumen besteckt, an meine Stelle legte.
So wenig weiter etwas dabey gesagt wurde, so war doch dem Tage dadurch eine ge-
wisse allgemeinere Beachtung geworden. Die Blumen waren zum Theil früher schon
namentlich auch bey <der> Pflanzenkunde gebracht worden. Einige sie begleitende Worte
deuten die Verknüpfung dieser frischen Frühlingsblumen mit den Herbstblumen meines
Lebens.
"Laß der Treue Hand Dir reichen    Blumen die sie selber wand -
"Möchten sie den Blüthen gleichen    die des milden Herbstes Hand,
"Als der ew'gen Liebe Unterpfand,    Nach des Sommers heißem Glühen
"Nach des Lebens bangem schweren Mühen    Zart erfrischend um des treuen Kämpfers
        müde Stirn noch band.["]
Die Garten Blumen erhielten durch diese "Töne der Blumen am 21en Ap." ihre Deutung:
Treu    Wie das Epheu    Umschließe die Liebe (:Rosen:) In immer höherem /
[1R]
Triebe (:Myrthenzweig:) Dein glaubensvolles Hoffen (:veilchenblau blühendes Sinngrün:)
Und halt' Dein schauend Auge offen (:Aurikel und (Himmelsschlüssel) Primeln.)
Um alles Dir verbunden Leben (:Jene Blumen der Flur:) Noch lang durch Geistes
Pflege zu erheben. (:gefüllte, duftige, vielblüthige röthliche Hyazinthe:)
Abends, (wir haben jetzt unsere Turnstunde von 6-7:) nach Beendigung der Turnstunde
vereinigten die ganze Gesammtheit frohe Turngesänge auf dem Turnplatz; (Ihr wißt
nemlich, daß wenn wir, wie in Keilhau durch die hintere Thür und eine Treppe ins
Freye treten, hier sogleich auf unsern Turnplatz kommen.) Hierauf vereinigte uns
der gewöhnliche Abendgesang wo ein Lebensdanklied den Tag schloß. Als ich darauf in
den Eßsaal trat fand ich schon alle versammelt. Zwey der Euch bekannten Festleuchter und
Lichter erleuchteten besonders einen vor meinem Platze auf einer Schüssel liegenden frischen
fvollen Blumenkranz aus Flur- und Gartenblumen geeint. In der Mitte derselben ein
beetartiges Rund von Erde oder vielmehr Sand in dessen Fläche die knospendhen Blüthen[-]
ähren blauer Himmelsfahrtsblumen ein F eingeschrieben hatten, dessen Mitte zwey
rothblühende ebensolche Blumen bezeichneten und welches von 3 mal 3 röthlichen Apfelblüthenknospen umgeben war. Dieses Ganze umschloß ein Kranz
aus den dunkelgrünen herzförmigen Veilchen Blättern in deren Mitte wieder gleich[-]
sam das Maaßliebchen das vieldeutige Familienblümchen sproßte [*Zeichnung*:         ], hie und da
mit duftigen Veilchen (:welche hier selten sind:) untermengt. Folgende Worte
deuteten das Ganze: "18 21/4 34" - "An FriedrichWilhelmAugust Fröbel" "zu seinem"
"53en Lebensfeste" "von dem Willisauer Kreise".
"*"
 *   *
"Lobsinge und preise, Du meine Seele, Aus innigem Triebe Dein Lob sich vermähle
"dem hohen Lobe der ganzen Natur Auf Bergen, in Thäler, im Wald, auf der Flur".-
"Ein neuer Hauch des verjüngenden Lebens, Voll wonnigen Regens und fröhlichen Strebens,
"Ist weit aus ergossen auf allen Spuren der Schöpfung, und füllt alle Creaturen."
"Es keimet und sproßet, es grünet und blühetDes Lebens innerste Funken es sprühet,
"Es tönen die Laute in Jubelklängen,Erheben sich freudig zu Lobgesängen."
"Doch tiefer bewegt sich heut meine Seele,O du mein Geist, mein Gemüth erzähle
"Die Fülle der Freude, die hohe Wonne,die in Dir strahlet, eine Seeligkeitssonne."
"Es senkt sich die Sprache, es verstummen die Worte; Nur wenn mir das Leben eine hohe Pforte
"Von Geistesthun in Ewigkeiten:Nur dann kann ich wohl das Unendliche deuten."
"Denn was in der Wesen Natur sich reget, Was alles in Einheit in sich träget;
"Was al Tief dringet hinein des Geistes GedankeDaß nun nicht ferner das Herz ihm wanke."-
"Und neuer Lebensodem wehet: Aus tiefer Menschenbrust erstehet
"Ein neuer Himmel, eine neue Erde,daß alles Leben geseegnet werde." /
[2]
"Und diese neue Lebenswogen, Sie kommen vom heutigen Tage ge erzogen:
"Der heutige Tag gab zu ewiger Wonne Uns Ihn, die geistige Frühlingssonne."
"Drum dringet aus tiefster Seel und Gemüthe Der innigste Dank für des Vaters Güte,
"Drum feyern wir alle imn inn'gem Vereine den theuern Tag, eine frohe Gemeine."
* *
 *
Und so war es denn wirklich bald sammelte sich alles zu einer frohen Gemeine.- Wir saßen noch
alle bey unserm einfachen Butterbrod als auf in dem untern Gang eine Klappermusik daher gezogen
kam, und vor der Thüre besonders sich vernehmen ließ; ich ließ sie eintreten, es waren alle
die Kleinsten den Lorenz Baumann, der sich gern bald zu ihrem Tamburmajor bald zu ihrem Offizier
macht an der Spitze. Da sie bald merkten daß ihr Kinderspiel nicht falsch aufgenommen wurde
ließen sie auch ihre Stimmen erschallen, wohl ganz wahr erst im Nachahmen von Naturth Naturtönen;
wie Du Barop weißt ist Pfeifen ziemlich mit wenigstens unserer schweizer Jugend verwach-
sen also zuerst Nachahmen von mehreren Pfeifweisen der Vögel: Drossel u.s.w. Dann findet
sich aber auch unter weniger entwickelten Schweizerjugend nach meinem Bemerken, gern das Nach[-]
ahmen von Thiertönen besonders der Herden- und Hausthiere (was alles sich leicht erklärt)
und erschienen bald Geisen (Ziegen) u.s.w. Langethal mischte sich bald unter die Kleinen
nahm als ihr jetziger Ton- und Singmeister ihre Lust zu tönen auf und indem er mit ihnen
Schillers Schützenlied anstimmte, erhob und veredelte er ihr Naturleben, ihren Sinn für Aufnahme
des Naturlebens. Bald wurde der Gesang nach Beendigung des Abendessens allgemeiner und
mancher Gesang wurde erst zum Fortepiano und dann ohne dasselbe gesungen. Ich sann nun
auch darauf ihnen wieder etwas zu geben und ich erfüllte meinen Zweck indem ich der nun
ziemlich zahlreich versammelten Kinderschaar die vier mehrere von Euch an Zeichnungen, Farbgebilden
u.s.w. erhaltenen Geschenke zur Ansicht mittheilte; viele wurden dadurch auf längere
viele nur auf kürzere Zeit gefesselt; doch der zu stark erregte Lebenssinn drang bald
mit seiner Forderung regerer Befriedigung durch und so wurde bald ganz allgemein
erst ganz im Geiste der anfänglichen Lebensäußerung zuerst "Alle Vögel fliegen["] gesungen
dann, entsprechend der Klappermusik: - "Der Papiermüller". Nun wurde das "Feder-
blasen["] gewählt, da aber hier im Saale die Tische dazu zu schmal waren, so wurde in
die Mittlere Lehrstube hier unsere Spielstube gezogen.- Hier wurde dann das Spiel
bis ziemlich spät fortgesetzt. Zu Ende desselben versprach ich der Jugend bey dem
ersten schönen Tage bey und zur Nachfeyer des heutigen Tages einen Spaziergang zu einem
entsprechenden Ort und zwar bey durch folgendes veranlaßt: Als nemlich zum [sc.: zu] Instrumenten
gesungen wurde und ich zuhörend bey demselben stand f traten die Größten der Zöglinge
Herrn Schäfer als Sprecher an ihrer Spitze zu mir: be mir ihre besondere Theilnahme bezeigend
u.  /
[2R]
bedauernd daß sie die Bedeutung des heutigen Tages erst am Abend beym Schluß der Turnstunde
erfahren hätten u.s.w.- Langethal hatte nemlich vorausgesetzt sie wüßten es schon allgemein
und Karln, welchen sie wegen dem Grund seines Blumensammelns befragt hatten, hatte den-
selben aus, wohl leicht zu findendem Grunde für sich behalten; doch äußerten sich einige
darüber wohl auch mit Recht empfindlich. Ich suchte nun das Ganze auszugleichen indem
in ihnen allen beym ersten schönen Tage zur Nachfeyer wie schon gesagt einen größeren Spazier[-]
gang versprach.
Etwas früher als die Gesammtheit auseinander gieng, gieng ich auf mein Schlafzimmer. Nach
einiger Zeit ertönte von allen singenden Gliedern des Hauses vierstimmig der Abendgesang:
"Des Freudentages Stunden wie schnell" pp. vor meinem Schlafzimmer. Ob ich gleich glaube daß er
Euch bekannt ist so lege ich doch zur Vervollständigung eine Abschrift hier bey.- Nach Be-
endigung des Liedes dem ich und meine Frau gemeinschaftlich gefolgt waren trat ich zu den Singenden
zu den Darbringenden heraus ohngefähr sagend: ["]So sehr es mir zwar li persönlich lieber sey
"wenn ein solcher Tag von der Gesammtheit unbemerkt bliebe, so wäre mir doch ihre heutige
"Gesammttheilnahme an demselben wirklich sehr erfreulich indem sie mir einen Beweis gäben
"daß das Samenkorn der Einigkeit, Eintracht und Gemeinsamkeit aus Keilhau sich nicht nur in
"Willisau (d.h. nat: in der Willisauer ErzAnst.:) niedergefallen sey, sondern auch darinnen ge-
"keimet und Wurzel gefaßt habe, blühe und zu fruchten beginne; denn Einigkeit pp sey der
"Grund jedes ächten gesunden Lebens, des wahren Friedens, wie ein Jeder aus der Eintracht in
"seinem Innern, seiner Gemeinde seines Volkes oder Staates wisse; und diesen Frieden
"der Eintracht pp wünsche ich ihnen jedem Einzelnen und dem Ganzen zum Danke für ihre Theilnahme an dem
"heutigen Tage."

Freytags am 25en Apr. Weil gestern wegen der Musterrung so ein gestöhrter Lehrtag und
das Wetter so ziemlich schön war, so wurde allgemein beschlossen, sogleich gestern schon den
versprochenen Spaziergang auszuführen. Buttisholz wurde wegen des Weges dahin und wegen
des Locales dort zum Zielpunkt dahin gewählt. ½2 Uhr wurde unter Gesang aufgebrochen
und mit Frohem Turnergesang durchs Städtchen gezogen. Die Schaar bestand aus 41. der Zög[-]
linge waren 33. Die Kleineren waren außer Lorz Lorenz B. sämtlich zurück geblieben weil
ihnen der Weg zu weit erschienen war. Fast unter beständigen Gesang wurde nach
Buttisholz ge- und dort eingezogen. In dem Dir Barop bekannten Gesang- und Himbeerreichen
Walde mit seiner sammetgrünen moosigen Fußdecke wurde "Waldnacht, Jagdlust." gesungen. Zuerst
wurde natürl[.] in B. vieruhrbrodet, - dann gespielt, - dann sich wieder zum Rückweg
gestärkt und singend wieder zurück gezogen.- Für mich war das liebste ein sehr ein[-]
faches auch technisch nicht eben hervortre[te]ndes Madonnenbild, wo Mutter und Kind sich innig Wange
an Wange und Stirn an Stirn schmiegten u.s.w. es war ein gar liebliches Bild und ich sahe im schönsten
freundlichsten Bilde eine der schönsten Keilhauer Wirklichkeiten. Möchte unser Johannes einst dieß seelen-
[Briefschluß am Rand:]
volle Bild seines Säuglingslebens sehen: - Diesem ganz entsprechend war aber auch dieser Spaziergang so schön wie noch keiner hier. /
[Rand 2V]
Wie der ganze Spaziergang war, so war auch das Ende vorzüglich schön. Der Tag war gegen Abend immer schöner geworden. Auf einem günstigen
Punkte hinter, eigentlich von Willisau aus vor Buttisholz sah ich was ich früher noch nie bemerkt die Wetterhörner und besonders die ewige Jungfrau /
[Rand 1R]
die klare und reine in herrlicher Abendbeleuchtung. Im Walde den Du B.- kennst tönte restlos zum Gemüth sprechender Vogelgesang: Und
nach dem wir den fast vollen Mond hinter den fernen Alpen, wegen Wolken, 2 mal glanzvoll das 2e mal noch schöner als das erste mal hatten auf- und /
[Rand 1]
und die Weltensonne Syrius mehrere male hinter den Bäumen des sich neigenden Berges <strahlig / strahlend> leuchtend hatten umgehen sehen und
der Abendhimmel in seinem milden Farbenlichte in aller Klarheit uns immer entgegenglänzte zogen wir mit dem Liede: Wir fühlen uns zu jedem
Thun entflammt zum obern Thore in das Städtchen ein, mit diesem Gesang durch das Städtchen hindurch zum untern Thore hinaus. Vor Wechslers Hause wurde allgem: gute Nacht gesagt.