Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 25.4./26.4.1834 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 25.4./26.4.1834 (Willisau)
(KN 47,7, Brieforiginal 1 B 4° 3 S. - Der Brief wurde zusammen mit dem vorherigen v. 24.4./25.4.1834 verschickt, da der vorherige keine Unterschrift trägt. Auf 2V findet sich eine Nachschrift von Wilhelmine Fröbel.)

Willisau am 25en Tage im Monat des prüfenden Wechsels (April:) 1834.


Euch Ihr geliebten unter Euch und mit mir innig Geeinten
einen vollen innigen Lebensgruß.

Ja! die bisher unter der Schnee- und Eisdecke des Lebens sich still und verborgen fortentwickelten Lebensknospen, be-
ginnen jetzt, da die Schnee- und Eisdecke des Lebens nach und nach zu schmelzen scheint, sich zu entwickeln und einer Blüthen- und
wenn Gottes Huth waltet einer Früchtezeit entgegen zu wachsen. Da Ihr nunmehr hoffentlich schon seit einigen Wochen
Tagen unseren letzteren Brief mit den beyden abschriftlichen Schreiben aus Bern vom RR. Schneider und Erziehungsdep:
erhalten haben werdet, so wird diese Wahrnehmung und Überzeugung gewiß auch für Euch Wahrheit haben; noch mehr
aber glaube ich wird dieß der Fall seyn wenn Ihr nachstehenden Brief gelesen haben werdet, welchen ich weiter am
verflossenen Mittwoch (vorgestern) erhalten habe.
"Dem hochzuverehrenden Herrn Fröbel, Erzieher in Willisau."
"Hochzuverehrender Herr!"
"Ihre verehrte Zuschrift, womit Sie Ihre Ansichten über Erziehung in Bezug auf das neue Waisenhaus in Burg-
"dorf und was damit in Verbindung gebracht werden könnte, begleitet haben, ist mir zur Zeit richtig zugekommen."
"Indem ich Ihnen für Ihre Mühe und Bereitwilligkeit, mit welcher Sie so tief, vollständig und wahr Ihre Zwecke und
"die Mittel zu deren Ausführung zu bezeichnen, die höchst schätzbare Gefälligkeit hatten, verbindlichst danke, gebe ich mir
"die Ehre, im Wesentlichen Ihnen durchaus beipflichtend, die besonderen Fragen die Sie an mich stellen, dahin zu beantworten:
["]1. Daß die Waisenerziehung im neu erbauten Waisenhaus zu Burgdorf künftigen Herbst - Sept oder Okt in mit
"Gewißheit ins Leben treten kann."
["]2. Daß, wenn Sie erst ein halbes oder ein ganzes Jahr daselbst nach Ihren Ideen gewirkt haben würden, es wohl
"keiner großen Schwierigkeit unterliegen dürfte, eine Armenerziehungsanstalt im vorgeschlagenen Sinne auf
"einem der Commune zugehörenden nicht weit entlegenen Pachthof zu errichten."
"Da ich leider nicht mehr in Burgdorf wohne, so muß ich Sie bitten und dafür den dringenden Wunsch ausspre-
"chen, Sie möchten für alles Nähere von nun brieflich oder persönlich an Herrn Professor Johann Schnell daselbst, als
"an den Präsidenten der örtlichen Armenpflege, der mit Ihren Bestrebungen vorläufig bekannt und deswegen dafür ein-
"genommen ist, sich wenden, indem ich glaube Sie werden leicht mit ihm ins Einverständniß kommen. Ich werde keinen
"Anlaß versäumen, das Gelingen der angeregten Pläne zu unterstützen."
"Unterdessen empfiehlt sich Ihnen mit der vollkommenen Hochachtung"
"Hochzuverehrender Herr!

Ihr ergebenster Diener
G. F. Stähli.
"Bern am 18en April 1834."
Nun zu dem Briefe zuerst einige vorläufige Bemerkungen.
1. Es ist dieß derselbe G. F. Stähli Großrath und Mitglied des Erziehungsdepartement zu Bern, von welchem
ich Euch schon früher einen anfragenden Brief wegen des Waisenhauses zu Burgdorf mittheilte.
2. Diese Antwort nun auf den früheren Brief, welche der vorstehende gleich beim Eingang gedenkt und auf welche er sich
einzig bezieht - werde ich Euch mit der Fahrpost morgen am 26en an Euch abschicken[.] Durch diesen Brief mit seinen Plänen
wird Euch dann auch der vorstehende so wie überhaupt das Ganze erst klar werden.
3. Da ich nun an meinem vorgelegten Plane auch einer mit dem Waisenhaus zu verbindenden Fortbildungsanstalt
für schon angestellte Landschullehrer gedenke so scheint es als stände der mir von dem Erziehungsdepartem[.] gemachte
Euch im vorigen Briefe abschriftlich mitgetheilte Auftrag die Einleitung zum Ganzen zu machen um mich, die Idee, deren Aus[-]
führungsweise näher kennen zu lernen ohne doch gegenseitig gleich, vom Beginne an, fest v gebunden zu seyn, mit
welcher Anordnung ich gar herzlich wohl zufrieden bin.
4. Obengenannter Herr Professor Johann Schnell ist - lieber Barop der Prof Hans Schnell welchen wir mehrmals in
Bern in dem Armenhause "Die Insel" genannt aufsuchten aber niemals zu Hause trafen. Er hat sich aus Bern zurück gezogen
und wohnt als eigentlicher Bürger Burgdorfs, jetzt zu Burgdorf.- Der Herr Pfarrer Stähli schildert ihn als einen Mann.
5. Ich werde die Verbindung oder Unterhandlung mit ihm nicht eher anknüpfen bis ich wegen des Wiederholungskursus mit
30-40 schon angestellten Landschullehrern in Burgdorf - auf meine Erklärung an das Erziehungsdepart: zu Bern, von demselben
bestimmt Erklärung erhalten habe; dann werde ich aber die Anknüpfung sogleich beginnen und ohne Zweifel persönlich; es ist
am besten das vielleicht Unangenehme oder Unerwarte[te] des persönlichen Eindrucks gleich vorweg weggeschafft.
6. Daß dieser Prof Hans Schnell, ein Bruder des Reg: Statthalters Karl Schnell zu Burgdorf ist, weißt Du Barop
schon; auch dieser Karl Schnell soll nicht ungünstig für mich gestimmt seyn. Obiger GroßR. Stähli sagte es mir selbst.
7. Daß auch viele der Bürger aus der eigentlich mittleren Klasse meine persönliche W erziehende Wirksamkeit gern in
Burgdorf zu haben wünschen habe ich von ganz anderen Seiten her gehört.- Selbst der Herr Pfarrer Stähli der ein Ge-
borener Burgdorfer und ich glaube noch jetzt Burgdorfer Bürger ist sagte mir, daß er sich sehr freuen würde, wenn
sich meine Wirksamkeit nach seiner eigentlichen Vaterstadt verpflanzte.
Ob nun gleich die Angelegenheit wegen der Cantonal Armenerziehungsanstalt erst vielleicht in 8-14 Tagen auf
der Hauptversammlung der Comité zu Thun - wie Ihr aus meinen jüngsten Mittheilungen wißt, entschieden werden
wird, so will ich Euch doch Ihr Geliebten und Freunde und Bruder meinen in mir tragenden Plan nun nicht länger
vorenthalten damit Euch die nun vielleicht rasche Entwickelung nicht etwa unvorbereitet übereile.
I, Es liegt in meinem ernsten Streben und soll im ernsten Streben des Ganzen liegen, daß die hiesige die Willisauer Erziehungs[-]
anstalt immer mehr gesichert und erhalten werde. Langethal und Ferdinand theilen sich vorläufig in die Leitung und
Führung derselben; doch wird Langethal der eigentliche Führer des Ganzen unter meiner Oberleitung wie Keilhau.
II, Die Verwirklichung der für Burgdorf vorgelegte[n] Pläne werde ich persönlich übernehmen, f nicht etwa, weil ich es
für das Angenehmste, sondern gerad weil ich es für das schwerste und wirklich klippenreichste halte; wovon ich gern
mich persönlich zurück ziehen würde, wenn ich es nicht höherer Pflicht gemäß hielt. Mit mir oder vielmehr mit mei[-]
ner Frau nach Burgdorf muß (später) nothwendig sogleich zur Pflege der 10-12 Waisentöchter eine Erzieherin[.]
Wer?-- davon weiß ich noch gar nicht. Ich will keinen Wunsch aussprechen; tuth mir dazu Vorschläge. Gienge /
[1R]
Mathilde nicht als Erzieherin zur Frau v. A. so würde ich dieser diese Wirksamkeit vorschlagen: ein ganz eigenes
Zimmer im Mädchenflügel des ganz neuerbauten Waisenhauses ist schon für sie angewiesen.
III, Entwickelt sich die Sache mit der Kantonal-Normal-Armenerziehungsanstalt wie ich höre in der Nähe von Thun, so
wird Dir Barop es nun nicht mehr unerwartet vorkommen wenn ich Dich dafür in Gedanken habe. Doch bleiben diese
Bestimmungen alle noch einer ernsten Prüfung unterworfen und unserer ferneren Bestimmung hingegeben.
IV, Für den Hausvater der bey Burgdorf zu errichtenden Armenerziehungsanstalt wären manche Vorschläge zu
thun ich will aber der Entwickelung nicht vorgreifen da die Ausführung dieser Anstalt doch erst ins künftige Jahr fallen würde.
V, Wie ich früher Keilhau selbstständig machte und einer eigenen Leitung übergab; wie ich jetzt Willisau
selbstständig und einer eigenen besonderen Leitung zu übertragen gedenke, so würde es mir auch das ernsteste
Streben seyn, auch Burgdorf selbstständig in sich und zu machen und einer eigenen besonderen Leitung zu übergeben.
Hätte nemlich Ferdinand nach noch einem oder einigen Jahren gemeinschaftlicher Führung Willisaus mit Lange-
thal das Zutrauen zu sich Willisau allein führen zu können und im Verein mit den geprüftesten und jetzigen jungen
Lehrern die Forderung derselben zu erfüllen, so würde ich Burgdorf an Langethal übertragen und Ferdinand
könnte Vorsteher und Hausvater der hiesigen Anstalt werden; denn
VI, fest bleibt in mir der Plan mir einen entsprechenden Raum und angemessene Verhältnisse zu erringen
wo ich ganz unabhängig frey und nach gar keiner Seite hin gestört und gehemmt der klaren Darlebung der
Grundempfindungen meines Gemüthes und Grundgedanken meines Geistes mich widmen kann; dieser Raum und
diese Verhältnisse sollen dann wenigstens - wenn sich mehr als Neigung wenn sich Trieb, Bedürfniß, Sehnsucht
dazu fände - die Möglichkeit zur Wiedervereinung von uns zu einer größeren Vollkommeneren Gemeinsamkeit
für zur Menschenerziehung, deren Ziel Vollendung sey - geben. Diese Wiedervereinigung in einigen Jahren zu
einer Gemeinsamkeit, wenigstens für die denen es Forderung ihres Gemüthes und Geistes ist - ist der Zielpunkt, der
Gipfel und der Schlußstein meines Lebens. Über diesen Punkt hinaus kenne ich für das äußere Leben keinen
Wunsch mehr.-
VII, Wenn ich des Bestehens von Keilhau nicht besonders und vielleicht gar zuerst erwähnt, so ist der Grund davon
weil es sich - wenn es sonst möglich wird - von sich selbst versteht. Dir lieber treuer Middendorff wünschte
ich vor allem recht bald in langen langen Zügen das Einathmen der frischen freyen Schweizerluft[.]
Und wer weiß wie es sich auch schnell und bald fügt.
VIII, Die Forderung des Vaters der beyden Pfeifer ist mir zwar etwas unerwartet ob ich mir sie gleich vielfach zu er-
klären kann, nur gezwungen ha gezwungen durch äußere Verhältnisse haben diese Art Menschen d.h. der gewöhnliche Mensch
ganz Allgemein Vertrauen und halten es fest, wie sich ihre äußere Lage etwas bessert glauben sie gleich wieder Herrn des
Schicksals zu seyn; aber nur die Thorheiten der Väter und Eltern können wie es jetzt noch auf der Erde steht die Kinder von denselben heilen
diese, wenn es überhaupt möglich ist, klug und weise machen; darum muß man - ob man es gleich gern anders wünschte und ge-
stalten möchte geschehen lassen was geschieht. Mir persönlich ist es lieb daß diese Forderung des Vaters jetzt erst und mit
solcher Bestimmtheit hervortritt, tra jetzt wo ich auch äußerlich nachweisen kann daß ich mit den jungen Söhnen auch
längst einen Plan der Sicherung und Feststellung auch ihrer äußeren Lebensverhältnisse in mir pflegend und bear[-]
beitend trug. Diese Menschen wünschen ja fordern immer man soll ihnen darüber Brief und Siegel geben, was man
ihnen dafür auch an inneren Gründen zeigt und giebt daran glauben sie nicht das halten sie nicht fest. Die Frau v.
Afd. würde eben so handeln wenn sie könnte. Um der beyden Brüder willen nun, um welche es sich hier handelt um
Johannes und Titus willen meyne ich nun, sollte man ihrem Vater schreiben; - daß ich und wir alle es jetzt sehr
eigen und weder für sie einzeln noch für ihre ganze Familie zweckmäßig und gut fände[n], sie gerad jetzt zur
Sicherung ihrer einstigen Laufbahn gerad jetzt zurück zu rufen, jetzt da sich diese Sicherung aus und in der Ge[-]
sammtheit ihrer der Verhältnisse entwickeln in welchen sie seit Jahren als Kinder und Söhne beachtet und betrachtet
worden wären; wenn ich, auch seit der Überkunft Titus nach der Schweiz darüber gegen den Vater geschwiegen
habe so läge der Grund darinne, weil ich lieber das Geschehene das Ist und Seyn als das Wollen und Werden
sprechen ließe, so bald die Gesammtentwickelung welcher ich seit Langem entgegen gienge klar und offen vorläge
würde ich mich auch dem Vater über meine Ansicht der Zukunft seiner Söhne und über die Entwickelung dieser Zukunft
aus dem Gesammtleben in welchem sie als Söhne aufgenommen worden wären ausgesprochen haben; jetzt könnte ich
und könnten wir es aber für ihr ganzes Leben es nicht zweckmäßig halten, sie aus dieser Gesammtentwicke-
lung herauszureißen, ehe sich dort entwas [sc.: etwas] zur Sicherung ihrer künftigen Lebensverhältnisse entwickeln würde
würde sich durch die Gesammtheit der Verhältnisse in welchen die beyden Brüder jetzt lebten, namentlich in der Schweiz
wo Titus jetzt schon lebe Sicherung ihrer Zukunft schon Statt finden. Übrigens s wollte ich durch dieß alles weder
das Handeln des Vaters bestimmen, sondern bloß die Wahrheit, Treue und vor allem auch Ausdauer meines Handelns und
meiner Gesinnungen zeigen. Noch weniger habe ich etwas gegen den Besuch Johannes und auch Titus bey seinen Eltern
den ich selbst lange gewünscht und herbey geführt haben würde, wenn es mir möglich gewesen wäre.- Wenn
Titus - der bis jetzt um seine fortschreitende Entwickelung nicht unnöthig zu hemmen noch nichts von des Vaters
Wunsch weiß - wenn Titus sage ich des Vaters Brief erhalten hat wird er ihn beantworten - d.h. ich werde ihn
denselbsen unbeengt seiner Überzeugung nach beantworten, auch selbst einige Worte dazu schreiben - vorläufig könnten
aber auch wohl ein Paar Worte aus Keilhau an den Vater - wegen der Zukunft gut seyn. Wollte ich meine Be-
quemlichkeit und Befreyung von auf mir ruhenden Lasten so müßte ich der baldigen Ausführung des Vaters
Willen allen Vorschub und alle Hand biethen und ich würde es thun - wenn ich das Meine suchte und mich
in meinem Wollen Streben wollte.
IX, Ob Ihr mich gleich, hoffentlich in den Gründen meines Handelns ganz kennt, so will ich doch um möglichst jeder Mißdeutung
für die Zukunft vorzubeugen zu dem im Vorstehenden Angedeuteten noch das hinzufügen; daß wenn ich im vorstehenden von
Sicherung und Feststellung auch des äußeren Lebens rede, ich dieselbe doch keinesweges als Hauptsache im Auge habe, noch we-
niger festhalte, mir ist es einzig und allein zuletzt um Freymachung des innren Lebens zu thun, und da dieß noth[-]
wendig in der Erscheinung d.h. Äußerlichwerdung zuerst in einem und dann in Mehreren, darum ist es mir zuerst um
die Freyung meines und was gleich ist unseres innersten Lebens zu thun; sollte aber diese weder ich noch sollten sie
wir - oder einer von uns zuerst erreichen, so ist die Frey innere Freymachung des innern Lebens unserer /
[2]
Kinder - könnte ich selbst auch nie persönlicher Zeuge noch Theilnehmer desselben seyn, - das Ziel meines Wirkens[.]
Das Verhältniß und Leben d. von Lse H-- ist ein rechtes Lug und Trug Verhältniß - glaubt nicht daß ich in der Erregtheit
zu harte Worte brauche; ich bin jetzt nicht erregt aber das Leben und Verhältniß ist so Ihr könnt es mir
glauben, Ihr könnt es mir glauben daß es mich ganz unendlich schmerzt es Euch schreiben zu müssen; es gehört dieß
zu den empfindlichsten Wunden meines Lebens; aber was hilft der Schmerz, die Sache ist so wie sie ist.- Gerade an
und in den Tagen die für uns hier wahre Tage der Einigung und der Klarheit waren, trat es am unzweydeutigsten
wiederkehrend hervor, so daß es nun fest entschieden ist, daß Lse H.- welche unsere Schonung und Nachsicht wirkl[.]
mit Füßen tritt - zu Pfingsten aus der Anstalt muß. Ich schreibe dieß Sonnabends am 26' April und erst vor
einigen Stunden ist mir diese Entwickelung des Ganzen zur Übersicht geworden. Mich dünkt Lse H.- ist ein
trauriges Beyspiel für das Volkswort: "Böse Gesellschaft verderben gute Sitten." Oft ist es mir als sähe ich die
Skizze des Lebens einer gewissen Frau mit der sie lange lebte in ihr, denn wo List, Unwahrheit und Trug bey dem glatten
schmeichelnden Schein der Wahrheit Offenheit ist was kann ja muß man alles im Keime sehen. Ich schweige und - traure.
*
Wie sich das Leben hier nun ferner entwickelt werdet Ihr so schnell als möglich immer Nachricht erhalten[.]
Halten wir dabey aber alle als Ganzes und jedes als Einzelnes für sich nicht das Äußere sondern bleibend das Innere fest.
Von der lieben Mutter welche mit voller Seele immer bey und mit Euch lebt die herzlichsten Grüße, ein jedes von
Euch kann sich sagen daß es von ihr namentlich gegrüßt werde. Die Mutter hat noch eine Kleinigkeit für
Ferdinand Weißer gemacht - ein Serviettenband - da sie nun auch gern dazu schreiben möchte, so meynte ich
es könnte überhaupt die Absendung der Stammbuchblätter nach Posen noch etwas aufgehoben werden; doch
soll keinesweges damit etwas versäumet werden. Zu jener Kleinigkeit findet sich wohl später sonst noch
Gelegenheit.-
Eben hat der Einbaum geschwankt u geschwebt und jetzt - steht er. Lebet wohl, Euer FriedrichFröbel.
Um ½4 Uhr Nachmittags am 26n Apr.

[Nachschrift von Wilhelmine Fröbel:]
An wen meine herzenslieben Seelen möcht' ich von Euch allen möchte ich und sollte ich nicht billig schreiben? Denn
wen von Euch schuldige ich nicht für seine Liebe und Güte mit der ich immer trotz Euren vielen Geschäften
durch einige Zeilen oder Worte noch besonders erfreut werde - aber habt Nachsicht mit der Schwachen die
durch ihre Kränklichkeit jetzt leider so manche dringend nöthige Zeit verliehren muß - denn Sieh' Du liebe
treue Schwägerin die Du wie ich durch Ferdinand erfuhr leider gleiches Schicksal mit mir theiltest -
und einen Teil der Festzeit auch krank im Bette zubringen mußtest. Dies ist wieder der Grund
meines längeren Schweigens. Denn ich hatte wohl in der Woche vor dem Feste meine Kräfte etwas
übernommen <oder> mußte es vielmehr thun weil es keinen anderen Rath gab - 5 Tage hatte ich mich
angestrengt mit der Wäsche beschäftigt - und denn seit länger denn 14 Tagen hatte ich mich vergebens um
Wäscherinnen bemüht die es mir erst gelang in der Festwoche heran zu bringen. Die Wäsche mußte vor dem
Fest noch <über seit> denn ich mußte die einzige Stube die ich dazu übrig hatte frei machen, weil stündlich unser guter
Langethal erwartet wurde, und ich in diese Stube einziehen mußte - und nirgend irgend sonst mit dem feuchten
Zeuge - denn gerollt oder <gemange[l]t> wird hier nicht - sondern alles feucht geplettet - hinmußte. Du weißt das [sc.: , daß] ich
mich schon in den letzten Jahren zu Hause nothgedrungen von dem Pletten zurückhalten mußte, weil ich es
durchaus nicht mehr vertragen konnte - eben so war es mit dem Bakken. Niemand war hier, der dies übernehmen
konnte - auch Louise versteht nicht den einfachsten Kuchen zu bakken. Im Städtchen und der Gegend ists nicht üblich
zu dieser Festzeit zu bakken - ich wollt es um meinetwillen meinen Hausgenossen die es von Haus her so sehr
gewöhnt sind ein Stückchen Festkuchen zu genießen - nicht abbrechen - aber weil ich schon fühlte wie mir war - schlug
ich vor bei dem Bekker oder <Pfister> einige einfache Eierwekke u Kringel zu bestellen wie sie bei Weinacht
hier gebakken werden - denn ich fürchtete auch zum Theil das Mislingen, wenn es das Mädchen einkauft mit dem Ofen[-]
heitzen versähe, wie zu Weinachten. Doch Fröbel meinte die Bekker <verfallgten> gewöhnlich die Wekke so gerstig - und
so entschloß ich mich still schickte Karl nach Sursee um gute Hefe zu bekommen und gab mich Sonnabend gleich nach
Tisch daran - weil ich den Vormittag noch mit wegräumen der Wäsche zu thun hatte, und die unerwartete Hausgenossin
L. F. morgens schon eintraf. Darüber kam der liebe L. an als mitten im Bakken schon beschäftigt - und so kam ich natürlich um die
ersten <allgem.> frischen Mittheilungen des Wiedersehens - doch gerieth alles im Ganzen gut und ich wa[r] herzlich zufrieden -
aber ich hatte genug für mich - denn ich war aufs höchste erschöpft, und bekam gleich darauf die wiederholenden heftigen Schnupfen
und Husten Anfälle - die mich deshalb jetzt immer so sehr darniederreißen, weil [sie] sich so stark auf Brust u Nerven werfen -
Eine ganze Woche lang war ich in meinem ganzen Gefühl wie halb erstorben - ob es fortwährender Fieberzustand war - weiß
ich nicht - aber ich konnte gar keine Lebenswärme und kein eigentliches Lebensgefühl wirkl[ich] bekommen - Siehe Du gutes Schwesterchen
so geht es dem Menschen, wenn er auch denkt zu seiner Plage etwas thun zu müssen u thun zu dürfen; Es kehren die Forderungen
sonderbar wieder - so lange die Kräfte nur noch sich regen, und man ist zufrieden wenn es nur selbst unter Aufopferung nur noch
möglich. Erst jetzt fange ich an mich wieder zu erholen. obgleich ich mich immer noch wirklich krankhaft fühle - doch habe ich schon wieder für mich
waschen können, denn auch das muß ich hier lernen - denn will ich < ? > die gr[oße] Wäsche für Fr: und mich ein P[aar] reine Strümpfe <wie> reine Schnup-
ftücher haben muß ich sie selber waschen - und wenn es mir auch schwer wird; so freue ich doch wenn <es dann so gefällt> - Wie oft denke ich dann an Dich <und an>
<an Dein Mittragen>, und bitte Dich in Gedanken um Verzeihung, wenn ich mannigmal früher über unsere gute Wäsche in Keilhau [nicht] kümmerte, <und ich mich> jetzt für <alles kümmere allen mannigseitig> - Dank /
[2R]
[Adresse:]
Herrn Wilhelm Middendorff
      in
Keilhau
     bey Rudolstadt in Thüringen