Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 17.5.1834 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 17.5.1834 (Willisau)
(KN 47,10, Brieforiginal 1 Bl 4° 2 S.)

Willisau am 17en Tage im Monat des blühenden Lebens (:V:) 1834.


Vertrauen, Gottvertrauen und die Überzeugung, daß Gott mit uns und unserm Wirken und
Streben ist - (:welches sich täglich ja stündlich thatsächlich beweiset:) - Euch allen: -
Dir mein theurer, geliebter Bruder und treue Schwägerin; Dir Middendorff und Deiner Albertine, Dir Ernestine
Dir Barop und Deiner Emilie, Dir Elise - und (wäre Mathilde noch bey Euch) auch Dir Mathilde
zum einigenden und seegensreichen Gruß allem zuvor!-

Ich habe verflossenen Mittwoch Euren frischblumigen und gewürzig duftenden Blüthenkranz, Euern brieflichen Frie-
densbogen, die Lebensmelodien Euern reinen Gemüthes und klaren Geistes empfangen, und ob ich mich gleich nur
mehr noch in Anschauung nur einsam daran erfreuen konnte indem das gewaltig drängende Leben die Mittheilung
noch nicht erlaubte und zur morgenden Festgabe bestimmt ist - so stand doch sogleich eine < ? > ähnliche Kranz-
antwort in meiner Seele; doch das Leben wollte auch sie nieder zu schreiben mir nicht erlauben; denn es ist
in meinem und unserm Leben, wie in dem jetzt gewiß von Euch beachteten Hervordrängen der Buchen-
Eichen- und Lindenzweige - das Leben quillt hervor und streift die bisher zwar schützenden schuppigen, aber doch
todten Hüllen ab und läßt sie sinken, daß sie Feuchtigkeit halten, Verwesen und Nahrung bringen zu seiner
Zeit wieder dem wachsenden Baume.
Heute kommen nun Euere sehr gewichtigen, das Allgemeine tief treffenden Briefe, ich meine von Dir Middendorff und
von Fr Langethal an ihren Mann; auch Ihr werdet heute nicht minder wichtige Briefe von uns erhalten und erhalten
haben und Ihr werdet Euch sehnen für jene die Bestätigung und auf Euere Briefe an uns die Antwort zu er-
halten darum dränge ich alles persönlich den Dank und die Handbiethung für jedes einzelnen Gruß welcher
aus dem Gemüthe immer von neuen herauffunkt in dasselbe zurück denkend - das Leben mit seinen Früchten
wird einst Dank- Handbiethung und Gegengruß reichen, einem jeden und für jedes.
Mein heutiger Brief und besonders dessen von Ferdinand stereotipisirte Beylage wird hoffentlich meinem vorigen
Briefe und jüngsten Briefen auch den von Euch heute erhaltenen nichts an Wichtigkeit nachgeben, ja ich hoffe er
wird Euch "wenn Ihr nur den rechten und wahren Gebrauch davon macht" Ein Schlüssel für das Leben,
ein Hebel desselben und ein Gewicht, eine ächte Feder, mit ächter Federkraft an der, an unserer großen
Lebensuhr seyn. Wo beginne ich aber?-
Erstl. Von Barops unmittelbares und schnelles Herüberkommen in die Schweiz war von meiner Seite noch ganz
und gar nicht die Rede. Barops Familien leben ist mir wie jedes ächtes Familienleben theuer, ja wirklich heilig
und ich wünschte, daß es sich noch lange in Stiller [sc.: stiller] Zurückgezogenheit entfalte und erstarke; allein, ich bin nicht
das Schicksal, so handelte ich als treuer Freund ihm jeden Schritt der allgemeinen Lebensentwickelung mitzutheilen
um das sein Leben d.h. <das> Leben seiner ganzen Familie damit in Übereinstimmung zu setzen. Langethal[s] Äußerung
an seine Frau, welcher, wie Ihr wißt, in all seinen Äußerungen etwas gewaltig ist, kam mir selbst etwas un-
erwartet (:wo er nemlich von Ernestinens Reise in Gemeinsamkeit von Barop und Emilie spricht:) - aber ich ließ sie
stehen als Fels wie sie stand weil ich kein Recht in mir fand sie abzuändern.- Ihr sehet ja nun auch aus dem
Verfolge der hiesigen Lebensentwickelungen welche ja schon bis jetzt Euch vorliegen, das [sc.: daß] alles ganz anders kommt
als sich Langethal dachte, denn ich erwarte nach den Euch vorliegenden Briefen von mir und nach diesem Briefe
mit seiner Beylage Ernestinen Langethals Frau in möglichster Kürze hier und zwar wenn nicht unerwartete
und nicht zu beseitigende Hindernisse eintreten, in Gesellschaft des jungen Brömels.
Die Bestimmungen der letzten Briefe von hier erhalten hiermit ihre völlige Bestätigung; die Einzelfragen und
Wünsche aus Jena und der Umgegend können nun gar nicht mehr beachtet werden, denn von uns fordert
die Vorsehung - (Du Middendorff hast es in Deinem jüngsten Briefchen so bestimmt als wahr ausgesprochen) - daß
wir uns durch die Mittel die sie uns reicht und durch die Wege welche sie uns zeigt selbst helfen sollen.
Um die Erhaltung des Ganzen Brüder u Schwestern handelt es sich - und Gott will uns als ein Ganzes erhalten
- darum begrüßte ich Euch: vertrauet und glaubet Gott sey mit uns!- Wir haben uns wie Menschen,
Menschlich nach allen Seiten an Menschen um Hülfe gewendet -schnöde wendeten sie mir den Rücken da wir ihnen
doch ihr Heiligstes ihre Kinder - die des Landes oder die der Familien entziehen wollten[.] Gott aber sprach in
seinem Herzen da er dieß Handeln sahe: - "ich will ihn und sie schützen in Noth und Gefahr, noch eine kurze
Zeit werde ich sie prüfen, dann werde ich kommen und meine Hand über sie halten und ihn und sie retten, denn
er und sie erziehen mir meine Kinder, er und sie erziehen mir Menschenkinder zu meinem zu Gottesfrieden
und ich will mich ihnen zeigen wie <ich> ihnen verkündigt worden ist und sie geglaubt haben - als Vater! -
als Vater mit Vaterherzen und Vatersinn. Darum Brüder, Schwestern laßt uns Gott mehr vertrauen als
den Menschen, die sich ihrer Nichtigkeit bewußt, uns in unserm rein menschlichen Vertrauen zu Menschen und Gott
so oft verspottet mindestens belächelt haben; laßt uns alles dessen nicht förder gedenkend Gott unserm Vater
als treue Kinder vertrauen. Seht Gott wollte uns nicht durch voreilige menschliche Hülfe in Menschenfesseln
schlagen: er sprach ich will und kann helfen wenn es Zeit ist; sehet so waren es Beweise von Gottes Vaterliebe, als die
Menschen die uns für ihre Hülfe - in menschliche Fesseln geschlagen hatten sich von uns wandten - darum wollen
wir auf Gottes stille Führung mehr vertrauen als auf der Menschen ihr lautes verwirrendes Schreyen.-
Mittags nach 1 Uhr Fortsetzung Vorstehendes habe ich diesen Vormittag niedergeschrieben. Eben habe ich lange mit Lange-
thal besonders über Ernestinens Brief gesprochen und er hat mir denselben commentirt. Das Ergebniß unserer Mittheilungen
wird er Euch aussprechen im Allgemeinen sage ich blos, - daß es mir niemals in den Sinn kommt Keilhau durch
Bestimmungen von hier aus zu schaden; auch ich theile die Wahrheit des wichtigen Erfahrungssatzes nichts zu übereilen
und nichts Unvollkommenes aufzuheben ehe man mit Bestimmtheit das Bessere dafür hinstellen kann, und so gehe
ich denn in alles das ein, was die Bestimmungen in Langethals Brief (so weit ich dieselben unterschreiben werde) in dem
oben von mir Ausgesprochenen abändern werden. Des jungen Brömels Überkunft nach der Schweiz muß aber
dann um so bestimmter gefördert und betrieben werden. Ich wollte Euch in dieser Beziehung eine Anweisung, die im
vorigen Briefe gedachte Anweisung an die Fr: v. Ahlefeld schicken; Langethal erklärt aber bestimmt, daß es
nicht nöthig sey. Was Ihr darum von dem Betrage der Rth 50 sächssch: nicht an den jungen Brömel als Reise[-]
geld auszuzahlen habt <denn> die Euch dann vielleicht noch übrig bleibenden Rth 25-30, könnt Ihr dann zur /
[1R]
zur Bezahlung der Blumbergschen Zinsen verwenden. Schreibt mir überhaupt ja bald und bestimmt
wie viel Ihr zur Bestreitung dieser Zinsen von hieraus, erwarten müßt, damit ich möglichst bald darauf
Rücksicht nehme und höchstens d.h. wenigsten[s] an Blumberg im Fall der Noth schreiben lassen kann: er möchte eine
kurze Nachsicht mit mir und uns haben.- Ich wünsche nicht das [sc.: , daß] Keilhau falle, noch weniger daß es zu früh falle
sein Fall möchte uns hier in der Schweiz empfindlich verletzen. Aber das Stehen in der Schweiz scheint ein Stehen
in einem großen Ganzen ein Stehen im ächten Volksgeiste zu werden. Ihr sehet es schon aus den Schreiben des Reg R.
Schneider
, aber fast noch mehr aus einem Briefe eines gewissen Allemann, Mitvorsteher einer Erziehungsanstalt ohnge-
fähr 2½ Stunde[n] von Bern, wovon ihr [sc.: Ihr] hier einen Auszug erhaltet. Dieser Allemann war vor ohngefähr 6-8 Tagen hier.
Er wollte sich ½ Stunde hier verweilen wurde aber obgleich er Zöglinge bey sich hatte mehrere Stunden gefesselt u.s.w. Ihr seht
wie hier das Leben des Einzelnen und was dasselbe bewegt, leicht in das Leben des Ganzen zur Bewegung und
heilsamen seegensreichen Bewegung desselben übergeht.- Pupikofer Lehrer aus Summiswald war mit seinem Hülfslehrer
wieder 2 Tage hier; bey seinem Weggehen äußerte er sich von seinem Standpunkte aus ohngefähr so wie Allemann.
Der Herr Reg: R. Schneider welcher gestern Abend hier ankam und heute morgen wieder abreisete (- wovon nachher)
wird ihn nun schon in Summiswalde gesprochen haben; Sehet so gehet hier jeder Lebensgedanke gleich in das Herz
der Behörden und aus dem Herz der Behörden zu Gestaltung gleich ins Leben nach Möglichkeit zurück. Sehet das ist
der große Unterschied zwischen dem hiesigen, besonders dem Bernerischen Leben und unserm um Keilhau u.s.w. rc:
Nun zum Berner Leben selbst.
Erstl. Werde ich nun mit Bestimmtheit die Leitung eines 3 monatl. Wiederholungskurses mit 30-40 schon angestellten
Schullehrern im Schlosse zu Burgdorf übernehmen; alles ist abgeschlossen: im ersten Viertel des Monats Juny wird
der Kursus beginnen ich werde deutsche Sprache u Mathem. lehren und unter den Zöglingen u mit ihnen leben rc.
Meine äußere Stellung ist: - alles frey und circa Rth 100 preuß Cur: Entschädigung.- Ende August soll der
Kurs geschlossen seyn.-
Zweytens: Sind nun auch die bis jetzt noch fehlenden 2 Berner Schullehrer Zöglinge aufgenommen worden, gleich nach
Pfingsten treten sie ein; schon ist das erste Vierteljahr ihres Kostgeldes rc bezahlt.
Drittens: Wird die NormalArmenerziehungsanstalt nach Burgdorf verlegt werden, (erwägt dieß!!!)
und möglichst schnell soll sie ins Leben treten, im nächsten Monat soll darüber entschieden werden. Der Stadtr.
von Burgdorf hat dazu ein der Commune gehöriges Land-(Ba)uernguth angeboten. Der RRath Schneider hat
es gestern besichtigt es liegt 20 Minuten von Burgdorf. 4000 Frken u.s.w. liegen zur Einrichtung bereit
und man rechnet darauf daß die Anstalt von einem von uns geführt habe [sc.: werde]. Langethal hat in sich viel Lust dazu
und - da ich der Entwickelung nicht vorgreifen will habe ich Dich Barop und Langethal zugleich dazu vorgeschlagen[.]
Aber erschreckt nicht - durch dieß Wort braucht Barop und seine Emilie nicht zu uns zu kommen -. Ich suche hier alles
so einzuleiten daß Ferdinand und Frankenberg hier gemeinsam, vielleicht mit den zwey Freunden des letztern
aus Hanau, an welche ich so eben entscheidend habe schreiben lassen, die hiesige Anstalt fortführen werden; denn
viertens: Das Waisenhaus in Burgdorf wird ohne Zweifel auch wie ich Euch schon schrieb in diesem Herbste
noch zu stande kommen; da man nun wie mir der He. RR. Schneider sagt auch mit Sicherheit darauf rech-
net daß einer von uns die Leistung [sc.:Leitung] desselben übernehmen wird, und ich werde, wenn die Normalar[-]
menerziehungsanstalt zu Stande kommt dann die Führung des Waisenhauses übernehmen. {Kommt / Käme} das Wai[-]
senhaus nicht zu stande, (was jedoch unbezweifelbar ist indem alles schon vorbereitet und das
Haus fast ganz ausgebaut ist) so würde ich die Leitung der Normalarmenerziehungsanstalt übernehmen.
Auf diesen Fall hin könnte dann auch Langethal nach Keilhau zurückkehren - wenn Ihr es heilsam und noth[-]
wendig findet [sc.: finden] könntet; der Fall scheint freylich nicht wohl einzutreten; doch liegt er im Bereich der Möglichkeit[.]
Dieß zur Beruhigung aller und dann - kommt Langethal nach beendigten Examen - vielleicht mit seiner
< ? > sich in frischer Bergluft gebadet habenden Ernestine zurück - wenn die ihn in der Schweiz besuchen sollte
d.h. wenn ihr die Mittel dazu werden sollten denn viel traue ich den Keilhauer Frauen Tüchtiges und
Seltenes Gute zu aber daß sie - wie die liebe Emilie meint fliegen sollten, habe ich noch nicht von ihnen
erwartet; aber wenn auch {die Leute / die Menschen} nicht fliegen können, so können doch sie doch wohl fliegend gemacht werden[.]
Solltet Ihr es also für Gut finden, daß Frau Langethal uns besuchte, und Ihr nicht Reise-
geld für sie durch meine Anweisung haben solltet, so setzt Euch und schreibt flugs 50; ich meyne
stellt dann im Nothfall auf mich einen Wechsel auf 5 bis 7 Carolin circa 50 Rth. aus. Be-
nachrichtigt mich aber augenblicklich von dessen Ausfertigung damit ich mich darauf einrichte.
fünftens Wird auch eine Normalbildungsanstalt für <Erzieherim> [sc.: Erzieherinnen] und Lehrerin[nen] (auch vielleicht
in Burgdorf?) errichtet werden. Ich habe an Mathilden als Vorsteherin gedacht ihrer auch in
dieser Beziehung schon gedacht beym RR. Schneider. Würde sie wohl einen Ruf dazu von der Regierung
annehmen??- Schreibt mir Eure Meynung; ich dachte auch an Elise in Gemeinsamheit mit
Mathilden.
sechstens. Das Bauerngehöft zur NormalArmenerziehungsansstalt hat 70 Juchart Land u.s.w.
Da dachte ich --- an Dich Bruder wenn Gott vielleicht einmal alle die Deinen gesichert
um Dich versammeln wollte. Besuche uns mindestens einmal mein Bruder, besuche Deinen
Ferdinand u sieh Dir selbst das hiesige Leben an.-
siebentens Soll eine Kantonal Taubstummen Anstalt errichtet werden; ich dachte Kosels
u habe ihn vorgeschlagen.
Achtens endl. grüßt d[en] He. Pfarrer Lunderstädt fragt ihn ob er Lust hätte nach der Schweiz
und Bern zu kommen und wie bey welchem Lebensziel unter welcher Bedingung.
Grüße Euch Gott. Kein Wort erlaubt die Zeit als Gott mit uns.
Euer FrFr.