Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 9.6./14.6.1834 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 9.6./14.6.1834 (Willisau)
(KN 47,15, Brieforiginal 1 Bl 4° 2 S. zit. Halfter 1931, 705)

Willisau am 9en Juny 1834.


Meine Geliebten, meine theure Gesammtfamilie welche Gott schützen möge.


Das Unglück welches in dieser Nacht eine uns mehrseitig befreundete liebe Familie, einen uns theuren Mann be-
troffen hatt könnte nur dann noch größer seyn als es schon ist, wenn ich nicht noch hinzufügen könnte:-
"Ein süßer Trost ist ihm geblieben
"Er zählt die Häupter seiner Lieben
"Und sieh! ihm fehlt kein theures Haupt."

Nur das äußere Unglück, den nur den äußeren Gipfel derselben kann ich Euch, nach dem Wenigen was ich bis jetzt
davon weiß Euch schildern, das eigentlich innere Unglück dieses Mannes Euch zu zeichnen, dazu bedürfte es mehr
Raum und Zeit als mir dazu zu verwenden im Stande ist.- Dieser unglückliche Mann ist unser Herr Pfarrer Stähli
in Huttwyl!- Ein zündender Blitz beleuchtete in dieser Mitternacht in so graußiger Flamme den äußeren Gipfel
seines Unglücks, daß der Schein davon hier in Willisau, 2½ Stunde über einen Berg entfernt, in meinem Zimmer
Schatten warf.
Ihr wißt daß wir seit mehreren Wochen fast immer trockenes und fast heiteres Wetter gehabt haben, mit geringer
Ausnahme.- Seit 4-5 Tage[n] trübte sich der Himmel abwechselnd jedoch so zu, daß man immer von einem Tag zum andern
ja von einer kurzen Zeit zur andern glauben mußte, nun wird nothwendig bald ein entscheidender und dauernder
Regen kommen, doch zerstreute sich immer das Gewölk und der Himmel heiterte sich auf kurze Zeit auf. Es war mir
oft unheimlich dabey zu Muthe und ich sprach es auch aus denn es war mir wie ein dumpfes Brüten über etwas, bey
dem es gar nicht zur Entscheidung kommen könne. Gestern früh wollte ich mit Lgthl nach H.- zur Kirche, der Regen trieb mich
zurück, Lgethl in sich und durch Geschäfte bestimmt und durch einen Regenschirm geschützt ging. Der Himmel klärte sich wieder auf
und Lgthl kam unberegnet zurück, nachdem er mehr Stunden über Mittags bey dem Herrn Pfarrer gewesen war, dem-
selben aber in Beziehung auf seinen ältesten Sohn Gottlieb, welcher noch immer nicht zu ihm zurück gekehrt war und
welchen er darum noch gar nicht seit seinem Fortgehen von hier gesprochen hatte - in sich, gar sehr niedergebeugt verlassen angetroffen hatte, indem er ohngefähr
ausgesprochen: - er besitze sich kaum selbst.- Der Herr Pfarrer war übrigens ganz allein zu Haus indem seine
Frau die älteste Tochter, Gritchen, nach Yverdun in die Sch Niederersche Erziehungsanstalt bringt; die beyden jüngsten
Kinder der muntere Fränzel und die sanfte Julie waren dieserwegen nach Afholtern zum Herrn Pf: Zimmerly gebracht
worden. Aber auch er selbst der Herr Pfarrer wollte gestern Nachmittags noch wegen der Unterkunft seines Sohnes Gottl
nach Afholtern - u. Lützelfluhe 4 Stunden von Hutwyl, und von da heut nach Bern verreisen. Darum waren in dieser ver-
hängnißvollen Nacht im Pfarrhause zu Hutwyl (wenn der H. Pf: seinen Vorsatz noch ausgeführt hat) nur die zwey Mägde
zu Hause.-
Zwischen 10 und 11 war es als wir gestern Abends hier zu Bett gingen; e in sanftem Regen schienen sich endlich die harten
Wolken aufzulösen. In der Nacht nach 12½ weckte mich ein furchtbarer Sturm und ein gewaltiges Scheibengeklirr
unter mir, harte Donnerschläge und alles um mich erleuchtende Blitze empfingen mich beym Aufstehen und fast in allen Zimmern
war man zugleich wach und der Regen schlug in so großen und festen Tropfen an die Fenster, daß wir
alle glaubten es hagele. Ferdinand war schon im Dunkeln voraus und hinab geeilt die Fenster zu schließen welche die jungen Leute
spät wieder geöffnet und zu schließen vergessen hatten; es sind Fenster größer als die Keilhauer und nur 2 flügelich[.]
Durch das Einschmeißen von ein Dutzend und mehr Tafeln hatte mich der Sturm geweckt aber wozu? - gegen
Westen zeigte sich ein dunkelgebrochenes Licht, wie oft wohl bey Abend oder Morgengluth - der Ausruf: - "Das muß eine
große Brunst seyn["] (wie es in der Schweiz heißt) zog aller Blicke dahin; doch eben die dunkele schwarze Wolke hinter
welcher die Flamme des Feuers hervorleuchtete täuschte uns alle wegen der Entfernung und wir hielten das Feuer
sehr weit von uns entfernt, indem wir die Rauchwolke des Feuers, wie oft beym Abendroth für eine Wolke
des Himmels hielten; auch hinsichtlich der Richtung konnte man sich nicht auf Hutwyl einigen; so gingen wir wieder
zu Bett obgleich 5 Berner mit einem Hutwyler in einer Stube schlafen. Nach den wenigen gewaltigen Schlägen beruhigte sich auch nun
sogleich der Sturm.- Im und vom Städtchen kennst Du Barop die
Trägheit bey Feuerlärm; denn denkt Euch nur nach 9 Uhr Morgens wußte das hiesige Oberamt noch nicht
amtlich wo das Feuer gewesen war (:und man kann in weniger als 2 Stunden von hier nach Hutwyl gehen.)[.]-
Doch sagte ein Fußbothe aus welcher es jedoch auch nur gehört hatte:- "Das Feuer sey in Huttwyl gewesen
der Blitz habe in einem Gasthaus (in der Krone) dicht an der Kirche eingeschlagen, und fast das ganze Städtchen
die Kirche und das Pfarrhaus seyen ein Raub der Flamme geworden." Diese Nachricht hat denn auch bald
darauf ein Feuerläufer amtlich bestätigt. Dieß ist nun was ich selbst bis jetzt (Nachmittags 1½ Uhr) weiß
denn ein Schrecken und Treiben, wenn auch wohl nicht in allen der gleiche Trieb zur Hülfe, ergriff nun alle die
größeren Glieder der Anstalt. Die fünf Berner begleitet von Brunner und Langethal brachen sogleich auf.-
Frkenbrgen trieb es auch mit fort; doch ich mußte erklären daß dieß nur dann möglich wäre, wenn wir
die Anstalt für heute ganz schließen könnten und ich auf diesen Fall gewissermaßen meiner Pflicht entbunden
sey indem ich hier nicht eigenmächtig handeln dürfte. Doch endlich nach Rücksprache mit einigen im Städtchen
wurde dafür entschieden und so giengen den[n] Ferdinand, Frkenbg, Lgguth, Karl, Titus begleitet wohl von einem
Duzzend und mehr den erstgenannten nach um zu sehen wo, wie und wem? - zunächst zu helfen sey.
Noch ist aber Niemand zurück.--- Ich bin von des Lebens innern und äußern Stürmen, so durch und durch /
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ermüdet daß [ich] es mir nicht zumuthen, ja es nicht wagen durfte die Übrigen zu begleiten, (da ohnehin doch ein
Mann zu Hause bleiben mußte) - ich würde sonst die Folgen da von diesem Gewaltsweg während meh-
rerer Tage empfunden haben, da mich zumal das Schicksal dieses Mannes, unseres Freundes so tief inner-
lich ergriffen hat, denn außer dem Schicksale was diesen Mann mit seinem ältesten Sohn jetzt als Gipfel von
dessen mehrjährigem Leben, als ungerathener Sohn trifft; hat auch dessen jetzige Frau, wie Du Barop
wissen wirst bey oder nach einer früheren Geburten das Unglück getroffen, daß sie an der Linken Seite
zum großen Theil gelähmt ist, so also den linken Arm wenig gebrauchen und nur kleine Strecken zu
Fuß gehen kann.- Andere fast nicht minder tief ergreifende Lebensschicksale und wirklich seltene Eigen-
thümlichkeiten desselben gar nicht zu gedenken.
Da glaubte ich denn ich könnte nach gar keiner Seite hin und in gar keinem Betrachte, die Zeit meines Zurückblei-
bens besser benutzen, als Euch die Spitze des äußern Schicksales eines Mannes mittheilen welcher an Eurem
Leben und an dessen Leben Ihr schon so innigen als großen Antheil genommen habt, welcher, wie ihr nun
nochmehr aus dem Munde Barops hören werdet, ein Mann von seltenem Geiste und nicht gewöhnlicher
Kraft, ein kenntnißreicher ja vor allem ein wirklich genialer Mann ist. Ein Mann, welcher wie in seinem
Streben kräftig, so in seinen Gesinnungen rein und ganz besonders klaren hellen, logischen Geistes
und nach einer Seite hin festen Willens wie ein Reformator anders Seits aber auch von in Thränen
zerfließender Gemüthlichkeit ist. Laßt Euch nur noch einiges von diesem Manne sagen dessen Schick-
sal mich so tief ergreift: - Er seine jetzige Frau (gelähmt) und die beyden kleinen Kinder von dieser sind
arm, nun blutarm, während sein Sohn Sohn [2x] Gottlieb etwas vermögl[ich] und seine Tochter Gritchen,
(beyde von der ersten Frau) reich ist; jener besitzt durch das Vermächtniß eines Mütterlichen Oheims
8000 Schwzerfranken (à 10 <gr>) diese 80,000 Schwzrfrkn; so daß er mir selbst sagte, daß dieß Mädchen
jetzt zwischen 14 u 15 Jahr, bey ihrer Verheyrathung einst wohl 100,000 Schwzrfrkn (für die Schweiz ein großes
Vermögen) besitzen würde. u.s.w. u.s.w.
Gegen Abend. Lgethl und die Übrigen sind zurück. Er bestätigt zum Theil das oben Ausgesprochene. Außer der Kirche und
Pfarrwohnung sind noch nebst der Schule 40 Wohnhäuser im Städtchen ohne die Scheuern abgebrannt; 75 Familien oder
ohngefähr 400 Personen sind ohne Obdach und haben Alles verloren. Mit dem Herrn Pfarrer verhält es sich etwas anders:
als er gestern wegen seiner Reise ½ Stunde vom Städtchen war, begegnen ihm zwey Pfarrherrn (Bitzius und ein anderer), welche bey ihm übernachten
wollen, um heut hierher nach Willisau zu gehen. Mit diesen kehrt er zurück. Also er
war nicht allein zu Hause sondern er hatte sich auch noch 2 Freunde zur Hülfe mitgebracht. Doch konnte alle Hilfe wenig
helfen, der Blitz schlug nicht in einen Gasthof sondern in einer Scheuer außerhalb des Städtchens, doch so stark, daß wie
man sagt die Scheuer sogleich zertrümmert war, das Feuer griff so reisend [sc.: reißend] um sich daß binnen ½ Stunde das ganze innere zusammenhängende
Städtchen niedergebrannt war, nach der Straße hin war eine mörderische Glut, so daß nach dieser Seite zu
gar nichts gerettet werden konnte. Der Herr Pfarrer konnte nur nach dem Keller mit seiner Habe flüchten; ob er aber
etwas gerettet hat ist noch die Frage; denn man wollte bey Abgang Langethals lichtes Feuer im Keller bemerkt haben.
- Den Herrn Pfarrer hatte Lgethal ziemlich gefaßt getroffen und noch gefaßter verlassen. Ich glaube dazu mag
ganz wesentlich das Wiederfinden seines Sohnes Gottlieb beygetragen haben, denn gleich beym Beginn des Brandes
ist dieser zum Vater gekommen ihm sagend: "ihn er möge ihn anstellen wo er helfen könne." Dieß Wiederbekommen
des Sohnes hat, so glaube ich nach der Empfindungsweise des Vaters, ihn wenigstens für den Augenblick den Verlust
der übrigen Güther weniger beachten lassen. So giebt die gütige Vorsehung Höheres, indem sie Niederes nimmt. Lgthl
welcher auch lang mit Gottlieb gesprochen hat sagte mir: vielleicht erfasse dieß den Sohn zur Besserung.-
Zwey kleinere Pakete alle Kleider - wozu auch Ferdinand redlich beygesteuert hat und sind schon dahin für
die Kleiderlosen abgegangen und ein größeres wird morgen früh dahin abgehen.
Wir können unser eigenes Leben und dessen Begegnisse nicht oft und lebendig genug im Spiegel des Fremdlebens
und dessen Begegnisse sehen deßhalb theilte ich Euch alles sogleich mit; übrigens kennt ja Barop vieles local
[(]nach Bern zu steht alles noch vom Häuschen des Gendarmen; nach Willisau zu steht noch das Bäckerhaus, unter dessen Überdach, wo der Brunnen, wir gewöhnlich einen kleinen Halt machen, die Post, und alle Häuser dießseits.- Von der Kirche, dem Thurme und dem Pfarrhause soll noch das Gemäuer stehen und graußig [aus]sehen. Leset Schillers Glocke.-[)]
und persönlich[.]
Merkwürdig ist daß das erste was man mit Sicherheit wußte Diebereyen waren, so hatte man einer Magd <Lade erbrochen>[.]

Sonnabends am 14en Juny. Wie ich aus Langethals Brief an Leizmann sehe, wünscht er daß ihm derselbe bald zu Händen
kommen möge und so will ich denn die Absendung dieses Briefes an Euch nicht bis zu einem nächsten Posttag aufschieben[.]
Vielleicht ist es, wer kann es wissen so der letzte welchen ich Euch von Willisau aus d.h. in unmittelbarer Verbindung mit Willisau
an Euch schreibe; denn für morgen ist nun alles zu meiner Abreise dahin bestimmt. Fellenberg spuckt gewaltig, was sonst
nie geschahe auch im (Surseer) Eidgenossen. Ich komme in die Nähe eines Wespennestes; ich bin sehr begierig nach einigen
Wochen mein zerstochenes Conterfait zu sehen. Ja zur Lust gehe ich nicht ins Bernsche - ich bleibe lieber davon geböthe mir nicht höhere
Pflicht.- Die Menschen werfen mir oft mein Vorwärts gehen vor, und schilt ungerecht nicht als <ungenügsam> oder unzufrieden;
wenn man nur wüßte wie mir bey jedem Schritt nach Vorwärts zu Muthe ist.- Doch genug! Das Bewußtseyn nur erfüllter höherer
Pflicht ist der einzige Trost im Leben.- Lgethl hat von dem frischen Leben im Kreise geschrieben.- Auch in der Schweiz im Allgem.
regt sich immer mehr kräftiges Leben: so hat sich seit dem 14en Mai zu Zofingen ein schweizerischer Verein für Volksbildung
gebildet. Der Zentralausschuß jetzt in Luzern besteht: der Präs: J. Baumann Professor. Der Vizepräs: Chr. Fuchs Professor. Der
Quästor: J R. Steiger Dr. u Staatsrath, der Archivar. Hildebrand Lehrer, der Sekretair
Siegwart = Müller.- Schniyder aus Fr. hat an mich geschrieben. Er wünscht daß ich mich für einen s[eine]r Fr[eun]de in Bern ver[-]
wende.- Schon einige mal will man mich der ich kaum <auftuchse> zum Patron machen. Närrische Menschen. Den sie heut mit Füßen
treten, machen sie morgen zu ihrem Gönner.- FrFr.