Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Emilie Barop in Keilhau v. 20.6./28.6./29.6./30.6./10.7.1834 (Burgdorf)


F. an Emilie Barop in Keilhau v. 20.6./28.6./29.6./30.6./10.7.1834 (Burgdorf)
(KN 47,16, Bl 1-5 u. Beilage Bl 1-2, Brieforiginal 2 ½ B 4° 10 S., Beilage: 1 B 4° 3 S.; zit. Halfter 1931, 708-713 [= Heiland 1982, Nr. 287]; zit. ebd. 713-715 [= Heiland 1982, Nr. 289]; zit. Kuntze 1952, 85; Beilage ed. KG 1883, 111f.; dort wird der Eindruck erweckt, es handle sich um einen Teil des Briefs an Heinrich Langethal v. 25.4.1835. Der Fuß von Bl 3 ist abgeschnitten, dadurch fehlen ein bis zwei nachgetragene Zeilen 3R. Auf der dritten Seite des dritten Bogens (= 6V) findet sich ein Brief an Johannes Arnold Barop v. 11.7.1834. Zum Brief gehört als Beilage die "Hemsterhuis-Abschrift" mit Nachschrift F.s als Gabe zum 11.7.1834, dem dritten Hochzeitstag des Ehepaars Barop; auf 5R des Briefs erwähnt, ursprünglich als Weihnachtsgabe gedacht. Wohl auch wegen der Neufoliierung wird die Beilage in Briefliste Nr. 603 irrig als eigener Brief aufgefaßt mit der >Keilhauer Gemeinschaft< als vermutetem Adressaten. - Halfter 1931 schreibt S. 708 irrig, der Brief sei am 30.6.1834 beendigt worden.)

[Briefkopf: Lithographie Burgdorfs mit Bildunterschrift "Burgdorf." und Angabe des Briefpapierherstellers]
Schloß Burgdorf am 20en Tage des duftigen Rosen- und LindenMonats (:VI:) 1834.


*
Emilie
*     *

Oft schon in meinem Leben wenn des Lebens Schönheit und Wahrheit, wenn des Lebens Fülle mein Gemüthe schwe[l-
l]te, mein Geist dieses große innig einige Ganze durchdachte und wenn mich das Streben wie Ein Gefühl, Ein G[e-]
danke, Eine That, alles als Ein Trieb durchdrang alles als Ein Ganzes darzuleben, zu gestalten, kund zu thun; <dann>
mußte ich mich Dir mittheilen, ganz mittheilen, denn ich ahnete, glaubte und hoffte von Dir auch wieder ganz ver-
standen in gar nichts mißverstanden zu werden. So komme ich denn auf gleiche Weise mit gleichem Ahnen, gleichem
Glauben, gleichem Hoffen jetzt wieder zu Dir, und warum könnte ich es nicht? Hat doch Dein Gemüth und Geist <durch>
Eine That nur das Wahrste, Schönste, Höchste und Heiligste, mir das Innerste aus Deinem, Deines Lebens, in Deinem bis
jetzt einzigen Brief welchen Deine Güte mir zu meinem jüngsten Lebensfeste schrieb, in Engelsfreudigkeit mir mit-
getheilt.- O! Könnte ich Dich doch mit alle dem was Dir lieb und theuer ist hierher wünschen wo ich dieses schreibe
alles und alles fändet Ihr: einen geräumigen Hof mit Steinchen und Grasplätzen, sonnig und schattig, eben rein und eben, be-
schränkt und doch frey Blumen und Bäumchen, bunte Hühner und schneeweiße Täubchen, farbige Schmetterlinge, ziehende Mauer[-]
und Thurmschwalben, singende Zaunkönige und pipende Vögelchen für Deinen Johannes und vor allem eine kleine 3jährige gesprächige sinnige Spielgenossin des Schloßwarts Enkeltöchterchen für Dich eine gedeckte Laube von wildem
Wein und blaublühender Waldrebe umwachsen, und besonders eine jetzt
duftig blühende Linde rundum von einem schönen vierseitigen grünen Sitz
um geben zu welchem zwey breite schön gepflasterte Stufen führen; in der Krone wohnt eine Welt von summenden Thierchen
und beso namentlich die immer emsige Biene schafft darinne wie auf ihrer Wiese und ihrem Felde, wie in ihrem Garten und
ihrem Hause, wenn Du auch mit Deiner Arbeit oder zu Deiner Erholung zu diesem herrlichen Baume kämest immer fändest zu [sc.: Du], immer
fändest Du kühligen Schatten und erquickende Ruhe. Erzähle Deiner, unserer Elise viel Liebliches von dieser häuslichen Linde;
sage ihr daß ich nie noch eine schönere sah, Dein Barop Du und Dein Johannes würdet schwerlich wi sie ganz umarmen
können, und ich freue mich daß noch mancher lieben Hand es bedürfen würde, ehe dieser Lebenskranz ihn ganz umschlänge.
Ihr Stamm ist ganz unverletzt wie ich noch nie eine Linde dieses Umfangs sah. Die Äste vertheilen und verzweigen sich
wie die Arme der Seesterne gleichmäßig allseitig, und die Krone sage ihr sey schön gewölbt wie eine große Kuppel, sage
Ihr es sey es gewähre Engelsfreude unter einem so ganz gesunden, so lieben Baume zu sitzen und der Lieben zu gedenken
deren treues liebliches Bild er sey. Und Deinem Barop was bringt und giebt ihm dieser Platz, viel bringt und giebt
er ihm, daß er viel geben Dir seiner Emilie viel geben könne: er giebt die reinste Aussicht fast nach dem ganzen Zug der Berner Schnee[-]
berge. Wäre er hier gestern, heute und ehegestern, ja seit dieser ganzen Woche was würde
er Dir nicht alles erzählen, wie würdest Du an ihm ruhend ihm lauschen und wie würde Dein Auge der Spitze seines
zeigenden Fingers verfolgen. Überfliegen würde Dein und sein Blick das mäßig breite mehr östlich als südlich laufende Thal
zur Hälfte Busch- und Baumreiche blau, und {silber- / grau-[}] grüne, zur Hälfte Feld- und Früchtereiche gelbgrüne Thal von der krystall[-]
hellen Emme durchflossen; überfliegen würde Dein und sein Blick die mit <wogischen> wogigen Laubwäldern bedeck[-]
ten Hügel welche das Thal zur rechten und linken begrenzen und ruhen würde Euer Blick auf den schleyerumflos[-]
senen Bergkolossen welche über diese Hügelreihe herüber ragen.- "Dort etwas zur linken, fast vor Dir sind aus der Vertiefung zwischen
den beyden Waldbedeckten Hügeln schaut etwas von den Vischer Hörnern hervor; etwas weiter zur rechten aber zur linken nach
der Höhe des busigen Hügels welcher theilweise von laubigem Walde wie von einem Tuche verhüllt ist taucht der äußere /
[1R]
Eiger herauf, zur he rechten der Höhe siehst Du die Spitze einer kolossalen Pyramide, es ist der Gipfel des innern Eigers
auch Mönch genannt."--
Barop! laße mir nun zeigen und nennen Deiner Emilie die lichten Gestalten die nun folgen, denn seit Langem sind
sie mir die Lieblingsberge der schweizerischen Hochalpen und bis jetzt winkten sie mir hier noch immer in ruhiger Heiterkeit
bey meinem Frühstück in der bedeckten Laube Morgengrüße zu: es ist die hehre Jungfrau welche ihr schönes Haupt und leuch[-]
tende Stirn zuerst und zuletzt im goldigen Sonnenglanz spiegelt; dann folgen wie in einem Triumphzuge die tönenden,
hier die leuchtenden und glänzenden Hörner: das Mittagshorn, Tschingelhorn, Breithorn, G'spaltenhorn; wie nun weiter
bey festlichen Zügen die Kränze und Blumen folgen und die mit Blumen und Kränzen Geschmückten, so folgt nun
wie mit einem großen, ewig gleich rein und gleich frisch blühenden Lilienkranze bedeckt die Blümlisalp; den weiteren
Zug verdecken die von Höfen und Häusern übersäeten in schöner Abwechslung Feld- und Waldreichen Hügel welche das
Thal nach Südwesten einschließen, deren ich schon oben gedachte und an deren Fuß Dorf an Dorf in schattigen Bäumen
liegt.
In solcher Umgebung lebe ich jetzt Emilie seit mehreren Tagen wenn meine vorbereitenden besprechenden Geschäfte
abgemacht sind mit mir und meinen zwar von mir äußerlich getrennten und abwesenden aber in mir wohnenden Seelen-
und Lebensverwandten; dazu nimm seit diesen Tagen eine ungestöhrte Heiterkeit des Himmels, welche man in der
Schweiz Glanz nennt, statt der Tag ist heiter sagt man: der Tag hat Glanz, der Himmel ist dann gleichmäßig blau
nicht von weißlichten Streifen unterbrochen; nie war während der Anwesendheit Deines lieben Barop in der Schweiz der Himmel
in einem solchen gleichmäßigen Zustand, noch weniger auf längere Zeit. Welch ein Bild würde er
Dir jetzt zum Dank für Deine lange Entsagung seiner mit aus der Schweiz bringen wäre er jetzt hier und kehrte
er dann zu Dir zurück.
Ja Emilie! wie ist alles, alles jetzt anders um mich als im vorigen Jahre um diese Zeit; welche Trübung, welche Kälte
welche Störung u.s.w. um mich im vorigen Jahre in dieser Zeit und jetzt welche Ruhe, welcher Friede, welche Heiterkeit.
Welch ein freundliches Entgegenkommen nicht nur von den Menschen, sondern von der Natur, von der Umgegend. Du kennst
mein Leben, meine Gesinnungen, meine {Gefühle / Empfindungen} in dieser Hinsicht und belächelst sie nicht, darum komme ich
auch mit so freyem Gemüthe in freyer Mittheilung zu Dir: ich gebe etwas auf den ersten Eintritt, gleichsam auf
den (ersten) Empfang in einer Gegend welche ich zum ersteren Male in einer gewissen Lebensverknüpfung betrete
wohl wissend daß das Leben der Natur nach seinen Großen Naturgesetzen wie die Sonne nach ihren ewigen aufgehet
und untergehet und daß das Menschenleben darum auch das Bewegen eines Sonnenstäubchens ist und daß <die> am großen Lebens[-]
baume es Ein Leben, Ein Wachsen, Ein Blühen und Fruchten ist was bis in die kleinsten Zweige und Spitzen treibt; ich weiß
recht gut daß die Natur den Einzelnen nicht empfängt und begrüßt, empfangen und begrüßen kann, wie die liebende Ge[-]
meinsamheit den einzelnen Geliebten; aber was hilft da alles Klügeln und Vernünfteln, die Auffassung des
Gemüthes der Eindruck, die Empfindung und Stimmung des Gemüthes bleibt doch. Der verflossene Sonntag, der Tag wo ich
in Begleitung meiner treuen und theuern Wilhelmine von Willisau, geführt von Frankenberg, hierher reisete war
mir ein wahrer Lebensfesttag. Was mir eben in diesem Augenblick einfällt, es muß fast um dieselbe Zeit ge-
wesen sein als Ihr mich von Frankfurt vor 3 Jahren aus Keilhau zurück erwartetet, es war der 15en dies.
Mon[.]; und wie Ihr Du und Dein Barop, als Seelenverlobte mich dort mit weißen und rothen Rosen zu empfang[en]
zu begrüßen gedachtet, so blüheten mir als ich das Emmethal, in welchem ja auch Burgdorf liegt, betrat, fast
aus allen Gärten in gleichmäßiger Fülle weiße und rothe Rosen entgegen, und - erlaube mir immer die freye und
offene Mittheilung denn es bleibt doch nun einmal die Empfindungsweise meines Gemüthes von welcher ich nicht
scheiden kann ich müßte mich denn von mir selbst scheiden - sie drängten sich an die Zäune um über und durch
dieselben mich durch Duft und Blick willkommend zu begrüßen. Vergönne mir dieses Bild, es waren ja
Sonntagssträuße und es war ja nur eine Vervielfältigung Deiner und Deines Barops mir vor Jahren schon
zugedachten Lebensbegrüßung mir jetzt in unzählbarer Fülle an Lebensvollen Sträuchen entgegen blühend, so
in Begleitung von alle den Lieben, die innig einig mit Dir Euch mir und uns, kam ich nach Burgdorf; und auch die
die mit wahrhaft mütterlicher und schwesterlicher Liebe Euer aller <L[i]ebe / Lebe[n]> pflegend in sich trägt, die sorgende Mutter
meines großen Familienkreises war sehr glücklich, fühlte sich unendlich wohl nur einmal wieder einige ruhige
Stunden mit mir leben zu können. Und als ich sie, <be> durch die mich nun ganz fordernden Geschäfte bestimmt, bey der
Wirthin allein ließ, wurde sie von dieser, wie von einer Tochter an dem Arm genommen und ihr die schönsten und nächsten Um[-]
gebungen Burgdorfs gezeigt. Du weißt Emilie! wie ein solches Verhalten der Base wohlthut, und so fand ich sie denn
auch ganz befriedigt und heiter als ich nach beendigten Geschäften spät Abends zu ihr zurücke kehrte.
Am Mondtag Morgens besuchte ich mit ihr das Innere des Schlosses wo ich für 3 Monate leben und wirken solle,
das Äußere hatte sie schon Tags vorher, eben gestern in begleitung der Wirthin gesehen, und ich habe es Dir schon
zum Theil beschrieben. Fast jedes Eckchen ist zu einem Gärtchen oder Sitz oder Hüttchen von Laub und Blumen
umgeben benutzt, selbst die Bogen Hallen und das Treppengemäuer im Inneren des Schloßhofes ist von ran-
kenden Gewächsen: wilder Wein und Waldrebe der so schön blau blühenden, belebt, daß auch der von
steinernen Gebäuden nach 3 Seiten hin eingeschlossene Hof etwas reizendes und feenartiges hat. Meine
Wohnung bestehend aus einem einfenstrigen Vorstübchen und einer 2fenstrigen Wohnstube mag ganz
die westliche Lage haben, welche Dein Stübchen im großen Hause hat. Ich freue mich gar sehr darüber
Morgens und Abends mit Dir nach der gleichen Himmelsgegend zu schauen, freylich sehe ich jetzt die Sonne,
unmittelbar hinter dem fernen Jura Gebirge untergehen. Von dem Hochgenusse, von der Seelenfreude /
[2]
welche mir ein Sonnenuntergang bey günstigem Wetter aus den Fenstern meiner Stübchen gewährt kannst Du
Dir, Emilie! ein kleines Bild machen wenn Du bey einem recht schönen Abend mit Deinem lieben
Barop und lebenvollen Johannes einen Abendausflug nach der Thälendorfer Höhe machst, aber was
ist freylich der Singerberg hinter welchem, irre ich nicht die Sonne dort verschwindet gegen einen
Jura und was ist jenes kleine Thal gegen das hier ausgebreitete?- Während meines Hierseyns hatte
ich schon einen so herrlichen Sonnenuntergang, daß mein Gemüth darüber {laut / hoch} in sich darüber auf-
jauchzte. Was alles hätte ich nicht darum gegeben diesen Abend hier mit Euch verleben, hier
mit Euch theilen zu können, diese Klarheit, diesen Glanz, dieses Feuer des Abendhimmels!!!--- Wer und
was stillt dann die Sehnsucht des Gemüthes??--- Doch ich habe noch manches mit Dir zu besprechen; jetzt
lasse mich fortfahren Dir mein Leben, mein inneres und äußeres welches ich jetzt lebe und welches Hand
in Hand geht Dir zu schildern. Daß bey solchen Umgebungen heitere Tage und klare Abende wie Magnete nach
den höchsten Höhen der benachbarten Hügel von uns wohl Berge genannt ziehen wirst Du ganz natürlich
finden; so hörte ich gestern am 19en d. von einer solchen Höhe schon spät Nachmittags, f ob es gleich 2 Stunden
bis zum Rachilsberg war, so wurde doch wie ich mich nur losmachen konnte dahin gestiegen, und durch
welche Thäler und über welche Höhen führte der Weg!!-- Ich kenne nichts mit Dir gemeinschaftlich, mit welchen [sc.: welchem]
ich diese Thäler vergleichen könnte; obgleich in diesem Jahre große Trockenheit herrscht, so zeigen doch alle hohe
Fülle und besonders Frische dazu kommt das Zerstreutliegen der ahnsehnlichen Gehöfte was aller Gegend
eins - ich kann es nicht anders benennen menschliches Ansehen, so menschlichen Ausdruck giebt. Welche
Gedanken erfüllten da meinen Geist, welche Empfindungen durchströhmten mein Gemüthe. Ich kenne keine
äußerlich vollkommeneren Bedingungen eines rein menschlichen Lebens als die sich bey den Bewohnern
dieser Thäler zeigen.- Die Gärten mit ihren weißen und rothen Rosen begleiteten mich auch hier, denn Du
weißt der Schweizer ist großer Blumenfreund. Und wie herrlich war der Sonnenuntergang,
den ich auf dem Berge fand!-- Die Ansicht der Alpen vom Pilatus bis weit hinter die Gemmi bey Thun
hinab. Die Sonne in ihrem strahlenden Schwinden brachte mir Eure Lebensgrüße und ich sandte Euch durch
sie die meinen.- Ich traf Gesellschaft von hier mir zwar unbekannt, aber Ihr wißt Vögel wie ich sind äußer[lich]
leicht erkannt, doch will man auch gern etwas von ihrer Stimme hören und so kehrte denn bald nachdem
sie bey mir vorüber war, einer der Herren mit seinem Telescop und Statif zu mir zurück um mir
den Weißenstein und Solothurn zu zeigen; doch das Ziel war, mich zur Gesellschaft einzuladen, und
weil überall das Handwerk gern das Handwerk begrüßt so wurde als ziehendes Gewicht in die Wa[a]g[-]
schale gelegt daß eine Erzieherin, die erste Lehrerin in an der hiesigen Mädchenschule in der Gesellschaft sey;
allein heute konnte mich daß nicht bestimmen; nach der von der Höflichkeit geforderten Begrüßung gieng ich nach der Stillen
Höhe zurück um diese ganze Nacht auf ihr zu verweilen. Aus dem Garten des einzelnen Bauernhofes auf der Höhe, wohin
ich mich um ein Nachtlager auf dem Heu wandte, winkten mir meine Rosen auch hier guten Abend und gute Nacht zu[.]
Wie der Sonnenuntergang gegenseitige Gute Nacht gebracht hatte, so brachten die ersten [{]Morgen[-] / Sonnen[-]} strahlen gegenseitige
Morgengrüße und von Klarheit und Lebensfrische umgeben, Klarheit und Lebensfrische im Innern ging ich mit Euch durch
die Thäler des Friedens zurück zur Erfüllung der Forderung meines Berufes. Friede - Freud- und Wonne in der Seele vo[ll]
kam ich wieder auf meine schöne Burg und zu den duftigen Linden in derselben und zu den weidenden Viehherden mit ihrem
reichen harmonischen Glockengeläute zurück auf den grünen buschigen Weiden unter derselben zurück.
Was in dem Gemüthe und Herzen des Menschen lebt, das wünscht der Mensch möchte ihm auch bestätigend aus lebensvollem menschlichen
Gemüthe und aus reinem Herzen entgegen tönen; doch ich bin allein, und so nehme ich dann in solchen Zeiten gern mein Gemüth[s-]
und Herzensbuch "Die Aussprüche des reinen Herzens" schlage sie auf höre was sie mir sagen; dieß that ich denn au[ch]
in diesen Tagen der Lebensfülle; was sie mir gesagt hatten, ließ ich mir nochmal von ihnen auf der klaren
Berghöhe sagen, als eben die stöhrende Einladung zu mir trat; jetzt gleichsam zu mir selbst aus der Natur zurück[-]
gekehrt, schlug ich dieß Buch nochmals auf, und nochmals sagte es mir:
"O schlage Du nur fort, mein Herz - muthig und frey, Dich wird die Göttinn [sc.: Göttin] der Liebe - es werden die Huldinnen alle
"Dich beschirmen: Denn Du ließest alle - alle Freuden der Natur in Dir lebendig werden, vertrautest unumschränkt der
"allgütigen Mutter - schenktest ihrem zartesten Lächeln jedesmal von neuem Dich ganz - ströhmtest hin in verdacht-
"losem Entzücken: lerntest, empfingest von ihr zu geben zu geben zu nehmen, wie sie selbst. Gleich den Millionen Lichtstrahlen
"die von unzähligen Gegenständen zurückprallen, ohne sich zu verwirren; dann im Auge sich sammeln wieder ohne sich zu verwirren
"- o unaussprechliches Wohlthun - unendliche Güte - Licht, Leben und Liebe!"
"Daß ich es mit Dir theilen könnte! könnte leben mit Dir dieß unendliche Leben! ......."
Ja es ist ein wunderbares (:Wunder-bares? --:) eigenes (:eigen-es? -:) Schicksal meines Lebens, daß ich mein höchstes
ich muß mir sagen reinstes, seelenvollstes Leben größtentheils allein (All ein? -) leben muß, so sehr auch meine
Seele, mein Geist mein Gemüthe das Bedürfniß, den Wunsch die Sehnsucht hat hegt und heegen muß daß es anders seyn
möchte; daß Seelen- Herzens- Gemüths- und Lebenseinung auch im äußeren Leben mich begleiten mich umgeben möchte!-
Löse mir diese Frage Emilie! aus Deiner Seele, Deinem Herzen, Gemüthe und Leben, wenn sie Dir in demselben ge[-]
löset ist: ich lege Dir diese Frage vor, ich bitte Dich um diese Lösung derselben; wie ich Dir ja schon im Leben, Deinem
in sich einigen, lebensvollen Gemüthe gar manche Lebensfrage vorlegte und Dich um Lösung derselben bat.-
Laß uns weiter hören des reinen Herzens <Aussprache / Aussprüche>: ---

Am 28en Juny. Seit ich diesen Brief begonnen habe, sind über 8 Tage unausgesetzter und angestrengter Thätigkeit /
[2R]
verflossen. Es bewegte sich während den Tagen der Vorbereitung zu diesem Wiederholungskurs mit schon angestellten Lehrern,
obgleich schon viel beschäftigt doch ein Leben heiter und frey, friedig und freudig in meinem Gemüthe und durch mein
Gemüthe, Dir es mitzutheilen sollte meine Festgabe zu Deinem Lebensfeste seyn. Ich wollte Dir Emilie erzählen wie es
mich in diesen Tagen hoher Klarheit sogleich noch auf einen schönen Berg zog um mich seiner herrlichen Aussicht sowohl nach
dem Berner Oberlande, Du kennst die dort heimischen hohen Gestalten, als besonders dem Waadlande, dem Murten- dem
Bieler[-], und Neuburgersee, so wie die Aussicht über den ganzen Jura fast von Genf bis gegen Schaffhausen hin zu er-
freuen, damit ich das Bild eines schönen mit Dir und Euch verlebten Lebensabends Dir und Euch zu Deinem und Euern Lebensfesten
als Lebensgabe bringen konnte; doch jetzt will mir nicht mehr die Zeit vergönnt werden, Dir und Euch zu schildern wie je[-]
ne hehren Gestalten obgleich fast der ganze Himmel von Dunkelheit und Nachtgewölk umschleyert war dennoch in dunkeln Purpur
erglänzten, wie das Angesicht des reinen, freyen und festen, hohen Menschen auch noch im Dunkel und Ungewitter des Lebens Freude
leuchtet; ich wollte Dir und Euch erzählen wie die Sonne, als <ehe> sie sich in das Feuermeer hinter dichten Wolken hinabgesenkt hatte, dieselben nochmals wie ein [von] Liebe leuchtendes Auge durchbrach mir
Eure Grüße noch zuzublicken und meine Grüße für Euch aus den Augen und von den Lippen zu nehmen ich wollte Dir schildern wie der wie der [2x] volle Mond durch eine wie mit Vorsatz sich bildende Öffnung der Bäume, gleich
einem feurigen Meteor aus einem der Zacken der Wetterhörner heraus zu steigen schien; ich wollte Dir sagen wie mir
[{]unter dem / unten vom} Gipfel des Berges ein wohlgeordneter Garten mit seinen auch hier schwesterlich geeinten rothen und weißen
Rosen herauf winkte um bey seinem und ihrem Pfleger zu übernachten; ich wollte Dir mittheilen
wie als ich dem Rufe gefolgt war ein freundlicher Wirth in des Gartens Nähe mich empfing und mich - nachdem dessen milde
Frau ein[en] fast zweijährigen gesunden lieben Knaben auf dem Arme, welchen sie eben zu Bett bringen wollte, vorher mich
mit frischer Milch gelabt hatte - mit einer hellen Leuchte zu meinem Lager auf duftigem rauschenden Heu zu geleiten
wie er mich dann mit dem Wunsche einer "glückseeligen guten Nacht" verließ; wie dann der Mond durch die mancher-
ley Luken und Lücken einer Schweizerscheuer (:Dein Barop kann Dir davon erzählen) zu und nach mir lugte
und endlich die mannigfachsten Schweizer Volks- und Hirtenlieder eines frohen Nachbarn Vereins (es war dieß
Sonnabend den 21d Abends) mich in den Schlaf sangen. Dieß ist und vieles andere wollte ich Dir und Euch der
dreyeinigen Fröbelbaropschen Familie zu einem Kranze zur Festgabe winden. Wie bey meinem Gang zum <Barndiger>
(so heißt der Berg, links von der Straße nach Bern, zwischen Worb und Grauchthal:) ich, um den kürzesten Weg zu nehmen
einen Pfad fand der mich zu die Stadt umgebenden Gärten führte wo in Verein mit den schwesterlichen Rosen auch die Lilien blühten;
wie mich der Heimweg weiter durch ein Thal führte, wo die Frische und Fülle auf den schönen Matten
und in den schönen Waldungen der begrenzenden Berge wohnt. Einladen wollte ich Dich Emilie mit Deinem geliebten
Johannes und Deinem theuern Barop, Deiner lieben Elise und all Deinen Geliebten, auf die durch ihr munteres
Grün zum Sitzen einladen winkenden Baute fast halbrunden Bank unter den Baum welcher gleichsam die häusliche
einfache aber süßduftende Reseda unter den Bäumen ist, zur linden [sc.: linken] Linde außerhalb der Ringmauer des Schlosses
um von hieraus die Sonne dort jenseits der Stadt hinter dem fernen blauen wallartigen Jura in unaussprech-
licher Klarheit in Gemeinsamheit untergehen, - hinabsteigen zu sehen.- Es ist schön Emilie unter diesem
herrlichen Baume dessen Stamm ich in zweymaliger Umklammerung nicht umspannen kann, und dessen Äste selbst schon
wie gewaltige Bäume empor streben. Schön ist die Buche und Eiche wer mag es verkennen aber auch wem die
Linde <geweyhet> nenne ich glücklich.- Einführen wollte ich Dich wollte ich Euch durch zwey feste Thore und zwischen
niedlichen Gärtchen auf jedem Felsvorsprung in die Burg der ehemaligen stolzen Kyburg, dessen inneren Hof ich
Dir schon beschrieb durch eine Wendeltreppe in der einen Ecke nach Westen, zur Rechten wollte ich Dich geleiten
in mein Stübchen und zu meinen schönen Blumen. Du solltest Dich dann mit Deinem Johannes und Barop auf
das grüne Soffa setzen, alle meine Blumen würde ich Euch und besonders Deinem lieben, lieben Johannes zeigen,
die schönsten würdet Ihr nicht vermissen, aber drey würde ich Euch doch besonders zeigen: sehet nur hier die Blume
mit ihren 12 sonniggoldigen Strahlen und ihren (zahllosen) unzählbaren Lebens-, Familienblumen, auf und um
den Blüthenhügel in der Mitte, welch eine dreyeinige Familie jedes kleine Blumen (:irre ich nicht so heißt die
Blume Jacobea und ich meyne eine ähnliche, aber nicht so groß und so schön blüht am Kolme hinter meiner Hütte
links:) - siehe hier Emilie dieses zarte weiße Lilienartige Blümchen mit seinen sanften Blättern beständigem
Grüns und seinen Orangenduft, es ist der edle Jasmin, und hier diese Blume mit ihren unzähligen
goldigen Fühl- und Lebensfäden in seinen immer gepaarten nie welkenden Blättern mit dunke-
lem Grüne (Ich brachte Euch eine solche Blume getrocknet aus dem Wartenseeer Garten, allein ich brach-
te Euch auch einen Ableger derselben mit, sind sie fortgekommen, haben sie geblühet. Nun hat sie geblühet
blühet sie eben so weihet eine dieser Blumen Euern, unsern, Johannes zur Festblume, denn es ist
- eine Johannes Blume, und was sehe, was bemerke, was erkenne ich, indem ich dieß schreibe?-
-- Ist Emilie die erste nicht die Blume Deines Barops voll Lebensfülle und der Pflege aller und jeder knos-
penden Lebensblüthe?- Ist die zweyte Blume nicht die Blume Emilie Deines einfachen und stillen,
würzig duftigen Lebens?- Ist die dritte nicht die Blume Deines sinnig fühlenden, zart sinnigen und
doch kräftigen Johannes?- Siehe Emilie, das sah und sehe ich in diesem dreyeinigen Zusammenhang eben jetzt
erst als ich dieß schreibe und schrieb, so bestätigt sich wieder, was ich heute meinen Schullehrern sagte: "Das Höchste
und Beste umgiebt uns immer am nächsten aber oft wird es uns erst in vertrauender Seelenvolles [sc.: seelenvoller] Wechselmittheilung
kund.["] Wie viel möchte ich Dir und Euch darum mittheilen, wie viel würde mir noch dadurch kund werden, allein
die Zeit ist dazu verflossen. Eines will ich Dir aber doch noch erzählen nicht wie ich zu allen, sondern wie ich zu ei-
nigen meiner lieben Blumen kam. Vor einigen Tagen kam ich Nachmittags aus der Stadt als eine ältliche Dame
durch das zweyte Thor in den innern Schloßhof gieng. Als sie mich kommen sah blieb sie in dem langen Thorgang stehen
und sprach mit der kleinen Enkelin des Landjägers und Thorwarts; nach meiner Begrüßung hob sie die eine Hand empor und
entgegen, - sie trug s einen sehr schönen vollen frischen Blumenstrauß darin, sagend: - eben wollte ich Ihnen diese
Blumen an Ihre Zimmerthür legen; mein Mann hat mir gesagt, daß sie die Blumen sehr lieben; - Es war nehmlich die Frau
des mit mir auf einem Flügel des Schlosses arbeitenden RegierungsStatthalters. Ich kann mich nicht erinnern sie vorher gesehen zu haben, denn er
wohnt außer der Stadt.- /
[3]
Es ist recht eigen, so wie ich wieder allein bin so kommen auch gleich meine lieben Blumen und in Fülle
zu mir, sie scheinen mich in meiner Einsamkeit umblühen zu wollen um ihr sinniges Blumenleben mit mir
theilen zu wollen und bringen sie mir nicht sogar die Leben der Geliebten nahe?-
Soll dieser Brief aber endlich an Dich und Euch abgehen, wozu er schon seit 8 Tagen bestimmt ist, so muß ich
doch nun auch etwas von dem hiesigen, von meinem hiesigen Wirken schreiben, was nun seit einer Woche
begonnen hat. Du wirst Dich vielleicht fragen warum dieß in dem Brief an mich?- Zum Schluß des Ganzen
will ich es Dir sagen und ich hoffe, Du soll[st] mich verstehen.
Letzteren Sonntag Nachmittags war die entscheidende Aufzeichnung der sich zur Aufnahme Meldenden. Es sollen
nicht 30 bis 40, sondern bestimmt 40 schon fest angestellter Schullehrer aufgenommen werden, würden sich
jedoch nicht so viele melden so sollten unangestellte Schullehrer Zöglinge die Zahl ersetzen. Doch es hatten sich schon
40 wirkliche Schullehrer einschreiben lassen und auch gegen 16 Schullehrer Zöglinge erschienen; allein von den
Lehrern erschienen nur 26, jetzt konnte den Zöglingen bis auf einigen ganz unvorbereiteten Hoffnung zur Auf[-]
nahme gemacht werden, allein Montags am Tage der Prüfung der Zöglinge kamen nicht allein noch mehrere
von diesen sondern auch noch mehrere der gestern noch abwesend gebliebenen Schullehrer. Das Ergebniß bey
Eröffnung des Cursus gegen Mittag war: Der Prüfungstag sollte in eine Art Prüfungs Woche ausgedehnt werden,
am Ende derselben sollte auf einen von uns erstatteten Bericht das Erziehungsdepartement die Entscheidung
geben; während dieser Woche tratten aber fortwährend noch besonders angestellte Schullehrer zum Cursus
ein und eben jetzt Sonnabend Nachmittags kommt die Entscheidung vom Departement: daß alle jetzt
anwesenden 60 worunter 40 Schullehrer und 20 Zöglinge an diesem Cursus Antheil nehmen sollen. Diese
Antheilnehmenden sind nun von 16 bis nahe an 50 Jahre alt, manche seit fast 20 Jahren Schullehrer und Väter
von mehreren wohl 6 Kindern; alle sind vom Lande, denke Dir einen jungen Zerenner, einen jungen Bieber u.s.w[.] einen
jungen Blos, den Nachbar Wirth, den jungen Schieferdecker, von der Hänolds Familie Vater und einige Söhne; denn mehrmals
ist auch Vater und Sohn hier; denke die Männer wie der verstorb. Lämmerzahl auch Frosch, von der äußersten Grenze
des Berngebietes wo die Vegetation an die Grenze der Eisregion stößt; denke Dir Männer wie unser Schlosser in
Rudolstadt auch so schwarz und so markirte scharfe Gesichtszüge, wie der junge Fischer und der ältere Truppel in
Blankenburg, auch wohl Männer wie d unsere beyden Schullehrer in K. und E. nur geistesthätig und willenskräftig
lebenvoll, Männer wie der Schullehrer von Herrschdorf und Quittelsdorf, klaräugig wie unser Pfotenhauer
blau- und mildäugig mit feurigem Haar mit sanften aber strebenden Sinn der nur noch die Wald- die Holzäpfel
kennt, dunkel- und leuchtendaugig und schwarzhaarig, strahlend-scharf und denkend äugig. Denke Dir diese Männer
und Jünglinge nicht mit schweren Über- oder langen Schwanzröcken, sondern mit einer Art kurzen Jagd-
röcken, nach jetziger Schweizersitte von einheimischen Zeuge, großentheils aus röthlichbrauner Wolle, oft
halblein, die langen Beinkleider von gleicher Art groß und klein, schlank und dick aber alles einfache, doch glaube ich, in größern oder geringerm Umfang, alles strebende Naturen, die wenn auch hier frey lebend doch mit häuslichen Opfern hierherkommen und bleibe[n] und Du hast mein
Schullehrerheer. Ich sage mein, weil ich mit ihnen allein im gleichen Raum lebe und ihnen die meisten
Unterrichtsstunden gebe, ich mit ihnen auch auf den Turnplatz und zum Spiel gehe auch sonst mit ihnen
spatzieren gehe und mich mit ihnen beschäftige; im übrigen aber alles mit meinen 3 Herren Mitarbei[-]
tern, lauter Pfarrern (einer ein Helfer (:Collaborator:) aber auch Pfarrer zugleich wohnt hier in Burgdorf) - ge-
meinschaftlich mache d.h. fast alles nach Außen hin sie machen lasse, so habe ich z.B. gar nichts mit
dem Ökonomischen zu thun, so wie ich unmittelbar mit dem Departem: verkehre sondern der He. Helfer
Müller; Du siehest Emilie ich trete äußerlich ganz zurück und befinde mich sehr wohl dabey; aber es
ist dieß auch nöthig; denn ich habe wohl 30 (und mehr) ordentliche Lehrstunden wöchentlich zu geben, ohne Spiel
Spatziergänge und freye Beschäftigung; meine 3 Herren Mitarbeiter haben dagegen zusammen nur 20 
Unterrichtsstunden. Von 6-8 habe ich alle Tage 2 Stunden nacheinander, 8-9 allgemeines Frühstück
von 9-10 habe ich wieder alle Tage Stunde; 3 mal von 2-4 Nachmittags und 5 mal von 5-6
auch noch einige Stunden am Vormittag.- Du siehst die Zahl 30 ist überzählig.- Der Unterrichtsort ist
jetzt ein nach Schweizer Sitte schön getäfelter ehemaliger Speisesaal; wenn ich meinen Blick von meinen
60 Zuhörern und Schülern erhebe, so fällt er durch die beyden fast immer geöffneten Fenster auf die
Schnee- und Eisberge des Berner Oberlandes, Du kennst sie nun hinlänglich und das Bild daß ich Euch
und Dir hier sende, damit Ihr auch mich in die Feyer Deines Deiner und Eurer Lebensfeste mit einschließen
möget,- giebt Dir ein schwaches Bild davon, denn wie das Bild die Berge zeigt so schaue ich während
des Unterrichts gegen dieselben und ruht bey heiterem Wetter mein Blick auf ihnen.- Doch dieses Zimmer
nur für 40 bestimmt ist für 60 zu klein, jetzt wird darum der wohl mehr als 6 mal größere Ritter-
saal zum Unterricht eingerichtet; er ist 34 Fuß lang, 24 Fuß breit und wohl 18 Fuß hoch. Seine Lage ist
ganz gleich des vorigen Lehrsaales und so schaue ich denn während des Unterrichts durch die Fenster nach den
Alpen durch welche sonst die stolzen Kyburg[er] bey ihren Festen schauten, und sitze oft sinnend und denkend
in den Fensteröffnungen und Fensterbänken derselben hörend den rauschenden Strom und ihn nicht hörend, sehend die krystallenen Berge und sie
nicht sehend wo sonst wohl die edlen Burgfrauen und Fräulein vom Hause Kyburg
gesessen haben mögen sinnend und sinnig das Leben als Ganzes und in seiner Einheit fühlend empfindend in sich
bewegend und pflegend.-- Emilie! welche Empfindungen, Gefühle und Gedanken mögen hier geheegt und
gepfleget worden seyn!-- Der Saal zeigt nur noch die 4 Wände vom Nutzen durchlöchert wie er es für gut
<fand> und neues <getüncht> auf alten Grund; aber das Alte will sein Recht behaupten siehe den Hauptfenstern /
[3R]
[links oben: *Zeichnung des
  <Rittersaals> mit erläuerndem
  Text:*]
Aus diesen Fenstern schaut man gerad sie gehen
ohngefähr nach Südost - gegen das zur Ar-
menerz.Anst: bestimmte Landgut.-
gegenüber ist der Tünch abgefallen, so wie zu beyden Seiten nächst dieser
Wand, es mag hier die Kapelle gewesen seyn, denn was zeigt sich hier?- Durch
uralte Kalkgemälde dort der scheinbare Untergang, die scheinbare Vernichtung
der Wahrheit - das Märtyrerthum - hier der Aufgang das wieder erscheinende
Leben der Wahrheit - die Auferstehung Jesu. Die Gemälde sollen aus dem 11en Jahrhundert seyn. Emilie ist dieser Lehrsaal ist
dieser Ort zur Verkündigung echter MenschenErziehung nicht sinnen[d-] und bedeutungs[-]
voll Emilie! wie kann ich Dir alles sagen was ich Dir sagen möchte und
zu sagen habe Dein Barop wird es Dir deuten er wird es Dir sagen, Eines lasse
mich Dir andeuten Natur - Christenthum und Leben in inniger Einigung
Natur in ihren ewig klaren festen stillen Eisbergen - in ihren immer wechselnden grü[-]
nen rauschenden Wäldern, Feldern, Auen - in ihren ströhmenden fließenden
Wassern von der Quelle zur Quelle, in ihren ernährenden, bewegenden
einenden Wassern; - Christenthum Wahrheit in seinem verfolgten Anfang Er[-]
niedrigung und siegreichen Erhebung, zur Erhebung an der sich Engel freuen nach Kampf und Ausdauer selbst nach
Ertragung des Todtes und Leben - Leben hervorstrebend in Kraft und That, - Leben zurückgedrängt
und bewahrt gepflegt und geklärt in der Tiefe des Gemüthes und jetzt Leben der Rede, des Wortes
des Gefühles u des Gedankens, des Herzens u Kopfes des Gemüthes und Geistes daß das Leben erkannt
werde in seiner Einheit und Freyheit - Emilie! möchte ich es so erkennen und lehren!- Doch nicht allein
daß es so erkannt sondern daß es so dargelebt werde[.] O! Emilie! möchte ich es in mir so leben
lassen, so darleben, daß ich es auch andern so darleben machen könnte. Emilie kannst Du dafür
wirken, so thue es, reiche mir Deine Hand!- Könnt Ihr in Eurer Dreyeinigkeit dafür wirken so thut es, reichet mir Euer Hand!-
Nun aber auch etwas aus dem Leben mit meinen Schulmeistern: Zuerst wirst Du fragen: - Aber verstehen Dich denn diese
Leute. Ja! alle versichern mir wiederkehrend, und nicht nur mir sondern sie haben es vor einigen Tagen in einer gewissen Hinsicht
ad acta (Barop erklärt es Dir) erklärt, daß sie mich nicht allein, sondern daß sie mich sogar gut verstehen; freylich
nicht so ganz in der ersten Stunde - wo sie nicht hatten gewußt wo es sollte usse koh; d.h. wo es hätte hinaus kommen sollen
aber affange (jetzt beginnend) verständen sie mich.
Du kannst Dir das leicht denken als ich gleich mit dem ersten Worte in der ersten Stunde nach dem Zwecke ihres und unseres Zusammenkommens
fragte und ich ihnen aus ihren Antworten entwickelte es sey um zu lehren, zu erziehen und zu leben, es sey die Lehr- Erziehu[n]gs[-] und Lebenskunst; das letzte sey aber das erste und die Grundsache pp.
[<Auch sagte ich diesen> [Restzeile unlesbar, da abgeschnitten]
Affange begrief' ich's - (Ich beginne es nun [zu] verstehen:) sagte vor
einigen Tagen einer der ältern Lehrer zu mir, und jetzt höre ich während des Unterrichtes immer die Aussprüche
das begrief ich; das ist begrieflich; ich begrief's; oder auch den schweizerbernischen Ausdruck per se (per se, Dein Ba-
rop wird ihn Dir erklären.- Gestern sprach ich mit einem Schullehrer welcher zu seinem Nebenverdienst zugleich Gärt-
ner ist, den Gegenstand kannst Du Dir nun leicht denken, ein anderer trat hinzu "was wünscht ihr? sagte ich - "ich
möchte nur kein Wort von dem verlieren was ihr sprächet" - war die Antwort.- Vor einigen Tagen als nur eben
der Unterricht begonnen hatte und zwar an den Tagen (Dienstag und Mittwoch) wo die Mitarbeiter die meisten Stunden geben
sagten einiger während alle versammelt waren: - wir wollten nur sie gäben uns noch mehr Stunden - (:es wechselte
natürlich oft mit Ihr und Sie:)[.]- Meine Antwort war: ich fürchte nur daß sie zu viel Stunden bey mir haben würden.
Als ich kürzlich mit einem über meine Unterweise [sc.: Unterrichtsweise] und dessen Zweck sprach sagte einer mit leuchtenden Augen:
["]Sie sind wie die Sonne sie wolln nur erst den Näwwel (Nebel) in uns vertriebe.["]-
Wenn ich auf dem Hofe gehe und ich mit einem spreche so tritt von da und von dort her einer hinzu, wird das Gespräch
lauter so schaut einer da und dort aus den Zimmern endlich kommen sie auch herab und treten hinzu: es ist als
wenn Dein Johannes die Hühner oder Täubchen füttert, erst kommen die nahen gelaufen, dann treten einige aus
ihrem Schlage hervor, dann endlich kommt eine nach der andren herrbe[y]geflogen und frißt nimmt das Futter die Körner faßt aus der Hand.
Vor einigen Tagen gingen wir nach 7 Uhr Abends spatzieren, wir ergriffen Pflanzen; ich zeigte
ihnen die Gesetzmäßigkeit: ja sagte einer, ein jüngerer; ["]wenn wir Menschen uns doch auch so
klar und Gesetzmäßig entwickelten." Eine andere ähnliche Äußerung ebenfalls auf einem Spatziergang
(:welche freye Gaben von mir sind:) und bey Betrachtung der Pflanzen habe ich leider vergessen.
So mein Leben mit meinen 60 Schulmeistern während der ersten Woche.- Sag Emilie, freut es Dich
nicht ein Bischen, ja!- bist Du nicht glücklich daß Du einen Schulmeister zum Manne hast?- Ja wenn
ich eine Emilie wäre, da könnte auch ein König kommen und mir Hand und Herz bieten, einem Schulmeister
gäbe ich beydes wenn es auch ihn freute und glücklich machte und mein Leben vertraute ich ihm auch, er hätte es
ja so schon mit meinem Herzen.

Am 29en July. Welch' ein herrlicher festlicher Tag ist heute! es ist aber auch Sonntag und es ist ein Sonnentag!
Seit einigen Tagen hatten wir viel Gewitter, wenigstens starke Gewitterregen und so noch bis gestern Abend spät.
Dieser Regen aber war und ist ein großes Himmelsgeschenk denn es war und ist Futtermangel, wenigstens wird es sehr
theuer werden. Weil es noch spät Abends so trüb war, legte ich mich mit dem Vorsatz zu Bett heut einmal recht
auszuschlafen, sagte daher auch mir das Frühstück nicht zu früh zu bringen. Doch gegen 4 Uhr Morgens weckte mich
lauter froher Vogelgesang aus dem Gebüsch oder Bäumen oder Gärtchen unter und neben meinen Fenstern;
Wie ich etwas etwas Erfreuliches lebe so denke ich der Geliebten, lebe es mit ihnen, und so war unwillkührlich mein
erster Gedanke bey ihnen und Euch aber mein gestern zu fest gefaßter Vorsatz hielt mich darum auch fest im Bett.
Allein gegen 5 Uhr konnte ich es nicht mehr in demselben aushalten es zog mich heraus und gleich zum Fenster hinaus /
[4]
den Blick, wie klar lag die Gegend vor mir, heiter der Himmel über mir aber auf dem fernen Jura dichter
Nebelwolken; doch welch' einen Anblick zeigten die Schneeberge des Berner Oberlandes!- Mein Entschluß
war schnell gefaßt; nur angekleidet um gegen die Morgenluft geschützt zu seyn, den Mantel umgeworfen,
das Fernrohr in der Hand, ging es noch eine Treppe höher als ich schon wohne in den Rittersaal, dort saß
ich in dem Fenster links auf der Bank, dem Sitze links und vor mir lag die Bergwelt die sich schwer mit Worten
schildern und die man noch schwieriger danach sich entsprechend vorstellen kann, in einer Reinheit wie
sie sich nur selten zeigen; die Gegend war bis auf den Grund so klar, daß man durch die Bäume auf
den Höhen des Mittelgrundes hindurch auf die blendend weißen Schneefelder, Schneefluren, Schneeland-
schaften sehen konnte welche sich noch hinter diese waldigen Berge des Mittelgrundes, im Hintergrunde
weit herab zogen. Wie die Sonne höher stieg machte sie es wie eine zartsinnige Mutter mit ihrem
Kindchen, wie Du mit Deinem Johannes wenn er wie ein lieblicher Engel dem stärkenden erfrischenden und
klärenden Bade entstiegen ist, verschleyernde Hemdchen und Tücher wirft sie ihm um, so hüllten leichte
Nebel wie zarte Schleyer die hehren Gestalten abwechselnd und theilweise ein. Und Wolken zog die Sonne
den Bergpyramiden an wie die Mutter dem lieblichen Kindchen Gekräusel anlegt um nur die natürliche
ursprüngliche Schönheit desselben zu erhöhen. Auch ich stieg herab um mir mein Festgewand anzulegen
um unter der Linde im Hofe mein Frühstück zu genießen und an Dich zu schreiben, denn ich will Dir
nur gestehen was ich von der zweytvorhergehenden Seite oben von den Worten - "was nun seit pp" nie-
dergeschrieben habe, das habe ich heut niedergeschrieben.- Bald gieng mein blauäugiger und feuerhaariger
untersetzter Schulmeister aus der Lenk vorüber; da er einen Heft in der Hand hatte so trat ich zu ihm
er suchte sich den Satz aus meinen ersten Lehrstunden anzueignen, daß ein vollkommenes vollendetes Leben ein dreyeiniges Leben seyn
müsse, ich sah in sein Heft verbesserte was ich darinn darüber nieder[-]
geschrieben und durch sinnbildliche Zeichnung angedeutet fand[.] Es traten bald mehrere hinzu da wir uns in der Nähe der Linde befan-
den ergriff ich ein Lindenblatt um ihnen den Satz daran und dadurch
in [sc.: im] Vergleich mit der ganzen Linde und der Blüthe, welche wir schon vor ein paar Tagen auf un-
serem ersten Spatziergang betrachtet hatten, klar zu machen; ich ergriff ein drittes steh Blatt, um
ihnen daran ihr inneres Stehen, mein Stehen in Hinsicht auf Entwickelung und Bewußtseyn, und un-
ser wechselseitiges Stehen klar und einsichtig zu machen; da hättest Du denn wieder daß Dir oben
schon angeführte "begrieflich" in allen seinen Wendungen und Verknüpfungen hören können. Aber
es ist auch wa[h]r, in solchen Fällen fallen mir aber auch die Beweise durch Sachen und in und mit den Sachen
oft so in die Hände, daß ich selbst durch die Klarheit, Genugheit und Faßlichkeit des Bildes getroffen werde,
ich weiß wohl daß dieß alles mit Nothwendigkeit tief begründet ist, allein ich werde doch auch immer davon
tief ergriffen; ich freue mich in meiner duftigen lieben Linde und ihren schönen Herzgeformten Blättern
mehr als Duft gefunden zu haben. So lerne ich lehrend noch ununterbrochen, aber leben muß ich können
und dürfen und Leben muß mich umgeben. Vor einigen Tagen sagte ich zu meinen Schulmeistern:
ich wünschte nur daß sie den dritten oder vierten Theil so viel von mir lernten als ich von ihnen
dieß kam ihnen nun freylich doch auch ein Bischen gar zu lächerlich aber doch immer erfreulich vor;
mir war es aber damit mein vollster Ernst.
Die Frau Regierungsstatthalterinn Fromm; von welcher ich kürzlich die schönen Blumen erhielt, lud mich dort
zugleich ein doch einmal zum Thee zu ihnen zu kommen; die Höflichkeit und Dankbarkeit forderte so ihr einen
Besuch zu machen und da der Sonntag ein wahrer Sonnentag geworden war, so wollte ich mir ihn auch durch den
Besuch der Frau Fromm (so sagte sie mir nachher sollte ich sie nur nennnen) zu einem Festtag machen.
Ich traf sie allein vor ihrem lieblichen Häuschen außerhalb der Stadt nach Schweizerischer Bauart, runden
Giebelbogen und umgeben von Wiesen. Zunächst aber die mannichfachsten und sehr schönen Blumen, wie
viel hätte ich darum gegeben ihr von allen die wahren und zugleich auch die schönsten zu sagen. Man
sollte doch ja keine Gelegenheit versäumen wo man etwas lernen kann, es kommt gewiß auch einmal
die Zeit wo man dadurch auch wieder Jemanden Freude, ja sich dankbar erweisen kann. Ich habe
sonst immer geglaubt nur die Kunst und besonders die Musik könne dieß aber jetzt sehe ich immer
mehr, auch die Pflanzen - und besonders Blumenkenntniß reicht dieß. Wohntet ihr doch nur nicht gar
zu weit von mir ich würde Euch von all diesen schönen Blumen Ableger senden, ich würde sie gewiß
von ihr erhalten denn sie lud mich wiederkehrend ein ihr Haus wie das meine zu betrachten, bey
mir zu Haus zu seyn. Diese liebe Frau hat sehr viel Ähnliches mit der lieben guten Mutter in Berlin
nur ist sie keinesweges sogar alt wie diese. Sie lud meine Frau ein einige Zeit bey ihr zu wohnen
sie sagte sie habe schon ein Stübchen für sie bereit; ich sprach ihr unbefangen aus daß solche Güte oft Last
brächte da meine Frau besonders schwächlich sey: nun gut da kann sie sich bey und mit mir pflegen
ich bin auch schwächlich, am Morgen bleiben wir dann beyde im Zimmer u.s.w.- Weiter sprach sie aus ich müßte
nothwendig in der Schweiz und hierbleiben. Ich wollte diese Schmetterlingsflügel des Lebens nicht beschädigen
und so hütete ich mich den Goldstaub von denselben hinwegzuwischen um zu sehen was unter und hinter
denselben sey d.h. ich forschte nicht ob jene Äußerungen einen bestimmten Grund hätten.- So war es 6 Uhr
geworden, die Sonne neigte und meine Berge zeigten in reinster Klarheit sich. Ich wußte nicht ob ich
noch einer Einladung zum Herrn Pfarrer Bitzius in Lützelflühe, meinem Mitarbeiter hier, nachkommen
oder einen mir eben kommenden Gedanken ausführen sollte. /
[4R]
Kürzlich hatte ich die Entdeckung gemacht daß über dem Rittersaal noch ein Saal sey fast ebenso hoch, dann über
diesem noch ein hoher Boden; (Du kennst ja wohl die spitzigen Dächer auf den alten Schlössern; erinnere Dich
nur auf unserer Reise das nach dem Fichtelgebirge des Schlosses Saalburg). Von den beyden Seiten dieses
Bodens sind nun kleine Erker herausgebauet wie bey manchen Fabrikgebäuden z.B. auch bey Knochs Häu-
sern in Blankenburg um Etwas in die Höhe zu ziehen; hier aber decken feste Bret[t]er den Fußboden, damit
das Ganze, wenn die 3 mal 2 Läden nach 3 Seiten geöffnet sind eine freye Aussicht über den ganzen halben
Gesichtskreis gebe dessen Mittelpunkt die Burg ist. Auch diese Veranstaltung ist so alt als das Schloß
man sieht daraus wie sehr schon ihre ersten Bewohner Freunde und Bewunderer der Natur waren.
Also noch 3 hohe Treppen hinauf entschloß ich mich aus meinem Stübchen Tisch einen Stuhl und mein
Schreibzeug zu tragen um dort im Angesicht der hinter dem Jura feurig scheidenden Sonne, in der
Aussicht der von ihr glänzend beleuchteten und bis in ihre kleinsten Gestaltung[en] hin erkennbaren Eisberge
und bey einer Um- und Übersicht einer Dir in Hinsicht auf Fülle, Schönheit und Mannigfaltigkeit nicht zu beschreibenden einzigen Gegend an Dich zu
schreiben; und so ist es denn auch wirklich geschehen
o! könnte doch dieses Blatt reden und Dir und Euch kund thun alles was es heute gesehen hat, wie
wäre ich glücklich.
Jetzt bin ich aber auch von der Fülle dieses Tages recht müde und sage darum Dir, Deinem Barop und
Johannes und allen Geliebten eine gute, gute Nacht, doch Ihr schlaft schon lange denn es ist 12 Uhr.
Aus meinem Fenster heraus nur wenig rechts, schaue ich gerad gegen den Arktur und die Krone, etwas
mehr zur linken zeigt sich die Milchstraße in ihrer Pracht; ich schreibe dieß, damit Ihr die Lage meines
Zimmers und der Umgegend erkennt.- Gute Nacht!--

Montags am 30. Jul [sc.: Juny]. Heut habe ich es nicht verschlafen; aber die Sonne war doch früher aufgestanden; als ich gegen
4 Uhr zum Fenster hinaus schaute schien noch alles in Dämmerung zu ruhen, da ich aber nach Süden gegen
Osten blickte, sah ich die Spitzen meiner Berge schon von der Sonne vergoldet, und jetzt gieng es schnell die Treppe
hinan zu dem höchsten Punkte im Schlosse, welcher zugleich die Dir gestern geschilderte halbe Rundsicht bietet.
Eben bemerke ich, daß ich bisher immer July statt Juny geschrieben habe: ich hoffe Du wirst es mir verzeihen
Du siehst daraus, daß ich bey und nach meinen täglichen wirklich anstrengenden Geschäften in den wenigen und
kleinen Freyzeiten schon in den Tagen Deiner Lebensfeste lebe, dafür kann ich nun einmal nichts, und ich muß
schon alle Geduld mit mir haben, so hoffe ich denn auch andere werden etwas Geduld mit mir hoffe [sc.: haben], und ich
bin es in mir gewiß auch Du Emilie. Mein Geist und Gemüth hat ich fühle es täglich mehr seine großen
Eigenheiten, allein ich müßte mein Leben abstreifen wenn ich dasselbe dieser Eigenthümlichkeiten entkleiden
wollte. Ich bin und lebe zwar am liebsten ganz allein, aber lebe ich mit Anderen, so gebe ich mich auch diesen
Anderen seyen es Personen oder Gegenstand ganz hin und nehme dessen Leben, wenn es mir sonst vergönnt ist
ganz in mir auf, so z.B. jetzt bey und mit meinen nun 60 und etlichen Schullehrern und in deren Lehrstunden,
allein wo ich so wirken kann, da ist auch gleich um mich Freude und Friede; wo meine Schullehrer nur Gelegenheit
finden äußern sie das erste über unser Zusammenleben, nicht etwa nur gegen mich sondern gegen die Behörden u. sonst.
Was das zweyte betrif[f]t, so ist seit den nun fast 14 Tagen unseres Zusammenlebens auch noch nicht ein Verweiß
vorgefallen und doch weißt Du daß viele junge Leute bis zu einem Alter von 16 Jahren hier sind. Sie rühmen die Fr[e]y[-]
heit und das rege Leben in dem hiesigen Kreis im Vergleich mit anderen, und doch ist außer wenn sie singen
alles still. Überall wo ich erscheine tritt mir warme Herzlichkeit und Achtung entgegen. Genug das mich um[-]
gebende Leben entspricht ohne Mühe den [sc.: dem] Einklang und der Übereinstimmung meines Innern. Aber auch die[-]
ses Innere sucht sich auch in sich selbst in größte Übereinstimmung und Einklang zu bringen. Es ist unglaub[-]
lich wie viel das Gemüt bis ins Kleine hin vorher ahnet, man kann gerad zu sagen weiß, wenn es nur das
Leben beachtet. So habe ich in dieser Beziehung jüngst einen eigenen Fall gehabt. Seit den 5/4 Jahren daß ich
jetzt in der Schweiz bin habe ich keinen eigentlichen Traum gehabt. Vor ein Paar Tagen befinde ich mich im Traum
ganz klar in Willisau und begrüße Ernstine die in unsern Kreis getreten ist, und ganz an dem unmittel[-]
bar vorhergehenden Abend war sie in Willisau eingetroffen, und doch hatte ich mich gar nicht in mir mit
dieser Reise und Ankunft beschäftigt. Ja Emilie die stille ruhige Pflege des Inneren Lebens ist gewiß
für das Leben gar zu wichtig, ich habe dieß immer erfahren, aber noch nicht so beachtet wie nun seit einigen
Jahren, wo mir aber auch das Leben in seinen Erscheinungen immer klarer wird.-

Am 10en Tage im LilienMonat 1834. Ein langer langer Zeitraum ist verflossen seit dem meine Mittheilungen an
Dich Emilie unterbrochen wurden. Vieles habe ich seit jener Zeit wieder erfahren, vieles wieder durch- und erlebt auch gelebt
denn ich war wie Du aus meinem jüngsten und ersten Brief von hier aus ersehen haben wirst, in diesen Tagen auf einige Zeit
(4 Tage:) in Willisau; selbst von Euch habe ich hier schon Briefe und so schnell wie noch nie von Rudolstadt oder Keilhau erhalten
irrt nemlich des Schloßwarts Tochter nicht, so ist der Brief von Rud: 2 Jul. schon am 6en hier eingetroffen. Ich lasse aber
dieß jetzt neu erlebte ruhen sondern gehe zur Ausführung desjenigen über was ich mir noch für diesen Brief zur
Aufgabe gesetzt habe Dir nemlich mitzutheilen welche Folge und Wirkung wohl aus meinem Hierseyn und
Wirken in Burgdorf hervor gehen könne.- Gleich bey Eröffnung des Wiederholungs Cursus wurde von den eröffne[n]-
den Comissarien des Erziehungs Dep: im Allgemeinen ausgesprochen, daß dieser Cursus sich wohl im künftigen
Jahre wiederholen könnte. Bey dem gemeinsamen Mittagsmale aber wurde mit mitgetheilt (vom R. R. Schneider)
daß zwischen dem Comité des Vereins für christl Volksbildung und dem hiesigen Stadtrathe die bestimmtesten /
[5]
Erklärungen und Verhandlungen wegen Übertragung und Abtretung eines Communialgehöftes zur Errichtung und
Ausführung einer Cantonal-Muster-Armenerziehungsanstalt statt gefunden hätten und daß dieselben dem
Abschluße nahe seyen, zugleich fragte mich der R. R. Schneider mit Bestimmtheit, ob man bey der Ausführung
dieser Erziehungsanstalt auf die Leitung von Gliedern aus unserm Kreise zählen könne. Der Gesamtstel-
lung unseres Verhältnisses, unseres Strebens und dessen Zieles nach konnte ich darauf nicht anders als ebenfalls
mit Bestimmtheit Ja! antworten. Das zur Ausführung der im Werke seyenden Armenerziehungsanstalt
in Frage stehende, der Commune Burgdorf gehörige Bauerngut hat so wohl in Beziehung auf sich als so wohl
in Beziehung auf Burgdorf und die möglichen Orte meiner Wirksamkeit in demselben eine herrliche Lage.
Das Gehöft hat wie Du schon gehört hast 70 Jucharte Land zu 40,000 [*Zeichnung:
  Quadrat*] Sch. jeder Gattung und Art Feld, Wiese, Wald pp[.]
Es kann davon soviel verpachtet oder selbst benutzt werden als man zweckmäßig findet. Das jetzige Wohnhaus
wenig zweckmäßig soll alsbald neu erbaut werden als die Anstalt ihren Fortgang hat. Die Lage des Gehöftes
ist fast gegen Süden auf einer Anhöhe am rechten Ufer der Emme, ½ Stunde von der Stadt; beyde Gehöft und
Stadt durch einen herrlichen schattigen Weg längs der Emme verknüpft, so daß man weiter vom Gehöft
aus die Stadt, also auch namentlich Schloß und Waisenhaus, und von der Stadt, vom Schloß und dem Wai[-]
senhaus aus das Gehöft in Mitte seiner Felder überschauen kann. Dicht beym Gehöfte muß man dieselbe
Aussicht auf die Alpen und auf den Jura haben wie vom Schlosse aus. Ich will es Dir Emilie nicht vor-
enthalten auszusprechen: - als ich diesen Brief an Dich begann knüpften sich an dieses Ganze manche schöne
Bilder der Zukunft, jetzt nach der Erlebnissen und den Mittheilungen in dem Zwischenzeitraum von fast 3-4 
Wochen ist manches davon hinter den dichten Nebelschleyer der Zukunft getreten, und wer vermag der Zukunft[-]
schleyer zu heben, wer mag ihn willkührlich heben. Schön - Emilie! ist die Lage die Gesamtheit der Burgdorfer
Verhältnisse, alle die schönen rein menschlichen und großen Gedanken meines Geistes und Gemüthes könnten sich hier ent-
falten; denn vor einigen Tagen kam auch ein gewisser Herr Prof: Hans Schnell, dessen Namen Du auch schon
gehört hast, der Bruder des Reg: Rathes Karl Schnell (:an welchen ich von Martins Briefe bekommen, welchen ich
aber noch nie selbst gesprochen habe:) zu mir. Das hier neu errichtet werdende Waisenhaus dessen Führung
und Leitung war der Zweck seines Kommens. Ich erklärte ihm auf seine bestimmte Anfrage deßhalb an
mich, daß man auf meine persönliche Mitwirkung und Leitung dieser Anstalt zählen könne. Er sagte mir
hierauf daß der Bau des Waisenhauses wohl schon in diesem Herbste, bis gegen 8br. beendigt seyn würde,
und daß so auch diese Anstalt noch in diesem Jahre eröffnet werden könne.- Was nun das Ergebniß mei[-]
nes Wirkens bis zum heutigen, zum 10en Jul. be nach seinen verschiedenen Seiten hin betrifft; so kenne
ich und höre ich von allen Seiten nur Eine Stimme, nur Einen Wunsch: die Stimmung und Stimme freudiger
und lebenvoller Anerkenntniß oder befriedigte Erwartung und den Wunsch, mich im Bernschen und zunächst und
namentlich in Burgdorf zu behalten. Ich vermeide mit Vorbedacht die Beyfügung von hinzugesetzten Ver-
stärkungen deren Bewahrheitung man lieber der Zukunft überläßt.- Darum sagte ich auch dem Herrn
Prof Schnell, daß man lieber alle weiteren und engeren Bestimmungen für die Zukunft bis nach dem
Ergebniß des Wiederholungscursus und dessen Beendigung ausgesetzt lassen solle.
Du siehest gewiß Emilie, daß ich alles sehr langsam sich entfalten lasse und ich mich sehr hüte der Entwickelung
vorzugreifen; allein um so mehr muß ich auch und ein Jedes, welches als Glied das Ganze theilt in der Übersicht
desselben leben, damit wenn die Entwickelung Entscheidung fordert, diese dann schnell gefaßt werden könne.
Solltest Du wohl Emilie fragen, kannst Du wohl fragen: warum ich gerad Dir dies alles mittheile? - ich glau-
be nicht. Aber um so weniger als ich glaube daß Du danach fragen wirst um so mehr will ich es Dir frey
aussprechen. Ich habe mein Leben und was immer mein Gemüth bewegte gern und offen, vertrauend und
rein dem Deinen, Deinem kindlichen Gemüthe mitgetheilt; Wenige kennen mein innerstes Leben und Wesen
wie Du, allein auch Du kennst vielleicht die Unsumme der Entgegnungen gegen mein Leben meine Gesinnung
wieder wie nur Wenige; - was kann hier wenn es einer Entscheidung für äußeres Urtheil und für Andere
bedarf entscheiden? - doch wohl nur die Ergebnisse des Lebens. Darum theile ich Dir die Ergebnisse meines
Lebens mit damit Du in Gemeinsamheit mit der Stimme Deines Gemüthes und Geistes danach ent-
scheiden könnest. Siehe Emilie! es ist ja in diesem Ergebniß meines Lebens nichts von mir Gemachtes,
was Du siehest ist Entwickelung ist Lebensentwickelung oft gegen meinen Wunsch und gegen meinen
Willen. Wo ich immer gezwungen wurde oder mich gezwungen fühlte mein Leben äußerlich zu machen, gleich war
seine Darstellung trüb und das Fremdartige fiel früher oder später ab. Jetzt hüte ich mich seit Jahren wieder
vor allem (äußerlichen) Machen ich lebe in dem Ganzen auch wenn ich in dem kleinsten Theile lebe, ich nehme das
Ganze in mir auf lasse das Ganze in mir leben, auch wenn nur das Einzelste mein Leben zu bewegen scheint
ich lasse Gottvertrauen in mir leben in meinem Denken in meinem Empfinden und Gefühl[e]n, so in meiner Liebe, lasse
es walten in meinem Handeln und Thun und Emilie! das schönste Leben meines Lebens, mein schönstes Jünglings[-] und
Mannesleben kehrt wieder: wie dort finde ich wieder meinen Weg gebahnt wohin in [sc.: ich] meinen Fuß setze, was ich bedarf
finde ich wieder zur rechten Zeit als sey es vorher für mich vorbereitet finde ich Hindernisse und Schwierigkeiten, so sind es solche wie sich mir bald zeigt die mir Schranken setzen, die mich warnen, die mich sichern vor Gefahr; ich fühle mich überall von Liebe umgeben
wie ich mich wie immer bemühe, nicht bemühe, wie ich wie immer Liebe um mich gebe; ich sehe und fühle mich geliebt, da ich
Liebe nicht fordere; ich bin allein und die reinsten Seelen und Geister tauschen ihr Leben mit mir; es ist still um
mich und meine Blumen in ihrer Mannigfaltigkeit, Schönheit und Lebens- und Jugendfülle reden kosend zu mir wie
die junge Liebe; meine Rosen öffnen sich mir und zeigen mir das lautere Gold ihres Herzens und die Zar[t]heit /
[5R]
und Sinnigkeit seines innern Lebens, in der Lilie duftet mir die Tiefe und der Reichtum des ungestörten Gemüthes, in
der einfachen Reseda der Friede des häuslichen Lebens und in meiner roth und weiß blühenden Balsamine, das fröhliche
Kinderleben entgegen. Einmal im Leben wollte ich Lebensglück, mein Lebensglück, das Lebensglück welches ich empfand
und lebte Andern mittheilen ich suchte Lebensgenossen, Genossen des Lebens- und Herzensglückes und meine Stirne furchte
mein Gesicht trübte sich sie nicht zu finden; jetzt weiß ich: Lebensglück in und auf gleicher Stufe des Bewußtseyns läßt
sich schwer mittheilen; Lebensgenossen, vielmehr Genossen des Lebensglückes auf gleicher Stufe des Bewußtseyns
der Einsicht sind schwer zu finden; Heil dem der ächtes Lebensglück mit Bewußtseyn im eigenen Gemüthe bewahrt und
pflegt, es wird heraus leuchten aus ihm und manche Andere werden es gern theilen mit ihm, darum bewahre pflege und steige-
re [ich] jetzt in meinem eigenen Herzen und Gemüthe das Lebensglück, denn wo ist das des eigenen Lebens Glückes Keim
und Herzpunkt, als im eigenen Herzen und Gemüthe, im Gott vertrauenden Herzen und Gemüthe, in dem Herzen
und Gemüthe welches sein Leben findet im Einzelnen, im All und in der Einheit, im Guten, in Gott.-
So mein Leben am an seinem Ziele; ich meyne immer es konnte unter den Verhältnissen unter welchen ich
lebte nicht so seyn, wäre der von mir betretene Lebensweg falsch, ich wurde im Betreten und Wandeln
desselben viel verkannt, ich bewundere und danke wie ich unter solchen Verkennungen noch zu solchen Zielen gelangen konnte.
Emilie! Du bist Mutter eines Kindes eines Sohnes; Du wirst die Mutter mehrerer, Gottes Seegen ruht
auf Dir. Ich theilte Dir das in sich errungene Lebens Ziel eines vielverkannten Kindes, Knaben Jünglings
und Mannes mit, damit Du das Leben Deines Kindes und Knaben, Gott gebe! einst Jünglings und Mannes
nicht verkennen mögest, wenn vielleicht sein und der - (Gottes Hut schütze Dich!) - einstigen Deinigen
Lebensweg ein eigener, sein, ihr eigener Lebensweg seyn sollte.
Emilie! beachte, betrachte, durchlebe, durchfühle, durchdenke das Leben Maria's. Je weniger man
uns von ihr und von ihrem ganzen Lebens- und Geliebtenkreis schrieb und sagte je mehr kann man von
ihm lernen; hätte ich eine Tochter so würde ich sie Emilie vorwaltend in diesen klaren Spiegel schauen
lassen; die Lebensfrucht zeigt uns des Lebens Blüthe und des Lebens Keim. Glücklich der Jüngling dessen Geliebte
gern in diesen klaren Spiegel schaut.
Jener kurze Wunsch war der einzige Zweck dieses langen Briefes, möge er Dir nicht zu lang gewesen seyn,
allein er ist durch Dich zugleich der Deines Barops und Deines Johannes; nimm Du ihn nehmt Ihr ihn zur Gabe
Eures dreyeinigen Lebensfeste[s] mit seiner dreyfachen Begleitung. Eines, Du wirst es leicht erkennen war Dir
eigentlich schon zur Weyhnachtsgabe bestimmt; die Übersendung wollte sich dort nicht fügen; jetzt schließt sich
das Blatt wie in seiner äußern Darstellung, so als Gabe auch in seiner innern Bedeutung an das an was ich
mir die Freude machte Dir Weyhnacht 1832 zu geben und ich bin hochbeglückt.
Wie ich mein inneres Leben mit Euch lebe, so wünsche ich auch daß Ihr mein äußeres Leben mit
mir lebt, daß Ihr nicht nur wißt sondern auch schaut wo ich Euer Lebensglück und Eure Lebens-
feste mit Euch feyre, und so sende ich Deinem Barop, und durch denselben Dir und Deinem Johannes
die Burg die mein jetziges Wirken birgt. Auf der kleinen Zeichnung des Schlosses im Rande seht
Ihr zwischen dem Thurme rechts links und dem höheren Gebäude rechts meine Wohnung; das erste Fenster
rechts in diesem kleinen Verbindungsgebäude ist mein Vorzimmerchen, das 2e und 3e mein Wohn und Schlaf-
zimmer. Hinter dem Berner Bären und in der ganzen Länge und Breite des Gebäudes ist der Rittersaal
unter demselben ist der bisherige kleinere Lehrsaal. Oben über dem Bären an dem hohen spitzen Dache sehet Ihr
den kleinen Erker oder Herausbau angegeben von wo aus die so sehr schöne Aus- und Umsicht über
die ganze Gegend besonders von Südost bis Nordwest ist von welcher ich Dir schrieb. Auf der An-
höhe rechts vom Schlosse auf dieser kleinen Zeichnung liegt das zur ArmenerziehungsAnstalt bestimmte L[an]dGut.
Als ich zuerst den kleinen St: Johannes sahe dachte ich sogleich an Euern, an unsern Johannes und
das Bildchen bestimmte ich ihm; leider habe ich keinen guten Abdruck mehr bekommen können, dagegen
ist es aber auch der letzte der bey dem Verleger selbst nur noch davon zu haben war. Möge unser
Johannes das Bildchen nur ein Wenig so lieb haben als der kleine Johannes des Bildes sein Lämmchen zu haben scheint; und möge es jenem nur ein Wenig so viel Freude machen, als diesem sein Lämmchen.
Grüße alle die Deinen.- Grüße alle die Kinder und Zöglinge.- Ich freue mich daß ich weiß sie haben
Dich alle gern und lieb. Ich bin glücklich daß sie sich in diesen Tagen mit Dir, Du mit ihnen und durch sie freust.
Am Vorabend Deiner Euerer Lebensfeste schließe ich diesen Brief. Wie bin ich so froh daß ich weiß
ich denke und fühle heut mit Dir und Euch Gleiches, ich denke und fühle gleiches Glück, gleiches Lob, gleichen
Dank und - gleiche Liebe.
Morgen zur Feyer Deines Festes gebe ich diesen Brief und Paket zur Post.
Lebe wohl Emilie, lebet wohl, Gott sey mit Dir und Deinem Dir wieder vertrauten Leben, Gott
sey mit Euch und uns und mir. Dein, Euer

FriedrichFröbel.

Beilage:
["Hemsterhuis-Abschrift" mit Nachschrift F.s als Gabe zum 11.7.1834, dem dritten Hochzeitstag des Ehepaars Barop; auf 5R des Briefs erwähnt, ursprünglich als Weihnachtsgabe gedacht.]
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

[Briefkopf: Lithographie Burgdorfs mit Bildunterschrift "Burgdorf." und Angabe des Briefpapierherstellers]


Zur Feyer, zur gemeinsamen Feyer des 11en July 1834
In den Erziehungsanstalten zu Burgdorf, Keilhau und Willisau in Deutschland und in der Schweiz.

* *
"Diokles"
Ich begreife nicht, was für ein Vorurtheil Dich gegendie göttliche Poesie aufbringt?- Weißt Du wohl, daß in den Elisäischen Feldern, Thales, Pythagoras, Sokrates und Platon; und Linus, Orpheus, Hesiod und Homer immer beysammen sind und sich nie verlassen?- Sage mir, ich bitte Dich (denn Du mußt von Deiner Krankheit geheilt werden) wie viel Ordnungen giebt es in der Baukunst?
"Alexis"
Drey.
"Diokles"
Du bewunderst ohne Zweifel in der Dorischen die Festigkeit, in der Jonischen die Präcision und Eleganz, und in der Corinthischen den Reichthum und die Schönheit?-
"Alexis"
Zuverlässig.
"Diokles"
Träget die letztere die Last (des) eines Gebäudes weniger als die erste?- als die Dorische?-
"Alexis"
Nicht, daß ich wüßte.
[1R]
"Diokles"
Ist sie weniger elegant und präcis, als die Jonische?-
"Alexis"
Nein, gewiß nicht.
"Diokles"
Hat sie nicht die Festigkeit der ersten die Eleganz der zweyten, und thut sie nicht zu beyden den Reichthum und die Schönheit noch hinzu?
"Alexis"
Ohne Widerrede
"Diokles"
Weißt Du die drey Ordnungen, worauf das große weite Gebäude aller unserer Kenntnisse ruht?-
"Alexis"
Aufrichtig, ich weiß sie nicht.
"Diokles"
Sollte nicht Geschichte, welche die Thatsachen erzählt, die erste seyn? Die zweyte Philosophie, welche die Thatsachen auseinander setzt, Ordnung und Zierlichkeit hineinbringt? U. die dritte nach Deiner Meynung?
"Alexis"
Du meynest: Poesie
"Diokles"
Ja; sie schmückt und bereichert die beyden andern, wenn Du meine Vergleichung richtig genug [begreifst] /
[2]
Besorge nicht, daß die Poesie etwas an Deiner Wahrheit verderbe.
Übrigens wird die Poesie nicht ohne Ursache die Sprache der Götter genannt; wenigstens ist sie die Frage, welche die Götter jedem erhabenen Genie, das Umgang mit ihnen hat, eingegeben, und ohne diese Sprache würden wir schlechte Fortschritte in unsern Wissenschaften machen.- Die Poesie ist der erhabenen Wahrheit nicht allein das, was die Grazien dem Liebesgotte sind, sondern was Aurora der Bildsäule des Mem[non] ist, wenn sie dieser Licht und Sprache giebt.
" Hemsterhuis"
" "Aussprüche des reinen Herzens"."
So sind hierdurch auch die drey Säulen, die drey Ordnungen bezeichnet worauf uns das große weite Gebäude aller wahren und ächten Menschenerziehung ruhet: Thun, Denken, Fühlen.
- Jede dieser drey Säulen, jede dieser drey Ordnungen gleich treu, gleich sorglich, gleich liebend auszubilden als die drey ewig gegründeten und so wieder ewig gründenden Säulen der ächten Menschenerziehung: Dieser feste Vorsatz sey das Einende und Bleibende unserer durch Trauern und in Treue dreygeeinten Feyer des heutigen, der heutigen Lebensfeste unser Aller!
FrFr [*eingekreist*]