Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 16.7./17.7./18.7./19.7.1834 (Burgdorf)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 16.7./17.7./18.7./19.7.1834 (Burgdorf)
(KN 48,2, Brieforiginal 1 B 4° 3 ½ S.,zit. Heerwart 1905, 100f., zit. Halfter 1931, 715. - Dat.: Die dritte Datierung (auf 2V) lautet Freitag, 19.7.; der 19.7. war aber ein Samstag; da die Verwechslung des Datums wahrscheinlicher ist als die des Wochentages, ist die Passage ab dieser Datierung bis zum Ende von 2V am 18.7. geschrieben; der Schluß (2R) wird wirklich vom 19.7. sein. Adressat: Die Adressierung lautet auf Middendorff, die Anrede ist an alle Keilhauer gerichtet.)

Schloß Burgdorf am 16n Tage des Lilienmonats 1834, Abends 9½ Uhr.


Euch allen meinen Geliebten in Keilhau meinen vollen Seelengruß zuvor.

Eben komme ich von der Feyer eines Abends eines Sonnenunterganges zurück den nicht nur ich Euch nicht
beschreiben kann, sondern schwerlich auch ein Anderer genügend würde beschreiben können. Schon der junge
Tag erschien heut früh in einer Heitere und Frische wie sie nur den höherliegenden Gegenden der Schweiz eigen ist, und
wie ich sie bey uns besonders in Keilhau gar nicht kenne; als ich das Fenster zum Morgengruß des Tages öffnete
blickten mir die pyramidalen Fels- und Bergcolosse des Berner Oberlandes (Ihr kennt ihre Namen) in ihrem Lilien-
gewande in einer solchen Klarheit und ich möchte sagen fühligen Ruhe entgegen wie man sie auch in der Schweiz selten
siehet. Dennoch mußte ich noch vor 6 in meinen Rittersaal und erst 2 Stunden (6-8) dann wieder 3 Stunden (9-12)
und Nachmittags wieder 3 Stunden (3-6) Unterricht geben; weil keiner meiner Mitarbeiter heut anwesend sein konnte.
Mit welchem sehnenden Herzen nun die Blicke der hehren Gestalten welche mir dieselben durch die bekannten Burgfenster
entgegen und herein winkten aufgenommen wurden könnt Ihr Euch wohl denken, wenn Ihr Euch vorstellt, daß diese herr-
lichen Gestalten wenn auch viel viel weiter, doch dem Auge so klar vorliegen, wie der Uhu oder der Kirschberg
dem Auge im großen Lehrzimmer.-
Jetzt aber schlug es Abends 6 Uhr. Schnell wurden nun noch der treuen, geliebten Frau in Willisau Nachrichten von
mir und Eure jüngst erhaltenen Briefe zugesandt und nun ging es zu der bekannten Anhöhe mit dem drey mal
dreysäuligen Tempel mit seinen drey geeinten Rundbänken und seiner Rundsicht nach dem Jura- nach der
Stadt und dem Schloß und nach den Schneebergen des Berneroberlandes im Hintergrunde des hier breit
geöffneten Emmathales [sc.: Emmethales]. Von der Schönheit des Abends, von seiner Frische und Klarheit und doch von seiner Milde
und Beseeltheit, von der Rosigen Umschleyerung der Lilienberge und der und von der feurigen Glut welche in ihrer goldenen
Pracht auf dem dunklen Jurawall ruhet und hinter demselben heraus ströhmt,- davon laßt mich schweigen.
Nur einen Gedanken laßt mich Euch mitteilen, den ich in meinem Leben sehr oft gehabt, auch glaube ich Euch schon
ausgesprochen habe; daß ich nemlich nicht begreife wie man uns immer von der Schönheit anderer Welten über-
haupt des Himmels vorsprechen kann und mag, statt uns für die unendlichen Schönheiten unserer Erde empfänglich
zu machen und auszubilden. Ich weiß nicht und es wollte mir schon als Knabe von gepriesenen Gedichten
nicht gefallen wie sich oft die Dichter abmühen uns Schönheiten vorzumalen welche doch lang hinter den einfachen
ruhigen Schönheiten unserer Erde zurück bleiben. Ich denke immer und habe mir schon als Knabe gesagt:
wenn wir uns nicht bemühen die Schönheiten unserer Erde recht wahrzunehmen und zu empfinden, werden
wir auch nicht vollkommen geschickt werden die Schönheiten eines kommenden Lebens zu erkennen zu empfinden.
Ich denke dabei immer der Schule wer auf der untern Bank und in der ersten Klasse nicht tüchtig lernt
ist auch ein Stümper in der Folge.
Nach dieser Abendfeyer komme ich nun nach Hause und was duftet mir entgegen was finde ich auf mein[em]
Tisch? - einen reichen, reichen Blumenstrauß eine Nelkenfülle wie sie sich bey uns nur auf das
seltenste findet. Blatt drängt sich hervor aus Blatt und an Blatt auch der große starke Kelch ist kaum fähig sie alle zu fassen,
Blume drängt sich hervor an Blume, jede an Farbenpracht, Sammet und Schmelz die andere übertreffend, und dahinder prangt
in in sanfteren ruhigeren Leben wie mit sanfteren Farben die rötliche Leukoja mit ihrer hoffnungsfarbigen Mitte, und
die Lilienweise beyde mit ihrem süßen Duft. Die Menge der übrigen Blumen, so verschieden an Form als an Farbe,
sind gleichsam das Gefolge nur um die Schönheit die innere und äußere, doch im Innern bedingte, jener zu erhöhen.-
Doch ich will schweigen von meinen Blumen, denn Ihr dagegen würdet mich zu Euren Stuben- und Fenstergärten führen,
in den Verbindungsgarten, in den Garten vor dem Saale, zu meiner Bank am Kolm unter der Linde, von welcher
Ihr mir schreibt daß Baum- und Blumenfülle sie gleich froh umgeben und besonders in Eure lieben und lieblichen
Gärten ihr geliebten Söhne und Töchter, und jedes von Euch würde mir eine Blume zeigen, wenn sie mit den meinen
meinen auch nicht an Fülle und Pracht doch [{]in / an[}] einfacher Schönheit, Klarheit und reinem schön geordneten Leben u.s.w.
wetteifern würde; ich wollte Euch dieß auch nur schreiben um Euch zu zeigen und zu sagen, daß immer Stellver-
treter, gleichsam Abgeordnete Eurer lieben Pfleglinge bey mir vor[-] und einsprechen, mir Eure und Eurer Blumen
grüße [sc.: Grüße] bringen und zwar auf eine ihrer und Eurer würdigen Weise.

Am 17n July. Ich habe am 12en dieses meine Feyer des 11en an Euch mit der Fahrpost abgeschickt; ich hoffe daß
sie bald nach diesem Briefe bei Euch eintreffen wird; wenn ich nur nicht etwa durch eine unbeobachtete Handlung die
Freude vernichtet habe.- Es lag nemlich eine Flugschrift vom Buchhändler bey mir, ohne sie eigentlich zu kennen
legte ich sie als eine Art Emballage dem Ganzen bey. Später wurde ich darauf aufmerksam gemacht, daß man viel-
leicht wegen diesen Blättern auf der Douane das ganze Packet unterschlagen könnte, oder gar noch Euch durch die
Übersendung Unannehmlichkeit zuziehen. Sollte nun das Packet nicht zur rechten Zeit bey Euch ankommen, so erkundigt
Euch nach demselben und erkläret, daß die Beylage ganz unschuldige Ursache habe. Hat man aber wirklich für ein paar
Blätter jetzt so große Furcht, so vernichtet sie ja das Feuer leicht, wenn sie wie ich hoffe mit dem Packet wohlbehalten
zu Euch kommen.-
Heute habe ich von meiner lieben Frau einige Zeilen aus Willisau 16en bekommen, sie schreibt mir, indem ihr
Befinden leidlich sey, würde sie mich in Begleitung Langethals künftigen Sonntag besuchen. Sie wird dann
nach Umständen 8 Tage oder länger hier bei mir bleiben; ich gönne ihr vom Grund meines Herzen die Erfrisch-
ung an Geist und Körper, als Leib u Seele, die Erholung für Kopf und Herz welche ihr der Aufenthalt in der
wirklich schönen Naturumgebung gewähren wird.-
Weiter schreibt sie mir: "Herr pp Kasimir Pfyffer hat uns vergangene Woche einen Besuch geschenkt; er
"wohnte einigen Lehrstunden bey und auch - es war gegen Abend - der Turnstunde. Selbst nach dieser ver-
"weilte er sich noch ziemlich lang viel mit Langethal, auch mit den andern Lehrern sprechend und seine große
"Zufriedenheit ausdrückend indem er noch hinzufügte, daß er alles, was er vermögte thun würde, die
"Anstalt zu halten und zu heben."
Weiter schreibt meine Frau: "Herr Dr Hollmann aus Langenthal ist seit gestern auch hier bey uns oder
vielmehr bey Langguth - dessen Wünschen er wohl auf alle Weise sich nachzukommen bemühet."--
Du Barop kennst schon sein Betragen vom vorigen Jahre. Der Herr Dr Hollmann kommt mir besonders wie Micha-
elis
, so wie das aller derer vor, welchen man aus einer gewissen Theilnahme an ihren Lagen, die Hand reichte.- /
[1R]
Hier in Burgdorf geht noch alles in demselben frischen Geiste fort von welchem ich Euch schon in meinen beyden
Briefen von hier aus schrieb. Genug, ich höre von allen Seiten wie man zu sagen pflegt nur Liebes und Gutes,
d.h. Zufriedenheit. Wir geben uns alle Mühe ohne uns Mühe geben zu wollen d.h. es liegt in der Natur der Sache
das [sc.: , daß] alles frisch ernst, froh u mit Leben getrieben wird. Die durchgreifende lebendige Einheit - welche nachzuweisen
mir immer mehr alles zufällig aber immer schlagend entgegen tritt, ergreift auch ihr Leben und belebt und hebt es
immer mehr. Durch dieses freudige gemeinsame Zusammenarbeiten ist freylich das Ergebnis des Cursus noch nicht ge-
geben und bestimmt, denn wir schreiten nicht nur langsam vorwärts, sondern das eigentliche Verständniß
der Sache kann auch nur schwierig kommen, so oft es mir auch mit den bekannten Worten "es bessert alle Tage"
versichert wird; doch ist doch immer noch nicht nur freudige sondern auch gegründete Hoffnung; auch das Ende werde
dem Anfange und dem Fortgange entsprechen.
Aber Du hast auch Recht. Fellenberg scheint auch wirklich wie ein Goliath aufzutreten, und wenn ich auch sonst
hinter dem David dem Dichter der - "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes" zurück stehend, so glaube ich ihm we-
nigstens darinne zu gleichen, daß mich Fell[e]nb[er]gs Rüstung nicht schreckt, ja daß vielmehr in meiner Beachtung we-
der sie noch Herr Fellenberg selbst gar nicht da ist; d.h. in [sc.: ich] suche nur täglich wie ich das Wahrste erkennend
auf die einfachste und zugänglichste Weise in meinem Schullehrern wecke, nähre und bilde[.]
Wie ich höre rüstet sich Fellenberg wirklich oder ist vielmehr schon gerüstet, freylich nicht so wohl gegen mich als gegen
das Erziehungsdepartement und Langhans, mich treffen seine Schüsse und Kugeln nur, weil ich ihm ein Organ
des Erziehungsdepartements erscheine. Früher schon soll Fellenberg gesagt haben, daß er in dieser Sache den Sieg
erringen wolle und wenn es ihm 100,000 Frken kosten solle. Heute hörte ich er solle gesagt haben,- sein ganzes
Vermögen würde er daran setzen in dieser Sache Sieger zu seyn. Und wirklich soll ihm dieser Streit mit Lang-
hans oder vielmehr gegen der Kampf gegen das Erziehungsdepartement und Langhans 40.000 Frken kosten.
Denn er läßt es nur allein in dieser Sache ungemein viele kleine Schriftchen drucken und unentgeldlich vertheilen.
So soll er den Schnellschen Bericht den Du Barop kennst unentlich viel verschicken und verteilen und <Du> [sc.: zu ?] diesem Ende
schon die dritte Auflage davon haben machen lassen.- Jetzt hat auch er wie ihr wißt einen WiederholungsCurs
gegen 50 sind bey ihm.- Heute hörte ich wiederholt daß er jedem der entfernten Schullehrern welche besonders
Familie haben außer der freyen Station und freyen Unterricht während des Cursus noch 4 bis 5 Thaler nemlich
10 bis 12 Frken monatlich Unterstützung für dessen Familie verabreichen soll.
Ich schrieb Euch doch letztlich von einem Besuche des Herrn Doctor phil: Gensler, jetzt Lehrer bey Fellenberg. Von diesem
Besuche wenigstens von den Gesinnungen welche diesem Besuche zum Grunde lagen habe ich jetzt auch näheres gehört.-
Der Herr Michaelis der mich kürzlich in Willisau, - nemlich gerad in den Tagen wo ich von hier nach Willisau gegangen
war - besuchte hat mir nachstehendes von Herrn Dr Gensler erzählt was ich gleich mittheilen werde.- Herr Michaelis
ist nemlich noch immer in Aarau, aber in einer mit jedem Tage mißlich werdender Lage, eigentlich ohne alle Mittel und
was das übelste ist ohne alle Arbeit. In dieser wirklich verzweifelnden Lage in welche er, wie er sich mir ausdrückt
nur von der Unterstützung der Armer lebt hat er sich nun wiederkehrend an Fellenberg persönlich, so wie von dort
nach Bern gewand; von Bern aus abermals über Hofwyl kam er nun zu mir nach Keilhau (ich habe es Euch doch
noch nicht geschrieben?-) in der Absicht ihn als Preus[s]en in Bern, hinsichtlich der Reinheit seiner Gesinnungen zu vertreten.
Im Laufe der Mittheilungen erzählte er mir denn auch daß er den Dr phil. Gensler getroffen, daß dieser ich glaube
bey Tisch über mich zu schimpfen begonnen[.]- Worauf er Michaelis, wie er mir sagte dem Dr Gensler den Mund gestopft
Worauf aber Fellenberg zu ihm dem He. Michaelis sich fragend gewandt: ­ Was ist denn zu diesem Manne, (nemlich zu
mir) u.s.w. Genug fast unmittelbar darauf, ich glaube sogleich, beehrte mich d[er] He. Dr phil. Gensler gehörig ge-
schmückt mit besteinten goldenen Fingerringen und gleicher Busennadel, ich weiß noch nicht warum? hier in Burg-
dorf. Zum guten Glück oder Leider! war ich eben im Begriff nach Willisau zu gehen; genug! Ich erfuhr nichts von
seinem eigentlichen Zweck des Besuches. Sehet so verfahren die Herren Doctoren philos. mit mir, und es scheint
fast daß sie sich erst zu Doctoren dieser Art machen lassen um gleichsam ein Recht oder Beruf zu bekommen gegen
mich aufzutreten oder später ihr früheres Betragen gegen mich zu rechtfertigen; Wenn ich die beyden jüngsten
Herrn Doctor G. dazu rechne wieviel sind es denn nun dieser Herren Doctor[en] philos: die gleichsam ihre Doctoren Würde
an mir bewahren wollen und wollten?- Es sind deren mit dem auf umstehender Seite genannte[n] eine ominöse
Zahl nemlich 7.- Es ist zwar eigentlich nicht der Mühe werth sich bey dieser Sache so lange aufzuhalten; allein
es ist diese Zusammenstellung um der historischen Wahrheit und der geschichtlichen Einheit willen wichtig.- Bey dem
He. Gensler sehe ich doch wirklich warum er gegen mich und sogar schimpfend auftritt keinen andern Grund als weil er
Dr philos: ist.- Denkt Euch nun: bey diesen Gesinnungen im Herzen hatte Dr phil: G[e]nsler doch die Keckheit den Ferdinand zu sich zu laden.
Von der beabsichtigten politechnischen Schule in Frkfurt a/m hörte ich bey dieser Gelegenheit durch Gensler, daß die Ausführung derselben erst von österreichischen
Beschlüssen abhänge; was man dabey mit dem Geiste unserer Lehrweise machen will verstehe ich nicht.-
In Beziehung auf Herrn Michaelis muß ich noch erwähnen daß ich, als ich seine verzweifelte, und verzweifelnde Lage
sahe, in Beziehung Rücksicht auf eine frühere briefliche Äußerung von Dir, Barop, und zugleich wirklich aus ächten Gutmeynen
mit ihm ihm den Vorschlag that sich fragend nach Keilhau zu wenden; aber da hätte mich Herr Michaelis im
Eifer seiner Opposition bald verbrannt, wenn ich nicht eben sehr kaltblütig gewesen wäre.- So sind die Herren.
Sie wenden sich wie Clienten an ihre Patrones und dennoch soll man es sich zur Ehre schätzen sich nach ihrer Bestimmung zu fügen.
So hat auch Michaelis seit wir uns jüngst in Willisau sahen wieder hierher an mich geschrieben, Nennt mich - ["]ver-
ehrter Freund", und unterzeichnet sich: "mir von Herzen ergeben["] u.s.w. Langethal fiel wie mir gleichzeitig
die große Ähnlichkeit im Betragen - Lebenszuständen - und Redensarten mit L. Bauer in B- auf. In dieser frap-
panten Ähnlichkeit mag es vielleicht seinen Grund haben, daß sie sich als sie in Keilhau waren beyde einander nicht
leiden konnten. Eben so sind sie beyde jeder in seinem Fache gleich kenntnißreich und gleich strebend.-
Von meinen Schulmeistern muß ich noch sagen, daß sie mich fast täglich an die von mir gewünschten Bücher: die Erzieh-
ungskunst erinnern; - schon daraus geht hervor daß sie viel in der Sache leben.- Die Bücher sind doch schon abgegangen?
auch habt Ihr doch baldige Besorgung von dem Spediteur gefordert?- Schreibt mir ß deßhalb bald.-
Noch muß ich sagen, am 31n d. M. wird der Jahrestag der Bernschen Verfassung gefeyert und gefeuert werden.
Auch unsern Schullehrern wird ein Fest gegeben werden; die ersten Bürger der Stadt werden sie mit in ihren
Kreis ziehen selbst von der Behörde in Bern werde[n] ohne Zweifel Glieder erscheinen. Du Barop erkläre
doch um Dich her den oder jenen den Geist eines solchen Festes, und frage was Keilhaus Leben Gleiches zeige. Ich dächte doch, selbst /
[2]
einem Herrn Leizmann, wenn er nicht eben zu stark auf seinen Dr philos. beharrte, müßte so etwas einleuchten
und daß man zunächst wenigstens noch hier die Ahnung und Hoffnung eines Ganzlebens, d.h. eines historisch classischen
Lebens habe. Daß darum auch die Pflege unserer hiesigen Leben uns größte Pflicht und Sorge seyn müsse.-

Freytags am 19en [sc.: 18en]. Es war gestern mein Vorsatz diesen Brief heut Mittags an Euch zur Post zu geben; zwar schien mir
noch das Wesentliche zu fehlen doch hatte ich nichts mehr hinzu zufügen. Heut habe ich Euch nun folgende weitere Fort-
entwicklung mitzutheilen.- Während meiner letzten Stunde kam der Herr Seckelmeister Meyer aus Burg-
dorf zu mir, nemlich Seckelmeister der Commune Burgdorf, und nach Beendigung der Stunde folgte er mir aufs Zimmer.
Der Grund seines Besuches war[en] ernste Unterhandlungen wegen des hiesigen neuerrichteten Waisenhauses, d.i.
wegen der Leitung der hiesigen Waisenerziehung anzuknüpfen. Als Grund der Verhandlungen (:denn ich darf bey meinem und
unserm Lebenszwecke jetzt noch an keinen festen Lebenspunkt denken:) - daß die Verabredung vorläufig auf ein Jahr
mit ¼ oder ½ Jahrjähriger Aufkündigungszeit geschähe.- In Hinsicht meines ökonomischen Verhältnisses zur Anstalt
wurde erst gefragt ob ich Erziehung und Unterricht (indem die Waisenkinder bisher in der Stadtschule Unterricht erhal-
ten haben:) zugleich übernehmen würde. Ich erklärte natürlich nur das Letztere. Dann wurden zwey ökonomische Verhält-
nisse vorgeschlagen erstl. das [sc.: daß] mir eine Runde Summe jährlich für das Ganze oder jedes Kind bezahlt würde und
ich dann die Besorgung des Ganzen und die Verpflegung der Kinder nach jeder Seite hin übernehme oder: - daß das
Ganze von einem betreffenden Ausschuß auf Rechnung der Stadt geführt, also auch das ganze Haus in jeder Hinsicht
Möbel, Weißzeug, Bette, Küchengeräthe u.s.w. völlig auf Kosten des Staates übergeben mir dagegen für meine und
meiner Frau Leitung u.s.w. ein bestimmtes Jahrgehalt bezahlt würde.- Natürlich zog ich das letztere vor; doch
waren alles dieß nur ganz vorläufige Bestimmungen. Künftigen Sonnabendtag ist Zusammenkunft der Armen-
commission wo auch Friedrich Stähly gegenwärtig seyn wird. Der Präsident derselben, Professor Hans Schnell
ist leider abwesend nemlich zu Zürich auf der Tagessatzung; doch wird alles nur provisorisch bis zu dessen Rückkunft be-
sprochen.- Allein bis zu Ende des Monat Oktober soll das Waisenhaus in völlig wohnbarem Stande seyn und dann
auch die Eröffnung des neuen Waisenhauses, geschehen. So könnte es also nun wohl seyn, daß noch in diesem Jahre
meine erziehende Wirksamkeit im Berngebiet für einige Zeit Wurzel faßt.- Auch die Ausführung der Cantonal-
MusterArmenerziehungsanstalt auf dem schön gelegenden Gute ½ Stunde von Burgdorf, dem Waisenhaus gerad im Angesicht
gegenüber, wird mit Ernst betrieben. Möglich wäre es wohl daß ihre Eröffnung noch in diesem Jahre
Statt fände. So könnte sich also wohl auch nach dieser Seite hin meine mittelbare Wirksamkeit durch irgend einen
anderen von uns erstrecken.- Du lieber Barop mußt mir nun in der Kürze und mit ganzer Bestimmtheit schreiben
a) Ob Du den Gedanken pflegend in Dir trägst mit Deiner Familie einst und wann nach der Schweiz zurück zu-
    kehren und
b., Ob Du es überhaupt - nach Rücksprache mit der ganzen Keilhauer Gemeinsamheit, welche jetzt nur aus einer
    einzigen Familie bestehet - für möglich hältst, und unter welchen Bedingungen; vielleicht dann wenn es aus-
    zuführen wäre daß Frankenberg - den Du Barop ja kennst - auf einige Zeit nach Keilhau gienge.
Könnte ich dem Ferdinand die Erziehungsanstalt in Willisau ganz übertragen, hätte er nicht allein die nötigen Er-
fahrungen dazu, erschien er mir den übrigen Lehrern gegenüber schon ruhig gesetzt und abgeschlossen männlich genug, könnte
ich also in ihm schon den ruhig besonnenen ernsten Hausvater den überblickenden sehen und hoffen daß er dazu auch bald
eine erfahrene durchblickende Hausmutter <freyen> und bringen würde, so wäre ich bald mit dem Ganzen im Reinen[.]
Dann wollte ich Euch nicht lang mit Berathungen behelfen, so muß ich Euch also mit Bestimmtheit bitten daß
Ihr mir wenn auch nur einstweilen vorläufig Eure Ansichten entweder einzeln oder als ein Ganzes
mittheilt.- Meynst Du Barop, der Du die Verhältnisse hier so wie dort in Keilhau kennst, meynst Du
Du man könne Frankenbergen und Ferdinanden, wenn ich vielleicht Gelegenheit hätte ihnen einen guten Hülfs-
lehrer einen jungen Schlesier an die Seite zu geben - Willisau übertragen?- Aber Ferdinand erklärt den Franken-
berg selbst als leicht ersetzbar. Ich hoffe freylich Frankenberg würde sich kräftiger entwickeln.
Nun überlegt das Ganze ich will Euch es völlig in Eure Hand legen; ich will persönlich ganz zurück treten und mir
die Sache , E reden, Euch nur in derselben lesen und nach derselben entscheiden zu lassen.
Keilhau ist wichtig - Willisau ist wichtig - Burgdorf ist wichtig.-
Schön wäre es, wohl sehr, sehr ersprieslich, und gewiß recht begründend wohltätig für das Ganze, wenn wir
Keilhau nicht eher aufzugeben genöthigt würden als wir irgendwo z.B. in der Schweiz, vielleicht gar in dem Canton
Bern wieder einen eigentlichen Sammel- und Einigungspunkt fänden.
Außer dem Waisenhaus - und außer der Muster-Armenerziehungsanstalt, schießt auch wie Blitze von mehreren
Seiten der Gedanke hervor, daß sich im künftigen Jahre der Normalkurs wiederholen durch mich wiederholen möchte.
Ja auch noch andere Richtungen der Entwicklung könnten vielleicht in des Schicksals dunklen Schoose liegen. Jetzt scheint
mir schon so viel wahr daß mein dem Großrath Stähli überschickter allgemeiner Plan in Beziehung auf Burgdorf
sich wohl verwirklichen könnte. Theilt Euch, ich bitte besonders darum auch namentlich in einem eigenen Briefe
berathend an Langethal mit, denn nochmals ich wünsche schlechterdings nicht daß man glauben könne mein Herz mische
sich etwa mit Wünschen unstatthafter Weise in die Entscheidung der Berathung; denn mir ist ein Menschenleben, ein
Halbes Jahrhundert eben kein so bedeutender Zeitraum nur wünsche ich daß zum Wohle des Ganzen und so gewiß auch zum
Wohle des Einzelnen das Beste gewählt werde.
Wenn sich das Burgdorfer Waisenhaus Verhältniß noch ordnet, so hätte ich wohl meiner Frau und Mathilden die Freude
gewünscht gemeinsam zu wirken, denn eine erziehende Gehülfin für meine Frau muß ich wünschen; und die Wirk-
samkeit muß schon werden, denn es werden höchstens Anfangs 16-20 Kinder mit überwiegender Mädchen-
zahl seyn. Ist Mathilde völlig an die Fr v. Armin gefesselt auch wenn sie ihr Schwester- oder Bruderkind mit sich nehme?-
Soll ich Herrn Michaelis eine bestimmte Lehrerstelle in Keilhau oder in Willisau antragen und unter welchen
Bedingungen könnte das erste geschehen?-
Wegen dem Herrn Dr Leizmann Euch zu schreiben war mir längst Vorsatz doch jetzt ist mir der Papier- und
Zeit-Raum dazu zu kurz. Ich wünschte daß Ihr das Verhältniß jetzt schonend behandelt; die Frauen sind ja
besonders hierinn Meisterinnen, ich wünschte, daß sie sich nicht die Mühe verdrießen ließen es in diesem Falle
mit Sorgfalt zu thun, selbst auch die sonst wohl sehr ernste Albertine, es handelt sich ja um das Wohl aller derer
die ihrem Herzen theuer sind. Von mir wird doch die geliebte theure Albertine nicht erst hören wollen, daß Frauenmilde
eine wunderbare Kraft besonders im Gebiete der Männerwelt ist.
Jetzt muß ich schließen. Ich war heut Abend so müde wollte schon vor 2 Stunden zu Bette gehen und bin nun noch auf[.]
Und morgen Vormittags habe ich schon wieder 5 Stunden nach einander zu geben.- Lebet wohl lebe wohl lieber
Middendorff
Dein FrFröbel /

[2R]
Am 19en July. Meinen Brief worinn ich Euch um baldigste Übersendung von 30 Exemplaren
meiner Erziehungskunst durch Frachtfuhre bitte so wie Euch den Betrag dieses Geldes zusichere
werdet Ihr erhalten haben.- Ich hoffe daß die Absendung schon geschehen ist und daß Ihr besonders
den Spediteur in Gotha um baldigste Besorgung gebeten haben werdet, so wie daß diese Bitte in jedem
der folgenden Avisbriefe aufgenommen werde. Sollte jedoch die Absendung dieser Schriften noch nicht ge-
schehen seyn, so wäre es wohl zweckmäßig noch 10 bis 15 Exemplare beyzulegen, indem von den 60 gen
bis jetzt schon 30 bey mir wirklich auf das Buch unterzeichnet haben, und da es scheint als würden am Ende
wenn das Buch, die Schrift in der Hände [sc.: den Händen] vieler ist, sich auch von den Übrigen noch mehrere zum Ankauf desselben
aufgefordert fühlen.
Auch nach den kleinen Schriften fragen sie sehr häufig, ob ich ihnen gleich immer wie auch bey dem größeren Werke mit
dem Einwurf entgegen treten; ob sie denn solche auch verständen?- Nun der Unterricht, wie auch der
Wunsch, die Hoffnung, und der Glaube, sowie also im Ganzen das Streben sie zu verstehen mag wohl auch dazu
beytragen.- Ihr sehet ich bin wirklich von einer wunderbaren Welt umgeben. Könnte ich mich nur
verdrey- oder vervierfachen, ja auch nur verzweyfachen ich hoffte fast zum Ziele zu kommen, d.h. höheres
Menschenleben, Menscheitsleben in einem gewissen Grade allgemeiner zu machen. Gott erhalte mir nur zu-
nächst meine Brust[.] Und wenn es mir nur bald möglich wird, das mir in Keilhau gewordene materielle Vertrauen
etwas zu rechtfertigen. Es dämmert dazu jetzt wenigstens eine bestimmte Hoffnung herauf.
Ich könnte sehr, sehr viel auch in dieser Beziehung leisten, wenn man nicht alle Verhältnisse sich auf dem Wege der
unbewußten Naturentwickelung sich gestalten lassen müßte; Es ist wunderbar aber gewiß wahr, man muß
sich ordentlich hüten als ein einsichtiger durchsehender bewußter Mensch zu handeln. Sobald man es thut hat man
das Schicksal des Tanzbärs in der Fabel und so muß man anstatt auf 2 Füßen zu gehen auf 4 Füßen kriechen.
Darum Menschen und Freunde und Geeinte und Einige versteht mich - macht daß wir mit Jahrfünften und mit
Jahrzehnten wie mit Monaten und mit Jahren wie mit Tagen umgehen können.- Euer FrFr -
[Adresse:]
Herrn
Wilhelm Middendorff
in
Keilhau
bey Rudolstadt in Thüringen