Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 21.7.1834 (Burgdorf)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 21.7.1834 (Burgdorf)
(KN 48,3, Brieforiginal 1 B 4° 3 S.)

Burgdorf am 21en July 1834


Der Fröbel-Middendorff-Baropschen-Familie!
Einigung zum Gruß.

Am gestrigen Tage Nachmittags ist vorläufig mein Eintritt in das hiesige Waisenhaus als Leiter und Vater
entschieden worden, und zwar zugleich in Erwähnung und Verknüpfung der weiteren Entwickelungen,
nemlich dem Fortgang eines jährlichen vierteljährigen Wiederholungskurs mit schon angestellten Lehrern,
und in Verknüpfung mit der möglichen Ausführung einer ArmenErziehungsanstalt; Über diese beyden
Punkte und Wirksamkeiten aber haben wie Ihr wißt andere Behörden zu entscheiden: bei letzterem
ein Verein, (der christliche Volksverein) bey ersterem das Erziehungs Departement. Ihr wißt aber
auch wie durch den Zweck der Volksbildung, des Locals, der Personeneinheit, das Ganze mehr
und minder ein Einiges ist. Die vorläufigen Bedingungen sind:
a. Die G ganze Anstalt wird auf Rechnung der Stadt geführt.
b. Ich bekomme daher bis auf die Kleider, versteht sich Alles frey. Wohnu[n]g, Kost, Licht, Heizung
    Waschen, Bedienung; und ein Jahrgehalt von mindestens 600 Frken. Freylich nach deutscher
    Rechnung scheinbar wenig; aber bedenkt auch Alles frey; also auch die Zimmer bis zum Einziehen
    meublirt, dann
c. Freye Station für eine Erzieherin und Gehülfin der Hausfrau, welche wir (ich mit derselben) wählen
    den Gehalt aber bekommt sie von der Stadt.
d. Die Anzahl der Zöglinge beträgt höchstens 24[.]
e. Die Verabredung gilt vorläufig auf 1 Jahr gegen ½ oder ¼jährige Vorauskündigung.
Doch dieß ist was ich eigentlich schreiben wollte das Unwesentlichere. Das Wichtigere ist die
Stellung des Ganzen und namentlich Keilhaus zum Ganzen.
Die erste Frage ist kann und wird Keilhau als Erziehungsanstalt bestehen?- Ich von meiner
Seite spreche aus, daß ich in pecuniärer Beziehung alles mir nur < ? > Mögliche thun werde
daß es bestehe; meine jüngsten Briefe zeigen den Ernst meiner Bestrebungen in dieser
Beziehung.
Nun, ich setze also Voraus: Keilhau kann und wird als Erziehungsanstalt bestehen,
wenn ich zunächst wenigstens wesentlich mit an der Zinsenlast tragen kann. Es fragt
sich nun durch und mit welchen Personen kann und muß es bestehen?- Laßt uns gegen-
seitig ganz offen seyn: - Mir ist von Euch aus die Meynung und Kunde zugekommen,
daß wenn ich z.B. zur Überkunft Barops versteht sich mit dessen Familie nach der
Schweiz beytragen ja sie bewirken würde, die Keilhauer Erziehungsanstalt so gut
wie vernichtet wäre und ich dann auch immer E den Middendorff hierher kommen [lassen müßte] und
dessen Unterkommen hier bewirken könnte. Vor allem sage ich Euch zuerst, daß in
dieser ernsten Berathung mit Euch alles persönliche von mir ganz zurück tritt, und ich
gewiß für Barop und dessen Familie in keiner Beziehung ein vorwaltendes Gefühl sprechen lasse[.] /
[1R]
Jeder von Euch und dessen Familie wiegt mir und gilt mir mit ihm und dessen Familie völlig
gleich; ist es also der Fall das [sc.: , daß] Keilhau erstlich nicht ohne ihn bestehen kann, oder auch zwey-
tens daß ihr als Eine in sich geschlossene Familie gern in Keilhau gemeinsam zu wirken
wünscht so schweigt von nun an jeder Gedanke von Barops Überkunft nach der
Schweiz, denn den Middendorff kann ich jetzt, soweit sind die Verhältnisse hier noch
nicht entwickelt, nicht nach der Schweiz nehmen, sehe auch dazu, vor der Hand noch
keinen Punkt hier heraufdämmern. Überdieß sähe ich es auch in Rücksicht auf das Ganze sehr
gern wenn Keilhau auch nur für eine Anstalt jüngerer Zöglinge meinetwegen z.B. bis
in das 13e oder 14' Jahr oder auch nur vom 7en, 8en bis zum 12en Jahr bestehe.
Sagt mir nun ist denn ein wahrhaft freundliches und wirklich im Gemüthe einiges, wenn auch in Ver[-]
standes Ansichten verschiedenes Zusammenwirken mit Leizmann so schwierig?- Was
Frankenbergen betrifft so ist derselbe in Beziehung auf seine Thätigkeit u die Früchte derselben
schwach, wenn auch im Gemüth und Leben viel guter Wille [ist]. Auch fürchte ich, daß er Barops
Einladung nicht beachten wird so lang zumal dessen Schwester in der Schweiz ist, sie ist auch
wie weiland Rosalie etwas weichlich wenn auch nach andern Seiten hin und würde eben mit
Euch Keilhauer Frau[en] kein besonders gleichmäßiges Lebenstuch weben, sonst hätte ich gegen
Frankenbergs Überkunft nach Deutschland gar nichts. Wenn ich nicht wegen Titus
Heimreise, auch wegen F Langguths schwankendem Stehen selbst für einen Elementarlehrer
besorgt sein müßte, so hätte ich vielleicht, wenn Euer Bedürfniß ihn gefordert ha und er Euch
wahrhaft ersprieslich hätte seyn können, Euch einen von hier aus, einen Deutschen u Preusen
senden können. Genug meiner hiesigen Verhältnisse halber braucht Ihr nicht im leisesten be-
sorgt zu seyn; ich habe so wahrhaftes u festes Vertrauen zur Vorsehung, daß, wem [sc.: wenn]
ich hier Hülfe brauche, solche mir auch kommen wird ohne in Euer geeintes Leben im
Mindesten störend einzugreifen. Kennte ich für Ferdinand ein Herzensverhältniß
wo sich mit weibliche[m] Gemüthe zugleich Über- und Durchblick des Geistes mit schneller geordneter
Ausführung zur bestimmten, klaren That einigte, so könnte Ferdinand leicht
Führer der WillisauerAnstalt werden, Langethalen nähme ich zur Führung der Nor-
malArmenerziehungsanstalt so wäre leicht alles geordnet; Allein Ferdinanden mangelt
doch noch gar manches zum selbstständigen Führer einer Anstalt, selbst wenn ich alle Monat
einen Sonntag nach Willisau kommen wollte. So lege ich denn das Ganze völlig in Euern
Geist Herz u Hand; allein Ihr müßt auch ohne persönliche Vorbestimmung Alles ruhig mit ein
ander überlegen. Auf der Zeich[n]u[n]g von Burgdorf die ich Euch schickte könnt Ihr das Waisenhaus
klar sehen, wenn ihr [sc.: Ihr] die kleine Zeich[n]u[n]g rechts oben "Burgdorf vom Hochbühl" betrachtet
und vom B aus senkrecht eine Linie in die Höhe zieht, so trifft diese ein Gebäude in dessen
Giebelseite 3 mal 5 Fenster sind, dieß ist das Waisenhaus in seiner Längenseite hat es 3 mal 9 
Fenster übereinander, außer den ½ Fenstern des Kellergeschosses, wo auch die Küche, Speisekammer rc
ist. Die Speisen werden aber unmittelbar aus der Küche in die Speisestuben gewunden.- Rechts vom /
[2]
Waisenhause neben der Promenade seht Ihr ein längliches aber schmales Gebäude mit ........ 
Fenstern, dieß ist auch ein der Commune gehöriges Gebäude was bey der Erweite[r]u[n]g des
Waisenhauses z.B[.] zu Schullehrer Vorbild[un]g als Unterrichts haus gebraucht werden
könnte. Vom Waisenhause in den obern Fenstern u von der Promenade aus hat man
ganz dieselbe Aussicht auf die Alpen, welche die Zeich[nun]g zeigt.
Da schon mehr als 30 auf meine Erziehungskunst, oder Menschenerziehung unterzeichnet haben
so kan und da ich nun wohl noch länger in Burgdorf bleibe, so könnt Ihr mir immer mit
nächstem 15-20 Exemplare, auch mit Beylage der kleinern Schriften schicken, wenn sie zu[-]
sammen von solchem Gewichte sind daß sie einen Ballen für den Frachtfuhrmann ausmachen.
Gelegentlich könnt Ihr dann wenn in Keilhau alles aufgeräumt wäre Euch den Rest oder
wenigstens einen bestimmten Theil derselben von Wienbrack kommen lassen. Wie wir
mit Wienbrack stehen zeigt das H[au]ptbuch. Wetzstein glaube ich hat auch noch mündlich in dieser
Sache mit ihm gesprochen.-
Laßt nun bald über alles dieß etwas von Euch hören.
Vorgestern spät Abends kam meine Frau mit Langethal. Letzterer ging gestern Abends
zurück, meine Frau aber wird 8 Tage bey mir hier bleiben.
Könnt Ihr mir eine erziehende Gehülfin meiner Frau vorschlagen?-
Wenn wir nicht durch Empfehlungen so oft u fast immer geteuscht worden wären, so würde ich
sagen fragt bey der Frau von Ahlefeld oder (?) Frau Justizr. M. an; aber, aber --
Meine Frau und ich grüßen Euch herzlich. Daß ich der Allwina auf Ihr liebes Briefchen
und große Figur noch nicht antworten kann, müßt Ihr derselben zu erklären suchen.
Ich denke Ihrer [sc.: ihrer] bey meinen schönen Blumen oft, welche mich jetzt, ich weiß selbst
nicht wie in meinen ritterlichen Lehrsaal, begleitet haben. Herrn JustizR.
M.- saget herzlichst dankend, daß dessen Brief an den He. pp K. Sch. eine Wintersaat gewesen
zu seyn schiene. Wenn sie gereift und in Garben gesammelt sey, würde es mir
Freude machen mich Ihnen [sc.: ihnen] besonders dankend auszusprechen. In der Schweiz
könne und dürfe man aber nur nach vollendeter Entwickelung reden. Alles schiene
hier der Erziehungssaat zu gleichen, welche um so sicherer vor Winterfrost sey
je später sie hervorbreche. Gott befohlen Ihr und ich und alles Leben dem sich
unser hoffendes Gemüthe schon entgegen freuet.
Euer
FriedrichFröbel /
[2R]
[Adressierung:]
Wilhelm Middendorff
      in
      Keilhau
bey Rudolstadt in Thüringen