Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Emilie Barop in Keilhau v. 3.9.1834 (Burgdorf)


F. an Emilie Barop in Keilhau v. 3.9.1834 (Burgdorf)
(KN 48,6, Brieforiginal 1 B 4° 3 S., zit. Heerwart 1905, 102)

  Burgdorf am 3en Tage im Früchtemonat /:IX:/ 1834.


Emilie!

Ich weiß daß es Dich beglückt Anderen Freude zu machen, deßhalb komme ich mit der
Bitte zu Dir: das beyliegende Papier, einen Wechsel auf 66 fl. Rhein. oder Rth 42 ¼
(Rud: Währung) Deinem lieben Mann oder dem lieben Middendorff zum weiteren Gebrauch zu übergeben.
Und nun ist eigentlich mein Brief an Dich ganz beendigt; denn ich habe Dir entweder nun
gar nichts mehr oder ich hätte Dir nun noch unendlich viel zu schreiben, Freudiges und
Leidiges, Trübes; und warum sollte ich nicht beydes seelengern Dir mittheilen, der ich so
viel Freudiges in meinem Leben und stetig fortgehend verdanke, Dir, die Du so viel
Trübes in meinem Leben in Klarheit verwandelst und dauernd fortwährend?-
Aber wie überall im Leben drängt so sich immer das Trübe mehr vor als das Frohe.
Gern hätte ich Dir nämlich einen größeren Wechsel zur Abgabe überschickt und ich hoffte
es auch thun zu können, indem ich von Tag auf den Eingang des zweyten Packetes Bücher
wartete, wenigstens die Anzeige von dessen Abgange hierher erwartete; allein vergebens sehe
ich seit den jüngsten Wochen von Posttag zu Posttag nach Briefen von Euch aus und morgen
übe[r] 8 Tage ist den 11en d. M. ist die Prüfung der Schüler der hiesigen Anstalt und der
Schluß derselben. Kommen nun die Bücher nach dem Schlusse des hiesigen Cursus an, so
weiß ich nicht, wann ich dieselben werde in Geld umsetzen und Euch dasselbe schicken
können, woran mir doch nach Middendorff[s] Brief an Langethal, welcher mir denselben
hierher geschickt hat, so viel gelegen seyn mußte. Nun, Du wirst einsehen Emilie!
daß ich an dieser Verzögerung wie so oft im Leben an manchem Widrigen nicht persön[-]
lich Schuld bin; ob ich darum auch jetzt eben nicht Anderen die Schuld beymessen kann und
will. Sind etwa meine Briefe worinn ich nun weitere Abschickung von abermals
25 Ex: Erziehungskunst bitte bey Euch nicht oder zu spät angekommen?- Sage mir
Emilie! ist die Rolle, welche ich am 12. Jul. also vor fast 8 Wochen mit der Aufschrift
"An die Familie Barop" an Euch abschickte, nicht bey Euch angekommen, indem Mid-
dendorff derselben in dem Briefe an Langethal gar nicht gedenkt?- In der
jetzigen Zeit muß man auch die Störung des geordnetsten und gewöhnlichen Lebensganzen
erwarten. Ich hoffe Emilie! Du würdest und wirst mir meine Sehnsucht nur nach einem
Worte von Euch verzeihen, wenn Du Dich nur einen Augenblick in meine gesammte
Lage denken würdest und denkest, welche nach allen Seiten und Richtungen des Lebens
hin nur erwartend ist; es wurde jüngst gesagt und wieder gesagt: man wisse nicht
wo ich meine Ruhe her bekäme. Ein Anderer, unter dessen Augen wenigstens in dessen Nähe ich fast vom Morgen
bis zum Abend arbeite sagte: wenn er sich nur meinen Frohsinn und Lebensheiterkeit an- /
[1R]
eignen könnte. Und dennoch hängt ohne die geringste Unterbrechung stets das Schwerd des
Dyonisius [sc.: Dionysios] (:Dein Barop wird es Dir erklären:) über meinem Haupte. Allein so wie
ich eines von beyden Geduld oder Lebensheiterkeit nur leise zurück treten lasse, so
ist auch in mir und außer mir mein Leben sogleich gebrochen und ich empfinde dann solchen
Lebensschmerz im Innern, solche Lebensleere, Lebensdruck und Lebensdunkelheit außer
mir, daß ich gleich dem Leben entfliehen mögte. Den Grund und die Wurzel jener
Geduld, den Keim und die Quelle jener Lebensheiterkeit nicht zu schwächendes Vertrauen
zu, nicht zu stöhrenden Glauben an und nicht zu trübende Liebe zu Gott, zu Menschheit
zu Natur als einem in sich Einigen in dreyfacher, dreyeiniger Erscheinung, dieß ist
es was ich als Erzieher den Menschen zu geben wünsche, dieß ist es was in dem Einzelnen
zu wecken ich als meinen Erzieher Beruf erkenne, dieß ist der Ausgangs[-] und der Ziel[-]
der Zweck- und Endpunkt meines Wirkens. Dieß ist der Angel[-] und Ruhepunkt und der Schlüssel
aller meiner Lebenserscheinungen und Wirksamkeiten; Du siehest rein geistig und unper-
sönlich; sobald es von mir wieder persönlich wird und ich es in bestimmten Personen und
unter und an bestimmten Verhältnissen schon sehen, hervorbringen u darstellen will,
gleich ist wieder mein Wirken gestöhrt; ich muß von allen Menschen und Verhältnissen
fordern und erwarten, daß sie menschlich sind, jedoch von keinem einzelnen, bestimmten
Menschen und Verhältnisse es erwarten und fordern, daß er es auch bestimmt sey, so sey
daß ich mich darauf stützen, bestimmt darauf rechnen könnte. Also bey dem Nicht-
zählen[-], Nichtrechnenkönnen auf den Einzelnen und die einzelnen Verhältnisse, doch
nie den vollsten Glauben, das festeste Vertrauen, die reinste lebenvollste Liebe zu dem
Ganzen, und so durch das Ganze wieder zu dem Einzelsten (als Glied dieses Ganzen
aber nicht als diese einzelne Person oder Verhältniß) zu verlieren; das und dem gemäß erziehend zu wirken ist meine
große Lebensaufgabe. Könntest Du sie und so mich
fassen, es würde mich ewig freuen, und die segnenden Lebensfrüchte davon müßten ewig wie das
Leben selbst seyn.-
So umgiebt mich jetzt eine allseitige Morgendämmerung, wie im hohen Sommer Morgen[-] und
Abenddämmerung in eines zusammenfällt; aber ich wage nicht, ja ich fürchte mich zu
sagen da oder dort zu dieser oder jener Zeit wird die Sonne aufgehen, denn es giebt
im Leben wie in der Schweiz Thäler (z.B. das Gurnikel bad wohin doch der Mensch
als einer sehr gesunden Quelle reiset) worinn die Sonne erst nach 11 Uhr auf
und schon nach 1 Uhr wieder untergehet, wer kann für solche Gemüths[-] und Lebens[-]
stellungen des Menschen das wann? und wo? des Sonnenaufgangs bestimmen und
wer mag von ihnen verlangen mit mir den lebensgefährlichen Weg auf
den weißen Berg (Montblanc) oder zur ewig heit[er]en, stets gleich ruhig ins Leben
schauenden Jungfrau zu steigen?-
[2]
Wie es sonst im Einzelnen hier steht kannst Du Dir nun wohl mit Deinem klaren
Gemüthe und hellen Augen und mit dem klaren Geiste und scharfen Blicke Deines
Barops und den der übrigen Dich umgebenden Lieben sagen aus dem vorstehenden
sagen: vieles sehr vieles dämmert rings rund um herauf, aber wo und wann zu-
erst die Sonne aufgehen wird wer kann es sagen: In Beziehung auf das Waisenhaus
habe ich meine letztere Erklärung abgegeben aber noch nicht Entscheidung erhalten
ich wünsche sie auch nicht vor der Prüfung (:worauf jetzt alles für mich fast
auf ängstliche Weise gespannt ist:) - zu erhalten, denn wo ist eine Gewähr daß
ich nicht damit in der Meynung der Zuhörenden und Prüfenden durchfalle und dann
mag ich kein angeknüpftes oder gebundenes Verhältniß was man lieber sogleich wieder
lösete; also lieber will ich Nichts als etwas Getrübtes. An der Normalarmener-
ziehungsanstalt wird seit einigen Tagen wieder mit Eifer gearbeitet; schon ist zur
einstweiligen Herstellung des zur Armenerziehungsanstalt bestimmten Lokales von mir und dem betreffenden Baumeister der nöthige Plan
gemacht und eingereicht worden[.]
In einem Vierteljahr kann diese Anstalt zur Eröff[nu]ng bereit seyn.- Wegen der
Leit[un]g dieser Anstalt war ich genöthigt am Sonntage nach Willisau zu reisen und mit
Langethal und Deinem Bruder Rücksprache zu nehmen; denn wie die Sache mit dem
hiesigen Waisenhause und sonst in Burgdorf stehet, wo sich in einigen Punkten
ein sehr ernstes Erziehungsinteresse regt, so werde ich schwerlich frey stehen und
persönlich die Leitung von Bätwyl (so heißt das Gut) zu übernehmen. Habe auch sonst
genug zu thun wenn sich auch alles übrige in Burgdorf jetzt nicht einigen sollte, denn ich
will endlich etwas durchgreifend Tüchtiges. Da habe ich mich nun sehr gefreut von Langethal
und Deinem Bruder zu vernehmen daß zwischen diesen beyden die Sache so stehet, daß
Ferdinand, selbst auf den Fall hin, daß ihm von Keilhau aus keine Hülfe für Willisau
käme (was freylich immer eine starke Aufgabe wäre) er sich Mannes genug fühlt Willisau
allein nach meinen und Langethals Abgange mit der ihm jetzt zu Gebote stehenden
Hülfe allein durch- und fortzuführen. Ich bin hoch beglückt daß ich nun in Beziehung auf
die Lösung der sonst hochwichtigen Frage: ob Jemand und wer von Keilhau nach der Schweiz und nun
nach Willisau kommen soll? - ganz außer aller engeren Bestimmung bin; die Keilhauer
Dein Mann u Du, Middendorff u Frau, Bruder u Familie Ihr alle habt es jetzt mit Langethal
und ganz namentlich mit Ferdinand ganz allein abzumachen. Daß aber Langethal auf
jeden Fall nach Willisau gehe wenn es nöthig werden sollte dieser Absicht von Ferdinand u Langethal müßte ich ganz bey-
stimmen; denn warum sollte ich auch nur leise in mir den mir nun
längst bekannten Schicksalsschluß empfinden, welcher das Liebste mir immer ferne stellt. Könnt
wollt u dürft Ihr Barop Du u die geliebten Euern nach der Schweiz kommen, so muß ich den vorliegenden
Umständen nach für Willisau stimmen; denn Großes ist auch dort gewiß zu leistet [sc: leisten], wenn das künftige
Examen keinen Stein in den Weg legt u Deinem Manne schlagen dort vertrauende Herzen entgegen
wie mir hier Vertrauen aus Geist u Gemüth in Leben u That entgegen kommt. Gott sey mit Euch u mir
FrFr.

(Nachschrift am Rand)
Meine liebe Frau, ist seit ei[n]iger Zeit wieder um vieles wirklich besser, dieß macht mich sehr glücklich; sehr glücklich macht es mich daß
man ihr hier in Burgdorf von mehrern Seiten mit herzlicher Theilnahme, Achtung u Liebe entgegen kommt u siehet.-
[Rand 1R]
Langethal hat hier das erste Jahr bey völlig freyer Station 5 bis 600 Schweizerfrken gefordert. Ein Wirtschafter und 1 bis 2 Lehrer
werden ihm zur Seite stehen.
[Rand 1V]
Sey so gütig mir den Eingang dieses Wechsels bey Dir mir mit einem Worte selbst anzuzeigen
und zwar sogleich. Grüße alle alle; laß allen meinen Gruß empfinden. Gott behüte Dich immer Dein
FrFr.

[Mit dem in der letzten Nachschrift erwähnten Wechsel ist der am Briefanfang erwähnte gemeint; F. kann von "diesem" Wechsel sprechen, weil der Schlußtext optisch neben dem Textanfang steht.]
[2R]
[Adresse:]
Der
Frau Emilie Barop
      in
Keilhau,
bey Rudolstadt in
Thüringen


recommandirt