Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 17.9./18.9./20.9.1834 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 17.9./18.9./20.9.1834 (Willisau)
(KN 48,10, Brieforiginal 2 B 4° 7 S., zit. Halfter 1931, 717)

Willisau am 17en Tage im Monat des Sammelns /IX:/ 1834.


Grüße Euch Gott Ihr drey in Liebe und Treue für Darlebung reines Menschenlebens geeinten Familien!

Seit vorgestern, dem Tage vor dem Lebensfeste meiner wahren Lebenstheilerin bin ich wieder hier in Willisau.
Der Tag meiner Ankunft war einer der jetzt so sehr schönen Herbsttage, so wie auch der gestrige, der Lebensfesttag
selbst und der heutige als und zur Nachfeyer desselben. O! was gäbe ich nicht drum in diesen sinnigfühligen Herbsttagen
bey diesen heiteren reinen Himmel eine Taube seyn und zu Euch auf einige Tage fliegen zu können. Wie viel,!
wie viel hätte ich Euch vom Leben, vom inneren und äußern, vom Leben in seiner großen Gesammtheit zu sagen.
Wie so gern bespräche ich mich Euch über das Leben, welches in einer solchen Wichtigkeit, aber auch in einer solchen Klarheit
und Einfachheit, in einer solchen bestimmten Gestaltetheit vor und in mir stehet wie noch nie. Doch ich bin getrennt von Euch,
und es ruhet in Gottes Hand wenn er unser Leben immer mehr in uns und außer uns zu einer klaren Gestaltung
einigen will. Jetzt nur Bruchstücke.- Die Prüfung in Burgdorf ist beendigt, wie sie abgelaufen?- Ich glaube
die entgegengesetztesten Urteile meynen darinne ihre Behauptungen rechtfertigen zu können. Mein bekanntes Schicksal
trif[f]t mich auch hier ich werde in den Himmel erhoben und in die Hölle hinabgestoßen. Aber noch nie lernte ich so die
eigentliche Stimme des Volkes, des einfachen, frei sich hingebenden Gemüthes kennen als hier; die Zahl der bey der Prüfung
gegenwärtigen Menschen aus allen Ständen, selbst Frauen von Stadt und Land war sehr groß. Die unpartheiische Menge
fühlte sich erhoben, erwärmt, belebt, gestärkt, erfreut. Als auffallend wurde bemerkt, daß so wie ich sprach durchweg
eine große Stille und Theilnahme herrschte. Das Ergebniß war daß sich die Prüfung mit großer Freudigkeit für die Schul-
lehrer und den eigentlichen Kern der Anwesenden endigte. Die Doctoren, Directoren, Professoren alle mit oren
die Orthodoxen, den Schriftgelehrten, denen hat wie ich höre gar vieles verdrossen. Doch warum ins Einzelne gehen
die Hauptstimmung ist doch eine: Gründlichkeit, Einfachheit, Freudigkeit, Leben, Vertrauen, Muth, erhobene Kraft, dieß
ganz vor allem in allen Schullehrern. Und somit als sprechendstes Ergebniß, wie man sich ausdrückt, zunächst
die moralische Überzeugung, daß sich der Kurs im Allgemeinen unter der jetzigen Form künftiges Jahr wiederholen
werde. Doch Allein leset die Anzeige aus Burgdorf vom 11en Sptbr. selbst. "Unter zahlreichen Besuchen weltlichen und
"geistlichen Experten und Nichtexperten ging heute, in Gegenwart einer Abordnung von fünf Mitgliedern des Erziehungde[-]
"partmentes, im ehemaligen Rittersaale des Zäringisch-Kyburgischen Schlosses üb die Prüfung über den Wiederholungs- und
"Fortbildungskurs vor sich, der während drey Monaten von den Herrn Fröbel, Helfer Müller, Pfarrer Bitzius und Pfarrer
"Steinsäulein [sc.: Steinhäuslin]
mit 60 theils wirklichen, theils angehenden Schulmännern gehalten wurde. Kenner wollen behaupten,
"es sey in kurzer Zeit Vieles und Treffliches geleistet worden, das den Staat u die Schullehrer zu Hoffnungen berech-
"tige und die Behörden zu neuen Anstrengungen verpflichte.- Auch von den Kursen in Unterseen und Dör[-]
"stätten
(von Pfarrern gehalten [(]Den Kurs in Unterseen hat der nunmehrige Professor Zyro abgehalten.[)]) hat man nur Günstiges gehört."-
Du Barop wirst wissen daß man durch und mit diesem Kursus nicht nur Fellenberg u Anhang (welcher wenig
Stimme mehr im Publikum haben) sondern ganz besonders auch dem Director Langhans, welcher sehr warme
und innige Freunde im Erziehungsdepartemente hat, eine Opposition gegeben und an den Altgläubigen der Geistlichkeit, welche wie Ihr wißt
nirgends zu den vorwärtsgehenden, sondern zu den stillstehenden also rückwärtsziehenden gehört Gegner bekommen hat. Warum aber über
dieß Einzelne so viel, könnte ich Euch doch meine dadurch gewonnene höhere allgemeine An- und Einsicht lieber dafür mittheilen: -
es muß unerläßlich nothwendig eine ganz neuen Menschenerziehungsweise ergriffen werden; ihr Charakter ist, daß
sie der jetzt bestehenden rein und ganz entgegengesetzt <eh> und daß sie dem Entwickelungsgang welchen Gott bisher
das Menschengeschlecht führte ganz gleich ist nur von Seite des Menschen auf der Stufe der Stufe der klaren
Einsicht. Was geschehen muß kann ich Euch wohl sagen, durchdenkt, durcharbeit[et], durchlebt es: - Der Mensch
muß durch die Sach- und Lebensanschauung selbst, durch die Sach- und Lebensbeachtung sich selbst bilden; er muß
auf diesen Weg wie Gott, so sich selbst finden, er muß auf einer höheren Stufe als jetzt der Mensch in der Sprache
statt Friedrich - Wilhelm - Johannes, - Christian - Emilie u.s.w. Ich <spricht>, Ich sagen; der
Mensch darf nicht mehr von seinem Geiste, seiner Seele, seinem Leben als einem Dritten Fremden reden
sondern er soll sagen ich Geist, ich Seele, ich Leben; nicht mein Wesen, sondern ich Wesen. Möchtet
Ihr mich verstehen was ich damit sagen will: Wie der Mensch in der Sprache ich sagt als Person, so
soll der Mensch auf einer höheren und der höchsten Stufe des Selbstbewußtseyns als Wesen, als
ich sagen; soll die Menschheit selbst als ein Ganzes gleichsam ich sagen. Die Menschheit soll eben
so von sich selbst sagen wie der Menschensohn von sich selbst sagte: - Ich bin der Weg, die Wahrheit
und das Leben. Mir scheint es daß es dadurch erst in seine ganze Wichtigkeit trette daß sich Jesus -
der große Menschheitserzieher, wie Selbsterzieher (auch die Menschheit ist ja bestimmt als ein freyes Wesen
Selbsterzieherin sich zu werden) sich immer den Menschensohn nennt.- Die Menschheit und so jeder einzelne
Mensch als Sohn und Tochter, als Kind derselben, soll Selbsterzieher werden, durch {das Erziehungsbuch was / den Erziehungsgesang den[}] Gott /
[1R]
selbst rhytmisch, melodisch und dynamisch durch Natur, Leben und Gemüth (Gewissen rc.) schrieb. Dieß ist
es was ich oben <noch> sagen wollte. Diese drey aber sind Ein Leben. Genug wir müssen wieder un-
mittelbare
Schüler u Schülerinnen, Zöglinge Gottes werden, damit wir unmittelbar aus unserm Innern
wieder zu Ihm und von Ihm sagen können. Abba.- Lieber Vater.-
Mein Übergang nach Burgdorf noch in diesem Jahre als Leiter und Vorsteher des Waisenhauses
scheint fast entschieden.- Langethals Anstellung als Leiter und Vorsteher der Armenerziehungsan-
stalt scheint auch wenigen Zweifel unterworfen zu seyn. Es ist bey uns beyden alles fast
bis zum letzten Federstrich abgeschlossen. Auch Langethal würde dann noch in diesem Jahre nach
Burgdorf kommen.- Mir fehlt dann für Burgdorf noch eine Gehilfin meiner Frau.-
Hier will man nun auch die Sache ernstlich angreifen, endlich denkt man mit Ernst an den Bau
des Schlafsaales.- Mir wäre es lieb, wenn Ihr durch den Bilden [sc.: Blinden] von welchem mir Lange-
thal schreibt spricht, (nemlich veranlaßt durch einen Brief seines Bruders -) wenn Ihr durch diesen
Hilfe erhieltet. Könntest Du Barop wenn auch nur für einige Zeit wieder in Keilhau
entbehrlich werden es wäre gewiß für das Ganze sehr gut. Aber ich vertraue in kindlicher
Treue Gott der wird ja alles zum Besten leiten und lenken. Warum mußte ich im Leben
so schmerzliche Verluste erleiden?- Jetzt beginnt sich mein Leben dem zu nähern welches ich so lange
pflegend im Gemüthe trug nun fehlt es mir an Menschen an Gehülfen. Gott! wie selten sind doch freye
Menschen!- Und mit welch einer Sorgfalt und Aufopferung habe ich mich bemühet welche für die
Zeit des Bedürfnisses herauf zu erziehen zu pflegen. Überall fühle ich an meinem Körper statt
treuer gesunder Arme und Glieder abgehauene Stümpfe nur ein dreyfaches bleibt mir Gottvertrauen
Menschheitsliebe
, Lebenshoffnung, allein alles, auf das härteste geprüft.
He. Schäfer, der Freund Frankenbergs und Verlobter von dessen Schwester will Euch besuchen; man wagt aber
nicht einmal mehr zu sagen: - "Seht Euch den Mann an." Luise Frankenberg schlägt mir als Gehülfin meiner
Frau Schäfers Schwester vor: - aber man wagt auch nicht mehr auf das leiseste in einen solchen Vorschlag
einzugehen, denn man muß fürchten sich eine Ruthe mehr aufzubinden; so kann auch der Mensch alles Zutrauen
zum einzelnen Menschen fast verlieren welcher ihm sonst so viel vertraute.
Nach 4 Uhr. Dieser Brief sollte mit der heutigen Post an Euch abgehen, so wie auch das innliegende Zettelchen
von Titus. Da es aber durch zu große Stöhrungen, wie Ihr solche recht gut aus den vorstehend hinge-
worfenen Zeilen leicht ersehen könnt - mir unmöglich wurde diesen Brief zur rechten Zeit zu beendigen,
so behalte ich denselben ohne Mißvergnügen bis zum nächsten Posttag zurück indem nach einer frühern
Bemerkung die hier Mittwochs auf die Post gegebenen Briefe auch nicht früher bey Euch ankommen als die
welche Sonnabends von hier abgehen.- In Beziehung auf Titus Zeilen bemerke ich blos, daß dieselben
auf meine bestimmte Veranlassung geschrieben sind. Daß Titus mit einem Schweizerpaß nach dem König[-]
reich
Pohlen, oder vielleicht gar nach einer russischen Provinz reise halte ich - wie jetzt schon an und für sich die Reise sehr
gewagt. Doch wenn er mit einem Paß aus Rudolstadt und als Zögling oder Lehrer aus Keilhau rei-
sen könnte, so glaube ich möchte sich die Reise noch ausführen lassen. Wenn also dieß jetzt nicht geschehen
kann, so halte ich es für das Beste wenn die Reise bis zum Frühling unterbleibt, vielleicht auch selbst
für Johannes; doch habe ich in Beziehung auf diesen gar keine Stimme. Allein wegen Titus müssen wir hier
fest versichert seyn, daß er auf einen Paß aus Rudolstadt, unterschrieben von der Gesandtschaft in Dresden -
(:vielleicht durch die Vermittelung der Frau v. Ahlefeld oder Fr: v. Arnim welche dort Bekanntschaft hat:) -
ungehindert seine Reise von Rudolstadt aus machen kann.- Aber hat denn He. Pfeiffer, der Vater, auch
auf unsere Briefe an ihn geantwortet und zum Reisegeld für die Söhne den nöthigen Wechsel gesandt?-
Ohne dieß nun dünkt mich alles überflüssig. Schreibt hierüber mit erster Post möglichst bestimmt.-
Da ich nun noch Zeit habe, will ich Euch doch auch so klar als nur immer möglich mein Verhältnis in Burgdorf her
mittheilen. 1. Es wird mir und meiner Frau die Leitung des Waisenhauses u dessen Führung auf Rechnung der
betreffenden Kasse übertragen.- 2. Die Zahl der Zöglinge darf nicht 25 übersteigen ist sie aber an Waisen ge-
ringer so kann die Waisenhaus Direction die fehlenden als Zöglinge gegen Pensionsgeld was der Kasse
zu gute kommt in die Anstalt geben. Ich erhalte für mich einen Gehülfen u eine Gehülfin alles und
jedes frey
Selbst Möbel und an Gehalt für sie und mich 1000 Schweizerfrk ich kann die Gehülfen wählen und vorschlagen
sie die Direction hat die Bestätigung; so können sie Zöglinge vorschlagen allein mir bleibt das
Veto. Ich gebe mit meine[n] Gehülfen den Unterricht welcher möglich ist, für den übrigen muß die Direction sorgen.
Zum Hauswesen ist eine tüchtige Köchin und Hausmagd bestimmt. Meine Verabredung d.h. Verpflichtung
geht nur auf ein Jahr (weil ich dem Schicksal uns wieder zu vereinen kein Hemmniß in den Weg legen will[).]
Sollte ein Wiederholungskurs in Burgdorf mir wieder übertragen werden, so bin ich nicht Willens ihn unter /
[2]
300 bis 400 Schweizer Frk. zu geben; wogegen ich aber mich als Lehrer im Waisenhaus für die Dauer des
Kursus entbehrlich machen muß. (:Für den dießjährigen Kurs habe ich noch keine Zahlung erhalten; was
Emilie wissen kann.:) - Auch wäre es möglich daß noch von anderen Seiten in Burgdorf einige Einnahmen
kämen so z.B. von jeden Schüler welchen man meinem Unterrichte anvertrauen könnte müßten 48 Frken
jährlich bezahlt werden, dieses Geld käme mir zu Gute.- Auch die Zugskosten von hier nach Burgdorf
müssen mir bezahlt werden: Langethal wird unter fast ganz gleichen Verhältnissen als Vorsteher
und Leiter der Normalarmenerziehungsanstalt in Bättwyl (so heißt das Gut) bey Burgdorf angestellt werden
alles und jedes frey und 500 bis 600 Frken Jahrgehalt, aber er hat keine Gehülfen zu bezahlen. Ich werde vielleicht
Anfangs November, Langethal wohl später allein wie wir hoffen immer noch in diesem Jahre nach Burg-
dorf gehen; ob ich nun indem Langethal nach dem Bättwylgute geht zu demselben im Verhältnisse einer ge-
wissen Oberleitung stehen werde weiß ich nicht; allein so viel glaube und weiß ich daß wir immer
in inniger gegenseitg fördernder Wechselverknüpfung mit einander stehen werden: Schauen sich ja schon
die beyden Häuser obgleich wohl über 10 Minuten entfernt Auge in Auge d.h. man kann aus ei dem Fen-
stern des einen Hauses in die des anderen sehen; warum sollten sich nun nicht auch die beyden sie bewohnenden
Männer und Menschen Auge in Auge und so Seele in Seele sehen und handeln.-
* Lieb ist es mir nun zwar wohl daß Herr Geyer nicht früher als jetzt an mich geschrieben hat, allein ich
wollte doch lieber er hätte gar nicht an mich geschrieben sondern meinem und unserm Worte vertraut,
denn es setzt mich in so fern in Verlegenheit, als ich ihn, Herrn Geyer aus persönlicher Achtung und Dankbar[-]
keit gern persönlich schreibe und ihm ausspreche uns die Thatsachen vorlegte aus welchen er sich selbst
überzeugen könnte daß mein gegebenes Wort kein Leeres sondern ein wertvolles, reales, das heißt
durch Baarzahlungen in Cassa realisirendes seyn werde; allein jetzt darf ich es wirklich nicht thun, denn
es ist ganz unmöglich daß dieß unbekannt bleiben könnte und so würde bald jeder unserer Gläubiger an
mich schreiben, um eine solche schriftliche Versicherung von mir zu erhalten; allein dadurch würden die thörich-
ten Menschen mir nur die Kraft und Mittel schwächen mein ihnen gegebenes Wort ihnen erfüllen
zu können. Ich bitte Euch doch Herrn Geyer dieß klar zu machen; denn wenn ich nicht fürchtete dem Gan-
zen zu schaden würde ich gern einige Zeilen an ihn schreiben[.]
Außer meinem und Langethals Verhältnis zu und in Burgdorf könnt ihr ihn ja auch aussprechen, wie
überdieß die hiesige Anstalt auch noch wie bisher unter Ferdinands Leitung fortbestehen werde; und
daß dieser als treuer Sohn des Ganzen auch die Sorge des Ganzen theile und sie zu mindern sich bemühe.
Du schreibst vor einiger Zeit daß Courioni in Beziehung auf Barop gesagt habe: Barop könne ziehen
wenn er die Barren sende. Ich muß aus vielen Umständen glauben, daß es jetzt wohl von großen und
auch barem Nutzen seyn und werden könnte wenn Barop hierher nach Willisau käme, wo er ein weites
und gut geackertes Acker[-] u Saatfeld und auch besonders viel Vertrauen fände. Nun ich lege es in Gottes
Hand, ich lege es durch Euer Urtheil in Gotteshand. Ich fühle alle Schwierigkeiten die Ihr mir ihr Treuen schreibt.
Allein wie ich Euer Wort u Euere Ansicht ehre müßt Ihr mir auch erlauben die meinige zu sagen, die
meine hören.- Welchen Acker ich an den <60 / 80> Schullehrern in Burgdorf gefunden, welche Saat von mir
dort ausgestreuhet, wie unsichtbar aber gewiß unter u mit Gottes Seegen sie keimt. Jetzt beginne ich
zu ahnen zu schauen was Volksgeist ist und es hieß vox populi vox dei es ist dieß kein
lärmendes ja kaum ein hörbares Wort es ist dieß ein leben- liebe- und thatvoller Geist. Wie
mir und Langethalen, ja Langethalen ebenfalls persönlich, ein liebender vertrauender Geist in Burgdorf
und Bern entgegen kommt, so Dir Barop und auch mit Ferdinand hier im Kanton Luzern. Hoch hebt sich mein
Herz, freyer athmet meine Brust bey dem Gedanken Barop könnte in Keilhau frey werden.-
Soll ich nicht wahr gegen Euch seyn. Keilhau muß ja deßhalb wohl nicht untergehen.- Freylich
ist was Ihr mir von Leizmann schreibt ein Krebs am Herze, Ihr sagt er sey ver-liebt,
nun gut ver liebt sey[n] ist nicht liebend seyn. O! liebend seyn äußert sich ganz anders als
Ihr uns schreibt. Vor gewissen Ver-liebten fürchte ich mich wie für [sc.: vor] Gift. O wie
danke ich es Emilien daß sie Muth faßte, dadurch hat sie mir nur bewiesen daß
sie das Wesen ist, welches ich stehts in ihr achtete; ehrte; liebte: Ich muß wün-
schen daß Ihr den Dr. Leizmann entferntet, es wird Euch sonst gewiß ein Mann großes
und vieles Leides. Und Barop selbst kann Euch eher hierher kommen wenn D[r]. L[.] /
[2R]
Keilhau verlassen hat, als jetzt. Dr. Ls Betragen spricht mir eine gewisse theoretische philosophische
Anerkenntniß der Sache aus, welche recht gut mit und neben einer praktischen Lebens Nichtachtung des
Ganzen bestehen kann. Dieß ist ein Stehen der Menschen welches von jeher mein Innerstes empört hat.-
Sollte der Blinde von welchem Chrst. L. seinem Bruder geschrieben hat sich freundlich zu Euch wenden, so sehet
ob es der Mühe werth ist ihn in das Innere unseres Lebens durch Mittheilungen aus demselben einzuführen, und
beachtet ob vielleicht ein Blinder erschauet was die Sehenden nicht erspähen den Geist des Lebens, das
Leben selbst. Aber sorglich bitte ich Euch immer zu seyn - (:erinnert Euch was ich Euch wegen Dr. L. schrieb, und jetzt
bestätigt, rechtfertigt sich ganz die Empfindung welche ich hatte als Ihr mir zum erstenmale von seinem Eintritte
schriebt[)]. Überhaupt gehört dieß für meine Person zu den wichtigstens Lebenserfahrungen, daß sich mir später oft nach
vielen Jahren der Eindruck, das Gefühl rechtfertigt, welches ich beym erstmaligen Aussprechen von deren Namen unwillkührlich empfinde.
- Im Augenblick meiner Abreise von Burgdorf habe ich an den dortigen Buchhändler Langlois
zwey kleine liebe Schriftchen "Blicke in die erste Entfaltung des Kindeslebens für zärtliche Mütter rc." zur Be-
sorgung an Euch abgegeben nebst einigen anderen; in 6. Wochen hoffe ich daß es bey Euch seyn kann. Du
Middendorff und Du Barop empfanget es von mir zu Euren Geburts[-] und Lebensfesten. Ihr könnt darinne Blicke
und Winke zu manchen höheren Lebens Geburten finden. Auch ich habe sie darinn gefunden. Ich möchte das Schriftchen
nur mit Euch und Euren lieben Frauen lesen, möchtet Ihr alle darinn meine Liebe zu Euch und Euern Kindern finden.
Hätte ich Zeit so wollte ich Euch beyden und Euern Familien wohl etwas zu Euern Lebensfesten niederschreiben,
aber woher die Zeit nehmen. Künftigen Dienstag und Mittwoch den 23 u 24 ist hier Prüfung. Als Wirkung des
Normalkursus in Burgdorf hat das Erz. Dep. 4 jungen Schullehrern, tüchtigen Männern, erlaubt auf
Staatskosten noch bis zu Martini mit mir nach Willisau zu gehen um mit Ihnen das in Burgdorf
Angefangene möglichst zu vollenden, so habe ich nun für 9 junge Schullehrer auf zwey verschiedenen
Stufen zu sorgen eine Aufgabe die jede meiner Kräfte in Anspruch nimmt. Zu diesen haben sich sogar gestern
noch welche gemeldet aus dem Bernschen nämlich welche nur zulosse (zu hören) wollen. Daraus könnt Ihr
nun wohl begreifen daß ich oft in meinen Freystunden sehr geistesmüde bin und müßt es mir gar
nicht übel deuten wenn ich Euch meine herzinnige und seelenvolle Theilnahme an Euern Lebensfesten nur ganz
einfach mit meinen besten wärmsten Wünschen für Euer einiges Gesammtwohl als Ausdruck meines
Lebensbandes mit Euch ausspreche. Gottesliebe schenke Euch das Schönste, das Liebste, das Beste, also das
Bleibendste.--- Mein Leben und Wirken gehört Eure, Euren Familien, Euren Kindern, was könnte
ich Euch noch mehr geben; möchte Euch allen es nur verständlich seyn und werden, verständlich in seinen Grund
wie in seinem Ziele und Zwecke.- Könnte ich Euch den oben ausgesprochenen Lebensgedanken zu Euren Lebens[-]
festen deuten und klären, so hätte ich Euch und Euern Kindern das Höchste gegeben, was ich Euch geben könnte, das Ziel
und die Einheit meines Strebens: das Finden und Schauen, das Leben eines Himmels- eines Engelslebens schon auf der Erde.

Am 18en Septbr. Ihr werdet gewiß leicht finden, daß ich das Vorstehende unter großen inneren und äußeren Stöhrungen
niedergeschrieben habe. Es thut mir dieß von einer Seite sehr leid, denn der jetzige LebensMoment ist so wichtig daß ich ihn gern
gemeinsam mit Euch scharf und eng ins Auge gefaßt hätte; doch hoffe ich daß Euch eben die hohe Wichtigkeit der jetzigen Zeit
und Verhältnisse für unser ganzes Leben, für jetzt und für die Zukunft hervorgehen werde aus dieser Gestalt dieses
Briefes. Ich bitte Euch das Leben mit mir in seiner allseitigen Wichtigkeit zu betrachten, besonders ersuche ich Dich mein
lieber theurer Bruder, Vater und Großvater lieber, edler braver Menschen u Kinder darum uns mit dem ganzen Reichthum
Deiner Lebenserfahrungen, und Deinem festen Lebensblick der auch im Äußern die Pflege des Innern, die Fortentwickelung des Innern
sorgsam im Auge hat. Gott scheint uns jetzt einen für den großen Umfang unserer Lebensverhältnisse und Lebensver-
knüpfungen selten und großartigen Lebensaugenblick zu wieder zu schenken, wo wir auch unserm äußeren Leben
als einem irdischen Leben einen sichern Grund, einen so sichern Grund geben können, als sich überhaupt in irdischen
Verhältnissen dem Leben und in der jetzigen Wechselvollen Zeit ein sicherer Grund geben läßt. Erkenne Deine
Stellung mein lieber Bruder mit Deiner treuen Gattin, daß Du mit ihr in einem Kreise Dir vertrauenden Menschen
stehest; auch ich vertraue Dir, mein Bruder! Aber überzeuge Dich auch daß ich Euer allergesammtWohl als ein
Großes Gesammtganzes in der Gegenwart und sich zur Vollkommenheit fortentwickelnd in alle Zukunft will.
Ich wünsche und strebe daß sich eine weit höherer Abrahamischer Geist in unserm Leben frey mache ein höherer Patriar-
chaler Geist in Einigkeit mit Gott, Natur und Menschen in Euren einigen Gottinnigen sich durch Schaffen u Thun wie
das Wesen Gottes kundthuenden Leben[s]. Allein nicht, wie dort mit Ausschließung sondern mit Einschließung aller Gleichstrebenden pp.- Laß uns dazu Hand, Herz, Kopf und Leben einigen.- Also laßt
uns sehen
Ich will keine Trennung als solche, ich muß Einigung durch Trennung wollen, weil es so Gottes Gesetz ist. /
[3]
Die Knospe trennt sich um zu blühen und Früchte zu bringen; der Ackersmann trennt den Acker damit er sich
mit der Lebenskraft der Sonne einige um 10 und 50 fältig das Saamenkorn wieder zu geben was der
Säemann ihm vertrauete.- Also laßt uns sehen wie wir Keilhau erhalten und doch das Ganze pflegen und
fördern können.- Nur in einem größeren wenn auch sonst geeinten Ganzen kann der Einzelne sich wahrhaft ge-
sichert und frey bewegen, nur in einem durch gegenseitges und Selbstverständniß geeinten Ganzen, diese Wahrheit
werdet Ihr alle hoffe ich mit mir E einsehen. Mein und unser aller Leben strebt längst nach einem solchen durch
freye Geisteswirkung geeinten und einigem Ganzen. Lasset uns als freye bewußte Menschen diesem ich möchte sagen
natürlichen, nothwendigen Streben mit Bewusstseyn und Einsicht pflegend entgegen kommen.- Ich habe Euch oben und
schon oft von einem gewissen Schäfer und jetzt auch von seinen Schwestern gesprochen. Du Bruder wirst wohl kaum
die Familie kennen; sie ist in Goslar zu Hause.- Nun fällt mir so eben ein: Ihr macht häufig in den Herbstferien
eine kleine Reise, wie wäre es wenn Du Barop mit den Größeren eine Reise nach dem Harze mach-
test?- Im eigenen Hause soll man den Menschen am schnellsten und sichersten kennen lernen.- Ihr sehet wenigstens aus
der Mittheilung auch dieses Gedankens, daß ich unsere Lebensverhältnisse und Lebensverbindungen nach allen Sei-
ten hin pflegend in mir trage und daß ich wünschte der Geist unseres Lebens möchte sich entfalten und unser äußeres
Leben auch immer mehr sicher stellen; darum wünschte ich klar einmal daß ein Jeder, der in eine unserer ferne[-]
ren Erziehungsanstalten eintreten einige Zeit (so z.B. auch vielleicht Schäfer oder Schäfers Schwester) bey Euch in Keilhau
gelebt hätte. (Freylich müßtet Ihr die Menschen etwas schärfer erfassen als Du Middendorff den jungen v. R- welchem
die Rudolstädter Erziehung nur leider gar zu stark ihr Siegel aufgedrückt hat.- Schwäche, Middendorff! Schwäche ist
keine Güte und Verweichlichung keine Zartheit und keine Bildsamkeit; im Gegentheil sind solche Naturen schwierig
zu einer gediegenen Bildung zu erheben.- Dann z wünsche ich zweytens daß die Gesammtmittel und äußeren Früchte
unseres Wirkens auch unserm Gesamtkreise zu gute kommen mögen und dieß umso mehr als dadurch nach jeder
Seite hin der Geist unseres Lebens zugleich sich verbreiten könne (darum wünsche ich z.B. daß wir unsere Ge-
sammtverhältnisse in der Schweiz auch in Beziehung auf unsere ökonomische Lage in Keilhau ins Auge fassen möchten,[)]
Alles läuft also darauf Hinaus ob Ihr in Keilhau jetzt wirklich einen jährlichen Überschuß in der Einnahme
habt wodurch die Gesammtlast von Keilhau sey es auch noch so gering - gemindert wird. Da nun Keilhau
schon, was gleich auf planer Hand liegt aus seinen Kräften eine so bedeutende Zinseslast trägt, sowäre
freylich zu wünschen daß man Keilhau unverkürzt in seiner Jahreseinnahme lasse dagegen auch die Ja
Gesammtjahreseinnahme in der Schweiz in Willisau und Burgdorf erhöhe.- Die allgemeinen Entwicklungen
und die Entwickelungen zu im Einzelnen geben uns dazu vielleicht auch Zeit und Raum z. braucht z.B. Langethal
vielleicht nicht so gar bald nach Burgdorf zu gehen und hier höre ich durch Langethal mit Bestimmtheit, daß nun
der Schlafsaal wirklich u gut hier gebauet werden soll. Wenn wir rein und treu im ächten Geist der Menschheits[-]
Entwickelung und für das Ziel derselben wirken und handeln müssen sich nothwendig in allen Punkten für unser
Wirken die Lebensverhältnisse günstig und förderlich entwickeln. Lasset uns nur in Gesamtheit in Einigkeit und
Treue mit Muth und Ausdauer bey klarer Durchdringung und mit möglichst vollstem Bewußtseyn, Durchblick, und
Überblick und Allthätigkeit handeln. Durch diesen Gegensatz des Zeitgeistes werden wir im Zeitenkampfe
bestehen. Gott sey mit Uns mit Euch und mir, denn Gott ist die Einheit der Friede, die Liebe, Treue und That, er ist
Alles in Allem, und durch ihn ist Alles.---
Einen Gedanken muß ich Euch doch noch aussprechen, der im Laufe dieser Mittheilung sich schon gar manchmal
hervordrängte und so wieder durch die Menge der Begebenheiten zurückgedrängt wurde: - Bey aller
Wirksamkeit für Menschen und Familien Bildung und Erziehung für Menschen und Familien Wohl und
Glückseeligkeit muß man ganz besonders die Zukunft im Auge haben: der Saamen zu Menschenwohl
und bleibenden Familien Glück will Menschenalter haben ehe er wieder blühet und dann steigernd
immer edlere Früchte bringt schaut in die Geschichte. Mann darf schlechterdings von der Gegenwart
nicht fordern, was die Gegenwart nicht leisten kann: Alle Wirksamkeit für Familien und Menschheits
Glück ist eine Verheißung welche treu und sorglich gepflegt werden muß und sich durch Familien und
Geschlechter zu Familien u Geschlechtern zieht - die höchste Menschheitverheißung ist - Menschenerziehung.

Willisau am 20en Septbr: 34. Vor einigen Stunden habe ich Eure beyden Briefsendungen mit dem Postz.
Rudolst den 10en und 13en Septbr zugleich über Burgdorf hier erhalten, nemlich die mancherley Brief-
lichen und Lebensmittheilungen von Dir Middendorff und die Briefe von Dir Emilie und Dir Barop. Wie innig
freue ich mich der Nachrichten von Euerm Johannes und Eures Wilhelms. Die Pflege ununterbrochener sinniger
beachtender, schaffender Thätigkeit ist gewiß der Grund reiner, ächter Menschenerziehung.- Hier in
der Anstalt ist jetzt ein sehr lieber sechsjähriger Knabe Raimonde - ein kleiner Italiener. Ich habe
diesen Knaben, welcher nur Italienisch spricht allein das Deutsche mit Schnelligkeit und Lebhaftigkeit erfaßt, /
[3R]
recht oft zu Euch gewünscht, durch seine Sinnigkeit, Geschmeidigkeit und Gewandtheit, durch seine ununterbroche[-]
ne Thätigkeit, die Schnelligkeit seiner Fassungskraft müßte er ein herrlicher Genosse von Eurem Wilhelm
seyn. Gestern sagte er italienisch: er wollte die ganze Erde (tutte la terre) aushölen; mit Hacke
und Spaten nemlich. Stände es in meinem Wille[n]: ehe 4 Wochen vergiengen, hättet Ihr den Knaben.
Mich dünkt überhaupt, und Ihr müßt es recht wohl überlegen - ich gehe hiermit zugleich auf den
Inhalt Eurer heute erhaltenen Briefe und diesen hier vorliegenden ein - Keilhau sollte sich in seiner
Erziehungswirksamkeit beschränken. Seine Grenze sollte das eben beginnende Jünglingsalter für die
Zukunft werden. Hierzu würdet Ihr nach und nach alle Mittel zur vollkommenen Erfüllung dieser For-
derungen in Euch einigen. Zweydeutige Hilfsmittel würdet Ihr dadurch von Euch zu entfernen im Stande
seyn und selbst dem Barop würdet Ihr - wie mich dünkt - einen passenderen allgemeineren Wirkungskreis
anweisen können. In der Schweiz ist ein Volksgeist zu pflegen (nicht der redende laute sondern ein stiller ihnen selbst unbekannter) zu pflegen. Wo in Deutschland? Dieß dünkt mich besonders wenn der junge blinde Triest (von welchem Chrstin. Lgthl.
ganz Vorzügliches an seinen Bruder schreibt) in Euern Kreis einträte. Ich bitte hütet Euch für philosophischer
philologischer und gelehrter Accomodation besonders nach einem bestimmten Ort.- Wenn ich bey meinem
Frühstücke gleichsam runde Lebenskugeln in der Mitte meines Trin[k]gefäßes entsteigen sehe, und be[-]
merke, wie sie von dem Rande, dem Festen, dem Bestehenden dann angezogen werden
verzehrt werden und verschwinden, so fürchte ich immer ein Bild unseres Wirkens
und namentlich Keilhaus zu finden. Ich fange an für die Früchte und das Bestehen
meines und unseres Wirkens mehr besorgter und mit dem Wirken selbst unzufrie[-]
dener zu werden wenn das Bestehende und Hergebrachte mit demselben und mir zu-
frieden ist.-
Professor Schulz Erhebung des Volkes, des Lebens, besonders des Land- und Ackerbaues, durch
das Leben in der classischen und namentlich griechischen Literatur klingt recht schön und
schein' recht wahr.- Aber ich frage ganz einfach: Woher haben denn die Griechen ihre
Bildung erhalten welche wir die classische nennen?- Ich meyne und denke aus sich
selbst, nun gut! so laßt uns und unser Kinder und Nachkommen auch in sich selbst
steigen daß sie reines, einfaches, naturgemäßes Gott menschenwürdiges
Leben aus sich hervorbringen, also lieber Selbstgestaltung als Ab- und Nachgestal-
tung. Ich und wir fordern der Mensch soll in Übereinstimmung mit Gegenwart, Vergangen-
heit u Zukunft erzogen werden. Da soll uns denn durch die Geschichte, durch Dichtung und Leben
das classische Alterthum auch seine R reifen Früchte reichen. Aber laßt unsere Kinder und
Jünglinge dadurch daß sie ähnliche Früchte in ihrem Leben erzeugten, jene Früchte erst würdigen. Macht
daß sie für das classische Leben einen Maaßstab in sich finden. Aber weiter und wichtiger
noch - was hilft das Wecken eines klassischen Lebens u des Strebens es auch darzustellen
wenn die Gesammtlebensumstände uns hindern es darzustellen. Ich weiß - ich trug
von meinem frühesten Leben ein reines Menschenleben - das Streben nach Dar-
stellung eines so genannt classischen Lebens in mir (Barop ist ja auch wie Du ein Zögling
der classischen Bildung) - was konnte das mir und uns helfen. Könnten wir es im Leben
kann ich es nach Jahrzehnten eines bewußten bestimmten Lebenskampfes darstellen[?]
Doch die Herrn Geschichtsforscher sind schlechte Geschichtskenner und die Herrn Philosophen schlechte
Lebensweise: Wo führt die fortschreitende geistige Entwicklung uns je in der Geschichte
dieselbe Erscheinung 2 mal vor. Wie die Griechen die Aufgabe hatten Griechen- die Ebrä[-]
er u Juden oder Israeliten, Ebräer, Juden und Israeliten zu werden, so sollen wir
Deutsche werden und damit Punktum! Was hilft es für griechisches Leben und dessen
Darstellung ergriffen zu werden, wir leben nicht in Griechischen Umgebungen und mühen uns umsonst ab sie
darzustellen; - Was hilft es uns für hebräisches und morgenländisches Leben zu erregen wir
leben nicht in hebräischen u morgenländischen Umgebungen und machen uns und ander damit, todt sie her-
bey zuführen und überschauen, verliehren und vergeuten darüber was, wir haben. Auf! laßt nur
uns und unsere Umgebung, unsere Sprache, unsere Zeit, unser Land und unsere Natur laßt uns uns
selbst erfassen geworden durch die Vergangenheit, seyend in der Gegenwart und werdend für die Zukunft
daß wir endlich werden was wir Alle werden sollen - Menschen! - Hütet Euch für Schmeicheley unter
der Maske des Anerkenntnisses und der Pflege. Schmeichelt anderen nicht und laßt Euch nicht schmeicheln, schmei[-]
chelt Euch und uns selbst nicht. Laßt meine Lebensäußerungen, in so fern sie persönlich sind, laßt meine Person sinken
uns zurück treten, aber haltet meine Grundsätze mein Lebensziel fest. Recht Verliehrt nicht die Zeit mich zu recht- /
[4]
fertigen; aber rechtfertiget meine Empfindung, Gefühle, Gedanken, Handlungen, Streben dadurch daß Ihr
sie zur Vollkommenheit führt. Vergeßt nicht! was hatte ich in Euern verschiedenen Altern für Ver[-]
hältnisse, für Umgebung und was habt Ihr jetzt in meinen verschiedenen Altern für Verhältnisse
Umgebungen für Hülfsmittel, Vorarbeiten rc. Arbeitet daß die Thatsachen erscheinen, lasset die
Blüthen und den Duft schwinden auch wenn die Früchte erst grün unscheinbar u sauer u Herb sind.- Seht jetzt
die Bäume voll rothwangiger, gewürzig duftender, süß und lieblich, erfrischend schmeckender, reifer
Früchte. Lasset so reichlich und reif einst die Menschen von unsern Lebensbäumen sammeln, daß das
1834 auch in der höchsten menschlichen Beziehung ein fruchtreiches - gesegnetes Jahr sey.-
Da sich nun spätestens in 14 Tagen hier alles so wohl in Beziehung auf Burgdorf als Willisau entscheiden
muß so werdet Ihr so schnell als nur möglich darüber Kunde von hier erhalten.- Wie macht sich Johannes
Pfeiffer
im Ganzen; wenn es, wie es scheint die Fügung wollte, daß jetzt noch nichts aus seiner Heimreise würde,
so ist es mir wichtig, sehr wichtig dies zu wissen.
Über das Examen in Burgdorf erhalte ich so eben von einem meiner Mitarbeiter d. He. Pfarrer
Bitzius
in Lützelflühe d.d. 16' Septbr. folgendes: "Über unser Examen werden die wunderlichsten
"Urtheile gefällt. Das Departement ist, wie mir schien, sehr wohl zufrieden und das ist die Hauptsache;
"auch das Publikum war großentheils erbauet. Nur einige Pädagogen trieben wüsten Lärm und
"sagten allerley Dinge uns das will im Grunde am wenigsten sagen, was zwar sonderbar klingt <denn>
"denn man sollte glauben ihr Urtheil wäre das kompetenteste. Allein gerad umgekehrt. Es
"werden die Pädagogen (auch Philologen) gar zu gern zu kleinen Herrgöttlein, und halten sich für
"die sichtbar gewordene allein seeligmachende Wahrheit, und was nicht von ihnen ausgeht für
"Tand oder Lüge und wer nicht zu ihnen schwört für einen Lümmel oder Marktschreyer. Mich wun[-]
"dert daß in den gestrigen B. Zeitungen kein Wort über das Examen stund: ich erwarte Lärm
"habe aber auch tüchtige Rückfuhr gerüstet: u.s.w. "Bitzius".- Die inliegenden 4 Briefe werdet Ihr
besorgen.- Herzinnige Grüße Euch allen und Dank für die heut erhaltenen Briefe. Viel Freude zum
lieben Michaelisfeste von Euerm FriedrichFröbel. /

[4R]
Lieber Middendorff. Mannichmal schreibst Du daß es kaum zu lesen ist und oft Dunkelheiten
dadurch entstehen.- Daß Ihr mir den Abgang der Bücher nicht angezeigt habt; das hätte gar
nichts zu sagen, wenn Ihr sie nur nicht mit Ernestinens Sache verpackt sondern vielmehr
nach meinen bestimmten Wunsche unmittelbar nach Burgdorf gesendet hättet so wären sie wie ich richtig berechnete auch zur rechten Zeit angekommen.- Nun jetzt ist
es wie es ist, aber sonst bitte ich bey meinem Wandelleben ja solche Bestimmungen streng zu beachten. /
[4V]
[Adresse]
     Herrn
Herrn Wilhelm Middendorff,
       in
       Keilhau
bei Rudolstadt in Thüringen